Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm  ·  · 
 
gottmensch bis gottschänderisch (Bd. 8, Sp. 1398 bis 1401)
 
gottmensch, m.
gottmenschheit, f.
gottmenschlein, n.
gottmenschlich, adj.
gottmenschlichkeit, f.
gottnatur, f.
gottorf, m.
gottsam, adj.
gottschänder, m.
gottschänderei, f.
gottschänderisch, adj.
gottschändig, adj.
gottschauer, m.
gottsche, f.
gottschelten, vb.
gottschelter, m.
gottscheltung, f.
gottschöpfer, m.
gottseibeiuns, m.
gottseibeiuns, n.
gottselig, adj.
gottseligkeit, f.
gottseligkeitslehre, f.
gottseligkeitsübung, f.
gottseligkeitswissenschaft, f.
gottseliglich, adv.
gottsucher, m.
gottvater, m.
gottvaterhut
gottväterlich, adj.  u.  adv.
gottverdammt, part.  adj.
gottverflucht
gottvergessen, part.  adj.
gottvergessenheit, f.
gottvergesser, m.
gottvergesz, m.,  n.,  f.
gottverhaszt, part.
gottverlassen, adj.  u.  adv.
gottverlassenheit, f.
gottverlassung, f.
gottverlaszmichnicht, m.
gottverlobt, part.  adj.
gottverloren, part.  adj.
gottvermählt, adj.
gottversöhner, m.
gottversprich, adv.
gottvertrauen, n.
gottvertraut, part.  adj.
gottvoll, adj.
gottwärts, adv.
gottweise, adj.
gottwerdung, f.
gottwillkommen, adj.
götze, m.
götzenkerl
götzenmann
götzenmutter
götzenochse
götzentier
götzenungeheuer
götzenkrempel
götzenschwarm
götzenzeug
götzengebilde
götzengestalt
götzenpuppe
götzenstatue
götzenfratze
götzengesicht
götzenhaupt
götzenausspruch
götzensprache
götzenspruch
götzenstimme
götzenburg
götzengebäu
götzengewölbe
götzenhalle
götzenhöhle
götzenhügel
götzenhütte
götzenkäfig
götzenkapelle
götzenschrank
götzensitz
götzenstift
götzenturm
götzenort
götzeneiche
götzenfeuer
götzengepränge
götzenprunk
götzensäule
götzenspeise
götzenstein
götzenwagen
götzenwasser
götzeneifer
götzengötzeneifrig
götzenfromm
 gottmensch, m. , als appositionelle verbindung zweier substantiva in der form des kopulativkompositums, vgl. Henzen wortbildung 39; 53; 83. schon mhd. und gelegentlich älternhd. bezeugt, häufig erst seit der mitte des 18. jhs.; in der umgekehrten wortfolge menschgott (s. d.), auch menschengott (s. d.) ungebräuchlicher. mit anderer bildungsweise und bedeutung gottesmensch (s. d.).
1) als entsprechung des kirchensprachlichen θεάνθρωπος, θέανδρος in unmittelbarer oder mittelbarer beziehung auf Christus, gemäsz der dogmatischen lehre von den zwei naturen Christi.
a) am häufigsten als prägnante benennung Christi, und so wohl schon in der ältesten bezeugung, wenn das wort hier als dat. sing. verstanden werden darf: daz er ouch selbe uns menschen hie en erde lêrte sînen willen mit sîner menscheit, diu nâch der gotheit alsô gänzlîchen geordent ist an aller heilekeit, als iz zimlich ist gotmenschen in einer persôn vereinet David v. Augsburg in: dt. myst. 1, 326 Pfeiffer. vgl. in getrennter schreibung:

sieh, der bejac (gewinn)
wart ir nach deme gruze:
got mensche, der vil suze Daniel 1616 Hübner.

neben dem dogmatischen akzent liegt auf dem wort der des gewichtig-feierlichen, so namentlich in und seit Klopstok s Messias:

und der gottmensch schaute dem hohen Seraph ins antlitz s. w. (1854) 1, 176; 197 u. ö.;

da geht im glanz, den engel nur tragen,
der gottmensch aus dem grabmal
Wieland w. 6, 96 Hempel;

der gottmensch schlieszt der höllen pforten
Göthe I 37, 9 W

für den benennenden charakter des wortes spricht die auffallend häufige verwendung unflektierter formen im dat. u. acc. sg.; sie geht über das beim simplex mensch (s. d. sp. 2021 unten) übliche weit hinaus:

auch ihnen hast du den gottmensch,
deinen erhabnen messias, gesandt. so wirst du nicht richten
Klopstock s. w. (1854) 1, 167; ebenso 173; 197;

Bodmer der Noah (1752) 342; was uns in den gesängen des Messias für den gottmensch mit heiliger bewunderung einnimmt Sturz schr. (1779) 1, 226. ebenso die häufige anrede: du zweiglein Isai ... gottmensch, Immanuel, wie wunderbar sind doch dein amt, person und nahme Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 373;

wer kann dir, gottmensch, widerstehn?
J. A. Schlegel verm. ged. (1787) 1, 136;

ja, dich, du heiliger gottmensch, haben sie auch getödtet! rief der mann zum kreuzbilde auf Rosegger schr. (1895) I 13, 9.
b) daneben' in appositioneller oder prädikativer bestimmung: eyn mensch sol eyn gtliche inbildunge von dem lieplichen menschen Jesu Christo leren haben als von dem gotts sune und von got-mensch und mensch-got Seuse dt. schr. 526 Bihlm.; Christus der gottmensch ein gott seye Dannhawer catech.-milch (1657) 5, 683; wo sich nur gelegenheit darbot, zeugte er vom gottmenschen Christus Jung-Stilling s. schr. (1835) 2, 232. in einer den gattungsbegriff gottmensch voraussetzenden anwendung: so bald er (der herr) aber kommen vnd gottmensch worden ist Hedio Tertullian, v. d. gedult (1546) c 4a;

Seraph, ich (gott) steig hinunter, gott den messias zu richten,
welcher zwischen mich und das menschengeschlecht sich gestellt hat,
dasteht, gottmensch ist und mein ganzes gericht erwartet
Klopstock s. w. (1854) 1, 164.

[Bd. 8, Sp. 1399]
so namentlich in der verbindung mit dem unbestimmten artikel: die zwote person von diesem eindreifaltigen ... gotte ... war ... gott und mensch zugleich, ... ein menschgott, oder gottmensch und hiesz Jesus von Nazareth, der gesalbte M. Mendelssohn ges. schr. (1843) 3, 161; das blut, das ihn erlöste, und aus dem pfuhle des verderbens zog, (war) nicht das opferblut eines vermeintlichen gottmenschen (Christi), sondern sein eigenes D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 9, 223.
2) als religionsgeschichtlicher begriff in verschiedenartigem zusammenhang, auszerhalb der christlichen anwendung, aber in gewisser entsprechung zu ihr: Tensio Dai Dsin ... fieng hierauf die dynastie der fünf halbgötter oder gottmenschen an Zimmermann v. d. nationalstolze (1758) 258; und ich, sprach der gottmensch Dewanahuscha oder Deonausch, ich bin der weltherrscher Dionysius J. H. Voss antisymb. (1824) 2, 244; ein urvolk kann sich den urmenschen nur in der fülle menschlicher hoheit denken und hochbegabt vor allen nachkommen. und darum verehrten urvölker gar oft den als eins geglaubten urmenschen und volksvater und vergöttern ihn zum gottmenschen Fr. L. Jahn w. 2, 505 Euler; so dasz er (Herakles) als gottmensch zwischen sie (die menschheit) und die götter trat Welcker alte denkmäler (1849) 3, 109. ohne spezifische anwendung, als reiner gattungsbegriff der religionskunde: er (Kanne) hat ein buch über den gottmenschen fertig Görres ges. br. (1858) 2, 348; angestrebt wird die idee des gottmenschen in mehreren religionen, da sie die beiden pole der gottanschauung (unendlichkeit im endlichen) verbindet Beth religion u. magie (1927) 329.
3) seltener als auszeichnende benennung des menschen, in mehr oder weniger willkürlicher bestimmung. vereinzelt für den frommen, gottgemäsz lebenden menschen: dasz also der mensch ... hie auff erden ein gantzer vollkommener gottmensch, von innen und aussen ohne mängel sey Jac. Böhme apologia wid. Esaias Stiefel (1682) 90. mystisch gefärbt: alles, was gott in sich selber ist, das ist auch die (ihrer 'selbheit' abgestorbene) kreatur in ihrer begierde in ihm, ein gottengel und ein gottmensch, gott alles in allem, und auszer ihm nichts mehr Jac. Böhme s. w. 4, 452 Schiebler. in religiös unbestimmterer, mehr idealisierender bezeichnung eines besonderen menschentyps: es giebt pflanzenmenschen, thiermenschen und gottmenschen ... werden auf pflanzenmenschen, auf thiermenschen endlich gottmenschen kommen? Jean Paul w. 7-10, 338 H.; vgl. dazu Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 218; 348. auf den inneren menschen eingeschränkt: wiewol doch der menschgott auf der höhe immer einen gottmenschen und gott selber in seinem innern hat Jean Paul w. 32-36, 30 H. auch von einer groszen geschichtlichen persönlichkeit, in rein profanem sinne:

nie zum gesang auf foderte so vorstrahlend ein gottmensch (wie Napoleon)
Baggesen poet. w. (1836) 2, 98.

ungewöhnlich für den menschen überhaupt als ein gottähnliches wesen: die erde ist nicht blosz erdkörper, sondern weltkörper, daher der mensch nicht blosz erdmensch, sondern gottmensch A. Jung charaktere (1848) 1, 152. —
 
 
gottmenschheit, f., abstraktbildung zum vorigen. entsprechend gottmensch 1: eben das war der zweck und knote seines (Christi) irdischen lebens, um in gehorsam, geduld und mitgefühl unsrer schwachheiten geübt zu werden, und denn richter und vorsprecher seyn zu können auf dem throne der gottmenschheit Herder 10, 383 S.; Schleiermacher rettet ... die gottmenschheit Christi durch den begriff der urbildlichkeit Fr. Th. Vischer altes u. neues (1881) 3, 276. auf den menschen angewandt, vgl. DWB gottmensch 3: menschenähnliche gottheit —gottmenschheit ... o ein solches angesicht laszt mir noch begegnen Lavater phys. fragm. (1775) 3, 243. —
 
 
gottmenschlein, n., diminutiv zu gottmensch (s. d. 1), von dem Christuskind:

du siehst beraitt, wie sie sich foller demuht naigen,
und dem gottmännschlein da recht künigs-ehr erzaigen
Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch (1647) 28.

[Bd. 8, Sp. 1400]

 
 
gottmenschlich, adj., meist in der beziehung auf person und werk Christi, s. DWB gottmensch 1: und wird also ... actio theandrica, ein gottmenschliches, und menschgöttliches werck Dannhawer catech.-milch (1657) 5, 734; denke ... an den groszen mitler, der dir diese welt als ein verdienst seiner gottmenschlichen hoheit zur unverfluchten wohnung ausgekauft hat br., die neueste litt. betr. 19 (1764) 121; die eine lehre setzte auseinander, dasz Christus 'der menschgewordene sohn gottes' gewesen sei, dessen die in sünde verfallene menschheit bedurfte; die andere entwickelte, was er in dieser gottmenschlichen persönlichkeit für uns gethan habe und noch thue D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 3, 3; 'wachet mit mir' — Adrian mochte im werke (dr. Fausti weheklag) wohl das wort gottmenschlicher not ins einsam mannlichere und stolze, in das 'schlafet ruhig und laszt euch nichts anfechten' seines Faustus wenden Th. Mann Faustus (1948) 776. soviel wie 'gottähnlich, gottgleich', entsprechend gottmensch 3: auch der grosze mann musz mensch bleiben, selbst wenn er gottmenschliche thaten gethan hat Fr. L. Jahn w. 1, 285 Euler.
 
 
gottmenschlichkeit, f., was gottmenschheit. als attribut Christi: allein der gottmenschlichkeit Jesu gegenüber sind die grenzen aufgehoben und in ihm findet nicht nur die einzelne seele erfüllung, sondern zugleich die bindung und vereinigung mit allen gleich ihr auf Christus bezogenen Ina Seidel Lennacker (1938) 755. in die menschliche sphäre übertragen: diese schriftler (die lieblinge des massenpublikums) ... wagen gottmenschlichkeit zu beschreiben, so in selbssüchtiger tierheit nur das eigene liebe ich lieben Fr. L. Jahn w. 1, 247 Euler.
 
 
gottnatur, f. , auch gottesnatur, sofern das erste wortglied determinierende funktion hat.
1) auf natur und art persönlicher wesen bezogen. so namentlich für die göttliche natur Christi:

hat, wenn die menschheit dich mit schrecken übereilt,
dir deine gottnatur nicht wieder kraft ertheilt? (von Christus)
Andr. Scultetus (1642) bei
Lessing 11, 197 L.-M.;

er (Christus) war könig des gesammten unsichtbaren reichs gottes, wie ers nach seiner gottesnatur von ewigkeit gewesen Herder 7, 449 S. von einer auszerchristlichen gottheit:

und ruhte sie (Kore) verhüllt in düstre schleier,
vom rauch umwirbelt acherontischer feuer,
die gottnatur enthüllt sich zum gewinn:
nach höchster schönheit musz die jungfrau streben,
Sicilien verleiht ihr götterleben
Göthe I 3, 130 W.

das göttliche im menschen umschreibend: ermüde nicht, leser (der physiogn. fragmente Lavaters)! es wird eine herrliche ausbeute, das lesen der gottesnatur im menschenantlitz Herder 9, 443 S.
2) von der welt als der schöpfung gottes, vgl. DWB gotteswelt 3: die ganze natur ihr brautbett: die hohen cedern, das webende laub, die dichte grüne unsterbliche cypresse ... ihr bräute jugendlicher freude lacht euch nicht also die ganze gottesnatur mit hoffnung, mit fröhlichem, neuem, ahnendem leben? Herder 8, 601 S.;

dort aber an den holden küsten
blickt lächelnd in den lichtazur
die zeit, ein kind noch an den brüsten
der unentweihten gottnatur
H. Lingg ged. (1854) 95 Geibel.

mit religiös schwächerem ton, etwa wie gotteswelt 2: ihm wirds in der ganzen weiten gottesnatur zu enge Engel schr. (1801) 2, 273.
3) in philosophisch-pantheistischem sinne für den in gott als der natur, in der natur als gott ruhenden urgrund des seins; in dieser bedeutung als kopulativkompositum zu fassen:

was kann der mensch im leben mehr gewinnen,
als dasz sich gott-natur ihm offenbare?
wie sie das feste läszt zu geist verrinnen.
wie sie das geisterzeugte fest bewahre
Göthe I 3, 94 W.;

[Bd. 8, Sp. 1401]
von den scholastischen begriffen benutzt Bruno zunächst diejenigen der essentia und existentia, des wesens und der erscheinungen, um das verhältnisz der all-einen gottnatur zu den einzelnen dingen begreiflich zu machen Windelband gesch. d. neueren philos. (21899) 1, 74.
 
 
gottorf, m., vereinzelt als nebenform zu gutturf, vgl. s. v. gutter 5, teil 4, 1, 6, 1482: bombylius ein angster, ein gluckglasz, ein gottorff, kutteruf, kutterolf Corvinus fons lat. (1646) 113.
 
 
gottsam, adj., auch gottssam, eine nur für Eberlin v. Günzburg nachweisbare bildung im sinne von 'fromm': das teütsche christen geneigt sind den todten behilfflich sein, gefalt mir also wol, das ich begr yn allen predigen ernstliche vermanung geschehen z solicher gotsamer früntschafft Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 69 ndr.; vgl. 2, 122; keyn gotzsam mensch ebda 2, 73.
 
 
gottschänder, m.,
 
 
-schänderei, f.,
 
 
-schänderisch, adj.,