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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm  ·  · 
 
veracht bis verachtigung (Bd. 25, Sp. 62 bis 65)
 
veracht
verächteln, verb.
verachten, verb.
verachten, n.
verächten, verb.
verächter, m.
verächter, m.
verächterin, f.
verächtig, adj.
verächtiger, m.
verachtigung, f.
verächtlich, adj.
verächtlichkeit, f.
verachtnis, f.
verachtreden, verb.
verachtsam, adj.
verachtung, f.
verächtung, f.
verachtungsrauch, m.
verachtungsvoll, adj.
verachtungswerth, adj.
verachtungswürdig, adj.
verackern, verb.
veradlichen, verb.
veräffen, verb.
verafterleihen, verb.
verafterer, m.
veraftern, verb.
verafterreden, verb.
verafterung, f.
verähnlichen, verb.
verähnlichung, f.
verähnlichungsvermögen, n.
veralcher, m.
verallgemeinen, verb.
verallgemeinern, verb.
verallgemeinerung, f.
veralten, verb.
veraltern, verb.
veralterung, f.
veraltung, f.
veränderer, m.
veränderig, adj.
veränderigkeit, f.
veränderin, f.
veränderlich, adj.
veränderlichkeit, f.
verändern, verb.
verändern
veränderung, f.
veränderungssucht, f.
verangern, verb.
verängsten, verb.
verankern, verb.
verankerung, f.
veranlagen
veranlagung, f.
veranlassen, verb.
veranlasser, m.
veranlässig, adj.
veranlassung, f.
veranschaulichen
veranschaulichung, f.
veranschlagen, verb.
veranschlagung, f.
veranstalten, verb.
veranstaltung, f.
verantwort, f.
verantworten, verb.
verantwortenlich, adj.
verantworter, m.
verantwortlich, adj.
verantwortlichkeit, f.
verantwortung, f.
verarbeite, f.
verarbeiten, verb.
verarbeiten, n.
verarbeiter, m.
verarbeitung, f.
verargen, verb.
verärgern, verb.
verärgernis, f.
verärgerung, f.
verargung, f.
verargwöhnen, verb.
verargwöhnung, f.
verarmen, verb.
verarmung, f.
verarrestieren, verb.
verarrestierung, f.
verarten, verb.
verarzeneien, verb.
verarznen, verb.
verarzten, verb.
veraschen, verb.
veräschern, verb.
veräscherung, f.
veräsen, verb.
verästeln, verb.
verästelung, f.
 veracht, verachtung. mhd. nicht nachgewiesen, aber mnd. (Schiller - Lübben 5, 307). aus den vorhandenen belegen ist das geschlecht nicht festzustellen: hiemit befelh ich euch gottes gnaden und bitte demutiglich, euer liebe wölle dis mein schreiben nicht in veracht auffnemen. Luther 2, 231a: und ist allgemechlich der bann, der allein des bapsts donder war, in ein veracht kommen. Melanchthon leben Luthers, übers. von Ritter (1561) 40. später nicht mehr in der sprache lebendig, von Rückert angewandt: mein bruder! such in jedem werk allein das angesicht des ewigen und wende von der welt dich mit veracht. makamen 2, 43.
 
 
verächteln, verb. einige verachtung äuszern, verächtlich behandeln: er sah verächtelnd auf ihn herab (hinab). Lavater bei Campe 5, 261. fortbildung des simplex mit der ableitungssilbe el, 'welche ähnlichkeit, wiederholung und wenigkeit ausdrückt'. Grimm gramm. 2, 116.
 
 
verachten, verb. contemnere. in den alten dialekten nicht nachgewiesen; mhd. verachten sehr selten, mnd. vorachten (Schiller-Lübben 5, 307a); erst nhd. in starkem gebrauche. das simplex achten, den blick auf etwas richten (s. theil 1, 168); verachten, den blick fortwenden, nicht beachten.

[Bd. 25, Sp. 63]

1) nicht berücksichtigen, übersehen. Dief. gloss. 186c dissimilare, verachten (neben den übersetzungen desselben gloss.: liederlich hingeen lassen, durch die finger sehen); 36a scheint verachten, annihilare für vernichten verschrieben zu sein. obige bedeutung, nicht leicht von der bedeutung 'vernachlässigen' zu trennen, läszt sich in folgenden beispielen noch durchfühlen: hat m der rat und ich aber ein abschit gegebn: sei m dy gabe gescheen an mechtiger stat ... das sol er vorbringen; sei das bestendig sol er wol geniszen — das hat er alles verachtet und hat ein geistlichen komerbriff hinder m gelassen, den ich auch verachtet habe. Ernest. ges.-arch. 1464; der bapst kan kein schuld vergeben, denn allein .. das ers thu in den fellen, die er jm vorbehalten hat, welche felle, so sie verachtet würden, bliebe die schuldt gantz und gar unauffgehaben oder verlassen. Luther 1, 8; wie wir dann leider vil gts in der welt schen und uns lassen trömen ein gantz welt vol christen und arckwonen, der gmein man sei eitel heiligthumb, als steck er voller verstand, damit verachten wir unser thorheit, das wir nit wissen, wasz disz köpffig thier sei. Frank weltb. 38; liesze ... andeuten, dasz, wofern sie ... den proviant verweigern würden, würde der himmel .. uff sie fallen .. dieses verachteten anfangs die barbari. Schuppius 557; ich solte umb gemeinen friedens willen es (die verleumdungen) mit stillschweigen verachten. 636; particip: weis aber wol, das der teufel nichts guts im sinn hat und aus einem verachten funcken ein schrecklich fewer machen kann. Luther 6, 8.
2) eng verwandt ist die bedeutung geringschätzen, daher verachten in den älteren wörterbüchern flocci facere, fastidire, temnere, contemnere, negligere, spernere.
a) in älterer zeit und heute noch mundartlich (thüringisch) oft geringschätzig behandeln, tadeln: und obe man ein zemlich montlich botschaft deszhalb zu synen keiserlichen gnaden sente, ungnediglich uffgenomen und verachtet wurde. Janssen reichscorr. 2, 280; er hat auch mit ungepurlichen possen, verdriszlichen worten uns, unsere diener und andere verachtet und angetastet. Ernest. ges.-arch. (Wallendorf) 1554;

nun hoff ich starck, ich wöll mich rechen,
der küngin iren hochmut brechen,
die mich so offt veracht und schmecht,
ich sei von pewrischem geschlecht.
H. Sachs 1, 172;

es ist nasz — wenn man einen trunck nit verachten oder loben will. Frank sprichw. 27, 76 Latendorf.
b) eine geringschätzige meinung haben, absolut: was habt ihr gethan, dasz ihr verachten dürft? Göthe 39, 341. mit accusativ von sachen: die klainen ding sol man nit verachten, wann es hebt an den klainen dingen an. Keisersberg spinn. (1511) Od; zeuch aus wider die, so mein gebot verachtet haben. Judith 2, 5; denn wer die weisheit und die rute veracht, der ist unselig. weish. Sal. 3, 11; unerfarne leute verachten und verfolgen diese leer. Luther 6, 367; er veracht die tröstliche zusagung Christi. 1, 194; einer, welcher lob und ruhm verachten kan, sei über alles lob. Opitz 1, 58; ach, wie wol denen, die deine gemeinschafft ausschlagen, deine schnelle, augenblicklich hinfahrende freude verachten. Simplic. 2, 114, 30 Kurz; Seneca, welcher den reichthum verachtete und die armuth euszerlich mit worten rühmte. Schuppius 540; der, sage ich, dieses heilige sacrament verachtet, kann sich der noch unterstehen, seine gottlosigkeit zu entschuldigen? Lessing 1, 229; wer aber das laster verlacht der verachtet es zugleich. 3, 13;

ja würt all gschrifft und ler veracht,
die gantz welt lebt in vinstrer nacht.
Brant narrensch. 2, 9;

die kunst verachtet yederman
und sieht sie über die achseln an. 103, 112;

dein gebot und schrift er ganz veracht.
Schade sat. u. pasqu. 1, 1, 9;

thu du das dein verachten, so erbst das mein mit mir.
Wackernagel kirchenl. 2, 917;

die an gottes forcht, bösz und verrucht
verachten alle straff und zucht.
H. Sachs 1, 24;

verachten sicherlich das, was das blaue feldt
desz meeres weit und breit in seinen armen hält.
Opitz 1, 140;

ade, o welt zu guter nacht
ade, lasz mich nur fahren,
ich längst hab dich veracht.
Spee 7, 52 Balke;

auff, rüste dich, regiersucht, für mich aus,
lasz Jupiter dein zepter nicht verachten.
Lohenstein Sophon. 454;

[Bd. 25, Sp. 64]
von personen: als leider dick geschicht auch in clösteren, da die chorschwestern die leienschwestern verachten, und sie halten als fürtücher und eschengrüdel. Keisersberg eschengrüdel 67a; da ist keines (kloster) mit dem andern eins, wil iglichs das beste sein und mus eins dem andern feind werden oder ja verachten. Luther 4, 70; und hette mich dein volck nicht veracht, so hette ich nie keinen spiesz aufgehoben wider sie. Judith 11, 2; welcher isset, der verachte den nicht, der da nicht isset. Römer 14, 3; dasz er sich auch seiner eltern schämete und solche verachtete. Simplic. 1, 424, 15 Kurz; ich kenne ein mädchen, du wirst sie nicht verachten, weil sie mein war. Göthe 8, 295; dadurch geschieht es, dasz jetzt die geister der revolution ihm grollen, ihn fast noch mehr verachten, als sie ihn hassen. H. Heine 8, 53;

die knaben stunden wie die maur,
verachten die sophisten.
Wackernagel kirchenl. 3, 4, 4;

veracht nicht gar all gut geselln
und thu dich nicht so ewdrisch stellen.
H. Sachs 2, 4, 6;

(gott) welcher nach seiner güt und macht
auch nicht das gringste gschöpf veracht.
Fischart dicht. 2, 6, 96 Kurz;

ich will hie bei dir stehen,
verachte mich doch nicht.
P. Gerhard 50, 42 Gödeke;

vor grimm ward dunkel sein auge,
ihn zu verachten ohnmächtig.
Klopstock Mess. 2, 702;

verachtest du so deinen kaiser, Tell?
Schiller hist.-krit. ausg. 14, 356 (Tell 3, 3);

subject ist mitunter eine personification:

o gewinn (besitz einer tugendsamen hausfrau), der alles gold,
schätz' und perlen leicht verachtet.
Rist Parnasz 573;

die liebe verachtet alle hindernisse.
3) reflexiv: die neueren stutzköpfe und cavaliere mögen sich immerhin wechselseitig hassen und verachten. H. Heine 3, 32; wenn dies geschähe, müszte ich mich verachten.
4) der begriff verachten wird öfters durch adverbien verstärkt, in älterer zeit durch hoch: das sie gott und sein wort hoch verachten, dazu sich über gott setzen. Luther Hans Worst 31 neudruck; heute sagt man tief: sie glaubte den printzen ... viel zu tief zu verachten, um sich ... beleidigt zu finden. Wieland 38, 47.
5) die participien adjectivisch verwandt: aus einem vertrockneten, hagern angesicht erhob sich .. eine verachtende nase mit stolzem wurf. J. Paul 21, 32; besonders part. prät., ältere form veracht, heute verachtet: die kinder loser und verachter leute, die die geringsten im lande waren. Hiob 30, 8; wer war ich elender, verachter bruder dazumal .. der sich solt wider des bapsts maiestet setzen? Luther 1, 4b;

keine schand-, ein ehren-hure soll man, Porcia, dich nennen,
weil dich nicht verachte leute, sondern die geehrten kennen.
Logau 3, 6, 44 Eitner;

du sehr verachter bauernstand,
bist doch der beste in dem land. Simpl. 1, 17, 81 Kurz;

wie werden vor dir, verachteter jünger,
bald die übrigen eilfe ..
stolz vorübergehn.
Klopstock Mess. 3, 620;

compariert, mit umlaut: die papisten hielten es für gewis, sie hetten das bapstum nu erst recht erhöhet, aber der bapst ist vor nie verechter gewesen, denn eben von derselbigen zeit an. Luther 5, 8b; die Parias sind die verachtetste kaste Indiens.
 
 
verachten, n., substant. infin. des vorigen. contemtio, contemtus Steinbach (1734) 1, 7.
 
 
verächten, verb. in die acht thun, ächten, mhd. verâhten, veræhten; früh im nhd. verschwunden: ich verächte, proscribo Dasyp. 219; verächtet, proscriptus 296b; Maaler führt nur verächter auf, Frisch 1, 9 kennt zwar das verbum, belegt es aber nur aus alten quellen. mundartlich scheint es noch erhalten: verachten, friedlos machen, verweisen Dähnert 517. häufiger mhd.: were aber, das meister und rat das nit ttent, so sol doch der ammeister, der das also verbrochen ... ein verähteter man sin und rehtlosz gegen allen burgern. städtechron. 9, 948, 7 (Straszburg, von 1482); verbannen liote und verehte liote und chezzer. Schwabenspiegel 10b Laszberg; proscriptus, ein vorwister vel voracther. Dief. 467a (15. jahrh.); vorähter nov. gloss. 306; nd. vorachtet vel vorvestet Dief. 467a (15. jahrh.). Schiller-Lübben 5, 307
 
 
verächter, m.
1) der gering schätzt, eine verächtliche meinung hat, contemptor, spretor, osor Stieler 13, daneben im 15. 16. jahrh.: verachter, contumax Dief. 148a. Maaler 414; in neuerer zeit schreibt noch Campe 5, 261 verachter. auszerdem bei

[Bd. 25, Sp. 65]
Fischart verrächter (s. u.); diese form ist aus der süddeutschen eigenthümlichkeit entstanden, die silben nicht streng, wie der Norddeutsche, abzusetzen, sondern den schluszlaut der ersten silbe auf die zweite, vocalisch anlautende hinüberzuziehen, vergl. die süddeutsche aussprache errinnern, erreignis u. s. w.; Fischart schreibt verrachten gleich verachten. und du verechter, meinstu, man werde dich nicht verachten? Jes. 33, 1; es ist zu beklagen, sagte er, dasz die kunst so viele verächter hat. Weise erzn. 123 neudruck; allein, wenn sich Venus an ihren verächtern, den männern zu Lemnos rächen will. Lessing 6, 433; so viel auch Plautus verehrer in alten und neuen zeiten fand, so hat er doch auch seinen verächter gefunden. 3, 13;

ich glaub, dasz der rab nie gedenckt
an gottes straff, die gott verhengt
uber so offentlich verrächter,
die ausz gottes wort machen ein glächter.
Fischart dicht. 1, 50 Kurz;

erst verachtet, nun ein verächter,
zehrt er heimlich auf
seinen eignen werth.
Göthe 2, 65;

mit beigefügtem genitiv: verleumder, gottes verechter, freveler, hoffertig, rhumretig, schedliche, den eltern ungehorsam. Röm. 1, 30; wer aber den menschen ansehet und nit von got an nimpt, wirt ungedultig und gottis vorachter. Luther jubil.-ausg. 1, 159; drumb sind eben die Lamechiten und Vulcanisten .. spötter, verechter und verfolger des wort gottes und seiner trewen diener. Mathesius Sar. (1562) 13b; denn warlich .. aller ritterschaft nichts widriger und schädlicher ist, denn ein verruchter fräffner und unbesinnter verachter desz feindts. Fronsperger kriegsb. (1596) 1, cxlb; dieselbe nun seind gemeiniglich alle ... rechtschaffene verächter der ruhe, vermeider der wollüste. Simpl. 2, 71, 32 Kurz; wie, wenn ich eine (komödie) auf die freigeister und auf die verächter ihres standes machte? Lessing 12, 12; die verächter italiänischer musik ... werden einst in der hölle ihrer wohlverdienten strafe nicht entgehen. H. Heine 2, 84; du spröder, kalter verächter der frauen. Gutzkow ritter3 3, 101; er war der regste alliirte aller der richtungen, die heute siegreich und glänzend im vordergrunde stehen, dagegen verächter und bespöttler jedes namens, den man nicht mehr an jedem tage gedruckt liest. in b. reihe 156. mit präpositionen: wurde aber hierin jemand ... ein freveler oder verechter sein. Luther 6, 488.
2) verächter gleich verächterin:

die frau Sevilia ist auch kein kostverächter.
Günther 1003.


 
 
verächter, m. zu verächten: proscriptor, der einen in die acht tt und yeden ze tödten erlaubt. Maaler 414.
 
 
verächterin, f. contemptrix Maaler 414, verächterinn Steinbach (1734) 1, 7.
 
 
verächtig, adj. fastidiosus, contemtus. ältere nebenform verachtig (Dasyp. 71a), mhd. mnd. nicht nachgewiesen, aber mnd. verachticheit (Schiller-Lübben 5, 307b) setzt obiges adjectiv voraus.
1) verachtung hegend: dieser artikel, so man redet von guten wercken, die den glauben Christi nicht ausschlieszen, ist irrig und verachtig der busz und beicht und wider den rechten verstand göttlicher schrifft. Luther 1, 543b.
2) miszachtet: ja meinestu auch wohl, dasz du ... bereit wärest ... solchem dem verächtigen, niederträchtigen ampt abzuwarten? Spee güld. tug. 489;

(ich) verspei der vielen götzen rott
von stein, von holtz verächtig. 46. —

zum sibenden, so sie (die weiber) sind gütig,
gen mannes freundschaft auch dienstmüthig,
halten sie nicht unwerd, verächtig.
H. Sachs 1, 48 (1, 209, 37 Keller).


 
 
verächtiger, m. verächter: der gerechtigkeit verächtiger. kriegsb. des fr. 120.
 
 
verachtigung, f. verachtung: deszhalben sy notturft und gt sein gedchte, das söllich erlengrung und ansehung des gemainen friden so gleichlich ermessen und bedacht, damit so mercklich verachttigung, als biszher bescheen ist, stattlich fürkomen .. wurd. Janssen reichscorr. 2, 319 (von 1474).