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Einleitung zum Nachdruck
Die vorliegende Studienausgabe des Mittelhochdeutschen
Handwörterbuchs ist ein unveränderter Nachdruck des
lexikographischen Hauptwerks von Matthias Lexer. Zusammen mit
dem bereits erschienenen Nachdruck des
Mittelhochdeutschen
Wörterbuchs von Benecke/Müller/Zarncke (=BMZ)1
hat der Verlag nunmehr diejenigen beiden mittelhochdeutschen
Wörterbücher wieder allgemein leichter verfügbar
gemacht, die für die genaue Lektüre und das sorgfältige
Studium der mittelhochdeutschen Texte und für die
Erschließung neuer Quellen durch Editionen und
Handschriftenuntersuchungen unentbehrlich sind und dies auch noch
lange Zeit bleiben werden.
I. Das Mittelhochdeutsche Handwörterbuch von Matthias Lexer1. Zur Biographie Lexers und zur Entstehungsgeschichte seines Handwörterbuchs. Matthias Lexer2 wurde 1830 als Sohn eines Müllers in Kärnten geboren. Sein Studium begann er 1851 in Graz bei Karl Weinhold (1823-1901). Auf dessen Anregung hin legte er erste lexikographische Sammlungen an, die später zur Veröffentlichung Die Anregung zum Mittelhochdeutschen Handwörterbuch ging von Salomon Hirzel (1804 -1877) aus, dem Verleger des Kärntischen Wörterbuchs. Dieser bot ihm noch in Freiburg 1867 die Ausarbeitung des Mittelhochdeutschen Handwörterbuchs an.6 Lexer sagte zu und begann am 1. Januar 1869 seine Arbeit; das Wörterbuch samt den Nachträgen war nach zehn Jahren am 10. November 1878 abgeschlossen.7 Auf der Grundlage des Handwörterbuchs erstellte Lexer das Mittelhochdeutsche Taschenwörterbuch, das er ebenfalls noch 1878 herausbrachte und dann bis zur 4. Auflage (1891) selber betreute. Das Taschenwörterbuch enthielt den hauptsächlichsten Wortbestand des Mittelhochdeutschen mit Angabe der Bedeutung und wichtigeren syntaktischen Konstruktionen; nicht aufgenommen waren z. B. Wörter, die nur in lateinisch-deutschen Glossaren oder in Denkmälern des 15. Jahrhunderts belegt waren. Die 3. Auflage von 18858 wurde von Lexer gründlich überarbeitet, vervollständigt aus dem Handwörterbuch und ergänzt aus den inzwischen neu erschlossenen Quellen, so daß Lexer das Taschenwörterbuch in der neuen Gestalt »als ein supplement und korrektiv des HWB.« bezeichnen konnte.9 In dem Jahrzehnt nach 1878 arbeitete Lexer, wieder auf Vorschlag Hirzels, den 7.Band und den Anfangsteil des 11. Bandes des Grimmschen Wörterbuchs aus.10 Es ist jedoch die Lexikographie des Mittelhochdeutschen, mit der Lexers Name untrennbar verbunden bleibt, mit seinem 2. Die drei Aufgaben des Mittelhochdeutschen Handwörterbuchs.
Nach Hirzels Plan sollte das Mittelhochdeutsche Handwörterbuch
eine dreifache Aufgabe haben: es sollte 1. Handwörterbuch,
2. alphabetischer Index zum BMZ und 3. Supplement zum BMZ sein.
Hauptaufgabe aber war die eines
H a n d w ö r t e r b u c h s11
auf der Grundlage des BMZ, erst in zweiter Linie war die
Index- und Supplementfunktion maßgebend. Doch gerade wegen
der I n d e x funktion mußte Lexer
a 1 l e Lemmata des BMZ aufnehmen und konnte sie nicht
reduzieren auf einen handlichen Umfang; ebenso mußte er
wegen der
S u p p l e m e n t funktion
sich um
V o l l s t ä n d i g k e i t
bemühen, indem er erstens alle Quellentexte, und zwar auch die im
BMZ
vernachlässigten nichtliterarischen, einschließlich
ihrer Überlieferungsvarianten12
berücksichtigte und zweitens die zeitliche Grenze des BMZ
erweiterte durch Einbeziehung der Sprache des 15. Jahrhunderts.
Dadurch ist der 'Große Lexer' zu weit mehr als einem
'Handwörterbuch' geworden.
3. Zum Lemmaansatz.
Jeder Wortartikel beginnt mit dem normalisierten
L e m m a/Stichwort und dessen allgemein
verbreiteten Varianten in größerem Schriftgrad.
Vom Normalmittelhochdeutschen abweichende Schreibungen und Formen,
die z. B. einen jüngeren Gebrauch oder eine bestimmte
Sprachlandschaft wie das Mitteldeutsche oder Niederdeutsche
vertreten, sind durch V e r w e i s e
(z. B. schw- s. sw-) oder
V e r w e i s l e m m a t a
(z. B. lîf s. lîp) berücksichtigt,
die an die richtige Stelle im Wörterbuch bzw. zum Hauptlemma
führen. Die Lemmata von Zusammensetzungen, Ableitungen und
Präfixbildungen hat Lexer durch
W o r t b i l d u n g s s t r i c h e
gekennzeichnet, um die Bedeutungsbeschreibungen reduzieren zu
können. Wenn sich nämlich die Bedeutung einer Wortbildung
aus der Summe der gekennzeichneten Bestandteile ergibt, hat Lexer
in vielen Fällen keine Bedeutungserklärung mehr hinzugefügt.
Die W o r t b i l d u n g s z u s a m m e n h ä n g e
sind auch noch kenntlich gemacht dadurch, daß die Wortartikel
zu Grundwörtern von den unmittelbar anschließenden
Wortartikeln ihrer Ableitungen oder Wortbildungsvarianten am
Artikelende nur durch Semikolon statt Punkt getrennt sind.
4. Alphabetisierung. Die Hauptlemmata sind in der Regel streng alphabetisch geordnet. Im Alphabet folgen den fünf Vokalbuchstaben mehrere Unterbuchstaben in einer bestimmten Reihe:
Bei den Konsonantenbuchstaben folgt auf z (Affrikata)
als Unterbuchstabe ʒ (Spirans). Wörter, die
mit c und f (nur in Lehnwörtern) beginnen,
sind unter k bzw. v eingeordnet, nach der Fuge in
Zusammensetzungen folgt f aber auf e.
Für verschobenes p steht im Anlaut fast immer
ph, im Auslaut pf.
5. Grammatische Angaben über Wortart und Flexionsklasse folgen dem Lemma. Bei den starken Verben werden außerdem die A b l a u t r e i h e n angegeben, allerdings nach einer älteren Einteilung,15 die von der heute in der Paulschen Grammatik gebotenen16 abweicht. Es entsprechen einander:
6. Zur Indexfunktion. Um der Funktion eines alphabetischen Index zum BMZ zu genügen, wird hinter den aus dem BMZ übernommenen Lemmata und grammatischen Angaben in r u n d e n K l a m m e r n ein Hinweis auf die Stelle eingefügt, wo im BMZ das von Lexer übernommene Lemma zu finden ist. Es entsprechen einander:
In Lexers Wortartikel rise swm. (II.728b) bedeutet die Angabe in runden Klammern also, daß im BMZ, Bd. II.1, S. 728, Sp. b, der Wortartikel rise swm. zu finden ist. 7. Zum Bedeutungsteil und den übrigen Artikelteilen. An die BMZ-Referenz können zusätzliche von Lexer aufgrund seiner neuen Belege ergänzte Angaben zur Flexionsklasse treten und an diese noch ein kurzer F o r m t e i l mit morphologischen Varianten einschließlich ihrer Belegstellen. Darauf folgt nach einem Doppelpunkt, vor dem bei längeren Artikeln noch ein Bindestrich stehen kann, der B e d e u t u n g s t e i l. In Artikeln ohne Formteil beginnt unmittelbar nach der BMZ-Referenz der Bedeutungsteil mit den semantischen und syntaktischen Beschreibungen (in Kursive), den gegenüber dem BMZ berichtigten, ergänzten und vervollständigten Angaben und den neuen Kontextbelegen. Bei den Bedeutungserklärungen werden auch die belegten lateinischen Äquivalente aus Diefenbachs Glossaren angeführt. Die Belege zu den einzelnen Bedeutungen und 8. Zuwachs an neuem Wortschatz, die Nachträge.
Was Lexer an Neuem gegenüber dem BMZ bringt, bilanziert er im
Vorwort zum letzten Band:17
zu den ca. 250 im BMZ benutzten Quellen hat er noch ungefahr 470
weitere ausgewertet; mit Einschluß der Nachträge
umfaßt das Wörterbuch
circa 34.000 neue Artikel18.
Im Laufe der zehnjährigen Arbeit am Handwörterbuch wurden
rund 200 der neuen 470 Quellen erstmals herangezogen. Den Zuwachs
für die bereits abgeschlossenen Teile des Handwörterbuchs
brachte Lexer in den 1878 ausgearbeiteten Nachträgen unter.
Die in den Nachträgen im Anhang zu Bd. III zusammengestellten
neuen Artikel und die Ergänzungen zu den bereits vorhandenen
betreffen die drei Bände in unterschiedlichem Maße:
Die Nachträge sind also vor allem bei der Benutzung von
Bd. I immer heranzuziehen.
1 Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Mit Benutzung des Nachlasses von Georg Friedrich Benecke ausgearb. von Wilhelm Müller u. Friedrich Zarncke. Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1854-1866 mit einem Vorwort und einem zusammengefaßten Quellenverzeichnis von Eberhard Nellmann sowie einem alphabetischen Index von Erwin Koller, Werner Wegstein u. Norbert Richard Wolf, Stuttgart: Hirzel 1990. 2 Vgl. den Nachruf von Karl Weinhold, Matthias v. Lexer, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 25 (1893), S. 253-255; ferner Herbert Kolb, in: Neue Deutsche Biographie Bd. 14, Berlin 1985, S. 419-421; Klaus Matzel, Matthias Lexer: Leben, Werk, Bedeutung, in: Carinthia 181 (1991), S. 127-146. 3 Kärntisches Wörterbuch. Mit einem Anhange: Weihnacht-Spiele und Lieder aus Kärnten, Leipzig 1862. 4 Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis in's 16.Jh. Bd. 1-5: Bd. 1-3 Nürnberger Chroniken, Bd. 4- 5 Augsburger Chroniken, Leipzig 1862-1866. 5 Vgl. Gabriele Polster, Matthias von Lexer und die Errichtung des Seminars für deutsche Philologie an der Universität Würzburg. M.A.-Arbeit an der Philos. Fakultät II der Universität Würzburg 1987, bes. S. 52-55. 6 Vgl. Lexers Vorwort zum Mittelhochdeutschen Handwörterbuch, Bd. 1, S. V. 7 Die Daten sind festgehalten in Bd.III, Sp. 1225/6, und den Nachträgen, Sp. 405/6. 8 Matthias Lexer, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch in der Ausgabe letzter Hand. Nachdruck der 3. Auflage von 1885 mit einem Vorwort von Erwin Koller, Werner Wegstein u. Norbert Richard Wolf . Stuttgart: Hirzel 1989. 9 ebda. S. XV. 10 Deutsches Wörterbuch, Bd. 7: N. O. P. Q. Bearb. von Matthias Lexer, Leipzig 1889; Bd. 11,I,1: T - treftig. Bearb. von Matthias Lexer, Dietrich Kralik u. der Arbeitsstelle des DWb., Leipzig 1935, Sp. 1-676 von T bis zum Ende der Gruppe tölp- stammen von Lexer. 11 Ein Handwörterbuch wird im Deutschen Wörterbuch, Bd.4,2: H. I. J. Bearb. von Moriz Heyne, Leipzig 1877, Sp. 430 definiert als 'kleineres, bequem zu brauchendes wörterbuch'. 12 Im Hinblick auf diese spricht er Bd. I, S. VI, von einem »fast gar nicht untersuchten schacht« der Quellenwerke. 13 Bd. I, S. V f 14 Bd. III, S. III. 15 Vgl. die Tabelle für die starken Verba Bd.I, S. XXIX. 16 Vgl. Hermann Paul, Mittelhochdeutsche Grammatik. 23. Aufl. neu bearb. von Peter Wiehl u. Siegfried Grosse, Tübingen: Niemeyer 1989, §§ 244 ff, in den vorhergehenden Aufl. §§157 ff. 17 Bd. III, S. III. 18 Das ist etwas mehr als der überlieferte Wortschatz des Althochdeutschen, der auf 32.000 Wörter geschätzt wird; vgl. Jochen Splett, Lexikologie des Althochdeutschen, in: Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung, hrsg. von Werner Besch, Oskar Reichmann, Stefan Sonderegger, 2. Halbband, Berlin/New York 1985, S. 1029-1038. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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