Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm  ·  · 
 
blerr bis blestlein (Bd. 2, Sp. 107 bis 109)
 
 blerr, n. morbus oculi, it. barlume, franz. berlue (Diez wb. 565), falsches oder doppeltes sehen:

der man sprach, fraw, was treuget dich?
ersichstu für ein pfaffen mich,
so hastu wol das plerr vorn augen.
Folz bei
Haupt 8, 525;

[Bd. 2, Sp. 108]

wie gfelt dir unser gnediger herr,
ich mein, er hab gehabt das blerr,
das er des hirten tochter hab gnummen.
H. Sachs I, 123d;

ach liebe fraw, wie möcht irs jehen,
hab euch mein tag vor nie gesehen,
ich mein, ir habt vorn augen das pler. II. 2, 27b;

redst im schlaf oder bist du vol?
oder hast das bler vor den augen? III. 3, 13a;

vielleicht habt ir das bler. III. 3, 39d;

'mein nachbewrin, was ist das plerr?'
'mein nachbawr Heinz, wer früh aufsteht,
und vor der morgenröt ausgeht,
dem uberzeucht der nebl sein augen,
dasz sie scharf zu sehen nicht taugen,
sonder dasz sie im zwifach wern (werden),
was er ansicht nahent und fern,
das dünket in alles zwei sein.'
'so ist warlich in augen mein
heut früe gewesen auch das plerr.' IV. 3, 13a.b.

der hier von H. Sachs gedichtete schwank über das doppeltsehen ist schon in einem mhd. gedicht (GA. 2, 265), wo nur die ursache in den genusz des krauts kerle (kerbel) gesetzt, die krankheit aber nicht bei namen genannt wird. dieser geschichte mit dem kerbel denkt auch Fischart Garg. 148a. Was nun das wort blerr oder plerr, plärr angeht, so stimmt dazu nd. blarroged, bleeroged (woneben auch flerroged, flirroged), brem. wb. 1, 95. 99 und engl. bleareyed triefäugig, blear triefäugig machen. schottisch ist blear something that obscures the sight, to blear ones ee, eines auge blenden, to blind by flattery (Jamieson 120b. suppl. 103a), der pl. bleiris, something that prevents distinctness of vision (das. 121b). schw. blira, blirra, plira, auch bliga, blänga mit den augen blinzen, verwundert schauen, dän. blire. man könnte zwar ans folgende blerren, weinen denken, weil thränende augen triefen und undeutlich sehn und Stald. 1, 378. 384 hat auch flartschen, flärtschen, flirzen von triefenden augen, doch bedeutet blerren mehr den laut; wahrscheinlicher ist ein zusammenhang mit dem ahd. plehanougi lippus, prehanougi, glaucomate laborans (Graff 1, 123), wovon auch jenes barlume und berlue ausgegangen sein mögen. für das blerr hört man heute auch die blerr: ich kriege die blerr, die augen stehn mir vor erstaunen starr, und als verwünschung: krieg die blerr! er hat die blerre, il a la berlue, blinzelt. Frisch 1, 104a. Schm. 1, 337.
 
 
blerrbüchse, f. was blerrmaul.
 
 
blerre, f. os diductum, auch flerre. Stieler 99: er schlug ihm in die flerre.
 
 
blerren , von menschen und thieren, mhd. blêren (Ben. 1, 204a), bei Stieler 98 plarren, plerren.
1) flere, was nach der lautverschiebung stimmt, schreien: was blerrst du? zu einem schreienden kind;

man schift zu inen und schlug sie tod,
der see der wart von blute rot,
jemerlich hort man sie pleren.
V. Webers lied von Murten str. 21;

und sind gleich den bleiern orgelpfeifen, die blerren und schreien fast in der kirchen. Luther 1, 74b. da ein mensch stolz, hoffertig ist, und gat har blerren, meint nieman sei sein gleich. Keisersb. s. d. m. 24b. vgl. anblerren, anblarren.
2) häufiger mugire und balare von kühen, kälbern, schafen, zumal letzteren. eine schweiz. öfnung (weisth. 1, 149) nennt 'lügunds oder blerends', brüllendes oder blökendes = rinder oder schafe; bei Serranus c 2b ist balare blerren; in der gemma gemmarum Argent. 1505 baulare, latrare, blerren;

die kelber blerren gern.
Brants Freidank 18b;

da forcht der teufel, die k wurd blerren. schimpf u. ernst cap. ...;

hörn küe und kelber blern.
H. Sachs III. 2, 152a;

sie können auch gemeinlich der thier plerren und der vögel gesenge. H. Staden p 1; so höret einer auch zu verdrusz den ganzen tag uber die hewschrecken grillen, die rappen kracken, die esel schreien, das vihe (rindvieh) plerren. Petr. 108b; wer kann den schafen das blerren abgewöhnen? ich nit. Abr. a S Clara gemisch gemasch 454. blerren, wispeln von gemsen Becher 81.
 
 
blerrmaul, n. was blerre, ein vorlauter schreihals.
 
 
blerrung, f. balatus proprie ovium. vocab. ex quo von 1469. vgl.geblerr.
 
 
bles, bleslein, s. DWB bläs, DWB bläslein.
 
 
blesche, f. ictus, schlag:

schlgen als woltens dreschen,
da zwen, da drei,
sie gaben einander bleschen,
das tuschet als das blei.
Uhland 658. wunderh. 4, 316;

[Bd. 2, Sp. 109]
nach dem zucken die pawren und schlagen einander mit guten bleschen. H. Sachs III. 3, 17d. Schmeller 1, 239 hat das verbum bleschen, blaschen, schlagen dasz es schallt, ins wasser schlagen, dasz es blescht, so dasz platschen und klatschen und die subst. platsch, klatsch ähnlich erscheinen. mit übergang des L in R mag aber bresche ganz eins mit blesche sein und nicht aus dem franz. breche, it. breccia zu erklären, welche eine lücke, keinen schlag bedeuten. eine derbe presche geben. Schelmufsky 1, 56; drum dachte ich, du willst lieber die preschen einstecken. 2, 4; gab ihm unversehens eine solche presche wieder, dasz ihm das helle feuer flugs zun augen heraussprang. 2, 20. zu bresche läszt sich wiederum bratsch! halten, was einen fallenden schlag ausdrückt.
 
 
bleschen, s. das vorige und bletschen.
 
 
blestig, inflans corpus, blähend: nit geben weder mandel noch kein ander frucht, die blestig oder dumpfig ist. Braunschweig 34. s. blästig.
 
 
blestlein, n. flatus, hauch: nicht ein blestlin mag dardurch gon. Keisersb. s. d. m. 14b.