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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm  ·  · 
 
ver bis verabreichen (Bd. 25, Sp. 51 bis 59)
 
ver
veraasen, verb.
verabfolgen, verb.
verabfolgung, f.
verabhandeln, verb.
verabhandlung, f.
verabladen, verb.
verableiten, verb.
verabreden, verb.
verabredung, f.
verabreichen, verb.
verabreichung, f.
verabsäumen, verb.
verabsäumer, m.
verabsäumung, f.
verabscheuen, verb.
verabscheuenswerth, adj.
verabscheuung, f.
verabscheuungskraft, f.
verabscheuungswerth, adj.
verabscheuungswürdig, adj.
verabschieden, verb.
verabschiedung, f.
verabschossen, verb.
verabschossung, f.
verabzugen
verachäen, verb.
veracht
verächteln, verb.
verachten, verb.
verachten, n.
verächten, verb.
verächter, m.
verächter, m.
verächterin, f.
verächtig, adj.
verächtiger, m.
verachtigung, f.
verächtlich, adj.
verächtlichkeit, f.
verachtnis, f.
verachtreden, verb.
verachtsam, adj.
verachtung, f.
verächtung, f.
verachtungsrauch, m.
verachtungsvoll, adj.
verachtungswerth, adj.
verachtungswürdig, adj.
verackern, verb.
veradlichen, verb.
veräffen, verb.
verafterleihen, verb.
verafterer, m.
veraftern, verb.
verafterreden, verb.
verafterung, f.
verähnlichen, verb.
verähnlichung, f.
verähnlichungsvermögen, n.
veralcher, m.
verallgemeinen, verb.
verallgemeinern, verb.
verallgemeinerung, f.
veralten, verb.
veraltern, verb.
veralterung, f.
veraltung, f.
veränderer, m.
veränderig, adj.
veränderigkeit, f.
veränderin, f.
veränderlich, adj.
veränderlichkeit, f.
verändern, verb.
verändern
veränderung, f.
veränderungssucht, f.
verangern, verb.
verängsten, verb.
verankern, verb.
verankerung, f.
veranlagen
veranlagung, f.
veranlassen, verb.
veranlasser, m.
veranlässig, adj.
veranlassung, f.
veranschaulichen
veranschaulichung, f.
veranschlagen, verb.
veranschlagung, f.
veranstalten, verb.
veranstaltung, f.
verantwort, f.
verantworten, verb.
verantwortenlich, adj.
verantworter, m.
verantwortlich, adj.
verantwortlichkeit, f.
 ver , vorsilbe, vor nomina und verba gesetzt, niemals selbständig; neben ge die weitest verbreitete partikel.
I. form.
1) die germanischen sprachen zeigen vier verschiedene partikeln, die in form und bedeutung nahe verwandt sind: far, fir, fur, fra. den germanischen stämmen entsprechen die indogermanischen par (sanskr. parâ, griech. παρά, lat. per, litt. par, per), pur (sanskr. puras), pra (sanskr. pra, griech. πρό, lat. prôd, prae, slav. pra, pro), vgl. Fick indogerm. wb. 1, 140. diese formen scheinen auf einen stamm zurückzugehen (Grimm gramm. 2, 851), welcher die bedeutung 'vorbei, hinweg' hat und den Fick (a. a. o.) und Weber (ind. studien 2, 406) mit dem verbalstamme par (hinweggehen) zusammenstellen. wegen der ableitungen vom germanischen stamme fur ist für, vor zu vergleichen; der germanische stamm fra, goth. fra, ags. frä, altn. frâ (auch selbständig), dän. fra, schwed. fr kommt hier nicht in betracht. ins hochdeutsche scheint er keinen eingang gefunden zu haben; denn die wenigen belege, welche Grimm gramm. 2, 731 aus dem althochdeutschen aufführt: frapald, kühn, frasëʒ, rost, frasûmîc, versäumend, können auf einer erst im althochdeutschen sich vollziehenden verschiebung beruhen, die ja oft eintritt, wo liquide laute ins spiel kommen. das bei Graff 1, 530 aufgeführte ahd. frâʒ, präter. zu friʒʒu, könnte zwar aus fraaʒ, gleich goth. frêt, entstanden sein, doch ist es nur einmal als länge nachgewiesen, sonst kürze: fraʒ, vraʒ, wo ver einfach sein e ausgestoszen hat (wie bei vreischen).
2) dem gothischen fra und fair steht ahd. far (z. b. in den glossen St. Galli 913, den keronischen glossen cod. Par., St. Galli 911, den ambrosianischen hymnen) und fir (z. b. bei Otfrid, Isidorus cod. Par.) gegenüber. far, fir und die weitern entwicklungen treten vor nomina und verba. fir entspricht lautlich goth. fair, doch ist es zweifelhaft, ob wir es als unmittelbare fortsetzung aufzufassen haben, denn fir kann sehr gut aus far geschwächt sein, wie gi aus ga, ir aus ar. die geringe betonung der vorsilbe hat früh weitere schwächungen eintreten lassen, neben obigen formen steht schon ahd. for (z. b. Isidorus Wiener fragment, ev. Matthäi, Augustini sermo 76) und fur (z. b. bei Tatian neben for; vereinzelt im Hildebrandsliede, ambros. hymnen ed. Grimm 29), beides verdumpfungen aus far, doch ist nicht immer festzustellen, ob fur far oder furi vertritt. die schwächung fer, welche später allgemein wird, läszt sich vereinzelt früh nachweisen, z. b. ambros. hymnen 71, 3, in den keronischen glossen (cod. St. Galli 913, Steinmeyer-Sievers 3 ferlaucnen), im Georgsleiche, Ludwigsliede u. s. w. während ga, gi, ar, ir in denselben schriftstücken oft ohne wahl neben einander stehen, tritt bei far und den verwandten formen insoweit eine sonderung ein, dasz viele schreiber sich für eine form entscheiden, die alsdann im allgemeinen festgehalten wird. dasz aber auch in ein und demselben schriftstücke oft schwankungen in den einzelnen formen vorkommen, beweist die aufstellung bei Graff 3, 607.
3) die schwächung fer wird allgemein bei Notker und Williram und verdrängt allmählich die anderslautenden formen. auch im mhd. ist sie die herrschende, wird aber hier durchgängig mit den sonst vorkömmlichen formen der partikel mit v geschrieben. auch im mhd. finden sich die formen vir, vor, vur, doch sind sie kaum als fortsetzungen der ahd. sprechweise aufzufassen, sondern aus ver neu entwickelt. so zunächst vir. wir finden es in zahlreichen quellen, besonders in Mitteldeutschland; hier aber hält es schritt mit den vocalen der übrigen unbetonten silben, besonders der endsilben. in den mundarten, wo der unbetonte laut zu i wurde, wird auch ver zu vir. schon in verhältnismäszig alten denkmälern zeigt sich diesz (vgl. Müllenhoff-Scherer denkm. 34. 35. 36); aber dieses i ist kein klargesprochenes i, wie das der stammsilbe, sondern der gänzlich tonlose vocal, der in endung und vorsilbe auch mit jedem andern vocale könnte wiedergegeben werden, weil er eben keiner der in der schrift fixierten laute ist. dieser vocal schwankt dialektisch zwischen hellerer und dunklerer färbung und wird darnach in ersterem falle mit i wiedergegeben. bis zum ende des 15. jahrh. findet sich vir neben ver; in das nhd. fand es aber ebensowenig eingang, wie das i der unbetonten endsilben. am ende des mittelalters bürgert sich in der kursächsischen kanzlei vor, vur ein; beide formen sind auch schon in der älteren sprache belegt. für vur im mhd. bringt Weinhold bair. gramm. 235 einige belege, vor zeigt sich bei Nicolaus von Jeroschin, Johannes Rothe und ist im mnd. die gewöhnliche schreibung für ver. vor fand auch eingang in die ältern schriften Luthers, in den spätern steht ver, ebenso in der bibelausgabe

[Bd. 25, Sp. 52]
von 1545 und ver wurde im nhd. das allgemein übliche; nur die kanzlei hielt noch einige zeit vor.
4) neben der herabminderung des vocals findet auch gänzlicher ausfall statt, vergl. das oben besprochene fressen (theil 41, 132) neben mhd. verëʒʒen; mhd. vreischen aus vereischen, ahd. nicht vorkommend, die form vereischen bei Müller-Zarncke 1, 425. Lexer 3, 104 vielfach nachgewiesen; vretzen, essen machen, statt veretzen. nach th. 41, 171 gehört auch frevel = verevel hierher.
5) frühe zeigen sich verstümmelungen der partikel, das auslautende r assimiliert sich dem folgenden consonanten, so bei Otfrid fillorini; dann r spurlos abgefallen, ahd. faslant, fastrihhan, fichaufan, fichoufit (Graff 3, 608). solche formen leiten über zu denen, in welchen nur noch der anlaut geblieben, doch nur vor l nachweisbar. ahd. fliosan, flor, floran statt farliosan u. s. w. und die zusammensetzungen floranheit, flornissida, flornussi, fliosari statt farloranheit u. s. w., flâʒen, flâʒâri statt farlâʒan, farlâʒâri u. ähnl. Graff 3, 608. mhd. hat sich nur vliesen, vlos, vlorn, vlust, vlor = verliesen u. s. w. erhalten. die heutige schriftsprache hat ver festgehalten; in den mundarten ist in Mitteldeutschland der vocal fast ganz geschwunden. man würde bei strenger fixierung der laute die vorsilbe am besten vr schreiben, wiewol immer noch ein leiser vocalischer ton geblieben ist. diesz ersieht man daraus, dasz ver trotz seiner verkürzung noch eine silbe bildet und vor vocalisch anlautender hauptsilbe immer noch selbständig abgetheilt wird: fracht lautet anders als vr-achtung. — in Oberdeutschland, z. b. in gewissen bairischen gegenden wird statt ver gesprochen vo und ve (Schmeller 1, 842 Fromm.); in Ober- und Niederösterreich schwand das r, doch hat es den vocal dem a angeähnelt, wie auch sonst in dieser mundart geschieht. vollständiges auswerfen des e vor vocalischem stammauslaute zeigt sich heute nur selten, so wurde in Baiern im vorigen jahrh. vronst = vergunst gesagt (aus altem verunst Graff 1, 271 entstanden). hierher gehört auch nürnb. und windsheimisch vrecken = verrecken Frommann mundarten 6, 133, 29; im ungarischdeutschen bergdialekte vrengdern = verändern Schröer mundart d. ungarischen berglandes 240. ähnlich führt Schmeller 1, 843 Fromm. aus 'der ältern sprache' vricht = verjicht, vergicht an.
II. gebrauch und vorkommen.
1) im gothischen können wir fair nur vor verben nachweisen, fra dagegen tritt vor nomina und verba. das deutsche ver steht vor beiden wortclassen, es ist aber eine partikel, die sich vorzüglich mit verben zusammenfügt, und es macht den eindruck, als seien die nomina mit ver, meist neuere bildungen, erst neben den zusammengesetzten verben oder aus ihnen entwickelt. schwer wird nachzuweisen sein, dasz ver unmittelbar an ein nomen antrat, immer stehen verba mit ver zur seite oder sind leicht zu ergänzen, während ein einfaches substantiv neben der substantivbildung mit ver nicht immer zu finden ist. auszerdem schlieszt sich das substantiv mit ver in der bedeutung aufs engste an das zusammengesetzte zeitwort an, wenn es auch in der form dem einfachen substantive manchmal näher steht.
a) intransitiva: nhd. verlaufen, vergehen, verscheiden, versterben, verkommen, verbleiben, verblühen, verbluten, verenden, verfallen, verflieszen, verfliegen, verglühen, verrinnen, verschwinden. in der ältern sprache auch schon zahlreich, z. b. ahd. farfaran, farhloufan, farbrinnan, fargân, farwërdan; mhd. vervarn, verloufen, verbrinnen, vergân, verschînen (aufhören zu scheinen), verscheiden, verrinnen u. s. w.
b) am zahlreichsten sind die transitiva mit ver: verachten, verändern, veranlassen, veranschlagen, verbannen, verbergen, verbieten, verbinden, verblasen, verbohren, verbrennen, verbrechen, verbringen, verdauen, verderben, verdrehen, verehren, verfassen, verfehlen, vergeben, verheben, verhören, verknüpfen, verletzen, verlieren, vernehmen, verrücken, versehen, verzehren u. s. w.; in der älteren sprache: ahd. farbërgan, farbëran, fargëban, farslahan, farzeran, farblâsan; mhd. verbërgen, verbërn, vergëben, verslân, verzern, verblâsen u. s. w.
c) dasz ver sich sowol mit starken als mit schwachen verben zusammengesetzt findet, ergibt sich zur genüge aus obigen beispielen und bedarf keiner weiteren belege.
d) alle oben angeführten bildungen setzten ver mit einem einfachen zeitworte zusammen, doch gibt es auch eine nicht geringe anzahl verba, zu denen hein einfaches verbum vorhanden ist, von denen wir vielmehr annehmen, dasz sie aus nomina direct entwickelt sind. das zeitwort mit ver aus einem substantiv gebildet ist in der ältesten sprache nicht nachweisbar, doch schon im mhd. nicht abzuläugnen (Grimm gramm. 2, 859), besonders

[Bd. 25, Sp. 53]
zahlreich in der heutigen sprache: vergolden, versilbern, verblechen, verbleien, verzinnen, verbrämen, vergittern, verglasen; verbuben, verschwestern, verbürgern, vergriechen, verbritten, verketzern, vernarben, verpelzen, verpulvern, verthieren, verwaisen, verunglücken, verballhornen; mhd. veraffen, verdieben, vererbschaften, vergîseln, verkebesen, verketzerîen u. s. w.
e) ebenso finden verbalbildungen aus adjectiven statt: verarmen, verbiestern, verbittern, verblassen, verbösern, verdeutschen, verdichten, verdicken, verdünnen, versauern, versüszen, verspäten, vervielfachen, veranschaulichen, verehelichen, vereinzeln, verweltlichen u. s. w.; mhd. verlützeln, verblîden, verblœden, vereinigen, verwarlôsen, zu denen kein einfaches verbum nachgewiesen ist. zahlreiche andere zeitwörter, z. b. ahd. farbôrôn, farhartjan, mhd. verargen, verbittern, verdorren, verminnern, vervinstern, vervrevelen, verunreinen, nhd. verbessern, vermindern, vermehren u. s. w., sind zweifelhaft, da ein einfaches zeitwort daneben nachgewiesen werden kann.
2) ver vor substantiven, entweder geradezu aus den zusammengesetzten zeitwörtern oder in engstem zusammenhange mit denselben entwickelt (s. oben). aus ihrer groszen zahl heben wir nur andeutungsweise die wichtigeren bildungen hervor:
a) substantiva, welche die vorsilbe an den einfachen stamm ansetzen. diese bildung im mhd. nicht selten, gewinnt besonders im nhd. weite verbreitung: nhd. verbrauch, verhau, verkauf, verkehr, verlauf, verrath, verband, verbot, verdrusz; in älterer sprache: ahd. farwurf, mhd. verbërc, verborc, verdrieʒ, verdrinc (verdrängen), vergëʒ (vergessenheit), verwîʒ (tadel), verbunt (bund), verbot, verdruʒ, verzoc (verzug).
b) substantiva, welche ver vor ein (scheinbar) fertiges substantiv setzen: vernunft, vergunst, verstand, versatz; in der älteren sprache: ahd. farkunst (verzweiflung), farsiht (verachtung), farnumft (einsicht), mhd. vergift, vernunft, vergiht, vergunst, verdienst u. s. w. diese wörter weisen in der form auf die einfachen substantiva zurück, in der bedeutung schlieszen sie sich aufs engste den schon mit ver zusammengesetzten zeitwörtern an.
c) bei weitem die zahlreichsten substantivbildungen sind die, welche mittels fortbildungssilben das zeitwort, nach allgemeiner auffassung, weiter entwickelt haben. da das wörterbuch alle einzelformen zu besprechen hat, so bedarf es hier nur einiger andeutungen und weniger belege. substantiva auf ver mit vocalischem zusatze weitergebildet, in der alten sprache selten, sind heute, wie es scheint, gänzlich ausgestorben. desto häufiger sind die weiterbildungen mit consonantischen endungssilben: wir heben hervor in früherer zeit die wörter auf -ida, -ede, ahd. fartrostida (sicherheit), fardruchida (verdrückung), farfuorida (verführung), mhd. verendede (ende), verherde (verheerung), verkêrde (verkehrung); nhd. sind diese bildungen aus der schriftsprache geschwunden, Grimm gramm. 2, 247 führt aus nhd. quelle verhengede an. an die stelle dieser bildungen treten die wörter auf -unga, -ung, die im nhd. besonders häufig vertreten sind; ferner die auf -nissî, -nissa, -nis. sie sind schon in der alten sprache zahlreich: ahd. farjëhunga (verkündigung), fargeltunga, fardamfunga, farwâʒunga (verfluchung), mhd. verbietunge, verbindunge, verhaltunge (übele haltung), verrihtunge (ausgleichung); ahd. farlâʒannissî (entlassung), farloranissî (verlust), farrâtnissî, mhd. verbintnisse, verdæhtnisse (verdacht), verjëhnisse (aussage) und ähnl. für das nhd. bringt das wörterbuch genügende belege. neben diesen entwickelungen seien die formen auf -er wegen ihrer wichtigkeit bei der adjectivbildung erwähnt, die eine handelnde person bezeichnen. meist sind sie erst in neuer zeit entstanden: verführer, vermittler, verleger, verkündiger; doch auch schon mhd. verhœrer (examinator), verjëher (bekenner), versager (verläumder), versuocher u. ähnl.
3) ver zeigt sich nur vor abgeleiteten abjectiven; zusammensetzungen mit nicht abgeleiteten adjectiven sind äuszerst zweifelhaft. vielleicht gehören hierher ahd. frapald (Grimm gramm. 2, 732. Graff 3, 111), das nach allgemeiner annahme aus fra (= ver) + bald geworden ist; dann das adjectiv frevel, wenn die oben (theil 41, 171) aufgestellte herleitung (ver + evel, stolz) die richtige ist. unter den übrigen zahlreichen (auf abgeleitete wörter zurückgehenden) adjectiven heben wir hervor:
a) mit wirklichen ableitungssilben gebildet, wörter auf -ig und -isch: nhd. verlustig, verdächtig, verständig; in der älteren sprache: farsihtig (verachtet), farnumftig, farsûmig, mhd. verdæhtic (vorbedenkend), verdrieʒic (verdrusz erregend), vergëʒʒic (vergeszlich), vergiftic (giftig), verlustec, vernumstic (vernünftig) u. s. w. adjectiva auf -isch kommen erst im nhd. in gröszerer

[Bd. 25, Sp. 54]
zahl vor, sie sind früher oft direct aus dem verbalstamme gebildet: mhd. vertuonisch zum verbum vertuonen; nhd. verschwendisch (s. das.); heute sind die mit ver zusammengesetzten von nomina agentis hergeleitet: verschwenderisch, verbrecherisch, verläumderisch, verführerisch, verrätherisch.
b) aus der zahl der adjectiva, deren endungen ehemals selbständige wörter bildeten (bar, sam, haft, lich), heben wir die auf -lich wegen ihres häufigen vorkommens hervor. sie stehen oft neben bildungen auf ig und verdrängen dieselben oder nehmen eine etwas geänderte bedeutung an: nhd. verächtlich, verdrieszlich, vergeszlich, vernehmlich, verständlich, vertraulich, verbesserlich, verträglich u. s. w. in der älteren sprache besonders mhd. zahlreich: ahd. farkouflîh, fardamlîh, fardankitlîh (verächtlich), farholanlîh (heimlich), mhd. verdæhtlich (überlegt), verdienstlich, vergëbelich (nachsichtig), vergëʒʒenlich, vergenclich, versëhenlich (voraussichtlich), vertregelich (erträglich), verkêrlich (verkehrt), verlâʒenlich (ausgelassen), verlustlich (mit verlust verbunden), vernëmelich, verwâʒenlich (verabscheuungswert) u. s. w. auch sei erwähnt, dasz aus den participien praet. und den adjectiven durch antreten des ehemals selbständigen wortes heit sich zahlreiche substantiva mit ver bilden: nhd. verdrossenheit, verschiedenheit, verborgenheit, verlassenheit, verdrieszlichkeit, verderblichkeit, verwerflichkeit, verständigkeit; in der älteren sprache: ahd. farloranheit, farmëʒanheit, mhd. verdroʒʒenheit, verborgenheit, verlâʒenheit (ausgelassenheit), vermügelîcheit, verborgenlîcheit, vernëmelîcheit (verständnis), vernünsticheit (kunde), versinnicheit (bewusztsein) u. s. w.mit diesem überblicke sind die wichtigeren formen, in denen sich ver zeigt, erschöpft, für das weitere sind die einzelartikel nachzusehen.
III. bedeutung. die ursprüngliche indogermanische bedeutung der partikel 'fort, hinweg, ab' (s. sp. 51) hat sich auch als germanische grundbedeutung erhalten, doch hat sie in der zusammensetzung manigfache nebenbedeutungen angenommen. wir stellen hier die hauptgruppen zusammen. die bedeutung spaltet sich nach zwei richtungen, sie bezeichnet a) ein hinweggehen, hinwegschaffen vom bisherigen wege, b) ein fortgehen, fortschaffen auf dem eingeschlagenen wege bis zum vorgesteckten ziele.
1) die erstere bedeutung tritt noch klar hervor im nhd. verlaufen, vergehen, verfahren (sterben), verscheiden, verrauschen; in der älteren sprache: ahd. farloufan, farfaran, fargân, fargangan, mhd. verloufen, verfarn, vergân; in den nhd. transitiven: verblasen, verbannen, vertreiben, verwerfen, verweisen, verdrängen, vergieszen, den verblaszteren verloben, verheirathen, verkaufen u. ähnl.; ahd. farblâsan, fargioʒan, fartrîban, farjagôn, mhd. verblâsen, vergieʒen, vertrîben, verjagen u. s. w.
2) der ort, dem etwas zustrebt, wird als der falsche, unrichtige aufgefaszt, so erhält abgehen, wegschaffen vom wege eine tadelnde nebenbedeutung: nhd. verführen, verleiten, verlegen, verbiegen, verdrehen, verrenken; besonders zahlreich in den reflexiven verben: sich vergreifen, sich verlaufen, sich versteigen, sich verirren; in der älteren sprache: ahd. farirrôn (auf falschen weg kommen), farligan (eigentlich an falschem orte liegen, d. h. buhlerei treiben), mhd. vergrîfen, verlenken, sich verjagen, sich verrîten, sich vergân u. s. w. der begriff des örtlichen irregehens wird auf geistige thätigkeit übertragen: verschreiben, verdrucken, sich verrechnen, sich verlesen, sich versprechen. im mhd. findet sich diese bedeutung auch schon bei einigen dieser verba: sich verreden (falsch, unrichtig reden), sich versprëchen (falsch sprechen).
3) aus obiger sinnlicher bedeutung entwickelt sich eine abstracte: die negation. ver verkehrt den begriff des einfachen zeitwortes in das gegentheil: nhd. verwesen, verbieten, versagen, verbitten, verschwören, vergessen (s. d., gegensatz zu verlornem gessen, erreichen), verachten u. ähnl.; in der älteren sprache: ahd. farwërdan (zu nichte werden), fargëʒan, farbiotan, farkiosan (verschmähen), farsëhan (verachten), fardenkjan (den gedanken von etwas lenken), farsagên; mhd. verwërden, vergëʒʒen, verschînen (aufhören zu scheinen) u. s. w.
4) in zweiter linie hat ver die bedeutung 'fort, bis zum ende', bezeichnet also ein vorwärtsschreiten, vorwärtsbringen der im einfachen zeitworte ausgesprochenen thätigkeit auf dem eingeschlagenen wege bis zur vollendung. daraus entsteht die bedeutung voller durchführung: nhd. verblühen, verbluten, verbleiben, verbrausen, verbrennen, vertoben, verschnaufen, verblinden, vertilgen, verbrechen, versenken; in der älteren sprache: ahd. farbrinnan, fardorrên, farbluojan, farsinkan, farsenkan, fartiligôn, farsiodan; mhd. verbrinnen, verdorren, verblüejen, verbluoten, verblîben, verblinden, vertîligen, versieden u. s. w.

[Bd. 25, Sp. 55]

5) wir schlieszen hier jene wörter an, welche Grimm gramm. 2, 858 unter der bedeutung des zuthuns, zudeckens aufführt. ihre bedeutung beruht zunächst auf der verstärkung des im stamme liegenden begriffes, aus dem die anschauung des zuthuns, zudeckens, abschlieszens erst in zweiter linie folgt: nhd. verheilen, verbauen, vergraben, versperren, verzäunen, verschneien, versteinen (mit steinen bedecken), verplatten, vernähen, verriegeln, versiegeln, verkleben, verleimen, verlöten, verstopfen; in der älteren sprache: ahd. farheilan, farslahan (durch verschlag absperren); mhd. verheilen, verslahen, vergraben, versigelen, verrigelen, verkleiben, verlîmen, verlœten, verstopfen u. s. w.
6) eine andere art der steigerung des grundbegriffes zeigt sich in den wörtern verwachsen, verflechten, verklammern, verstricken, verketten, verweben, vernähen, wo wir ver als 'zusammen' auffassen; mhd. verwahsen, verstricken, verklamben (verklammern), verwëben, versiuwen (vernähen), vernæjen u. s. w.; auch jene wörter, die nur im partic. praet. erhalten sind: verhaszt, und mit activer bedeutung verbuhlt, verhurt, verliebt, verschämt finden mit Grimm gramm. 2, 859 wol am besten hier ihre stelle.
7) weiter entwickelt sich die nebenbedeutung des aufbrauchens: verarbeiten, verbacken, verbrauen, verspielen, vertrinken, verbauen, verzehren; in der älteren sprache: ahd. farzeran, farsûfan; mhd. verzern, versûfen, vertrinken, verbachen, verbûwen, verspiln u. s. w.
8) neben der bedeutung des zu ende führens entwickelt sich der begriff 'über das ziel hinaus', ver = zu viel, zu sehr: veralten (zu alt werden), verliegen, im part. verlegen (was zu lange gelegen hat), verschlafen, versalzen, versauern; zahlreiche reflexiva: sich verheben, sich verbeiszen, sich versteifen u. s. w.; in der älteren sprache: ahd. faraltên (vgl. firaltêt cariosus Graff 1, 201), farligan, dazu das partic. ferlëgener segnis Graff 2, 88; mhd. veralten, verligen, versitzen, sich vermëʒʒen, sich verslâfen u. s. w. viele der oben genannten wörter kommen aber daneben bis ins nhd. ohne diese tadelnde nebenbedeutung vor, so mhd. versiuren, versalzen (säuern, salzig werden), veralten (alt werden). näheres bei der einzelbesprechung der wörter.
9) die oben besprochene bedeutung der steigerung, die sich besonders auch bei abstractis findet, verblaszt oft gänzlich, so dasz das zusammengesetzte wort vom einfachen sich nicht mehr unterscheidet: nhd. vergeben, verdauen (neben dem bei Luther noch vorkommenden däuen), verlassen, vermeiden, verdrücken, verändern, verhehlen, verläugnen; in der älteren sprache: ahd. fargëban, fardoujan, farlâʒan, farmîdan, farfâhan, farhëljan, farlougnjan; mhd. vergëben, verdöuwen, verlâʒen, vermîden, verfâhen, verhëln, verlougenen, verandern, verendern u. s. w.
10) ver zeigt die bedeutung des veränderns, verwandelns, ein begriff, der aus 'fort, hinweg' leicht abzuleiten ist. diese bedeutung tritt vorzüglich hervor bei den verben, die aus substantiven und adjectiven hergeleitet sind. eine gröszere anzahl derselben ist oben aufgeführt, wir heben einige beispiele hervor. gewöhnlich bezeichnet das wort, dasz ein gegenstand zu dem im stamme liegenden begriffe sich umgestalte: vergîseln (zur geisel machen), verwitewen, verwittwen (zur witwe werden), verblassen (blasz werden), verweltlichen (weltlich machen). oft aber ist diese umgestaltung nur eine scheinbare und das mit ver zusammengesetzte zeitwort bedeutet nur 'eine sache dem im stamme liegenden begriffe anähnlichen': versilbern, vergolden, verzinnen, verbrüdern, vergöttern u. s. w.
11) oben ist bemerkt worden, dasz durch fortbildungssilben sich aus allen verben mit ver nomina entwickeln können und sich auch meist wirklich entwickelt haben. aber auch jene nomina, die vielleicht neben und nicht geradezu aus dem verbum entsprossen sind, nämlich die, welche ver mit dem nackten stamme, der auch dem zeitworte zu grunde liegt, verbanden, haben die bedeutung, wie sie sich im verbum ausgebildet hat, gleichmäszig im nomen entwickelt. unter ihnen treten darum die hauptbedeutungen, die wir für ver in der verbalbildung erkannten, vielfach zu tage. wir heben folgendes hervor:
a) die ursprüngliche bedeutung 'fort, hinweg' fühlen wir noch nach in nhd. verschleisz, versatz, verkauf, vertrieb; in der älteren sprache: mhd. verdrinc (verdrängung), vervluht (wegfliehen), vertrîp, verzoc, verborc u. s. w.
b) der begriff der negation: nhd. verdacht, verbot, verruf, verrath; in der älteren sprache: ahd. farwurt (untergang), mhd. verdacht, verruof, verbû, und daneben, in der form dem einfachen substantiv nahe stehend: ahd. farkunst (mistrauen), farsiht (verachtung), mhd. verbunst (misgunst) u. s. w.

[Bd. 25, Sp. 56]

c) zahlreich sind auch jene nomina, welche, verglichen mit dem wirklich vorhandenen oder leicht zu ergänzenden einfachen nomen, intensive bedeutung zeigen: nhd. verschlusz, verstosz, verbrauch, verband, verhalt; mhd. verbërc, verbunt, vergiht (verkündung), vergift (toxicum, gift); nhd. verbleib, verhau, verhack, verheisz, verkehr, vermerk, vertrag, verweis, mhd. versorc, verschaf, verdrieʒ. — dieser überblick über die bedeutungen, welche ver annimmt, möge genügen; über die weiteren ableitungen und feineren begriffsunterschiede sind die einzelnen wörter nachzusehen.
12) hier seien noch einige bemerkungen angeschlossen. in den fällen, wo das zusammengesetzte zeitwort in der bedeutung vom einfachen verschieden war, haben sich im allgemeinen beide verba ohne rücksicht auf einander entwickelt. da aber, wo das zusammengesetzte zeitwort dieselbe bedeutung wie das einfache oder eine verstärkte gewann (s. III, 9), haben die verschiedenen formen mitunter verschiedene functionen übernommen und so ist der überflusz der formen zur deutlichmachung geistiger unterschiede benutzt worden. zusammengesetzte und einfache form ergänzen sich. hier nur das wichtigste, das weitere in der besprechung der einzelnen wörter. oft ist das einfache zeitwort intransitiv, das zusammengesetzte transitiv, z. b. dagen, verdagen; folgen, verfolgen; schlafen, verschlafen. häufiger noch findet sich das einfache zeitwort in intransitiver und transitiver bedeutung, das zusammengesetzte nur in letzterer, aber das zusammengesetzte zeitwort ist für die transitive bedeutung das beliebtere, z. b. danken (das leben danken), verdanken, säumen (mhd. sûmen transitiv und intransitiv, heute intransitiv), versäumen. umgekehrt kommt auch vor: recken transitiv, verrecken mhd. noch transitiv und intransitiv, nhd. (= sterben) intransitiv; enden transitiv und intransitiv, verenden nur noch intransitiv (mhd. daneben noch transitiv). oft ist das mit ver zusammengesetzte zeitwort nur für die abstraction des begriffes im gebrauche, während das simplex noch sinnlich gebraucht wird, z. b. veranlassen, mhd. veranlâʒen nur in geistiger beziehung, anlassen vielfach sinnlich gebraucht; veranschlagen nur in abstracter bedeutung, anschlagen sinnlich und abstract. manchmal tritt der fall ein, dasz die zusammensetzung mit ver das einfache zeitwort, dem es in der bedeutung gleichkommt, gänzlich verdrängt hat. so ist derben (mhd. dërben Lexer 1, 420) durch verderben, drieszen (mhd. drieʒen Lexer 1, 462) durch verdrieszen gänzlich verdrängt. auch dauen, däuen, das noch ins nhd. hereinragt, ist heute dem zusammengesetzten verdauen gewichen. andere einfache bildungen sind im schwinden begriffen. hierher rechnen wir diejenigen, welche heute aus der umgangssprache in die dichterische verbannt sind: künden, bergen, während im täglichen deutsch verkünden, verbergen üblich ist.zum schlusse sei noch bemerkt, dasz die mit ver zusammengesetzten verba sich vielfach mit solchen auf er und zer berühren und für dieselben eintreten. es liegt diesz in der bedeutung dieser partikeln, indem der begriff 'fort, hinweg', der ver zu grunde liegt, mit der bedeutung von er (aus) und zer (auseinander) vielfach sich deckt. zer ist intensiver als ver, er wol schwächer. in der mundart zeigt sich am deutlichsten dieses schwanken; dieselbe bevorzugt im ganzen ver, im westlichen Mitteldeutschland z. b. ist zer unbekannt; in der Wetterau wird jedes hochdeutsche zer durch ver wiedergegeben. aber auch statt der schriftdeutschen composita mit er bevorzugt die mundart das stärkere ver, z. b. verkälten neben erkälten, verfrieren neben erfrieren u. s. w., schon in theil 3, 694 ist auf diesen engen zusammenhang hingewiesen worden.
13) mitunter ist ver eine schwächung der präposition vor. dasz die partikel ver hier und da auch aus älterem vor entstellt ist, ist möglich, kann aber nur selten festbestimmt werden, da neben bildungen mit vor meist auch compositionen mit ver hergehen oder wenigstens angenommen werden können. die entwicklung des ver ist daher bei den einzelnen wörtern näher zu prüfen. die präposition vor ist in einigen wortzusammenstellungen, die zu einem worte zusammenwuchsen, zu ver geworden; es trug dazu jedenfalls bei, dasz ihr durch die composition der ton verloren gieng. besonders weist das 16. und 17. jahrh. viele solcher schwankungen auf, heute ist in der schriftsprache vor wieder in seine alten rechte eingetreten; daneben gehen bildungen mit für. verbei gleich vorbei, z. b.:

ein wölklein geht ja bald verbei.
P. Gerhard 12, 54 Gödeke.

vergut haben gleich vorgut Dasyp. 68c; hab ubel vergt. 34a;

bit wölt mit mir haben vergut.
H. Sachs 1, 470 (5, 18, 12 Keller).

[Bd. 25, Sp. 57]
verhanden gleich vorhanden:

sihet stündlich, ob dann nicht
verhanden sei ihr tageliecht.
Opitz 3, 131,

daneben jedoch:

(er selbst wird) erzeigen weit und ferren,
dasz er fürhanden sei. 3, 148;

vielleicht mir auch gestanden
im weg die jüngling sein,
dasz nit was ja verhanden,
ich recht hab nommen ein.
Spee 49, 329 Balke.

verlangst gleich vorlängst, s. DWB fürlängst theil 41, 763: zu dem, weil ich verstanden, das e. e. verlangst ein büchlein ... hat auszgehen lassen. Fischart bienenk. 6b. verlieb: ich nam verlieb. Simpl. 2, 290, 13 Kurz; ich muste im pferdtstall verlieb nehmen. 24; damit solte ich auch verlieb nehmen. 2, 292, 11. verwahr: (er hat) auch solchs selbist von jme dermaszen bescheen, verwar gewust. Weimar. staats-archiv (Erfurt) 1518. weiteres unter vorgut, vorhanden u. s. w.
 
 
veraasen, verb. zum aase, d. h. zu einer für menschen und die meisten hausthiere ungenieszbaren speise machen, beschmutzen; von aasen, weiden (s. theil 1, 6) zu trennen, gehört zu aas (morticina caro); das wort, im nd. stark vertreten, stammt vielleicht dorther. aas nimmt nd. vielfach die bedeutung schmutz Schütze holst. id. 1, 8 an; aasen, eine sache schmutzig machen, aasig, schmutzig ebend. brem. wb. 1, 27. 28. 6, 5. veraasen tritt daselbst als transitiv (reflexiv) und intransitiv auf: zu aase werden Doornkaat 1, 440. Frischbier 1, 3; der mensch veraaset, verkommt immer mehr in schmutz Hennig 2. Schambach 259; sich veraasen, sich beschmutzen, sich vernachlässigen Frischbier 1, 3. vgl. verludern zu luder (= aas s. theil 6, 1232) mit ähnlichem übergang der bedeutung. ungenieszbar machen, von menschen: leider liebt die krähe einen begriff, den die mutter zornig ihrem jungen zuruft, wenn sie diesen ein weiszbrot 'von gestern' mit mürrischer miene verzehren und dabei die krümel massenweise zur erde fallen sieht: 'du veraasest ja die gute gottesgabe'. Gutzkow Serapionsbr. 1, 80. von thieren: das vieh veraaset mehr futter, als es friszt. Campe 5, 261. Heinsius d. wb. 4, 2, 1260; wenn die kühe zu viel futter erhalten, so fressen sie es nicht, sondern veraasen es.
 
 
verabfolgen, verb. übergeben, herausgeben; verstärktes abfolgen, s. theil 1, 40. beide verba mhd. nicht nachgewiesen. verabfolgen ist heute ein untheilbares wort, in älterer zeit kommt das part. verabgefolgt vor: bekennen, welchergestalt der hochgelahrte unser rath und leibmedicus ... verabgefolgte medicamenta aus der hiesigen hoff und stadtapotheke folgende posten .. empfangen. Weimar. staats-archiv (Eisenach) 1709. das verbum galt Adelung (1780) noch als 'nur im gemeinen leben gebraucht (versuch 4, 1369) und als unnötige verlängerung für abfolgen' (1, 35); diesz ist insofern richtig, als das wort in der geschäfts-(kanzlei-)sprache und nicht in der literatursprache üblich war. heute ist verabfolgen allgemeiner geworden und hat abfolgen verdrängt. am frühesten in der bindung mit lassen nachgewiesen; verabfolgen lassen schon bei Stieler 534 communicare, impertire aliquid alicui; concedere quid precibus alicui tradere repetenti, non recusare Frisch 1, 284b; er will ihm den gefangnen nicht verabfolgen lassen, captivum ei sistere recusat. Kirsch 329a; verabfolgen selbst reichlich belegt aus der kanzlei: ew. hochf. durchlaucht ist bekannt, waszgestalten .. so viel an medicamenten verabfolget worden, dasz .. Weimar. staats-archiv (Eisenach) 1720; da solchem nach zu vermuthen stehet, dasz sothane acta noch nicht in das fürstl. hauptarchiv zum beilegen verabfolget sind. (Weimar) 1773. belege aus der literatur: was für ein groszes vermögen er daheim besitze, aber es werde ihm nicht verabfolgt aus dem land. Hebel 3, 161; so kam ich mir sehr wichtig vor, als ich mit den aufsehern das verzeichnisz der verabfolgten sachen feststellte. Keller gr. Heinr. 2, 200. verabfolgen lassen: er seie gehalten, seinem weibe nicht allein ihre dotem und übrige güther verabfolgen zu lassen, sondern auch ihr die alimente zu verschaffen. Weimar. staats-arch. (Eisenach) 1685; alsz wird der pirschmeister allhier befehligt, solches gehöltze anweisen und verabfolgen zu lassen. ebend. 1720; Friedrich Schiller erbietet sich .. eine dramaturgie des Mannheimer nationaltheaters in druck zu liefern und der kurfürstlichen theatral-intendance eine bestimmte anzahl exemplarien davon verabfolgen zu lassen. Schiller hist.-krit. ausg. 3, 525.
 
 
verabfolgung, f. herausgabe, auslieferung, datio, exhibitio, remissio Stieler 534: haben wir ersehen ... woher der jehnaischen fürstin allenfalls ihre künfftige alimentation ...

[Bd. 25, Sp. 58]
verschafft werden solle, ingleichen dasz ew. ld. zu verabfolgung des zu Jehna stehenden schranckes verfügung zu thun beliebet. Weimar. staats-archiv (Gotha) 1694; der legat habe die verabfolgung meiner pferde verboten und der teufel möge wissen warum? Thümmel 5, 17.
 
 
verabhandeln, verb. vermittelst untersuchung oder beredung zum abschlusse führen. verstärktes abhandeln (s. th. 1, 54), doch nur von geistigen dingen, daher das simplex nicht in allen bedeutungen deckend. beliebtes kanzleiwort, in der literatur selten; häufiger das simplex und verhandeln in gleicher bedeutung. mhd. nicht nachgewiesen: als ist dahin verabhandelt und geschlossen worden, dasz .. Weimar. staats-arch. (Weimar) 1666; besonders in kaufbriefen, den kauf verabhandeln gleich verhandeln: nachdem nun der schultheisz Johann Adam Lautenbach zu Oberweyd dasz der kauf also verabhandelt und geschlossen worden, ad protocollum dociret ... als ist sothaner kaufcontract auf- und angenommen. (Kaltennordheim) 1755; es ist nachfolgender pachtcontract verabhandelt und beschlossen worden. 1868; das alles wurde stillschweigend verabhandelt. Musäus physiogn. reisen (1778) 3, 4; mit freund Spörtlern hatte ich nichts mehr zu verabhandeln. 4, 95.
 
 
verabhandlung, f. eingehende beredung (kanzleiwort): bei verabhandlung der fürstlichen altenburgischen succession. Weimar. staats-arch. (Weimar) 1672; wenn wir nun sothane verabhandlungen genehmigen. (Rudolstadt) 1770; die in denen hohen vorbeschieden getroffenen verabhandlungen. (Schwerin) 1796. vgl. Dief.-Wülcker wb. 1, 546.
 
 
verabladen, verb. vorladen, citieren. vermutlich westfälisches kanzleiwort (aus mitteldeutschen kanzleien mir nicht bekannt), von Möser mehrfach angewandt: wenn die fleckensdiener einen reichsfreien mann zu stadtpflichten verabladen wollen. patriot. phantas. (1820) 1, 237; wenn sie einen fürsten aus seiner burg oder einen bürger aus der stadt zu verabladen hatten. 4, 199; gläubiger verabladen.
 
 
verableiten, verb. ablenken, ableiten: er wil sich ... nicht verableiten lassen, sondern hält sich des vaterlandes und apostolischen glaubens. Butschky hd. kanzlei 44.
 
 
verabreden, verb. durch unterredung abmachen. erst aus dem vorigen jahrh. nachgewiesen: verabredete sachen, praeliminaria. Frisch 2, 99a. die bedeutung gleicht der des simplex (s. theil 1, 87), ist aber intensiver (Weigand wb. d. synon. 1, 27).
1) transitiv: zufall? sie hören ja, dasz es verabredet worden. so gut als verabredet. Lessing 2, 164; wir sorgten, die herren werden zu viel ehr im leib haben und nein sagen, und hattens schon verabredt sie zu forciren. Schiller hist.-krit. ausg. 2, 32; das war alles verabredet. Kotzebue theater (1840) 12, 222. gewöhnlich mit beifügung der personen, zwischen denen oder mit denen die abrede stattfindet: hierauf wurde noch ein und anderes zwischen mir und ihm verabredet. Felsenb. 1, 88; hiernach hatten sie auch den Tasso seit geraumer zeit unter sich verabredet, vertheilt und einstudiert. Göthe 32, 4; verabreden mit jemand: wie kein vernünftiger mensch mit seinen freunden eine zweite, dritte zusammenkunft verabredet und anberaumet, ohne zu wissen, wo und wann die erste geschehen soll. Lessing 10, 114; ich eilte nach dem wirthshause, wo ich mit Merken .. das weitere verabredete. Göthe 26, 160; er fuhr aber auf .. aus einem traum, in welchem er der unheilstifterin die stärksten dinge gesagt und mit ihrem gräflichen gatten ein pistolenduell auf tod und leben verabredet hatte. Heyse kinder d. welt2 3, 234. das object der verabredung in abhängigem satze oder infinitiv beigefügt: wann bei solcher vorgängiger conferenz gemeinsamlich verabredet werden könnte, dasz .. Weim. staats-arch. (Weimar) 1737; mit Merk war verabredet, dasz wir uns in Coblenz ... treffen wollten. Göthe 26, 177; part. praeteritum adjectivisch: bei jenem (dem schauspieler) sollten sie (die pantomimen) nur den nachdruck derselben vermehren, und durch ihre bewegungen als natürliche zeichen der dinge den verabredeten zeichen der stimme wahrheit und leben verschaffen helfen. Lessing 7, 19. daneben manchmal verabgeredet: verabgeredete schonung des wildes. Weimar. staats-archiv (Weimar) 1756. heute nur verabredet.
2) reflexiv: eine anzahl dieser letzten verabredete sich mit einander, mich zu bitten, dasz .. Wieland 35, 68; mit diesen wenigen männern verabredete sich der alte lateinische haudegen zu einem bunde. Gutzkow ritter3 6, 204.
3) verabreden, etwas in abrede stellen, abläugnen, vergl. abreden in der bedeutung abläugnen, negando suspicionem amovere

[Bd. 25, Sp. 59]
Stieler 1544; abrede, abredig (s. theil 1, 87). am angeführten orte ist verabreden gleich abläugnen aufgeführt, doch ist diese bedeutung nicht aus der literatur belegt, nur aus der kanzleisprache: so ist an incorporation dessen (des stifts Fulda) .. im mindesten nicht zu zweifeln und eben deswegen auch nicht zu verabreden, dasz dasselbe ... dem oberrheinischen creysz einverleibt worden. Weimar. staats-arch. (Fulda) 1749. mundartlich finden sich einige spuren; so wird als in Ost- und Westpreuszen üblich angeführt: der verklagte verabredet die behauptungen des klägers u. s. w. auch musz es Jac. Grimm geläufig gewesen sein, da derselbe es in dieser bedeutung theil 1, 87 aufführt und es selber anwendet (z. b. unter bereiten II theil 1, 1500).
 
 
verabredung, f. abmachung mittels unterredung.
1) handlung des verabredens: der instinkt vertrat bei sämmtlichen anwesenden hierin die stelle einer verabredung. Wieland 19, 57; ohne verabredung schien jeder von ihnen das schwere räthsel der natur .. auflösen zu wollen. Klinger 8, 15; nach dieser verabredung wurden die bücher aufgeschlagen. Göthe 17, 75; denn wenn Chrysostomus schon aus der so wenig bedeutenden disharmonie der evangelisten auf ihre glaubwürdigkeit zu schlieszen rieth, weil sie den verdacht der verabredung abwendet, so lasz ich jeden selber ermessen, wie grosz erst die glaubwürdigkeit von historikern sein mag, deren disharmonie zehnmal gröszer ist und also der argwohn der verabredung zehnmal geringer. J. Paul 18, 56. die zusammenstellung auf verabredung erhält adverbiale bedeutung: (er) wurde in der ersten tour des cotillons von allen damen der partei auf verabredung geholt. Freytag soll u. haben 1, 197.
2) das verabredete, durch abmachung festgestellte: alles andere, woran sich zu merkliche spuren gottesdienstlicher verabredungen zeigen, verdient den namen nicht. Lessing 6, 436; ein bruder .. der die ganze wohldurchdachte verabredung verdarb. Göthe 48, 39; einer von den herren erinnerte sich, dasz er noch eine verabredung für heute abend ... habe. Spielhagen ges. werke (1868) 15, 47.
 
 
verabreichen, verb. mittels reichens darbieten. noch bei Adelung (1780) nicht aufgeführt. mit abreichen gleichbedeutend (s. theil 1, 88); jedoch fühlen wir bei abreichen die sinnliche bedeutung des hinreichens noch mehr durch: es ward dem kutscher anbefohlen, den pferden fast gar nichts zu verabreichen. Tieck 20, 30; wie sie über die menge lebensmittel klagen, die sie ihm täglich verabreichen müssen. H. Heine 3, 55; leibrenten, die wir unter dem namen pensionen einer menge von männern, weibern und kindern verabreichen. 3, 84; sie muszten mit den bescheidenen hüllen vorlieb nehmen, welche die öffentliche wohlthätigkeit ihnen verabreichte. Keller sinnged. 205. — auch dieses wort scheint der kanzleisprache zu entstammen, ist wenigstens daselbst zuerst nachgewiesen, z. b.: anzutragen, dasz dem dasigen hofschmidt Salzmann fürohin von Louysenthal das zur dasigen herrschaftlichen arbeit benöthigte eisen verabreicht werden möchte. Weimar. staatsarchiv (Eisenach) 1761.