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 GWB Aussehen (Bd. 1, Sp. 1222)   GWB Gesicht (Bd. 4, Sp. 92)   DWB gesicht (Bd. 5, Sp. 4087) 
  Aussehenvon 21 Belegen 7 ‘-sehn’; ausschließl in Prosatexten
1 zu aussehen A1: äußere Erscheinung; überwiegend von Personen: mBez auf Gesamterscheinung, Gesundheits-

[Bd. 1, Sp. 1223]
zustand, Aufmachung u Kleidung; selten von Sachen; einmal auch von einer HandlungNicht ohne Bewunderung .. hatte der Major das äußere Behaben seines alten Freundes .. betrachtet .. Du betrachtest mich aufmerksamer als billig ist, sprach er endlich den Major an; ich fürchte sehr, du findest den Unterschied gegen vorige Zeit nur allzugroß. — Keineswegs, versetzte der Major, vielmehr bin ich voll Verwunderung dein A. frischer und jünger zu finden als das meine 24,268,7 Mann v50JahrenAbneigung [Mercks] gegen die Studiosen [in Gießen] .. wiewohl er mich durch seine geistreichen Schilderungen ihres ungeheuerlichen Aussehns und Betragens sehr oft zum Lachen brachte 28,171,2 DuW 12Ich konnte nicht läugnen .. daß ich mit Personen von geringem Stand und verdächtigem A. an Lustorten mehr als einmal bemerkt worden 26,335,2 DuW 5ein Aschaffenburger Gneis, der einige Ähnlichkeit mit dem [oben] beschriebenen, doch nicht sein angenehmes A. hat N9,50,9 AnLeonhard 25.11.07 mit beabsichtigter Täuschung, irreführender PoseDer Graf .. fand, es sei recht gescheidt, daß der Harfner seinen falschen Bart nicht allein Abends auf dem Theater, sondern auch beständig bei Tage trage, und freute sich sehr über das natürliche A. der Maskerade 22,11,1 Lj IV 1[Student als Bartscherer bei einem vornehmen Herrn] daß ich .. endlich aber mitlachen mußte, über das A. einer närrischen Handlung, die ich mit sovielem Ernste durchgeführt hatte 251,174,15 Wj III 8 GefährlWetteUnd dann haben wir auch so durchdrungene Mienen, ein so wahrhaftes Aussehn [l’air si penetré, si vrai] 45,80,17 RamNeffe
2 zu aussehen A2: BeschaffenheitGestern habe ich einiges Geschäftsähnliche besorgt und heute einen kleinen Knoten in Faust gelöst. Könnte ich von jetzt an noch 14 Tage hier [in Jena] bleiben, so sollte es damit ein ander A. gewinnen B15,95,22 Schiller 1.8.00B34,151,17 CarlAug [6.3.21?] K [für: Appearance] 46,206,8 HackertTgbKnightscherzhaft von einem Briefblatt mit Vertauschung von Innerem u ÄußeremIhre Nachricht von so vielem Regen, kann ich erwidern .. Und nun leben Sie schönstens wohl .. Verzeihen Sie diesem Blate das regnerische Aussehn B23,410,10 ODonell 24.7.13
vgl zu 1 Anblick Ansehen Ansicht äußere(Ä.)

Wolfgang Herwig

 

  Gesichteinmal Kleinschr B2,80,13; Nom/AkkSg vereinzelt -e; Plural ‘G-e’ beschränkt auf Bed B3, daneben DatPl -en reimbedingt 12,63,7; von knapp 1000 Belegen rund 90 Prozent in A
A Angesicht, Antlitz; öfter als Gegenstand künstlerischer Darstellung
1 als vordere Partie des (menschl) Kopfes, Schädels
a (vorwiegend) sachl-neutral, gelegentl unter wiss-anatom Aspekt; auch zugl iSv Erscheinungsbild (vgl Pkt B1a)Reineke griff ihm [Isegrim] | In’s G. [Reinke de Vos: twysschen de ogen], verwundet’ ihn hart und riß ihm ein Auge | Aus dem Kopfe ReinF XII 74[Hatem:] Locken, haltet mich gefangen | In dem Kreise des G-s!1) 6,168 Vs 2 DivSuleikaIch lasse jetzt .. die G-er von Sphinxen, Menschen, Vögeln [am Obelisk des Sesostris in Rom] abformen und in Gyps gießen 32,74,28 ItRDiese Knochen [os intermaxillare, os maxillae superioris, os palatinum] .. bilden die Base des G-s und Vorderhauptes; sie machen zusammen den Gaumen aus N8,26,1 VglAnatomie 6Viele Kinder, und schöne, werden gezeugt, | Weil sich auch Garstig zu Garstig neigt. | Hier schadet keineswegs das G.: | Denn mit dem G-e zeugt man nicht 51,117 ZXenNachl VIII 476f3,310 ZXen IV 113951,235,9 ThS III 8N8,144,12 BeschreibgZwKnochB2,70,5 Kestner [15.3.73] mit abwertender Nuance; im Bild[Würzkrämer üb Pater Brey:] Wie er will Berg und Thal vergleichen, | Alles Rauhe mit Gips und Kalk verstreichen, | Und endlich mahlen auf das Weiß | Sein G. oder seinen Steiß 16,65 PaterBrey 155‘Genius mit zwei G-ern’ für den doppelgesichtigen, bei jedem Anfang u Ende gegenwärtigen Gott Janus, in ver-

[Bd. 4, Sp. 93]
gleichendem Zshg 22,345,4 Lj VI [Zit s v Genius 2bβ] —  in versch (auch übertr) Wdgn (teilw in Berührung mit C2a): ‘das G. zu, nach, gegen/von (ab-, weg-)wenden’ uä, auch iSv seine Aufmerksamkeit widmen bzw entziehen, sich jdm, einer Sache gegenüber abweisend verhalten, vor etw zurückschrecken[Heldendichter:] Doch wendet nun von diesem Blumengrünen | Zu nord’schen Himmelsfeuern das G. 16,222 Maskenz RomantPoesie 90[Paläophron:] Auch hör’ ich überall .. mein entzückend großes Lob. | Und dennoch kehret jedermann den Rücken mir | Und richtet emsig sein G. der neuen [Zeit, in Gestalt Neoterpes] zu 131,7 PaläophronNeoterpe 60Wenn du einen Klügern als du reden hörest, wende dein G. nicht von ihm ab, so wirst du klüger werden AADiv3,174, 12 Plp[Iph zu Thoas:] Du wendest schaudernd dein G., o König: | So wendete die Sonn’ ihr Anlitz weg Iph2 389~39,336,8 Iph1 I 3492,27,11 HomersApotheoseB5,141,25 Maler Müller 21.6.8112,382 Zauberfl Plp ‘jdm ins G. sehen, blicken’, auch iSv jdm direkt in die Augen sehen (ohne gebührende Demutshaltung einzunehmen), einmal in Aufforderung zur WahrhaftigkeitWie man aus Gewohnheit nach einer abgelaufenen Uhr hinsieht .. so blickt man auch wohl einer Schönen in’s G., als wenn sie noch liebte 422, 139,3 MuR(246)[Haman mBez auf Ahasverus:] Was hilft’s auf so viel Herrn und Fürsten wegzugehen | Wenn es ein Jude wagt, mir in’s G. zu sehen? 16,20 JahrmPlund2 243[Bätely zu Jery:] Rede, aber rede treulich, | Sieh mir offen in’s G.! 12,31,15 Jery Bätely12,311 Ferradeddin 38 ‘einander ins G. sehen’ iS einer stillschweigenden Verständigung; einmal gedeutet in Hinblick auf eine angestrebte (u naheliegende) HeiratIndessen ich so redete, hörten sie [die Vernehmenden] mir mit Erstaunen zu, sahen einander in’s G. [viso], und verließen mich mit Verwunderung 43,310,26 Cell II 10[Major, den Stammbaum betrachtend:] Diese [Hilarie u Flavio] sehen einander gerade genug in’s G. 24,280,4 Wj II 3‘jdm (etw) ins, unters G. sagen, wegleugnen, lachen, nicken, trotzen, publizieren’ uä; meist in Kennzeichnung des Direkten, Unumwundenen, auch des Dreisten, Provokanten od Aufmunternden[Eduard:] Man hat mir, nicht gerade in’s G., aber doch wohl im Rücken, den Vorwurf gemacht: ich pfusche .. nur in den meisten Dingen 20,189,2 Wv I 18[aus Ilmenau] Heut früh haben wir alle Mörder, Diebe und Hehler vorführen lassen .. Ein Vater der dem Sohn [u Mordkomplizen] ins G. alles wegläugnet B4,286,17 ChStein 9.9.[80][Breme, den Aufstand vorbereitend:] Habt ihr gehört was wir der Gräfin alles unter’s G. gesagt haben? 18,50,20 Aufgeregten IV 1Da nickt mir ein artig Kind ins G. | Ich weiß nicht, soll ich? Soll ich nicht? 51,118 ZXenNachl VIII 48022,57,3 Lj IV 9=52,212,11 ThS VI 4411,203,19 Üb:Manzoni,Carmagnola 182026,249,12 DuW 4 ‘jdm das G. zeigen’ iSv sich jdm zum Kampf stellen[Raufebold:] Wer das G. mir zeigt der kehrt’s nicht ab | Als mit zerschlagnen Unter- und Oberbacken 151,1 Faust II 10511‘(jdm) zu G. stehen, kleiden, passen’, auch iSv jdm anstehen, gemäß sein[iron Bericht üb eine Redoute] Die Niedlichkeit der Italiänischen Blumenkränze stand der Gräfin Görz nicht besser zu G. und Taille, als die Festigkeit und Treue Coucis ihrem Manne B3,24,5 ChStein 27.1.76Dass Lotte in der Reihe der Protecktrices [Subskribenten der von JGJacobi geplanten Zs ‘Iris’] steht, kleidet sie gut zu G-e B2,150,11 Kestner [März 74][Sphinxe zu Meph:] Sprich nicht vom Herzen! das ist eitel; | Ein lederner verschrumpfter Beutel | Das paßt dir eher zu G. 151,1 Faust II 7180B3,21,11 Merck 22.1.[76]B2,75,16 Kestner [10.4.73]
b als Spiegel emotionaler Bewegung u seel-geistiger Befindlichkeit; vereinzelt ‘ernstes, hoffendes, himmlisches G.’Eine weiche Heiterkeit glänzte von ihrem [Mignons] G-e. — Mein Vater [Wilh]! rief sie 21,229,18 Lj II 14~52,98,15 ThS IV 16Sie [die Buhlerin] küsset dich aus feilem Triebe, | Und Glut nach Gold füllt ihr G. DjG31,293 Der wahreGenuß [1769] 14Das Gehäus [eine mit G-s Porträt versehene u an MvWillemer gesandte Schachtel] .. | Bringt .. ein ernst G-e | Das im Weiten und im Fernen | Nimmer will Entbehrung lernen 4,26 Eine Schachtel Mirabellen 7Da ging ich nun in Deinem Paradiese .. | Am Fluß, am Bach, das hoffende G. | Vom Morgenstrahl geschminckt, und sucht’ und fand Dich nicht B1,175,11 FOeser 6.11.689,10 LauneVerl 119[für: visage] 45,38,13 RamNeffe2,226 Sprichw 6820,408,28 Wv II 18
c iZshg physiognom Beschreibung od Betrachtung: für jds Gesichtsbildung od Gesichtszüge; oft verbunden mit charakterl od ästhetischen Beurteilungen; mehrf neben ‘Gestalt’[Lynkeus üb Helena:] Vor der herrlichen Gestalt .. | Vor dem Reichthum des G-s | Alles leer und alles nichts 151,1 Faust II 9354[üb HGFranke, Prof für Moral, Politik u Staatsrecht] seine Mienen Sein G. seine Handlungen seine Seele stimmen alle darin überein daß sie insgesammt aufrichtig sind B1,10,14 Cornelia 13.10.65sein [Jung-Stillings] bedeutendes und gefälliges G. 27,250,22 DuW 9Schmeicheley in harten, Härte in weichen G-ern sind gleich furchtbar 53,423,10 PhysiognomischesB48,189,5u7 Boisserée 24.4.31[für: visage] 45,10,16u18 RamNeffe27,233,2 DuW 933,209,15 Camp ‘garstiges G.’ (wohl in Anspielung auf einen Studentenscherz2)) in scherzh-selbstiron VerwendungDas garstige G. | .. Ich schicke da mein Bildnis dir [Lotte] .. | ’s ist ungefähr das garst’ge G.: | Aber meine Liebe siehst du nicht 2,265 Titel u Vs 15B2,193,14 ChKestner 31.8.[74]‘auf jds ehrliches G.’ iSv auf Treu u Glauben; in rhetor Frage iSv wahrhaftig[Wirt, im Selbstgespräch:] lieh’ mir nur einer 50 Gulden auf mein ehrlich G., ich wollte ihm gern zweimal so viel davor verschreiben 18,354,20 Hausball [G/Seidel]11,142,5 Stella I‘mit redlichem G.’ iSv aufrichtig, ehrlich 3,262 ZXen II 491
2 für Miene, Gesichtsausdruck; öfter mit Attr wie ‘freundlich, heiter’, auch ‘böse, grimmig’ uä; einmal in Berührung mit B3a[Amalia üb Sinklair:] Wenn ich sein G. recht lese, so hat er etwas gegen uns [Frauen] in der Tasche 18,278,19 GutWeiberIch werde diesen Morgen fleisig seyn um ein freundl[ich] G. von Ihnen zu verdienen B4,265,17 Ch Stein 4.8.80Sieben gehn verhüllt, und sieben mit offnem Gesichte .. | Denn ihr eigen G. birget als Maske den Schalk3) 1,336 Vs 28 WeissagBakis 7er [der Dichter] verbirgt die traurigen G-er, | Wenn er in düstern Nächten schleicht .. | Vermagert bleich sind meine Wangen | Und meine Herzensthränen grau 6,186 Div Nachklang 351,57,21 ThS I 1636,272,25 BiogrEinzh UnterredgNapoleon 1808491,263,25 Mantegna,Triumphzug von GeistererscheinungenUnd die Nachtgespenster | Mit langen [dh starren, gleichmütigen] G-ern | Zogen vorbei 6,57 Div Schlechter Trost 14 —  häufig in festen Wdgn: ‘(jdm) ein best G./(best) G-er machen’ (einmal ellipt) iSv einer Gemütslage od

[Bd. 4, Sp. 94]
Haltung mimisch Ausdruck verleihen (auch sich verstellend); ‘jdm ein freundliches G. machen’ auch iSv jdn gut aufnehmen, empfangen; mehrf bei Personifikation[mBez auf eine Maskerade] Der Prinz würde Ihre Moitie [Begleitung], und wenn ich ihn heimlich beneidete so würd ich doch ein süs G. dazu machen B5,49,1 ChStein 8.2.81[Mariane zur alten Barbara:] Keine G-er! Ich will mich dieser Leidenschaft überlassen, als wenn sie ewig dauern sollte 21,5,7 Lj I 1Bandinell .. machte die häßlichsten G-er seines Gesichts [i più brutti visi del suo viso] 44,192,25 Cell IV 5Algebra ist angefangen worden, sie macht noch ein grimmig G. B7,220,1 ChStein 21.5.86Da er [Kaiser Valerian als Prägung auf einer röm Silbermünze] nun aber .. | Soll von so lieben Händen kommen, | So mach’ ich ihm ein freundlich G.; | Gute Christen die thäten’s nicht 4,256 Der Heidenkaiser 1111,110,16 Clav IV 28,243,12 Egm IIIB30,128,18 Sartorius [Ende Nov/Anf Dez 09] ‘(jdm) ein G./G-er schneiden’, (einmal) ‘jdm ein G. ziehen’ iSv (abfällige, spöttische) Grimassen machen, zugl auch zum Ausdruck einer iron, herablassenden, mißbilligenden HaltungDann schnitt sie [Philine] den Leuten G-er im Rücken, und trieb voll Übermuth allerhand Ungezogenheiten 21,212,16 Lj II 12[betr G-s respektvolles Betragen anläßl eines Besuchs bei der Fstin Gallitzin] Daß ihr aber zu meiner Aufführung .. solche sonderbare G-er schneidet, daran erkenne ich die losen Weltkinder B10,52,6 Jacobi 17.4.93dass ihr .. mit der Spadille [höchste Karte beim L’hombre- u Solo-Spiel] stecht, mir ein höhnisch g. zieht, und euch zu euerm Weibe legt find ich unartig B2,80,13 Kestner [15.4.73 Korr DjG3,39]B23,200,15 Zelter 12.12.12252,9 Wj [nur 1821] ‘das, (s)ein G. verziehen’: einen verdrießl, (weinerl-)verzerrten Gesichtsausdruck annehmen; negiert: eine unbewegte, unbeteiligte Miene zeigenDie Herzogin .. verzog das G. [torcendo il viso] und sagte [üb Cellinis Todesurteil]: Das ist eine schöne Gerechtigkeit, die der Statthalter Gottes in Rom ausübt! 43,352,11 Cell II 12der kleine Wicht [G-s Enkel Wolfgang] | Verziehet kläglich sein G.: | Die Kinder schreien immer 4,174 Chronika 1818 Vs 5[Sphinxe:] Wir .. | Sitzen vor den Pyramiden, | Zu der Völker Hochgericht; | Überschwemmung, Krieg und Frieden - | Und verziehen kein G. 151,1 Faust II 724851,211,1 ThS III 4
3 erweitert für die vordere Seite des Körpers, in Beschreibung der räuml Lage od Ausrichtung; überwiegend idVbdg ‘mit dem G.’; einmal vom TierMignon und Felix lagen [im Traum Wilhelms] im Grase, jene ausgestreckt auf dem Rücken, dieser auf dem G-e 23,10,24 Lj VII 1Eugenie .. auf einer Bank im Grunde, mit dem G. nach der See NatT Regiebem vor 1726[G während einer Probe zu ‘Egmont’:] Herr Oels! Ihre hintere Partie haben wir genug gesehen; zeigen Sie uns doch wieder Ihr G.! Gespr(He2,1213) CEberwein 1791/1817[in Seenot] ich hatte ihm [dem Pferd] das G. [viso] gegen die frischen Wiesen gekehrt .. [damit] es schwimmend mich mit sich fortziehen sollte 43,284,11 Cell II 88,304,1 Egm V Regiebem
4 metonym für Person, Mensch; einmal mBez auf Porträtzeichnungen in der akkumulativen Fügung ‘G-er und Finger’Schon wart ich auf das alte G. [Friedrich, wohl Diener der Familie d’Orville], | Ich bin untröstlich kömmt er nicht B50,84,17 Orville uFr [3.9.?75 Korr DjG35,252]Bin ich’s noch, den du .. | An dem Spieltisch hältst? | Oft so unerträglichen G-ern | Gegenüber stellst? 1,71 An Belinden 15[an CarlAug] Gehab’ dich wohl bei .. all den G-ern | Die dich umschwänzen | Und umkredenzen! 4,203 Vs 3Hier hab ich ein Morgenbrod für Sie zusammengesucht von mancherley G-ern und Fingern B3,146,2 ChStein 21.3.77251,184,14 Wj III 9 mit den Attr ‘hübsch, süß, reizend’ speziell für weibl Person, Frauenzimmer[Redoute] Ich log und trog mich bey allen hübschen G-ern herum B3,23,20 ChStein 27.1.76Ihm ist wohl sein süß G. verleidet, | Daß er heut saure Gesichter schneidet 2,247 Sprichw 530151,1 Faust II 7234
5 für ein gesichtsförmiges, das Gesicht repräsentierendes Gebilde wie Maske od (Profil-)Silhouette; einmal pl für gesichtsähnliche Versteinerungen[Romeo zu Mercutio:] Wir gehn uns zu vermummen .. | Nimm einen Mantel, nimm ein fremd G. 9,175 RomJul 88Dancke für die Silhouetten Auslegung .. ich schicke dir .. manchmal solch ein G. B4,319,21 Lavater 13.10.80Die versteinten Hölzer sind merckwürdig und das Accident mit den G-ern einzig artig, es bedarf keiner Imagination um sie zu erkennen B21,286,9 CarlAug 9.5.1032,238,28 ItR
6 im Bild (auch im Gleichnis u bei Personifikation) u metaphor; gelegentl mit Attr wie ‘blühend, reizend, wunderlich, klar, dunkel’[Julia üb Romeo:] O Schlangenherz mit blühendem G. [face]! 9,224 RomJul 968Das Wort ist ein Fächer! .. | Der Fächer ist nur ein .. Flor, | Er verdeckt mir zwar das G., | Aber das Mädchen verbirgt er nicht 6,42 Div Wink 7[Nacht:] So tret’ ich vor mit nie gefühlter Wonne, | Mein düstrer Schleier hebt sich vom G. 16,250 Maskenz 1818 Prol 22von Konkret-Gegenständlichem, bes von (anthropomorph aufgefaßten) Naturgegenständen u -phänomenen; ‘G-er schneiden’ iSv ein best (seltsames, auffälliges) Aussehen zeigen[Kessel zum Topf:] Behält der Henkel ein klar G., | Darob erhebe du dich nicht, | Besieh nur deinen Hintern 6,233 Zum Kessel sprach 6[Faust, Meph u Irrlicht im Wechselgesang:] Fels und Bäume, die G-er | Schneiden, und die irren Lichter, | Die sich mehren, die sich blähen Faust I 3909[Link üb eine Kometenerscheinung:] viel feurige helle Flamme, und dazwischen die grausamen G-er mit rauchenden Häuptern und Bärten! 8,142,18 Götz2 Vsie [die Geister der Gefallenen] gauckeln von Wind zu Wind, | Über’s dunckle — G. der Nacht des Sturms 53,154,16 Ossian [1771][betr Wetterbeobachtungen] der Himmel mache ein G. welches er wolle N12,110,11 Met Karlsbad 18191,49 An Luna 427,49,7 DuW 61,169 Der Fischer 19B38,40,4 Nees 29.1.2417,229,8 GrCoph V 4 in der geistig-abstrakten Sphäre, einmal bei Zeitvorstellungvon den Pisistratiden bis zu unserm Wolf schneidet der Altvater [Homer] gar verschiedne G-er B36,111,10 Zelter 8.8.22des Alten und Neuen hat sich so vielerlei zusammengedrängt, daß das neue Jahr mir ein .. mühseliges G-e zeigt B5,245,22 Ernst II [Ende Dez 81]Faust I 3748
B Erscheinung, Phänomen
1 Erscheinungsbild, Aussehen, Anblick; auch von Umständen, VerhältnissenDer Almanach [erste Bogen des Musenalmanaches auf 1797] macht wirklich ein stattliches G. B11,158,5 Schiller 13.8.96es ist ein närrisches Ding um ein Jahr, was alles sein G. in einem Jahre verändert B1,214,14 KSchönkopf 26.8.69[Liebchen zum schlafenden Schäfer:] Hier o du Schelmlicher | Hast du G. | Öfne die Augen | Himmlischer Schatz 53,474 TheatrAben-

[Bd. 4, Sp. 95]
teuer Plp Vs 62
B8,20,23 Herder uFr 2.9.8624,6,7 Wj I 1 ‘symbolisches G.’ für allegor (bildkünstlerische) Gestaltung[üb einen Kupferstich nach einem Gemälde von AAppiani] Italien erscheint in seinem Jammer Bonaparten in einem symbolischen G-e4) 491, 415,14 Üb:Appiani,SiegesglückNapoleons
2 iSv Trugbild (für eine Luftspiegelung)[Faust zum Kaiser:] Dort [an der Küste Siziliens], schwankend klar, im Tageslicht .. | Erscheint ein seltsames G.: | Da schwanken Städte hin und wider, | Da steigen Gärten auf und nieder, | Wie Bild um Bild den Äther bricht 151,1 Faust II 10589
3 durch innere Anschauung wahrgenommenes Bild; Pl ‘G-e’
a als Produkt der Einbildungskraft: (beängstigende) Vorstellung, Traum(bild); einmal für eine künstlerisch-imaginative HervorbringungVerschwinde Traum [vom früheren wild-genialischen Treiben]! .. | Das ängstliche G. ist in die Luft zerronnen, | Ein neues Leben ist’s, es ist schon lang begonnen 2,147 Ilmenau 164[betr ETAHoffmann] Es ist unmöglich, Mährchen dieser Art irgend einer Kritik zu unterwerfen; es sind nicht die G-e [visions] eines poetischen Geistes .. es sind fieberhafte Träume eines leichtbeweglichen kranken Gehirns 422,87,15 Üb:Scott, Supernatural in Fictitious Compos52,357 Und Freude schwebt 5 = 14,293 Faust Plp [?]251, 144,19 Wj III 6
b als (schwärmerisch-)religiöse (auch gottgesandte) Vision, myst OffenbarungWenn man .. dieses Sujet [die Entrückung Moses’] behandeln wollte, so konnte es .. nicht anders geschehen, als daß der Heilige, noch voll von dem anmuthigen G-e des gelobten Landes, entzückt verscheidet B5,141,10 Maler Müller 21.6.81[üb Lavaters ‘Aussichten in die Ewigkeit’] eine Seele, die .. sich über das Irdische hinauf entzückt .. und dann .. für die mikromegischen [verstiegenen od vermessenen] G-e .. Beweisstellen in der Bibel aufklaubt 37,257,27 FGA Lavater,Aussichtendiese geheimen Anschauungen, die entzückenden G-e [Makaries] sind es die bei den Ihrigen als Krankheit gelten 24,193,12 Wj I 10[Sonett Cellinis an den Kastellan] Um vor die Seele dir, mein Herr, zu bringen .. | Welch herrliches G. [Christus- u Marienerscheinung] mich hoch entzückte, | Wünscht’ ich die Kraft ein himmlisch Lied zu singen 43,370,12 Cell II 13251,281,12 Wj III 15
c für die Erscheinung des Erdgeistes (auch ‘Fülle der G-e’); bei inszenatorischer Erläuterung der Phantasmagorie auf dem Theater zugl Bed A1c einbegreifend[Faust, üb den in der Flamme erscheinenden Erdgeist:] Schreckliches G.! Faust I 482~Urfaust 130[iZshg mit einer Aufführung von Faust I in Berlin] ich dachte, dabei die bekannte Büste Jupiters zu Grunde zu legen, da die Worte: schreckliches G. auf die Empfindung des Schauenden .. eben sowohl als auf die Gestalt selbst bezogen werden konnten B31,163,22 Gf Brühl 2.6.19Faust I 520~Urfaust 167
C in ursprüngl Bed: auf die visuelle Wahrnehmung bezogen
1 die (menschl) Fähigkeit zu sehen
a Gesichtssinn, auch in Korrelation mit anderen Vermögen der SinneswahrnehmungDas G. ist der edelste Sinn, die andern vier belehren uns nur durch die Organe des Tacts .. das G. aber steht unendlich höher .. nähert sich den Fähigkeiten des Geistes 422,197,7 MuR(744)[betr elektr u galvan Versuche] Erregung des Lebendigen .. Wirkung: auf Gefühl, G., Gehör, Geschmack, Geruch N11,206,11 Galvanism45,287,15 Diderot,Malerei Anm[für: visus] N3,1,6 FlH I Pythag
b (jds) Sehkraft, -vermögen; charakterisiert als ‘schwach, kurz, gut, scharf’[nach der Lektüre Shakespeares] stund ich wie ein blindgebohrener, dem eine Wunderhand das G. in einem Augenblicke schenckt 37,130,22 ShakespTag[Frau Rückenau zu Reineke:] Könnt ihr die Augen ihm [Isegrim] salben [mit Urin], so ist’s am besten gerathen, | Sein G. [Reinke de Vos: ghesycht] verdunkelt sich gleich ReinF XI 390Daß er [ESchubarth] bey schwachem G. eine Brille trägt, mußte ich ihm erst in Betrachtung seiner .. Vorzüge verzeihen B33,276,9 Schultz 1.10.2012,160 ScherzLR 89518,370,4 ReiseMegaprN1,47,9 FlD 10447,13,27 PropylEinl [Zit s unter 2bβ] ‘scharfes, schärferes G.’ zugl für analyt Fähigkeit, ErkenntnisvermögenEigene kindische Bemühungen [um die Elektrizität] .. | Kein eigentlich scharfes G. | Daher die Gabe die Gegenstände anmuthig zu sehen N11,300,7 NatwissEntwicklungsgang[Knabe Lenker zum Herold:] Zwar Masken, merk’ ich, weißt du zu verkünden, | Allein der Schale Wesen zu ergründen .. | Das fordert schärferes G. 151,1 Faust II 5609zugl für das ästhet UrteilMit den Kupfern verlassen Sie sich auf Ihr G. .. Wenn die Zeichnung gustös ist, und der Stich schön schwarz, so ist alles gut B2,6,5 Salzmann [Okt 71 Korr DjG 2,116]
2 das Auge, die Augen
a als Wahrnehmungsorgan; einmal in synästhet FügungEmpedokles erklärt die Farbe für etwas, das den Gängen des Auges oder G-s [ὄψεως] angemessen und damit übereinstimmend sei N3,3,21 FlH I[Meph zu Faust, in Anspielung auf seine teufl Natur:] Siehst du die Schnecke da? Sie kommt herangekrochen; | Mit ihrem tastenden G. | Hat sie mir schon was abgerochen Faust I 4067N3,6,6 FlH I12,237 UnglHausgenossen Regiebem vor 314 ‘vorm G.’: vor Augen (auch in Berührung mit bβ)[Student, nach Mephistos Schilderung des Universitätslebens:] Mir wird ganz greulich vorm G.! Urfaust 29139,173,10 Götz1 V~8,159 Götz2
b die Vorstellung des Sehens u Gewahrwerdens einschließend od akzentuierend
α Blick[Chor der Feen:] Der Mond erhellt die Fichten, | Und unsern G-en | Erscheinen die lichten | Die Sternlein im Thal 12,63,7 Lila IIEs ist möglich [in einer Posse] .. die für’s G. angelegten Situationen mit mahlerischer Zweckmäßigkeit darzustellen und dadurch das Ganze .. empor zu tragen 40,80,24 WeimHoftheat[bei einer Umschau vom Baschberg bei Buchsweiler] gegen Südost hat das Auge die unendliche Fläche des Elsasses zu durchforschen, die sich in immer mehr abduftenden Landschaftsgründen dem G. entzieht 27,327,20 DuW 10B51,219 Sartoris 24.5.07 in versch Wdgn wie ‘(jdm) etw vor, zu G. bringen’; ‘jdm vor das G. kommen’, ‘ins, vor, unter das G. treten’, ‘jdn, etw zu G. bekommen’ uäDie einzelnen Pulte [an einem Bücherrad] .. bleiben .. immer vertikal .. und so kann man .. rückwärts und vorwärts die Bücher vor’s G. bringen T8,283,15 v 2.8.22[Capulet zu Julia:] Ich sage dir’s: zur Kirch’ .. | Sonst komm mir niemals wieder vor’s G. 9,245 RomJul 138811,120,17 Clav VB2,149,16 Kestner [März 74] öfter ‘jdm zu G. kommen’, bes von Publikationen od Handschriftlichem; ‘jdm kommt wenig Geld zu G.’ für: gering entlohnt werdenWie angenehm wurden sie [Wilh, Philine u Mignon nach einem Überfall] .. überrascht, als ihnen aus den Büschen .. ein Frauenzimmer zu G-e kam 22,42,18 Lj IV 6~52,197,19 ThS VI 1[mBez auf eine Rez Böttigers] Wenn sie Ihnen zu G-e

[Bd. 4, Sp. 96]
kömmt, werden Sie den Verfasser .. nicht verkennen B11,55,24 Meyer 18.[4.]96[üb Gellerts Ermahnungen hinsichtl einer sauberen Handschrift] Dieses wiederholte er so oft, als ihm eine kritzliche nachlässige Schrift zu G. kam 27,210,4 DuW 8[für: vedere pochi denari] 44,190,6 Cell IV 551,182,18 ThS II 8 ‘(jdm) ins G. fallen’ iSv (jdm) in die Augen fallen, auffallen; ‘jdn ins G. fassen’ iSv jdn ansehen, in Augenschein nehmen; einmal ‘sich jdn ins G. nehmen’ iSv sein Augenmerk auf jdn richten, sich mit ihm beschäftigenIch neigte mich und ihr [Lottes] Trauring fiel mir in’s G. — meine Thränen flossen AA112,8 Werth2 IIsind doch vielleicht wenige [Knochen] so ausgezeichnet, so in’s G. fallend abwechselnd als [der Zwischenknochen] N8,141,12 BeschreibgZwKnochMan .. drängte sich, sie [Narciß u Landrinette bei der Artistenparade] in’s G. zu fassen 21,164,25 Lj II 4~51,203,2 ThS III 2Mir fehlt ein Held! .. | Da nehm’ ich mir Freund Juan in’s G. [I’ll therefore take] 3,197 ByronDonJuan 6251,170,28 Wj III 8 ‘etw nicht aus dem G. lassen’ iSv etw aufmerksam verfolgen[üb den Naturphilosophen JGörres] Ich bin auf seinen Gang neugierig; es ist eine Natur, die man nicht aus dem G. lassen muß B17,127,4 Eichstädt 21.4.04
β geistiges Auge, innere Anschauung, Vorstellung; einmal ‘geistiges G.’Nachts und nächsten Tags kam ihr [Marianes] Bild ihm [Wilh] .. oft vor’s G. 51,54,11 ThS I 15selten kann er [der Dichter JCBlum] sich länger erhalten, als er seinen Horaz im G. hat 37,218,4 FGA Blum,LyrischeGed [Schlosser/G?]wie derjenige der ein kurzes Gesicht hat, einen Gegenstand besser sieht, von dem er sich wieder entfernt, als einen dem er sich erst nähert, weil ihm das geistige G. nunmehr zu Hülfe kommt 47,14,2 PropylEinl4,13 An Gfin O’Donell 8.8.18 Vs 2
3 Gesichtsbereich, Blickfeld; ‘jdm ins G. treten, aus dem G. kommen’, ‘jdn aus dem G. verlieren’ ua[Fräulein:] Das Volck .. schien .. dem [scheuenden] Pferd für die Unart zu dancken, womit es ihn [Weisl] länger in ihrem G. hielt 39,59,7 Götz1 II[Friederike, während eines Besuchs G-s bei der Familie Brion] betrug sich allerliebst .. vom ersten Augenblick da ich ihr unerwartet auf der Schwelle ins G. tratt, und wir mit den Nasen aneinander stiesen B4,66,27 ChStein 28.9.79[Wilh berichtet üb seine familiären Verhältnisse] unter dem Erzählen .. ward ihm der Zustand der Seinigen, die er so lange aus dem G. verloren, wieder lebendig 52,221,19 ThS VI 7T1,164,13 v 9.9.8617,101,3 Vögel ‘etw aus dem G. haben’ iSv etw erledigt haben[mBez auf den Abdruck des ersten Bandes der ‘Lehrjahre’] ich war froh den Anfang aus dem G-e [>aus den Augen 35,36,1 TuJ] zu haben 35,286 TuJ 1794 Plp‘(jdm) aus dem, vom G. (gehen)’, nur imperativisch, auch zur Abwehr von (zudringl) Bitten[Mardochai:] Rett’ uns noch! [Esther:] Ach, geh mir vom G.! 16, 35 JahrmPlund2 550[Sophie zu Alcest:] mir vom G. DjG3 1,412 Mitsch2 85744,41,18 Cell III 4
GWB Affengesicht GWB Alletagsgesicht GWB Arschgesicht GWB Christusgesicht GWB Engelsgesicht GWB Feuergesicht GWB Fratzengesicht GWB Frauengesicht GWB Frohgesicht GWB Gegengesicht GWB Halbgesicht GWB Heilandsgesicht Helden- GWB Jünglingsgesicht GWB Katzengesicht GWB Kaufmannsgesicht GWB Kindergesicht GWB Knabengesicht GWB Kunstgesicht GWB Mädchengesicht GWB Mannsgesicht GWB Marketendergesicht Menschen- Menschenschafs- Milch- Mond- Monden- Nach- Nacht- Pferde- Pinsel- Porträt- Schatten- Scheiß- Schmiede- Sonntags- Theater- Traum- Treu- Trug- Volks- Voll- Vor- Vorder- Weibs- Werkeltags- Zeichenbuchs-Syn zu A Angesicht Antlitz zu A5 Gesichtsmaske zu B Erscheinung Phänomen zu B1 Anblick Aussehen zu B2 Scheinbild Trugbild zu B3a Traumbild zu B3b Offenbarung Vision zu C1a Gesichtssinn zu C1b Auge Augenkraft Augenlicht Gesichtskraft Schaukraft Sehkraft zu C2a Auge(A-n) Gesichtsorgan Sehorgan zu C2bα Blick zu C3 Gesichtskreis
1) zu den versch Interpretationen von ‘Kreis des G-s’ vgl DivWb 155 u FfA I 32,1238
2) vgl FfA I 1,875
3) vgl hierzu MMorris, Goethe-Studien 2,21902,217ff u FfA I 2, 965
4) vgl MA132,708

Katherina Mittendorf

 

 gesicht, n. , unverkürzt gesichte.
I. Formen.
1) geschlecht. das neutr. ist erst seit dem 13. jh. nachweisbar im md. daʒ gesichte, gesicht (Hermann v. Fritzlar in myst. 1, 74, 19. 138, 32. Marienleg. 141, 91. pass. 91, 26 H.), dafür ahd. das fem. kasiht, kisiht, gisiht, visus, adspectus, conspectus, facies, verstärkung von diu siht (s. sicht), ags. gesihð, gesiehð, mhd. diu gesiht, und im 16. jahrh. noch häufig in Oberdeutschland: die gesicht, das anlgen, visus, die gesicht von einem ding abwenden, dejicere oculos, lieber, gang mir nit ab der gesicht oder ab den augen. Maaler 174d;

von wägen diner scharpffen gsicht
solt heiszen luchs.
Ruff Adam u. Heva 853;

wiewol ich meiner gesicht beraubet bin. Steinhöwel (1487) 101b; die musculi an der gesycht. Gersdorf feldb. d. wundarzn. 1; so du nun gehört hast von bresten der augen, wil ich dir nun auch sagen von bresten und schedlichkeit der gesicht, wann die gesicht und die augen nit ein ding sint. Dryander arzn. (1542) 81; von einer gesicht (erscheinung) wegen. Keisersberg Marie himelf. 17c. mnd. entspricht das neutr. gesichte, mnl. ghesicht Kilian, nnl. gezicht, gezigt Kramer 1, 102c.
2) von den pluralbildungen ist gesichte die ältere, edlere, jetzt nur in der bedeutung 'visionen' gebräuchlich, dagegen die jüngere, gesichter (Stieler 2023) heute der bedeutung 'antlitz, miene' ausschlieszlich angehört, aber dafür noch bei Klopstock:

sanfter rührender schmerz deckt ihre gesichte. Mess. 3, 107, gesichter ausg. 1751;

wilde gesichte voll freude, gesichte von sorgender furcht voll. 4, 415, gesichter ausg. 1751,

und vereinzelt bei Göthe:

der mond erhellt die fichten,
und unsern gesichten
erscheinen die lichten,
die sternlein im thal. 11, 65;

(feuer) das um die gesichte
der todten spielt.
Herder z. lit. 8, 410.

im 16. jahrh. zum femin. auch der plural gesichten 'erscheinungen, göttliche offenbarungen': es seind gesichten. Keisersberg Marie himelfart 17c; gesichten, die einem zenacht in dem traum fürkommend. Maaler 175a; ain münch, dem von dem engel, sinem fürer, vil gesichten geoffnot worden syen. dise gesichten u. s. w. Oheim chr. 52, 27; selten zum neutr. in dieser bedeutung gesichter Francisci luftkreis 626. Rabener 1, 210, s. u.
3) neben gesicht mhd. daʒ gesihene, gesichen, visus, und ahd. daʒ gisiuni, mhd. gesiune, visus, facies, jenes im hinblick auf das goth. saíhvan mit erhaltenem ch, dieses mit bewahrtem w-laut.
II. Bedeutung und gebrauch.
1) das sehen.
a) allgemein: ahd. ecchert mit ôron gehôrendo gehôrta er mih, âne ougen gesiht. Notker ps. 17, 41 Wiener handschr.; gesicht der augen, visus. voc. inc. teut. i 4a; aber gottes wort und werck gehen nicht nach unser augen gesichte, sondern unbegreifflich aller vernunfft. Luther 3, 454b; so mügen sie von dem geruch oder gesicht satt werden. 1, 81b; niemand sihet, wo es jm selbs mangelt, sondern an einem andern sihet ers bald. wenn man nu solchem gesicht folget, so kömpt nichts anders draus, denn afterreden und richten unternander. 5, 430a.
b) das sehvermögen, die sehkraft:

mhd. die gesiht muoʒ er verliesen. Barlaam 39, 25;

im wart daʒ gesichte sîner ougen widder gegeben. Ködiz heil. Ludwig 72, 29; viel blinden schencket er das gesichte. Luc. 7, 21. 4, 18; dasz die lüt am gsicht abnemen, deszhalben man vil brillen bedarff. Eulenspiegel c. 63; abnemmende, blöde, schwache, kurtze gesicht Maaler 174d;

Eheson, der alt, sagt:
weil ich aber hab ein bösz gesicht,
untüglich bin zum regiment.
J. Ayrer trag. Thesei 242b;

Hippokrates, der ein kurzes gesicht und keine lorgnette hatte. Wieland 19, 211; das gesichte verderben. Schuppius 420; dasz er für ohnmacht zur erden sanck und ihm das gesicht verging.

[Bd. 5, Sp. 4088]
2 Macc. 3, 27. ps. 69, 4; die sehr krancken sehen über sich, als wolten ihnen die augen brechen und das gesicht vergehen. gl. zu Jesaia 38, 14;

ich erkranke,
es vergeht mir das gesicht!
Göthe 11, 168. 24, 87;

welchem das blut sein gesicht verhindert. Amadis 24, 527;

und wirt din gsicht dunkel und schwer.
Gengenbach gouchm. 249;

schäden und mängel der augen und des gesichtes. Bartisch augendienst (1583) titel; alle fische, so grob und faul blut machen, sind dem gesichte schedlich. 255b u. ö.; solche temperierung der dicke (die verdickung der säulen nach oben zu) wird ihnen wegen der verlierung oder abstellung des gesichts in der höhe notwendig zugeeignet werden, damit man dem gesichte verlangter maszen begegne. Sandrart academie (1675) 1, 13; der gesichtssinn: daʒ gesicht, daʒ in den augen sitzet, gibt uns ze erkennen mêr ding denn kain ander auʒwendich sin. Megenberg 9, 12; der mensch hat an seinem gesichte, diesem zartesten sinne, den wachsamsten hüter wider die gefahren des lebens. Gellert 7, 25; die beiden edelsten sinne, gesicht und gehör. Hamann 7, 10; von thieren: der adelar hât gar ain starch scharpf gesiht. Megenberg 166, 9; ein feddermusz, die ein dunkel blöd gesicht hat. Keisersberg postill 3, 21b; die hasen haben überhaupt ein schwaches gesicht. Heppe jagdlust (1783) 1, 210.
c) der blick: ain weip mit irm gesicht warf ain kämlein (kameel) in ainen graben. Megenberg 9, 32; sihe unser leibliche augen und gesichte an, wenn wir die augen auffthun, so ist unser gesichte in einem augenblick uber fünff oder sechs meile wegs und zugleich an allen orten, die in solchen sechs meilen sind gegenwertig, und ist doch nur ein gesichte, ein auge. kan das ein leiblich gesichte thun u. s. w. Luther 3, 458a; basilisk, der mit dem gesicht die leute vergifftet und tödtet. 8, 61a; er hat auch mit seinem gesicht die spinnen und alles unzifer bezwingen kinden (bezaubern können, so dasz sie still standen), zu zeiten hat er sie auch mit seinem gesicht getödt. Zimm. chron. 1, 481, 7; sein grosze lieb, das sy an seinem geperde und gesichte der augen wargenomen und erkant hette. Bocc. 419, 3 Keller; Lynceus hat so ein scharf gesicht gehabt, das er auch durch ein bret oder wandt sahe. S. Frank mor. encom. 50a;

und dein gesicht
kan die gedancken selbs durchsehen.
Weckherlin 38 (ps. 10, 16);

der begehrliche blick: die vierdte thorheit (der Eva) war ihr üppig gesicht auff die früchte der wissenheit, die ihnen gott hatte verboten, wie man denn durch üppige gesicht in unzimliche begierde pfleget zu fallen. buch d. liebe 292, 1; David, der durch sein thöricht gesicht an der frauwen Uriels in den ehebruch und todtschlag kam. ebenda.
d) das innere schauen, der geistige blick: der grüen jasp (jaspis), der daʒ leipleich gesiht kreftigt, bedäutt den gelauben, der daʒ gaistleich gesiht sterkt. Megenberg 449, 14; diu selb tugent (temperantia) kreftigt leipleichʒ und gaistleichʒ gesiht. 18; der glaub ist desz inneren menschens gesicht und gewiszschafft, das er gewiser weisz dann das vor sein leiblichen augen stehet. S. Frank parad. 282a; aber wenn du das wort im glauben fassest, so kriegstu ein ander gesicht, das durch diesen tod hindurch kan sehen in die aufferstehung. Luther 6, 80a;

ach, schäme dich, mein geist, eröffne dein gesicht.
Brockes ird. vergn. 7, 217;

mein ganzes leben ging, vergangenes
und künftiges, in diesem augenblick
an meinem inneren gesicht vorüber.
Schiller XII, 248 (Wallenst. tod 2, 5);

wag es, die nebel, die dein gesichte verfälschen, abzuschütteln. Wieland 32, 397;

kurzsichtiger! dein gram hat dein gesicht vergället,
du siehst die dinge schwarz, gebrochen und verstellet.
Haller ged. 261;

geistiger gesichtskreis: der künstler wählt für das kurze gesicht der menschheit, die er belehren will, nicht für die scharfsichtige allmacht. Schiller III, 6 (Fiesko widm.); je kürzer die bahn oder auch das gesicht eines menschen ist, aus einem desto höhern tone pfeift er (desto stolzer tritt er auf), wenn er drei schritte darin gethan. J. Paul biogr. belust. 1, 127.
e) das anschauen, der anblick: mhd.

swaʒ siechen er an siht, der ist genesen,
swem aber er daʒ gesiht
entseit, der mac genesen niht. minnes. 2, 231b Bodmer;

[Bd. 5, Sp. 4089]

mit rede und mit gesihte
wâren si (die liebenden) heinlîch under in. Trist. 12394;

der leo fiebert auch von des menschen gesiht. Megenberg 145, 4; (leibesschäden der bettler) davon die swangern frawen durch gesicht schaden empfahen mochten. Nürnb. pol.-ordn. 318 Baader;

gesicht (geiler frauen) bringt bösz gedanck.
S. Brant narrensch. 92, 63;

da er (der hauptmann von Capernaum) das höret, das Christus selbs kompt, schickt er andere boten unter wegen, bittet und wehret 'o nein, was bin ich, das er sich bemühe selbs zu komen' .. das er sich auch unwerd achtet Christum zu sehen, und des gesichts gerne wil beraubt sein. Luther 6, 300b; die insel (Reichenau) ist wunnsam der ougen gsicht (dat.). Oheim 25, 28; daʒ die stuck (des speeres) inn luft sprutztend, so hoch, daʒ man die gsicht darab verlor (sie aus den augen verlor). Morgant 171, 37 Bachmann; in éinem gesicht würde ich alles sehen, uno in conspectu omnia viderem Aler 924b; einem das gesicht nicht günnen, alicujus aspectum aversari 924a;

selbst der fürst des tagesliechtes
würdigt uns kaum des gesichtes.
P. Fleming 218;

jemand nur von gesicht kennen, nur oberflächlich. Wander spr. 1, 1626; gesichts meiner, in meiner gegenwart. Schm.2 2, 247.
f) das sehorgan, das auge, die augen: pupilla, gesicht Dief. 473b;

mhd. dîn ougen sint tûben gesiht.
Lamprecht v. Regensb. tochter Syon 2020;

daʒ gesiht ist vorn in dem haupt. Megenberg 9, 17; daʒ uns der regenpog schein, dar zuo gehœrnt diu dreu: diu sunn ain seit, daʒ geschickt riseln ander seit und daʒ gesiht ze mitlist. 100, 15;

und dem sein gesicht wee thet,
den kan ich erznei, das er erplintt. fastn. sp. 752, 7;

das die kindlein wol schlafen mügen und ir gesicht von dem gelast der sunnen nit bekrenkt werden, so legt man sy an finster stett. Keisersberg granatapfel (1510) C 5a; schieszendes gesicht, augen die behende hin und wider gehen Henisch 1562;

jetzt helt sie züchtig ein ihr antlitz und gesicht,
jetzt thuts begierig sie und geil hin und her kehren.
D. v. d. Werder Gottfr. v. B. 4, 87;

das gesicht verkehren, die augen verdrehen Rädlein 372b;

ich wil itzt mein gesichte schlieszen
und mich nur dich alleine lassen führen.
Hoffmannswaldau getr. schäfer 89;

sie (die sterbende) reichte noch einmahl die starren lippen hin,
eröffnet ihr gesicht, zum theil bereits verzucket.
Besser 1, 376;

das gesicht empor heben oder erheben, oculos attollere Duez 193b; als nun Sigismunda genug geweinet het, hube sie auff ir gesichte. Albr. v. Eyb ehebüchl. 58, 19 Herrmann; das gesicht niederschlagen, oculos demittere Duez a. a. o.; Louise, das gesicht auf den boden geschlagen. Schiller III, 495 (kab. 5, 7); gehn musz er immer darnach (nach dem glück), aber sich nur hübsch in acht nehmen, wie ers gesicht trägt. 'was? wie ichs gesicht trage?' ja, herr Flau, wie ers gesicht trägt (ob er zu hoch hinauf oder zu tief herab blickt). Engel philos. f. d. w. 17; ein übersichtig gesicht, wann man das gesicht gantz nahe über ein ding halten musz dasselbig recht zu sehen, myopia Duez 193b; wo mich mein gesicht nicht betrügt. Frisch 2, 272b;

ich kan mir selbst nicht trauen,
ob mein gesichte hier den wahren zweck erkiest.
Hoffmannswaldau heldenbr. 67;

von thieren: curiöser tractat genannt das wieder gefundene gesicht der sonst blinden maulwürffe, von J. Thomasius, Dresden 1702; bildlich, das kalb ins gesicht schlagen, mit der wahrheit herausplatzen Ludwig 760, wie das kalb ins auge schlagen th. 5, 52. auch im plural von den sehorganen: Erasmus habe ins siebende jar blöde gesichte gehabt. Bartisch augend. C 4a; finster werden die gesicht. pred. Sal. 12, 3; der teufel äffe und blende den leuten nur also die gesichter und das gehör, dasz sie meinen etwas zu sehen oder zu hören. Francisci luftkreis 626;

die wand hat auch ein ohr, die winckel oft gesichter.
Günther 1020.


g) in verbindung mit präpositionen, redewendungen, die sich zumeist nach den entsprechenden von auge th. 1, 791 fg. gebildet haben.
α) unter das gesicht, wie mhd. under diu ougen: da sie (feinde) euch so nahe unter das gesicht kamen. Zinkgref apophth. 1, 241; in dieser (schifffahrt) kommt einem mancher widerwärtiger irregular wind unter das gesicht. Opel und Cohn 30 jähr. krieg 378 (von 1621);

kompt man ein andr unters gsicht,
hab ich mein lebtag gsehen nicht
mehr kriebeskrabs (unnötige umstände) ..
des bückens ist kein masz noch end. wurmschneiden (1628);

[Bd. 5, Sp. 4090]
dein weib wird dir die feigen unter das gesicht stoszen. Abele k. unordn. 1, 203; nachdem ihr gemahl mit ein wenig wein ihr unter das gesichte gesprützt hatte, erholte sie sich alsobald. med. maulaffe 17; ha! wem wag ichs unters gesicht zu treten? Göthe 10, 120; habt ihr gehört, was wir der gräfin alles unters gesicht gesagt haben. 15, 51. — unter dem gesicht, wie mhd. under (den) ougen: niemand kan sich selbst unter dem gesicht betrachten, wo er nicht den spiegel zu hülfe nimmt. Scriver Gotthold 277; sie sahe, wie grausam sie der jäger unter dem gesichte zugerichtet hatte. Jucundiss. 89; das sie eim underm gsicht verschwand. Fischart gl. schiff 128.
β) vor (für) das gesicht, vor die augen: mhd.

geruoche rihten mînen wec
vür dîne gesiht, herre got. Barlaam 377, 11;

und stells eim jeden fürs gesicht,
dasz er sein leben darnach richt.
Hellbach Grobianus (1572) 243b;

einem nicht vor das gesicht kommen wollen. Frisch 2, 272c;

dasz uns in Pluto grufft Alecto peitzsche nicht,
und Rhadamantus wir nicht kommen für gesicht.
P. Fleming 9.

vor (für) dem gesicht, vor den augen: also wil ich mich dahin bemühen, dasz du vor dem gesicht beider hauffen umbkommen solt. Amadis 1, 101 Keller; vor eurem gesicht, vestro in conspectu Aler 924b;

für aller welt gesicht.
Weckherlin 185 (ps. 74, 11).


γ) an die gesicht stellen, in aspectum lucemque proferre Maaler 174d; mhd. an ir gesicht, vor ihren augen Boner edelst. 54, 27.
δ) zu gesicht, mhd. ze gesiht, auch im plur. ze gesihten, vor augen, angesichts, wie zu augen theil 1, 796:

ze gesiht wol funfzig manne (gen.)
und zweier sîner kinde.
Ottokar östr. reimchron. 33655 Seemüller;

ze gesihten des herzogen. 82396;

iʒ was z'aller liute gesiht
beidiu ûʒsetzic unde vergiht
ein jüngelinc.
Lampr. v. Regensb. Francisken leben 4742;

das er z himel fr zu der gesicht seiner jünger. Stumpf 4, cap. 50 (aus einem glaubensbekenntnis des 13. jahrh.); almosen geben zu rum und zu gesicht (dasz es die leute sehen sollen). cod. germ. mon. 713, f. 21 bei Schm.2 2, 247. Eschenburg denkm. 404; die personen (der aufzuführenden komödie wurden) herfür z gesichte des volckes gelassen. Albr. v. Eyb spiegel d. sitt. vorr. 4a; des rats mandat wider das zutrinken, zu München auf der trinkstuben zu offnen gesicht aufzeschlahen befohlen. Schm.2 2, 247 (von 1532); darum bin ich des entschlossen, jme zu gesicht (vor seinen augen) den hertzog Reicharten thun hencken. Aimon A 3. — zu gesicht kommen, bekommen, kriegen u. s. w.: ahd. ze gesihte chomen, wie ze ougon chomen (Notker ps. 34, 21);

mhd. ê du mir
zu gesichte kumen bis.
Albr. v. Halberstadt 29, 3;

dasz mir under den neün göttinnen der freien künsten keine nie z gesicht kam. J. Wickram widm. zu Ovid bei Haupt 8, 399; anfänglichs, wie sie einander zu gesicht kamen, erstummeten sie ab einander. buch der liebe 192, 2; diejenigen, denen die schrift erst jetzt zu gesichte kommt. Wieland 29, 5; seemännisch, land zu gesicht bekommen, entdecken oder gewahr werden Bobrik 314b; möchtest du doch diese quintessenz des männlichen geschlechts zu gesicht kriegen. Göthe 8, 72; wenn ich den federfuchser zu gesichte krieg. Schiller III, 365 (kab. 1, 2); mhd.

nu bringtʒ iu alleʒ ze gesihte
swes der mensche bedarf ze ihte. warnung 1961,
Haupts zeitschr. 1, 492;

der maler Timanthes hatte des Agamemnons angesichte bedeckt und verhüllt gebildet, als er ihn bei der aufopferung seiner tochter fürgestellet, zu bedeuten, das keine kunstfarbe zu finden, welche die traurigkeit eines vaters über seines kindes tod eigentlich zu gesichte (zur anschauung) solte bringen können. Butschky Pathmos 340; wo dieses alles auch dem stumpfesten auge übersehbar zu gesichte liegt. Schiller II, 341. — einem zu gesichte stehen, gut oder schlecht anstehen, passen: mach es von hoflichen varben, das stet wol czu gesichte. küchenmeist. a 5; Schlosser, dem ein gewisser ernst gar wohl zu gesicht stand. Göthe 26, 159; die puffen stehn gut zu gesicht. 13, 55; der schlafrock stand mir schön zu gesichte. Eichendorff taugenichts 19; es würde mir schlecht zu gesichte gestanden haben, über die so zuverlässige unterscheidungskraft seines geschmacks zu spotten. Thümmel reise (1794) 3, 261.

[Bd. 5, Sp. 4091]

ε) in das, ins gesicht, in oder vor die augen: ahd.

thie engila zi himileflugun singente;
in gisiht frônothar zâmun se scôno.
Otfrid 1, 12, 34;

wenn wir hinüber komen zu den leuten und inen ins gesicht komen. 1 Sam. 14, 8. 11; ich gieng selten aus, und die hohe schul kam mir nicht viel ins gesichte. A. Gryphius (1698) 1, 856; von dessen arbeit mir aber nichts ins gesichte kommen. Hoffmannswaldau vorr.;

nichts konte mich so sehr in meinem hertzen kräncken,
als wenn dein bildnüsz mir in mein gesichte kam. heldenbr. 68;

da er ihn (den könig) ins gesicht bekam, beugte und neigte er sich zur erden. pers. baumg. 6, 8; land ins gesicht kriegen. H. Staden 102 Stark; als ihr ihre kinder ins gesicht gebracht (vor augen geführt) wurden. Zinkgref apophth. 3, 439; warumb legen die höcker ein höltzern käsz, als wäre er ein rechter, dem vorübergehenden in das gesichte? Schuppius 543;

es soll ein solch geschlecht euch an der seiten stehen,
das euch mit lieb und lust wird ins gesichte gehen.
Mühlpforth hochz. (1686) 5;

jemand ins gesicht gehen, stehen, treten, geradaus entgegen: dem feindt ins gesicht gehen. Schwartzkopf Herodot (1593) 178; diese wunden habe ich von meinem feind empfangen, als ich ihm recht in das gesicht (auge in auge gegenüber) stund. Zinkgref apophth. 3, 150; einem ins gesicht widerstehen, obsistere coram Frisch 2, 272c; die schoszsünde des volks, der geiz, die Lykurgus durch das verbot des gemünzten goldes und silbers ins gesicht bestritten hatte. Niebuhr 3, 316;

und trat ihr ins gesicht auf offentlichen wegen.
A. Gryphius (1698) 1, 200;

gewohnt, dem tode ins gesicht zu treten.
Körner 333 (Zriny 1, 4).

ins gesicht fallen, wie in die augen fallen, auffallen, sofort bemerkt werden: gleichwie nun auf der reise viel schöne sachen in unser gesichte fallen. Chr. Weise kl. leute 269; ich solt ihm bald ins gesicht fallen. Aler 924a; dadurch verhinderte ich, dasz ihnen dieser fensterladen nicht sogleich ins gesicht fiel. Schiller IV, 227;

mir fielen (am triumphwagen Amors) ..
Asiens bezwinger ins gesicht.
E. v. Kleist 1, 114;

es fällt schön, gut ins gesicht, sieht schön, gut aus Rädlein 373a. Adelung; offenbar sein, wie in die augen fallen oder springen: das zweite ist eine alberne, nicht zu lösende aufgabe, wie jedem gleich ins gesicht fällt. Göthe 54, 54;

der übelstand springt jedem ins gesicht.
Wieland n. Amad. 3, 2, ist offenbar erste ausg.;

ins gesicht fassen, wie ins auge fassen, eigentlich als ziel des schützen oder des schlagenden kriegers, dann scharf und genau anblicken, contemplando imaginem alicujus suo animo imprimere Aler 924a; läszt es (das schwert) aber, wie sie ihn ins gesicht faszt, schnell wieder sinken. Schiller XIII, 280 (jungfr. v. Orl. 3, 10). — ins gesicht kaufen, gegensatz ins gewicht, wie nach dem gesicht (sp. 4092), nach augenmasz Schm.2 2, 247.
wendungen, in denen wir jetzt mehr die bedeutung 'antlitz' empfinden, wie ins gesicht sagen, loben, schmeicheln, lachen, gegensatz im oder hinterm rücken:

in eyr gesicht sag ich für wor.
Gengenbach Nollh. 164;

und sagte ihm ins gesichte, er sei ein alter melancholischer lemmel. Schuppius 474, ins angesichte ausg. 1719; hatte nicht einer von ihnen dem könige mit der unverschämtesten dreistigkeit ins gesicht zu sagen gewagt. Schiller IX, 370; Wilhelm dachte allerlei bei sich selbst, was er jedoch dem guten menschen nicht ins gesicht sagen wollte. Göthe 18, 79. 7, 84;

ich sags euch geistern ins gesicht,
den geistesdespotismus leid ich nicht. 12, 217 (Faust 4165 Weim.);

gestehst du mirs aber ins gesicht. 2, 262;

man hat mir, nicht gerade ins gesicht, aber doch wohl im rücken den vorwurf gemacht. 17, 187; ins gesicht publicieren. 24, 249; mein mann untersteht sich mir ins gesicht zu behaupten .. Schiller XI V, 158;

ob wol auch die Phillis nicht
lobet mich in mein gesicht,
brenn ich doch umb sie zu werben.
Weckherlin 403 (od. 1, 21, 7);

es ist nicht löblich, einen loben ins gesichte.
ja; viel minder ist es löblich, das man einen rücklings richte.
Logau 2, 9, 74, auch im dativ

es lobt mich im gesicht, es schändet mich im rücken. 1, 1, 9;

du schmähst mich hinterrücks? ...
du lobst mich ins gesicht?
Lessing 1, 11. 254;

[Bd. 5, Sp. 4092]
ich pries sie ins schöne gesicht. J. Paul biogr. belust. 1, 145; eben als wenn ich ihm meine liebe, mein lob nicht geradezu ins gesicht aufdringen wollte. Göthe 19, 106; wie man mir (höhnisch) ins gesicht lachte. 36, 90. 19, 57; ist einer grob, so sind sie (Russen) ins gesicht artig und mausen ihm das seine hinter seinem rücken. Freytag werke 13, 179.
im gesicht: ahd. in sînero gesihte, in conspectu ejus. Notker ps. 79, 10; (der auferstandene Jesus spricht)

ioh theih faru in rihtiin sînes selb (gottes) gisihti.
Otfrid 5, 7, 61;

ja ewer (weil ihr in gesicht)
vergisz ich nicht.
Weckherlin 483,

weil ihr mir in gesicht. oden 2, 28, 4 Fischer;

so musz ich fallen in des feindes hand,
das nahe rettungsufer im gesichte!
Schiller XIV, 277 (Tell 1, 1);

einem im gesicht sitzen, seder' in prospettiva di uno. Krämer 549a;

(deine hungernden kinder)
die schmächtig und halb todt dir im gesichte gehn.
Opitz 3, 36;

nachdem die Schweden die schanze an der wolfsbrücke, unfern von Wien, erstiegen, stehen sie endlich im gesicht dieser kaiserstadt. Schiller VIII, 401; neun tage lang standen beide armeen einander, einen musketenschusz weit, im gesichte. 325. 271; zehn schiffe segelten vorbei im gesicht dieses havens. Ludwig 760; im gesicht des feindes über einen flusz gehen. wenn zwei flotten einander im gesicht bleiben. Adelung;

wenn auch nicht bleiben, im gesicht euch bleiben —
doch hier im nebenzimmer.
Lessing 2, 271 (Nathan 3, 4);

etwas im gesicht haben oder halten, wie im auge haben: eine andere seite im gesichte haben, heiszt deswegen noch nicht irren. Creuz oden (1769) 2, 177; Ferguson hat ein solches experiment im gesichte gehabt, da er sagte .. Wieland 14, 236; eh ich meinem gegentheil, der mich auch wol im gesicht hielt, das weisze in augen sehen konte. Simpl. 1, 281, 29 Kurz; die hunde ihn (hirsch) für und für im gesicht behalten. Fouilloux jägerb. (1626) 30; meinetwegen mag der junge mittreiben, wenn ich ihn nur immer im gesicht behalte. J. Paul uns. loge 1, 62.
ζ) aus dem gesicht, wie aus den augen: mhd.

unz er kam vür diu gezelt
ûʒ ir gesihte an daʒ velt. Iwein 3230;

sei er verschwunden und den leuten ausz dem gesicht kommen. Schwartzkopf Herodot (1593) 181; gestern morgen ist mir der rest von meiner frau vollends aus dem gesichte gekommen. Lessing 12, 500; ist Mercurius in dem groszen wald wider ausz meinem gesicht verschwunden. Schaidenreiszer 43b; da ist kain wild so resch oder geschwind, welches diser hund ausz seinem gesicht hett lassen entwerden. 73a; geh mir aus dem gesicht! Frisch 2, 272c; in einer ode (ist mit der rede) zwar hoch, aber nicht aus dem gesichte zu steigen. Wernikens poet. vers. 50 Bodmer; ich lasz das nicht aus dem gesicht. Aler 924b; wir verloren das boot aus dem gesichte. Chamisso 1, 268; wenn er nur gott (wie man sagt) aus dem gesichte, das heiszt aus Palästina wäre. Göthe 33, 99.
η) nach gesicht, nach genommenem augenschein: mhd.

ich kan dis sach gerichten nicht
nâch iuwer rede, wan nâch gesicht.
Boner edelst. 71, 36;

nach dem gesicht, nach augenmasz, gegensatz nach dem gewicht: neher (billiger) mag man sie (lachse) wol geben, es sige mit dem pfunt oder noch dem gesieht. Straszb. verordn. 222 Brucker (von 1478); kühwürste ungewegen nach dem gesicht verkaufen. Nürnb. pol.- ordn. 236, nach den augen 274; nach dem gesicht kauffen. Krämer 549b; scherzhaft, mit umdeutung auf das schöne angesicht: bruder, ich hab nach dem gesicht geheurath, du must dich nach dem gewicht verehlichen. Abele k. unordn. 4, 421; nicht nach dem gesichte, sondern nach dem gewichte geehelicht. Leyermatzs lustiger corresp.-geist (1668) 230. — nach seinem gesicht richten, nach seinen augen: wer glücklicher sein will (im ringelrennen), hängt zuvor den ring gerad und richtet ihn nach seinem gesicht. Comenius orb. pict. 2, 17.
θ) aufs gesicht arbeiten, auf den schein, auf dein, mein u. s. w. gesicht, unter meinem, deinem namen, auch auf blosze treu und glauben Schm.2 2, 247.
h) die aufsicht: mhd. (ein badender hat) daʒ gewant der hterinne empholhen ze irer gesicht. Westenrieder beitr. 7, 73.
i) die festliche brautschau, s. DWB gesehen 2, d: so ain man ain hausfrawen gelobt ze nemen, das der si und ir friund uf ainen tach ld und gesach si, und das das vil chostet und

[Bd. 5, Sp. 4093]
lüt schadhaft davon wurden .. darumb habent si (die ratgeben) die selben gewonhait und die gesiht ab genomen und verboten. Augsb. stadtb. 242 Meyer.
k) das hellsehen, das sehen von ahnungsvollen traumbildern im wachen zustande, vgl. unten 4, d, δ: das zweite gesicht oder das andere gesicht, nach engl. second sight, die rätselhafte gabe, zukünftiges in einem deutlichen bilde vorauszuschauen. in Westfalen heiszen die mit dem zweiten gesicht behafteten spoekenkieker (gespensterseher) oder vorkieker, bei A. v. Droste-Hülshoff 294 die seher der nacht.
2) das antlitz, das angesicht, von den augen auf die ganze vorderseite des kopfes übertragen, wie ähnlich lat. os mund und dann angesicht.
a) eigentlich: ahd. sô ir in fone gesihte ze gesihte (facie ad faciem) gesehent. Notker ps. 104, 4 St. Galler handschr., fone antluzze ze antluzze Wiener handschr.;

dann närrin vil sint also geil,
das sie ir gsiecht bald bietent feil.
S. Brant narrensch. 92, 60;

mancher zwei gesichter hat, mit einem uf der gasse ist er Cato, mit dem andern im huse nebulo. Keisersberg narr. bei Eiselein spr. 232; Lea hatte ein blöde gesicht (1 Mos. 29, 17), nicht weis ich, ob er von blöden augen oder vom gantzen angesicht redet. Luther 4, 163a; alle morgen, bei dem nachttische, wenn ich mir die haare und das gesicht zurichte. Rabener sat. 1, 212; ein sprödes frauenzimmer, die das gesichte und ihren fächer erst zehnmal in die falten legt, ehe sie ja oder nein sagt. Gellert 3, 298; das gesicht bedecken, obvolvere faciem. Duez 193b; Johanna verbirgt das gesicht. Schiller XIII, 279; mit abgewandtem gesicht. ebenda;

du wendest schaudernd dein gesicht, o könig:
so wendete die sonn' ihr antlitz weg.
Göthe 9, 19 (Iphig. 1, 3);

in diesem augenblick sieht sie ihm ins gesicht. Schiller XIII, 279; Wilhelmen stieg die röthe ins gesicht. Göthe 18, 73; wann schon der regen ihnen ins gesicht schlug. Garg. 244a; ins gesicht schlagen auch bildlich, widersprechen: das schlägt allen regeln des anstands ins gesicht;

und er wirft ihr den handschuh ins gesicht.
Schiller XI, 229 var. (handschuh 67);

soll ich ihm denn seine präsente ins gesicht zurückwerfen. Lenz 1, 290; er wird ihr eine solche abentheuerliche figur ins gesicht werfen, dasz sie nicht mehr augen haben wird als eine blinde katz. kunst üb. a. k. 29, 8; unser schützenreuter, wann sie nach dem gesicht schieszen. Garg. 244a; sonst schreckt jung kriegsleut bald ein streich, der gegen dem gesicht gehet. ebenda; in dem ersten wagen saszen (die hinzurichtenden) der zimmermann und der schneider, gegen dem gesicht (gegenüber) aber die zween geistliche. Abele künstl. unordn. 1, 20; welche mit dem gesicht nach der thüre sasz. Göthe 24, 89; aufs gesicht niederfallen aus ehrerbietung. Frisch 2, 272c; künstlerisch: nach dem halben gesicht mahlen, in profilo Krämer 549b; wend- sive halbgesichter, imagines catagraphae Stieler 2023; ebenso hat das gesicht drei theile, nemlich dreimal die länge der nase. Winkelmann 4, 166; die grundlage des gesichts, welche das creuz ist. 45. 176; seine (Rafaels) gesichte. Lavater phys. fr. 1, 117; seine (des malers Scheffer) gesichter haben meistens jene fatale couleur, die uns manchmal das eigene gesicht verleiden konnte, wenn wir es, überwacht und verdrieszlich, in jenen grünen spiegeln erblickten. H. Heine (1862) 11, 12. das gesicht als spiegel der seele: man sicht im an der gsicht an, dasz seine wort waar sind. Maaler 196b; man sieht es den leuten am gesicht an, die tummheit sieht ihm aus dem gesicht heraus. Frisch 2, 272c; der charakter des geistes und herzens, der durch das auge und gesichte redt. Gellert 6, 312; das gesicht verrät den wicht. Eiselein spr. 232;

in jedes menschen gesichte
steht seine geschichte.
Fr. Bodenstedt Mirza-Schaffy 26;

es giebt noch keine kunst, die innerste
gestalt des herzens im gesicht zu lesen.
Schiller XIII, 23 (Macb. 1, 7);

ein verstelltes, ein falsch gesicht. Frisch 2, 272c. Duez 193b; masque, mum-gesichte. Zesen adriat. Rosemunde (1645) nachschrift; ein anderes gesicht aufsetzen oder aufstecken, eigentlich von der maske gemeint; die maske mit dem (wahren) gesichte und das gesicht mit der maske verwechseln. Hamann 7, 88;

jetzt zeigt ihr euer wahres
gesicht, bis jetzt war's nur die larve.
Schiller XII, 501 (M. Stuart 3, 4);

[Bd. 5, Sp. 4094]
der stadtrichter wurde aus bestürtzung schamroth, das gesicht stunde mitten im feuer. Abele k. u. 2, 99; sieh blauroth vor zorn sein königlich gesicht. Fr. Müller 2, 14; aus seinem glänzenden, hellrothen gesichte leuchtete der entschlusz. Immermann Münchh. 1, 59; ein sittsames feines gesicht, das mit düstrer schwermuth überzogen war. Siegwart (1782) 1, 180; schön gesicht, alias kern-, alamodegesicht, habitus oris elegans Stieler 2023; sie hat ein gesicht wie milch und blut. Rädlein 373b;

hier modert Nitulus, jungfräuliches gesichts.
Lessing 1, 11;

der dichter läszt sich, wie ein guter könig, frohen und klaren gesichtern nach aufsuchen. Novalis (1826) 1, 90; ein garstiges grausames gesicht. Frisch 2, 272c;

doch ihr erbärmliches gesichte,
o D., macht reiz und lust zu nichte.
Lessing 1, 6;

da verräth sichs im todenblassen eingefallenen gesicht. Schiller II, 52 (räuber 1, 3); ein runtzlicht und verschrumpelt gesicht Duez 193b; da verzog sich das metallene gesicht zum grinsenden lächeln. E. T. A. Hoffmann gold. topf 2. vig.; Hippokratisches gesicht, gesicht eines sterbenden, nach dem arzt Hippokrates benannt, der diese veränderung des angesichts genau beschrieben hat.
b) übertragen auf thiere: will man weisze junge pfawen haben, so hänge man der brütenden pfawin nur ein weisz tuch vor das gesichte. Colerus hausb. (1645) 1, 502a; insbesondere das gesicht am pferdekopf, der etwas erhabene theil dicht unterhalb der augen, vgl. DWB gesichtsleiste; ferner übertragen auf blumen:

die lieblichen violen
thun ihr gesichte zu.
P. Fleming 40;

auf den mond:

zuweilen zeigt der volle mond ...
sein breit gesicht im rohten osten.
Brockes Thomsons jahreszeiten 393;

nebel schwimmt mit silberschauer
um dein reizendes gesicht.
Göthe 1, 52, an Luna;

auf die erde:

bis wieder sein licht
ins versteinte gesicht
der gealterten erde zurückblickt.
Lingg ged. 1, 137;

beim dichter hat sogar das buch ein gesicht, mit dem es den leser anblickt: guthertzige leuthe, zu welchen das gesichte meiner schrifft gewandt. pers. rosenth., beschlusz.
c) bildlich, die vorderseite, gegensatz der rücken, die rückseite:

so im gesicht von Lichtstein, so in dem rücken von Maltas
kühnem helden bekämpft.
Pyrker Tunisias 6, 284 fg.;

mein haus hat das gesicht gegen dem see. Frisch 2, 272c, wie man auch sagt das haus sieht in den garten; hart am Brunnobächle steht des alten Nümmamüllers häuschen, mit dem gesicht gegen das unterdorf hinablugend. Felder Nümmamüllers 5; baurenhäuser mit hellen fenstern und bemalten gesichtern. E. M. Arndt erinner. 141; der jüdische trauergebrauch, dasz man im trauerhause die spiegel aufs gesicht hängt (umdreht). Auerbach dichter u. kaufm. 2, 174; das butterbrod fällt aufs gesicht, auf die gestrichene seite. vgl. gesichtslinie 4, -seite.
d) bergmännisch, das gesichte, bei der verzimmerung eines stollen das theil des thürstocks, woran die kappe sich anschlieszt. bergm. wb. (1778) 219b. Veith 232.
e) von der person, die das gesicht trägt: jeden brief senden sie mir durch ein neues gesichte. Rabener briefe 38; die schreckliche begegnung, welche sie (die gnädige frau) von dem dummen gesichte (der kammerjungfer) erduldet, das äuszerlich einer heiligen gleiche, im herzen aber voll bosheit wäre. Möser sämtl. werke 3, 48; das affen-gesicht! Ludwig 760;

habe dank, du breites gesicht (dummer kerl).
Kotzebue dram. sp. 2, 270;

ich schicke da mein bildniss dir ...
es ist ohngefähr das 'garstge gsicht'. d. j.
Göthe 1, 382;

ich gefiel ihm besser, als die beiden hübschsten gesichter im ganzen lande, pfarrer Wespens Lene und des schösser Trommers Änne. C. F. Weisze kom. op. 3, 251;

ich sage nur, er ist kein häszliches gesicht;
ein andres würd ihn gar ein hübsch gesichte nennen. lustsp. 1, 397;

(als Kosinsky die räuber erblickt) holla! was sind das für gesichter? Schiller II, 119 (räub. 3, 2); im keller (des Italieners) war der alte ab- und zulauf fremder gesichter. J. Paul Titan 4, 10; die blaszgesichter, die weiszen, die Europäer.
f) die mienen und geberden des angesichts, vultus Henisch 1561: geschämig, trawriges gesicht. ebenda 1562; schäl gesicht, vultus exprobrans Stieler 2023; wie das gesicht des (enttäuschten) poeten sich verlängerte. Göthe 36, 90; nur die verdrieszlichen gesichter musz er ablegen. Lessing;

[Bd. 5, Sp. 4095]

noch kämpft mit seinem herzen schmerzenreich,
gesicht und farbe wechselnd oft, der greise.
Chamisso 4, 134;

(wir Sphinxe) verziehen kein gesicht.
Göthe 41, 124 (Faust 7248 Weim.).

insbesondere in verbindung mit folgenden verben:
α) ein gesicht geben, s. DWB geben II, 11, d sp. 1690: einem ein gut oder ein bösz gesicht geben, faire bon ou mauvais visage Duez 193b; gib ihnen ein gutes gesicht. A. Gryphius (1698) 1, 948; der richter gab ihm ein herbes und saures gesicht. pers. baumg. 4, 5; der gute mensch gab mir ein saur gesichte. pers. rosenth. 1, 18;

(der fuchs) gab dem baume ein hönisches gesicht.
Haller ged. 270 var. (343).


β) ein gesicht oder gesichter machen, s. th. 6, 1367, nr. 5: ein langes gesicht machen (bei abweisung des verlangten oder anderer enttäuschung). Kant 10, 336; ein amtsgesichte machen. träum. Pasqu. 169; das sprichwort, man müsse zu einem bösen markt ein gutes gesicht machen. Hebel (1853) 2, 133; sie wird uns gewisz freundliche gesichter machen. Göthe 11, 99; als sie ihm ein sauer gesichte machte. Hoffmannswaldau ged. 6, 20; machen sie doch ein gesichte wie der rhinoceros. Gellert lustsp. 425; (mürrische frau) die ein gesicht wie sieben tage regenwetter oder wie ein nest voll eulen macht. schatzkästl. deutsch. scherzes 201 aus einer predigt des pfarrers Spörer zu Rechenberg von 1720; ein gesicht machen wie aprillenwetter, zwischen weinen und lachen; er macht ein gesicht wie sieben meilen böser weg. Wander spr. 1, 1622; er machte dabei ein gesicht wie eine papierscheere, die man auf und zu macht, indem nase und bart, beide gleicher länge, einander beständig küszten, wenn er so was übers zahnfleisch wegraffelte (mürrisch sagte). Fr. Müller 2, 36; ein verzweiffeltes, ein bestürztes, verstörtes gesicht machen. Frisch 2, 272c; verzerrte Bandinell seine gebärde und machte die häszlichsten gesichter seines gesichts (faceva i più brutti visi del suo viso). Göthe 35, 193, Benv. Cell. 4, 5; ein verdrieszlicher, steifer, kalter Egmont, der bald dieses bald jenes gesicht machen musz. 8, 238; was hast du? du machst ein verdrieszlich, ein kaltes gesicht; du weiszt, die gesichter sind mein tod, wenn ich vergnügt bin. 10, 158; du muszt ihm kein finster gesicht machen. 7, 125;

eine frau macht oft ein bös gesicht. 2, 238;

schlechthin ein gesicht oder gesichter machen, selten in der bedeutung 'freundliche, verliebte': Töffel sieht immer nach Röschen und macht ihr gesichter. C. F. Weisze kom. op. 3, 24; gewöhnlich 'trübe, mürrische, verdrossene': er macht ein gsicht, est severo supercilio Schönsleder V 3b;

will keiner trinken? keiner lachen?
ich will euch lehren gesichter machen!
Göthe 12, 103 (Faust 2074 Weim.);

die männer machen oft gesichter, ohne just was auf dem herzen zu haben. 10, 111; machst du wieder ein gesicht? 10, 127; wenn ich in Leipzig wäre, da säsze ich bei ihnen und machte ein gesicht wie sie sich dergleichen spektakel noch erinnern können. doch nein, wenn ich jetzt bei ihnen wäre, wie vergnügt wollte ich leben. Göthe bei Jahn 91;

willst du scherzen, trinken, lachen,
sei von unserm schmaus:
wenn du ein gesicht willst machen,
thus in deinem haus.
Rückert ged. 317.


γ) ein gesicht oder gesichter ziehen, zerren:

hier zog das kind ein grämliches gesicht. schatzblumen auf den altar der gratien 160;

ein solches schelmisches zähnfletschendes gesicht
zog er dabei.
Wieland 21, 258;

er zog dem himmel keine schiefen gesichter mehr, wenn es nicht regnen wollte. Gotthelf Uli d. p. 357;

was zerrst du für gesichter?
Schiller XIII, 87 (Macb. 3, 8).


δ) ein gesicht oder gesichter schneiden: ich kann in der nacht gehen im freien und im wald, wo jeder busch, jeder ast ein ander gesicht schneidet. Bettine briefe 1, 261; der mit kälte die neckischen gesichter betrachtet, die ich schneide. Göthe 36, 64; kein wunder, wenn er sich ängstlich gebehrdete, seltsame gesichter schnitt und Judasschweisz schwizte. Musäus phys. reisen 4, 73; sie schneiden die scheinheiligsten gesichter. H. Heine (1887) 8, 145;

was schnitt dein freund für ein gesicht? ..,
ihm ist wohl sein süsz gesicht verleidet,
dasz er heut saure gesichter schneidet.
Göthe 2, 262;

der vater schnitt ein falsch (böses) gesicht.
Schiller graf Eberhard v. 23;

[Bd. 5, Sp. 4096]
wo vater und mutter nicht gleich so gräszliche gesichter schnitten. Göthe 14, 89;

schneid ihm ein gräszlich gesicht.
Kotzebue dram. sp. 2, 278;

schlechthin ein gesicht oder gesichter schneiden, verdrossene oder höhnische: die gesichter, die ein vierter zu seinen distinkzionen und demonstrazionen schnitt. Wieland 3, 28; jetzt geht sie (die eifersüchtige) im hause herum, schneidet gesichter. J. D. Falk Johannes von der Ostsee 259;

da seh ich einen narren leiden,
weil blumen ihm gesichter schneiden.
Lenau Faust 128.


ε) mit weglassung des zeitworts: keine gesichter! ich will mich dieser leidenschaft überlassen. Göthe 18, 5;

nur nicht viel zauderns! meinen zaum
und kein gesicht!
Wieland 18, 291;

nur keine sauern gesichter!
Kotzebue dram. sp. 1, 28.


3) das aussehen (eigentlich 'das blicken aus den augen'), die äuszere erscheinung, gestalt:

obe uns der ungetrûwe wiht
ougen (zeigen) wolde sîne gesiht. h. Elisabeth 9214;

sîn ors was starke ungelîch
an gesihte andern rossen.
Heinr. v. d. Türlin krone 982;

(propheten, die) sîn idoch enpâren (Christum nicht sahen)
an der fleischelîchen gesicht. passional 349, 39 Hahn;

das macht, das sein gesicht
ist irrdisch, schwach und tödlich,
so sind die werck gantz götlich.
H. Sachs 1, 414, 17 Keller;

dem gesicht (aussehen) nach sei es (das wasser) klar, hell, lauter. Ryff spiegel d. gesundh. (1574) 81a; die rechte galanterie gibt denen schlimmen dingen ein freundliches gesicht. Rädlein 373a; unsere sachen bekommen ein ander gesicht, in alio statu sunt. Frisch 2, 272c; die sache soll bald ein ernsthaftes gesicht bekommen! Wieland Lucian 1, 265;

der goldne hahn (ein märchen)
hat ganz ein ander gesicht. werke 4, 39 (n. Amadis 2, 32).


4) das was ich sehe oder zu sehen glaube, leiblich oder geistig.
a) der anblick, den etwas gewährt: gesicht der tat, spectaculum. voc. inc. teut. i 4a; das gesicht, apparitio, spectaculum Stieler 2023; mhd.

von der wünneclîchen gesiht,
die der meie prüeven kan.
Teichner 204 Karajan;

sîn (des löwen) gesiht daʒ was niht guot.
Heinr. v. Neustadt Apollonius 12674;

mnd. ein schithues sall staen 9 vote van der strate; were wes erve unbewracht (unverzäunt), de sall se bedecken, dat dat unreine gesichte verborgen si. Schiller-Lübben 2, 80a; nhd. so jnen (den luchsen) durchscheinbare ding fürgehalten werden, so hassen sy ir gesicht und sterbend darvon. Gesner thierb. (1583) 156a; warum schlaget ihr euer weib? um das gesicht, sagte ich (d. h. wegen dessen was ich gesehen habe). Abele künstl. unordn. 1, 43;

unmöglich kann sich so das beste weib vergessen!
er schaut noch einmahl hin — das nehmliche gesicht
durchbohrt sein herz.
Wieland 22, 295 (Oberon 6, 91);

ein mann trat kräftig und sorgfältig den felsweg herab, indem er hinter sich einen esel führte .. ein sanftes, liebenswürdiges weib sasz auf einem groszen, wohlbeschlagenen sattel, in einem blauen mantel hielt sie ein wochenkind, das sie mit unbeschreiblicher lieblichkeit betrachtete .. nichts war natürlicher, als dasz ihn (Wilhelm) dieses seltsame gesicht aus seinen betrachtungen risz. Göthe 21, 6; wenn die greise der prose uns die armuth, den kampf mit dem bürgerlichen leben oder dessen siege sehen lassen, so wird uns so eng und bang beim gesicht. J. Paul vorsch. d. ästh. 1, 82; seemännisch, man hat kein gesicht, wenn das land wegen des nebels gar nicht, oder nur sehr undeutlich zu sehen ist. Bobrik 314b.
b) bild, vorstellung: an dem gesichte, das ich mir vom general Lee gemacht habe. Lichtenberg 1, 133; ihre gegenwart entfernte sogleich fast jede erinnerung jenes gesichtes, das mir schon bisher nur als ein traum vorgeschwebt hatte. Göthe 23, 84; vorstellung, gebilde der phantasie: dasz sie (gestalt) etwas lebendiges war, etwas wirkliches, kein gesicht ihrer phantasie. Schiller IV, 317; diese geheimen anschauungen, diese entzückenden gesichte. Göthe 21, 193; namentlich des schaffenden künstlers, traum des dichters:

o freund, welch angenehm gesichte
rührt meinen geist, indem ich dichte!
dein künftig schicksal zeigt sich mir.
Gellert 2, 74;

wohl mir, dasz ich den tag erlebte,
dem im prophetischen gesicht
mein geist oft kühn entgegen strebte.
Pfeffel poet. vers. 3, 151;

[Bd. 5, Sp. 4097]
visiones de don de Quevedo. wunderliche und warhafftige gesichte Philanders von Sittewalt, Straszburg 1642 (der urheber dieses buchs hat .. ein und anderes laster traum-weisz vor augen gestellet. vorrede); meine gesichter verschwanden und ich sah eine frau. Rabener sat. (1777) 1, 210;

das ängstliche gesicht ist in die luft zerronnen.
Göthe 2, 151;

bild, darstellung: so wil ich euch anietzo in zweien kurtzen gesichten schauen lassen die hauptlehre und den richtigen ausgang des ganzen studentenlebens. Schoch stud. leben K 2;

und dort, was wunder sie mit weisheit lehr und rahten
verrichtet, eigentlich, dasz man noch die geschicht
leibhafftig sehen kan, berichtet das gesicht.
Weckherlin 725.

philosophisch, für 'idee': ein praktisches wissen ist ein durch sich selbst bestimmtes, also ein bloszes gesicht, wie die deutsche sprache das griechische wort idee trefflich ausdrückt. Fichte nachgel. w. 3, 150, er fügt zur weiteren erklärung hinzu: ein gesicht aus der welt, die durchaus nicht da ist, der übersinnlichen und geistigen welt, die eben durch unser handeln wirklich werden und in den umkreis der sinnenwelt eingeführt werden soll ... der gelehrte musz gesichte sehen aus dem übersinnlichen sein.
c) erscheinung: mhd.

er sach nâhen im den tôt.
swie vorhteclich was diu gesiht,
er lie der honictropfen niht. Barlaam 119, 4;

nhd. schon umgaben dein bebendes auge gesichte des todes.
Wieland Hermann 98 Muncker;

Huldens entehrung
und das erbarmenswürdige bild der sterbenden unschuld
kamen auf einmal, ein traurig gesicht, und umgaben die seele. 115.


d) die übernatürliche erscheinung, als schickung und kundgebung guter oder böser mächte.
α) im allgemeinen: di vorchte gotis (vor gott) volgite deme gesichte der engele. myst. 1, 138, 32 Pf.; sie ward betrübt, nit von der gesicht des engels. Keisersberg postill 4, 33a; indesz hat sich ein glücklich zeichen und gesicht der vögel begeben, darausz sich die Römer vil gtes vertröst haben. Micyllus Tacitus (1535) 40a;

in der christall und der parill
kan ich auch sehen vil gesicht.
H. Sachs 1, 532b;

er sieht vol verwundrung,
doch mit gegenwärtigem geist, ein himlisch gesichte
auf ihn zugehn. zwei göttinnen waren es, die sich ihm zeigten.
Wieland Hermann 17 Muncker;

satan richtete sich nach seiner gesichte vollendung
über ihm auf.
Klopstock Mess. 3, 652;

(satan sucht) ihn mit dunkeln gesichten zu täuschen. 683.


β) geistererscheinung:

dâ ein gesicht in ûftrat
nâch des meisteres (zauberers) witzen.
si sâhen aldâ sitzen
ûf eime hôhen trône
einen als ein mor gestalt. passional 283, 42 Köpke;

daʒ gesichte gar vorswant.
Jeroschin 22513;

mit dem wort ist der gaist oder das gesicht verschwunden. Zimm. chron. 3, 394, 20; dise gesicht hat den faigen munch dermaszen erschreckt. 1, 106, 35 u. ö.; ich will euch auf diese rede mit gesichten antworten, komm mit, fürchte dich nicht, rede mit niemand. Henneberger preusz. landtaf. (1595) 47;

geist. wer ruft mir? Faust. schreckliches gesicht!
Göthe 12, 34 (Faust 482 Weim.);

dasz diese fülle der gesichte
der trockne schleicher stören musz! 36 (Faust 520 Weim.);

gespenstererscheinung: gesicht, gespenst, das vor den augen schwebt. Emmelius sylva Gg 4c; (der teufel) kan eim menschen in dem kopf verhönen und im ein gespenst und gesicht also vormachen, das er wenet, etwas sei, das nit ist. Keisersberg emeis 39a; von guten gespensten oder gesichten haben wir auch exempel in heiliger schrift (2 kön. 7, 6), dasz als die Syrer Samariam belägert, hat der herr des nachts hören lassen ein geschrei von wagen, rossen und groszer heerskrafft. Widmann Faust (1674) 25.
γ) vorbedeutender traum: gesicht des slaffs, visio vel somnium. voc. inc. teut. i 4a;

der keiser nâch sîme gesichte
vil balde sich ûf richte. passional 17, 13 Köpke;

der withopfenstain mêrt die träum und daʒ gesiht in dem slâf. Megenberg 457, 11; diu schedleichen gesiht in dem slâf. 449, 7; die alten haiden sich legten auf des paumes (agnus castus) pleter, dar umb, wenn si entsliefen, daʒ si kain pœs traum

[Bd. 5, Sp. 4098]
oder kain valscheʒ gesiht velschet und beswært. 312, 4; ires traumes gesicht. Bocc. 279, 36 Keller; nächtlich gesicht. A. v. Eyb spiegel d. sitt. (1511) 25b; dasz er (Daniel) dem konig Nabuchodonosor die auszlegung seines gesichts gesagt hab. Nürnb. chron. 3, 58, 2; als Carolus des morgens solt zihen, sahe er im schlaff ein gesicht. 127, 25; zu Abram geschach das wort des herrn im gesicht. 1 Mos. 15, 1;

die gsicht auch offenbarung sind
die eim gott schicket zu.
J. Ayrer singsp. 139b;

träum und gesiecht, so unsinnigen leuten bei der nacht fürkummen. Aventin. 4, 474, 7 Lexer; disz gesicht und traum mir groszen kummer bringt. Galmy 286;

nicht vergebens zeigt sichs mir
in träumen an und ängstlichen gesichten.
Schiller XIII, 176 (jungfr. von Orl., prol. 2);

doch der vater sah auch traurige gesichte. 296 (4, 8);

da träumte ihrem vater eines tags ..
erschreckt von diesem seltsamen gesichte. XIV, 107 (braut von Mess. 4, 4).


δ) göttliche offenbarung, vision, vgl. oben 1, k:

(Daniel) sprach: in der naht gesiht
began ich warten. Barlaam 68, 8;

die Johannes sach in seinem gesiht. Megenberg 451, 3; beatifica visio, ain gesicht gottes daʒ da selig macht. Melber C 5a;

hierusz das volck nam den bericht,
er hette gsehn ein englisch gsicht. trag. Joh. A 4;

sie merckten, das er (Zacharias) ein gesichte gesehen hatte im tempel. Luc. 1, 22; ir solt dis gesicht (die verklärung Christi) niemand sagen. Matth. 17, 9; ewre jünglinge sollen gesichte sehen. Joel 3, 1; die gesichte und offenbarung des herrn. 2 Cor. 12, 1; gott hat mit den vätern durch gesichte und erscheinung geredet. tischreden 1, 94; Samuel aber furchte sich, das gesicht Eli anzusagen. 1 Sam. 3, 15; da Nathan alle diese wort und alle dis gesichte David gesagt hatte. 2 Sam. 7, 17; der hailig Antonius, als er in einem gesicht im gaist in alle ort der welt gesehen. Zimm. chron. 2, 598, 11; der vornehme theologus oder der lehrer in den gesichten gottes, Sacharja. Schuppius 37;

wann sie (die propheten) aus göttlichem gesicht
des heilands kunft berichtet.
Bürger 45b;

insbesondere weissagung: gesichte sind prophecien. Luther glosse zu 2 chron. 26, 5; dis ist das gesichte Jesaja. Jesaja 1, 1; dis ist das gesichte Obadja. Obadja 1; darumb Jesaia sein buch nennet ein gesicht uber Juda und Jerusalem, das er sagt von den zukünfftigen dingen, die er gesehen habe, und Abadja nennet sein buch das gesicht Abadja. Luther 3, 228b; von den gefälschten visionen trügerischer religionslehrer und wahrsager: dieweil er an statt das er dem wort gottes und gutem raht folgen sollen, sich hette zu denen, die ihre falsche gesicht und eigen gedicht hoch rhümen, gehalten. Fischart bienenk. (1588) 229b; wie geet es zu mit den warsagern, die war sagen und gestolen gut durch gesichte widerum bringen. Keisersberg emeis 39a.
ε) vorbedeutendes wunderzeichen am himmel: gesicht am himmel, ostentum Aler 923b; gesicht bei Eisenach. anno 1532 ist an klarem hellem tage am himmel gesehen ein alter baum dürr und zur erden gefallen, bedeut der Teutschen alt hergebrachte freiheit, so kurtz hernach solt geschwecht werden. theatrum diabolorum 270a, Spangenberg jagteufel cap. 18; anno 1547 ist an einem namhafften ort in Sachsen ein solch gesicht gesehen worden, sechs männer in schwartzen trawrkleidern, denen ein grosze leich gefolget. ebenda; lufftgesicht über Dünckelsbühl (1645) .. die sonne gantz blutrot, und sind darauf unzehlich viel schwartze, blaue und feurige kugeln wie granaten von ihr ausgefahren. Francisci luftkreis 621; spötter, der solche gesichter für eitel mährlein mag geachtet haben. 626.
ζ) unheimliche naturerscheinung, wie das nordlicht:

entsteht, in dieser jahreszeit, zuweilen in dem stillen nord
von luft-gesichtern eine lohe.
Brockes Thomsons jahreszeiten 395;

die kometen: ein comet ... das war ein solchs schrecklich gesicht, dasz etliche, so es gesehen, in onmacht gefallen. Reiszner Frundsberg 154b; die fata morgana:

dort (in Sicilien) schwankend klar, im tageslicht,
erhoben zu den mittellüften,
gespiegelt in besondern düften,
erscheint ein seltsames gesicht:
da schwanken städte hin und wieder,
da steigen gärten auf und nieder,
wie bild um bild den äther bricht.
Göthe 41, 275 (Faust 10589 Weim.).

[Bd. 5, Sp. 4099]

5) die möglichkeit, zu sehen:

die sonn mit irem liecht
bracht wider das gesicht,
vertrib die vinstern nacht. Teuerdank 12, 2;

die möglichkeit, gelegenheit zum ausschauen, die aussicht, der ausblick: gesicht, auszgesicht, prospectus, einem mit bauwen die gesicht verschlahen, mit überbauwen einem die gesicht nemmen, luminibus obstruere Maaler 175a; (der kaisersaal zu Ingelheim) ligt ein klein wenig an einer höhe und hat ein frei gesicht in das Rheingöw bisz gen Bingen hinab. Münster cosm. 5, 161; holst. ist hier nicht ein schön gesicht? Schütze 2, 29;

hügel .. der ein sehr fern gesicht erlaubt.
Brockes 1, 143;

das fenster: mnd. idt soll nemands nha oder up eines andern grunde ein gesichte oder fenster maken sieder dan 7 voet hoege van der erden. Schiller-Lübben 2, 80b; nhd. in gesagter schantz .. sollen die schützen oben durch die auffgeworfene erden ein gesicht, hinden weit, vornen aber eng und spitz zu, mit brettern machen, und oben mit erden wider verdecken. Kirchhof milit. disc. 173. vgl. gesichtloch.
6) die mechanische vorrichtung zum sehen, das visier.
a) das gesicht, 'oben auf den büchsen und schieszrohren ein eingefügtes stücklein eisen oder messing, in welches mitten eine kerbe oder linie eingefeilt, durch die man auf das korn vornen sieht und auf die sache zielt, die man treffen will' Frisch 2, 272c: gesicht auf einer büchse, pinna, dioptra, pinnacidium Stieler 2023; zur weiten scheibe sol kein ander gesichte zugelassen noch geduldet werden, es stehe denn zwei oder drei finger breit für dem zindloche. Gubener schützenordn. von 1671 im neuen lausitz. mag. 32, 10; auf einigen büchsen hat man ein bewegliches doppeltes oder wol gar dreifaches gesicht, welche man mit unterscheid, nachdem man nahe oder weit schieszen will, gebrauchet. Eggers kriegslex. (1757) 1, 1045; noch weidmännisch das gesicht oder das absehen Kehrein 141.
b) gesicht eines helms, visiera dell' elmo Hulsius diction. (1605) 61b; das gesicht an einer sturmbaube Ludwig 760.
7) öfter steht gesicht für gesücht, krankheit, geschwulst, flusz, z. b.: dieser gebrechen, welchen die weiber das weisz gesicht, die arzet menstrua alba nennend. Wirsung arzneib. 427.