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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm  ·  · 
 
empfindlich bis empfindungsbezeugung (Bd. 3, Sp. 430 bis 433)
 
 empfindlich, adv. sensibiliter.
1) fühlbar, merkbar: daraus werden rechte Christen, die Christum erkennen und empfindlich schmecken. Luther 1, 81b;

ein kus, es ist wol wahr, von schön und kleinen munden
thut oft empfindlich wol.
Günther 445;

des Cleons spanisch rohr, der rächer seiner ehre,
gab einem lästerer empfindlich unterricht.
Hagedorn 1, 94;

an den colossalischen köpfen ist dieser schwung noch deutlicher gezogen und empfindlicher angegeben. Winkelmann 4, 203; meine freunde können mir niemals empfindlicher schmeicheln, als wenn sie meinem alten vater in seiner schlechten kleidung eben die achtung bezeigen, die man einem angesehenen greise von stande schuldig ist. Rabener 3, 283; von meiner kindheit an konnte man mir nicht empfindlicher schmeicheln, als wenn man mich im scherze kleines fräulein hiesz. 3, 332;

sie scherzt empfindlich und doch fein.
Lessing 1, 75.


2) gereizt, bitter, acerbe: er antwortete empfindlich.
 
 
empfindlichkeit, f. sensus. Maaler 102a. mhd. wb. 3, 319b.
1) wahrnehmbarkeit: durch das angesicht wird die gegenwertigkeit in der schrift bedeutet oder die empfindlichkeit eines dings. Luther 1, 26b; auch wirt die erkentnus der verdampten eigentlich nit ein glaub genennet, sonder es ist ein erfarenheit und empfintlichkeit der pein. Melanchth. 1 Cor. 12;

dises leids empfindlichkeit zu singen.
Weckherlin 603.


2) gefühl, empfänglichkeit, zärtliche empfindung: du empfindest das, dasz du mer liebe hast in deinem herzen und dein herz me berürt etwan ein hündlin, oder ein öpfel oder ein ander clain ding. wann aber ein semliche empfintlichkeit gegen got wer, so werest du dester besser. Keisersberg omeis 75c; als wir lesen, was ein junkfraw, die auf ein zeit in irem gebet was, und on iren anschlag und fürnemen kam ein semliche inbrunst und liebe in der empfintlichkeit zu got, das ir das herz zersprang. 75d; was bistu für eine art von menschen, dasz du keine empfindlichkeit der liebe durch so fröhlichen gesang bekommest. pers. rosenth. 2, 24; es stehet nun bei ew. maj., was die gesamten anverwandten vor eine empfindlichkeit aus diesem todesfalle tragen (welche gefühle sie an den tag legen) sollen. Weise freim. redner 595; eine

[Bd. 3, Sp. 431]
glückliche empfindlichkeit entwickelte frühzeitig alle kräfte seiner seele. Wieland 7, 151; seine zuneigung, seine empfindlichkeit breitet sich über die ganze natur aus. 13, 129; da ich meinen adel in der empfindlichkeit meines herzens suche. J. E. Schlegel 5, 229; der einfall vergnügte unsern witz, aber die ausführung des einfalls empört unsere ganze empfindlichkeit (unser gefühl). Lessing 7, 161. 'ohne empfindlichkeit liegen' heiszt bei Ettner unw. doct. 224 ohne lebenszeichen, ohne empfindung, wie wir heute sagen.
3) wieder übergehend in reizbarkeit: auch derjenige, dem allbereit die hitze vergangen und die empfindlichkeit abgeleget, hätte durch ihre gesellschaft müssen zur liebe wieder angezündet werden. pers. rosenthal 2, 28; hier kamen mir jene übungen gut zu statten, durch die ich meine empfindlichkeit abzustumpfen versucht hatte, ich konnte der (chirurgischen) operation beiwohnen. Göthe 25, 299.
 
 
empfindling, m. was empfindler: der nicht, wie viele unserer heutigen empfindlinge, mit verzerrtem weinerlich aussehn sollenden gesichte, achselzuckend und ein fruchtloses lamentabile intonierend da stand, sondern stracks bereit war kräftige hülfe zu leisten. Siegfr. von Lindenb. 4, 200.
 
 
empfindlos, ohne empfindung. Rädlein 236b.
 
 
empfindnis, f. sensus, empfindung: so es in der seiten stech, so musz es in der lungen sein, so die empfindnus lege in den regionibus der lebern, so musz (citat abhanden); darumb auch die lerer sagen, die theologei sei mer ein erfarung und empfindnus, dann ein kunst. Frank parad. 142b; götzen oder bilder die kein empfindnus habend, sensu cassa simulacra. Maaler 102a; sie erstaunte darüber, dasz ihr (in dem jetzt wieder gelesenen buche) so viel bilder belebt, so viel klagen herzrührend, so viel empfindnisse aus der seele herausgezogen zu sein schienen, über die sie vorher weggelesen hatte. Nicolai Seb. Noth. 1, 196; welche gattung von empfindnissen ich werde wählen müssen ... zorn? sorge? gram? furcht? Schiller 113a; es ist aber dergestalt geordnet, dasz der mangel an sprachen, verbindungen und bekanntschaften u. s. w. so vielerlei hindernisse sind, unsre empfindnisse auszer unsrer sphäre mitzutheilen, dasz sie oft eine völlige unmöglichkeit ausmachen. Yoriks empfinds. reise 1, 20.
 
 
empfindsam, mollis, facile molliores sensus concipiens, zum erstenmal gebraucht von Bode, der in der vorrede zu Yoricks empfindsamer reise (1768) erzählt, dasz Lessing es ihm als übersetzung von sentimental empfohlen habe. Lessings eigne worte ebendaselbst lauten: 'es kömmt darauf an, wort durch wort zu übersetzen, nicht eines durch mehrere zu umschreiben. bemerken sie sodann dasz sentimental ein neues wort ist. war es Sterne erlaubt sich ein neues wort zu bilden, so musz es eben darum auch seinem übersetzer erlaubt sein. die Engländer hatten gar kein adjectivum von sentiment, wir haben von empfindung mehr als eines, empfindlich, empfindbar, empfindungsreich, aber diese sagen alle etwas anders. wagen sie empfindsam! wenn eine mühsame reise eine reise heiszt, bei der viel mühe ist, so kann ja auch eine empfindsame reise eine reise heiszen, bei der viel empfindung war, ich will nicht sagen, dasz sie die analogie ganz auf ihrer seite haben dürften. aber was die leser vors erste bei dem worte noch nicht denken, mögen sie sich nach und nach dabei zu denken gewöhnen'. die Franzosen haben sentimental aus dem engl. übernommen, nnl. sagt man sentimenteel, schw. känslosam, isl. tilfinningasamr, beides nach unserm empfindsam, das sich schnell einführte und von Adelung (1774) aufgenommen wurde: edle handlungen, mit welchen unsere empfindsamen schriften so viel um sich werfen. Kant 4, 279; das weib ist empfindlich, der mann empfindsam. 10, 345; die mühe, die sie (die eltern) anwenden, die ihrigen gegen das glück eines guten namens empfindsam zu machen, damit sie alles was demselben schädlich ist, sorgfältig vermeiden mögen. Gellerts leben von J. A. Cramer (1774) s. 8; sein gegen seine freunde so empfindsames herz. s. 93; die süszen träume von bessern welten, in welche sich empfindsame seelen so gerne zu wiegen pflegen. Wieland 1, 274 (Agathon nach ausg. 2 von 1773); die spiele der empfindsamen jugend. Götz ged. 2, 118;

auf das empfindsame volk hab ich nie was gehalten.
Göthe 1, 402;

der empfindsamste mann von allen männern. 14, 18; mein prinz ist von so zärtlichen, äuszerst empfindsamen nerven. 14, 18; die vorzüglichsten glückseligkeiten empfindsamer seelen. 14, 21; alle manieren einer sich empfindsam zierenden fräulein.

[Bd. 3, Sp. 432]
16, 255; suchte wenigstens seine tafel von der empfindsamen würze frei zu halten. 26, 184; der erste zum bedürfnis empfindsame mensch. 39, 342; er hatte sich mit einem zärtlichen, frommen, empfindsamen, aber dabei kränklichen mädchen verlobt. Stillings wanderschaft s. 111; so war er doch kein empfindsamer bote. s. 14; unsere lieben unmündigen und mancher mündige haben sich so herzlich in das wort empfindsam verliebt, dasz sies mit empfindend, welches sich zu jenem wie subject zum object verhält, verwechseln, dasz sie von empfindsamen seelen schwatzen wie sprachkundige leute von empfindsamen begebenheiten. Siegfr. von Lindenb. 4, 231; die fürstin hatte das empfindsame gesicht mit der reisekleidung weggelegt. J. P. Hesp. 2, 44; das kann ich nicht von dir leiden, dasz du die nächte verschreibst und nicht verschläfst, das macht dich melancholisch und empfindsam. Bettine br. 1, 53; ich hab grad keinen empfindsamen respect vor der natur. 1, 58.
 
 
empfindsamkeit, f. so wie die rechte seite vor der linken den vortheil der bewegkraft hat, so hat die linke ihn vor der rechten in ansehung der empfindsamkeit. Kant 3, 119; empfindsamkeit ist ein vermögen oder eine stärke, den zustand sowol der lust als der unlust zuzulassen, oder auch vom gemüthe abzuhalten. dagegen ist empfindelei eine schwäche. 10, 255; die empfindungsfähigkeit aus stärke (sensibilitas sthenica) kann man zarte empfindsamkeit, die aus schwäche des subjects dem eindringen der sinneneinflüsse nicht hinreichend widerstehen zu können, zärtliche empfindsamkeit nennen. 10, 159; in dingen, die eine geübte empfindsamkeit erfordern. Wieland 13, 245; triumph der empfindsamkeit. Göthe 14, wo das wort öfter, s. 57 empfindsamkeiten vorkommt; und seine kräfte in tugend, wolthätigkeit, empfindsamkeit zerflieszen. 33, 29; da mag sie (die kunst) aus rauher wildheit oder gebildeter empfindsamkeit geboren werden, sie ist ganz und lebendig. 39, 349; du scheinst jetzo zufriedner mit dir zu sein, wolklang, wie du warst, als du dich deines verlustes, nur nicht mit empfindsamkeit, erinnertest. Klopstock gramm. gespr. 101; meine hypochondrische empfindsamkeit geht sehr weit. Lichtenberg 7, 310.
 
 
empfindsamkeitskrankheit, f. als der dichter den Werther geschrieben, um sich wenigstens persönlich von der damals herschenden empfindsamkeitskrankheit zu befreien. Göthe 45, 318.
 
 
empfindselig: der persiflierende kältling trägt nur den umgekehrten mangel des empfindseligen zur schau. J. P. aesth. 1, 171.
 
 
empfindung, f. sensus, steht zwar schon bei Stieler 484, nicht bei Henisch, ist aber doch erst in der zweiten hälfte des vorigen jh. recht in gang gekommen und von gefühl wie empfinden von fühlen zu unterscheiden, in empfindung liegt etwas geistiges, was dem sinnlichen gefühl abgeht, die empfindung ist subjectiver, das gefühl objectiver; oft aber sind beide wörter gleichviel. er liegt da ohne empfindung, hat keine empfindung mehr; die empfindung des lichts, des schmerzes; eine stärkere empfindung verdunkelt die geringere; er ist voll lebhafter empfindungen, kann seine empfindungen nicht verbergen; es ist eine angenehme, unangenehme empfindung; er spricht, liest mit empfindung;

mir gab die natur empfindung zur tugend,
aber mächtiger war, die sie zur liebe mir gab.
Klopstock 1, 26;

das homerische κατὰ φρένα καὶ κατὰ θυμόν hat Voss verdeutscht

in des herzens geist und empfindung. Il. 1, 193. 4, 163. 5, 677 u. s. w.;

alle thorheiten dieser abgeschmackten gecken auszustehen, welche die sprache der empfindung reden wollen und nichts fühlen. Wieland 1, 183; unsre heiligen empfindungen. Göthe 14, 18; die zärtlichste empfindung in einer laube. 14, 19; der mann, dessen liebe ganz in geistigen empfindungen schwebt. 14, 63; von der feinsten empfindung, dem schärfsten witze. 16, 13; ich sasz ganz in mahlerische empfindung vertieft. 16, 19; noch nie war meine empfindung an der natur voller und inniger. 16, 57; die empfindungen die mein herz bestürmen. 16, 81; welch eine himmlische empfindung ist es seinem herzen zu folgen. 20, 99; sie sprach gut und wuste dem was sie sagte durch empfindung immer bedeutung zu geben. 26, 185; diese empfindung läszt sich nicht beschreiben. Stillings wanderschaft 74; er versank ganz von empfindung. s. 125; vater,

[Bd. 3, Sp. 433]
ihre gnade entflammt meine ganze empfindung. Schiller 187b; welche sprache wirst du jetzt führen, empfindung? auch coquetten sinken in ohnmacht. 201a; das fräulein war schön und zur empfindung geschaffen. 701b; die härte, womit man jetzt und immer gegen die protestanten verfahren, habe schon längst seine empfindung empört. 848a; die wirkung eines gegenstandes auf die vorstellungsfähigkeit, sofern wir von demselben afficiert werden, ist empfindung. Kant 2, 59; wenn eine bestimmung des gefühls der lust oder unlust empfindung genannt wird, so bedeutet dieser ausdruck etwas ganz anderes als wenn ich die vorstellung einer sache (durch die sinne) nenne. denn im letzteren falle wird die vorstellung auf das object, im ersteren aber lediglich auf das subject bezogen und dient zu gar keinem erkenntnisse. 7, 47; die empfindung der eigenen unwürdigkeit. 8, 222; die abgeleitete beziehung heiszt empfindung, gleichsam insichfindung. nur das fremdartige wird gefunden, das ursprünglich im ich gesetzte ist immer da. Fichte grundlinien 349; keine leute sind eingebildeter als die beschreiber ihrer empfindungen. Lichtenberg 1, 164; unsere höchsten empfindungen sind gleich den paradiesvögeln, die sich selten mehr vom boden erheben, so bald sie auf ihn gesunken sind. J. P. jubels. 28.
 
 
empfindungsbezeugung, f. unsre dramatischen dichter und romanschreiber erzählen uns nichts als empfindungsbezeugungen. Lichtenberg.