Wörterbuchnetz
Pfälzisches Wörterbuch 
 
dürr bis dürren (Bd. 2, Sp. 682 bis 686)
 
   dürr Adj.:
1. 'ganz trocken, vertrocknet, verdorrt', rr [fast allg.], darr [LA-Birkw BZ-Dernb (neben rr) GH-Nd'lustdt], durr [lothr SWPf (Nachlaß Keiper)]; vgl. PfWB trocken 1. Einzelangaben (phon.) aus Ortsmonographien: r [ KU-Kaulb Rothsbg Dietschw], däÄ [ KL-Lind Kaislt], dęÄ [Pirmas], där [ Gal-Dornf Buch-Illisch]. —
a. von Pflanzen, verstärkt in PfWB gipfel-, PfWB krach-, PfWB krumm-, PfWB luft-, PfWB rappel-, PfWB zaun-, PfWB zopfdürr.
α. 's Haai is d. 'durch und durch trocken' [ LU-Alsh, allg.]; Haai d. mache 'trocknen' [ BZ-Nd'ottb, KU-Heinzhs PS-Schmalbg]; därrer Klee 'Kleeheu' [ LA-Gommh BZ-Gossw GH-Nd'lustdt]; därres Fuder 'Trockenfutter' [ BZ-Stein]; vgl. PfWB Dörrfutter. a. 1679: auf den Über Rheinischen Wiesen zu mehen und dürre zu machen [GgHospR]. —
β. därres Holz 'dürres, abgestorbenes Holz an Bäumen und Sträuchern' [verbr.]. 's därr Holz is ganz sprock 'brüchig' [ KU-Schmittw/O]. De Baam is d. worr 'verdorrt' [ ZW-Battw, allg.]. RA.: Er sitzt uf'me derre Ascht 'vertritt eine aussichtslose Sache' [Krieger 14]. Das setzt sich uf e därre Nascht, von einem Mädchen, das einen Mann ohne gesicherte Existenz heiratet [verbr. Don Gal Buch]. a. 1547: Vonn Alters ist je vnnd allwegen gewesen vnnd noch, vff der vier herrn wäld Eckern, waidgang, dhurr vnnd daub holtz, windfell vnnd Bawholz zu suchen [ZweibrOABannb. 49]. —
b. von Früchten; derre Beere 'getrocknete Birnen' [Wilde 19 (Alsenztal)], vgl. PfWB Dörrbirne; därre Buhne 'reife Bohnen' (im Gegensatz zu grünen B.) [ PS-Erfw, LA-Gommh]; därre Quetsche 'gedörrte Zwetschen' [verbr.], vgl. PfWB Dörrquetsche; darre Schnitze 'getrocknete Apfelstücke' [ BZ-Dernb], dafür meist einfach Schnitze. a. 1488: 21 Malter guten dorren Korns [NUrkKG Nr. 360 (KB-Otth)]. —
c. von Fleischwaren; därrer Speck 'Räucherspeck' [ KU-Diedk Bedb]. VR.: Ich hon beim Häwner (Häfner) e Dippche kääft, for drin se koche Flääsch un därre Knoche [ KU-Nerzw]. a. 1444: daby eyer, etwan grune etwan dorre fisch [ZweibrLuRb., Bl. 36]. a. 1509: ein iglich imbs ein gemuse, grune oder dorre fleisch [SSp., Streit zwischen Dechant und Konvent von Hornbach]. a. 1761: An dörr gerauchtes Schweinenfleisch hatt jedes deren Kinder 4 Pfd. Fleisch dem Vatter alljährlich zu geben [LeinGbl. 1911, S. 77]. 18. Jh.: der ist dem Schultheis ein dirn 'mageres' Best-

[Bd. 2, Sp. 683]
haupt schuldig [Knapp 116]. —
d. sonstiger Gebrauch: därrer Dreck 'getrockneter Schmutz am Leib der Kuh' [ PS-Burgalb]; en därri Hand 'welke, schrundige Hand' [ LU-Alsh]; e därri Wiss 'trockene Wiese' [ RO-Alsbr Schiersf]. RA.: Er hot mer die därre Daa (Tage) angedoon 'hat mich gequält' [Ingb]. BR.: Därrer April is net 's Bauers Will [ LU-Alsh]. —
2. 'sehr mager', von Mensch und Tier; därre Bään (Beine), Äärm (Arme) [allg.]. Er is d. wie e Schneider [ NW-Hardbg], wie e Gääß [KU-Diedk, verbr.], wie e Windhund [ KU-Schmittw/O], wie e Hering [ NW-Kallstdt, RO-Dielkch LU-Opp], wie e Reche [ KL-Hirschhn BZ-Lug], d. as 'n Holzbock [Fogel Prov. Penns Nr. 243]. Das is e därrer Meeges (s. PfWB Meckes 'Ziegenbock') [ KU-Trahw], e därres Gesteck 'hageres Frauenzimmer' [verbr. NWPf], e därrer Hund [ KU-Schmittw/O], e därri Gääß [KB-Kerzh, verbr.]. Nix schleht (schlägt) an an so'me Därre! [Christmann Grummet 49]. RA.: Er is so d., daß er e Gääß zwische de Herner kisse kann [LU-Limbghf, verbr.], daß mer'm 's Vatterunser dorch die Backe blose kann, un do bleibt noch kaan Buchstawe hänge [ KU-Reichsth]. Der Gaul is so d., daß mer'm die Kapp uf die Hift (Hüfte) hänge kann [ KL-Fischb, KU-Hundh], daß'r kracht (wie dürres Holz) [ KU-Schmittw/O], daß er brennt [KU-Hinzw, verbr.]. Uf'm därre Schimmel reire 'auf einer Holzstange reiten', z. B. auf der Langwied oder auf dem Wiesbaum [ KL-Fischb]; ääne uf de derre Gaul setze 'auf einem Stecken reiten lassen, den man dem Ahnungslosen zwischen den Beinen hindurchgesteckt hat' [Kühn Palz 124]. Die Kuh is so d., daß die Knoche rapple [ HB-Kirrbg]; vgl. PfWB rappeldürr. SprW.: Die därre Kih gewwen die mehrscht Millich [ KL-Alsbn]. Zs. PfWB schwarz-, PfWB spinnendürr. —
3. 'reif', vom Getreide. De Weez (Weizen) is d. [ FR-O'sülz, RO-Schiersf Würzw Falkst KB-Morschh Weitw Zell FR-Höning]. Wann 's Korn d. is, werd's gebunn [ KU-Schmittw/O]. —
4. 'kahl'. Er hot e därrerGippel (s. PfWB Gipfel 'Kopf') [ FR-Bockh]; vgl. PfWB gipfeldürr. Volksgl.: Wann's dunnert in de därre Wald, sterbt jung un alt [Fogel Beliefs Penns Nr. 559]; vgl. die Var. bei blutt, donnern. Südhess. I 1899 ff.; RhWB Rhein. I 1583 ff.; Saarbr. 53; LothWB Lothr. 114; ElsWB Els. II 710; Bad. I 614.
 
  
Tür-rahmen m.: wie schd., Deerrahme (-rmə) [ KB-Kriegsf NW-Kallstdt]; vgl. PfWB Türgestell. Südhess. I 1902; Bad. I 614.
 
 
turraksen s. PfWB sturraksen.
 
  
Dürr-arsch m.:
1. 'großer, hagerer Mensch', rrarsch [ KB-Kriegsf]; 'abgemagerter Mensch' [ LU-Opp KL-Weltb]; vgl. PfWB Dörrfleischreisender, PfWB Dürrleber, PfWB -meckes. —
2. 'mageres, nach hinten schmal werdendes Rind' [KU-O'staufb]; vgl. PfWB Dörrenbach 2. — Südhess. I 1903; RhWB Rhein. I 1586.

[Bd. 2, Sp. 684]

 
   dürr-arschig Adj.: 'dürr, mager', rraarschich [ KL-Lind Hoheck PS-Burgalb O'simt]. Schimpfw.: rraarschicher Hund, -schichi Rehgääß (Rehgeiß) [ebd.]; vgl. PfWB dürrbeinig. — Zu PfWB Dürrarsch. — Südhess. I 1903.
 
  
Turraß m.:
1. 'übermütiges, ausgelassenes Kind', Duraß (ˈduras) [ NW-Gimmdg Haßl Spey BZ-Steinf Nd'ottb Kapswey]; vgl. PfWB Wildfang. —
2. Durasse, Pl. 'lärmende Kinderschar' [ LA-Böbing]. Syn. s. PfWB Schreihals. — Herkunft? Vgl. das gleichbedeutende Hurraß. RhWB Rhein. VIII 1490 Turres.
 
  
dürr-bäckig Adj.: 'hohlwangig', Er isch so därrbäckich, daß er e Gääß zwische de Härner kisse oder aus'm Fuhrglääs (Fuhrgeleise 'Radspur') Wasser saufe kann [ LU-Neuhf]; vgl. PfWB dürrmaulig. — -beinig Adj.: 'mit dürren Beinen', -bäänich [ KU-Hundh LA-Birkw]. Subst.: de Därrbäänich [ KL-Reichb]; vgl. PfWB dürrarschig. Südhess. I 1903.
 
  
Dürre f.:
1. 'Vorrichtung zum Trocknen, Darre'.
a. 'Anlage zum Trocknen von Holz auf offenem Feuer', rr [ NW-Frankeck]; 'Trockenraum neben dem Herd' [Pirmas]. —
b. 'Stange über dem Herd zum Trocknen von Wäsche und Kleidungsstücken' [ RO-Börrstdt]. Syn. s. PfWB Ofenstange. —
c.
α. 'Gerüst zum Aufbewahren von Trockenobst' [ BZ-Dierb]. —
β. 'Gestell zum Trocknen von Obst', s. Hutzel-, Quetschendürre. —
γ. 'Malzdarre in der Bierbrauerei'. a. 1588: Stain zu Machung vnd erweiterung der dhör zu dem Maltz [WerschwSchR]. a. 1588: von einem Legell (s. PfWB Logel 'Tragebütte') ... darin der Bierbreuer die frucht vff die Dhörr tregt [ebd.]. —
2.
a. 'trockene, schuppige Hauterkrankung im Gesicht, Hautflechte', rr, Pl. Därre [gesamte Pfalz ohne Nordteil u. Grenzstreifen im Süden der NPf], Darr, Pl. Darre [KU-Krottb Cronbg Nd'staufb LU-Altr LA-Birkw Herxh GH-Knitth Otth Heeger Vhk. 110], zur Verbr. s. K. 108. Syn.: Dürreiß(en), PfWB Dürreweg, PfWB Flechte, PfWB Freisam, PfWB Geriß, PfWB Gezittereiß, PfWB Winddürre, PfWB Zitter, Zittereißen. Er hot e D. im Gesicht [RO-Odh, verbr.]; häufiger: Därre em Gesicht [KB-Albish, verbr.]. Heilmittel gegen die D.: Fensterschweiß [ KL-Weilb], Jauche [ ZW-Battw LU-Limbghf], Wurstfett [ KU-Ulm], Reiben mit einer Speckschwarte, die danach unter der Dachtraufe vergraben wird. (vgl. PfWB Dachtraufe 1). Man unterscheidet die trockene D., auch PfWB Winddürre genannt, von der nassen oder lebendigen D. (lewendichi D.), die eiterig ist, und von der vom Vieh übertragenen Viehdürre.
b. 'rissige Haut auf den Lippen, bes. nach Fieber'. Er hot Därre [ NW-Neidfs Wachh Geinsh]; vgl. PfWB Dürrenmaul. — Südhess. I 1591 Dorre, 1903 Dürre; RhWB Rhein. I 1273 Därre; 1587 Dürre; ElsWB Els. II 707; Bad. I 510/11, 614/15.

[Bd. 2, Sp. 685]

 
   Dürr-eiß(en) m.: = PfWB Dürre 2 a, Därrees, Pl. Därreese (ˈdärēsə) [verbr. nördl. NPf KL-Nanzdzw PS-Geisbg, s. K. 108], Därres (?) [ RO-Schmalfhf], Därrese [RO-Münstapp]; das Wort wird meist im Pl. gebraucht. Man heilt die D. durch Einreiben mit süßem Rahm [ KB-Kriegsf]. — Das Grundw. gehört zu mhd. eiʒ 'Geschwür', vgl. DWB DWb. III 382; D. urspr. also 'trockenes Geschwür'. Der Stammvokal -ē- im Grundw. bewahrt für die östl. NPf (wie für Rheinhessen, vgl. Südhess. I 1903/04) den älteren Lautstand von mhd. ei, vgl. H. Schwitzgebel, Kanzleisprache und Mundart in Ingelheim im ausgehenden Mittelalter (Mainzer Dissertation, Kaiserslautern

[Bd. 2, Sp. 686]
1958), S. 36 ff. Im Simplex entwickelte sich der Vokal in der NPf weiter zu -ā-, vgl. Eiß(en). Diese Entwicklung unterblieb im Kompos. offenbar deshalb, weil der hier im Tonschatten stehende Vokal weder quantitativ noch qualitativ mit -ē- ganz identisch war. — Südhess. I 1903/04; Rhein. I 1273 Z. 6.
 
 
dürren, durren s. PfWB dörren.