Wörterbuchnetz
Netz-Navigator
 
 ElsWB risseⁿ (Bd. 2, Sp. 287b)   PfWB reißen (Bd. 5, Sp. 486) 
  PfWB  LothWB  RhWB risseⁿ [risə allg.; ræìsə N.; Ind. Präs. 1. 3. ris, 2. ri; Part. kresə O. Betschd. Bühl Hatten, kəresə U., kəres Lützelstn.] 1. wie hochd. reissen, zerren, ziehen. Riss an dër Schnuer! Ruf. Er risst draⁿ wie nit gscheit Co. Unpers. s risst mⁱr in alleⁿ Glidrⁿ, Syn. ropfeⁿ Z. Dü. Subst. Ich ha s R. in deⁿ Zäʰnⁿ Dü. Eps an eiⁿm r. etw. gewinnen von jem., der schlecht steht: ich will auʰ noch eps r. an ihm ich habe auch noch eine kleine Forderung an ihn Hf. 2. Vom prickelnden Geschmack des neuen Weins kurz nach der Gärungszeit allg. Dr neü risst Ruf. Co.; r risst schoⁿ Bebelnh. Ich trink ⁱʰne-n-am liebsteⁿ, wënn r risst Ingenh. 3. Das R am harten Gaumen sprechen Bisch. Molsh. Dunzenh. Z. Di Franzoseⁿ r. fast alli s R Bisch.; mit der Zunge anstossen Co. 4. lügen, aufschneiden, Witze machen. Rda. einr r. einen Witz machen Meis. Dis is gerisseⁿ euphem. das ist eine Lüge Hf. Rimeⁿ r. Verse machen Elsass 1897 Nr. 43. 5. ein Mädchen zu Fall bringen Ensish. 6. refl. sich ritzen, die Haut aufritzen: Hes diʰ gerisseⁿ? Dunzenh. Ingenh. Rda. sich um eps r. etw. sehr gern mögen, sich besondere Mühe geben, um einen vielseitig begehrten Gegenstand zu erlangen. Ris du dich drum dort anneⁿ ze geʰn? Str. Wënn du dëⁿ Acker leʰneⁿ wiˡˡˢt, se leʰn e, ich riss miʰ nit drum Dü. 7. zeichnen, auf dem Bauholz Striche ziehn an Stellen, wo abgesägt od. gelocht werden soll Bf. ‘welch tonne me haltet danne dirte halb omen, do sol der synner das me uf die tonne rissen und zeichen’ Str. 15. Jh. Brucker 403. — Schwäb. 304. Bayer. 2, 145.

 

   reißen st.:
1. trans.
a. 'trennen, zerstückeln (und dadurch zerstören)', reiße (raisə) [verbr. (außer lothr. SWPf), verbr. Auslandspfälzer, Christmann Kaulb 87, 90 Mang 121 Schnekkenburger 45 Müller Dietschw 56], risse (risə) [verbr. lothr. SWPf (Keiper Nachl.)]; Part. Perf. gerisse [VPf O-PS], geresse [Heeger Südostpf. 9], geriß [mancherorts WPf NPf, Schneckenburger 45, Don-Schowe Torscha Krämer Gal 174], gereß [verbr. WPf NPf, Mang 98, 195]; Zs.: PfWB ab- 1 a, PfWB an- 1 PfWB u. 2, PfWB durch- 1, PfWB ver- 2, PfWB voneinander-, PfWB herunter- 1a, PfWB hinein- 1, PfWB los-, PfWB zusammenreißen. SprW.: Mit anner Leit Lerrer is gut Rieme reiße [Schandein Notizen]; Var. s. PfWB Leder 1 a. —
b. 'durch Ziehen aus der Verankerung entfernen'; Zs.: PfWB aus- 1, heraus-?+-? 1, PfWB um- 1; e Zahn r. (r. losse) [LU-Opp, verbr.]; Hanf (Flachs) r. 'aus dem Boden rupfen' [ Gal-Dornf]. De Hund horrem die Lumbe vum

[Bd. 5, Sp. 487]
Leib gereß [ RO-Rehborn]. RA.: eem eppes aus de Zähn r. 'einem etwas mit Gewalt wegnehmen' [ FR-Bockh]. Der reißt Bääm raus 'ist sehr stark' [ KU-Schmittw/O]. —
c. '(Saatfurchen für Bohnen) mit der Hand ziehen' [ KU-Wahnwg]. —
d. 'durch Abtragen, Mitreißen entstehen lassen' Zs.: PfWB abreißen 1 b. 's Reenwasser hot Klame geriß, bei Wolkenbruch [Zweibr]. 's hot Grawe gereß, dass. [ RO-Als]. RA.: Alleweil hot's e Grawe gereß, gesagt, wenn jemand kräftig rülpst [ KU-Blaub]. RA.: Die reißt Barchent 'Sie schnarcht' [ FR-Mörsch LU-Dannstdt Opp NW-Weish/S], reißt Duch, dass. [ RO-Lohnsf]. —
e.
α. 'spalten'; Holz r., Stumbe r. [PS-Erfw, verbr.]; vgl. PfWB Reißaxt, -zeug 2. a. 1560 (Kopie 16. Jh.): soll auch in Nechsten thal niemandts khein aichenholtz reissen [PfWeist. 561 (NW-Freinsh)]. a. 1771: Ein Wildzaun von gerißenem und geschrothenem Holtz [nach: PfMus. 36 (NW-Hardbg)]. —
β. 'durch Spalten herstellen'; Balke r. 'Eichenstämme mit der Axt der Faser nach zu Balken spalten' [Wilde 199]; Pähl r. 'Pfähle aus dickerem Holz herstellen' [ RO-Schiersf]. —
f. s. die Zs.: PfWB ab- 1 c, PfWB an- 2 u. 3, PfWB auf- I, PfWB durch- 2 a, heraus-?+-? 2a, PfWB herunter- 1 b PfWB u. 2, PfWB hinein- 2 a, PfWB über-, PfWB um-, PfWB zusammenreißen. —
2. refl.
a. 'sich mit Gewalt befreien'. Er hot sich aus ehrem Orem (Arm) gereß [ KU-Schmittw/O]; vgl. die (intrans.) Zs.: PfWB aus- 2 b, PfWB durchreißen 2 b. —
b. 'sich verletzen'. Er hot sich an den Dorn geresse [BZ-Dernb, LA-Impfl]. —
c. 'sich (um jemanden oder etwas) heftig bemühen'. Er hot sich drum geresse [ LA-Venn]; Abl.: PfWB Geriß 1. Sie reißen sich um das reich Mädel [ BZ-Dernb]. —
d. s. die Zs.: PfWB heraus- 2 b, PfWB herum- 2, PfWB hineinreißen 2 b. —
3. intrans.
a. 'entzweigehen, sich spalten, aufspringen'; Abl.: PfWB Geriß 2; Zs.: PfWB ab- 2 a, PfWB auf- II, PfWB aus- 2 a, PfWB ver- 1, geherumreißen 1; e geresse Haut (Maul), geressene Lippe (Hänn) [RO-Rehborn, verbr.]. 's Holz reißt [ NW-Geinsh]. Die Niß reißen 'die äußere Nußschale öffnet sich' [Wilde 182]. RA.: wann alle Sträng reiße 'wenn alle Versuche fehlschlagen' [Bergz (Kamm 96), mancherorts, PfMus. 1926 175]. SprW.: Doppelt reißt net [ Gal-Obersdorf]. —
b. 'prickeln', vom Geschmack des gärenden Mostes. Er reißt schun [ GH-Kand, mancherorts]; vgl. PfWB bitzeln 2. —
c. 'schmerzen'. De Zahnnerv reißt [ KL-Siegb]. Es reißt im Darm [ LU-Opp]. Die Därem reiße [ KB-Kriegsf]. WR.: Wann's en en de Fieß reißt, gebbt's am annere Dag Räin [ WD-Niedkch]. 18. Jh.: der reißende Stein 'Schmerzen verursachender Gallenstein' [LU-Assh (alte Akten)]. —
d.
α. 'prahlen', reiße [KU-Einöll IB-Ommh ZW-Riedbg KL-Mackb Spesb Steinwd Weilb PS-Heltbg Schmalbg Steinalb Winz Höh 144 Otterstetter 222], risse [ IB-Ensh]; Sprich r. [Kaislt, mancherorts]. Er reißt [ KU-Quirnb]. —
β. in der Wend.: Reime r. 'dich-

[Bd. 5, Sp. 488]
ten', auch mit dem scherzh. Zusatz: un 's Himb (Hemd) verscheiße [ BZ-Dernb, vereinzelt]; vgl. PfWB Reimereißer. —
γ. in der Wend.: Witz r. 'Witze zum besten geben' [KU-Brück, verbr.]. Der kann se r., dass. [Lu'haf], hot se wirrer gerisse, dass. [ LU-Opp]. —
e. s. die Zs.: PfWB abreißen 2 b u. 3. — Südhess. IV 1347 ff.; RhWB Rhein. VII 332 ff.; LothWB Lothr. 415; ElsWB Els. II 287.