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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm  ·  · 
 
zergen bis zergliederkunst (Bd. 31, Sp. 690 bis 692)
 
zergen, verb.
zergeln
zerger, m.
zergdirne, f.
zergerben, verb.
zergieszen, verb.
zerglauben, verb.
zergleiten, verb.
zergliedern, verb.
zergliederer, m.
zergliederkunst, f.
zergliederung, f.
zergliederungskunde, f.
zergliederungskunst, f.
zergliederungsmesser, n.
zergliederungssucht, f.
zergraben, verb.
zergrageln, verb.
zergrämen, refl.
zergrätschen, verb.
zergreifen, verb.
zergreiten, verb.
zergreten, verb.
zergrickeln
zergrübeln, verb.
zergrusen, verb.
zerhacken, verb.
zerhadern, verb.
zerhäkeln, verb.
zerhämmern
zerhärmen, verb.
zerhauchen, verb.
zerhauen, verb.
zerhauung, f.
zerheben, verb.
zerhecheln, verb.
zerheien
zerhellen, verb.
zerherzen, verb.
zerhudeln, verb.
zerhudern, verb.
zerhuren, verb.
zerimonie
zerjagen, verb.
zerjäten, verb.
zerkämpfen, verb.
zerkarbatschen, verb.
zerkauen
zerkeien
zerkeilen, verb.
zerkeinen, verb.
zerkeltern, verb.
zerkerben, verb.
zerketzern, verb.
zerkiefeln, verb.
zerkiefen, verb.
zerkitzeln, verb.
zerklaffen, verb.
zerklecken, verb.
zerkleinen, verb.
zerkleinern, verb.
zerkleinerung, f.
zerklemmen, verb.
zerkleuben
zerklicken
zerklieben, verb.
zerklirren, verb.
zerklitschen, verb.
zerklöben
zerklopfen, verb.
zerklüften, verb.
zerknacken, verb.
zerknautschen, verb.
zerkneifen, verb.
zerkneipen, verb.
zerknellen, verb.
zerkneten, verb.
zerknetschen, verb.
zerknicken, verb.
zerknillen
zerknirschen, verb.
zerknirscher, m.
zerknirschtheit, f.
zerknirschung, f.
zerknirtschen, verb.
zerknischen, verb.
zerknischung, f.
zerknisten, verb.
zerknistern, verb.
zerknitschen, verb.
zerknitschung, f.
zerknittern, verb.
zerknöchen, verb.
zerknüffeln, verb.
zerknüllen, verb.
zerknürschen
zerknüschen, verb.
zerknütschen
zerkochen, verb.
zerkrachen, verb.
 zergen, verb., thiere, nam. gefährliche, und menschen zum zorn reizen, necken, quälen, plagen; ein westgerm. wort (ae. tyrgan, tergan, ne. tarry [s. u.]; mnd., nnd. tergen, targen; mnld., nnld. tergen; erst aus dem mnd. sind entlehnt dän. terge, norw. terga, schwed. targa), welches einem germ. *targjan entspricht und sich zu russ. dergat reiszen, zerren und lett. dragaht reizen stellt; eine ableitung aus der germ. wurzel *ter- in zehren (s. sp. 466), deren bedeutung reiszen, zerren auch noch für z. bestanden hat, wie auszer der nichtgerm. (russ.) parallele das schwed. lehnwort targa 'mit den zähnen oder einem schneidenden werkzeug in etwas zerren' und einige deutsche ortsmdaa. (tarjen zerren, ziehen Damköhler Nordharz. wb. 192a; zerchen ziehen, ein geschäft oder die rede hinziehen, den mund verziehen, mürrisch weinen [daneben die bedeutung necken] Hertel Thür. 263), falls hier nicht beeinflussung durch zerren vorliegt, erweisen; im übrigen gilt im deutschen nur die eingeengte bedeutung reizen. heute hauptsächlich in Nord- und Mitteldeutschland als ausdruck der mda. und niederen umgangssprache heimisch, war z. früher auch, wie der gegenwärtige dialektgeographische befund lehrt, dem obd. eigen, vgl. die belege für theile des Elsasz (zerchen zanken, necken Martin-L. 2, 913b), für das bair. Schwaben (zerchen streiten H. Fischer 6, 1134) und ausschlaggebend für die beharrsame Steiermark (z. im lande herumstreichen, vagabundieren Unger-Kh. 648b; das zerggen [vagabundiren] Rosegger schr. 13, 351; mit einem geläufigen bedeutungswandel, der in ähnlicher art im ne. tarry zögern eingetreten ist). für obd. vorkommen spricht auch die entlehnung in die mda. von Pistoja (Toscana) als zerigare belästigen, s. Meyer-Lübke rom. et. wb. 734a. grund des rückganges ist der wettbewerb des gleichbedeutenden zerren (s.zerren); dieser hat z. auch im ostmd., nam. in Obersachsen, und in Nordniedersachsen (s. die angaben bei zerren) zurückgedrängt, wobei noch z. th. rein lautlicher übergang von z. in zerren infolge schwundes des -g- in frage kommen kann; hierfür spricht der umstand, dasz Richey id. hamb. 305 zu targen vermerkt, dasz es tarren ausgesprochen werde, und wol auch das nebeneinander von targen und tarren im brem. wb. 5, 26, sowie von zarrjen und zarren in Nassau (s. u.), während für die mark Brandenburg zweifellos diese doppelheit (tärgen, tärren Danneil 221b, zerjen, zerjeln Brendicke 195a, zerjeln, -ern mittelere Mark, aber zarren Neumark) ursprünglich ist. unangefochten gilt z. im westlichen Mitteldeutschland (bis Mansfeld: zärjen Jecht 127a), in West- und Ostfalen (aber für Osnabrück vermerkt Strodtmann 242 nur tarren, terren), in Ostfriesland (targen ten Doornkaat-K. 3, 394b), in West- und Ostpreuszen (zargen, zergen, targen Frischbier 2, 487b) und den baltischen ländern (z. Sallmann 35b). -g- hat sich zu -ch- gewandelt noch in der Pfalz und in theilen Thüringens, -e- hat den a-klang auszer in den angeführten nd. gegenden in Nassau (zarren, zarrjen Kehrein volksspr. 1, 451; Schmidt westerw. 336) und in theilen Ostfalens (tarjen Damköhler Nordharz. wb. 192a; terjen, selten tarjen Schambach 229a) angenommen. wbb.: zergin confligere Diefenbach n. gl. 107b; terghen irritare 222b; der wieder (widder) stoszet, wen er geterget wirt nomencl. lat.-germ. (Hamburg 1634) 171; das zerren, z., gezerre, gezerge irritatio, instinctus, impulsus Stieler 2316; Kramer teutsch-it. 2, 1444b; Frisch 2, 472b; Adelung2 4, 1687 (läszt es nur als nd. gelten); Heynatz antibarb. 2, 665; Campe 5, 842b. literarische belege: jo men de hunde meer terget unde se sleyt, yo se vuriger unde quader werden quelle bei Schiller-L. 4, 534b; vulle lude, gecken unde kinder sal men nicht tergen Tunnicius sprw. nr. 1296; weil die exarchi die longobardische knige stets zergeten und zu krieg und unrhu verursachten E. Menius chron. Carionis (1562) 2, 227a; Joannes Chrysostomus in seinen commentariis ... zerget zum oftermalen die, so da sagen ... J. de Acosta America (1605) 1; ich weus ... sehr wohl, dasz

[Bd. 31, Sp. 691]
kein ... mnsch das glck versuchen und zrgen sol Zesen Ibrahim 2, 313; hat seine gemahlin ... gezercht Elisab. Charl. v. Orleans br. 1, 44 M.; v. Fleming jäg. 83; Coler hausb. 450; ped. schulfuchs 222; rda.: dat es de mule tergen das ist zu wenig zum satt werden Woeste-Nörrenberg 270b. —
 
 
zergeln, -ern sind gleichbedeutende formen der mark Brandenburg (im Teltow terjeln auch ein geschwür reizen) und Ostpreuszens (-eln Lemcke volksth. in Ostpr. 1, 189); anderer herkunft ist wol zergern rauchen und zerger rauchtabak Ostwald rinnsteinspr. 170. —
 
 
zerger, m.: z., zerrer vexator, exagitator Stieler 2316; Kramer teutsch-it. 2, 1445a; -a- Kehrein 1, 451 (auch adj. zargerig); Schmidt westerw. 336; terjer Schambach 229a; targer ten Doornkaat-K. 3, 394b; -ei, f., neckerei, fopperei: die zergerreyen seindt zu nicht nutz, geben nur erbitterung Elisab. Charl. v. Orleans br. 4, 258 H.; Th. Mundt spazierg. 108; terjeri Schambach 229b; Danneil 221b; Doornkaat-K. 3, 394b. —
 
 
zergdirne, f., fahrende dirne: Unger-Kh. 648b; du zerggdirn (vagabundin)! Rosegger schr. I 6, 42; -hund, m., herrenloser hund: Unger-Kh. 648b.
 
 
zergerben, verb., durch vieles gerben unbrauchbar machen; gew. übertr. für kräftig prügeln und die haut zerschlagen:

ich wil die haut dir so zugerbn,
dein sterck ist nicht viel bei uns werbn
A. Pape Jonas rhythm. (1605) D 4a;

Spee trutznacht. (1649) 250; im niederen stil noch möglich; von Campe 5, 842b verzeichnet.
 
 
zergieszen, verb., auseinandergieszen: zicozzaner ward diffusus est Graff 4, 285; ags. tógéotan; früh bildlich für seelische vorgänge, so sîn gemüete zegiezen 'den strom eines gefühls in canäle auseinanderleiten (und dadurch schwächen)' Trist. 19 455; ferner von der mystischen vereinigung: du zergúszest dich in der sel wesen Seuse d. schr. 174 B., wofür gewöhnlicher ergieszen auftritt; zertheilen, ausgieszen, refl. sich auflösen: so ist ... die erbsnde eine erbliche verderbung ... unserer natur, so in alle theil der seelen ... zergossen und zerflossen ist Calvin inst. christ. relig. 157;

dasz ich mich fast fr groszer pein
in thrnen wil zergieszen
Chph. Runge bei
Fischer-T. ev. kirchenl. 3, 466;

Werfel spiegelmensch 19; schmelzen, einschmelzen: z. resolvere al. hinflussig machen Diefenbach 494c; das alles hat er im feür z. und schmeltzen lassen H. Boner Herodian (1532) 58b; die in knöpfe zergossenen silberbarren Jean Paul unsichtb. loge 3, 161; H. Fischer; Campe.
 
 
zerglauben, verb., nur refl. wie sich zerarbeiten, um glauben ringen, sich um glauben quälen, abmühen: ja, wen Christus esset deus, qui daret pecunias et divicias, o wie wolden wyr uns zugleuben, wen er die keller, boden, kasten fullet! Luther 34, 2, 27 W.; das beispiel von Zinzendorf teutsche ged. (1766) 363 s. unter zerklauben. —
 
 
zergleiten, verb., auseinander gleiten, zerfallen:

teglîdit gruoni wang Heliand 4285;

erde: 4456 (cit. zergehn 2 a); Schiller-L. 4, 564a; seele: meist. Eckhart in paradis. anime intellig. 41 Str.; entgleiten:

und bange,
dasz ich mir solchen herbsttag reif und jung,
einmal zerglitten, niemals wieder lange
Fr. Gundolf blätt. f. d. kunst (1910) 95. —

zerglieden, verb., zerlegen, zerschneiden, zertheilen; spätmhd. zergliden für älteres zerliden (s. zerlieden): z. dimembrare Diefenbach n. gl. 135b;

ich wolt ez (das pferd) zegliden als ein huon gesamtabenteuer 1, 117 v. d. Hagen;

zweitracht, die das reich zergliedet
S. Birken Teutonia (1652) 28.


 
 
zergliedern, verb., noch nicht mhd., 1) eig. a) einen thierischen körper in seine glieder oder bestandtheile zerlegen, zertheilen, zerschneiden: Stieler 670; zunächst von der folter, hinrichtung, einem gemetzel:

bringt schwefel, pech, laszt ihn zergliedern und verbrennen
Lohenstein Agrippina 281;

[Bd. 31, Sp. 692]
auch: wre zu besorgen, dasz sie (die kamele) mit den hindern fszen ausglitschen und sich z. (die gliedmaszen ausrenken) mchten H. Wiederhold beschr. d. sechs reis. (1681) 1, 52a; einen braten vorschneiden, zerlegen, tranchieren: das trenchiren oder ordentliche vorlegen und zugliedern der speisen v. Fleming sold. 29; Frisch 1, 355b; Castelli s. w. 10, 53; veraltet; anatomisch zerlegen, secieren: ein artzneyverstndiger hat dieser meerwunder zwey zergliedert J. Prätorius anthrop. 2, 93; Göthe 25, 91; IV 15, 96 W.; u. a.; noch üblich; den sonnenstrahl: Triller poet. betr. 4, 56; b) gegenstände, gebilde: das zergliederte ... schiff Schnabel ins. Fels. 453 U.; diese geschenke (kreuz, handschuh, strohhut) zergliedert, verloren oder verschleudert deutsche sag. 1, 65; anschaulich und schön: als ... das land in viel theile zergliedert L. Kroniger lorbeerkranz (1690) 2, 124; vgl.: Rom ist wie die schpfung ein ganzes wunder, das sich allmhlich in neue wunder zergliedert Jean Paul Tit. 4, 80; wörter lautlich, verse metrisch zerlegen: die zergliederten wrter S. v. Birken forts. d. Pegnitzschäf. 88; seine eigene sprache ... alphabetisch ... z. Peschel völkerkde 515; die lngeren (versarten) fodern z-de einschnitte J. H. Vosz zeitmessg 241; 2) übertr. verstandesmäszig oder ästhetisch einen satz, begriff oder ein kunstwerk in seine theile zerlegen und so das ganze in seinen theilen untersuchen und erklären: z-de lehrart methodus analytica Zedler 61, 1643; die beweise der geometrie ... z. Chr. Wolf vern. ged. 4; jenen begriff ... z. Kant 3, 34 ak. ausg.; der z-de verstand W. v. Humboldt 1, 295 ak. ausg.; zergliederte alle theile der groszen unternehmung Schiller 4, 164 G.; lieder ..., in welchen er ... die schönheit seines mädchens ... zergliedert Lessing 9, 128 M.; weiter gebräuchlich; veraltet gliedern: ein zergliedertes schauspiel ist eine kette verbundener vorfälle, von welcher jeder auftritt ein glied ist Gerstenberg rec. 128, 102 litdkm.; einen einfachen musikalischen satz erweitern und ausführen: schicken sich aber 4 oder 6 solche springende noten alle in den accord der ersten note, welchen sie gleichsam zergliedert in einen arpeggio darlegen, so haben sie alle zusammen nur einen accord Heinichen generalbasz 301; 3) durchhecheln: zu welchem behuf einige nachbarstöchter zergliedert wurden O. Ludwig ges. schr. 2, 337. —
 
 
zergliederer, m., 1) anatom: zergliderer sector membrorum, anatomicus Stieler 670; Blancard arzneiw. wb. 1, 107a; Adelung2 4, 1688; Campe 5, 842b; das messer des z-s Herder 17, 226 S.; Göthe II 8, 264 W.; Schiller 2, 59 G.; Brehm thierleb. 3, 245 P.-L.; jetzt leider durch das fremdwort anatom verdrängt; 2) zu zergliedern 2: der z. der menschlichen vernunft Kant 3, 36 ak. ausg.; z. deiner freuden Göthe 1, 62 W.; kritiker: die empfindung nimmt den verfasser gegen den kalten z. in schutz Sonnenfels ges. schr. 6, 181. —
 
 
zergliederkunst, f., anatomie: die z. an den drren suen gelernet wird Harsdörfer geschichtsspieg. (1654) 109; Kramer teutsch-it. 1, 538a; Gottsched sprachk. 139; Göthe 34, 130 W.; veraltet; s. DWB zergliederungskunst. —