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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm  ·  · 
 
galm bis galmen (Bd. 4, Sp. 1199 bis 1202)
 
 galm, m. dunst, gestank, ein merkwürdiges wort.
1) oberd. nur in Kärnten galm dunst, übler geruch, rauch, qualm Lexer 107. dann nd. galm und gelm, alles durchdringender gestank, modergeruch Schambach 59a, ferner auf nrh. boden: aach. galm hauch, atem, warmer dunst überhaupt Müller u. Weitz 62, luxemb. dunst, qualm Gangler 162, flämisch in Limburg Schuermans 137b.
2) dazu galmen, kärnt. 'qualmen', nd. stinken Schambach, osnabr. von starkem, widerlichem geruch und geschmack, z. b. he galmet ut dem halse, der knoblauch galmet Strodtmann 65, in Aachen galme hauchen, dampfen, fläm. het galmt. dann, zugleich zu gelm unter 1 stimmend, braunschw. gelmern duften, stark riechen Brem. wb. 2, 497, waldeck. gälmern übel schmecken, gälmerig ranzig (wie gälstrig) Curtze 465a.

[Bd. 4, Sp. 1200]

3) die verbreitung verbürgt ihm hohes alter.
a) an einheit mit dem vorigen galm liesze wol die beiderseitige doppelform galm und gelm denken, auch das zusammentreffen von galmen dunsten und schallen z. b. in Osnabrück (Strodtmann 65); schall und dunst werden uns ja beide vom lufthauche zugetragen, der in dän. galm selber so benannt ist (s. b). man wird beide galm zeitweise und hie und da wirklich so verwandt gefühlt haben. möglicherweise schon in mhd. zeit:

diu lewen tôt ir kint gebirt,
von des vater galme eʒ lebende wirt. Freidank 136, 18 (2. ausg. s. 252),

denn z. b. Wolfram Parz. 738, 19 ff. Wh. 40, 4 ff. verstand zwar unter diesem galm das gebrüll des löwen (auch Megenb. 143, 12), aber es ist urspr. im physiologus der anhauch des löwen der die belebung bewirkt, s. fundgr. 1, 18, W. Grimm Freid. s. lxxxiv, und in Aachen ist galm auch atem.
b) ganz nahe liegt nun dän. dial. galm, starker windhauch Molbech dial. lex. 153, schwed. aber gallblst m. kalter, andringender wind, auch gallväder n., adj. n. gall-kallt, kalt wehend Rietz 228b. das führt aber auf engl. gale kühler starker wind, schott. auch gall-wind, vgl. altn. gæla, gèla f. wind Egilsson 232a, sonst gola f., gol n. (vgl. 5, 2569), worin ein nordischer stamm g-l wehen erkennbar ist, der in galm auch bei uns wol mitwirkend gewesen sein könnte.
c) aber wie durch den anklang unter a galm schall doch nicht von gëllen weggezogen werden kann, so reicht der unter b nicht aus, um den begriff des üblen geruchs und geschmacks zu erklären. dafür aber bietet sich ein anderer, dritter stamm gal, der in galsterig ranzig auftritt und weiteren anhalt rückwärts in garstig findet. s. dort, zunächst aber auch folg.
 
 
galm, m. noch anders, und doch gleichfalls sich berührend: wem ein onmacht zustoszet ... weisz er nit wie im gschicht, er schlummert ein und ist im wie er in einem galm oder traum leg. Agricola sprichw. nr. 381 in der erkl., galm halbbewuszter zustand. dasselbe ist wol schon folg. später mhd. galm:

so gar on straffen (tadel)
ist si beschaffen,
dacht im der knab in schlafes twalm,
sein denk (gedanken) die schwebten allenthalm,
sein herz das lag in schaches galm,
da er das bild (im herzen) also an schaut. Hätzl. 29a,

schâch vielleicht als kriegsbild (s. mhd. wb. 22, 61b), von einer 'niederlage' die einer eben erlebt, etwa im turnier, schâches galm die halbe betäubung beim unterliegen (man übersehe nicht das ligen in ..), denn ebenso ist ja das matt vom schachmatt auf das körpergefühl übergegangen, doch wol nicht im schachspiele selber. schâch ist hier gleich mhd. schâch mat.
Diesem galm entspricht nun noch jetzt md. kalm (s. DWB kalmen), eig. aber qualm, z. b. Günther 267 (s. u. DWB klagpsalm, Weinh. schles. wb. 74a, Schm. 2, 402), wie noch bei Leipzig qualmen gleich kalmen. qualm aber ist aus mhd. twalm geworden (s. DWB dolm), wie quark aus twarc, quer aus twerch, quirl aus twirl. Anderseits ist qualm dampf nichts als eben jenes qualm, twalm betäubung, von der empfindung auf das was sie erzeugt übertragen. so kommt der verdacht, dasz auch das ganze vorige galm samt Agricolas galm nichts als diesz qualm, twalm sei. dem schâches galm entspricht völlig folg. twalm beim schâch:

swâ diu driu (herz, blick, liebe) vröuwent sich, dâ kumt der minnen schâch
in twalmes vart (art und weise),
den drin wils an gesigen.
Frauenlob spr. 312,

die minne als kämpferin und siegerin, wie dort, s. auch 2, 1230.
Allein aus qualm konnte zwar kalm werden (s. z. b. unter kalmen, kilt, kommen), aber nicht galm. und dasz derselbe dichter, wie oben, twalm und galm als zwei formen eines wortes neben einander brauchen sollte, ist nicht wol denkbar, obwol solche tw-formen später wirklich als unerkannte doppelgänger in der sprache umgehn, z. b. qualm und dolm (beide bei H. Sachs), quirl und dorl (vgl. firlchen). Ich glaube, kalm gleich qualm betäubung hat sich an das vorige galm angelehnt, vielleicht unter mitwirkung von dem gal- von bethörung sp. 1181 unten. so haben da drei worte, von verschiedenen seiten kommend, hie und da fühlung gesucht in form und inhalt, wie z. b. auch qualm betäubung sicher nicht ohne berührung blieb mit dem ihm fremden quälen, qual.
 
 
galmei, m. , früher f., ein zinkerz, woraus der zink gewonnen wird, auch zur bereitung des messings gebraucht; man unterscheidet jetzt edlen galmei, zinkspat, und kieselgalmei, zinkglaserz.

[Bd. 4, Sp. 1201]

1,
a) galmey, aber als fem. bei Henisch 1340, wie noch bei Schottel 1322, Rädlein 318b, beim ersten mit der erklärung: 'galmeyflug, weisz nichts, tüppel, terra cadmea, nihil metallorum admixtum habens, pulvis nihili, nil album, tucia, pompholix, wird aus Westphalen gebracht'. Frisch 1, 315a mit wechselndem geschlechte: gegrabene galmey, lapis aerosus, oder calaminaris, cadmia fossilis, vulg. cobalium (vgl. DWB kobalt 2); weiszer galmey, tutia Alexandrina; auch ofengalmey, galmeyischer ofenbruch, cadmia fornacum, hängt im rohofen aufwerts, vgl. Junius nom. 286b, mit angabe gelehrter quellen (cobaltum vocant Germani).
b) bei Junius tritt der eigenthümliche alchymistische, wie oft dichterisch anklingende name nil album, pulvis nihili auch schon deutsch auf (das weisz nichts bei Henisch, vgl. hüttennichts, Adelung u. galmeiflug), unter pompholyx: aeris et cadmiae favilla .. per aerem evolat .. unde et nil album et nihili officinis (bei den alchymisten) .. dictum fuisse auguror, ut et a Germanis nichtes. unde natam suspicor paroemiam ex voce ancipiti nichtes ist in die aughen gut (das gh vom holl. setzer). das erinnert an ein auge voll 1, 791, nicht ein aug voll, gar nichts Gotthelf 4, 291. 13, 197, schon mhd.:

dén gewin (was er da gewinnt)
trüege er hin ze Meinze in sînen (var. einem) ougen.
Neidhart 41, 20, vgl. Tit. 3813.


c) auch die gallmey, cadmea, nil album, pompholyx, tucia Stieler 596, M. Kramer 1787, gallmei Aler 834a, es bezeugt die betonung gállmei, während Adelung und ff. wieder galméi ansetzen. er hat auch zuerst blosz der galmey, wol durch einflusz von stein, galmeistein. doch schon im Chemnitzer bergw. lex. 1743 229a: 'gallmey oder gallmeystein ... in denen brennöfen und schmelzhütten .. setzet sich eine saubere dem gallmey .. nicht ungleiche materie an, welche die materialisten auch gallmey nennen. er wird auch aus den alten halden genommen, maszen die alten solchen nicht zu brauchen gewust' (wie kobalt).
2,
a) früher aber kalmei, lapis kalminaris. voc. th. 1482 p 8b, calmei Agricola (s. Weigand 1, 387), und noch im 17. 18. jh. einzeln: calmey, cadmia M. Krämer teutsch-it. wb. 312a, Denzler 2, 71a, kalmey Rädlein 522a. nl. bei Kilian kalmen-steen, klemmer-steen, lapis calaminaris, jetzt kalamijnsteen, während dän. gleichfalls galmei, galmeie, schwed. galmeja.
b) aber auch im 15. jh. schon galmei, und als masc.: überkomung (des pfalzgrafen) mit Conrat Mürer .. von des galmeys wegen, vom jahre 1474, Mones zeitschr. 1, 44. darin: so myn gn. h. einen schacht sacken liesz uf den galmey. dazwischen aber einmal als fem.: der selb C. M. soll mynem gn. h. zwei hundert tonnen guter und luter galmey gewinnen.
3) Henisch 1332 gibt auch gadmey, ungeschmelzt erz, cobald, cadmia fossilis, schwarz gadmei. das ist das lat. cadmīa, d. i. gr. καδμεία (doch auch cadmĭa, καδμία), worin doch Cadmus stecken musz, deutsch gemacht, und auch DWB galmei, kalmei musz daraus geworden sein, wie schon Wachter 519 ansetzte und wie man es nach Henischs angabe noch im 17. jahrh. fühlte; daher auch das fem. (zu dem g- für roman. c- s. DWB G 5, b). Das l für d tritt auch in lapis calaminaris (nicht antik) auf, franz. calamine neben cadmie, span. calamina, ital. calamina, gellamina (Rädlein 522a) und mag roman. ursprung haben unter irgend welcher anlehnung an andere begriffe; vgl. Diez 1, 99, auch die kunterbunte manigfaltigkeit der mlat. formen bei Dief. 87b.
 
 
galmeiblumen, pl. calamitae. Nemnich 1, 750, s. das folg.
 
 
galmeiflug, m. 'ein weiszer wollichter körper, welcher von dem gallmeye in offenem feuer in die höhe steiget, und auch galmeyblumen, almey, DWB weiszer nicht genannt wird'. Adelung, vgl. Henisch u. galmei 1, a, zu nicht das. 1, b; in dem almey wird blosze alchymistische spielerei stecken.
 
 
galmeiisch, adj. zu galmei, s. d. 1, a Frisch.
 
 
galmeikupfer, n. gelb kupfer, messing. Ludwig 1089, vgl. DWB kupfer II, 1, e.
 
 
galmeisalbe, f. aus galmei bereitete salbe, gegen stoszwunden, s. K. Schiller zum meklenb. thier- u. kräuterb. 3, 17b (umgedeutscht gälen mai-sâlw).
 
 
galmeistein, m. cadmia fossilis, lapis calaminaris Stieler 2139, s. unter galmei 1, c.
 
 
galmen, gelmen, verbum zu dem ersten galm.
1) galmen, laut schallen Schottel, Stieler (s. 2), gebraucht z. b. von Zesen zur erklärung von nachtigal, die in der nacht galmt (Gervinus nat.-lit. 3, 276), wirklich ist es bair. Schm. 2, 39, mit beleg: und schlagt die eiserne thür (in der felswand) zu, dasz es galmt hat. beschreibung des Untersbergs; oberpf. prahlen das. (wie mhd. schallen). auch östr. Castelli 136, kärnt. auch

[Bd. 4, Sp. 1202]
widerhallen Lexer 107. Ebenso nd. schallen Schmidt west. id. 64, in Osnabrück et galmet na, gibt ein echo Strodtmann 65. nl. 'galmen, galm geven, resonare' Kil., noch in vollem gebrauche, auch trans. z. b. Gods lof galmen, laut singen.*)
2) unsicher ob zu galm oder gelm gehörig bei Schottel 1322, daher bei Stieler 597 gelmen neben galmen, resonare cum strepitu, nach Schottels anführung zu urtheilen vielleicht nd.; doch auch tirol. gelmen laut rufen, schreien Schöpf 184.
3) eine weiterbildung gelmaitzen schreien in der krain. sprachinsel Gottschee Schröer 91, kärnt. göllmazn von schreiendem weinen der kinder Lexer 112, tirol. gelmezer m. wehruf Schöpf 184.
 
 
galmen, dunsten u. ä., s. das zweite galm (auch siebenb. glm qualm Haltrich plan 30a).