Wörterbuchnetz
Netz-Navigator
 
 DWB gestalt (Bd. 5, Sp. 4177)   DWB traumgestalt (Bd. 21, Sp. 1511) 
 gestalt, adj. , mhd. gestalt, ahd. gistalt (in ungistalten i. gestrubten, crinibus laceris Steinmeyer-Sievers ahd. gloss. 2, 72, 4), neben kistallit, ki-, gestellet, particip zu ahd. stellan, gistellan, auf-, fest-, vor augen stellen, wohin richten; deshalb nhd. auch in der schreibung gestallt (s. d.) 1 Mos. 29, 17 (1523). P. Fleming 98. 322. Schiller VII, 233.
1) festgesetzt, vom schicksal bestimmt:

waʒ im wêre gestalt.
Albr. v. Halberstadt 32, 106.


2) worauf gerichtet, gestimmt:

daʒ (ir frûntschaft) zu brôdekeide niht
was geneiget noch gestalt. h. Elisabeth 1503.

[Bd. 5, Sp. 4178]

3) hin-, vor augen gestellt, aussehend, beschaffen, gestaltet, mnd. gestalt, gestelt, beschaffen, in der lage befindlich, bereit, mhd. gestellet und gestalt: wie die magt Marîa gestellet an dem lîbe was. Walther v. Rheinau 1, 23b überschrift; speciosus, gestalt voc. inc. teut. i 4b, wol gestalt Dief. 545b;

ein fröudepernder walt
mit loup und pluomen wol gestalt.
Heinr. v. Neustadt Apoll. 15187.


a) mit adverbien:

daʒ si (feiglinge) unmenlich gestalt (wären).
Ottokars reimchr. 15944 Seemüller;

man moht dâ schouwen
vil schœner magt und frouwen
gestalt minniclich. 35766;

ist alleʒ sein (des menschen) antlütz und seineu augen sam si lachen oder lächerleich gestalt. Megenberg 43, 33;

colerici haisz drucken gestalt.
Liliencron volksl. 1, 238b;

sein har halb graw, halb schwarz gestalt.
B. Waldis 3, 83, 6 Kurz;

bitter wurzeln, weiszlich gestalt,
denen der kern war ausgezogen. froschm. R 4b;

schon gestallt und schon von angesicht. 1 Mos. 29, 17, ausg. 1523; und saget Zizero, es sei nichts so abscheulich, und so übel gestalt, das nicht durch dieselbe (rede) scheinbar und ausführlich gemacht werden könne. Butschky kanzl. 398; wer einen wol gestalten leip hab. Megenberg 50, 20;

die so wohl gestallte länge
und der glieder artigkeit.
Günther 175;

si fint dich rose so wol gestalt.
Schwartzenberg 129, 1;

zusammengeschrieben: wolgestalt, das gegentheil von DWB ungestalt, s. d.;

dessen schöngestalte glieder.
Schiller XI, 293 (eleus. fest 36);

seine langen feingestalten glieder.
Göthe 2, 148;

ein geist-gestalter mensch, ein mensch-gestalter geist.
P. Fleming 35;

ein freund-gestallter feind. 98;

sam in Kärnden vil kropfoter läut ist, daʒ kümt dâ von, daʒ der zuogemischt erdisch dunst zæh ist an im selber und alsô gestalt, daʒ er sich zesamen zeuht in den halsâdern und zedeuzt si. Megenberg 103, 27;

ich wolt besehen, wie die werlt wêr gestalt.
Osw. v. Wolkenstein 1, 1, 2;

und nit waist, wie dein end gestalt würt. Keisersberg granatapfel A 7c; wie war der man gestalt? 2 kön. 1, 7. 1 Sam. 28, 14;

er machet auch die scheflewt weis,
wie des helds schifflein gestalt was. Theuerd. 65, 25;

er gieng offt mit verschlossenen augen für den spiegel, zu sehen, wie des schlafenden bildnisz gestalt wäre. Schuppius 551.
b) vergleichend: pilosus, daʒ hât ain gestalt oben als ain mensch und ist unden gestalt als ain tier. Megenberg 157, 21; die bäumlein, daran der pfeffer wächst, sind gestalt als wilde reben. Montevilla im reisbuch (1609) 787; unter jnen eines (war) gestalt wie ein mensch. Ezech. 1, 5; oben uber den thieren war es gleich gestalt wie der himel. 22; inwendig war es gestalt wie ein fewr. 27; wie eine zunge gestalt. gl. zu Jos. 7, 21, (der wurm ist) aller glidmasz gestalt wie ein lindwurm. Rožmital 179;

du bist ja wie ein zwerg gestalt.
Lichtwer fab. 1, 9.


c) in adverbialen wendungen: gott reiszt offt unser liebstes hin, und will so gestallter sachen uns ihm nach und zu sich ziehn. P. Fleming 322; die ursacher (der feuersbrunst sind) auch nach gestalter sachen an leib zu bestraffen. östr. weisth. 6, 374, 47 (von 1730); es wird ihm freistehen, ja gestalten sachen nach obliegen, sich des dienstes seines nechsten zu gebrauchen. Scriver seelensch. 2, 587; gestalten sachen nach erkennen, ex speciali ratione decidendi pronunciare Hayme jur. lex. 253; so gestalten sachen nach. Rädlein 376b; so gestalten dingen nach Adelung als 'blume oberdeutscher kanzelleien'; bei so gestalten sachen. Ludwig 763; dasz es bei so gestalten sachen unmöglich sei. Wieland 13, 208. 10, 211, ebenso Claudius 1, 22. Hippel 10, 5; bei so gestallten (var. gestalten) sachen fanden es die geistlichen rathsam .. Schiller VII, 233; wenn ichs bei so gestalten umständen nicht gar zu grob fände. Wieland bei Merck 2, 216;

natürlich war mein prinz bei so gestalten dingen
im achten jahre bereits ein kleiner Salomon. werke 4, 54 (n. Amadis 3, 8).

 

 traumgestalt, f. , erst seit der 2. hälfte des 18. jh., festgelegt auf die jüngeren bedeutungen des grundwortes (vgl. DWB gestalt 3 u. 4): gestalt im traume (im sinne von comp.-typ. 1) oder nur eingebildete, phantasiegeschaffene oder doch phantastische gestalt (im sinne von comp.-typ 8 u. 9).
1) gestalt, die im schlaftraum erscheint:

ich war (im traum) im paradiese. vor mir stand
der vater und die mutter alles heers
der menschensöhne! hohe traumgestalten!
Herder w. 29, 563 S.;

wann mich am bach ...
der schlaf umwallt,
erscheinst du mir im weiszen abendkleide,
du traumgestalt
Hölty ged. (1869) 165 Halm;

... bis die mohnkörner des schlummers auf mein haupt fielen — meine mutter, meine ferne schwester als traumgestalten ... vor dem schon halb verhüllten gehirne vorübergingen Stifter w. (1901) 1, 149. allgemeiner: traumbild, traumvorstellung schlechthin: durch seine augenlieder dämmerte schwach in seine traumgestalten die monderhellte gegend Tieck schr. (1828) 8, 16; die zu traumgestalten gewordenen ideen Holtei erz. schr. 39, 257; häufiger mit adjectiven wie süsz, hold u. s. w.:

nur einen handschuh, heftig, im verfolgen,
streif ich der süszen traumgestalt vom arm
H. v. Kleist 3, 32 E. Schm.;

geschieht es nicht, dasz die holde traumgestalt ... auf lichten morgenwolken scheu entflieht E. Th. A. Hoffmann sämtl. w. 6, 195 Maaszen; mit hervorkehrung der bedeutung 'nichtig', insbesondere durch das begleitende verbum:

umgaukelt ihn mit süszen traumgestalten,
versenkt ihn in ein meer des wahns
Göthe I 14, 74 W.;

so verschwinden die finsternisse und die traumgestalten und gespenster Fichte sämtl. w. (1845) 7, 248; so auch in der regel im vergleichsausdruck nach traum I F 1 c: da uns die künstler der vorwelt in vielen stunden nur wie traumgestalten erscheinen schriften d. Göthegesellsch. (1885) 13, 290; an einen vermeintlichen flor des staates zu glauben, der zuletzt wie eine traumgestalt plötzlich verschwindet G. Forster sämtl. schr. (1843) 3, 97.
2) traumhafte gestalt, deren wirkliches vorhandensein in zweifel gezogen wird; nach traum II A 1 a: er mochte dem kinde als ungeheuerliche traumgestalt erscheinen B. Auerbach schr. (1892) 15, 103; noch tage lang waren ihr Franziska, der lieutenant Rudolf und Hans Unwirrsch nur traumgestalten, an deren wirklichkeit sie nicht glauben konnte W. Raabe hungerpastor (1864) 3, 229; nach traum II A 1 f: dasz wir ... alle ... traumgestalt und schatten sind F. H. Jacobi w. (1812) 6, 223; da er (der prinz v. Homburg) vorher auch in seiner tapferkeit nur traumgestalt war Tieck krit. schr. (1848) 2, 54.
3) allgemeiner: wahnvorstellung, einbildung; nach traum II A 1 c-e: ganz ... ist sein idealismus von der hohlen, leeren larve unterschieden, die ... selbst bekennet, dasz sie keine idee, sondern nur selbstgedichtete traumgestalten gewähre Herder w. 24, 405 S.; und er (der menschl. geist) heckt aus keiner andern ursach ... so viele traumgestalten (aus), ohne alle ordnung und schick J. J. Chr. Bode Montaignes ged. (1793) 1, 56; für die grundlage des ganzen lebens ... bedarf es einer festen innern gewiszheit, und nicht blosz einer ... poetischen traumgestalt der begeisterten hoffnung Fr. Schlegel sämtl. w. (1846) 15, 158; Posa mit seinen traumgestalten Börne ges. schr. (1829) 1, 45.

[Bd. 21, Sp. 1512]

4) von der phantasie geschaffene oder ihr gemäsze gestalt; nach traum II C 1: die tanzmusik fällt plötzlich in das ritornell ..., während dem die traumgestalten ... verschwinden allg. dtsche bibl. (1765) 56, 462; wir haben begriffe der freundschaft, der liebe ... in uns, die wir hier auf der erde in lauter schatten und traumgestalten erblicken Herder w. 15, 278 S.; (die giraffe), die mehr den luftigen traumgestalten der phantasiewelt, als den festbestehenden gliedern der wesenkette anzugehören scheint Matthisson schr. (1825) 2, 126; besonders von den figuren in dichterischen werken: wenn diese traumgestalt (der held in Immermanns trauerspiel) selbst träumerisch erscheint, so ist auch dieses der wahrheit gemäsz Heine 3, 229 Elster; wie peinlich der dichter durch seine traumgestalten bedrückt ward, das fühlten wir ... an den scenen höchster erregung Treitschke hist. u. pol. aufs. (1886) 1, 444; allgemeiner: phantasievolle, bildhafte vorstellung: in mir wallen traumgestalten in einander; aber sie haben keine so hellen farben wie im schlafe Jean Paul w. 7, 355 H.davon traumgestaltig, adj.: zuletzt, wo er (der schlaf) sich mit dem erwachen vermählte, war er traumgestaltiger und fantastischer geworden H. Zschokke sämtl. ausgew. schr. (1824) 21, 265.