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 GWB Dekorationsgusto (Bd. 2, Sp. 1118)   DWB gust (Bd. 9, Sp. 1203)   DWB geschmacksgefühl (Bd. 5, Sp. 3934) 
  Dekorationsgusto [G bittet um einen Monumententwurf Füßlis] Wir haben bei uns einen Bildhauer [MKlauer], einen Mann von leichtem Begriff und schneller Hand .. dem es aber an Imagination fehlt und der, wenn man ihm so was überlässt, wie andre seines gleichen in den neuen leeren Decorations Gusto verfällt B4,142,14 Lavater [3./5.12.79 Korr SchrGG16,89]

Elke Umbach

 

 gust, m. , geschmack. im 16. jh. aus dem ital. gusto (lat. gustus) entlehnt. neben häufigerem gusto begegnen die selteneren nebenformen gustus, gustum, gustes, guster, gustem, gusti, gusdius u. s. w.
am ältesten und bis ans ende des 17. jhs. allein herrschend gust, seit der ersten hälfte des 16. jhs. in der Schweiz belegt, bis heute rein süddeutsch (nicht über den Main gedrungen). im 18. jh. wesentlich durch gusto verdrängt, vor allem in der schriftspr., in der das letztere durchaus geläufig wird (vgl. H. Schulz deutsches fremdwb. 1, 259). im 19. jh. sinkt gusto wieder zur rein dialektischen geltung herab und herrscht vorwiegend in den österreich. und süddeutschen maa., wird aber auch am Rhein entlang bis zum Niederrhein gebraucht, vereinzelt sogar in Schleswig-Holstein, s. Mensing 2, 511, obgleich hier gout vorherrscht (vgl. Schulz 1, 250).
die anderen formen treten nur sehr selten auf und sind teilweise spontane literar. bildungen wie gustus (Fontane ges. werke I 2, 54), gustum (Ludwig ges. schr. 2, 129), gusti (J. Gotthelf ges. schr. 7, 6), teilweise local eng begrenzte mundartliche bildungen wie gusdius Christa Trier. ma. 103, gustes Hönig Kölner ma. 70; Müller rhein. wb. 2, 1507, gustem Spiesz henneberg. id. 86, guster Loritza Wiener id. 57; Unger-Khull steir. 315. bedeutung und gebrauch.
1) objectiv, und zwar als geschmackssinn: dass aber etliche von jhnen aussgeben, wie einen überaus scharpffen gust oder geschmack sie (die mäuse) haben sollen, nimpt mich wunder I. Heyden Plinius (1565) 187; so viel aber die sinn belanget, wird der gust oder geschmack mehr von den nässen oder scharpfen, denn von den bitteren verletzet H. Frölich offenbarung der natur (1591) 81. als sachliche eigenschaft: (der wein um Zürich) b'halt doch (im alter) sein gust und härbe (1600) bei Staub-Tobler 2, 492; eines guten geruchs, geschmacks, tons und gusts (1608) ebda 2, 492; dass nicht diese speisen zusammen ganz einen unguten geruch und gust von sich geben (1702) ebda 2, 492.
2) bis heute vorwiegend angewendet für die subjective empfindung, so als neigung zu einer person: würde man die ausgeschlossen hassen, so möchten die obern annehmen, dass man wenig gust zu ihnen trage (1534) Staub-Tobler 2, 492; als 'verlangen nach etwas': was nun die arbeit betrifft, so musz ich gestehen, dasz ich ... noch keinen ganz auszerordentlichen gusto dazu habe Görres ges. briefe 1, 367; nach gusto nach freiem belieben, ermessen: nach schwerer reisbemühung ... recht nach gusto auszurasten J. V. Neiner tändlmarckt (1734) 275; wenns einmal gedient sein soll, will ich nach gusto dienen Göthe 11, 409 W.; anders: wenn mer nooch vermöga heiroothet

[Bd. 9, Sp. 1204]
und net nooch gusto Fischer 3, 939; von der inneren freude: in solchen schwellungen der grazie hat er sich in einer noch vorhandenen kalligraphischen musterhandschrift der oden des Anacreon mit besonderem gusto ergangen Justi Winckelmann 1, 44; ähnlich als 'wohlgefallen': wir sahen mit grösstem gust die farben eines regenbogens G. König Wiener reise (1715) bei Staub-Tobler 2, 492; und (ich) bis dato viel gusto daran gefunden habe Fr. L. Schröder dram. werke (1831) 3, 144. die formelhafte verbindung lust und gust findet sich häufiger in religiös-moralischen schriften: einige, so auch den kirchenbann verachten, jhren gust unnd lust nur an den schmutzigen häfen und stinckendem knoblach irdischer gelüsten suchen und wayden Dalhover gartenbeetlein (1689) 2, 636a; 1, 166a; mancher menschen all ihr lust und gust ... bestehet in fressen und saufen Neiner tändlmarckt (1734) 162; häufig bei Abr. a s. Clara: deswegen mit groszem lust und gust, mit unbeweglicher verständigkeit, mit höchsten begierden wollte er (St. Georg) leiden und litt wirklich werke 1, 164 Strigl; er naschte mit groszem lust und gust das süsze weltgift ebda 2, 373; (der schmeichler) der seinem herren zuträgt, ... verteufflets ... nach seines herren neigen, lust und gust. o schelm! etwas für alle 2 (1711) 395; mehr objectiv von den freuden der welt: grillen und pfrillen seynd alle lust und gust der welt gegen dem, was Paulus schon gekost mercks Wien (1680) 32; und da andere weltbürstel gleichwol nach verkosten lust und gust zur hölle schlipfern, müst ihr (geizige) aller hitz und schwitz über tragen ebda 72.
3) individueller geschmack, in den frühen belegen auch die fähigkeit zur ästhetischen wertung: es musz wohl ein verdorbener gusto seyn, der sich in solche waar würde verlieben Callenbach eclipses (1714) 37; sintemalen sie ein jedem leser, der für ein heller gusto habn thuet, besser gefallen werdn Schwabe tintenfäszl (1745) 31; so lange mein ingenium practicum noch wenig gelegenheit hatte, sich zu developpieren: so war mein gusto noch schlechter als jetzt Zinzendorf περὶ ἑαυτοῦ (1746) 9; nun ich werde ihren gusto schon treffen Gottl. Stephanie d. jüng. sämtl. lustspiele (1771) 146;

ein wunderlicher gusto
für eine dam, in solchem kriegsgetümmel
bey nacht und nebel hin und her zu reisen
Kotzebue sämtl. dram. werke 16, 81;

wer wird denn so einen gemeinen gusto haben! F. Raimund werke 1, 31 Glossy u. Sauer; s hat halt jeder seinen gusto P. Rosegger schriften (1895) II 1, 130; in einem engeren sinne: man musz auch wegen des unterschiedenen gousto der leute bey einer gasterey die speisen in einer kleinen anzahl aufsetzen Rohr zeremoniellwissenschaft (1728) 1, 434; der koch wunderte sich sehr über den gusto der baronesse, widersprach aber nicht, sondern machte eine gute portion schnecken Ph. Hafner gesammelte lustspiele (1812) 1, 5; nach ... gusto: es ist nicht nach meinem gusto displicet mihi, minus arridet Apinus gloss. nov. (1728) 260; das wäre nach meinem gusto, es stehet auch besser Callenbach wurmatia (1714) 67;

man wählt sich die kleider,
nach gusto den schneider
Göthe 4, 155 W.;

Künstler? ey! den lass geschwind herein,
gib acht, das wird ein mann nach meinem gusto seyn
Kotzebue sämtl. dram. w. (1828) 33, 238;

wenn ich eine tichterlesfrau (frau für meinen enkel) nach meinem gustum finden müszt Ludwig ges. schr. (1891) 2, 129; auch in der form: dies Franzosenvolk ist sonst nicht mein gustus Fontane ges. werke I 2, 54, s. auch Schultz fremdwb. 259 u. vgl.: bei den kaufleuten aber, die im einzeln verkaufen, nennt man einen zeug nach dem gusto, der zwar kein reicher zeug, noch auch besonders gut fabriziert ist, oder der eben kein schönes muster hat, noch auch jedermann gefällt, sondern wobey es nur auf eigensinn und die phantasie der käufer ankömmt, dessen mode gemeiniglich sehr kurze zeit dauert; und womit ein verständiger kaufmann sich nicht gern in groszer menge beschweret, weil auf dergleichen

[Bd. 9, Sp. 1205]
zeugen fast beständig zu verlieren ist, wenn man nicht ihrer los zu werden eilet, so lange etwan die phantasie dauert Jacobsson technol. wb. 5, 766b.
4) im 18. jh. auch im überpersönlichen sinne als allgemeine geschmacksrichtung gebraucht: einer der sich nach dem heutigen gusto richtet Philo ruhm d. tabaks (1722) 10; je mehr wird es nach dem allgemeinen gusto seyn Philippi reimschmiedekunst (1743) 201; denn solches ist dem gusto unsers itzigen seculi entgegen 203; nach italienischem gusto Ramler an Gleim briefw. 2 (1757) 279 Schüddekopf; ich kriegte 10 zimmer alle schön und wohl meublirt nach Frankfurter gusto Göthe IV 1, 226 W.
5) composita sind nur sehr selten bezeugt: gustlos: in diesen und künfftigen exempeln müssen wir nothwendig mehr auff unser vorhaben als auff ein gustloses auskünsteln des recitatives sehen Heinichen generalbass (1728) 618;

 

 geschmacksgefühl, n. schönheitsgefühl: die abstracte regel (der perspective), welche nicht durchaus mit dem geschmacksgefühl übereintrifft. Göthe 44, 161.