Wörterbuchnetz
Netz-Navigator
 
 Meyers Linde (Bd. 6, Sp. 566)   DWB linde (Bd. 12, Sp. 1032)   Meyers Linde (Bd. 6, Sp. 566) 
 Linde, 1) Samuel Gottlieb, poln. Sprachforscher, geb. 1771 in Thorn, gest. 8. Aug. 1847 in Warschau, studierte in Leipzig Philologie unter Ernesti, wurde 1791 daselbst Lektor der polnischen Sprache, darauf Bibliothekar des Grafen Ossolinski in Wien und kam 1803 als Rektor des Lyzeums und Oberbibliothekar nach Warschau, wo er sein berühmtes großes »Wörterbuch der polnischen Sprache« (Warsch. 180714, 6 Bde.; neue Aufl., Leuth. 185460) herausgab. Nachdem er während der Revolution von 1831 als Deputierter von Praga und Mitglied des Reichstags einen sehr gefahrvollen Posten bekleidet hatte, wurde er 1833 bei der Reorganisation des polnischen Schulwesens wieder zum Direktor des Gymnasiums in Warschau sowie zum Vorstande des gesamten Schulwesens im Gouvernement Masowien ernannt, gab indessen schon nach fünf Jahren seine Ämter auf. Er veröffentlichte noch (in polnischer Sprache): »Grundsätze der Wortforschung, angewandt auf die polnische Sprache« (Warsch. 1806) und »Über das litauische Statut« (das. 1816); ferner: »Geschichtlicher Grundriß der Literatur der slawischen Völkerstämme« (Bd. 1, das. 1825) u. a.
   2) Anton van der, Schriftsteller, geb. 14. Nov. 1833 in Haarlem, gest. 13. Aug. 1897 in Wiesbaden, wirkte 185961 als reformierter Prediger in Amsterdam und wurde 1876 zum Oberbibliothekar der Landesbibliothek in Wiesbaden ernannt. Außer zahlreichen bibliographischen Monographien (über David Joris, Balth. Bekker, Spinoza, »Die Nassauer Brunnenliteratur«, Wiesb. 1883, u. a.) und einem mit dem Russen M. Obolenski in französischer Sprache veröffentlichten Urkundenwerk über den falschen Demetrius (»Histoire de la guerre de Moscovie 16011610« par Isaac Massa de Haarlem, Brüssel 1866, 2 Bde.) schrieb er: »De Haarlemsche Costerlegende« (Haag 1870), worin er die Ansprüche seiner Vaterstadt auf die Erfindung der Buchdruckerkunst widerlegte; »Gutenberg. Geschichte und Erdichtung« (Stuttg. 1878); »Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst« (Berl. 1886, 3 Bde.); »Kaspar Hauser. Eine neugeschichtliche Legende« (Wiesbad. 1887, 2 Bde.); »Antoinette Bourignon, das Licht der Welt« (Leiden 1895) u. a. Von seinen Beiträgen zur Schachliteratur, die teils in holländischer, teils in deutscher Sprache geschrieben sind, heben wir hervor: »Schachstudien« (Utrecht 1868); »Das Schachspiel des 16. Jahrhunderts« (Berl. 1873); »Geschichte und Literatur des Schachspiels« (das. 1874, 2 Bde.); »Die Kirchenväter der Schachgemeinde« (Übersetzung aller Schachwerke von 1495 bis 1795, Utrecht 1875); »Lehrbuch des Schachspiels« (das. 1876) und »Die Elemente des Schachspiels« (das. 1877, beide in holländ. Sprache) und »Quellenstudien zur Geschichte des Schachspiels« (Berl. 1881).
   3) Karl Paul Gottfried, Ingenieur, geb. 11. Juni 1842 zu Berndorf in Oberfranken, studierte seit 1861 am Polytechnikum in Zürich, arbeitete seit 1864 bei Borsig in Berlin, dann bei Krauß in München und wurde 1868 außerordentlicher, 1872 ordentlicher Professor der theoretischen Maschinenlehre an der Technischen Hochschule in München. Er beschäftigte sich mit der Theorie der Kälteerzeugung durch Maschinen, konstruierte eine sehr brauchbare Eismaschine und übernahm 1879 die Direktion einer Gesellschaft zum Bau seiner Eismaschine in Wiesbaden. Seit 1890 lebt er wieder in München und errichtete daselbst eine Versuchsstation für Kältemaschinen. 1895 gelangte er zu einer einfachen Methode der Verflüssigung von atmosphärischer Luft und andern Gasen und stellte durch fraktionierte Verdampfung der flüssigen Luft ein sehr sauerstoffreiches Gas (Lindeluft) dar. Er schrieb: »Sauerstoffgewinnung mittels fraktionierter Verdampfung flüssiger Luft« (Berl 1902).
   4) Wilhelm, preuß. General, geb. 7. Aug. 1848 in Borby bei Eckernförde als Pfarrerssohn, besuchte das Realgymnasium in Rendsburg, trat 1. April 1866 in das Schlesische Feldartillerieregiment Nr. 6, nahm am Feldzug teil und wurde Ende 1867 Offizier. Nach dem deutsch-französischen Kriege besuchte L. 187275 die Kriegsakademie, ward im April 1878 Hauptmann in i Generalstab, gehörte dem Großen Generalstab, 188081 dem des 4. Korps und 18821885 dem der 31. Division an, wurde 1885 Kompaniechef im 91. Regiment, 1886 Major im Generalstab der 22. Division und bald in dem des 11. Korps,

[Bd. 6, Sp. 567]
1889 Bataillonskommandeur im 114. Regiment, 1891 Oberstleutnant im 46. Regiment, 1892 Chef des Generalstabs des Gouverneurs von Metz und 1893 Abteilungschef im Großen Generalstab. 1896 wurde er Kommandeur des 36. Regiments, 1897 Generalmajor und Kommandeur der 14. Infanteriebrigade in Halberstadt, 1900 Generalleutnant und Kommandeur der 4. Division in Bromberg und 1904 kommandierender General des 11. Korps in Kassel.

 

 linde, f. tilia. ahd. lintâ, mhd. linde; ags. lind, mittelengl. lynde, lynd, neuengl. lind; altn. lind, ebenso schwedisch und dänisch. das wort musz in engster beziehung zu dem oben gegebenen neutr. lind bast stehen, wegen verwendung der rinde des baumes zu flechtwerk, vgl. unten lindenbast; zu dem adj. lind haben keine etymologischen bezüge statt.
linde erscheint in der sprache häufig und manigfach gebraucht.
1) hervorgehoben wird seine breite krone und der schatten, den er wirft: tilia oder dilia haiʒt ain lind. der paum ist gar bekant pei uns und ist gar lüftiger art .. eʒ ist auch des paums schat den menschen zimleicher wan anderr paum schat. Megenberg 350, 5; unter den eichen, linden und buchen, denn die haben feine schatten. Hosea 4, 13;

ich was zuo dem brunnen
gegangen von der sunnen,
daʒ diu linde mære
den küelen schaten bære.
Walther 94, 24;

dâ stuonden ouch drî linden obe
schône unt ze lobelîchem lobe,
die schermeten den brunnen
vor regene unt vor sunnen. Tristan 420, 27;

diu süeʒe linde süeʒete in
luft und schate mit ir blate. 431, 20;

den schate gap in diu linde
mit ir loube daʒ was breit. Wigalois 254, 23;

ihr linden, die ihr meiner hütte kühlung gebt.
Hölty 48 Halm;

die linde, unter welcher ich
mit dir im schatten sasz.
Stolberg 1, 75;

dort in der linde schatten.
Uhland ged. 216.

es heiszt die kühle, breitlaubige, schattige, düstere linde, auch die wehende, säuselnde linde, wenn der wind in ihren blättern spielt:

winder, uns wil dîn gewalt
in die stuben dringen
von der linden breit.
Neidhart 34, 3;

es stet ein lind in jenem tal,
ist oben breit und unden schmal.
Uhland volksl. 47;

wenn ich, augenlust zu finden,
unter schatticht kühlen linden
schielend auf und nieder gehe.
Lessing 1, 53;

setze dich hier
im schatten der kühligen linde zu mir.
Stolberg 1, 274;

drauszen in luftiger kühle der zwei breitlaubigen linden,
die, von gelblicher blüthe verschönt, voll bienengesurres,
schattend der mittagsstub, hinsäuselten über das moosdach,
hielt der redliche pfarrer von Grünau heiter ein gastmahl.
Voss Luise 1, 1;

wo das kloster aus der mitte
düstrer linden sah.
Schiller ritter Toggenburg v. 52,

dich auch grüsz ich, belebte flur, euch, säuselnde linden,
und den fröhlichen chor, der auf den ästen sich wiegt. spaziergang v. 3;

der wehenden linde gesäusel.
Voss Luise 2, 602;

die geister flüstern lauter — die linde haucht
mir tiefre schauer.
Hölty 212 Halm.


2) die linde wird in baumgängen, wie in der feldmark gepflanzt: dahero dieser baum (die linde) sich vor andern wohl zu mark- oder mahlbäumen schickt, weil er wegen seiner starken wurzel nicht allein in winden und wettern sehr dauerhaftig, sondern auch vor der fäulnis ziemlich sicher ist. öcon. lex. 1440; sie steht im schloszhofe. Leo in Raumers histor. taschenb. 8, 169; die alte linde im schloszhof. Scheffel Ekkeh. s. 119; wie auf plätzen und in dörfern; unter ihr ist die stätte des gerichts (rechtsalt. 796 fg. Haltaus 1269 fg.), der gemeindeversammlung, der tanzplatz der jugend: den 18 merzen (1559) hult man das Kolenberger gericht ... auf dem Kolenberg neben des nachrichters wonung under derselbigen linden ist ein blatz umschranket, do haltet man es. weisth. 1, 818 (Basel); wenn wir reuter sehen unter den linden halten, were es ein zeichen des friedes, denn unter der linden, pflegen wir zu trinken, tanzen und frölich sein, nicht streiten noch ernsten, denn die linde ist bei uns ein friede und freude baum. Luther 4, 239a; zog die obgedacht erfordert gesellschaft haufenweis .. hinausz under die linden, bei die weidenbäum, und wilgenbusch, da danzten, schupften, hupften, lupften, sprungen, sungen, hunken, reyeten, schreyeten .. (sie). Garg. 82b; bei gewöhnlich heiterer witterung sehen wir unter derselben linde die ältesten im rath, die gemeine zur erbauung

[Bd. 12, Sp. 1033]
und die jugend im tanze sich schwenkend. Göthe 21, 123; unter der dorflinde erst die ernste versammlung der ältesten, verdrängt von der heftigern tanzlust der jüngern. 26, 157;

diu linde ist wol bevangen
mit loube.
dar under tanzent vrouwen.
Neidhart 20, 5;

ruht bei frohem becherklang
unter grünen linden!
Hölty 197 Halm;

denn wie ich bei der linde
das junge völkchen finde,
sogleich erreg ich sie.
der stumpfe bursche bläht sich,
das steife mädchen dreht sich
nach meiner melodie.
Göthe 1, 26;

schon um die linde war es voll,
und alles tanzte schon wie toll. 12, 54.


3) die linde, der baum unter dem die liebenden sitzen, in deren zweigen der liebesvogel, die nachtigall, singt (vergl. auch unter lindenbaum):

slâfest du, mîn friedel?
wan wecket unsich leider schiere.
ein vogellîn sô wol getân
daʒ ist der linden an daʒ zwî gegân. minnes. frühl. 31, 21;

under der linden
an der heide,
dâ unser beider bette was.
Walther 39, 11;

heimlich hab ich wol einen man,
dort under der linden also breit
da schwr er mir ein hohen eid.
Uhland volksl. 265;

ich sasz bei jener linde
mit meinem trauten kinde,
wir saszen hand in hand. ged. 26;

dort, wo die linden düstern,
vernahm ich diese nacht
ein plaudern und ein flüstern,
wie wenn die liebe wacht. 312;

die linde blühte, die nachtigall sang,
die sonne lachte mit freundlicher lust;
da küsstest du mich, und dein arm mich umschlang.
H. Heine 15, 101;

sieh dies lindenblatt! du wirst es
wie ein herz gestaltet finden;
darum sitzen die verliebten
auch am liebsten unter linden. 16, 156.


4) zusammensetzungen mit linde bezeichnen lindenähnliche bäume; vergl. rauchlinde, steinlinde.

 

 Linde, 1) Samuel Gottlieb, poln. Sprachforscher, geb. 1771 in Thorn, gest. 8. Aug. 1847 in Warschau, studierte in Leipzig Philologie unter Ernesti, wurde 1791 daselbst Lektor der polnischen Sprache, darauf Bibliothekar des Grafen Ossolinski in Wien und kam 1803 als Rektor des Lyzeums und Oberbibliothekar nach Warschau, wo er sein berühmtes großes »Wörterbuch der polnischen Sprache« (Warsch. 180714, 6 Bde.; neue Aufl., Leuth. 185460) herausgab. Nachdem er während der Revolution von 1831 als Deputierter von Praga und Mitglied des Reichstags einen sehr gefahrvollen Posten bekleidet hatte, wurde er 1833 bei der Reorganisation des polnischen Schulwesens wieder zum Direktor des Gymnasiums in Warschau sowie zum Vorstande des gesamten Schulwesens im Gouvernement Masowien ernannt, gab indessen schon nach fünf Jahren seine Ämter auf. Er veröffentlichte noch (in polnischer Sprache): »Grundsätze der Wortforschung, angewandt auf die polnische Sprache« (Warsch. 1806) und »Über das litauische Statut« (das. 1816); ferner: »Geschichtlicher Grundriß der Literatur der slawischen Völkerstämme« (Bd. 1, das. 1825) u. a.
   2) Anton van der, Schriftsteller, geb. 14. Nov. 1833 in Haarlem, gest. 13. Aug. 1897 in Wiesbaden, wirkte 185961 als reformierter Prediger in Amsterdam und wurde 1876 zum Oberbibliothekar der Landesbibliothek in Wiesbaden ernannt. Außer zahlreichen bibliographischen Monographien (über David Joris, Balth. Bekker, Spinoza, »Die Nassauer Brunnenliteratur«, Wiesb. 1883, u. a.) und einem mit dem Russen M. Obolenski in französischer Sprache veröffentlichten Urkundenwerk über den falschen Demetrius (»Histoire de la guerre de Moscovie 16011610« par Isaac Massa de Haarlem, Brüssel 1866, 2 Bde.) schrieb er: »De Haarlemsche Costerlegende« (Haag 1870), worin er die Ansprüche seiner Vaterstadt auf die Erfindung der Buchdruckerkunst widerlegte; »Gutenberg. Geschichte und Erdichtung« (Stuttg. 1878); »Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst« (Berl. 1886, 3 Bde.); »Kaspar Hauser. Eine neugeschichtliche Legende« (Wiesbad. 1887, 2 Bde.); »Antoinette Bourignon, das Licht der Welt« (Leiden 1895) u. a. Von seinen Beiträgen zur Schachliteratur, die teils in holländischer, teils in deutscher Sprache geschrieben sind, heben wir hervor: »Schachstudien« (Utrecht 1868); »Das Schachspiel des 16. Jahrhunderts« (Berl. 1873); »Geschichte und Literatur des Schachspiels« (das. 1874, 2 Bde.); »Die Kirchenväter der Schachgemeinde« (Übersetzung aller Schachwerke von 1495 bis 1795, Utrecht 1875); »Lehrbuch des Schachspiels« (das. 1876) und »Die Elemente des Schachspiels« (das. 1877, beide in holländ. Sprache) und »Quellenstudien zur Geschichte des Schachspiels« (Berl. 1881).
   3) Karl Paul Gottfried, Ingenieur, geb. 11. Juni 1842 zu Berndorf in Oberfranken, studierte seit 1861 am Polytechnikum in Zürich, arbeitete seit 1864 bei Borsig in Berlin, dann bei Krauß in München und wurde 1868 außerordentlicher, 1872 ordentlicher Professor der theoretischen Maschinenlehre an der Technischen Hochschule in München. Er beschäftigte sich mit der Theorie der Kälteerzeugung durch Maschinen, konstruierte eine sehr brauchbare Eismaschine und übernahm 1879 die Direktion einer Gesellschaft zum Bau seiner Eismaschine in Wiesbaden. Seit 1890 lebt er wieder in München und errichtete daselbst eine Versuchsstation für Kältemaschinen. 1895 gelangte er zu einer einfachen Methode der Verflüssigung von atmosphärischer Luft und andern Gasen und stellte durch fraktionierte Verdampfung der flüssigen Luft ein sehr sauerstoffreiches Gas (Lindeluft) dar. Er schrieb: »Sauerstoffgewinnung mittels fraktionierter Verdampfung flüssiger Luft« (Berl 1902).
   4) Wilhelm, preuß. General, geb. 7. Aug. 1848 in Borby bei Eckernförde als Pfarrerssohn, besuchte das Realgymnasium in Rendsburg, trat 1. April 1866 in das Schlesische Feldartillerieregiment Nr. 6, nahm am Feldzug teil und wurde Ende 1867 Offizier. Nach dem deutsch-französischen Kriege besuchte L. 187275 die Kriegsakademie, ward im April 1878 Hauptmann in i Generalstab, gehörte dem Großen Generalstab, 188081 dem des 4. Korps und 18821885 dem der 31. Division an, wurde 1885 Kompaniechef im 91. Regiment, 1886 Major im Generalstab der 22. Division und bald in dem des 11. Korps,

[Bd. 6, Sp. 567]
1889 Bataillonskommandeur im 114. Regiment, 1891 Oberstleutnant im 46. Regiment, 1892 Chef des Generalstabs des Gouverneurs von Metz und 1893 Abteilungschef im Großen Generalstab. 1896 wurde er Kommandeur des 36. Regiments, 1897 Generalmajor und Kommandeur der 14. Infanteriebrigade in Halberstadt, 1900 Generalleutnant und Kommandeur der 4. Division in Bromberg und 1904 kommandierender General des 11. Korps in Kassel.