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 DWB gezücht (Bd. 7, Sp. 7208)   DWB geziefer (Bd. 7, Sp. 7045)   DWB unthier (Bd. 24, Sp. 1938) 
 gezücht, gezüchte (vereinzelt gezichte; s. andererseits gezücht für gezicht sp. 7044), n., collectivbildung zum verbalabstractum zucht (s. d.), dessen bedeutungsinhalt esabgesehen von verschwindenden ausnahmeneinseitig weiterführt. in der älteren zeit wenig zur geltung gebracht, hat die präfigierte form in der neueren sprache grosze verbreitung gewonnen und ist für Göthe viel beobachtet. bei ihm herrscht eine bedeutungsrichtung vor, die dem substantiv in festen verbindungen gewiesen wurde, in zusammensetzungen, wie ottergezücht, nattergezücht, die aus der bibelsprache in den allgemeineren gebrauch überdrangen. auch hier ist es, wie so oft, Luther gewesen, der den neueren gebrauch beeinfluszt. die Oberdeutschen, denen unser substantiv in solcher verbindung und in Luthers schreibung (gezichte) fremd klang (s. u.), hielten doch an älterenweniger gefärbtenverwendungen von gezucht, gezücht fest, deren nachwirkungen sich im späteren gebrauch mit der neuen hauptverwendung vielfach kreuzen. als bequemes reimwort, namentlich für unreine reime, spielt gezücht in der gebundenen sprache eine besondere rolle.
1) grundwort und präfigierte formen.
a) das fem. zucht zu ziehen läszt den ganzen umfang seiner verwendungsmöglichkeiten erst in der mittelhochd. zeit (vgl. mhd. wb. 3, 937b—939b) belegen. erst hier sind nomina actionis mit der bedeutung ziehen, zerren, wie sie sonst das masc. zug aufweist, auch an der bildung mit dem t suffix bezeugt; so (mit doppelsinn?):

er zogte in ungefuogedaz er vil lûte erschrê.
zuht des jungen heldentet Albrîche wê. Nibel. 466, 4;

andererseits vgl. zuht im sinne eines heereszugs Jeroschin 19132.
die althochd. belege lassen nur die bedeutungsrichtung von nutrire, alere am subst. vortreten, und zwar in den beiden zielpunkten: aufzucht und erziehung.
α) der letztere herrscht vor und wird auch in der gothischen bibel mit der bildung ustauhts angestrebt, die für griech. τέλος (ältere bibel und Luther Röm. 10, 4: ende vgl. vollendet werden Lucas 1, 45) und noch deutlicher für καταρτισμὸς eintritt: πρὸς τὸν καταρισμὸν τῶν ἁγίων, du ustauhtai weihaize Ulfilas Eph. 4, 12 (zu der volendung der heiligen cod. Tepl., das die heiligen zugerichtet werden zum werck Luther; var.: gefügt, geschickt). dazu vgl.:

Krist minnota thie sine ...
thi er zi zuhti zi imo namtho er erist bredigon bigan.
Otfrid 4, 11, 6;

ganz ähnlich 2, 7, 66; vgl. auch 1, 8, 4; 2, 4, 48; desgl. disciplina, zuhti glossen zu Gregors cura past. 3, 11 s. Steinmeyer-Sievers 2, 188; eruditionem zuht zu sprüche Sal. (1, 3 vgl. weisheit und zucht Luther) Steinmeyer-Sievers 1, 528; vgl. indisciplinate, unzuhtige, unzuhtigi (später ungizoginliche) zu weisheit Sal. (17, 1) s. ebenda 558. u. a. s. Graff 5, 615.

op dâ waere manlîch zuht.
Wolfram Parz. 415, 5; desgl. Iwein 130 u. a.


β) die erste richtung, die an sich schon zu einer collectivbedeutung führt, ist in den ältesten glossen mehrfach vertreten: soboles zuht, propago, zuhhi, khind zuhi Hraban. Keron. glossen s. Steinmeyer - Sievers 1, 250; vgl. sobolem zuhes ebenda 230; nutrimenta zuhti Junische und Reichenauer glossen zu exod. 35, 14 s. Steinmeyer-Sievers 1, 285 (vgl. alimenta zuhtunga Tegernseer glossen zu Sedulius ebenda 2, 618); adultos gizogano, fetus zuhti

[Bd. 7, Sp. 7209]
Tegernseer glossen 11. jahrh. zu Vergil, Georgica 4, 162 s. Steinmeyer-Sievers 2, 643. literarisch ist diese bedeutung am subst. bei Otfrid ebenfalls einmal vertreten mit leichter lautlicher und flexivischer abweichung:

thie hohun altfatera entont anan kuninga,
thiu thritta zuahta thanana thaz warun edilthegana.
Otfrid 1, 3, 26.

in der mittelhochd. dichtung ist diese collectivbedeutung gelegentlich mit der beziehung auf thiere (vgl. auch mittelniederdeutsch: tucht des vosses; tuchten [der schweine] Schiller-Lübben 6, 285) beobachtet:

ein habek hat genistet hoch
uf einem bome, da er zoch
alle jar sin jungen frucht,
nu hatte bi der selben zucht
nicht verre ein kra ir nest gemacht.
Boner 49, 5 Benecke;

desgl. (grîfen ... fruht ... ir zuht) Konrad v. Würzburg troj. krieg 6150 u. a. vgl. Lexer 3, 1170 ff. zur pflanzenzucht vgl. erloes. 189; zum menschlichen nachwuchs vgl.:

daʒ von des edeln stammes zuht
bekême ein alsô sûze fruht.
Ebernard v. Erfurt Heinrich u. Kunegunde 737;

desgl. (mit beziehung auf gott selbst) Parzival 464, 30.
b) mit dem präfix sind substantivformen in der bedeutungsrichtung von erziehen nur vereinzelt belegt. auszer gezuchtheit, das sich im geleise von züchtigen (s. gezüchtigt) bewegt (s. u.), weist die althochd. glosse ungezuhti, ineruditionis (Graff 5, 616) hierher. aus späterer zeit vgl.:

so trefflich disz gesichte (dieses mädchens)
so sittsam jener zucht, so herrlich dieser geist
und munterer verstand, der alles nach sich reist,
so liebreich jener mund, der gleicht dem morgenlichte;
so widrig kommt mir vor disz wegernde gezüchte,
der, die nur stets versagt, wo ihr disz tugend heist,
versteh ich warlich nicht ...
Gryphius 2 (sonette 3, 63 auf ein jungfernspiel) 2 (1698) 384.

sonst giebt die bedeutung von auffziehen den ausschlag, wobei sich aus dem begriff der abstammung die allgemeinere bedeutung einer zugehörigkeit entwickelt, die sich dann mit vorliebe dem gebiete des bösen oder unerfreulichen zuwendet. die ältesten belege stellt Notker, er zeigt die vocalfärbung, die Otfrids zweites zeugnisz bietet: ille chorus increpitus, tô snifta nider daʒ sus erstouta gezûahta Boethius s. Hattemer 3, 19a; caeteri quippe illic dii manium demorati. die andere dâr gesezene wâren dero unholdon goto gezuahtes Notker Martianus Capella s. Hattemer 3, 297a. aus mittelhochd. zeit (s. Lexer 1, 1008) liegen zwei zeugnissebeide auf die thierwelt bezogenvor: das eine ohne nebenbedeutung, formell durch suffixerweiterung sich abhebend: diu si (das weibchen der vögel) lebt darum kürzer wan der er, daz si gekrenket wirt unz in den tôt von irn gezüchiden Konrad v. Megenberg buch der natur 165, 19 (var. zuchen). das andere nimmt bereits die an Luther später so entscheidende richtung auf schlangen und gewürm:

sîn schelclîch gezühteer in den berc getruoc.
des er darinne bedorftedes gap man im genuoc.
... dô het er mit den würmengrôziu herzensêr.
ê ers gezüge ze rehte,dô het er arbeit.
ei waʒ er doch sorgemit den würmen leit!
in dem halben jâredie würme werden grôz,
sô daʒ ir meister sêredes lebens bî in verdrôʒ.
Ortnit 513, 3 Amelung.


c) Luther, der schon in den ersten schriften das subst. mehrfach gebraucht (s. u.), führt es auch in die bibel an stellen ein, wo die übersetzer vor ihm drei verschiedene wortstämme heranzogen, um das lat. progenies viperarum von dem begriff des erzeugens oder gebärens aus zu treffen: ir ottern gezichte, wie kund ir gutes reden Luther Matth. 12, 34 (natrono chnosles althochd. Matth. s. Hench 9; progenies viperarum, barn natrono Tatian 62, 10; geslecht der vippern cod. Tepl.; ebenso Beheim); desgl. otter gezichte Matth. 3, 7 (cunni natrono Tatian 13, 3); ir schlangen, jr ottern gezichte Matth. 23, 33 (serpentes, genimina viperarum, berd natruno Tatian 141, 28; natrono knosles althochd. Matth. Hench s. 29; slangen geslecht cod. Tepl.; geburt Beheim). den oberdeutschen nachdruckern war Luthers gezichte fremd, Petri erklärt es im glossar zu seiner ausgabe des neuen testam. durch geschlecht vgl. Frommann 6, 42; vgl. Kluge von Luther bis Lessing s. 87;

[Bd. 7, Sp. 7210]
zu den übrigen oberdeutschen bibelglossaren vgl. F. Daumer Freiburger diss. 1898 s. 120. die Züricher bibel von 1531 folgt Luther, aber mit anderer vocalfärbung: ir naater gezücht Matth. 12, 34. ähnlich Eck. in der verbindung ottergezücht hat Luthers prägung auch auszerhalb der bibelsprache aufnahme gefunden, so in den reformationsstreitschriften, vgl. Schade sat. 1, 90. 378. 125. 517; in Kirchhofs wendunm., in Lindners schwankbuch, Ziglers Banise, bei Klinger u. a. vgl. theil 7 sp. 1385; s. auch unten sp. 7212.
d) die buchungen stehen vielfach unter Luthers einflusz, namentlich vom 18. jahrh. ab.
α) die vocabulare (s. Diefenbach) merken unter progenies, propago, soboles, proles, generatio nur bildungen wie kunne, slechte, kint, geburt u. a. an; auch die wörterbücher des 16. jahrh., die unserer sippe entgegenkommen, sind doch dem präfix gegenüber spröder, so gleich Dasypodius, der zucht unter progenies und proles bucht, vgl. lat. dtsch. N 7b und F f 5; desgl. im deutsch-lat. theil (nicht aber unter propago und soboles); die form mit präfix führt er einmal ein, aber in anderer schreibung, als Luther sie braucht: progenies, ein geschlecht, zucht, das geboren ist; tua progenies, das du geboren hast, dein gezucht N 7b. Stieler merkt nur das grundwort an, auch in verbindungen, die gerade Luthers gebrauch berühren: schlangenzucht, serpentum progenies u. a. 2628. ähnlich Steinbach und Frisch, der auch die vereinzelte collectivbildung bucht, aber auszerhalb des zusammenhanges mit zucht 2, 483c. neben einem eigenen excerpt stützt er sich auf Luthers ottergezücht, das auch bei Rädlein, im teutsch-engl. wb., bei Wachter (s. 1977) und Adelung, im Straszburger dict. und bei Schwan angeführt ist.
β) in Luthers schreibung bucht Hulsius die form: gezichte razza, specie diction. teutsch. ital. (1605) 63. mit Henisch setzt sich der gerundete vocal in den wörterbüchern durch, die nur im auslaut schwanken: gezüchte, geberung, geburt, genimen, generatio Henisch 1612.
1)) gezücht razza, prole, sobole, progenies ... race, pro geniture ... canaille s. DWB ottergezücht Rädlein 386a; ge züchte, (t. de mépris) engeance, race, ottergezüchte nouv dict. allem. franc. (1762) 1, 342; gezücht, die brut, la race ... Schwan 1 (1783) 752a.
2)) gezüchte, a breeding, ofspring, issue, progeny, gene ration s. DWB zucht ... ottergezüchte teutsch-engl. wb. (1716) 778; gezüchte, gebroedzel Kramer (1719) 2, 98a (gezücht, gezicht 23, 134c).
3)) das gezücht ... plur. inus., ein im hochdeutschen selten gewordenes collectivum, die zucht, d. i. die jungen oder nachkommen eines lebendigen geschöpfes zu bezeichnen. es kommt nur noch zuweilen im verächtlichen verstande, so wie brut vor ... Adelung 2, 674; desgl. Campe 2, 372 mit belegen aus Voss, Göthe, Wieland; vgl. auch Campe verdeutschungswb. unter 'race' s. 514.
e) formen.
α) Luthers mitteldeutsche schreibung gezichte gilt auch für Nigrinus regentenbuch, Hulsius und Weises erznarren, dazu vgl. gezicht in Kirchhofs wendunmut und bei Burkart Waldis u. a. (s. u.). der gerundete vokal, (vgl.gezucht bei Dasypodius u. a.) ist schon beim Hagenauer nachdrucker von Petris bibelglossar 1524 eingesetzt, (s. Daumer a. a. o. vgl. ottergezüchte bei Rinckhart Eiszleb. ritter s. 7) und bildet seitdem die regel.
β) zum auslaut:
1)) neben gezichte vgl. DWB gezüchte Rinckhart, Henisch, Gryphius, Praetorius, Th. Abbt, nouv. dict. (1762); Pfeffel, Rückert; Storm 6, 102 (s. aber gezücht 5, 213. 231); (im dativ) Praetorius, Zesen, Schoch. Kramer hat in der 1. ausgabe gezüchte, in der dritten gezücht; Schwan hat otterngezüchte, aber gezücht; vgl. auch von diesem gezüchte Eschenburg Shakespeareübers. 2, 214 gegen gezücht bei Wieland s. u.
2)) in der form gezicht haben die oberdeutschen bibelglossare fast alle das Luthersche gezichte übernommen (s. Daumer a. a. o.); dazu vgl. gezucht bei Dasypodius, desgl. Waldis päbst. reich; Hayneccius, Ryff u. a.; vgl. DWB gezücht Rädlein, Adelung, Wachter u. a.
2) die neuere entwicklung läszt in der beziehung auf thiere und pflanzen die bedeutung von nachkommenschaft,

[Bd. 7, Sp. 7211]
geschlecht weniger getrübt zur geltung kommen. aber schon hierdurch erfährt die verwendung für menschliche beziehungen eine werthminderung. geradezu in das gebiet des widrigen und bösen führt aber die immer fester werdende verbindung des subst. mit ottern, nattern, schlangen, die in der übertragung auf menschen wie in der rein sinnlichen verwendung ergiebig wird. im übertragenen gebrauch kennzeichnet sie nicht mehr die durch abstammung bedingte familienzugehörigkeit, vielmehr die gleichartigkeit in der neigung zum bösen.
a) gezücht bezogen auf thiere und pflanzen.
α) ohne wahrnehmbare anknüpfung an die verbindungen Luthers.
1)) die wilden schwein halten sich zusamen, doch lasset die mor kein frembdes denn jhr eigen gezucht mit ihr essen Ryff thierbuch Alberti Magni (1) A 3b; auf den landtagen hatte man über die ausrottung des grausamen wolfs verhandelt ... in den eichen von Grieshuus aber fand das gezüchte insonders seinen unterschlupf Storm 6, 102; wolfsgezücht bei Sanders a. a. o. vgl. dagegen übertragen: waren flugs auff, belegten erstlich die mülen umb und umb ... und fiengen die wilde sau (den berüchtigten räuber) und die ires gezichts waren, einen mit dem andern Kirchhof wendunmuth (2, 167) 219 Oesterley; o dasz ich durch die ganze natur das horn des aufruhrs blasen könnte, luft, erde und meer wider das hyänen - gezücht ins treffen zu führen Schiller (räuber 1, 2) 2, 47.
2)) du willst die ehre meiner Diana beflecken; es würde ein sauberes gezüchte zum vorschein kommen, wenn ich dir nicht einhalt thäte Pfeffel (biographie eines pudels) pros. vers. 1, 178. dazu vgl. die übertragung: weiss gott, wie ungern ich mich zudränge, und wie fatal mir manches hunde gezücht ist, das mir zwischen die beine läuft und leckt und mit dem schwanze wedelt Bürger (an Göthe) br. 1, 230.
3)) wo man die meerschweingen, caninichen, eichhörngen, und ander solch gezichte in stuben und cammern hegt Weise die drei ärgsten erznarren 167;

und schreiend nach der stange sticht
das kleine gierige gezücht.
A. v. Droste-Hülshoff 2, 15;

oder wollt ihr um die früchte
einen baum brandschatzen,
mehrt ihr eben das gezüchte
räuberischer spatzen.
Rückert (kletterunterricht) 2, 21;

vgl. auch eulengezücht Sanders.
4))

glänzend laster! sodoms-früchte!
auszen rot und innen staub!
macht euch freund mit dem gezüchte,
und ihr werdet bald sein raub.
F. L. Jahn werke 2 II, s. 748.

geh' ich nach dem ew'gen regen
durch den wald bei früher zeit,
ei wie macht auf allen wegen
sich das volk der pilze breit.
... wälzt das schwammige gelichter
seine propaganda fort ...
sonst verdumpft uns noch am ende
dies gezücht den ganzen wald.
Geibel 4, 26; (1888 Cotta).

in meinem baumfeld reute mich
das kleinste zweiglein wegzuschneiden ...
da nahm der trieb so überhand ...
und eine wildnisz wuchs zuletzt
daraus in solchen ungezüchten,
dasz gar nicht mehr die frage jetzt
kann sein nach blüthen und nach früchten.
Rückert (zu viel des guten) 2, 209;

dann find ich wohl im garten frühe meinen ... greis
beschäftigt, wilder rosenstämmchen jungem blut
durch fürstlichen gezüchtes eingepflanzten keim
holdselge kinder zu vertraun.
Mörike (dem herrn prior) 1, 244 (1878);


β) ottern — nattern — und schlangengezücht mit ihrem verwandtenkreis in sinnlicher und übertragener richtung vgl. oben sp. 7210.
1)) alszo haben die elenden schlangen getzichte (wie sie Christus nennet) meinem sermon von der pusz auch than Luther (wider die bulle des Endchrists 1520) 6, 625;

sterben wird schlangengezücht, und die teuschende pflanze
des giftes.
Voss Virgils ländl. ged. (1797) 1, 161;

desgl. Platen 257 vgl. theil 9, sp. 460.

[Bd. 7, Sp. 7212]

trotz aller falschheit zischet noch die schlange.
verführerischer schmeichellaute baar
ist all dies blutige gezücht, und nur
der mensch bestrickt damit die brust, für die
er schon den dolch geschliffen!
F. v. Saar Heinrich IV. 2 (3, 4) 77;

will die klapperschlange klappern?
... und die leu'n und tigerkatzen
sehen sie euch gefährlich an? (im bilderbuch)
... lachet über das gezüchte,
das nicht wächst auf unsrer flur.
Rückert (wirklichkeit u. bild) 2, 20.


2))

als heuchler, gleiszner gtonchte greber,
ottern gezicht und slangen gweber.
Burk. Waldis streitgedichte 21. s. neudruck nr. 49;

das ist ein schendlicher betrug
erdacht durch list eins teufels klug.
der uns disz giftig otter gezicht
in dieser welt hat angericht.

Waldis übersetzung von Th. Kirchmair's päpstisch reich (1555) N 4a; das gifftige ottergezüchte der sacramentschänder, und Zwinglio-Calvinianer Mart. Rinckhart Eiszleb. christl. ritter (vorrede) s. 7, s. neudrucke 53, 7; u. a. s. oben;

könnt ich ... feuer spein tief in eurer herzen falten,
drinnen ihre nester baun schillernde chamäleone,
und der ottern bunt gezücht spielt mit Christi dornenkrone.
Wilhelm Müller (neue lieder der Griechen) gedichte 215 Hatfield.


3)) das römisch natergezicht Kirchhof wendunmut 435a; desgl. nattergezicht J. Nas examen (1581) 127; volkslied von 1546 s. Lilienkron volksl. 528 vgl. theil 7 sp. 428; dazu vgl. York, DWB der mann der alten militärischen schule, der eiferer wider das nattergezücht der reformer Heinrich v. Treitschke hist. u. polit. aufs. (1865) 137;
4)) das wurmgezücht; — still doch! — dasz sie nur alle in meinem pfuhl drunten zerstäubten! maler Müller Fausts leben s. litt. denkm. 3, 19; ja man durfte sich schon vermessentlich verlauten lasʒen, der könig ... habe nun keine gewalt mehr über sie. darum dan auch dieses selbst-herrische rattengezücht des königreichs erbherren weren Zesen gekrönte majestät (1661) 83; mitunter zuckte er erschreckt zurück, aber es war nur das gezücht, das hier gelegen hatte; ein tausendfusz, eine kröte war über seine hand geschlüpft Th. Storm 5, 213; scharen ... von ... küchenschaben ... huschten über deck und wände ... das nachtgezücht rannte an uns empor 231;

schwamm im hause nebst rattengezücht und zerstörendem wurmfrasz!
J. Trojan (sanct Urban) scherzgedichte4 77;

durch lüge und verstellung
stets meiner off'nen seele widerwärtig,
wie meiner nackten hand das giftige
und feuchtelnde gezücht der kröten.
F. v. Saar Heinrich IV. 1 (3, 10) 151;

auch hier nicht sicher in der königsburg
vor raupen und gezücht?
Grillparzer (Esther) 8, 229.


b) gezücht vom teufel und von dämonen.
α) ob sie wol sind der magd, unnd unehliche kinder. ia des teuffels getzichte: leiden sie doch nit die freien ehlichen kinder der mutter der kirchen Luther (urteil der theologen [1521] 9, 718; dasz wir nun den rabenäsern und teuffels gezüchte nicht alles mehr in rachen stecken müssen Schoch komödie vom studentenleben 27 Fabricius; dasz an diesem höllischen gezüchte nichts gutes müsse sein, kan man auch daraus abnehmen ... Prätorius catastrophe muhammetica L l 2b.

verrätherin, sirene, höll'ngezücht!
Wieland (Oberon 6, 91) 22, 295;

drachen rollen sich
und das gezücht der hölle blutig auf.
W. Waiblinger gedichte aus Italien (nacht in st. Peter II) 103.


β)

die zauberin mit ihrem gezücht,
ingemein einen reichstag alda halten,
die junge so wol als die alten.
Prätorius Blocksberg 53 (1668);

fühlst du, wie uns das umflicht,
das gespenstische gezücht?
saust es mir doch über's haar —
ward ich's doch am fusz gewahr.
Göthe (Faust 2, 1) 41, 41;

[Bd. 7, Sp. 7213]

drunten, drunten ist's klar und licht,
wie droben die wellen gebahren:
mögen wir nur vor dem fremden gezücht,
vor dem geisterjanhagel uns wahren.
Droste-Hülshoff (der strandwächter) 3, 295 Kreiten.


γ) übertragen:

beschloss ich, einen harnisch unterm rock
mit einem schmuck allein auf nächtgem wege,
dem harnisch und dem sichern arm vertrauend,
das blutige gezücht der nacht zu treffen ...
so übermenschlich war des räubers kraft
und so entsetzlich seiner muskeln schnelle.
noch rang ich mit dem einen, als ein andrer
ihm beizustehen kam.
Otto Ludwig frl. v. Skudery 4. aufzug 15. auftritt;

dein holdes auge soll nicht länger mehr
beleidigt werden durch das nachtgezücht;
nein, weisse tauben, morgenroth-beglänzt,
sie sollen niederschau'n vom thurm auf dich.
Hebbel (Genoveva 2, 3) 1, 92;

o dann erstehet, blühend in lenzeskraft,
verjüngt das alte, heilige deutsche reich,
und unterm adler-schild erstarrt das
frevelgezüchte gewalt und willkür.
Christian v. Stolberg (an die deutsche rathsversammlung in Wien) 2, 314;


c) auf den menschen, der in den bisherigen zeugnissen vielfach schon in übertragenen verwendungen getroffen war, zielt nun die hauptgruppe der belege unmittelbar.
α) für die zusammenfassung der zu einem elternpaar gehörigen
1)) ist der ausdruck selten ganz ohne nebenbedeutung gebraucht:

do keiner sich dem andern gleich
ist einer gros der ander klein
der dritte nach der mutter grein,
da ist gar vielerlei geschlecht,
gar mancher sinn und manch gezicht.
Hayneccius (schulteuffel (3, 1 von d. kinderzucht) G 2b;

ich seh so einem ungezogenen balg in einer gesellschaft ... und sagt vater oder mutter ein wort ... so schreien ... all die weiber ... als wenn gleich dem kleinen gezücht hätt sollen das genik umgedreht werden Hermes Sophiens reise 3 (1776) 197.
2)) mehrfach liegt der ausdruck minderer achtung in der bezeichnung: ein schulmeister — seine kinder — ein dorfschulze — einen ganzen leiterwagen von dem gezücht hat er kommen lassen Iffland (leichter sinn 5, 2) theatral. werke 5, 279;

soll hier ich etwa durchbringen das geld mit den kindern und meiner gemalin,
... soll hier ich dafür erkaufen gerät', breinapf, reibeisen, kaffeezeug ...
ja, wächst das gezücht mir heran, so bedarfs noch schulgeld
sammt abc buch.
Platen die verhängniszvolle gabel 2. akt.


3)) meist aber kommtunter dem einflusz des biblischen gebrauchswiderwille und abscheu zum ausdruck:

'mir von einem solchen strolch!
von einem schuft mir enkelchen zu geben!' ...
'man schlag' den boden aus (des fasses), und werfe sie hinein',
ruft der ergrimmte fürst: 'fort! ohne widerstreben!
sie, und den herrlichen galan,
und ihr gezücht! fort in den ozean!'
Wieland (Pervonte) 18, 145;

wie freut' ich mich, als ich mutter wurde, denn in den kleinen engeln glaubt' ich ... den vater vergessen zu können; aber sein naturell zeigt sich schon in allen dreien, sein blutdurst, seine wildheit, so dasz ich oft schaudern musz, wenn ich das gezücht betrachte Tieck (leben u. thaten des kleinen Thomas) 5, 540;

der Katlenburg!
der falsche, der meineid'ge Sachs! bei gott
ich kenne dies gezücht! was that er denn,
der edle sprosz!
Ferd. v. Saar Heinrich IV. 2 (1, 5) 25.


β) ganz unter dem einflusz solcher vorstellungen steht die ungewöhnlich grosze gruppe der verwendungen, die nicht die familienzugehörigkeit, sondern allgemeiner die gleichartigkeit in der gesinnung oder im handeln kennzeichnet. für die bedeutungskraft des substantivs ist es kennzeichnend, dasz es gern ohne alle beiworte oder bestimmungen steht, eingeführt nur von mehr oder minder andeutenden pronominalformen, vgl. dazu auch gezücht

[Bd. 7, Sp. 7214]
neben gewürm als schimpfwort bei L. v. Pansner 23a und die zusammenstellung mit synonymen, s. u.
1)) das substantiv eingeführt durch pronominalformen:
a)) niemand warlich kan euch vom wüten desz gottlosen wesens ... erretten, es sei dann dasz jr Machiavellum und seine policei, sein gezicht, und was irgend dem Machiavello anhanget ... gar ausgewurtzelt Nigrinus regentenbuch oder fürstenspiegel (1580) 18a.
b)) nur mit einer gewissen härte lehnt man die pfuscherhaften anmaszungen ab, die bei dem gewissenlosesten verfahren, ein heiliges zu hülfe rufen ... auch fürchtet sich das gezücht vor mir, und probirt doch manchmal ein vidi zu erhaschen Göthe briefe 38, 178 (an Schultz); so habe ich auch neulich einen poetischen dilettanten bei mir gesehen, der mich zur verzweiflung gebracht hätte, wäre ich nicht in der stimmung gewesen ihn naturhistorisch zu betrachten, um mir einmal von dem gezücht einen recht anschaulichen begriff zu machen briefe 14, 120;

ist dem gezücht verdienst ein titel?
ein falsum wird ein heilig mittel,
das schmeichelt ja, sie wissen's schon,
der frommen deutschen nation. (zahme xenien 5) 4, 371.


c)) dieses gezüchte stand nicht unmittelbar im dienste eines staates, sondern wurde von gewissen ... condottieri ... angeworben Thomas Abbt 6, 1, 226; hier kommt ein anderer von diesem gezücht; ein dritter ihres gleichen ist nicht zu finden, es müszte denn der teufel selbst ein jude werden Wieland Shakespeare (kauffmann v. Venedig 3, 1 ebenso Eschenburg; another of the tribe, von seinem stamm Schlegel) 3, 75; können sie Schubarth bewegen, sich in jene händel nicht zu mischen, so werden sie das beste werk thun; jenes gezücht heisst legion, und die tendenz ist keineswegs ... moralisch Göthe briefe 36, 207 (der schreiber verstand gedicht und änderte nachträglich in gezücht — ein zeichen sowohl für die aussprache Göthes wie dafür, dasz dem schreiber unser subst. nicht geläufig war);

gekleidet sind sie, wie sich nicht geziemt
in tempeln zu erscheinen, noch im haus.
ein solch' gezücht hab' ich noch nie gesehn.
F. L. Stolberg (Eumeniden) 15, 193;

dies sage ich nicht als ein revolutionist, noch als ein bandit — niemand haszt solches gezücht mehr als ich — sondern als mensch, der die nothwendigkeit davon fühlt und einsieht E. M. Arndt geist der zeit 2, 339; die kleinen und mittelmäszigen, die wohl fühlen, dasz sie gegen den groszen nichts sind, vereinigen sich gegen ihn ...: von solchem gezücht hat Göthe gelitten, leidet Humboldt Varnhagen vgl. briefwechsel mit Alex. v. Humboldt s. 257;

die strahlen des tags
sind verhaszt dem gezücht, das im finstern gram
sich wohlsein erspäht.
Fr. Stolberg (das befreite Deutschland) 2, 309.


2)) unter den nominalen begleitern, die die bedeutungskraft des substantivs steigern oder nach bestimmten richtungen ergänzen, sind vor allem genetive und attributive adjectiva reichlich entwickelt. die beiordnung von substantiven führt wenig zur zusammenstellung mit synonymen: dasz man sich der jesuiten losz machen möchte ... dasz solche gezücht und unkraut, nie in Teutschland kommen s. Londorp acta (1668) 1, 283a; die da sind nachsager, angaffer, witzhaftige schwätzer in zusammenkünften und büchern ... ausschreiber ... bänkelsänger, schemelrichter, und wer sonst noch dieses gelichters, geschmeisses und gezüchts sein mag Klopstock (deutsche gelehrtenrepublik) 12, 59 (1817), vgl. dazu Sanders wb. deutscher synonymen 453, wo gezücht gegen gelichter, geschmeisz, geziefer, brut abgegrenzt und etwas zu eng auf ein durch herstammung und erzeugung begründetes sein eingeschränkt wird; vgl. auszerdem: die guten bürger, die durch eine gute regierung immer besser werden, treiben alles gesindel und gezücht der liederlichkeit ... schon aus eigenem interesse aus ihrer mitte E. M. Arndt reisen 5, 5.
a)) genetivbestimmungen führen gern zu zusammensetzungen, doch sind solehe auch aus der beiordnung erwachsen, namentlich mit unselbständig gewordenen nominalformen: nation können wir sehr gut entbehren und

[Bd. 7, Sp. 7215]
alle seine welschen missgezüchte mit dazu F. L. Jahn 2, 2, 489; das stiefgezücht unserer tage wandert als deutschling hinaus und kehrt dann als welschling wieder heim 75; vgl. DWB ungezücht oben sp. 7211; vgl. andererseits der zöllner raubgezücht Stolberg 2, 272: desgl. Schiller Phädra 4, 2, vgl. theil 8 sp. 231; s. auch Sanders erg. wb.; zur zusammensetzung mit genetiven vgl. blutraht oder halsgerichte ... darinnen sich die allergrsten feinde des königs (Karl II.) ... nebenst unterschiedlichen würgeistern aus dem aller verachtesten bubengezüchte ... befunden Zesen verschmähete, doch wieder erhöhete majestät (1661) s. 84; die hausznunnen bei euch seindt münch gezücht, darumb seind sie auch so nachredick ... Eberlin v. Günzberg (die andere getreue vermahnung an den rath von Ulm) 3, 36 neudruck, vgl. DWB mönchsgezücht (aus Thümmel) theil 6 sp. 2494; als aber jene ... sich in die burg zurückzogen, so erwachte das gezücht der demagogen; sie beriefen das volk, sie ermahnten es Dion fahren zu lassen Fr. Leop. v. Stolberg (beil. z. 9. brief aus Sizilien) s. werke 9, 77:

rückkehr des goldenen alters verheissen uns Gallia's weisen,
aber ihr reich des Saturns ist saturnalengelag
... dort in dem rath thront kannibalengezücht.
Christian v. Stolberg epigramm 1793 s. werke 2, 118;

vgl. sklavengezücht Rückert nachl. 211, s. Sanders erg. wb. 211:

ausgebreitet und grosz sind zwar die poetischen fluren:
doch das spöttergezücht trabt in den sümpfen umher.
F. C. Fulda (d. poet. land, trigalien zur verdauung der xenien) s. litt. denkm. 125, s. 4;

ach ich vergasz die groszen kritiker der literatur ... l'observateur littéraire, le censeur hebdomadaire, das ganze gezücht der blättler Göthe (Rameaus neffe) 36, 85 (tous les gueux de cette espèce).
b)) die attributiven bestimmungen, die das subst. mit besonderer vorliebe begleiten,
α)) übernehmen selten die function der genetivbestimmungen, die im substantiv zusammengefaszten persönlichkeiten nach ihrer abstammung oder thätigkeit zu kennzeichnen:

die wahrheit ist mir lieb.doch räche
mein mund sie selbst an einem thoren nicht,
der durch verschonung meiner schwäche
mich für die seinige besticht! ...
mein lauter beifall geht der schrift,
die mir der autor bringt — mein handwerksgruss dem segen
des bettelnden gezüchts entgegen,
das auf dem pfad des ruhms mit mir zusammentrifft.
Thümmel (reise in ... Frankreich 4.) 4, 124;

die himmlische religion
ist kein system ... frei von ... sophismen
hat sie im herzen ihren thron;
sie fliehet das polemische gezüchte
und achtet nicht der spötter hohn,
die wahrheit leitet sie mit ihrem lichte.
Pfeffel poet. versuche 4, 59;

zornfunkelnd hinunter zu blicken auf das menschliche gezüchte W. Siegfried Fermont 38.
β)) auch andere charakterisierende attribute sind ganz vereinzelt: freudenmädchen ... gerade das leichte gezücht, was hier herumspringt, hat die meiste zeit und gelegenheit, die vornehme welt in ihren ... schwächen zu sehen Arndt reisen 406;

wär' nicht dies klostervolk ein heuchlerisch gezücht,
belög' ihr keuscher blick, ihr leiser busston nicht
ein heimlich strafbares gewissen,
sie ständen, trotz dem horn, wie du auf ihren füszen.
Wieland (Oberon 2, 41) 22, 78;

der himmelsstrich gestattet das fortdauern eines haus- und herdlosen gezüchts, was aus arbeitsscheu und brotlosigkeit jedem reichen zu allem feil ist und sein greuelgewerbe für rechtmäszige nahrung hält F. L. Jahn 2, 2, 671.
γ)) der hauptantheil fällt auf stimmungsäuszerungen und werthurtheile, die den im substantiv schon ruhenden bedeutungsgehalt ausschöpfen. dazu werden gelegentlich ironisierend auch rühmende beiworte herangezogen:

Porphyr, ich bin so freuden voll
das ich nicht weis, was ich reden soll
so wol gefellt mir alles das
ich kan inn freud nicht halten mass,
so wol gefellt mir das edle gezicht.
Justus Menius vom bapstum M 5b;

[Bd. 7, Sp. 7216]
'blut' rief ... ein stämmiger gerber, indem er den sprechenden mit der lohbraunen faust am genick faszte ... verwünschtes edelgezücht ... willst du uns mit blutvergieszen drohen Hermann Schmid der dombaumeister v. Regensburg s. gartenlaube (1866) 561a. vgl. dagegen:

des höchsten grim, gleich eines ofens hitz,
erschröcklich schwer, als dunder, strahl und plitz,
wird deine widersächer gantz aufreiben:
und ihres schändlichen gezüchts,
und ihres namens soll gar nichts
auf erden überbleiben.
Weckherlin (psalm 21, 11) 2, 64

(bei Luther u. a.: frucht);

wahnwitziges gezücht, falsch-hertziges geschlecht,
dasz du mit list und kunst fuchsschwäntzest, heuchlest,
liegest.
Weckherlin (ps. 107, 1) 2, 163;

... also auch unser vaterland sich nicht selbsten aufffresse, und zu seinem untergange ungerathene miszgeburten oder aus der art schlagendes gezüchte ausheckete, ja basilisken zeugete! Prätorius catastrophe muhammetica 168;

oft hats mich, wenn um nichts und wieder nichts,
so einer da, unartiges gezüchts,
aus übermuth, ...
Bürger an Boie (31. VII. 1775);

wie ich ein todfeind sei von allem parodiren und travestiren, hab ich nie verhehlt; aber nur deswegen bin ich's, weil dieses garstige gezücht das schöne ... herunterzieht Göthe (an Zelter) br. 38, 171;

doch darum ist das erdenvölkchen nicht,
wenn gleich im sokkus und kothurne,
vom flügelkleide bis zur urne,
ein jeder sich sein eignes kränzchen flicht,
sogleich ein hässliches gezücht.
Seume (gutachten über menschen) ged.2 (1804) s. 42;

nun frag' ich, unerträgliches gezücht!
ob dieses gut der stadt uns heilsam sei,
und stärke der belagerten vertraun,
vor unsrer götter bilder hingestürzt,
zu schrein, zu wimmern?
F. L. Stolberg (sieben gegen Theben) 15, 74;

schon bist du trunken,
und gram und sorge all versunken;
wir schützen dich, hier packt dich nicht
ihr freches quälendes gezücht.
Lenau gedichte 1, 212 (1857) s. theil 13, sp. 266;

gelehrte, rechtsverständ'ge, hof und adel
wird falsch gezücht gescholten und zum tod verdammt.
Schlegel Shakespeares Heinrich VI. 2, 4, 4 (they call false caterpillars);

vor allem aber ergrimmte das fromme volk über die mishandlung der priester, ... und dasz, wo menschen jüngst noch gebetet hatten, pferde wieherten oder ein verworfenes gezücht in viehischen lüsten sich wälzte E. M. Arndt geist der zeit (1813) 3.

 

 geziefer, n. , spät belegte bildung.
1) verschiedenartig gedeutet wird die stellung zu dem verbreiteten ungeziefer (s. d.).
a) Jacob Grimm erklärt ungeziefer als unthier: 'die ältere richtige schreibung war ungeziber (bei Burc. Waldis 184b), und es ist die verneinung von ziber, zeber althochd. zepar, angels. tiber, opferthier, altfr. toivre, atoivre' Reinhart Fuchs 54; vgl. auch mythologie 13 33. dazu vgl. hostia, cepar edho daʒ kote antfenki ist ende kotes pipot keronische glossen s. Steinmeyer - Sievers 1, 171; zepar sacrificium s. Graff 5, 580; vgl. hwaêr is ðaet tiber ðaet dû torcht Gode tô ðâm brynegilde bringen þencest angels. genes. 22, 7 (ubi es victima?) u. a. s. Bosworth-Toller 981c. so wird ein gegensatz gewonnen zwischen thieren, die zum opfer dargebracht werden können, und solchen, die durch miszgestalt oder unansehnlichkeit des wuchses davon ausgeschlossen sind. bildungen mit un, die hierzu stimmen, begegnen freilich erst in der mittelhochdeutschen zeit, einmal ungezibele (mhd. wb. 3, 873b); einmal ungezibere (Lexer 2, 1892):

vor der burc lît ein hac,
dâ nieman durch komen mac
vor grôʒem ungezibele.
da ist alleʒ ein genibele
niden an der halden.
von würmen manicvalden
ist der hac behüetet harte.
Ulrich v. Zazikhoven Lanzelet 5043;

den ist unkunt die edelkeit des grales,
von dem kein ungezibere uberal in salva terra hat niht trales.
Albrecht v. Scharffenberg jüng. Titurel 5198;

dazu vgl.: da würget man sie mit widen und stricken an hohen galgen und baumen ... da ward ein groszer jamer: etlich clagten ire man, etlich ir kinder, etlich ire brüder, und was ein gemain weinen umb das unzifer, das auf dem Eyberg hieng Sigmund Meisterlin dtsch. städtechr. 3, 151; gebieten den Juden, dasz sie in jaresfrist alle heuser verkauften ... reuten daʒ unzifer aus 159. von solcher bildung und verwendung soll sich dann geziefer — ohne änderung der bedeutunglosgelöst haben.
Schmeller 22, 1087 (vgl. auch 1074) findet die ableitung von opferthier zu 'nobel und antik'. er weist aus fränkischem gebrauch zifer, gezifer als benennung für das federvieh nach (vgl. auch zeifelein [Grabfeldgau] junges huhn) und kann im fränkischen zifen, zifeln (im wachsthum zurückbleiben, vgl. zipun, ignavos glossen zu Prudentius s. Graff 5, 578; arzibuta, residem [ovem morbo] ebenda) die grundlage nachweisen, auf der sich gerade der begriff des minderen wuchses entwickeln mochte. vgl. auch zib, zibele, lockruf für junges geflügel Schmeller a. a. o.; vgl. auch: geziefer, junges federvieh, unnöthiges federvieh, auch (Meiningen) kaninchen, stallhasen [Reinwald 1, 49; 3, 52] Spiesz beitr. z. Henneberg. idiot. 78; auch für das Schwäbische bucht Birlinger neben der übertragenen bedeutung (schwarm junger mädchen) und der von ungeziefer die zum obigen stimmende: geziefer ... geflügel des hauses wb. z. volksthüml. aus Schwaben 34. dazu vgl. aus dem österreich. jetzt ziffer, zifferig, kärglich ... kränklich, mager Unger-Khull 651.
diese auffassung wird auch dadurch gestützt, dasz unter den übertragungen, die hier gerade früh ansetzen, neben der frauenwelt (s. frauengeziefer unten) auch die jugend eine besondere rolle spielt; freilich mit der wendung ins böse s. bubengeziefer sp. 7048. aus solcher auffassung erklärt es sich auch leichter, wieso geziefer und ungeziefer

[Bd. 7, Sp. 7046]
in einer und derselben bedeutung zusammentreffen, denn diese thatsache steht fest, wenn auch zeitliche, landschaftliche und stilistische sonderneigungen, die auf grund der genaueren vergleichung von ungeziefer mit geziefer sicherer gefaszt werden, den gebrauch beider bildungen wieder gliedern (vgl. sp. 7047). jedenfalls konnte geziefer als sammelname für kleine lebewesen leicht die intensiv steigende partikel un an sich ziehennamentlich zur bezeichnung von gröszeren thieren — (vgl. DWB unwetter, DWB unthier, ungewürme [Lexer 2, 1890 ], auf die Much dtsch. literaturz. 1896 s. 492 verweist), während ihm die für ungeziefer entscheidende richtung auf lästige thiere nicht so wesentlich scheint, so früh sie auch bezeugt ist. wenn die entwicklung des sammelbegriffes geziefer auf dem umweg über ungeziefer gesucht wird, bleibt die unterdrückung des präfixes un zu rechtfertigen, wozu die berufung auf bestimmte compositionsformen (s. sp. 7048) doch nicht ganz ausreicht.
b) beachtenswerth sind zeugnisse des 16. jahrh., die formen mit und ohne das präfix ge in diesen bedeutungskreis stellen. Chyträus bucht als niederdeutsche form zefer: insecta, ungezifer, geschmeisz, gewörm ... buprestes, ein giftig zefer, darvan de ossen odder köye sterven nomenclat. latino-saxonicus (1525) 377. 379; cantharis, goldtzefer, spanische fliege 379; brucus vel bruchus, ein zefer 380 (vgl.bruchus, DWB raup, hewschreck, käfer Calepinus 179; cantharis, grüne käfer 202 u. a.). dazu stimmt (als sammelbegriff) das erste zeugnis für geziefer, das freilich aus spätererer und durch varianten bestrittener überlieferung gewonnen ist:

nun schüttle sonder tadel
den pfauenwedel du!
man staübt aus seiner stuben
geziefer vor dem schmaus,
mit pfeifen und mit tuben
führt man die braut nach haus. Schweizer schmachlied, das man für die Öestreicher 1444 gemacht s.
Rochholz eidgenöss. liederhandschr. 67

(bei Tschudi 2 [1736], 414: man mus das unvech stoüben); dieserzwar zum vergleich mit menschen angezogenen, aber dochsinnlich erfaszten verwendung steht bei Luther der erste beleg für die so viel beobachtete übertragung auf den menschen gegenüber: mit gedult in gott werdt jrs uberwinden und euch des buben geziffers gar nichts trösten 34 II 91.
c) während das 16., 17. und 18. jahrh. weitere zeugnisse stellen, bleiben die wörterbücher lange zurück. Steinbach führt geziefer vor ungeziefer, insecta an 2, 1090 (ebenda ziefere, frigutio als schlesisches wort); Frisch bucht ziefer als grundwort zu ungeziefer 2, 473; Adelung verweist von geziefer auf ungeziefer 2, 673. dazu vgl.: unser allgemein bekanntes ungeziefer setzt geziefer, so wie dieses ziefer voraus Campe verdeutschwb. 378; weil das daraus abgeleitete sammelwort, geziefer, da wo es noch jetzt gebräuchlich ist, eine sammlung solcher thierchen (insecten) ... bezeichnet ebenda; ich trage also darauf an: dasz man ziefer für ein einzelnes insect ... geziefer für mehre arten solcher insecten zusammengenommen, wieder gebräuchlich zu machen suchen möge ebenda. mundartlich hat schon Reinwald aus dem Hennebergischen geziefer an ziefer, junges haus-federvieh angelehnt und auf ziefen zurückgeführt, das er mit zeugen (geziefer-gezücht) zusammenstellt idiotikon s. 50; vgl. auch Spiesz s. 78. ostmitteldeutsch wird geziefer von Müller-Fraureuth (s. 419) belegt; aus dem oberdeutschen vgl. auszer Schmeller (s. o.): gezifer, ungeziefer, übertragen gesindel ... kann doch nur halbmundart sein H. Fischer schwäb. wb. 3, 644; zifer, ungeziefer, niederträchtige bande Martin-Lienhart 2, 893.
d) in bezug auf die formen ist zur quantität des vocals auf die ältere schreibung geziffer neben gezifer hinzuweisen. bemerkenswerth ist auch für den gebrauch der numeri, dasz der pluralnamentlich in neuerer zeitgemieden wird. bei Erasmus Francisci indisch - chines. lustgarten 1, 37 begegnet die geziefer; dazu vgl.: aber doch hab' ich mich mit allen menschen, thieren und geziefern ganz gut vertragen können Merck briefw. 2, 104. dagegen werden auch verbindungen wie allerhand geziefer (Immermann 2, 82) und ähnliche wendungen, in denen die mehrzahl durch den zusammenhang immer wieder anschaulich gemacht wird (vgl. Storm 2, 296), trotzdem im singular belassen.

[Bd. 7, Sp. 7047]

2) sinnliche und übertragene verwendungen.
a) innerhalb der sinnlichen verwendung zeigt sich deutlich, dasz bei geziefer — zum theil in bewusztem gegensatz zu ungeziefer — nicht nur lästige thiere, sondern auch angenehme und erfreuliche vorschweben: schönes geziefer. in zahlreichen fällen ist überhaupt an eine solche gliederung unter dem gesichtspunkt des angenehmen oder nützlichen gar nicht gedacht. diese letztere, bei der der einflusz von ungeziefer mit zu würdigen ist, beherrscht allerdings den neueren gebrauch mehr und mehr.
α) buttervögelein, oder zwiefalter, wie man die buntgemahlte fliegen, und schöne geziefer, so den sommer durch auf zweigen, blumen, und kräutern herum spielen, und nicht anders, weder ein geflügeltes blümlein, durch die lufft flattern, nennet Erasmus Francisci indischchines. lustgarten (1688) 1, 37; neben dem schönen geziefer und geblüme war auch des ungeziefers und der giftkräuter von jeher genug E. M. Arndt schriften an meine l. Deutschen 3, 141.
β) er gehe hin zu den blumen und blättern: die können ihn lehren, dasz ohne zuvor vorhandenen idealischen saamen der sommer - vögel oder zwifalter und raupen, solches geziefer, aus blumen und laub erwachsen könne Erasmus Francisci höllische Proteus (1695) 749; dazu ich ferner alles geziefer rechne, was ausser besamung desz männ- und fräulein, auch wol kan generieret werden indisch-chin. lustgarten 1, 121; vgl. luftgeziefer, blattgeziefer 1, 37; will man nur völker erkunden, wie man steine ausliest, pflanzen einlegt und geziefer sammelt, dann ist das hergebrachte genug F. L. Jahn 2, 2, 484; vgl. geziefern Merck briefw. 2, 104; 'hätt' da was für dich, weil d' schon a freud' an solchenen geziefer hast' ... der kaplan rollte das blatt auf und fand einen jener käfer, die man, ihrer langen, schön geschwungenen fühler wegen, böcke nennt Anzengruber (dorfgänge 1. 'der einsam') 3, 178; motten und nachtschmetterlinge ... das unter diesem jagen und schlagen immer nur ängstlicher werdende geziefer schien sich zu verdoppeln und summte nur dichter und lauter als vorher um ihn herum Fontane (schach v. Wuthenau) I 3, 285.
γ) bei der beziehung auf schlangen und gewürm wird bereits der begriff des lästigen, schädlichen überwiegen: daher die schlange, von den Aegyptern ... zu einem bildzeichen desz lebens und der artznei gebraucht worden: gleichwie sonst die alten dieses geziefer auch zum sinnbilde der vier elemente genommen Erasmus Francisci lustige schaubühne (1697) 3, 42; dem geziefer der ottern und schlangen curiöse grillen (Chemnitz 1728) 274 s. Müller-Fraureuth a. a. o.; vgl. otterngezücht;

war eine grube voller schlamm,
die rund umher den zugang wehrte.
in ihrem schwarzen schosze schwamm
ein heer von kröten und von schlangen ...
'da seht' ruft junker Haksch und springet
mit allen vieren in den moor
er schwingt, zwar bass mit koth lackieret,
doch vom geziefer unberühret,
siegreich sich aus dem ekeln grab.
Pfeffel poet. vers. 6, 34;

ein unthier ... gar zu trutzig,
entreckt es schweif und tatz ...
wer dächte, dass am Rheine
noch solch geziefer sei.
Freiligrath sämtl. werke (New- York 1858) 1, 143.


δ) auf diesen begriff wird meist durch besondere bestimmungen neben dem subst. eigens hingewiesen, seltener ist er schon durch den zusammenhang zu gewinnen; immen, brynnen, und unnütz gezifer der khefer Casp. Glanner new. teutsch. geistl. u. weltl. liedlein 1 (München 1578), nr. 20.
1)) sie haben die frösche vor allem andern geziefer und ungeziefer der welt in ihren besondern schutz genommen Wieland 14, 128 (Abderiten 5, 2); in dem schrank hatte ich sehr sorgfältig wespennester, puppen, larven und anderes gezücht und geziefer einquartiert Paul Heyse (die pfadfinderin) 2, 8, 68.
2)) o, wenn je ein mittel gegen die mücken und spinnen erfunden werden sollte, machen sie es doch ja gemeinnützig! denn wenn man oft in himmlischen entzückungen aufgefahren ist, erinnert einen das leidige geziefer, mit seinen stacheln und krabbligen füszen, gleich wieder an die sterblichkeit Göthe (triumpf der empfindsamkeit 2) 14, 19;

[Bd. 7, Sp. 7048]

lustiges fest, der schönheit blumen schenken!
aber ach, sie locken würmer herbei,
der fliegen unzahl,
käfer und schnaken und wilden geziefers
summenden, surrenden, nagenden schwarm.
Immermann (gedichte V) 11 s. 204;

oben im herrenhause ... lag fingerdicker staub und todtes geziefer auf simsen und geräthe Th. Storm (z. chronik v. Grieshuus) werke 6, 136.
3)) auch wohnen leider in einem lande oft in buntem gemisch leute von allerlei volk, wie auf der deutschen eiche mancherlei geziefer F. L. Jahn 2, 2, 485; als das wasser wieder war wasser geworden, kamen frösche ohne ende! das war die zweite plage. — item es kam geziefer aus dem staube Hebel (1832) 4, 57; und das geziefer (mäuse) füllte sich den wanst; wenn es mit dem fressen nicht mehr fort wollte, rollte es die schwänze auf und hielt ein schläfchen in den hohlgefressenen weizenbrötchen Storm 2, 296; ich weisz nur, dasz allerhand geziefer auch auf diesem heiligen berge stach, bisz, kratzte, stahl und unaussprechlich frasz Immermann 2, 82; und jetzt sitzen alle, die mitgesponnen und nicht mitgesponnen haben, im netz und können sich anfallen wie geziefer Anzengruber (der schandfleck) 2, 116

da rennt das geziefer
wie toll in den fluss.
Geibel (rattenfänger) 4, 148.


4)) es hagelt fliegen, schnecken, spinnen, raupen, dornen, blätter ... meine tante ... ist in ohnmacht gefallen ... wir ... säubern sie von dem geziefer, von blatt und dornen Detlev v. Liliencron (aus marsch u. geest) 2, 213.
b) zu den übertragungen
α) ist schon oben auf zusammensetzungen wie frauengeziefer und bubengeziefer hingewiesen worden, wie überhaupt die übertragungen zumeist in der form der composition hervortreten. aus dieser form könnte auch die für die deutung von geziefer aus ungeziefer fehlende erklärung der unterdrückung des präfixes un am ehesten gewonnen werden.
1)) es sind nun vier jahr, dasz mich mein vater an einen fremden ort schickte, da hatte ich mir vorgenommen, mit dem frauengezieffer recht bekand zu werden Chr. Weise erznarren 169 neudr.; vgl. dazu:

das frauenziefer all steckt strauszgen forne fr.
J. Rachel satyr. gedichte (IX 119) 129 Drescher.


2)) zum bubengeziffer (s. sp. 7046) vgl. auch geziefer als schimpfwort für eine schar loser buben (Zwickau) s. ztschr. f. d. ma. 6, 214. dazu vgl.: hier sind die groszen lexica, die groszen krambuden der literatur ... nimm zuerst diesen knotigen prügel, womit der criticus alles junge geziefer auf der stelle breit zu schlagen pflegt Göthe (die vögel) 14, 97.
β) im gegensatz zu diesen zusammensetzungen und viel mehr vom bedeutungsgehalt des ungeziefers erfüllt
1)) stehen andere composita:

giftvolle blindschleich und goldhellen molch,
mit aller greulbrut unter himmelszelt ...
gieb ihm, der all dein menschgeziefer hasst
aus deines busens füll' ein würzelchen.
Voss Shakespeare (Timon v. Athen) 4, 3) 3, 560

(with all the abhorred births below crisp heaven ... who all thy human sons doth hate; mit allem anderen abscheulichen ungeziefer unter dem wolkichten himmel ... der alle deine menschlichen söhne hasst Eschenburg; jeglich scheusal ... deine menschenkinder Schlegel u. Tieck); ich hasse nicht den thron, sondern nur das windige adelsgeziefer, das sich in die ritzen der alten throne eingenistet Heine reisen 4, 105; dazu vgl. sorgengeziefer Gerok 165.
2)) auszerhalb der composition vgl.:

tilgt aus dies rasende geziefer, fürsten,
des wahnsinns, das sich giftig schäumend aufreckt.
G. Hauptmann bogen des Odysseus (4) 134.

 

 unthier, n.; mhd. untier; mnd. undêr; mnl. nl. ondier; dän. udyr; schwed. odjur. selten oder scherzend ungethier, -thierz (s. gethier, gethierz) Campe: ein wüstes u. Immermann 16, 152 B.; die ungethiere der schmerzen Emma Förster briefe (1843) 149; Auerbach 11, 156;

'bau!' schreit er. 'was ist das hier?'
und er (onkel Fritz) faszt das ungethier
W. Busch Max u. Moritz 35.

unjedirze Hertel Thüring. sprachschatz 244; Schulze nordthür. 45b.
I. mit un IV B. u. non negat, ut ita dicam, animalitatem, sed vitium eiusdem, nimirum ferociam et atrocitatem indicat Stieler 2385.
1) eigentlich. a) ein wildes, gefährliches, böses, schädliches widerwärtiges, seltsames u. dgl. thier: Lucidarius 10, 11 H.; gott hasset doch nit ein krot oder ein slang, das doch sint untier, wie möcht er dich (menschen) dann gehassen? Keisersberg bilgerschaft (1512) 29b; das (die ameise) ist ein cleines thierlin und tht doch vil schadens, gleich als ein wurm oder ein u., das beiszt und isset das hertzbletlin von der salbeien baum der seligkeit 23a;

mit zangen wardendt sie (d. märtyrer) zerrissen,
die untier habent sie zerbissen
Murner badenfahrt 1, 38;

so vom crocodil Dapper Africa (1671) 122a, von raubwild österr. weisth. 10, 376a, raubvögeln Dannhawer catechismusmilch 2, 179, vom iltis Hohberg georgica (1715) 3, 274a, bären Heräus ged. u. inschriften (1721) 238, von der meerkatze M. Mendelssohn 3, 338, dem eber A. v. Droste-Hülshoff 2, 214 u. s. w.; von einem bissigen hunde Raupach dram. w. ernster gattung 16, 183, v. aufguszthierchen Oken bei Krünitz 200, 195; Gutzkow (1872 ff.) 12, 117; von ungeziefer (friesisch) Adelung; die scheuszlichen untiere der tiefe E. Th. A. Hoffmann 6, 179 Gr.; in der kapelle lag der schatten wie ein kauerndes u. zusammengerollt O. Ludwig 3, 743; fremdartige thiere: A. v. Humboldt kosmos 2, 424; unthier aus fremden ländern Rückert 2, 106. zusammensetzungen z. b. unthiergestalt Göthe 24, 249, -haufen Jean Paul 44, 149 H., -voll J. A. Ebert Leonidas (1778) 218. b) von drachen und fabelwesen:

so fiel ihr (der natur) ein,
zu lust ein unthier drein zu mischen;
halb sollt es thier halb pflanze seyn
Lichtwer in den literaturbriefen 14 (1762) 288;

er hat mit mir in der schandthat
diese heulenden unthier erzeugt, die, wie du gesehn hast,
stündlich empfangen, und stündlich gebohren, ohn unterlasz bellend,
mich umringen
Zachariä poet. schr. (1765) 6, 199;

Schiller 15, 1, 79 G.; Wackenroder herzensergieszungen (1797) 68; die (Scylla) war ein u. ohne jungfräulichen oberleib J. H. Voss antisymbolik 1, 238; brüder Grimm d. sagen (1891) 2, 34; G. Freytag 2, 165; Nietzsche Zarathustra 172 kriegsausg.; im vergleich:

seht, wie ein unthier, sprüht er gift und flamme
G. Freytag 3, 122.

von wappenthieren: diese heraldischen unthiere Bettine dies buch gehört dem könig 1, 21. c) vom teufel und gespenstischen wesen: die curiösen herrn studiosi wolten ein solch u. (den teufel) zu sehen keiner seinen groschen sparen J. G. Schmidt rockenphilosophie (1706) 1, 179; ein in ein scheuszliches gespenst verwandeltes lamm br. Grimm d. sagen (1891) 1, 109; Laistner nebelsagen 258. d) als ersatzwort des aberglaubens für wolf (zeitschr. f. d. wortforschung 10, 168 ff.), wie unflat, ungeziefer: auf eim narrechten aberglauben bestehen noch heutigs tags die scheffer, dasz sie nit gern einen wolf nennen hören ... und do sie ja nit vermeiden können, etwas von wolf zu melden, verwandeln sie doch den nammen und sprechen

[Bd. 24, Sp. 1939]
darfür das unthier, der höltzing, der wul oder der Hennicke Kirchhof wendunmuth 1, 295 Ö.; etliche von adel in Burgund stelten eine wolfsjacht in dem wald Ardenne genannt an und erlegten auch dieser unthier, wie solches die bauren nennen, bey zwölfe Harsdörfer schauplatz lust- u. lehrreicher gesch. (1653) 2, 266; das u. (man nennet die schelmen nicht gern mit ihrem rechten namen) stellete sich, als ob es ihn wunder nehme gepflückte finken (1665) 12. oft von der allgemeinern bed. (a) nicht zu scheiden, z. b. Harsdörfer schauplatz lust- u. lehrreicher gesch. 2, 269; Weise politischer näscher (1678) 33; Liscow 261; Fouqué zauberring 1, 54. fürs 18. jahrh. reichlich bezeugt (Frisch [1741] 2, 371c; zeitschr. f. d. wortf. 10, 169; Dähnert 505a), am längsten in Ost- u. Westpreuszen (Frischbier 2, 424b). e) scherzend von einem lästigen singvogel: haben sie doch die güte, den shawl dort ... über den käfig dieses unthiers zu werfen Ebner-Eschenbach 3, 102.
2) von menschen. vgl. DWB thier 4 b. man rügt meist rohheit, grausamkeit, unmenschlichkeit, aber auch bisweilen blosz ungeschick, unfreundlichkeit, heuchelei, stutzerthum u. s. w., bei frauen unzüchtiges, kupplerisches wesen, zauberei, unmütterlichkeit, bei kindern unart, ungezogenheit; der bedeutungsbereich läszt sich in dieser hinsicht nicht erschöpfen. 'ein lasterhafter, wilder, auch wohl ein jeder unnützer, untauglicher mensch; am häufigsten im gemeinen leben' Adelung. in den mundarten in vielfacher schattierung, sowohl ernsthaft als spöttelnd und schalkhaft; z. b. roher plumper mensch: bist ein u., es gibt kein gröszeres in den erbsen zu einem, der mit stärke und zorn prahlt Fischer schwäb. wb. 6, 261; der N. is a wahrs u. d. h. ein roher, unbändiger mensch Hügel Wiener dialekt 177; syn. mit bollecker (frecher kerl, der andre auslacht els. wb. 2, 36b) Schmidt westerw. 285; eine mürrische, unfreundliche person ebda; unmensch Tonnar-Evers Eupen 131b; ungeschickter mensch Brendicke 187b. für bestie Campe verd. wb. (1813) 150a. a) von männern: wel ein untier man an dir sehi H. Seuse d. schr. 450, 6 B.; Mars, du grausames u.! Rist friedejauchzendes Teutschland (1653) 226; dieses u. (der oberste der räuber) durchreisete unterschiedliche landschaften, welche er mit rauben, morden, brennen erfüllete A. Olearius oriental. reise anhang 32; will ich doch lieber todt seyn, als dasz ich bey einem solchen unthiere (grausamen u. harten ehemann) meine tägliche noth ausstehen soll Chr. Weise d. klügsten leute (1675) 353; mein u. (böser ehemann) ehe eines weibes (1735) 228; dieses greuliche u. 96; 230; Lohenstein Arm. 1, 167a; Ziegler Banise 121; daher müssen bey zusamlaufendem pövel ... marcktdiener bestellt seyn, damit mord und schlägereyen vorgebaut werde, die solche zancksüchtige unthier bald einführen Hohberg georgica (1682) 1, 52; dieses sey gnug von diesem u., dem pabst Höllenbrand G. Arnold ketzerhist. (1699) 336a; wer zu viel sauft, wird zu einem u. Castelli ital. d. wb. (1741) 1, 3b; ein atheist ist eine brut der hölle ... kurz, es ist ein u., das schon lebendig bey dem satan in der hölle brennt Lessing 2, 74 M.; lebt dieses u. (Lomellino) noch? Schiller 3, 138 G.; das gemästete u. (ein kunsthändler) H. v. Chézy erzähl. u. novellen (1822) 1, 96; u. von einem lahmen flickschneider Holtei erz. schr. 4, 147; jene gigantische redensart gegen dieses u.: eure gravität, eure eminenz J. V. v. Scheffel (1907) 1, 111; wenn nur nicht jede bestie von u., die auf zwei beinen geht und nase, auge und maul am richtigen flecke hat, sofort dächte, sie sei ein mensch W. Raabe Horacker (1876) 104; im wortspiel mit unmensch: ein arges, ehebrecherisches geschlecht, das weder u. noch unmensch, sondern ein ungeheuer ist Hamann 4, 69 Roth- W.; ich bin kein unmensch und kein u. W. Raabe Abu Telfan (1870) 2, 166. komisch: was vor ein u. und abscheuliches monstrum müszte ich doch sein, wenn ... Holtei erz. schr. 15, 113; und das alte u., sein schwiegervater, der general R., der sehr viel geld hat und nichts ausgiebt Bismarck briefe an schwester u. schwager 24;

wann wir (stutzer) uns hören nennen, was wir sind für unthier
Opel-Cohn dreiszigjähr. krieg 416;

C. S. einsmals über die heuchler klagte und wünschete an einem ort zu seyn, da dergleichen unthiere nit anzutreffen

[Bd. 24, Sp. 1940]
v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 150; die grosze brüderschaft der gehörnten unthiere (hahnreie) Gynäcophilus der polit. freiersmann (1668) 114; von einem alten manne, der ein junges mädchen geheiratet Mittler volksl. 599;

meine töchter! traut nur keinem
untier, welches hosen trägt!
H. Heine 2, 366 E.;

die fastenspeisen nannte er thorenspeisen, die bettelmönche kuttentragende unthiere D. Fr. Strausz 7, 33. b) von frauen. ein liederliches weibsbild Schmidt westerwäld. 285: Floretto, das schändliche u. (beschuldigt einen wie Pothiphars weib) Chr. Weise der grünenden jugend überfl. gedanken 207 ndr.; lasset das schöne u. (Banise) eintreten Ziegler Banise 522; Wiedemann gefangenschaften (1620) sept. 17; ist dann niemand bey der hand, der mich von diesem u. errette? (von der mutter, die ihre kinder um ihr erbtheil bringt) ollapatrida 62 Wiener ndr.; durch die vermittelung eines alten unthiers hat sich seine neigung einem cloac zugewendet Zinzendorf Socrates (1732) 52; beim knotenmachen werden alte weiber als zauberinnen und böse unthiere genannt Jac. Grimm kl. schr. 2, 151. c) mundartlich schimpfwort für unartige, böse kinder Stürenburg 297a; Dähnert 505a. d) die n. schriftspr. verschont mit der schelte u. wohl frauen u. kinder, die ältere nicht. Pansner schimpfwb. 74a: pfui dich an, du u., sagte Z., bistu eine christin worden? Buchholtz Herkuliskus (1665) 110b; Herkules (1666) 1, 714; pferd zum esel: du tummes u. ..., bistu nit ein esel wie zuvorn? Trebellius polit. narrenkappe (1683) 126; kommst du, du u.? Hunold der europ. höfe liebes- u. heldengesch. (1709) 834; theater der Deutschen (1768 ff.) 4, 89; Henzi zu Dücret:

geh, unthier, deine wuth soll mich vom recht nicht leiten
Lessing 5, 108 M.;

Faust zu Mephistophiles: hund! abscheuliches u.! Göthe 14, 225 W.; Fouqué held des nordens 1, 188; G. Freytag 8, 274. e) unthier, unthierchen als kosewort: mehr als alle armut, als alle not, nagt an deinem herzen, dasz du jenes kleine unthierchen gebarst E. Th. A. Hoffmann 5, 7 Gr.; mein u. von einem rothschimmel hatte einen anfall von heimweh bekommen Ebner-Eschenbach 4, 107.
3) von gegenständen: ein wüstes u. ist die see A. v. Droste-Hülshoff 2, 146; er ... stehe allein dem drohenden u. (der unbekannten groszstadt) ... gegenüber W. Raabe hungerpastor 2, 65. im räthsel vom schiff Schiller 11, 354 G.
4) von abstracten vorstellungen: ein abschückhlich u., die hoffart Tschudi chron. 1, 79; ich mag dieses u., dieses göldene kalb, welches mein vater also heilig anbetet, nicht haben der unsichtbare Charmion (1697) 310, das laster J. J. Schwade belustigungen 7, 489, der pennalismus Schöttgen pennalwesen (1747) 120, die sünde J. J. Moser bei Heynatz antibarb. 2, 538, der krieg Klopstock oden 2, 84, 24 M.-P., die unvergänglichkeit Herder 26, 431 S.; das reiszende u. des luxus Jean Paul 34, 23 H.; das rachentflammte u. (des todes nacht) H. v. Kleist 2, 327 Schm.; hunger, du u., lasz vom nagen ab Immermann 16, 334 B.; das schicksal Grabbe 1, 453; jetzt ist das u. die tendenz Gutzkow (1872 ff.) 5, 273; das ungeheuer starrer satzung Lenau 324 B.
II. mit un IV D (un intensivum).
1) von thieren: ein sehr groszes thier Lexer Kärnten 61; groszes, mächtiges, auszerordentliches thier Doornkaat-Koolman 3, 468a; so hob sich der breite rücken eines dankbaren untiers (des delphins) unter ihm (Arion) hervor Novalis 4, 77 M.; die scharfsichtigen Indianer erspähen oft eins dieser untiere (eine art katzenfisch, bis zu 50 kg schwer) Gordon Mac Creagh Weiszwasser u. Schwarzwasser, übersetzt von Rickmers (1928) 122; in halbmundart: dieser hund is ein undiert von eine karnalje (eine grosze k.) Seidel vorstadtgesch. 174. wegen seiner stärke vom zuchtthier Lori Lechrain 492; Schmeller-Fr. 1, 618 (mit euphemismus erklärt): haltung des unthiers den pfarrern (Augsburg 1684) verboten Schmeller-Fr. 1, 97; veraltet.
2) von menschlichen wesen: allein David wuste, wo das u. (der riese Goliath) am übelsten verwahret war Chr. Weise d. klügsten leute (1675) 40; von einem riesen Alxinger Doolin 4, 32.

[Bd. 24, Sp. 1941]

3) von gegenständen:

kein berg kan sich so hoch in luft und wolken strecken,
es steigt kein fels so tief ins meer hinein,
die nicht vor ihrer grösze kleine hügel
und bey dem unthier zwerge seyn
Brockes bei
Weichmann poesie der Niedersachsen 1, 6;

nd. von einem grotesk aussehenden, ungeschlachten ding, oft komisch.