| Netz-Navigator | ||||||||||||||||
| PfWB Spiegel (Bd. 6, Sp. 268) | DWB stirn (Bd. 18, Sp. 3181) | |||||||||||||||
1. a. 'glatte Fläche mit Reflexionsschicht, in der man sich selbst betrachten kann', Spiel, Spie'el (bīl, bīəl, biəl) [verbr. NPf NWPf (nördlich einer Linie KU-Dunzw KL-Hütschhs Schallodb KL-N'hemsb FR-Ebertsh Albsh Bockh), Christmann Kaulb 88 Mang 137 Müller Dietschw 61 PfId. 135 Krämer Gal 202], Spiggel (bigəl, biγəl) [mancherorts nördl. VPf PS-Hilst Vinn NW-Iggb Speybn GH-Zeisk, Bertram § 203], Spichel (biχəl) [verbr. mittl. und südl. WPf mittl. und südl. VPf mancherorts nördl. VPf, Heeger Südostpf. 18 [Bd. 6, Sp. 269] Höh 93 Glass 110 Schmitt Billh. 31 Schandein Ged. 249], Spischel (biəl) [(neben Spichel) mancherorts mittl. VPf mittl. WPf SWPf, Schneckenburger 32, 59], Spijjel [NW-Kallstdt, NW-Appth Niedkch (Bertram § 201), Lambert Penns 139], Spiechel (bīχəl) [vereinzelt SPf, Damm Schoggelgaul 55]; ein Vergleich unseres um 1930 gesammelten Materials mit der Karte 4 in Herrgen Koronalisierung 88 (um 1980) zeigt, daß das Gebiet mit g-Schwund im Norden weitgehend unverändert geblieben ist; häufiger sind bei Herrgen jedoch die palatalisierten und koronalisierten Formen im übrigen Gebiet sowie die Meldungen mit spirantisiertem g im Südteil der Pf; Pl. wie Sg. [verbr.], Spischele [Hussong Kirkel 19]; Dim. Sg. Spielche, Spiggelche, Spichelche, Spischelsche [Verbr. wie Sg.], Pl. -cher [WPf NOPf], -lich [vereinzelt SOPf], -le [vereinzelt SPf östl. VPf]; Zs.: Erd-, PfWB Hand-, PfWB Rasier-, PfWB Wandspiegel. De Sp. laaft an 'beschlägt' [ LU-Alsh]. De Sp. hot Glanz [ RO-Duchr]. Guck nit in de Spichel [Kraus Putscheblum 58]. Ich wäsch mich grindlich, mol (male) vor m'Spichel / die Auedeckle, s'Schnißje an [Kraus Putscheblum 6]. Im Spiggel war dann bei der Pann / Nadürlich noch e Gans gestann [Kühn Kumödi 83]. RA.: ebbes hinner (an) de Sp. stecke 'sich etwas aufheben, merken, öffentlich machen' [NW-Haardt, mancherorts, Kröher Lyoner 133]; so glatt wie e Sp. 'sehr glatt, glänzend' [ZW-Battw, mancherorts Fogel Prov. Penns Nr. 1581]; glänze wie e Sp. 'sehr glänzen' [ ZW-Bechhf]. Volksgl.: Wammern Spiggel ferbrecht, gebt's en Leicht (Beerdigung), en Hochzich [Fogel Beliefs Penns Nr. 514, 327]. Mer soll en Kind net in der Spiggel gucke losse, ebs en Johr alt is, oder 's werd stolz [Fogel Beliefs Penns Nr. 40]. Wammern Katz in der Spiggel gucke loßt, laaft se net färt [Fogel Beliefs Penns Nr. 675]. Wenn im Hause jemand stirbt, werden die Spiegel verhängt oder zur Wand gedreht [KU-Glmünchw Herschw/Petth HB-Beed Bexb Kirk Limb Fogel Beliefs Penns Nr. 619], als Begründungen werden genannt: damit der Tote sich nicht spiegeln und wieder körperhaft werden könnte [Becker Vk. 142]; damit der Tote nicht sein zweites Gesicht sieht [Ecker 134]. — b. 'Fensterscheibe', Spichel [Bliesgau (PfId. 135)]. — 2. a. 'abgewetzte, glänzende Partien an Kleidungsstücken' [ ZW-Battw FR-Bockh SP-Heiligst]. An dem Anzugg sieht mer iwerall schun die Spiel [ FR-Bockh]. — b. 'glänzender Rockärmel vom darauf abgeputzten Nasenschleim' [ KU-Diedk Kaulb ZW-Gr'bundb PS-Schweix KB-Kriegsf LU-Altr LA-Venn]; Zs.: PfWB Rockspiegel. Der hot Spichel uf de Ärmel [ PS-Schweix]. — c. 'glänzende Flächen an den Hinterbacken bei gut herausgefütterten Pferden' [ BZ-Dernb]. — d. 'andersfarbiger Fleck am Kopf von Tieren' [ PS-O'simt]; vgl. PfWB Bläß 1, PfWB Spiegel 4 a, PfWB Spiegelschaf. — e. 'glänzendfarbiger augenartiger Fleck auf Pfauenfedern'. On de Pooferrer is e scheener Sp. [ KU-Schmittw/O]. — f. 'glän- [Bd. 6, Sp. 270] zende Stelle am Rückenschild des Maikäfers', vielfach nur Dim. [mancherorts ges. Pf]. Das Kind sagt zum Maikäfer auf der Hand: Weis mer dei Spielche, sonscht brech eich der Hals oun Bein [ WD-Niedkch, vereinzelt], sonscht dreh ich der de Kopp uf de Rick [ ZW-Gr'bundb], odder ich kepp dich [ KL-Weltb]. Maikäwwer, du's Spichelche raus, sonscht hau ich der 's Keppche ab [ PS-Gersb]. — g. 'das Zentrum der Zielscheibe', in der Wend. Er hodden Spichel g'schosse 'Er hat ins Schwarze getroffen' [ LA-Gommh]. — h. 'die Augen', zu Kindern, Spiggelich Dim. Pl. [ GH-Zeisk]. — 3. a. 'zwischen zwei Wegen liegende Abteilung des Gartens', Spijjel [ NW-Kallstdt]. — b. 'Streifen eines Ackers, der in einem Gang des Sämanns besät werden kann', Spiechel [ FR-Albsh]; Syn. s. PfWB Satel. — c. 'Füllung, Fläche zwischen den Balken eines Fachwerks', Spichel [ PS-Schmalbg]; vgl. PfWB Spiegelwand. a. 1621: Maurerarbeiten: den Haußehren in der Schaffnerey mit backhensteinen zu belegen ... die Flaisch Cammer zu bestechen, etliche Spiegel zuzumauern [WerschwSchR 280]. — d. 'Fach, Abteilung, Täfelung in einer Tür', u. ä., Spiggel [Beam Penns 86]. — 4. a. Name für Rinder (mit einem Fleck auf der Stirn, vgl. PfWB Bläß 2, PfWB Spiegel 2 d, PfWB Stern 3, PfWB Stirne 1 b), Spiel [ KU-Breitb], Spiechel [ PS-O'simt]. — b. Lockruf für Rinder, Spichel [ PS-Bruchw Hengsbg Hirschth]. — 5. FlN, amtl. Im (Am) Spiegel [ FR-Bockh NW-Mußb], mda. Em Spiel [ FR-Bockh]. — 6. vgl. PfWB Augen-, PfWB Eulenspiegel. — RhWB Rhein. VIII 326/27; LothWB Lothr. 486; ElsWB Els. II 535.
| unklarer herkunft, vielleicht verwandt mit gr. στέρνον 'brust'; mit diesem wird stirn (germ. *sternô) als ursprünglich 'breit' zu idg. sterə 'streuen' gestellt, vgl. ai. stīrṇá- 'ausgebreitet', lat. sternere, gr. στόρνυμι, στρώννυμι, abulg. str, strěti 'strecken', strana 'fläche, gegend, seite', kymr. sarn 'stratum, pavimentum', vielleicht auch strand 34, 485, 2, 639, 674. eine verbindung von stirne mit stern als 'stern', d. h. 'glatze', 'kahle, dann hohe stirne', sowie mit sterilis als ursprünglich 'sternig', d. h. 'kahl', dann 'unfruchtbar' ( in: unters. z. idg. sprachw. 7, 142) ist weniger wahrscheinlich. ursprünglich ist die zweisilbige form: stirna (gloss. Junii) ahd. gll. 3, 362, 19, stirne (hs. d. 13. jhs.) ebda 3, 353, 48, troj. krieg 36576, pred. 147 Buchw., ges. (1650) 2, 74, schr. (1741) 1, 78, Agathon (1766) 1, 14, w. 1, 112 Boxb.; im lauf d. 19. jhs. schränkt sich die form stirne mehr auf die rhythmisch und reimmäszig bedingte anwendung in gebundener sprache ein (z. b. stirne: gestirne s. w. [1898] 8, 215), nur Stifter und G. Keller wenden stirne auch in der prosa regelmäsziger an, z. b. s. w. (1901) 1, 214; 3, 84; 3, 192; 3, 299; w. 1, 132; 2, 79; 3, 12; 4, 256; 5, 25; 6, 22. gerade Schweizer mundarten bewahren die zweisilbigkeit, z. b. stirnə Mutten 94, stirna Jaun. 130. — apokopiertes stirn begegnet zuerst im [Bd. 18, Sp. 3182] späteren mhd.: stirn (Heinrici summ.) ahd. gll. 3, 69, 63 (hs. 15. jh.), passional 287, 65 H., Marienleben 5850 P., 10, 2, 107 W., trutznachtig. (1649) 91, 16, 144 S.; im 19. jh. wird stirn die herrschende form der prosa. aus den schwach flektierten formen (s. u.) entsteht gelegentlich ein nom. sing. stirnen, seit dem frühnhd.: voc. (1516) 31b; 24 B.; s. w. 4, 337 Sch. — mit sekundärvokal im frühnhd. stiren (hd.-böhm. v. j. 1470) gloss. 248c; 187 Sch.; styren teutsch theolog. 434 R.; stiren bei bauernkr. in Oberschwab. 257; dazu mundartl. štirən schwäb. 5, 1777. ein abfall des n ist mundartl. rhein. u. md. verbreitet: štir dt.-lothr. 500a, Aachen 140, lux. ma. 425, Nösen 217a, stär, stör obersächs. 2, 566. der älteren schreibung mit ie: stierne Apoll. 13205 S., stiern fastnachtsp. 69 K., oden u. lieder (1642) 108 entspricht in den mundarten sekundäre diphthongierung: stian Barmer ma. 151, šteənnə, štirə(r)nnə St. Galler Rheintal 38 u. 74. — rundung stürn(e) dt. pred. 103 Schmidt, zimmer. chron. 3, 253 B., oden u. lieder 82, stürnen (v. j. 1774) bei schwäb. nachtr. 3213, vgl. mundartl. sturn ebda 5, 1777. — e im stammvokal ist md. und hauptsächlich nd., vgl. oben Schiller-Lübben und das mnl., dazu steyrn (15. jh. md.) gloss. 248c, steyrne (md. > nd., 15. jh.) ebda 536a, sterne (nd. v. j. 1425) ebda 248c, sternen (acc.) pol. korr. 1, 600, stern scherzged. 2, 23 lit. ver. in moderner mundart steern brem.-nds. wb. 4, 1030, stern, stiern schlesw.-holst. 4, 850, steern plattdt. 459, stern mecklenb. 87a, stärn altmärk. 209b; aber auch štern(ə) schwäb. 5, 1777, stern elsäss. 2, 615, šternə St. Galler Rheintal 41. seit der ersten bezeugung obliquer formen steht starke und schwache beugung nebeneinander, z. b. stark: in sîne stirne troj. krieg 20743; plur. die stirne minnes. 2, 287b v. d. Hagen; im nhd. ist nur mehr der sing. stark bezeugt: an der stirn weinspiel 2812, t. poem. 43 ndr.; auf seiner stirn 3, 166 L.-M.; der stirn IV 41, 121 W.; über die ... stirne ges. w. 2, 79; über stirn und augen ges. w. I 5, 155. — schwache beugung im sing. begegnet bis ins 18. jh.: an der stirnen Flore 2751; durch sin stiernen 2620; auf der stirnen op. (1616) 2, 522 Huser; dicht. versuchg. (1678) 21; mit krauser stirnen crit. dichtk. (1751) 21; der stirnen falte verm. w. (1754) 318. der schwache plur. wird die norm: 195, 30 V.; an den stirnen volksb. v. dr. Faust 77 ndr.; die stirnen (1691) 2172; w. (1811) 2, 215; solchen stirnen Winckelmann (1866) 2, 1, 143. wie im simplex starke und schwache flexion nebeneinander, so stehen in älterer sprache auch im compositum formen mit stirnen- neben solchen mit stirn-. seit dem 19. jh. kommen die stirnen-formen nur noch in obd. mundart (s. stirnband 1 schlusz, stirnjoch) und aus rhythmischen gründen in der poesie (s. stirnader) vor. bedeutung und gebrauch. stirn ist hauptsächlich ein wort der schriftsprache. mundartl. verbreiteter ist es nur in rhein. gegend, im elsäss. 2, 615a und in einigen nd. gebieten. im schwäb.-bair. ist es wenig gebräuchlich geworden, s. 5, 1777 und 2, 784. 1) stirn als teil des kopfes, des gesichtes. a) allgemein: zu disem wirt auch ... das euszerlich haupt in sechs stück getheilet: die erste statt ist frons stirn, die facht an ob den augbrauwen, steigt in die höhe, bisz da das haar wachset artzneybuch (1588) 58; ähnlich XI ling. (1598) 617a. [Bd. 18, Sp. 3183] hierher gehören die spärlichen zeugnisse aus dem späten ahd., die sich auf die glossierung von frons durch stirna ahd. gll. 3, 69, 63; 3, 362, 19; stirne 3, 353, 48 beschränken. vgl. aus frühnhd. zeit: frons stiren; glabella eyn kale stiren gloss. 248c; 264a (v. j. 1470); sinciput styrne, steyrne (15. jh.) ebda 536a. literarisch begegnet stirn erst seit dem klassischen mhd.: ir hâr, ir stirne, ir tinne diu stirne wart im und der schopf die stirnen halbe er (der schleier) verdakt und einen rosenzweig um seine stirne krümmet wollt ich die lorbern selbst um stirn und scheitel flechten wan ein bechswarzer strich ein schuss im streifts ross an d stirn sein Teuerdank 204 Göd.; ein wenig haare von der stirne des ochsen Arminius (1689) 1, 10b; die schön gehörnte stirn ist an den meisten (kühen) weisz in der lenzzeit schmückt der kibiz seine stirn mit neuem kamm auch anthropomorph in bildlicher anwendung, vgl. 3: die reine stirn der morgenröth und felsen mit der stirn bis in die wolken gehn doch hoch nun steht er (der baum) auf des berges stirn [Bd. 18, Sp. 3184] b) in geläufigen wendungen: dasz ihm der schweisz vor der stirne steht etwas für alle 2 (1711) 68; (er) trocknete den schweisz, der ihm in groszen tropfen vor der stirne stand volksmärchen 1, 50 Hempel; der schweisz trat ihm auf die stirn verl. handschr. (1905) 2, 373; dasz mir das wasser die stirn herunter läuft w. (1811) 1, 325; von der stirne heisz kalt tritt der todesschweisz ihm vor die stirn stehit von dussem Hammon geschreben, wie das he hornere an der stirn gehabt habe chronik 392 Diemar; zway klaine horn, spizig, wol als ains schchs brait von ainander an der stirnen Constanzer concil 100 lit. ver.; macht er einen jegklichen ... ein hirschhorn an die stiren rastbüchlein 92 lit. ver.; da seynd ihm auff dem stiern zwey hörner herfür geschossen Judas der ertzschelm 1 (1686) 117; sorgfältiger kann nicht ein freund bedacht seyn, seinem freunde die hörner von der stirne wegzuschaffen s. w. 3, 64 S. c) durch beiwörter näher gekennzeichnet: heisz und kalt: wenn ein wackrer mann die stirn wird mir so schwer und warm meine stirne, sonst die stirne ist ihm kalt, — er ist verschieden hoch und breit: ir stierne hoch, ir prä prawn ir stirne was getranges frî deiner hohen stirne prangen ... so drück ich meinen vollen frohen kranz daneben die bezeichnungen des gegenteils. kurz u. ä.: sy hat ein hübsche stirnen [Bd. 18, Sp. 3185] seit neuerer zeit erst erscheint gewölbt; vgl. stirngewölbe und stirnwölbung: sieh! eine stirn, so oder so gewölbt aller unmuth verschwand von seiner gewölbeten stirne schön: sin stirne schoen der die goldne binde weisz: dieser weiszen stirne schein der glieder zier, die hyacinthnen locken, der stirne lilienschimmer glatt, gerunzelt u. ä.: für den begriff 'glatt' hat das mhd. eben: ir stirne was ... sin (Jesu) stirn wunneklich und schlecht ir glatte stirn so wol formiert ist die stirne rund und glat sein rück ist im gepogen ... matt das auge, kraus die stirne, d) typische gesten mit stirn. sich vor, an die stirn schlagen, vgl. latein. frontem ferire: da wart er als zornig daz er im selber eynen streych an die stirn tet d. heyl. leben, summerteil (1472) 49a; oft musz ich mich vor die stirne schlagen, dasz ich nicht lieben kann wie sie s. schr. (1789) 2, 193; 'ich unglückseliger!' rief Wilhelm, indem er sich vor die stirne schlug 22, 244 W.; da schlug er sich plötzlich vor die stirn, jetzt wuszt er auf einmal das lied s. w. (1864) 3, 425; sieht sich ungläubig um, ... schlägt sich vor die stirn d. weber (1892) 90. [Bd. 18, Sp. 3186] die stirn reiben: es ist der brauch deren, die mit schaam etwas thnd, dasz sy das angesicht oder die stirnen streychend oder reybend dict. (1556) 979b; erseufftzeten sie ab desz ... gleichsnerischen fürgeben inmaszen, dasz sie die stirnen reiben Pauli Ämilii historien (1572) 2, 20; 'das heiszt', erinnerte der baron und rieb sich die stirn 1, 10 Boxb.; auch du hast einmal gedacht und dir die stirne gerieben trösteinsamkeit 7 Pfaff. die hand an, vor die stirn legen, die stirne stützen u. ä.: stand er etwa da, als wenn er vor den kopf geschlagen wäre? ... legte er etwa die hand an die stirne? 1, 298 L.-M.; und der neuentthronte kaiser stützte heben und senken der stirn, vgl. DWB das haupt erheben, hochtragen teil 4, 2, 600, den kopf heben, hoch tragen teil 5, 1753, s. auch teil 11, 1, 1, 1069: richt auff die stirne und bisz frölich spiegel d. sitten (1511) bb 2a; bildlich: ain yeder hoffartiger ist unleidenlich ... mit ainer auffgeworffen stiren in worten und wercken ebda a 7b. modern die stirne hoch tragen, vgl. ital. tener alta la fronte 'stolz sein', frz. marcher le front levé 'sicher auftreten': die stirne hoch tragen 'stolz seyn, thun' zeitungslex. (1824) 4, 419b; unter den sich jetzt mancher schmiegen musz, der sonst die stirn hoch getragen s. w. 2, 200; sie (die verräter) tragen die stirn hoch, sie finden öffentlich verteidiger polit. reden 4, 131. — die stirne senken für traurig, demütig sein (vgl. ital. a bassa fronte 'scham-, reuevoll'): o so musz für trübem kräncken 2) die stirn wird als spiegel geistiger und seelischer anlagen und vorgänge angesehen, ihr aussehen wird dementsprechend physiognomisch interpretiert: das ander, welches den menschen zieret, ist die stirn, zumaln wann sie hoch, brait und glatt ist. eine solche stirn ist ein anzaig eines guten hohen verstandts und sanfftmütigen geists hirnschleiffer (1618) 50; der stirnen ist nicht zu glauben schr. (1663) 763; solte jeder christ ... die wahrsagungen aus denen liniamenten der stirne, händen und füszen ... vermeiden Leipziger avanturieur (1756) 1, 14; der gedanke dieser stirn, blick des auges, ... wie alles spricht physiognom. fragm. (1775) 1, 5; nun gibts freilich schwache und träge menschen mit groszen, hohen stirnen, aber nicht alle hohe und grosze stirnen sind zeichen der schwachheit und trägheit ders. handbiblioth. f. freunde 5 (1793) 176; aus den augen, aus den falten der stirn, ... aus jedem zuge stralte hoher genius Siegfr. v. Lindenberg (1779) 91; auf stirn, nase und in den augen konnten götter wohnen s. w. 1, 111 R.-M.; dicht über den augenbrauen springt die schnelligkeit der conception hervor, ... aber darüber fehlt die stirn, in welcher die phrenologen die besonnenheit suchen ged. u. erinn. 1, 236 volksausg. diese grundanschauung von der ausdrucksfähigkeit der stirn führt zu einer groszen anzahl fester wendungen mit stirn, die überwiegend gemeingut der abendländischen sprachen sind, wobei es offen bleiben musz, wieweit sie aus dem bereits ausgebildeten, fast alle geläufigen ausdrücke und wendungen umfassenden schatz des lateinischen stammen, wieweit sie gegenseitige entlehungen der modernen sprachen oder jeweils unabhängig aus gleichen vorstellungen erwachsen sind. im deutschen begegnen derartige verwendungen seit dem mhd.; reicher setzt dieser gebrauch aber erst seit dem humanismus [Bd. 18, Sp. 3187] des 15. und 16. jhs. ein, und zwar zunächst in form bestimmter, starrer verbindungen, während freiere redensarten im wesentlichen erst seit dem 18. jh., dafür aber in bunter fülle, gängig werden. a) wesen und innere vorgänge sind von der stirn abzulesen: α) an der stirne stehen, gegraben, geschrieben stehen oder sein: ich wolt und das mit pustabin ja, stündts ihr an der stirn geschrieben, es steht ihm an der stirn geschrieben, dazu die korrespondierende wendung an der stirne (an)sehen, erkennen: wir könnens doch niemand an der stirne gemalt sehen, wer heilig ist 28, 177 W.; ich sihe dirs an in der stirn, wie jeder ist und was er kan, das dem geschrieben sein entsprechende an der stirne lesen tritt erst im laufe des 17. jhs. auf: wer kunt ihr nicht an der stirn ädle zucht und keuschheit lesen? ich konnt an deiner stirn die innre reue lesen er sah gewisz recht wacker aus β) zeichen an der stirn. ursprünglich konkret: ein zeichen macht der valant [Bd. 18, Sp. 3188] ... an so unzähligen stirnen schon ein brandmal geworden ist vertheidigung (1776) 15; dasz Dante sich zu so grober schmeichelei erniedrigt und damit seinem werk das brandmal auf die stirne gedrückt habe? akad. vortr. (1888) 1, 98; einige (gedichte) ..., welche das kennzeichen ihres alters selbst an der stirne führen unterr. v. d. dt. spr. (1682) 2, 3; kurz, (es trägt) das siegel eines Klopstoks auf der stirne Schubart br. bei w. 8, 41; was ... das ächte gepräge des genies an der stirn trägt, gleicht einem eigenen wesen ges. schr. 1, 317; wozu machte er (gott) den menschen und drückte ihm das siegel der majestät und freiheit auf die stirn? schr. f. u. an s. lb. Deutschen (1845) 1, 254; männer ..., die den stempel langjähriger ernster gedankenarbeit auf der stirn trugen w. (1899) 1, 157; meine schriften (tragen) das gepräge der redlichkeit auf der stirn w. 1, 19 Gr.; da ... derselbe (rat) ... alle spuren der unvernunft an der stirne trug s. w. (1901) 3, 84. schlieszlich braucht zeichen nicht mehr ausdrücklich gesagt zu werden: die das heilige wort frei mit unrecht an ihrer stirne tragen leb. u. gesinnungen 1, 119; nichts ..., was die unsterblichkeit an der stirne trägt ged. (1869) 222 Halm; eine sache ..., die ihre ungerechtigkeit an der stirne trug w. (1890) 1, 44; ein haus, ... das den hasz seiner beiden besitzer offen auf der stirne trug ges. schr. 2, 305. γ) auf der stirn sitzen, ruhen u. ä.: was für eine weise erfahrenheit sitzt auf seiner stirne! verm. krit. u. sat. schr. (1758) 141; ein furchtbarer, zurückschreckender ernst sasz auf seiner stirne 8, 144 G.; von jener trauer, die auf seiner stirne sitzen sollte s. w. (1901) 3, 194; zucht losieret auff ihrer stirn aber mein verzeihen ruht b) wesen und innere vorgänge werden durch beiworte zu stirn gekennzeichnet. α) die gerunzelte stirn als ausdruck des unwillens, von kummer, ernst, gedankenarbeit (vgl. oben 1 c schlusz): mit geruntzleter stirnen, das ist unwirsch, traurigklich, mit unwillen dict. (1556) 586b; sie verstellen ihr angesichte, sie rümpffen die stirn, gehen traurig herein und hengen den kopff (zu Math. 6, 16) biblia (Nürnberg, Endter 1662); wer murrt und runzelt denn die stirn, würdiger freund, du runzelst die stirne; dir scheinen die die stirn rümpfen lebt nur bis ins 17. jh.; vgl. die stirnen entrümpffen, das ist sich frölich erzeigen und guter dingen seyn dict. (1556) 586b; verker die augen, rümpff die stirn, (die löwin) förcht ihre widersacher nit ... [Bd. 18, Sp. 3189] die neuzeit kennt dafür die stirn falten (vgl. stirnfalte): ja, die alten entfalteten selbst die stirn und empfanden du hassest die gefaltnen stirnen und ob es unserm herzen solte das mich heimlich kränken der scherz spricht frech und geil, der ernst mit krauser stirnen ein strenger mann, von stirne kraus β) offne und freie stirn. zunächst rein anschaulich: Helena gar schone was ... frei und offen auch frei zunächst soviel wie glatt: mein wissen runtzelt nicht die immer freie stirn ähnlich bei klar: der kopf der madonna ist einer der schönsten ... köpfe. wie klar die stirnen, wie reizend das lichte kastanienhaar s. w. 4, 337 Sch.; nun öffnet sich die stirne klar, γ) dem gesellen sich, wesentlich seit dem 18. jh., adjektiva und verba für den stimmungsgehalt der stirn hinzu (heiter, erheitern, aufheitern; trüb, finster, düster, trüben), die sämtlich zugleich auch die beschaffenheit des firmamentes stimmungsmäszig ausdeuten. für trauer, unmut, unfreundlichkeit trübe stirne: (dasz du) die trübe stirne rümpfst und tiefe seufzer sendest und deine stirne, wie es scheint, es faltet sich trüb und trüber die du jede wolke der schwermuth es ist nicht eigensinn, der seine stirne trübt mit finstrer stirne sprach sie: nein! [Bd. 18, Sp. 3190] so machte mein sanftes Hannchen eine dermaszen finstere stirne, dasz ich mich ... weit weg wünschte leben u. schicks. 5, 23; die gewalt der öffentlichen meinung, die heute mit finsterer stirn auf die handlungen der fürsten und völker herabblickt Michelangelo (1890) 1, 26. dazu düster, umdüstert: und Suffolks düstre stirn (verrät) den stürmschen hasz Shakespeare (1797) 8, 80; mit umdüsterter stirn wandelt die stunde her, für frohe stimmung: heitere stirn: ich seh der heitern stirne pracht so erzählte der mann, und heiter waren die stirnen das leben, das dem höchsten auch und besten des frühlings lächeln der ausdruck der stirn wird bildhaft als wetterstimmung gesehen: als er ... die finstre wolke gewahr ward, die dessen bekümmerte stirn umgab belustigungen (1741) 1, 61; entrunzelt die bewölkten stirnen! ebda 1, 237; dasz ein gewitter sich um seine stirne ziehet die stirn von wolken frei frevlern deiner stirne wetter, wo stets die freude mir, sokratisch mild, ebenso dann auch: ein gewisser trübsinn hing über ihrer stirn volksmärchen 1, 11 Hempel: nun sieht er totenbläss auf meinen wangen δ) aus der sprache der bibel stammt eherne, eiserne stirn. ausgangspunkt ist Jes. 48, 4: frons tua aerea ich wuste wol, das ... dine stirne eryn ist 59 Ziesemer; und deine stirn ist eherne Jes. 48, 4; bisz das ewr eyszern styrn und ehren halsz ... gebrochen werde 10, 2, 107 W.; wer so harte stirn hat, dasz er von solchen grausamen ... drauen gottes nit erschrickt sprichw. 397 Thiele; müszte ich nicht eine eiserne stirne haben, wenn ich es der unglücklichen misz selbst vorschlagen sollte? 2, 291 L.-M.; ich habe mit eiserner stirne, mit unbewegtem geist den verdammungsspruch des höchsten angehört w. (1809) 10, 232; wo sie gerechtes mir befehlen, finden [Bd. 18, Sp. 3191] wider alle treue der geschichte sagt er ... die katholische religion sey ärger verfolgt worden ... hierzu gehört eine eiserne stirne tageb. (1787) 1, 275; dieser man hat eine eiserne stirne, ich habe ihm selbst lange geglaubt. da ist es kein wunder, dasz sich auch andere täuschen lassen Andreas Vöst (1920) 150. ε) stirn in verbindung mit beiwörtern, die unmittelbar geistig-seelisches bezeichnen, so dasz die vorstellung der damit verbundenen physischen beschaffenheit der stirn (α-δ) ganz zurücktritt. den übergang vom physischen bereich bilden heisz, hitzig für 'jähzornig', 'unbeherrscht' (also in anderer bedeutung als oben 1 c): wie man solcher viel findet, die da heisz sein für der stirn und nichts leiden können sprichw. 397 Thiele; so du nur so unversunnen und hitziger stirn gewest 15, 343 W.; fervor aetatis mentis die jugend, die heisz vor der stirnen ist thes. (1587) 316a; mancher aber ist vor der stirn hitzig und denket: ey, ich musz meinen hasser und feind dämpfen ethica (1669) 162; polternde (worte) aber erhitzen die stirnen Pathmos (1677) 109; leute, die so hitzig vor der stirne sind, nennet man auffahrend, jachzornig, und unleidsam beob. (1758) 439; ich bin ein offizier, der seine klinge führet, der geschwind warm vor der stirne wird ges. schr. (1783) 2, 84. seitdem verliert sich die wendung. fröhliche stirn u. ä., vgl. im klass. latein frons laeta: sin stirn wunneklich und schlecht ... wer? wer ist würdig zum altar des herrn mit ernster stirn, mit düstrem blick zur kennzeichnung des nachdenklichen: mit tiefsinniger stirn w. (1798) 3, 159; seine ernste, gedankenvolle stirne w. (1809) 8, 111; auf der sinnenden stirne (der toten) ruht der friede besiegter leiden ges. schr. (1850) 5, 221. aufrichtige stirn u. ä., vgl. lat. verissima fronte: dein unbelarfftes gemüth, welches mich iederzeit mit aufrichtiger stirn angesehen Spiridon (1679) vorr. a 2b; kein mann von ehrbarer stirn s. w. 16, 304 S.; denen seine gerade stirn und keiner hofluft achtender wahrheitssinn gar nicht gefalle verm. schr. (1797) 57. — dazu einzelnes: mit hochmütiger stirn con fronte altiera t.-ital. 2 (1702) 979a; Euripides ... trat mit kühner stirn vor die bühne hin recensionen 167 lit.-denkm.; eine eigensinnige stirne, die sie ein wenig hinaufwärts zog Göthe III 1, 157 W. unverschämte stirne seit dem frühnhd., vgl. lat. proterva frons, ital. con fronte ardita 'unverschämt': die jüden haben eine harte unverschampte stirn sprichw. 398 Thiele; und du wilt doch wider mich fechten und ich seh am arm des weisen [Bd. 18, Sp. 3192] dazu: der kühnste minister, der ... mit schamloser stirne der nation schädliche entwürfe vorträgt Engl. u. Ital. (1785) 1, 1, 9; sie schwebt vor seiner schamentblöszten stirn der jüngst mit frecher stirn dein kind zur eh begehrte wer treulos sich des dankes will entschlagen, habt ihr von gott, der welt, und was sich drin bewegt, ... ihr stelltet ein geschlecht ... c) stirn allein als bezeichnung des inneren lebens. α) stirn gleich 'schamlosigkeit', 'frechheit'. zunächst scheint einfach das kennzeichnende beiwort zu fehlen: mit was stirn (qua fronte) und gewissen wilt du truncken sein? v. zusauffen (1544) f 1b; was hastu für ein stirn, du nachtrabe, dasz du so kühnlich leugest und wirst nit roth? anticalvinismus (1595) 276; welche stirne gehöret dazu, sogleich ein buch davon zu schreiben br. d. neueste litt. betr. (1759 ff.) 14, 326; mit was für einer stirne wird er mir noch unter die augen treten können? samml. v. schausp. (1764) 1, 96; und das sagen was ist so arg, das nicht, um sich genug zu thun, anders die frühnhd. wendung ohne stirn, keine stirn haben, vgl. stirn frons oder scham voc. theut. (Nbg. 1482) ff 3a, mlat. sine fronte 'ohne scham' 160, frz. n'avoir point de front 'weder scham noch scheu haben' (vgl. auch stirnlos): infrunitus der kein stirn vel scham hat vel stirnloszer (15. jh.) gl. 298a; daher seind dise sprichwörter von den alten zeiten hergebracht, kein stirnen haben, ein härts maul ... und desgleichen de instit. christ. foeminae (1566) 24a; diese abgötterey ... hat sich ... so unverschampt herfür gethan, dasz ein ... scribent ... sich ohne stirn und scheu vernehmen lassen catechismusmilch (1657) 1, 147; kein fürst wäre ... so frech, die menge aber hätte keine stirne und keine schamröthe Arminius (1689) 2, 1258b. β) stirn gleich 'geistige kraft', 'verstand', 'denkfähigkeit', ähnlich wie hirn. der ausgang vom konkreten (stirn 1) ist deutlich: [Bd. 18, Sp. 3193] sô viel der minne tobesuht welche stirn, welche stim kan verstehen, kan singen, die stirne denkt, sie denkt gewisz 3) von der bedeutung 1 her übertragen bezeichnet stirn das vordere, entgegenstehende überhaupt. a) der ausgangsbedeutung nahe in wendungen, in denen stirn mit kopf, haupt, gesicht, augen synonym gebraucht wird, bzw. diese die üblicheren sind. so einen vor die stirne stoszen: die ständ thät es für die stirne stoszen (das bilderstürmen) bei er rannt die stirn entzwey an unserm lincken flügel vor die stirne rücken, stellen, vor der stirn schweben, womit meist vor (die) augen rücken u. s. w. oder einem vorschweben gemeint ist: sie hatte ... keine vor- und miteifrer, die ihr das wahre ziel ... vor die stirn rückte s. w. 23, 102 S.; das ... mädchen stand lebhaft vor seiner stirne w. (1811) 1, 221; was im nebel der erinnrung ... lasz sehn, ob sie auch in des vaters stirn b) dagegen ist stirn allein oder herrschend im gebrauch, wo es sich um ein entgegentreten, front machen gegen etwas handelt. so stirn gegen stirn, im eigentlichen sinn eines persönlichen gegenüberstehens, vgl. lat. adversis frontibus, dazu: befihlt er sie beyde eine für des andern augen zu foltern. ... (welches wir mehr mit einem angenomenen dann lateinischen wort nennen confrontationem, als von stirn zu stirn) v. zäuberern (1592) 396; stirn gegen stirn stehen fronte à fronte t.-ital. 2 (1702) 979b; warum eilte man so sehr, [Bd. 18, Sp. 3194] offenen bruch, stirn gegen stirn, war man jedoch von keiner seite (der feindlichen staaten) geneigt s. w. 14, 281. die stirne bieten 'jemandem, etwas entgegentreten' (ähnlich ital. mostrar la fronte, tener fronte). die eigentliche bedeutung des sich persönlich entgegenstellens blick toft noch durch: Thorismund und Harald hielten zwar diesem ungewitter eine ziemliche weile aus ... aber es ist ... verstockung ... dem hagel die stirne bieten ... wollen Arminius (1689) 2, 893a; und ich werde es endlich über mein gewissen bringen können, einem wunderlichen vater die stirne zu bieten w. 2, 14 L.-M.; sie rieth ..., wenn Johanna (die königin) in schlaf versinke, die leiche ... fortbringen zu lassen, sie wolle dem ersten zorne der königin muthig die stirne bieten w. 9, 17 Grimm. dann uneigentlich für sich entgegenstellen, widerstand leisten: durch anmuth lassen wir auch die vernunft bestechen, was noch den fortgang hemmt und ihm die stirne beut, besonders auf militärischem gebiet dem feind sich angreifend oder verteidigend stellen: so both er ihnen doch mit weniger macht so hertzhaft die stirne, dasz kein theil sich des sieges zu rühmen hatte Arminius (1689) 2, 35a; die vereinigung (der heere) geschah bei Gieszen, und jetzt fühlte man sich mächtig genug, dem feinde die stirne zu bieten. er war den Schweden bis Hessen nachgeeilt 8, 405 G.; herr, herr, die Franken bieten uns die stirn ... dem feind die stirne bieten, gern in verbindung mit können 'einem gewachsen, ebenbürtig, überlegen sein': zweytens ist es auch ganz falsch, dasz wir uns den Atheniensern mit recht an die seite setzen oder ihnen gar die stirne biethen könnten vers. e. crit. dichtk. (1751) 133; dieses heer muszte mit fuszvolk ... versehen seyn, wenn es den Jenjitscheri die stirn bieten sollte Usong (1771) 126; möge sich nur ihre körperliche lage befestigen, damit sie so manchen anforderungen die stirne bieten können IV 41, 234 W.; in diesem werke sind die ... versuche so gestellt, dasz sie allen einwendungen die stirn bieten sollen ders. II 4, 29; (dasz) jeder sich gut mit taschengeld zu versehen hätte, um den berühmten nachbarn auf jede weise die stirne zu bieten ges. w. 1, 132; dasz sie ... sich in ein sklavendasein geflüchtet hätten, weil sie sich nicht zutrauten, dem freien leben die stirn zu bieten d. grosze freude (1938) 58. c) stirn als militärischer fachausdruck gleich 'front oder spitze des heeres', für lat. frons und frz. front. spärlich im älteren nhd. die bibelübersetzung des 15. u. 16. jhs. verwendet stirn so noch nicht, vgl. für in fronte exercitus Jos. 8, 10 in dem haubt des heres erste dt. bibel 4, 275, fur dem volck her Luther; zuerst in wörtlicher übersetzung: du solt deinen reysigen zeug ... ordnen ... so vil es müglich ist, solt du sie also stellen wie die spitzen (acies) pflegen in die hörner (cornua) geordent zu werden, damit sie zu der stiern und von der seitten (ad frontem et ex lateribus) die weitte vor ihnen haben Onesander bei Frontinus von d. guten räthen (1532) 36b; alle hilfsvölcker an die spitze, die leicht gerüsteten an die stirne der legionen [Bd. 18, Sp. 3195] ... zu ordnen Arminius (1689) 1, 37a; achtzig elephanten stunden vor der stirne des heeres Fabius u. Cato (1774) 126; hat er sie (die krieger) soweit ausgedehnet, dasz er dem feinde eine eben so breite stirne biethen können, als die seinige gewesen anmuth. gelehrsamk. (1751) 6, 455; (jünglinge) hatten sich an die stirne des wartenden heeres gedränget d) bei gebäuden und ihren teilen die vordere oder dem beschauer zugekehrte seite. vereinzelt früh als wörtliche übersetzung: also das du das vi. dch zwiveltigst an der stirn des dachs (in fronte tecti, vgl. vorn an der hütte exod. 26, 9) erste dt. bibel 3, 305. in der modernen sprache verbindet sich hier mit der rein technischen bezeichnung (stirn = front = vorderseite arch. wb. 238) gern die bildlich-anthropomorphe vorstellung der 'stirine': es ist wohl klar ..., dasz die rotunda (das Pantheon) anfangs einen theil der bäder des Agrippa ausmachte, gleichsam die strahlende stirn derselben s. w. 4, 270 Sch. sachlich wird stirn dabei meist auf den giebel bezogen (vgl. stirnfeld) und gewinnt dadurch gegenüber front eine umgrenztere bedeutung: wie einfach und grosz thut sich die halle auf! acht gelbe säulen tragen ihre stirn w. 15/18, 484 H.; wir ... kamen in ein heimliches thal, aus welchem alte gemäuer mit verwitterten stirnen uns entgegentraten ges. schr. (1875) 9, 78; gleichsam der stirne (dem giebelfeld) des geweiheten gebäudes ... das gepräge ... des inwohnenden gottes aufzudrücken alte denkm. (1849) 1, 20; einem weiszen schönen häuschen, welches ... nur mit der stirne über die ... niedern gebüsche des gartens auf die strasze ... hinaussah s. w. (1901) 3, 152; (über dem balken) erhebt sich sodann ... das giebeldreieck und endlich ganz oben an der stirne des firstes schaut man das ... schwanenzeichen marschenb. (1900) 375. e) jung erst ist stirn für titelblatt oder erste seite eines buches, vgl. ital. fronte d'un libro 'titelblatt, einleitung', lat. frons librorum, 'i. q. margines superior atque inferior voluminum, i. q. initium' thes. ling. lat. 6, 1, 1362, mlat. 'überschrift, anrede', s. ferner stirnblatt 3: ich dachte ... für meinen nahmen, an der stirn eines buches von dir ein recht lautes lebenszeichen von mir zu geben w. (1809) 9, 73; das portrait ..., welches die stirne des dritten bandes hätte zieren sollen IV 7, 51 W.; jenes fantastische buch, das ... als warnungszeichen den teufel an der stirn trägt s. w. 6, 28 Gr.; ein büchlein ..., das die jahreszahl 1845 an der stirn trägt w. 11, 277 Werner; es ist nicht die folge einseitiger vorliebe, wenn dies buch ... Michelangelos namen an der stirn trägt Michelangelo (1890) 1, 55. f) mit früher einengung der bedeutung für die bekleidung der stirn. α) bei den pferden, entsprechend lat. frontale, das stirnblatt (s. u. stirnband, -gerät) zu schmuck und schutz, besonders in kampf und turnier: item 3 mandel rymen zcu gerwen, item stirnen und leder zcu leyme (v. j. 1437) Marienb. ämterbuch 9 Ziesemer; was eur. g. (vom stechzeug) zwifach het von gerüsten, hinterhacken und schrauffen, stirn, brechscheiben (v. j. 1484) bei dt. privatbr. d. ma. 1, 239; harnisch und etliche stirnen auf die pferd mit fünffhundert par kniebuckeln den reisigen kriegsb. (1578) 1, n 6b. β) in der frauenkleidung des 17. u. 18. jhs. eine art kappe, vgl. 'eine kappe, wohl die in Züricher mandaten des 17. u. 18. jhs. häufig genannten stirnen' schweiz. id. 3, 396; 8 schleyerköpfflein, 8 schlayerstirnen, 5 grober stirnen (unter weiberkleider, v. j. 1661) bei schwäb. nachtr. 2980; die jungfern trugen hier etwas, das stirne hiesz, [Bd. 18, Sp. 3196] 1 stürnen (v. j. 1774) schwäb. nachtr. 3213; (als brautkranz) ein myrtenkranz mit schleier oder künstlichen blumen, oder ... die in St. Georgen bei Freiburg umhergeliehene stirne dt. volksk. (1898) 175. 4) als fester ausdruck in fachtechnischem gebrauch hat sich das simplex stirn im wesentlichen nur im bereich der zimmerei und maurerei ausgebildet (in zusammensetzungen umfaszt stirn weitere sachgebiete, bes. der modernen technik). es bezeichnet die vorder- oder schmalseite eines gegenstandes oder bauteils, spezieller eine fugenstelle als aussparung oder erhöhung zur verbindung von teilen. hierhin gehört: s. Paulus ... versetzet die lebendigen steine nach dem bleyscheid und richtschnur der apostel und zeilet fein an, was gute haupter, stirn, bahn oder lager hat und verbindet sie mit dem rechten naphtha Sarepta (1571) 58a. a) in der zimmerei: oben (beim turmbau) werden die streben vermög gemachten stirnen in die hängesäulen eingestreifet zimmerkunst (1769) 38. für die schmale auszenseite eines rades: (das stirnrad) welches mit seiner stirn oder kamm in die spindeln des wellbaums eingreiffet v. georg. curiosa (1682) 1, 71; dasz sie (die räder) in andere ... räder oder wellen ... eingreiffen, und zwar entweder an der stirne oder an der seite ohnweit der peripherie onomatologia curiosa (1764) 1262; frons ... rotae stirn, d. i. äuszerer umfang eines rades Vitruvius (1800) anh. 33; vgl. auch stirnrad. — in kriegstechnischer zimmerei am geschütz: 'stirn, tête de l'affût, wird in der artillerie der vordertheil der laffetenwand genennet' kriegslex. (1757) 2, 1008; techn. wb. (1781) 4, 300a; techn. wb. (1902) 734; vgl. stirnblech, stirnriegel. b) besonders beim schachtbau im bergwerk: 'stirn ... bei der zimmerung die querschnittsfläche am ende eines stückes holz' s. bergm. ausdr. (1881) 92; 'fläche des an dem obern ende eines thürstockes behufs aufnahme der kappe (d. i. querbalken quer über den stollen) hergestellten ausschnittes, welche senkrecht gegen die holzfaser steht' bergm. wb. 464. ebenda bei der mauerung 'die freie dem beschauer zugekehrte fläche einer scheibenmauer' ebda; auszerdem 'der kopf eines steines' (d. h. 'der vordere, in die stirn einer mauer fallende theil eines steines') ebda. auf der schachtsohle selbst die vertikale fläche eines absatzes (first- oder strossenstirn) ebda, ebenso frz. front für die vordere seite der strossen. im bergmännischen noch 'derjenige ort von der schicht, dahin die letzten schlacken zur erlangung der nase gestürzt werden und davon deswegen zuerst im ofen ... aufgetragen wird' techn. wb. (1793) 7, 456a; 'bei der aufbereitung von dem auf einem wäschherde abgelagerten gereinigten schliche der oberste, reinste theil' s. bergm. ausdr. (1881) 92. c) in der architektur beim gewölbebau die nicht gewölbten beiden schmalseiten, vgl. 'stirn, tête, heyszt bey einem gewölbebogen die vordere seite des gewölbes, worinnen man die decke des gewölbebogens ... sehen kann' kriegslex. (1757) 2, 1008: an den enden oder stirnen des gewölbes techn. wb. (1781) 2, 85b; die beiden anderen seiten (des tonnengewölbes), die stirnen, erhalten keinen schub hochbaulex. (1902) 895; s. auch stirnbogen, stirnseite.
| |||||||||||||||
| ||||||||||||||||
| © 2010 by Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften an der Universität Trier Home | Impressum | Kontakt | ||||||||||||||||