sticken, vb.sticken, vb.sticken, vb.sticken, vb.sticken, vb.stickenalt, adj.stickenblind, adj.stickendunkel, adj.stickendüster, adj.stickenschlag, m.stickenskunst, f.stückenskunst, f.stickenvoll, adj.sticker, m.sticker, adj.stücker, adj.stickerei, f.stickereiarbeit, f.stickereiballen, m.stickereigeschäft, n.stickereiwerkstatt, f.stickerin, f.stickerkunst, f.stickermamsell, f.stickerpergament, n.sticket, adj.sticketzen, vb.stickfieber, n.stickfinster, adj.stickflusz, m.stickgas, n.stickgerte, f.stickgerüst, n.stickgold, m.stickgrund, m.stickheisz, adj.stickholz, n.stückholz, n.stickhusten, m.stickicht, adj.stickig, adj.stickicht, adj.stickjungfer, f.stickkrampf, m.stickkunst, f.sticklack, m.sticklappen, m.stichlappen, m.sticklet, adj.stickluft, f.stickmaschine, f.stickmuster, n.sticknacht, adj.sticknadel, f.stickperle, f.stickrahmenstickrahme, m. und f.stickrauch, m.stickschere, f.stickschule, f.stickschwamm, m.stickschwülsticksehend, adj.stickseide, f.sticksel, m.sticksig, adj.stickstack, m.stickstaub, m.stickstecken, m.stückstecken, m.stickstoff, m.sticktrommel, f.stickung, f.stückung, f.stickungskunst, f.mutterstickung, f.stickungspeinstickvoll, adj.stickwand, f.stickwerk, n.stickwetter, n.stickwurz, f.stichwurz, f.stickwurzelstickzeitig, adj.stieben, vb.stieber, m.stieber, m.stiebig, adj.stief-stiefahne, f.stiefahnfrau, f.stiefaltmutter, f.stiefbase, f.stiefbeherrscher, m.stiefblick, m.stiefbruder, m.stiefbrüderlich, adj.stiefeidam, m.stiefel, m. | sticken, vb. , wie 2sticken, mit dem es histor. identisch ist, intensiv- oder iterativbildung zur idg. wurzel *steig-, bzw. zum st. v. stechen, vgl. Wissmann nom. postv. 191. 1) zufrühst als 'herrichten, gebrauchsfertig machen'; seit dem ahd.: distinat (disponit) castichit, kistikhit, kistigit ahd. gloss. 1, 108, 23 St.-S. (keron. glossar); concinnabat, componebat mahide ł stihita ahd. gloss. 4, 275, 7. insonderheit gebraucht vom ('spitzmachen') schäften und fiedern der pfeile, so mnd.: 10 sch. vor pyle to stickende (1370) Hamb. kämmereirechn. 119; 2 tunnen phile, 1 gesticket, 1 getullet ('mit tüllen versehen') (1395) C. G. Styffe bidr. till oekand. hist. 2, 1; aber auch auf hd. gebiet: iijc gestickter phyle rechenbuch (Frkft. 1427) 14; schifften einen boltz oder sticken manubrare voc. incip. teut. ante lat. (ca. 1495 Straszburg) s 8b; vgl. dazu pfeilsticker, sticker, m. 1 (u. sp. 2744) und Schultz höf. leben 2, 200. vereinzelt von personen: gestellet und gesticket (gestaltet) sîn figûre schein alsus Konrad v. Würzburg troj. kr. 4546; dahin auch: (gott) schaffet vnd sticket wunderbarlicher weise, ein weibszbild im mutterleibe Mathesius w. 2, 34. 2) 'in ein gewebe mit fäden schmückende figuren einnähen'. in dieser bedeutung ist das wort auf den ältesten sprachstufen nicht belegt, es kommt wie im mengl. (sticchen = nengl. stitch) so auch erst im mhd., mnd. und mnl. auf, breitet sich in frühnhd. zeit erheblich aus und ist seitdem fester bestand aller sprachschichten. i wird vor allem von sächs., thür. und schles. schriftstellern des 17./18. jh., auch bei dem Franken Ayrer sowie auf schwäb. gebiet verschiedentlich zu ü gerundet (vgl. dazu Paul dt. gr. 1, 205). a) absolut gebraucht, gern parallel geordnet mit anderen (weibl.) fertigkeiten: jhre vier töchter spinnen, weben vnnd sticken J. Barth weiberspiegel (1565) g 1b; ich kan ohn ruhm wol halten hausz, so kan ich wol weben vnd stückn, von golt hauben vnd porten strickn J. Ayrer dramen 194 lit. ver.; sie ist zur häuszligkeit erzogen, spinnt, nehet, sudelt, stickt und flickt J. Rachel satyr. ged. 147 ndr.; nähe, sticke, also immerhin soviel als du für gut hältst Görres ges. br. (1858) 1, 74; das mädchen spielt guitarre, spricht französisch, tanzt, stickt und singt J. Nestroy ges. w. (1890) 5, 238; entsprechend beim subst. inf.: andere kunst mag man wol on schanden verachten, als malen, sticken, seitenspil, singen S. Franck chron. (1531) 96a; in ... stricken, sticken, klöppeln . war sie ... wohl ... geschickt Leipz. avant. (1756) 1, 264; zu hause beschäftigen sie sich mit nähen, stricken, spinnen und sticken Schiller 3, 544 G.; wie wenn von nähen und sticken der erwerb ihres daseins abhängig wäre Holtei erzähl. schr. 7, 61. ohne parallelbegriff: es herrscht in ihrer art, zu sticken, eben der gute geschmack, der in ihren briefen und gesprächen herrscht Gellert s. schr. (1784) 4, 225; stickramen müssen ebenfalls ins feuer, höchstens müssen die mädchen stehend sticken Fr. L. Jahn w. (1884) 2, 280; Anna lächelt verlegen und stickt eifrig weiter G. Hauptmann weber (1892) 49; mit benennung des verwendeten instruments: sticken mit der nadel Hulsius (1618) 2, 329a; ähnlich G. Freytag ges. w. 17, 68; weil Säugling ... sich zuweilen zu ihr setzte, mit ihr zu schwatzen, und ihre arbeit lobte, wenn sie im tambour ('stickrahmen', sonst meist tamburin, s. d. 2) stickte Nicolai Seb. Nothanker (1773) 2, 157; vgl. auch stücken 'auf der tambour brodiren' [Bd. 18, Sp. 2738] Stalder schweiz. 2, 413); ein fünfter an der trommel, stickte ein blümchen in ihre stickerei Wieland s. w. (1863) 10, 169. kennzeichnung des benutzten materials, angeschlossen oft durch mit: zu ... wirken und zu sticken, mit geler seiden 2. Mos. 35, 53; (ein jüngling), der aller weyber arbeyt als spinnen, näen, mit seyden stücken ... wol kundt Montanus schwankbücher 37 lit. ver.; sticken mit seiden Hulsius (1618) 240a; ähnlich Ludwig (1716) 1863. b) mit obj.; dieses bezeichnet α) den durch die stickerei ausgezeichneten gegenstand. meist im akkus., so schon mhd.: die bluomen sint gewieret, diu krenzelin gepfieret, wie daz die vrouwen zieret, uf ir wilen in dem plan! ir wengel sint gerœtet, gegen den meijen entblœtet, sam ein rubin gelœtet: here, welch ein rîcher van darûz so wirt gestikket! Wizlav v. Rügen in: MSH 3, 82b; die fursten Juda in ihren purpurn oder seyden gestickten kleydern Luther 8, 27 W.; die jungfrawen (haben) ... jhre küssen gesticket Fischart Garg. 186 ndr.; unter einem herrlichen gestickten gezelt A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 53; so wie ein künstler sonst den schönsten teppig stückt J. G. Neukirch anfangsgründe (1724) 789; so soll das mein zeitvertreib seyn, ihnen eine weste zu stücken Lessing 20, 271 L.-M.; schöne selbst gestickte strumpfbänder Caroline 1, 317 Waitz; ein paar gestickte schuh Ph. Hafner ges. lustsp. (1812) 1, 47; eine cigarre aus dem reichen täschchen, das ihm seine frau gestickt G. Keller ges. w. 5, 113; bildlich von geistigem (erst in neuerer zeit): ein so gestickter mantel fremder meinungen sollte die einfache formel des christenthums ... nicht werden Herder 19, 284 S.; weglegt er der täuschung mantel und der sinne gesticktes kleid Platen w. 1, 199 R. mit angabe des instruments: darnach sie (die juden) jhre seidenwad vnnd guldenstuck ... vnd dasz gantze sacristeigerät, haben mit jrer künstlichen nadel gestickt Fischart binenkorb (1588) 55a; ein kurzes oberkleid von feiner wolle, zierlich mit der nadel gestickt Freytag ges. w. 8, 8; mit hervorhebung des zur arbeit verwendeten materials, in den weitaus meisten fällen gold, silber, perlen, seide, edelsteine, selten anderes, vielfach angefügt durch mit: den heiligen rock mit golde, geler seiden und scharlacken gestickt Sirach 45, 13; der rock ein roter schamlot war gestickt mit golt vnd perlen gar Fischart Eulensp. 193 Hauffen; (kaiser Alexius gab) audienz, in dem er selbst kleider mit vnzehlichen perlen vnd edelgesteinen, seine diener aber mit gold vnd silber gestickt, anhatten Zinkgref apophthegmata (1628) 40; ihr schnupftuch, das reich mit gold gestickt war Göthe I 43, 201 W.; rothsammtene, mit perlen gestickte polster Gaudy s. w. (1844) 13, 30; röcke oder schauben mit gold gestickt F. M. Böhme gesch. d. tanzes (1886) 77; hierher gehören einige fälle älterer sprache, wo resultativ farbe für farbiges material steht: die königkliche mäntel, ... mit allerley vnterscheidenen farben gestickt J. Heyden Plinius (1565) 251; (sie lehrte uns) ein gewebetes tuch mit lebenden farben zu sticken Bodmer Noah (1752) 118; seltener, nur bis ins 18. jh. reichend, anknüpfung durch von: ein reiche decke von perlen gesticket (1472/73) Arigo decam. 652 lit. ver.; ich wil sunst nichtz haben dan den gestickten ermel an euweren rock, der was von berlin vnd edlen gesteinen gestickt Pauli schimpf u. ernst 203 lit. ver.; zieht aus die kleider zart vnd rein, von gold vnd purpur schön gestickt (1606) W. Spangenberg ausgew. dichtg. 208 Martin. [Bd. 18, Sp. 2739] vereinzelt und jung in: nein, einem banner sei du gleich, in dreiszig farben froh gestickt Geibel w. (1888) 1, 208. präpositionaler hinweis auf die ein- oder aufgestickten bilder, anfügung stets durch mit: banire vnd fenchen mit gulden buchstaben gesticket (15. jh.) Stolle thür. chr. 107 lit. ver.; das kleydt ..., das mit güldenen bildern ... gestickt war buch d. liebe (1587) 213d; ein kleid ..., das mit lauter kronen ... gesticket ist Gottsched ged. (1751) 1, 314; sie hatte einen mit lilien und rosen, und goldenen blumen gestückten äuszerst dünnen schleyer Heinse s. w. 3, 560 Schüdd.; eine schöne seidene haube, welche mit tauben und papageien und vielen figuren gestickt war G. Freytag ges. w. 18, 56. hier und da, bes. in ält. sprache, steht statt des bearbeiteten gegenstandes der stoff, aus dem er gefertigt ist: dein (der stadt Tyrus) segel war von gestickter seiden aus Egypten Hesekiel 27, 7; das die weiber gestickete vnd geschmückete leinwad vmb sich gehänget J. Micrälius altes Pommerland (1640) 1, 19; das jhr keiner kein güldin stuck, noch kein gestickten sammet, es sei röck oder schauben, tragen soll Moscherosch gesichte (1650) 2, 397; geschenke ..., die aus juwelen, geschnittenen steinen und gestickten stoffen bestanden Göthe I 23, 286 W. seit dem 19. jh. sporadisch in präpos. fügung mit an: sie saszen im halbkreise und stickten an einem groszen tapetenstück G. Keller ges. w. 6, 58; stets wird an neuen fahnen, an neuen meszgewändern gestickt L. Steub drei sommer in Tirol (1895) 1, 53. β) die entstehende schmuckform; teils als bloszer akkus.: die wappen sticken N. v. Castelli it.-teutsch. wb. (1741) 1, 17b; das unterkleid, auf welchem du gestickte figuren siehst Göthe I 49, 84 W.; ich sehe dich die blumen, die du hast gestickt mit händen, stets mit augen baden Fr. Rückert w. (1867) 3, 168; mit materialangabe: und trüge dieser jeglicher an seinem kleidt ein solches thier oder kenzeichen mit goldt oder silber gesticket B. Hertzog chron. Alsat. (1592) 2, 69; öfter erweitert um präpos. richtungsangabe, die vielfach, bereits seit frühnhd. zeit, durch in angefügt ist: auch ist des stifts houbtfane, darin s. Moritz gestückt gewesen, herin bracht (ca. 1565) chr. d. dt. st. 27, 46, 3; die worte sprach ich ihr bei ihren schmerzen ein, die sie mit eigner hand in dieses tuch gestücket und mit berühmter kunst mit farben hat geschmücket P. Fleming dt. ged. 1, 511 Lappenberg; eine schöne ... decke, darein des himmels lauff künstlich gesticket volksb. v. geh. Siegfr. (1726) 83 ndr.; und diese geschichte sticktest du in ein kostbares gewebe? Schiller 6, 251 G.; unter tränen in mein wappen hast du gestickt ein blutend herz Arent-Conradi-Henckell mod. dichtercharaktere (1885) 154; daneben, seit mitte des 17. jh. bezeugt, auch durch auf: namen, wort und gemählde, auf grau atlas aufs künstlichste gestikket G. Neumark neuspr. teutsch. palmbaum (1668) 65; (er) liesz sich auf seine hutschnur diese worte stücken Gotth. Schuster christerbaul. sendschr. (1742) 957; fahnen ..., worauf der name des candidaten und sein wahlspruch gestickt ist Archenholz England u. Italien (1785) 1, 22; ein schöner purpurmantel wars, auf den sie gar artig Amorn gestickt maler Müller w. (1811) 1, 141; künstliche schriftzüge, ... auf den sammet des blauen himmels gestickt O. Ludwig ges. schr. 2, 407; oft mit materialangabe: an einem weissen seidenen bande, darein der liljenzunft, und sein zugeteilter nahme, mit rosenfärbiger seide, gestükt stehet Ph. Zesen helik. rosentahl (1669) 46; in der cristnacht pflegt der pabst ein geweyhet schwerd sammt einen fürstlichen keplein, darauf mit schönen perlen eine taube gestickt ist, einen grossen herrn oder fürsten zu schenken v. Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 202b; auf dem flor war ein herz in gold gestickt J. Kerner bilderbuch (1849) 287; im bild übertragen auf geistiges: sie tadelte blos Lianens neigung, [Bd. 18, Sp. 2740] immer fantaisieblumen in ihr leben zu sticken Jean Paul s. w. (1827) 23, 136. c) bildlich übertragen als 'schmücken, zieren', bes. im 17./18. jh., später seltener, meistens in gehobener, poetischer sprache. α) von der erde, die mit gewächsen geziert ist: sie gehen offters auff das feld und die gestükten auen J. Scheffler sinnl. beschr. (1677) 84; da wirst du gleichförmig sehen der wisen ihr gestickte arbeit Abr. a s. Clara Judas (1686) 1, 19; den boden stickten violen, krokus ... mit schimmernden schmelze C. C. L. Hirschfeld theorie d. gartenkunst (1779) 2, 72; der gefällige lenz sticket ihm teppiche mit violen und güldenklee v. Salis ged. (1793) 76; glockenblum und primel späht über das gestickte beet Freiligrath ges. dichtg. (1870) 5, 168; hierher auch: schön das kleid mit licht gesticket, schön hat Flora euch geschmücket Schiller 11, 10 G. (im ged. 'die blumen'). β) vom mit sternen geschmückten himmel: (gott, der) die himel schmücket, wie ein teppicht, vnd sticket vnd wircket allerley sternlein drein J. Mathesius Sarepta (1571) 31b; darnach stickte (gott) die schöne blaue himmelsdecken mit ... sternen Abr. a s. Clara etwas f. alle (1711) 2, 176; nie breitet um die stille welt die nacht ihr trauriges gewand, nie sticken die goldnen sterne des Olympus zelt Schiller 6, 402 G.; ihren königsmantel sticket hell mit lilien die nacht Fr. Rückert w. (1867) 2, 37. γ) sonstiges, meist preziösem gebrauch entstammend: die luft ist ganz mit schwertern gestickt Fr. Rückert Firdosi 2, 442 Bayer; besonders von überladener sprache: (wir) staunten über ihres ausdrucks blümlichkeit ... und sprachen: wenn du also die rede stickest Fr. Rückert w. (1867) 11, 303, vgl. in seiner blumengestickten rede Börne ges. schr. (1840) 5, 120; ferner: der hof (in Dresden) und der glanz war katholisch und zumeist mit italienischen prinzessinnen gestickt Laube ges. schr. (1875) 9, 118; redensartl. übertr.: wiewol wir jn (den Wälschen) jetzt recht die jacken mit gottes wort gar weydlich sticken (ihnen warm machen) B. Waldis Esopus 2, 49 Kurz. δ) reflexiv: de wyve sticken sik den helen dach lank (1513) Tunnicius 1169 Hoffm.; so fing er (der amerikanische jäger) an, sich symmetrisch zu sticken und zu mahlen Herder 13, 313 S.; der himmel fing von neuem an zu blauen, die erde sich mit jungem grün zu sticken Herwegh ged. e. lebend. (1841) 160. — vgl. auch die zusammensetzungen besticken und durchsticken.
sticken, vb. , wie 1sticken intensivum oder iterativum zur idg. wurzel *steig- 'stechen', vgl. ohne geminata an. stika 'einen flusz durch eingerammte pfähle absperren', das allerdings auch denominativum von stik n. pl. 'pfähle' sein könnte (Wissmann nom. postv. 87). ähnlich ist auch für 2sticken mit secundärer einwirkung des subst. stecken, nd. sticken zu rechnen. bereits ahd. vorhanden als glossatur zu lat. stipare: 3. sing. präs. stikhit ahd. gl. 1, 254, 19 St.-S. (keron. gloss.); part. prät. kisti(c)kit ebda 1, 254, 21; stipare sticken, graffen, vesten (voc. lat.-germ., 15. jh., md.) bei Diefenbach gloss. 553a; vgl. dazu im mhd.: er wil selbe sticken unde ziunen Neidhart v. Reuental 102, 23. der heutigen hochsprache fremd, meist auf fachsprachen beschränkt, im übrigen, den jeweiligen sachbereichen entsprechend, von fall zu fall regional begrenzt. im einzelnen: 1) im weinbau 'das bepfählen der reben', häufig im südwesten des sprachgebiets, bereits mhd. und frühnhd., vorzugsweise [Bd. 18, Sp. 2741] in weistümern bezeugt: wir sprechent ouch ze recht, daz ... man die tagwen tn sol mit schnidende, mit stickende, mit bindende, mit volbandende vnd mit anderem rebwercke (Sennheim, Els. 1354) weisth. 4, 118; vgl. auch ebda 4, 353 (f. Baden 15. jh.) und 595 (f. Rheinhessen 1510); gleichzeitig beliebt in chroniken: anno 1530 was der hornung und der mertz so warm, das man die reben allent halben zurust mit schneiden, sticken, binden Basler chron. 6, 147, 16 Bernoulli; in der geistlichen literatur des 14.-16. jh. heimisch im anschlusz an das gleichnis von den arbeitern im weinberg (Markus 12): man búget die reben von obenan nider und sticket sie mit starcken stecken domit sie ufgehalten werdent Tauler pred. 32, 2 V.; er hat die reben geschnitten, gehackt, gestickt, gehefftet Geiler v. Keisersberg postill (1522) 2, 47; später meist nur noch ausgesprochen mundartlich und lexikalisch: bim sticke, letze, biege, ischs hem nim trucke gsi! mer sot de huet aziehge vor jedem gläsel wi A. Schreiber poet. w. (1817) 1, 536; sticken die reben garnir la vigne, pedare vineam neues dict. (Genf 1695) 348; vgl. Martin-Lienhart elsäss. wb. 2, 583; Fischer schwäb. 5, 1754; Seiler Basler ma. 279. vgl. auch ansticken 'ein rebstück zum ersten mal mit rebpfählen versehen' Martin-Lienhart a. a. o.; s. auch stocken, stäbeln und rebstecken. 2) in der stellmacherei 'speichen ins rad schlagen' Martin-Lienhart elsäss. wb. 2, 583. 3) in vielen gegenden Deutschlands (bes. Hessen, Schwaben, Baden, Lausitz) eine bestimmte art wände aufzuführen, 'dünne und schmale breter in die gezimmerten gefache sowol der wände als der boden einsetzen, damit dieselben sodann mit gerten durchflochten und hierauf mit strohlehm gekleibt werden' Vilmar Kurhessen 400 (vgl. stickgerte): item dy leimwende an dem grozen graben, alz man zu unser vrouwen geyt, dy stycte man unde kleybete sy (1401) cod. dipl. Lus. sup. 3, 416; stangholz und gerte, ire güter ze verzünen und wende ze stiken und ze zünen (1463) hackrecht v. Neuenburg a. Rh. 70; der weiszbender hat die kymnode, der herrn stall und scheuwr gestiecket, geweist, gebunden vnd verbessert (1587) Vilmar a. a. o.; mit beziehung auf das lockere solcher bauweise: nun war aber das haus allain gestickt und geklaipt ..., also das schier an allen wenden der luft einher trang Zimm. chr. 4, 271, 35; ü-formen teilweise im schwäb. und alem.: gestückte wänd (1655) Reyscher württ. ges. 13, 179; auch (1582) bad. weist. I 1, 190. hierher im küstengebiet das durchziehen eines deichs mit festen strohseilen, um eine haltbare decke zu erzielen: alle teiche, so mit stroh gedecket, besticket oder begloyet werden, sollen mit gutem langstroh untadelhaft beleget und begloyet werden (1711) Pellwormer teichordn. bei Mensing schlesw.-holst. 1, 726 (ebda sachliches); Stürenburg ostfries. wb. 264a; die befestigung dieser sogen. dachlage erfolgt mittelst des sogen. stickens Lueger 2, 294. 4) hauptsächlich nd. und älterer sprache eigen ist sticken in dem sinne 'etwas wohin stecken', vgl. ahd. insertabant ingestihten ahd. gl. 4, 147, 23 St.-S.: daz er sus treckete vor dhe stat zo Hildesem, dha her dhe sine bat dhe pavlun sticken an dhe erdhen (ca. 1298) braunschw. reimchr. 5394; daz cruce wart gezwicket in einen stein gesticket Heinrich v. Neustadt gottes zuk. 2810 Singer; unde stickede se (die banner) alle in den dom (15. jh.) Herm. Korner 114d bei Schiller-Lübben 4, 399; man ... soll sie (die materie) in ein gebort loch ... sticken vnnd mit einem keill, vom selbigen holtz wol verblocken G. Nigrinus von zäuberern (1592) 95; hierher auch: mit gesticketen ougen an die erde fixis in terram oculis (13./14. jh.) cgm 91, 11 bei Schmeller-Fr. 2, 728. jedenfalls ist hier anzuschlieszen die nur nd. erscheinende bedeutung 'etwas [Bd. 18, Sp. 2742] anstecken, anzünden' (vom urspr. aufstecken der kerze auf die tülle oder eine entsprechende unterlage): vnde wakeden mit lichten vnde mit stickeden blasen (fackeln) (1471) Lübecker pass. 54a bei Schiller-Lübben 4, 399; bildlich: we van der partye nicht was, up den kam ör stickede plas (entfachter streit) (Braunschw. 1488) chr. d. dt. st. 16, 166; es will nicht sticken 'nicht zünden, anbrennen' Campe 4, 653a; sprichwörtlich: füür un flasz stikkd licht (bild von rasch aufflackernder liebe) Stürenburg ostfries. wb. 264b; auch refl.: sich sticken 'sich entzünden' Campe a. a. o.; auch bildlich 'sich freuen' K. Sallmann dt. mundart in Estland (1880) 41.
sticken, vb. , 'suffocare, suffocari', aus dem schon ahd. belegten compositum mit er- (seit Nicolaus v. Jeroschin auch mit ver-) im frühnhd. herausgesponnen. der einzige ahd. beleg für ersticken: irsticta (irstihta) '(audiens autem Ananias haec verba, cecidit et) exspiravit' ahd. gl. 1, 743, 22, und frühmhd. belege wie Konrad Rolandslied 5187 sie erstihten und ertwalen und 5148 sie lagen ersticket und verdorben, sowie 5558 sie sint erstichet unt erslagen zeigen noch nicht die spezielle bedeutung 'durch mangel an luft zugrunde gehen', sondern leiten auf die gewaltsame todesart des erstechens, aus der die bedeutung 'suffocari' sich resultativ entwickelt haben könnte. das führt dazu, auch in diesem verb wie in 1sticken und 2sticken ein intensivum zur idg. wurzel *steig- 'stechen' zu sehen, vgl. ags. stician und ahd. stechon 'iugulare' (Wissmann nom. postverb. 86 f., 108 f.). auffällig bleibt die beschränkung von ersticken auf den intransitiven gebrauch. 1) passivisch. a) 'aus mangel an luft zugrunde gehen', stets von personen. α) ohne weiteren zusatz: sie hielt ihme selber den mund, das er desto eher sticken muste (16. jh.) chr. d. dt. st. 27, 112, 26; darnach sind etliche geistlich oder heimlich besessen, die vol geitz, hasz, neid, vnkeuscheit, pp. sticken Luther pred. v. d. engeln (1565) a 4a; dasz er hette mögen stikken und von prügeln werden matt Reinicke fuchs (Rostock 1650) 116; die Gallier lachten, dasz sie hetten stikken mögen J. W. Valvasor d. ehre d. hertzogthums Crain (1689) 4, 2, 27; gebt meth, ich musz sonst sticken (vor wut) Z. Werner d. kreuz an d. Ostsee (1806) 53; sonst musz euer heerführer wasser trinken, bis er stickt Fouqué altsächs. bilders. (1818) 4, 20; da sie sich an einer grete so verschluckt, dasz sie zu sticken meinte J. v. Bismarck br. 30; torfmoose schlieszen einen so dichten bult um den untersten wurzelstamm, dasz der luftabgeschlossene baum schlieszlich stickt F. Lampe Berlin u. d. mark Brandenburg (1909) 50; vgl. auch die partiz.-bildg. e is šdikening 'er ist am ersticken' Hertel Thür. 235; Spiesz Henneb. id. 243; Sütterlin nhd. gr. 1, 468. β) in präpos. fügung, im 17./18. jh. verbreitet er sticket auf der brust fatigatos anhelitus trahit, difficultate aspirandae laborat Stieler (1691) 2157; ähnlich M. Kramer 2 (1702), 969c; ferner in etwas sticken: wir müszen anfechtung leiden, ja darin sticken Luther gr. katechismus 133 Bertheau; sticken heiszet auch ersticken, im rauche, im wasser Harsdörffer teutsch. secr. (1656) 1, 534; die arme nase mit verdrusz, bey tausend widerlichen düften, fast im gedränge sticken musz J. J. Schwabe belust. (1741) 1, 451; ich stick in tränen, öffn' ich meinen mund Shakespeare (1831) 2, 75; ist alles nett, so stickt man im fett Fontane ged.7 80; in sinem blode, im damp sticken Dähnert plattdt. (1781) 462; von etwas sticken: se dampeden unde stickeden van qualster unde unflate a. d. j. 1492 bei Schiller-Lübben 4, 399; he stikkde haast van schliem Stürenburg ostfries. wb. 264b; die wollust, die ein von hitze stickender hat, wenn ihn ein sanfter wind umsäuselt J. G. Zimmermann einsamkeit (1784) 1, 352; seit ende des 18. jh. an etwas sticken: dasz du an der lüge stikken mögest J. G. Chr. Neide Terenz (1787) 2, 27; [Bd. 18, Sp. 2743] der Suffolk stick an seinem herzogthum Shakespeare (1797) 8, 11; der mittag, hier zwischen steilen felsen eingepreszt, stickt an der eignen glut O. Ludwig ges. schr. 4, 125; seit derselben zeit vereinzelt auch vor etwas sticken: und als ich ihn bethört, trat ich beiseit und stickte fast vor unerhörtem lachen Shakespeare (1831) 6, 62; höhnisch lach dem sich verberger, dasz er stickt vor wut und ärger D. v. Liliencron s. w. (1896) 8, 130. b) mundartl. 'stecken bleiben, still schweigen' Kehrein Nass. 1, 391. c) als gewerkwort: 'sticken, ersticken wird von den proben gesagt, wenn die kapelle bey dem probiren zu kalt stehet und das bley nicht in sich ziehen kann, dasz das werk nicht treibet, hart wird, und erfrieret' Jacobsson 4, 294b. 2) aktivisch: 'jemanden durch entziehen der luft töten', vgl. in dieser bedeutung das ältere erstecken, das später durch transitives ersticken abgelöst wird. a) mit genanntem objekt: davon der qualster jnen auff der brust so klibber ward, das sie nichts auffbringen noch auswerffen kundten, dampffte und stickte sie also C. Spangenberg Mansf. chr. (1572) 353b; darumb befand der feldmarschalck hochnützlich, ... also solche kayserliche armee im anfang, vnd gleichsamb in der wiegen, zusticken vnd zudempffen B. Ph. v. Chemnitz kgl. schwed. krieg (1648) 1, 420a; ... der baum ... den schöszlingsschatten stickt A. v. Arnim w. 22, 8 Gr.; das uns schnürt mit erznen ringen, das uns stickt mit dampf und feuer Fr. W. Weber Dreizehnlinden136 29; ein schwüles, glühendes gefühl fühlte sie über den ganzen leib, das ihr die kehle zusammentrocknete und sie stickte J. Schlaf der narr (1902) 68; vgl. auch Schmeller-Fr. 2, 728. b) ohne näher bezeichnetes, aber dem sinne nach vorhandenes obj. dat stickt 'es ist schwüle (d. h. ersticken veranlassende) luft' Schumann Lübeck (1907) 31. 3) seit ende des 18. jh. bis jetzt ist als einzige schriftsprachl. noch lebenskräftige form des verbums fest gebräuchlich das part. präs., stickend attributiv, prädikativ und adverbial; unpersönlich: im Orlathale war es stickend heisz Göthe IV 23, 9 W.; es ist so stickend heisz droben im saale Eichendorff s. w. (1864) 3, 22; zugehöriges subst. ist meist hitze, rauch, luft u. ä.: war es die stickende hitze unter dem dache hier oben Hauff s. w. (1890) 3, 245; stickender rauch brennenden reisigs H. Watzlik pfarrer v. Dornloh (1930) 115; sein athem versagt ihm bei stickend unnatürlicher luft R. Wagner ges. schr. (1897) 3, 229; als sie in den wald kamen, merkten sie, wie stickend die luft war Freytag ges. w. 5, 198; dasz ... er in die gurgel gosz, um den stickenden brand zu löschen Rosegger schr. III 8, 103; bergmänn.: die grubenarbeiter nennen diese ihnen oft so gefährlichen und schädlichen gasarten ... stickende wetter Karmarsch-Heeren2 3, 388; H. Veith bergwb. (1870) 437. gelegentlich auch im passivischen sinne von 1 a: ich glaube bemerkt zu haben, dasz ich mich mit stickender brust in meinem fenster nach der seite der brücke hindrehete Hermes Sophiens reise (1769) 1, 209 (vgl. Stieler u. Kramer o. sp. 2742). im sinne von stickig (u. sp. 2748): man führte mich in die schwarze, von hitze und ausdünstung stickende hauptstube eines judenkruges Ch. Fr. Schulz reise e. Liefländers (1793) 1, 21.
sticken, vb., selten, 'streben nach, sich verlassen auf etwas'. wohl auch als intensivum zu stechen zu verstehen, bedeutungsentwicklung im einzelnen ungeklärt; nur im mhd. und ält. nhd.: si (die Griechen) sticken ûf daz dritte veste und jagen dar nâch sunder reste (1300) Joh. v. Frankenstein kreuziger 1325 lit. ver.; tägleichen stick wir tag und nacht nach guet und weltlich er Oswald v. Wolkenstein 221 Schatz; [Bd. 18, Sp. 2744] was Aventinus schreibt, ist gar offt ein unergründliches narrieren, darauf andere nicht vil sticken wollen Chr. Selhamer tuba analogica (1699) bei Schmeller-Fr. 2, 728.
sticken, vb., schwesterform zu 2stecken (s. d. teil 10, 2, 1319).
stickenalt, adj., niederrhein., 'alt (vom bier)' Rovenhagen wb. d. Aach. mundart 139. dazu das subst. stickenalt, ntr., 'altes, abgelagertes, kölnisches weiszbier' Hönig wb. d. Kölner mundart 174a. —
stickenblind, adj., s. stickblind. —
stickendunkel, adj., s. stickdunkel. —
stickendüster, adj., s. stickdüster.
stickenschlag, m., zu sticken, m. (s. o.), 'schlag mit der stricknadel', vereinzelte bildung bei J. H. Voss: oft sagen junge männer mir süsze schmeichelein, oft tadeln sie als kenner, der strumpf sei allzu klein. thut einer ungemach, so straft ein stickenschlag s. ged. (1802) 6, 17.
stickenskunst, stückenskunst, f., dass. wie stickkunst, stickerkunst (s. d.), vereinzelt bei Ayrer: sagt, köndt jhr auch ein mannsbild lehren von silber vnd goldt die stückenskunst dramen 948 lit. ver. | |