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Wörterbuch der elsässischen Mundarten  
 
Geiss bis Reʰgeiss (Bd. 1, Sp. 236a bis 237a)
 
  Geiss [Kais Liebsd. bis Ingw.; Kèis M.; Kæis K. Z. Han. Betschd. Lützelstn. Wh. Hirschland; Kǽs Barr Reichstett Weyersh. Oermi.; Kás Bühl Ndrröd. Schleit.; Pl. –ə; Demin. –lə, –li O.; –l U. W.] f. 1. Ziege (dies Wort selten). ‘E Gais kriejt früej e Bart’ Pfm. II 6. ‘Es geht dir (steht dir an) wie ⁱⁿere G. e Fürtuech’ Str. Bild für schnelle Bewegung: so schnëll, gschwind aˡs e G. tritt [ùf s Prat pyùnt (s. Geisboʰn) M.] augenblicklich U.; daher der Zuruf Hopla Geis, wenn jemand, bes. ein Kind, fällt. — Für Übermut: Wënn s dr G. ze woʰl is, se schärrt si Hi. Dü., so schlëckt si Katzent. (so geʰt si uf s Is — un bricht eⁱⁿ Beiⁿ Su. Bf. Dehli.) JB. II 168. IX 95. Ihre Minderwertigkeit: e G. is e Scheiss Geberschw. Auf ihr Meckern bezüglich: er luegt schrägs wie d Geiseⁿ brüeleⁿ Steinbr.; auf ihr Salzlecken: dis schlëckt keⁱⁿ G. eⁿwëg das ist unzweifelhaft, unabänderlich. ‘Das schleckt ene kei Geis ewäg’ Lustig I 90. Mü. Mat. 5, 43. Auf den starren Blick der Verendeten: er luegt (eiⁿm aⁿ Pfast.) wie e

[Bd. 1, Sp. 236b]
gstocheni G. von Verwundeten, Betrunkenen oder Zornigen allg.; auch von Bleichen, Kranken Katzent. Wëⁿⁿ mr d G. aⁿnimmt, muess mr si auʰ hüeteⁿ ein übernommenes Geschäft muss man auch selbst durchführen Obbr. Banzenh. ‘Wer d’ Geis annimmt, soll si au hüthe’ E. Stöber Neujahrsbüchl. 1824, 21. ‘der Geiß hüten’ ein Kinderspiel Fisch. Garg. 309 CS. Mischt sich jemand in ein Gespräch, das ihn nichts angeht oder wovon er nichts versteht, so wird er zurechtgewiesen: Weis, was du seis? wënn d G. d Leiter nuf geʰt, seis: Muttl, bli hundeⁿ! Dü. ‘Gang geh d’ Geiss abinde’ pack dich fort! Mü. Mat. 47; vgl. 45. 5, 60. ‘Geiss uss de Hegh’ bei einer unerlaubten Sache Mü. Mat. 47. ‘Alte Geisse schlecke noch gern Salz Vieilles femmes ne renoncent pas à l'amour’ Mü. Mat. 40. 5, 55. Gegen schädlichen Übereifer: Mit Gwalt kaⁿⁿ mr e G. am Wadl ʰerum lüpfeⁿ Dü. Mü. Mat. 5, 54. Er is eⁿwëg wie s Diawls (Theobalds) G. er ist gestorben od. wird sicher in kurzer Zeit sterben Bf. Er derf Geiseⁿ halteⁿ ist schon im Gefängnis, Zuchthaus gewesen Str. Elsass 1896 Nr. 11. Bes. dient die Magerkeit zum Vergleich: mager wie e G. Auch Er is so mager, ass er eⁱⁿ G. zwischeⁿ deⁿ Hörnerⁿ könnt küsseⁿ Steinbr. Dehli. s. feisst Seite 152, fëtt 156. Vielleicht hierher auch der Ausruf der Verwunderung: was die G. e Fass het! Hf. 2. magere schlanke Person, bes. eine weibliche. Das is noch e G.! Roppenzw. Daher wohl die Schneider Geisseⁿ genannt nach Martin Parl. N. 792. ‘Schnider, wenn de rîdde wit, Ze saddel d'r die Gais!’ Pfirt Stöber Volksb. 28. 3. Gestell aus drei Balken zum Heben schwerer Gegenstände Str., Vorrichtung zum Laden der Fässer Rapp., zum Abstellen der Traubenbottiche Bebelnh., die gabelförmige Handhabe am Pflug, die Pflugsterze Dü. M. s. Geiz! 4. Ein solches Gestell, von einer Weide abgeschnitten, bei der drei Äste von einem Punkte ausgehn, dient zum Knabenspiel Geiss werfeⁿ. Das Gestell wird über einen Stein gestellt, der den Melkkübel darstellt; dann werfen die Knaben danach; einer hütet und muss die umgeworfene Geiss immer wieder aufstellen. Während dessen holen die andern ihre Stöcke wieder; berührt der Hüter dabei aber einen mit

[Bd. 1, Sp. 237a]
seinem Stock, so muss dieser seine Stelle einnehmen Olti. ‘Gaisuffsetzers altes Knabenspiel’ Str. Ulrich. 5. Brummkreisel Ingersh. 6. [ə Kæis ljə im Kinnespiel den Bolzen nicht weit genug hinausschlagen Hf.] — Schweiz. 2, 454. Bayer. 1, 945. Hess. 120.

Demin. Geissle, Geissl n. junge Ziege. Iʰ schnatter (zittere vor Frost) wie ⁱne jung G. Su. Zss. Geiss(eⁿ)bart, Geissbock, Geissboʰn, Geisseⁿfueter, Geisshirt, Geisseⁿkrut, –lëder, –muttl, –stall, –uter.

Bockgeiss f. Ziege mit Hörnern Bf.

Habergeiss [Hàwərkais Dü. Str. Ingw. Gundersho.; Hàwərkæis K. Z. Han.; Hàwərkèis M.; Hàwərkás Bühl Ndrröd.] f. 1. Schnepfe. ‘D'r Hawwergaiss ihr luttes G'schrei duurt nurr e kurzi Zyt’ Hirtz Ged. 223. 2. Brummkreisel. ‘und spilt mit im (Gott) der habergeiß’ Murner Mühle 36. ‘Ti schnur zu klos, tobff, hawergaisen’ Fisch. Garg. 51. ‘Do het er awwer noch an Gstunse, an Hawergaise meh Fraid ass am e Buech’ Pfm. III 1. ‘Un wie e Hawwergeis glych schnurre-n-un glych brumme’ Pfm. I 5. ‘E Kinneh — Wui! e Hawwergeiss! Es isch e kleini Freud’ E. Stöber Schk. 21. ‘ein Habergeiss (Spielzeug) une beccasse’ Martin Coll. 204. 3. beinerner Knopf, durch dessen mittleres Loch ein Hölzchen gesteckt wird, auf dem man ihn durch Drehen tanzen lässt M. Dunzenh. Ingenh. 4. grosses, hageres Mädchen Geud. Schweiz. 2, 462. Bayer. 1, 1034.

Kilpgeiss, Kilpsgeiss [Khìlpkæis Dehli.; Khelpskæis Wh.] f. Ziege ohne Hörner.

Langgeiss m. 1. Art Kreisel wie der Tupf, nur länger und schlanker Rupr.; vgl. Habergeis. 2. lange, dürre Person Co. Horbg.

Mistgeiss f. Gestell zum Aufnehmen des Tragkorbs mit Mist für die Reben Katzent.

Mockgeiss f. Schlupfwespe, Fichtenschwärmer, Ichneumon pisorius Büst.

Mordiogeiss f. in der Rda. schreieⁿ wie e M. überlaut schreien Steinbr.Schweiz. 2, 463 Mordsgeis Nachteule.

Muttelgeiss [Mùtlkais Horbg. M. Scherw. Bf.] f. Ziege ohne Hörner. Predigeⁿ, predigeⁿ M., das is alles, was iʰ weiss Horbg.Schweiz. 2, 463.

Reʰgeiss [Rékais Liebsd. Su. Str.; Riè(χ)kèis M.; Rieχkæis Su.; Rékæis K. Z.

[Bd. 1, Sp. 237b]
Han.; Rékás Bühl] f. 1. Rehkuh, junges Reh. 2. magere lange Person. 3. Eierschwamm St. Schweiz. 2, 463.