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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm  ·  · 
 
denken bis denkkunst (Bd. 2, Sp. 939 bis 941)
 
 denken, n. die denkkraft, vis mentis, das nachsinnen, cogitatio, meditatio. durch das denken zu wege bringen cogitatione assequi Stieler 292. es übersteigt alles denken.

als er in solchem denken sasz Theuerd. 78, 83.

es ist mein längstes denken meine frühste, älteste erinnerung Französ. Simpliciss. 1, 233.

denn lernten sie zu viel verstehn,
so habt ihr furcht sie möchten endlich mit schlusz und
denken weiter gehn
Günther.

begiebt sich auch zuletzt mein denken in die weite 414.

zierlich denken und süsz erinnern
ist das leben im tiefsten innern
Göthe 2, 255.

des denkens faden ist zerrissen 12, 88.

und in den sälen, auf den bänken
vergeht mir hören, sehn und denken 12, 94.

all mein sehnen will ich, all mein denken
in des Lethe stillen strom versenken,
aber meine liebe nicht
Schiller 1a.

wenn auf des denkens freigegebnen bahnen
der forscher jetzt mit kühnem glücke schweift 25b.

den flug
des denkens hemme ferner keine schranke
als die bedingung endlicher naturen 279b.

so weit die welle meines lebens rinnt,
soll sie mein einzig träumen sein und denken 606b.

das blosze denken ist grenzenlos, und was keine grenze hat, kann auch keine überschreiten ders. viel denken, mehr empfinden und wenig reden Göthe.

doch bleibt was liebes immer
so im reden, so im denken ders.

[Bd. 2, Sp. 940]

ein hain, worin sich Amor gern verliert,
wo ernstes denken oft mit leichtem scherz sich gattet.
Wieland.

und jetzt fiels auch wie schuppen mir vom auge.
erinnrungen belebten sich auf éinmal
im fernsten hintergrund vergangner zeit:
und wie die letzten thürme aus der ferne
erglänzen in der sonne gold, so wurden
mir in der seele zwei gestalten hell,
die höchsten sonnengipfel des bewusztseins.
ich sah mich fliehn in einer dunkeln nacht,
und eine lohe flamme sah ich steigen
in schwarzem nachtgraun, als ich rückwärts sah.
ein uralt frühes denken muszt es sein,
denn was vorhergieng, was darauf gefolgt,
war ausgelöscht in langer zeitenferne
Schiller 663.

alles denken kann nur das gemeine, nie das göttliche, nur das todte, nicht das lebendige auflösen und ändern J. Paul. er suchte sich auf ihre seite zu ziehen durch den gedanken, dasz sie nicht wie er den minervenshelm, den fallschirm und fallhut des denkens, philosophierens, und der autorschaft gegen die stösze und steine des lebens nehmen könne ders. Siebenkäs 3, 58. bei menschen denken, gewöhnlich gedenken, post hominum memoriam Eyering 2, 661. sprichw. das denken ist zollfrei cogitationis poenam nemo patitur Stieler 292. um denken kann man keinen kränken Simrock 1541.
 
 
denkensart, f. sinnes- und denkensart Wieland 15, 378. s. DWB denkart.
 
 
denker, m. der sinnende mensch, cogitandi severitati assuetus, philosophus.

der aberglaube zürnt im dunkel heilger wetter
und schleudert fluch und bann auf denker mehr als spötter
Dusch.

wie merkwürdig musz nicht die gegend, deren anblick schon entzückt, nun auch dem naturforscher und jedem denker sein L. Christ. Lichtenberg an Merck 1, 359.

und so ein hirn das trefflich denken soll,
wird künftig auch ein denker machen
Göthe 41, 105.

daher war uns jener lichtstrahl höchst willkommen, den der vortrefflichste denker durch düstere wolken zu uns leitete ders. der denker bemitleidet den nichtdenker Klinger. und so erbte sie (die idee von der einheit des höchsten wesens) sich von einem denker zum andern durch wer weisz wie viel generationen fort Schiller.

schämen sich kleinmeisterische denker,
die so ängstlich nach gesetzen spähen 7b.

eh vor des denkers geist der kühne
begriff des ewgen raumes stand 23a.

der schätze die der denker aufgehäuft,
wird er in euern (der künstler) armen erst sich freun 25b.

Sie sind ein philosoph ein denker.
Kotzebue Dramat. sp. 2, 237.

ich sehe von netzen bestrickt
den philosophen den denker 2, 274.

das benimmt aber einem denker lust und mut J. Paul Siebenkäs 3, 122. ich war immer künstler wie Sie vielleicht immer denker Gutzkow Ritter vom geiste 4, 309. selbst wenn deine stirn so hochgewölbt bliebe, würde sie jetzt erst recht die stirn eines denkers scheinen 5, 10.

denn was jegliche zunft
hat geschafft und gewonnen,
wird von des denkers vernunft
in geistige fäden gesponnen
Rückert 148.

die universitäten sind dahin wirksam, dasz die geistigen güter, welche die arbeit der gröszten denker erwirbt, zum gemeingute werden Denkschrift der theol. facultät zu Göttingen (1854) 21.
 
 
denkerin, f. man hätte das bild einer religiösen denkerin, einer entzückten schwärmerin gehabt Gutzkow Ritter vom geiste 4, 14.
 
 
denkfähig, adj. cogitationis particeps.
 
 
denkfähigkeit, f. denkvermögen.
 
 
denkfaul, adj. träg zum nachdenken Malten Neuste weltkunde (1847) s. 100.
 
 
denkfreiheit, f. sentiendi libertas.
 
 
denkkammer, f. denkkamer cellula memorativa Voc. theut. 1482 e 7a
 
 
denkkraft, f. facultas cogitandi, judicandi. es fehlt ihm alle denkkraft er kann nichts begreifen, nichts beurtheilen. diese verlangen zwar nach einem sinnlichen stoff, aber

[Bd. 2, Sp. 941]
nicht um das spiel der denkkräfte daran fortzusetzen, sondern um es einzustellen Schiller. beinahe jeder genusz, den seine (Klopstocks) dichtungen gewähren, musz durch übung der denkkraft errungen werden ders.

wer wird ein wunder thun
und meinem geist dort Saphos denkkraft geben,
lasz ich ihn hier bei töpf und spindeln ruhen?
Göckingk Lieder zweier liebenden 54.

s. DWB denkungskraft.
 
 
denkkunst, f. anwendung der logik oder dialectik. unterdessen bleibt der denkkunst ihr preis Leibnitz 388. Lessing war zwar nicht in der dicht- aber in der denkkunst romantisch J. Paul Vorsch. der ästhetik 1, 131. deutsche dicht- und denkkunst ders. Dämmerungen 49.