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 PfWB Spiegel (Bd. 6, Sp. 268)   DWB stirn (Bd. 18, Sp. 3181) 
   Spiegel m.:
1.
a. 'glatte Fläche mit Reflexionsschicht, in der man sich selbst betrachten kann', Spiel, Spie'el (bīl, bīəl, biəl) [verbr. NPf NWPf (nördlich einer Linie KU-Dunzw KL-Hütschhs Schallodb KL-N'hemsb FR-Ebertsh Albsh Bockh), Christmann Kaulb 88 Mang 137 Müller Dietschw 61 PfId. 135 Krämer Gal 202], Spiggel (bigəl, biγəl) [mancherorts nördl. VPf PS-Hilst Vinn NW-Iggb Speybn GH-Zeisk, Bertram § 203], Spichel (biχəl) [verbr. mittl. und südl. WPf mittl. und südl. VPf mancherorts nördl. VPf, Heeger Südostpf. 18

[Bd. 6, Sp. 269]
Höh 93 Glass 110 Schmitt Billh. 31 Schandein Ged. 249], Spischel (biəl) [(neben Spichel) mancherorts mittl. VPf mittl. WPf SWPf, Schneckenburger 32, 59], Spijjel [NW-Kallstdt, NW-Appth Niedkch (Bertram § 201), Lambert Penns 139], Spiechel (bīχəl) [vereinzelt SPf, Damm Schoggelgaul 55]; ein Vergleich unseres um 1930 gesammelten Materials mit der Karte 4 in Herrgen Koronalisierung 88 (um 1980) zeigt, daß das Gebiet mit g-Schwund im Norden weitgehend unverändert geblieben ist; häufiger sind bei Herrgen jedoch die palatalisierten und koronalisierten Formen im übrigen Gebiet sowie die Meldungen mit spirantisiertem g im Südteil der Pf; Pl. wie Sg. [verbr.], Spischele [Hussong Kirkel 19]; Dim. Sg. Spielche, Spiggelche, Spichelche, Spischelsche [Verbr. wie Sg.], Pl. -cher [WPf NOPf], -lich [vereinzelt SOPf], -le [vereinzelt SPf östl. VPf]; Zs.: Erd-, PfWB Hand-, PfWB Rasier-, PfWB Wandspiegel. De Sp. laaft an 'beschlägt' [ LU-Alsh]. De Sp. hot Glanz [ RO-Duchr]. Guck nit in de Spichel [Kraus Putscheblum 58]. Ich wäsch mich grindlich, mol (male) vor m'Spichel / die Auedeckle, s'Schnißje an [Kraus Putscheblum 6]. Im Spiggel war dann bei der Pann / Nadürlich noch e Gans gestann [Kühn Kumödi 83]. RA.: ebbes hinner (an) de Sp. stecke 'sich etwas aufheben, merken, öffentlich machen' [NW-Haardt, mancherorts, Kröher Lyoner 133]; so glatt wie e Sp. 'sehr glatt, glänzend' [ZW-Battw, mancherorts Fogel Prov. Penns Nr. 1581]; glänze wie e Sp. 'sehr glänzen' [ ZW-Bechhf]. Volksgl.: Wammern Spiggel ferbrecht, gebt's en Leicht (Beerdigung), en Hochzich [Fogel Beliefs Penns Nr. 514, 327]. Mer soll en Kind net in der Spiggel gucke losse, ebs en Johr alt is, oder 's werd stolz [Fogel Beliefs Penns Nr. 40]. Wammern Katz in der Spiggel gucke loßt, laaft se net färt [Fogel Beliefs Penns Nr. 675]. Wenn im Hause jemand stirbt, werden die Spiegel verhängt oder zur Wand gedreht [KU-Glmünchw Herschw/Petth HB-Beed Bexb Kirk Limb Fogel Beliefs Penns Nr. 619], als Begründungen werden genannt: damit der Tote sich nicht spiegeln und wieder körperhaft werden könnte [Becker Vk. 142]; damit der Tote nicht sein zweites Gesicht sieht [Ecker 134]. —
b. 'Fensterscheibe', Spichel [Bliesgau (PfId. 135)]. —
2.
a. 'abgewetzte, glänzende Partien an Kleidungsstücken' [ ZW-Battw FR-Bockh SP-Heiligst]. An dem Anzugg sieht mer iwerall schun die Spiel [ FR-Bockh]. —
b. 'glänzender Rockärmel vom darauf abgeputzten Nasenschleim' [ KU-Diedk Kaulb ZW-Gr'bundb PS-Schweix KB-Kriegsf LU-Altr LA-Venn]; Zs.: PfWB Rockspiegel. Der hot Spichel uf de Ärmel [ PS-Schweix]. —
c. 'glänzende Flächen an den Hinterbacken bei gut herausgefütterten Pferden' [ BZ-Dernb]. —
d. 'andersfarbiger Fleck am Kopf von Tieren' [ PS-O'simt]; vgl. PfWB Bläß 1, PfWB Spiegel 4 a, PfWB Spiegelschaf.
e. 'glänzendfarbiger augenartiger Fleck auf Pfauenfedern'. On de Pooferrer is e scheener Sp. [ KU-Schmittw/O]. —
f. 'glän-

[Bd. 6, Sp. 270]
zende Stelle am Rückenschild des Maikäfers', vielfach nur Dim. [mancherorts ges. Pf]. Das Kind sagt zum Maikäfer auf der Hand: Weis mer dei Spielche, sonscht brech eich der Hals oun Bein [ WD-Niedkch, vereinzelt], sonscht dreh ich der de Kopp uf de Rick [ ZW-Gr'bundb], odder ich kepp dich [ KL-Weltb]. Maikäwwer, du's Spichelche raus, sonscht hau ich der 's Keppche ab [ PS-Gersb]. —
g. 'das Zentrum der Zielscheibe', in der Wend. Er hodden Spichel g'schosse 'Er hat ins Schwarze getroffen' [ LA-Gommh]. —
h. 'die Augen', zu Kindern, Spiggelich Dim. Pl. [ GH-Zeisk]. —
3.
a. 'zwischen zwei Wegen liegende Abteilung des Gartens', Spijjel [ NW-Kallstdt]. —
b. 'Streifen eines Ackers, der in einem Gang des Sämanns besät werden kann', Spiechel [ FR-Albsh]; Syn. s. PfWB Satel. —
c. 'Füllung, Fläche zwischen den Balken eines Fachwerks', Spichel [ PS-Schmalbg]; vgl. PfWB Spiegelwand. a. 1621: Maurerarbeiten: den Haußehren in der Schaffnerey mit backhensteinen zu belegen ... die Flaisch Cammer zu bestechen, etliche Spiegel zuzumauern [WerschwSchR 280]. —
d. 'Fach, Abteilung, Täfelung in einer Tür', u. ä., Spiggel [Beam Penns 86]. —
4.
a. Name für Rinder (mit einem Fleck auf der Stirn, vgl. PfWB Bläß 2, PfWB Spiegel 2 d, PfWB Stern 3, PfWB Stirne 1 b), Spiel [ KU-Breitb], Spiechel [ PS-O'simt]. —
b. Lockruf für Rinder, Spichel [ PS-Bruchw Hengsbg Hirschth]. —
5. FlN, amtl. Im (Am) Spiegel [ FR-Bockh NW-Mußb], mda. Em Spiel [ FR-Bockh]. —
6. vgl. PfWB Augen-, PfWB Eulenspiegel. — RhWB Rhein. VIII 326/27; LothWB Lothr. 486; ElsWB Els. II 535.

 

 stirn, f. , frons. ein im wesentlichen hd. wort: mhd. stirn(e), ahd. stirna, s. auch gestirn 'frons' teil 4, 1, 2, 4236. as. unbezeugt, mnd. gelegentlich im 15. u. 16. jh. als sterne Schiller-Lübben 4, 391b, in nd. mundarten s. u.; mnl. stern(e) Verwijs-Verdam 7, 2095. im ags. nur in dem adj. steornede 'frontalis vel calidus' Bosworth-Toller 918a (vgl. stirnig). ins schwed. dringt das wort aus dem nd. in dem eigennamen Oxenstierna, s. Hellquist 558b; das nord. simplex stjärna ist 'stern', s. oben sp. 2459 u. Hellquist 872b.
unklarer herkunft, vielleicht verwandt mit gr. στέρνον 'brust'; mit diesem wird stirn (germ. *sternô) als ursprünglich 'breit' zu idg. sterə 'streuen' gestellt, vgl. ai. stīrṇá- 'ausgebreitet', lat. sternere, gr. στόρνυμι, στρώννυμι, abulg. str, strěti 'strecken', strana 'fläche, gegend, seite', kymr. sarn 'stratum, pavimentum', vielleicht auch strand Fick 34, 485, Walde-Pokorny 2, 639, Franck-van Wijk 674. eine verbindung von stirne mit stern als 'stern', d. h. 'glatze', 'kahle, dann hohe stirne', sowie mit sterilis als ursprünglich 'sternig', d. h. 'kahl', dann 'unfruchtbar' (E. Leumann in: unters. z. idg. sprachw. 7, 142) ist weniger wahrscheinlich.
ursprünglich ist die zweisilbige form: stirna (gloss. Junii) ahd. gll. 3, 362, 19, stirne (hs. d. 13. jhs.) ebda 3, 353, 48, Konrad v. Würzburg troj. krieg 36576, Egranus pred. 147 Buchw., Moscherosch ges. (1650) 2, 74, Bodmer schr. (1741) 1, 78, Wieland Agathon (1766) 1, 14, Immermann w. 1, 112 Boxb.; im lauf d. 19. jhs. schränkt sich die form stirne mehr auf die rhythmisch und reimmäszig bedingte anwendung in gebundener sprache ein (z. b. stirne: gestirne Storm s. w. [1898] 8, 215), nur Stifter und G. Keller wenden stirne auch in der prosa regelmäsziger an, z. b. A. Stifter s. w. (1901) 1, 214; 3, 84; 3, 192; 3, 299; G. Keller w. 1, 132; 2, 79; 3, 12; 4, 256; 5, 25; 6, 22. gerade Schweizer mundarten bewahren die zweisilbigkeit, z. b. stirnə Hotzenköcherle Mutten 94, stirna Stucki Jaun. 130. — apokopiertes stirn begegnet zuerst im

[Bd. 18, Sp. 3182]
späteren mhd.: stirn (Heinrici summ.) ahd. gll. 3, 69, 63 (hs. 15. jh.), passional 287, 65 H., schweizer Wernher Marienleben 5850 P., Luther 10, 2, 107 W., Spee trutznachtig. (1649) 91, Herder 16, 144 S.; im 19. jh. wird stirn die herrschende form der prosa.
aus den schwach flektierten formen (s. u.) entsteht gelegentlich ein nom. sing. stirnen, seit dem frühnhd.: Altenstaig voc. (1516) 31b; N. Manuel 24 B.; W. Heinse s. w. 4, 337 Sch.mit sekundärvokal im frühnhd. stiren (hd.-böhm. v. j. 1470) Dieffenbach gloss. 248c; Osw. v. Wolkenstein 187 Sch.; styren Berthold v. Chiemsee teutsch theolog. 434 R.; stiren bei Baumann bauernkr. in Oberschwab. 257; dazu mundartl. štirən Fischer schwäb. 5, 1777. ein abfall des n ist mundartl. rhein. u. md. verbreitet: štir Follmann dt.-lothr. 500a, Rovenhagen Aachen 140, lux. ma. 425, Kisch Nösen 217a, stär, stör Müller-Fraureuth obersächs. 2, 566.
der älteren schreibung mit ie: stierne Heinrich v. Neustadt Apoll. 13205 S., stiern fastnachtsp. 69 K., Voigtländer oden u. lieder (1642) 108 entspricht in den mundarten sekundäre diphthongierung: stian Leithäuser Barmer ma. 151, šteənnə, štirə(r)nnə Berger St. Galler Rheintal 38 u. 74. — rundung stürn(e) Stephan Fridolin dt. pred. 103 Schmidt, zimmer. chron. 3, 253 B., Voigtländer oden u. lieder 82, stürnen (v. j. 1774) bei Fischer schwäb. nachtr. 3213, vgl. mundartl. sturn ebda 5, 1777. — e im stammvokal ist md. und hauptsächlich nd., vgl. oben Schiller-Lübben und das mnl., dazu steyrn (15. jh. md.) Diefenbach gloss. 248c, steyrne (md. > nd., 15. jh.) ebda 536a, sterne (nd. v. j. 1425) ebda 248c, sternen (acc.) Moritz v. Sachsen pol. korr. 1, 600, stern Lauremberg scherzged. 2, 23 lit. ver. in moderner mundart steern brem.-nds. wb. 4, 1030, stern, stiern Mensing schlesw.-holst. 4, 850, steern Dähnert plattdt. 459, stern Mi mecklenb. 87a, stärn Danneil altmärk. 209b; aber auch štern(ə) Fischer schwäb. 5, 1777, stern Martin-Lienhart elsäss. 2, 615, šternə Berger St. Galler Rheintal 41.
seit der ersten bezeugung obliquer formen steht starke und schwache beugung nebeneinander, z. b. stark: in sîne stirne Konrad v. Würzburg troj. krieg 20743; plur. die stirne minnes. 2, 287b v. d. Hagen; im nhd. ist nur mehr der sing. stark bezeugt: an der stirn H. R. Manuel weinspiel 2812, Opitz t. poem. 43 ndr.; auf seiner stirn Lessing 3, 166 L.-M.; der stirn Göthe IV 41, 121 W.; über die ... stirne G. Keller ges. w. 2, 79; über stirn und augen Fontane ges. w. I 5, 155. — schwache beugung im sing. begegnet bis ins 18. jh.: an der stirnen K. Fleck Flore 2751; durch sin stiernen K. v. Helmsdorf 2620; auf der stirnen Paracelsus op. (1616) 2, 522 Huser; J. Grob dicht. versuchg. (1678) 21; mit krauser stirnen Gottsched crit. dichtk. (1751) 21; der stirnen falte Dusch verm. w. (1754) 318. der schwache plur. wird die norm: Tauler 195, 30 V.; an den stirnen volksb. v. dr. Faust 77 ndr.; die stirnen Stieler (1691) 2172; maler Müller w. (1811) 2, 215; solchen stirnen Justi Winckelmann (1866) 2, 1, 143.
wie im simplex starke und schwache flexion nebeneinander, so stehen in älterer sprache auch im compositum formen mit stirnen- neben solchen mit stirn-. seit dem 19. jh. kommen die stirnen-formen nur noch in obd. mundart (s. stirnband 1 schlusz, stirnjoch) und aus rhythmischen gründen in der poesie (s. stirnader) vor. bedeutung und gebrauch.
stirn ist hauptsächlich ein wort der schriftsprache. mundartl. verbreiteter ist es nur in rhein. gegend, im elsäss. Martin-Lienhart 2, 615a und in einigen nd. gebieten. im schwäb.-bair. ist es wenig gebräuchlich geworden, s. Fischer 5, 1777 und Schmeller-Fr. 2, 784.
1) stirn als teil des kopfes, des gesichtes.
a) allgemein: zu disem wirt auch ... das euszerlich haupt in sechs stück getheilet: die erste statt ist frons stirn, die facht an ob den augbrauwen, steigt in die höhe, bisz da das haar wachset Chph. Wirsung artzneybuch (1588) 58; ähnlich Calepinus XI ling. (1598) 617a.

[Bd. 18, Sp. 3183]

hierher gehören die spärlichen zeugnisse aus dem späten ahd., die sich auf die glossierung von frons durch stirna ahd. gll. 3, 69, 63; 3, 362, 19; stirne 3, 353, 48 beschränken. vgl. aus frühnhd. zeit: frons stiren; glabella eyn kale stiren Diefenbach gloss. 248c; 264a (v. j. 1470); sinciput styrne, steyrne (15. jh.) ebda 536a.
literarisch begegnet stirn erst seit dem klassischen mhd.:

ir hâr, ir stirne, ir tinne
Gottfried v. Straszburg Tristan 923 B.;

diu stirne wart im und der schopf
sô gar verschrôten über al,
daz helmes boden und diu schal
des hirnes vielen ûf daz gras
Konrad v. Würzburg troj. krieg 36576;

die stirnen halbe er (der schleier) verdakt
schweizer Wernher Marienleben 12901 P.;

des wirbels höhe ... ist mitten zwischen scheitel und stirn A. Dürer menschl. proportion (1528) a 3b; ein kopffwehe, so von den haaren ein fingers lang auff der stirn bisz an dasz rechte augbraun Elis.-Charlotte v. d. Pfalz briefe 2, 118 Holland; drumb schleuderte er ihm den stein wieder die stirne Chr. Weise die drey klügsten leut (1675) 41;

und einen rosenzweig um seine stirne krümmet
Ph. Zesen hel. rosentahl (1669) 103;

wollt ich die lorbern selbst um stirn und scheitel flechten
Gottsched dt. schaubühme 1 (1741) 27;

als Wilhelm mit einem ... pudermesser seine stirne gereinigt hatte Göthe 21, 147 W.; wo die männer die beulen an die stirn kriegen Weigand Löffelstelze (1919) 123. — ebenso vom vorderschädel des tieres:

wan ein bechswarzer strich
an der stirnen (des pferdes) ane vie
Konrad Fleck Flore 2751;

recht dick als ochsen stirnen Tauler 195, 30 V.;

ein schuss im streifts ross an d stirn sein Teuerdank 204 Göd.;

ein wenig haare von der stirne des ochsen Lohenstein Arminius (1689) 1, 10b;

die schön gehörnte stirn ist an den meisten (kühen) weisz
Brockes ird. vergnügen (1721) 2, 170;

legt ihre hand auf der rehmutter stirne maler Müller w. (1811), 1, 19;

in der lenzzeit schmückt der kibiz seine stirn mit neuem kamm
Freiligrath ges. dicht. (1870) 5, 186;

dasz er (der walfisch) ein bein auf der stirn hat Wimmer gesch. d. dt. bodens (1905) 411.
auch anthropomorph in bildlicher anwendung, vgl. 3:

die reine stirn der morgenröth
war nie so fast gezieret
Spee trutznachtigall (1649) 5;

ein kranz von gold, purpur und violet flocht sich rund um die stirn des himmels L. Tieck schr. (1828) 8, 47; (bei einer ballonfahrt) taumelte sie (die erde) gleichsam zurück, an ihrer äuszersten stirn das Mittelmeer wie ein schmales, gleiszendes band tragend A. Stifter s. w. (1901) 1, 21; das osterfest knüpfte den kranz, welchen das fest der freude, ... pfingsten, dem jungen jahr auf die stirn drückte W. Raabe hungerpastor (1864) 1, 42;

und felsen mit der stirn bis in die wolken gehn
Gottsched neueste ged. (1750) 59;

nur stand noch die erhabenste stirn eines berges aus den fluten empor, ... nur der oberste gipfel noch aus der verwüstung S. Gessner s. schr. (1787) 2, 263; von dem steilen Wiggis, dessen stirne mit wolken bedeckt war U. Bräker s. schr. (1789) 2, 258;

doch hoch nun steht er (der baum) auf des berges stirn
Müllner dram. w. (1828) 3, 133;

die stirn der von süden her streichenden hochfläche bildend scheint er (der felsen) seine kante zum tummelplatz für wind- und nebelspiele vorzustrecken L. Laistner nebelsagen (1879) 109.

[Bd. 18, Sp. 3184]

b) in geläufigen wendungen: dasz ihm der schweisz vor der stirne steht Abr. a s. Clara etwas für alle 2 (1711) 68; (er) trocknete den schweisz, der ihm in groszen tropfen vor der stirne stand Musäus volksmärchen 1, 50 Hempel; der schweisz trat ihm auf die stirn G. Freytag verl. handschr. (1905) 2, 373; dasz mir das wasser die stirn herunter läuft maler Müller w. (1811) 1, 325;

von der stirne heisz
rinnen musz der schweisz,
soll das werk den meister loben
Schiller 11, 305 G.

kalt tritt der todesschweisz ihm vor die stirn
J. D. Falk satiren (1800) 1, 33.


stehit von dussem Hammon geschreben, wie das he hornere an der stirn gehabt habe Wigand Gerstenberg chronik 392 Diemar; zway klaine horn, spizig, wol als ains schchs brait von ainander an der stirnen U. v. Richenthal Constanzer concil 100 lit. ver.; macht er einen jegklichen ... ein hirschhorn an die stiren Mich. Lindener rastbüchlein 92 lit. ver.; da seynd ihm auff dem stiern zwey hörner herfür geschossen Abr. a s. Clara Judas der ertzschelm 1 (1686) 117; sorgfältiger kann nicht ein freund bedacht seyn, seinem freunde die hörner von der stirne wegzuschaffen Herder s. w. 3, 64 S.
c) durch beiwörter näher gekennzeichnet:
heisz und kalt:

wenn ein wackrer mann
mit heiszer stirn von saurer arbeit kommt
Göthe 10, 186 W. (Tasso 3, 4);

wie der fieberkranke ..., der nach der kühlen, kalten hand greift, um sie an seine heisze stirn zu legen fürst Pückler briefw. u. tageb. 1 (1873) 319; die heisze stirn des denkers über seinem buche W. Raabe chron. d. sperlingsgasse (1894) 16;

die stirn wird mir so schwer und warm
W. Müller ged. 1 (1868) 68;

meine stirne, sonst
so warm, fühl! ist auf einmahl eis
Lessing 3, 16 L.-M. (Nathan 1, 2);

die stirne ist ihm kalt, — er ist verschieden
Grabbe w. 1, 316 Blumenthal;

sie küszt ihn. aber kalt seine stirne, erloschen sein aug maler Müller w. (1811) 1, 264.
hoch und breit:

ir stierne hoch, ir prä prawn
Heinrich v. Neustadt Apollonius 13205 S.;

ir stirne was getranges frî
und doch nit ze breit dâbî
Walther v. Rheinau Marienleben 26, 50 K.

ir stirn was hoch N. v. Wyle translationen 22 K.;

deiner hohen stirne prangen ...
ist mein hoffen und verlangen
Ph. Zesen verm. Helikon (1656) 2, 85;

so drück ich meinen vollen frohen kranz
dem meister Ludwig auf die hohe stirne
Göthe 10, 106 W. (Tasso 1, 1);

vgl. dazu die umgangssprachliche wendung eine hohe stirne haben 'klug sein', s. a. hauge steren 'viel verstand' für Westfalen bei Wander sprichw. 4, 867. — eine breite stirn fronte larga Kramer t.-ital. 2 (1702) 979a; die breite stirn Cleanths Gottsched neuest. a. d. anm. gelehrsamkeit (1751) 3, 240; mit ... ihrer prächtigen breiten stirn E. M. Arndt s. w. 1, 9 R.-M.
daneben die bezeichnungen des gegenteils. kurz u. ä.:

sy hat ein hübsche stirnen
dy ist smal als ein risterpret
Mich. Behaim bei
Schmeller-Fr. 2, 784;

frons brevis ein kleine oder kurtze stirn Frisius dict. (1556) 165a; schmale, enge, nidrige ... stirn Kramer t.-ital. 2 (1702) 979a; die Mexicanerinnen loben eine schmale stirne d. discourse d. mahlern (1721) 2, 157; was man bisher von ... kurzen stirnen ... gesagt hat Lichtenberg nachlasz (1899) 76; dieser junge mensch mit der engen stirn T. Kröger leute eigner art (1904) 205; weil die niedrige stirn (des affen) bis auf die augenbrauenbogen verkümmert ist Brehm tierleben (1890) 1, 103.

[Bd. 18, Sp. 3185]

seit neuerer zeit erst erscheint gewölbt; vgl. stirngewölbe und stirnwölbung:

sieh! eine stirn, so oder so gewölbt
Lessing 3, 14 L.-M. (Nathan 1, 2);

aller unmuth verschwand von seiner gewölbeten stirne
Zach. Werner ged. (1789) 70;

er nahm sich mit seiner gewölbten stirne ... vortrefflich aus G. Keller ges. w. 5, 25. auch fliehende stirne 'nach rückwärts gerichtete, hohe, ansteigende stirne' Höfler krankheitsnamenb. 688.
schön:

sin stirne schoen
Boner edelstein 38, 5 Pf.;

ein schöne stirnen zu machen O. Gäbelkover artzneyb. (1595) 2, 105; schön an stirne Logau sinnged. 382 Eitner;

der die goldne binde
ihr um die schöne stirne flechten wird
Schiller 14, 39 G.;

inmitten der schönen stirn des weibes war eine falte Storm s. w. (1898) 6, 301.
weisz:

dieser weiszen stirne schein
Simon Dach 127 Öst.;

an einer blendend weiszen stirne zeigten sich zarte, dunkle, sanftgebogene augenbrauen Göthe 22, 85 W.; vgl. dazu die freieren poetischen verbindungen: also verwundert er sich auch ... der schneeweiszen ebene ihrer milchfarben stirn buch d. liebe (1587) 113a;

der glieder zier, die hyacinthnen locken,
die stirn von elfenbein, die daubenaugen
Wieland s. w. (1794) suppl. 2, 131;

der stirne lilienschimmer
Fr. Kind ged. (1817) 1, 129.


glatt, gerunzelt u. ä.: für den begriff 'glatt' hat das mhd. eben:

ir stirne was ...
schœn eben und frœlich
Walther v. Rheinau Marienleben 26, 50 K.,

und schlecht:

sin (Jesu) stirn wunneklich und schlecht
schweizer Wernher Marienleben 5850 P.

glatt selbst ist nhd., vgl. d. teil 4, 1, 4, 7711, s. dazu noch:

ir glatte stirn so wol formiert
Scheit Grobianus 2135 ndr.;

ist die stirne rund und glat
Voigtländer oden u. lieder (1642) 67;

mit wendung ins seelische: was du grübelst, thu es unter einer glatten stirn W. Alexis Roland v. Berlin (1840) 1, 34. weitere beispiele hierfür unter glatt. für die bezeichnung der faltigen stirne erscheinen als alte stehende wendungen ausdrücke mit rümpfen und runzeln (vb. u. subst.):

sein rück ist im gepogen ...
hat runtzel an der stirnen,
am leyb ist er ungesund bergreihen 106 ndr.;

das ist ouch also ze lesen mit gerympfter nasen und gerüntzleter stirnen Terenz deutsch (1499) 47a; das alter macht geruntzelte oder gerümpffte stirnen Frisius dict. (1556) 493a. insofern das faltenspiel der stirn ausdruck und gradmesser innerer vorgänge ist, s. unten 2 b α. ohne diesen beiklang: seine stirn war faltenlos Just. Kerner bilderbuch (1849) 76;

matt das auge, kraus die stirne,
schwach der arm und grau das haar
Hoffmann v. Fallersleben ged.9 (1887) 59.


d) typische gesten mit stirn.
sich vor, an die stirn schlagen, vgl. latein. frontem ferire: da wart er als zornig daz er im selber eynen streych an die stirn tet d. heyl. leben, summerteil (1472) 49a; oft musz ich mich vor die stirne schlagen, dasz ich nicht lieben kann wie sie U. Bräker s. schr. (1789) 2, 193; 'ich unglückseliger!' rief Wilhelm, indem er sich vor die stirne schlug Göthe 22, 244 W.; da schlug er sich plötzlich vor die stirn, jetzt wuszt er auf einmal das lied Eichendorff s. w. (1864) 3, 425; sieht sich ungläubig um, ... schlägt sich vor die stirn G. Hauptmann d. weber (1892) 90.

[Bd. 18, Sp. 3186]

die stirn reiben: es ist der brauch deren, die mit schaam etwas thnd, dasz sy das angesicht oder die stirnen streychend oder reybend Frisius dict. (1556) 979b; erseufftzeten sie ab desz ... gleichsnerischen fürgeben inmaszen, dasz sie die stirnen reiben C. Wurstisen Pauli Ämilii historien (1572) 2, 20; 'das heiszt', erinnerte der baron und rieb sich die stirn Immermann 1, 10 Boxb.; auch du hast einmal gedacht und dir die stirne gerieben A. v. Arnim trösteinsamkeit 7 Pfaff.
die hand an, vor die stirn legen, die stirne stützen u. ä.: stand er etwa da, als wenn er vor den kopf geschlagen wäre? ... legte er etwa die hand an die stirne? Lessing 1, 298 L.-M.;

und der neuentthronte kaiser stützte
seine stirne mit der tapfern hand
Platen w. 1, 3 R.;

Sappho legt, in gedanken versunken, die stirn in die hand Grillparzer s. w. 4, 154 S.; er ... legte die hand über stirn und augen Fontane ges. w. I 5, 155.
heben und senken der stirn, vgl. DWB das haupt erheben, hochtragen teil 4, 2, 600, den kopf heben, hoch tragen teil 5, 1753, s. auch teil 11, 1, 1, 1069: richt auff die stirne und bisz frölich A. v. Eyb spiegel d. sitten (1511) bb 2a; bildlich: ain yeder hoffartiger ist unleidenlich ... mit ainer auffgeworffen stiren in worten und wercken ebda a 7b. modern die stirne hoch tragen, vgl. ital. tener alta la fronte 'stolz sein', frz. marcher le front levé 'sicher auftreten': die stirne hoch tragen 'stolz seyn, thun' Hübner zeitungslex. (1824) 4, 419b; unter den sich jetzt mancher schmiegen musz, der sonst die stirn hoch getragen Ranke s. w. 2, 200; sie (die verräter) tragen die stirn hoch, sie finden öffentlich verteidiger Bismarck polit. reden 4, 131. — die stirne senken für traurig, demütig sein (vgl. ital. a bassa fronte 'scham-, reuevoll'):

o so musz für trübem kräncken
blosz der mensch die stirne sencken
Logau sinnged. 148 Eitner;

alle meine gespielen senkten traurig die stirnen maler Müller w. (1811) 2, 215.
2) die stirn wird als spiegel geistiger und seelischer anlagen und vorgänge angesehen, ihr aussehen wird dementsprechend physiognomisch interpretiert: das ander, welches den menschen zieret, ist die stirn, zumaln wann sie hoch, brait und glatt ist. eine solche stirn ist ein anzaig eines guten hohen verstandts und sanfftmütigen geists Äg. Albertinus hirnschleiffer (1618) 50; der stirnen ist nicht zu glauben B. Schupp schr. (1663) 763; solte jeder christ ... die wahrsagungen aus denen liniamenten der stirne, händen und füszen ... vermeiden Leipziger avanturieur (1756) 1, 14; der gedanke dieser stirn, blick des auges, ... wie alles spricht Lavater physiognom. fragm. (1775) 1, 5; nun gibts freilich schwache und träge menschen mit groszen, hohen stirnen, aber nicht alle hohe und grosze stirnen sind zeichen der schwachheit und trägheit ders. handbiblioth. f. freunde 5 (1793) 176; aus den augen, aus den falten der stirn, ... aus jedem zuge stralte hoher genius Müller v. Itzehoe Siegfr. v. Lindenberg (1779) 91; auf stirn, nase und in den augen konnten götter wohnen E. M. Arndt s. w. 1, 111 R.-M.; dicht über den augenbrauen springt die schnelligkeit der conception hervor, ... aber darüber fehlt die stirn, in welcher die phrenologen die besonnenheit suchen Bismarck ged. u. erinn. 1, 236 volksausg.
diese grundanschauung von der ausdrucksfähigkeit der stirn führt zu einer groszen anzahl fester wendungen mit stirn, die überwiegend gemeingut der abendländischen sprachen sind, wobei es offen bleiben musz, wieweit sie aus dem bereits ausgebildeten, fast alle geläufigen ausdrücke und wendungen umfassenden schatz des lateinischen stammen, wieweit sie gegenseitige entlehungen der modernen sprachen oder jeweils unabhängig aus gleichen vorstellungen erwachsen sind.
im deutschen begegnen derartige verwendungen seit dem mhd.; reicher setzt dieser gebrauch aber erst seit dem humanismus

[Bd. 18, Sp. 3187]
des 15. und 16. jhs. ein, und zwar zunächst in form bestimmter, starrer verbindungen, während freiere redensarten im wesentlichen erst seit dem 18. jh., dafür aber in bunter fülle, gängig werden.
a) wesen und innere vorgänge sind von der stirn abzulesen:
α) an der stirne stehen, gegraben, geschrieben stehen oder sein:

ich wolt und das mit pustabin
eines yden trawe wær wol begrabin
do an sein stiren voren
Caspar v. d. Rhön heldenbuch 2, 108 v. d. Hagen-Primisser;

daz in alle ir boszheit an der stürnen wer gestanden Stephan Fridolin dt. pred. 103 Schm.; ists yhm (die auferstehung) an der styrn gemalet? Luther 18, 195 W.;

ja, stündts ihr an der stirn geschrieben,
was sie für ehebruch hat gethan
J. Ayrer dramen 1318 K.;

wie könt ihr mir dasjenige läugnen, dasz ich an euren stirnen angeschrieben sihe Grimmelshausen 2, 819 Keller; und steht nicht iedweden seine kunst an der stirne Schoch studentenleben (1657) b 1b; es ist niemanden an die stirne geschrieben, wer er ist Lessing 2, 164 L.-M.; wo zwang und verwünschung unsrer peinlichen lage auf unsrer stirne gemalt stehen Knigge umgang mit menschen (1796) 1, 18;

es steht ihm an der stirn geschrieben,
dasz er nicht mag eine seele lieben
Göthe 14, 176 W. (Faust 3489);

was vornehm ist, dem steht es auf der stirne Bauernfeld ges. schr. 5, 20; etwas von der eigenheit stand Michael Denier auf die kurze, starke stirn geschrieben E. Zahn die da kommen u. gehen (1909) 37.
dazu die korrespondierende wendung an der stirne (an)sehen, erkennen: wir könnens doch niemand an der stirne gemalt sehen, wer heilig ist Luther 28, 177 W.;

ich sihe dirs an in der stirn,
du habest weder kopff noch hirn
Fröreisen gr. dramen 2, 234 Dähnhardt;

wie jeder ist und was er kan,
sieht man im an der stirnen an
Eyering prov. copia (1601) 3, 564;

man soll ja einen ehrlichen mann an der stirne erkennen Moscherosch gesichte (1650) 2, 74; jeder müszte ihm seine schande an der stirn ansehen Eichendorff s. w. (1864) 3, 311.
das dem geschrieben sein entsprechende an der stirne lesen tritt erst im laufe des 17. jhs. auf:

wer kunt ihr nicht an der stirn ädle zucht und keuschheit lesen?
Neumark fortgepfl. lustw. (1657) 2, 41;

auf der stirne und in den augen kan man die briefe des hertzens lesen P. Winckler 2000 gute ged. (1685) g 6b;

ich konnt an deiner stirn die innre reue lesen
Gottsched dt. schaubühne (1741) 2, 146;

er sah gewisz recht wacker aus
und ist aus einem edlen haus.
das konnt ich ihm an der stirne lesen
Göthe 14, 132 W. (Faust 2682);

es gäbe keine geselligkeit, ... wenn die gedanken der menschen auf ihrer stirn zu lesen wären M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 1, 46; jedem sind seine neigungen von der stirn zu lesen Fontane ges. w. I 5, 29.
β) zeichen an der stirn. ursprünglich konkret:

ein zeichen macht der valant
den sinen an die rehten hant
und vornen an die stirne
Heinrich v. Neustadt gottes zukunft 5692 S.;

(der priester) macht dem kinde das zceichen des kreutzes an die stirne Egranus pred. 147 Buchw. dann übertragen: er hat ein brantmal auff der stirn Seb. Franck sprüchw. (1545) 1, 19b; das ist vom zeichen oder sigel, so an der auszerwelten stirnen getruckt ward Fischart binenkorb (1588) 194b; und trage das maalzeichen Christi an meiner stirne Jac. Böhme theos. sendbr. (1682) 240; diese allein sollten den heiligen namen der rezensenten tragen, der

[Bd. 18, Sp. 3188]
... an so unzähligen stirnen schon ein brandmal geworden ist Lenz vertheidigung (1776) 15; dasz Dante sich zu so grober schmeichelei erniedrigt und damit seinem werk das brandmal auf die stirne gedrückt habe? I. v. Döllinger akad. vortr. (1888) 1, 98; einige (gedichte) ..., welche das kennzeichen ihres alters selbst an der stirne führen Morhof unterr. v. d. dt. spr. (1682) 2, 3; kurz, (es trägt) das siegel eines Klopstoks auf der stirne Schubart br. bei Strausz w. 8, 41; was ... das ächte gepräge des genies an der stirn trägt, gleicht einem eigenen wesen W. v. Humboldt ges. schr. 1, 317; wozu machte er (gott) den menschen und drückte ihm das siegel der majestät und freiheit auf die stirn? E. M. Arndt schr. f. u. an s. lb. Deutschen (1845) 1, 254; männer ..., die den stempel langjähriger ernster gedankenarbeit auf der stirn trugen Storm w. (1899) 1, 157; meine schriften (tragen) das gepräge der redlichkeit auf der stirn Schopenhauer w. 1, 19 Gr.; da ... derselbe (rat) ... alle spuren der unvernunft an der stirne trug A. Stifter s. w. (1901) 3, 84. schlieszlich braucht zeichen nicht mehr ausdrücklich gesagt zu werden: die das heilige wort frei mit unrecht an ihrer stirne tragen Schubart leb. u. gesinnungen 1, 119; nichts ..., was die unsterblichkeit an der stirne trägt Hölty ged. (1869) 222 Halm; eine sache ..., die ihre ungerechtigkeit an der stirne trug W. Hauff w. (1890) 1, 44; ein haus, ... das den hasz seiner beiden besitzer offen auf der stirne trug O. Ludwig ges. schr. 2, 305.
γ) auf der stirn sitzen, ruhen u. ä.: was für eine weise erfahrenheit sitzt auf seiner stirne! Dusch verm. krit. u. sat. schr. (1758) 141; ein furchtbarer, zurückschreckender ernst sasz auf seiner stirne Schiller 8, 144 G.; von jener trauer, die auf seiner stirne sitzen sollte A. Stifter s. w. (1901) 3, 194;

zucht losieret auff ihrer stirn
Weckherlin ged. 1, 116 Fischer;

auf seiner stirn lag eine imponierende würde E. T. A. Hoffmann s. w. 10, 45 Gr.; dasz auf seiner stirne eine artt rauer wohne A. Stifter s. w. (1901) 3, 192;

aber mein verzeihen ruht
ja auf deiner stirne bei
Erlach volksl. d. Deutschen 3, 123;

mit einem male lag etwas leuchtendes um seine stirn Fontane ges. w. I 4, 347.
b) wesen und innere vorgänge werden durch beiworte zu stirn gekennzeichnet.
α) die gerunzelte stirn als ausdruck des unwillens, von kummer, ernst, gedankenarbeit (vgl. oben 1 c schlusz): mit geruntzleter stirnen, das ist unwirsch, traurigklich, mit unwillen Frisius dict. (1556) 586b; sie verstellen ihr angesichte, sie rümpffen die stirn, gehen traurig herein und hengen den kopff (zu Math. 6, 16) biblia (Nürnberg, Endter 1662);

wer murrt und runzelt denn die stirn,
wenn Amor singt und Venus schlägt die zither
Kasp. Stieler geh. Venus 137 ndr.;

diese vermeynten weisen runzeln ihre ernsthaften stirnen und schaudern schon bey dem worte lust Gottschedin br. (1771) 1, 197;

würdiger freund, du runzelst die stirne; dir scheinen die
nicht am rechten orte zu sein scherze
Göthe 1, 302 W.;

sobald Friedrich die pferde erblickte, runzelte er die stirne M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 4, 62.
die stirn rümpfen lebt nur bis ins 17. jh.; vgl. die stirnen entrümpffen, das ist sich frölich erzeigen und guter dingen seyn Frisius dict. (1556) 586b;

verker die augen, rümpff die stirn,
das zeigt in dir ein fräches hirn
Scheit Grobianus v. 209 ndr.;

(die löwin) förcht ihre widersacher nit ...
und rümpfft die stirnen unerschröckt
Spreng Äneis (1610) 240a;

man rumpfe die stirn Reinicke fuchs (1650) 265.

[Bd. 18, Sp. 3189]

die neuzeit kennt dafür die stirn falten (vgl. stirnfalte):

ja, die alten entfalteten selbst die stirn und empfanden
Wieland I 1, 159 ak.-ausg.;

du hassest die gefaltnen stirnen
J. A. Schlegel verm. ged. (1787) 1, 5;

und ob es unserm herzen
zu trauern ziemte und dem ganzen reich
in eine stirn des grames sich zu falten Shakespeare (1797) 3, 149 (Hamlet 1, 2);

über den grauen, hellblickenden augen faltete sich seine stirn wie in beginnender geistiger arbeit Storm s. w. (1898) 4, 215. dazu die stirn in falten ziehn, falten (auf) der stirn u. ä.:

solte das mich heimlich kränken
und die stirn in falten ziehn?
v. Göckingk ged. (1780) 1, 78;

leise falten waren über ihre stirn gezogen Göthe 23, 82 W.; der herr Leonhard schien verdrieszlich zu sein, er hatte zwei zornige falten auf der stirn Eichendorff s. w. (1864) 3, 39; immer drohender zogen die falten auf seiner stirn sich zusammen M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 4, 19. dazu: mit ... faltiger stirne spricht der mörder maler Müller w. (1811), 1, 108;

der scherz spricht frech und geil, der ernst mit krauser stirnen
Gottsched vers. e. crit. dichtk. (1751) 21;

ein strenger mann, von stirne kraus
Göthe 5, 184 W.


β) offne und freie stirn. zunächst rein anschaulich:

Helena gar schone was ...
ir stirne was offenbar,
ir ougen luter und clar
Herbort v. Fritzlar liet v. Troye 2493;

dann in widerspiegelung inneren lebens: wie solt ir yetz (nach aufdeckung der verderbtheit) mit freier, öffentlicher stirnen im gericht mögen erscheinen J. Sleidanus reden 116 lit. ver.; ihre offenbare stirn zeugete zugleich von redlichkeit und majestet A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 144; ein offenes herz zeigt eine offene stirn Schiller 3, 95 G.;

frei und offen
wie meine stirne trag ich mein gemüth ebda 2, 69;

verkehrten und verderblichen ansichten ... der zeit mit offener stirn entgegentreten allg. lit. zeitung (1843) 561.
auch frei zunächst soviel wie glatt:

mein wissen runtzelt nicht die immer freie stirn
Wieland s. w. (1794) suppl. 1, 581;

mit starkem goldenen haar, welches man immer über die freie stirne zurückgestrichen ... zu sehen glaubte G. Keller ges. w. 2, 79. 'freimütig': ich spreche mit freyer stirn: ich erkenne sie dafür Lichtenberg verm. schr. (1800) 1, 73.
ähnlich bei klar: der kopf der madonna ist einer der schönsten ... köpfe. wie klar die stirnen, wie reizend das lichte kastanienhaar W. Heinse s. w. 4, 337 Sch.;

nun öffnet sich die stirne klar,
dein herz damit zu glätten
Göthe 6, 44 W.


γ) dem gesellen sich, wesentlich seit dem 18. jh., adjektiva und verba für den stimmungsgehalt der stirn hinzu (heiter, erheitern, aufheitern; trüb, finster, düster, trüben), die sämtlich zugleich auch die beschaffenheit des firmamentes stimmungsmäszig ausdeuten.
für trauer, unmut, unfreundlichkeit trübe stirne:

(dasz du) die trübe stirne rümpfst und tiefe seufzer sendest
J. Grob dicht. versuchgabe (1678) 23;

und deine stirne, wie es scheint,
wird alle tage trüber
Becker Mildheim. liederb. (1799) 103;

es faltet sich trüb und trüber
die stirne meines teuern herrn
A. v. Chamisso w. (1864) 1, 230;

die du jede wolke der schwermuth
von gramtrüber stirne
mir lächelnd hinwegscheuchst bei
Arent mod. dichtercharaktere (1885) 15.

dazu:

es ist nicht eigensinn, der seine stirne trübt
Göthe 9, 5 W.

finster:

mit finstrer stirne sprach sie: nein!
Gellert s. schr. (1839) 1, 80;

[Bd. 18, Sp. 3190]
so machte mein sanftes Hannchen eine dermaszen finstere stirne, dasz ich mich ... weit weg wünschte Laukhard leben u. schicks. 5, 23; die gewalt der öffentlichen meinung, die heute mit finsterer stirn auf die handlungen der fürsten und völker herabblickt Herman Grimm Michelangelo (1890) 1, 26. dazu düster, umdüstert:

und Suffolks düstre stirn (verrät) den stürmschen hasz Shakespeare (1797) 8, 80;

mit umdüsterter stirn wandelt die stunde her,
die mich fernet von meinem freund
Hölty ged. (1869) 92 Halm.


für frohe stimmung: heitere stirn:

ich seh der heitern stirne pracht
in finstern trauerflor verhüllet
Gottsched ged. (1751) 1, 115;

so erzählte der mann, und heiter waren die stirnen
aller hörer geworden
Göthe 1, 301 W.;

blicke mich mit heitrer stirn und fröhlichen augen an Bismarck br. an s. braut u. gattin 43;

das leben, das dem höchsten auch und besten
nicht immer seine heitre stirne zeigt
W. Müller ged. (1868) 1, 118;

leere stirn ist immer heiter bei Wander sprichw. 4, 867. — dazu das verbum: nun heiterte sich des alten satyrs stirne auf maler Müller w. (1811) 1, 162;

des frühlings lächeln
erheitre deine stirne nie
Göthe 4, 185 W.;

vielleicht erheitern sich die stirnen der damen nach und nach Göthe IV 10, 239 W.
der ausdruck der stirn wird bildhaft als wetterstimmung gesehen: als er ... die finstre wolke gewahr ward, die dessen bekümmerte stirn umgab J. J. Schwabe belustigungen (1741) 1, 61;

entrunzelt die bewölkten stirnen! ebda 1, 237;

dasz ein gewitter sich um seine stirne ziehet
Wieland s. w. (1794) 18, 190;

die stirn von wolken frei
Göthe 4, 159 W.;

frevlern deiner stirne wetter,
uns ein gnädig angesicht ebda 16, 100 W.;

eine unbehagliche wolke auf der stirne des jünglings Mörike w. (1905) 3, 19 Göschen; vier wochen kämpfte der freiherr mit unentschlossenheit, oft war seine stirn umwölkt G. Freytag ges. w. 4, 334;

wo stets die freude mir, sokratisch mild,
die unbewölkte stirn mit epheu kränzte
Matthisson schr. (1825) 1, 77.

vgl. auch stirnwölkend.
ebenso dann auch: ein gewisser trübsinn hing über ihrer stirn Musäus volksmärchen 1, 11 Hempel:

nun sieht er totenbläss auf meinen wangen
und schwermut meine stirn umziehn
J. M. Miller ged. (1783) 22;

als überschattete seine jugendliche stirn eine ahnung Herman Grimm Michelangelo (1890) 1, 16.
δ) aus der sprache der bibel stammt eherne, eiserne stirn. ausgangspunkt ist Jes. 48, 4: frons tua aerea ich wuste wol, das ... dine stirne eryn ist Claus Cranc 59 Ziesemer; und deine stirn ist eherne Jes. 48, 4; bisz das ewr eyszern styrn und ehren halsz ... gebrochen werde Luther 10, 2, 107 W.; wer so harte stirn hat, dasz er von solchen grausamen ... drauen gottes nit erschrickt Luther sprichw. 397 Thiele; müszte ich nicht eine eiserne stirne haben, wenn ich es der unglücklichen misz selbst vorschlagen sollte? Lessing 2, 291 L.-M.; ich habe mit eiserner stirne, mit unbewegtem geist den verdammungsspruch des höchsten angehört M. Klinger w. (1809) 10, 232;

wo sie gerechtes mir befehlen, finden
gehorsam die Atriden mich; die stirne
von erzt, wo sie unbilliges gebiethen
Schiller 6, 200 G.

z. t. nähert sich der sinn dem begriff 'unverschämtheit, frechheit': sollte man glauben, dasz ein mensch eine so eiserne stirne haben könne, ... seinen könig zu hintergehen? Gerstenberg schlesw. literaturbr. 264 lit.-denkm.;

[Bd. 18, Sp. 3191]
wider alle treue der geschichte sagt er ... die katholische religion sey ärger verfolgt worden ... hierzu gehört eine eiserne stirne A. v. Haller tageb. (1787) 1, 275; dieser man hat eine eiserne stirne, ich habe ihm selbst lange geglaubt. da ist es kein wunder, dasz sich auch andere täuschen lassen Ludwig Thoma Andreas Vöst (1920) 150.
ε) stirn in verbindung mit beiwörtern, die unmittelbar geistig-seelisches bezeichnen, so dasz die vorstellung der damit verbundenen physischen beschaffenheit der stirn (α-δ) ganz zurücktritt.
den übergang vom physischen bereich bilden heisz, hitzig für 'jähzornig', 'unbeherrscht' (also in anderer bedeutung als oben 1 c): wie man solcher viel findet, die da heisz sein für der stirn und nichts leiden können Luther sprichw. 397 Thiele; so du nur so unversunnen und hitziger stirn gewest Luther 15, 343 W.; fervor aetatis mentis die jugend, die heisz vor der stirnen ist Bas. Faber thes. (1587) 316a; mancher aber ist vor der stirn hitzig und denket: ey, ich musz meinen hasser und feind dämpfen J. G. Schottel ethica (1669) 162; polternde (worte) aber erhitzen die stirnen Butschky Pathmos (1677) 109; leute, die so hitzig vor der stirne sind, nennet man auffahrend, jachzornig, und unleidsam Gottsched beob. (1758) 439; ich bin ein offizier, der seine klinge führet, der geschwind warm vor der stirne wird Sonnenfels ges. schr. (1783) 2, 84. seitdem verliert sich die wendung.
fröhliche stirn u. ä., vgl. im klass. latein frons laeta:

sin stirn wunneklich und schlecht ...
ân rúncellen frlich allú zit
schweizer Wernher Marienleben 5850 P.;

e. k. g. wollen es gnediglich und mit frölicher stirnen empfahen H. Gholtz leb. bilder (1557) vorr. 2b; vgl. auch fröliche stirn fronte serena Kramer t.-ital. 2 (1702) 979a;

wer? wer ist würdig zum altar des herrn
mit froher stirn zu kommen?
Herder s. w. 28, 9 S.

dazu anderes im einzelgebrauch: mit drohender stirne Klopstock Messias (1780) 93;

mit ernster stirn, mit düstrem blick
Göthe 15, 298 W.;

der ruhe sanftes lächeln erhellet die traurige stirne wieder maler Müller w. (1811) 1, 7; jene höchsten kreise ..., welchen sorgenvolle stirnen ein gräuel sind Dahlmann frz. revolution (1845) 94.
zur kennzeichnung des nachdenklichen: mit tiefsinniger stirn Klopstock w. (1798) 3, 159; seine ernste, gedankenvolle stirne M. Klinger w. (1809) 8, 111; auf der sinnenden stirne (der toten) ruht der friede besiegter leiden Cl. Brentano ges. schr. (1850) 5, 221.
aufrichtige stirn u. ä., vgl. lat. verissima fronte: dein unbelarfftes gemüth, welches mich iederzeit mit aufrichtiger stirn angesehen Jan Rebhu Spiridon (1679) vorr. a 2b; kein mann von ehrbarer stirn Herder s. w. 16, 304 S.; denen seine gerade stirn und keiner hofluft achtender wahrheitssinn gar nicht gefalle Frz. v. Kleist verm. schr. (1797) 57. — dazu einzelnes: mit hochmütiger stirn con fronte altiera Kramer t.-ital. 2 (1702) 979a; Euripides ... trat mit kühner stirn vor die bühne hin Gerstenberg recensionen 167 lit.-denkm.; eine eigensinnige stirne, die sie ein wenig hinaufwärts zog Göthe III 1, 157 W.
unverschämte stirne seit dem frühnhd., vgl. lat. proterva frons, ital. con fronte ardita 'unverschämt': die jüden haben eine harte unverschampte stirn Luther sprichw. 398 Thiele;

und du wilt doch wider mich fechten
mit einer unverschambten stirn?
Hans Sachs 3, 7 K.;

ich musz mich ... verwundern ... über seine unverschämte stirne, dasz er ... solche unglaubliche sachen ... mag fürbringen J. Rist d. friedej. Teutschl. (1653) 95;

und ich seh am arm des weisen
hier mit unverschämter stirne ...
eine sündlich bunte dirne
Cl. Brentano ges. schr. (1850) 3, 543.

[Bd. 18, Sp. 3192]
dazu: der kühnste minister, der ... mit schamloser stirne der nation schädliche entwürfe vorträgt Archenholz Engl. u. Ital. (1785) 1, 1, 9;

sie schwebt vor seiner schamentblöszten stirn
Grillparzer s. w. (1890) 4, 177 S.

seit dem 18. jh. vor allem als freche stirne:

der jüngst mit frecher stirn dein kind zur eh begehrte
Lessing 5, 105 L.-M.;

wer treulos sich des dankes will entschlagen,
dem fehlt des lügners freche stirne nicht
Schiller 13, 230 G.;

habt ihr von gott, der welt, und was sich drin bewegt, ...
definitionen nicht mit groszer kraft gegeben?
mit frecher stirne, kühner brust?
Göthe 14, 151 W.;

dieser richter Adam, wie er sich fest lügt mit frecher stirn Treitschke hist. u. polit. aufsätze (1886) 1, 93. — ebenso dreiste stirn:

ihr stelltet
mit dreister stirne eure schmach zur schau
Schiller 12, 414 G.;

es wäre tollheit, wenn ich mit dreister stirn ihm sagte: ... ihr seid ein grobian Novalis schr. 1, 270 Minor;

ein geschlecht ...
das jedoch, mit dreister stirne, jeden gleich zu meistern denkt
Platen s. w. 10, 70 K.-P.;

auch: ich will ... ihr mit kecker stirn den gröbsten weihrauch streun Th. Körner w. 4, 16 Hempel.
c) stirn allein als bezeichnung des inneren lebens.
α) stirn gleich 'schamlosigkeit', 'frechheit'. zunächst scheint einfach das kennzeichnende beiwort zu fehlen: mit was stirn (qua fronte) und gewissen wilt du truncken sein? Ambach v. zusauffen (1544) f 1b; was hastu für ein stirn, du nachtrabe, dasz du so kühnlich leugest und wirst nit roth? G. Nigrinus anticalvinismus (1595) 276; welche stirne gehöret dazu, sogleich ein buch davon zu schreiben br. d. neueste litt. betr. (1759 ff.) 14, 326; mit was für einer stirne wird er mir noch unter die augen treten können? samml. v. schausp. (1764) 1, 96;

und das sagen
sie mir? ... mit dieser stirne?
Schiller 5, 2, 346 G.

seit dem 18. jh. festigt sich dann die wendung die stirne haben 'die frechheit, kühnheit, unverschämtheit besitzen', vgl. ebenso im frz. avoir le front:

was ist so arg, das nicht, um sich genug zu thun,
ein weib die stirne hat zu wagen?
Wieland s. w. (1794) 22, 293;

von einem verworfenen menschen, der die stirn hat, ... seinen strafbaren eigennutz zu zeigen Archenholz Engl. u. Ital. (1785) 1, 2, 534; sollte er wohl die stirne haben, sich in meiner gegenwart für den verfasser auszugeben? Schiller 14, 239 G.; der treulose ... hatte die stirn, seine gemahlin öffentlich der untreue anzuklagen Treitschke dt. gesch. (1897) 3, 146; dabei hatte der Habsburger die stirn, seine bundestreue zu betonen W. Beumelburg sperrfeuer um Deutschland (1929) 342.
anders die frühnhd. wendung ohne stirn, keine stirn haben, vgl. stirn frons oder scham voc. theut. (Nbg. 1482) ff 3a, mlat. sine fronte 'ohne scham' Habel 160, frz. n'avoir point de front 'weder scham noch scheu haben' (vgl. auch stirnlos): infrunitus der kein stirn vel scham hat vel stirnloszer (15. jh.) Diefenbach gl. 298a; daher seind dise sprichwörter von den alten zeiten hergebracht, kein stirnen haben, ein härts maul ... und desgleichen Chr. Bruno de instit. christ. foeminae (1566) 24a; diese abgötterey ... hat sich ... so unverschampt herfür gethan, dasz ein ... scribent ... sich ohne stirn und scheu vernehmen lassen Dannhawer catechismusmilch (1657) 1, 147; kein fürst wäre ... so frech, die menge aber hätte keine stirne und keine schamröthe Lohenstein Arminius (1689) 2, 1258b.
β) stirn gleich 'geistige kraft', 'verstand', 'denkfähigkeit', ähnlich wie hirn. der ausgang vom konkreten (stirn 1) ist deutlich:

[Bd. 18, Sp. 3193]

sô viel der minne tobesuht
sô starke in sîne stirne,
daz im herze unde hirne
von hitze wurden wüetic
Konrad v. Würzburg troj. krieg 20743;

stirn völlig als denkendes organ gefaszt:

welche stirn, welche stim kan verstehen, kan singen,
was wunderwerck er that, sünd und höll zu bezwingen
Weckherlin ged. 1, 407 Fischer;

und wo vieler hirn und stirn nicht weisz zu helffen Abr. a s. Clara mercks Wien (1680) 85;

die stirne denkt, sie denkt gewisz
Ramler bei
Gerstenberg recensionen 82 lit.-dkm.;

im sprachgebrauch der gegenwart arbeiter der stirn und der faust. vgl. stirnarbeiter.
3) von der bedeutung 1 her übertragen bezeichnet stirn das vordere, entgegenstehende überhaupt.
a) der ausgangsbedeutung nahe in wendungen, in denen stirn mit kopf, haupt, gesicht, augen synonym gebraucht wird, bzw. diese die üblicheren sind. so einen vor die stirne stoszen:

die ständ thät es für die stirne stoszen (das bilderstürmen) bei
Opel-Cohn dreiszigj. kr. 109;

er (Joseph II.) stiesz aber dabei auch das volk ... so vor die stirn ..., dasz der arme haufe ... sich ... ins netz jagen liesz Herder s. w. 17, 58 S.ähnlich gegen die stirne laufen, fahren 'unangenehm, unerwünscht kommen': welche stücke alle stracks wider die stirne dem Günther laufen J. Kraus irrgeister (1714) 80; der hohen geistlichkeit ... fuhren diese artikel gegen die stirn Herder 23, 133 S.; Fritz ... faszt sich bald, wenn ihm etwas gegen die stirne läufft Göthe IV 6, 195 W. — mit der stirne durchwollen, vgl. stirnstöszel 1: überall mit der stirn durchwollen, das ist: alles mit äuszerster gewalt anfangen Treuer dt. Dädalus (1675) 1086; mit der stirn kommt man nicht durch die wand Wander sprichw. 4, 867; dazu:

er rannt die stirn entzwey an unserm lincken flügel
J. v. Besser schr. (1732) 1, 36;

vgl. sich den kopf einrennen.
vor die stirne rücken, stellen, vor der stirn schweben, womit meist vor (die) augen rücken u. s. w. oder einem vorschweben gemeint ist: sie hatte ... keine vor- und miteifrer, die ihr das wahre ziel ... vor die stirn rückte Herder s. w. 23, 102 S.; das ... mädchen stand lebhaft vor seiner stirne maler Müller w. (1811) 1, 221;

was im nebel der erinnrung ...
unbestimmt, in sich verflieszend,
meine stirn vorüberschwebt
Grillparzer s. w. (1890) 4, 50 S.

in die stirne für ins gesicht:

lasz sehn, ob sie auch in des vaters stirn
der dreisten lüge gaukelspiel behauptet
Schiller 13, 305 G.;

um so entschlossener sah ihm Raphael in die stirne M. Klinger w. (1809) 4, 161.
b) dagegen ist stirn allein oder herrschend im gebrauch, wo es sich um ein entgegentreten, front machen gegen etwas handelt.
so stirn gegen stirn, im eigentlichen sinn eines persönlichen gegenüberstehens, vgl. lat. adversis frontibus, dazu: befihlt er sie beyde eine für des andern augen zu foltern. ... (welches wir mehr mit einem angenomenen dann lateinischen wort nennen confrontationem, als von stirn zu stirn) G. Nigrinus v. zäuberern (1592) 396; stirn gegen stirn stehen fronte à fronte Kramer t.-ital. 2 (1702) 979b;

warum eilte man so sehr,
ihn aus der welt zu fördern, eh man ihn
mir, stirne gegen stirne, vorgeführt?
Schiller 12, 436 G.;

sie können stirn gegen stirn ihren widerwärtigkeiten entgegentreten Gutzkow ritter v. geiste (1850) 4, 42; eilte selbst nach hause, um stirn gegen stirn die sache abzuthun Kürnberger novellen (1861) 1, 69; dazu: zum

[Bd. 18, Sp. 3194]
offenen bruch, stirn gegen stirn, war man jedoch von keiner seite (der feindlichen staaten) geneigt Ranke s. w. 14, 281.
die stirne bieten 'jemandem, etwas entgegentreten' (ähnlich ital. mostrar la fronte, tener fronte). die eigentliche bedeutung des sich persönlich entgegenstellens blick toft noch durch: Thorismund und Harald hielten zwar diesem ungewitter eine ziemliche weile aus ... aber es ist ... verstockung ... dem hagel die stirne bieten ... wollen Lohenstein Arminius (1689) 2, 893a; und ich werde es endlich über mein gewissen bringen können, einem wunderlichen vater die stirne zu bieten Lessing w. 2, 14 L.-M.; sie rieth ..., wenn Johanna (die königin) in schlaf versinke, die leiche ... fortbringen zu lassen, sie wolle dem ersten zorne der königin muthig die stirne bieten A. v. Arnim w. 9, 17 Grimm. dann uneigentlich für sich entgegenstellen, widerstand leisten:

durch anmuth lassen wir auch die vernunft bestechen,
wenn jener (der schönheit) storrigkeit und zorn die stirne beut
Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 3, 16 Neuk.

was noch den fortgang hemmt und ihm die stirne beut,
ist Buddens treue hut und tapfre wachsamkeit bei
Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 46;

wer würde es auch sonst wagen, gebilligten meinungen die stirne zu biethen? Lessing 6, 397 L.-M.; diesmal aber fand sich doch ein mann (Luther), der es wagte, ihnen (den ablaszkrämern) die stirn zu bieten Ranke s. w. 1, 208; er erschrak vor dem gedanken, einem krieg mit Ruszland und einer revolution ... die stirn bieten zu müssen Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 2, 133.
besonders auf militärischem gebiet dem feind sich angreifend oder verteidigend stellen: so both er ihnen doch mit weniger macht so hertzhaft die stirne, dasz kein theil sich des sieges zu rühmen hatte Lohenstein Arminius (1689) 2, 35a; die vereinigung (der heere) geschah bei Gieszen, und jetzt fühlte man sich mächtig genug, dem feinde die stirne zu bieten. er war den Schweden bis Hessen nachgeeilt Schiller 8, 405 G.;

herr, herr, die Franken bieten uns die stirn ...
vereint mit einer Jeanne la pucelle ...
führt grosze macht der dauphin zum entsatz Shakespeare (1797) 7, 227;

dem feind die stirne bieten,
er thats wohl hundert mal
Th. Fontane ged. (1898) 259.


gern in verbindung mit können 'einem gewachsen, ebenbürtig, überlegen sein': zweytens ist es auch ganz falsch, dasz wir uns den Atheniensern mit recht an die seite setzen oder ihnen gar die stirne biethen könnten Gottsched vers. e. crit. dichtk. (1751) 133; dieses heer muszte mit fuszvolk ... versehen seyn, wenn es den Jenjitscheri die stirn bieten sollte A. v. Haller Usong (1771) 126; möge sich nur ihre körperliche lage befestigen, damit sie so manchen anforderungen die stirne bieten können Göthe IV 41, 234 W.; in diesem werke sind die ... versuche so gestellt, dasz sie allen einwendungen die stirn bieten sollen ders. II 4, 29; (dasz) jeder sich gut mit taschengeld zu versehen hätte, um den berühmten nachbarn auf jede weise die stirne zu bieten G. Keller ges. w. 1, 132; dasz sie ... sich in ein sklavendasein geflüchtet hätten, weil sie sich nicht zutrauten, dem freien leben die stirn zu bieten Hans Pförtner d. grosze freude (1938) 58.
c) stirn als militärischer fachausdruck gleich 'front oder spitze des heeres', für lat. frons und frz. front. spärlich im älteren nhd. die bibelübersetzung des 15. u. 16. jhs. verwendet stirn so noch nicht, vgl. für in fronte exercitus Jos. 8, 10 in dem haubt des heres erste dt. bibel 4, 275, fur dem volck her Luther; zuerst in wörtlicher übersetzung: du solt deinen reysigen zeug ... ordnen ... so vil es müglich ist, solt du sie also stellen wie die spitzen (acies) pflegen in die hörner (cornua) geordent zu werden, damit sie zu der stiern und von der seitten (ad frontem et ex lateribus) die weitte vor ihnen haben Onesander bei Frontinus von d. guten räthen (1532) 36b; alle hilfsvölcker an die spitze, die leicht gerüsteten an die stirne der legionen

[Bd. 18, Sp. 3195]
... zu ordnen Lohenstein Arminius (1689) 1, 37a; achtzig elephanten stunden vor der stirne des heeres A. v. Haller Fabius u. Cato (1774) 126; hat er sie (die krieger) soweit ausgedehnet, dasz er dem feinde eine eben so breite stirne biethen können, als die seinige gewesen Gottsched anmuth. gelehrsamk. (1751) 6, 455;

(jünglinge) hatten sich an die stirne des wartenden heeres gedränget
Wieland s. w. (1794) 16, 160.


d) bei gebäuden und ihren teilen die vordere oder dem beschauer zugekehrte seite. vereinzelt früh als wörtliche übersetzung: also das du das vi. dch zwiveltigst an der stirn des dachs (in fronte tecti, vgl. vorn an der hütte Luther exod. 26, 9) erste dt. bibel 3, 305. in der modernen sprache verbindet sich hier mit der rein technischen bezeichnung (stirn = front = vorderseite Otte arch. wb. 238) gern die bildlich-anthropomorphe vorstellung der 'stirine': es ist wohl klar ..., dasz die rotunda (das Pantheon) anfangs einen theil der bäder des Agrippa ausmachte, gleichsam die strahlende stirn derselben W. Heinse s. w. 4, 270 Sch. sachlich wird stirn dabei meist auf den giebel bezogen (vgl. stirnfeld) und gewinnt dadurch gegenüber front eine umgrenztere bedeutung: wie einfach und grosz thut sich die halle auf! acht gelbe säulen tragen ihre stirn Jean Paul w. 15/18, 484 H.; wir ... kamen in ein heimliches thal, aus welchem alte gemäuer mit verwitterten stirnen uns entgegentraten H. Laube ges. schr. (1875) 9, 78; gleichsam der stirne (dem giebelfeld) des geweiheten gebäudes ... das gepräge ... des inwohnenden gottes aufzudrücken F. G. Welcker alte denkm. (1849) 1, 20; einem weiszen schönen häuschen, welches ... nur mit der stirne über die ... niedern gebüsche des gartens auf die strasze ... hinaussah Stifter s. w. (1901) 3, 152; (über dem balken) erhebt sich sodann ... das giebeldreieck und endlich ganz oben an der stirne des firstes schaut man das ... schwanenzeichen H. Allmers marschenb. (1900) 375.
e) jung erst ist stirn für titelblatt oder erste seite eines buches, vgl. ital. fronte d'un libro 'titelblatt, einleitung', lat. frons librorum, 'i. q. margines superior atque inferior voluminum, i. q. initium' thes. ling. lat. 6, 1, 1362, mlat. 'überschrift, anrede', s. ferner stirnblatt 3: ich dachte ... für meinen nahmen, an der stirn eines buches von dir ein recht lautes lebenszeichen von mir zu geben M. Klinger w. (1809) 9, 73; das portrait ..., welches die stirne des dritten bandes hätte zieren sollen Göthe IV 7, 51 W.; jenes fantastische buch, das ... als warnungszeichen den teufel an der stirn trägt E. T. A. Hoffmann s. w. 6, 28 Gr.; ein büchlein ..., das die jahreszahl 1845 an der stirn trägt Hebbel w. 11, 277 Werner; es ist nicht die folge einseitiger vorliebe, wenn dies buch ... Michelangelos namen an der stirn trägt Herman Grimm Michelangelo (1890) 1, 55.
f) mit früher einengung der bedeutung für die bekleidung der stirn.
α) bei den pferden, entsprechend lat. frontale, das stirnblatt (s. u. stirnband, -gerät) zu schmuck und schutz, besonders in kampf und turnier: item 3 mandel rymen zcu gerwen, item stirnen und leder zcu leyme (v. j. 1437) Marienb. ämterbuch 9 Ziesemer; was eur. g. (vom stechzeug) zwifach het von gerüsten, hinterhacken und schrauffen, stirn, brechscheiben (v. j. 1484) bei Steinhausen dt. privatbr. d. ma. 1, 239; harnisch und etliche stirnen auf die pferd mit fünffhundert par kniebuckeln den reisigen L. Fronsperger kriegsb. (1578) 1, n 6b.
β) in der frauenkleidung des 17. u. 18. jhs. eine art kappe, vgl. 'eine kappe, wohl die in Züricher mandaten des 17. u. 18. jhs. häufig genannten stirnen' Staub-Tobler schweiz. id. 3, 396; 8 schleyerköpfflein, 8 schlayerstirnen, 5 grober stirnen (unter weiberkleider, v. j. 1661) bei Fischer schwäb. nachtr. 2980;

die jungfern trugen hier etwas, das stirne hiesz,
vorn gieng es spitzig zu, wos an die nase stiesz,
seitwerts wars ausgeschweift, an allen beiden seiten
sah man ein büschel band bein ohren sich ausbreiten
J. G. Eccard poet. nebenstunden (1721) 35;

[Bd. 18, Sp. 3196]
1 stürnen (v. j. 1774) Fischer schwäb. nachtr. 3213; (als brautkranz) ein myrtenkranz mit schleier oder künstlichen blumen, oder ... die in St. Georgen bei Freiburg umhergeliehene stirne E. H. Meyer dt. volksk. (1898) 175.
4) als fester ausdruck in fachtechnischem gebrauch hat sich das simplex stirn im wesentlichen nur im bereich der zimmerei und maurerei ausgebildet (in zusammensetzungen umfaszt stirn weitere sachgebiete, bes. der modernen technik). es bezeichnet die vorder- oder schmalseite eines gegenstandes oder bauteils, spezieller eine fugenstelle als aussparung oder erhöhung zur verbindung von teilen. hierhin gehört: s. Paulus ... versetzet die lebendigen steine nach dem bleyscheid und richtschnur der apostel und zeilet fein an, was gute haupter, stirn, bahn oder lager hat und verbindet sie mit dem rechten naphtha J. Mathesius Sarepta (1571) 58a.
a) in der zimmerei: oben (beim turmbau) werden die streben vermög gemachten stirnen in die hängesäulen eingestreifet Casp. Walter zimmerkunst (1769) 38. für die schmale auszenseite eines rades: (das stirnrad) welches mit seiner stirn oder kamm in die spindeln des wellbaums eingreiffet v. Hohberg georg. curiosa (1682) 1, 71; dasz sie (die räder) in andere ... räder oder wellen ... eingreiffen, und zwar entweder an der stirne oder an der seite ohnweit der peripherie onomatologia curiosa (1764) 1262; frons ... rotae stirn, d. i. äuszerer umfang eines rades Rode Vitruvius (1800) anh. 33; vgl. auch stirnrad. — in kriegstechnischer zimmerei am geschütz: 'stirn, tête de l'affût, wird in der artillerie der vordertheil der laffetenwand genennet' Eggers kriegslex. (1757) 2, 1008; Jacobsson techn. wb. (1781) 4, 300a; Hoyer-Kreuter techn. wb. (1902) 734; vgl. stirnblech, stirnriegel.
b) besonders beim schachtbau im bergwerk: 'stirn ... bei der zimmerung die querschnittsfläche am ende eines stückes holz' Gätzschmann s. bergm. ausdr. (1881) 92; 'fläche des an dem obern ende eines thürstockes behufs aufnahme der kappe (d. i. querbalken quer über den stollen) hergestellten ausschnittes, welche senkrecht gegen die holzfaser steht' Veith bergm. wb. 464. ebenda bei der mauerung 'die freie dem beschauer zugekehrte fläche einer scheibenmauer' ebda; auszerdem 'der kopf eines steines' (d. h. 'der vordere, in die stirn einer mauer fallende theil eines steines') ebda. auf der schachtsohle selbst die vertikale fläche eines absatzes (first- oder strossenstirn) ebda, ebenso frz. front für die vordere seite der strossen. im bergmännischen noch 'derjenige ort von der schicht, dahin die letzten schlacken zur erlangung der nase gestürzt werden und davon deswegen zuerst im ofen ... aufgetragen wird' Jacobsson techn. wb. (1793) 7, 456a; 'bei der aufbereitung von dem auf einem wäschherde abgelagerten gereinigten schliche der oberste, reinste theil' Gätzschmann s. bergm. ausdr. (1881) 92.
c) in der architektur beim gewölbebau die nicht gewölbten beiden schmalseiten, vgl. 'stirn, tête, heyszt bey einem gewölbebogen die vordere seite des gewölbes, worinnen man die decke des gewölbebogens ... sehen kann' Eggers kriegslex. (1757) 2, 1008: an den enden oder stirnen des gewölbes Jacobsson techn. wb. (1781) 2, 85b; die beiden anderen seiten (des tonnengewölbes), die stirnen, erhalten keinen schub Schönermark-Stüber hochbaulex. (1902) 895; s. auch stirnbogen, stirnseite.