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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm  ·  · 
 
kippen bis kippern (Bd. 11, Sp. 784 bis 789)
 
 kippen , ein wesentlich md. und nd. wort mit mehrfacher bed., die doch am besten zusammengestellt werden. mit einer bed. (7) tritt es aber nur oberdeutsch auf, merkwürdig genug.
1) zu kippe 1.
a) intr. das gleichgewicht verlieren und darum umschlagen (umkippen, überkippen) und fallen, oder auch je nach der natur des gegenstandes mit einem theil in die höhe, mit dem andern niederschnellen (abkippen und aufkippen). ebenso nd. kippen umschlagen, abgleiten, schnellen, s. brem. wb. 2, 774. das glas das 'auf der kippe stand' kippt wenn es den schwerpunkt verliert ('ist in bewegung umzufallen' Adelung); ein balken der in der wage, im gleichgewichte lag, kippt auf und ab, wenn er ihn verliert, wol auch kippt hin und her. diesz letztere könnte denn schon Luthers kipfen der bäume sein, es ist dieselbe bewegung wie bei der schaukel, kippe oder wippe, daher wippen schaukeln (vgl. wipfel). Die erste erwähnung find ich sonst bei Schottel 1344, dann bei Frisch der tisch kippt, deprimitur: ich hatte selbsten zu thun, dasz ich nicht von dem brete (auf dem er schwamm) herum kipte. Schelmufsky 1, 88; der wagen, das schiff wollte umkippen. Hennig preusz. wb. 122. beim perf. wird wechselnd haben oder sein gebraucht, jenachdem das kippen als ein thun oder leiden gefühlt wird, z. b. das bret hat gekippt, 'hat' sich kippend bewegt, geschwankt, aber ist umgekippt u. ä., 'ist' kippend umgeschlagen.
b) thätig, obwol intr.; mit dem stuhle kippen, Campe, lieber kippeln, sich kippend bewegen, schaukeln. bildlich abortieren: sê hat kippt oder ümmkippt. Danneil 231a, wie hess. umkeipeln (s. 361 unten), vgl. schottisch cowp owre (over) 362.
c) aber auch trans., z. b. den kippkarren kippen (kippen machen), dasz er sich entleere. das glas kippen beim trinken, um die neige zu gewinnen. so nordd. für trinken überhaupt, es scheint besonders eín Berliner wort, ênen kippen, einen schnaps trinken, eine flasche (die bulle) auskippen u. ä.: wir wollen in Palekes keller eine (flasche) Fredersdorfer (bier) kippen. H. Smidt Devrient-novellen 46, im munde eines lehrlings.
d) auch küppen kommt vor, so schreibt z. b. Lessing: sie drengen von entgegen gesetzten seiten in mich, beide wollen mich umstürzen .... dasz ich doch küppen musz. 8, 23. ebenso Frisch 1, 515b unten, bei Herder umküppen, in der Felsenburg verhochdeutscht aufküpfen (1, 697). ist das echt?
e) das wort hat viele nebenformem. dem küppen, küpfen nahe heiszt es schles. köppen, thür. köpfen, selbst bair. koppen, und alles das alt bezeugt, zum theil mhd.; ferner keppen und kepfen, deren e aber auf a zurückgeht, s. DWB kappen sp. 197 und kapfe kippe unter kepfen; noch anders im vocal käupeln. schweiz. mit der liquida vor dem wurzelauslaut gimpfen (gimpfe kippe), auch gempfen, gampen, gigampfen, und auch aus Pommern wird mir ein umkampeln angegeben. es ist klar, dasz da ein sehr alter stamm vorliegt, der sich so manigfaltig ausgeprägt hat.

[Bd. 11, Sp. 785]
doch können darin mehrere stämme zusammengeflossen sein, s. bes. 3, b und gabeln gaukeln.
f) so erscheint er denn auch auswärtig in schott. coup, schwed. kppla, s. sp. 362. merkwürdig schwed. kipped adj., was zu fallen droht Rietz 321b. nahe liegt auch schott. kip (up), to turn up, z. b. von einem aufgekrämpten hute, kip - nosed mit aufgestülpter nase, und altn. kippa schnellen, s. Fritzner. entlehnt niederwend. kipasch kippen Zwahr 152.
2) etwas anders trans. auf die kippe, kante stellen, besonders wenn es mit einem hebel geschieht, meist aufkippen, umkippen. Adelung, einen stein, ein fasz kippen; nd. upkippen aufheben und auf die kante stellen, wie upkanten. Richey 116. Schütze 2, 260, umkippen (auch intr.), z. b. einen block auf die ecke heben und dann auf die andere seite fallen lassen. brem. wb. 2, 775. im schiffswesen den anker kippen (auch nl. kippen, dän. kippe, schw. kipa, also aus dem nd., da das wort sonst dort fehlt). Röding 1, 106, wie aufsetzen, aufpentern, beim aufwinden schräg umlegen, dasz er die seitenplanken nicht verletze, vgl. DWB kippung. nach Campe auch ostereier kippen, auf die spitze stellen dasz sie sich überkugeln (s. aber 4, c).
3) die spitze abschneiden, abhauen, Adelung nur als nd. bekannt (s. besonders Dähnert); es ist aber md., während im gegentheil die nd. angabe z. b. im brem. wb. unsicher lautet, bei Danneil, Stürenburg ganz fehlt.
a) ich kipp, ἀποκόπτω Alberus Qq 4b, noch wetter. einen baum kippen, oben abhauen. ebenso vom andern ende des md. gebiets, aus Schlesien bei Steinbach ich kippe trunco: der baum ist abgekippt worden, decacuminata est, er kippte mit dem degen das gesträuche ab (auch verkippen); es ist aber auch sächs., voigtl.; auch ostpreusz. kippen abhauen Hennig 122. sächs. auch die feder abkippen, nachdem sie fertig geschnitten ist, die äuszerste spitze abschneiden. eigen osterl. kîpen die bäume ausschneiden, ausputzen.
b) auch hier wieder eine nebenform kipfen (s. d.), vgl. auch kipsen und kaupen. wenn sich auch das zwar am bequemsten zu kippe spitze stellt, kommt doch hier deutlich ein andrer stamm in frage. das entsprechende engl. chip heiszt vielmehr schnitzen, behauen, zerschneiden, ags. cippjan; nd. kippen auch einschneiden, kerben Kuhns zeitschr. 2, 97, nl. kip wie keep kerbe. eine ältere md. spur davon ist jedenfalls das kippe f. im Reinhart 1707 als schneidendes werkzeug, wol einfach hippe, wie die urspr. fassung hepe hat, s. J. Grimm sendschr. an Lachm. s. 60. ablautend entspricht kappen, das doch wieder auch ganz gleich kippen 3, a ist, s. mehr dort sp. 197. kippen von münzen, beschneiden, s. unter DWB kipper 3, b. 2, a.
4) mit der spitze hauen, stoszen, anstoszen u. dgl., das läszt sich wenigstens als gemeinsamer begriff der folgenden bed. fassen.
a) schwach, leicht hauen, sodasz es nicht eindringt, so in der Wetterau. nd. kippen picken (westf.) Kuhns zeitschrift 2, 479. hierher wol folg.:

mein adel litte hohn, wenn ich
nicht herr im hause hiesze.
kind, reduzire mich nur nicht
vor aller junker angesicht,
magst lieber mit der hippen
incognito mich kippen.
Overbeck ged. 152.


b) kippen mit dem stahl am feuerstein um feuer zu machen, so sächs., thür. und sonst, henneb. Frommann 2, 76.
c) ähnlich in einem spiele mit den ostereiern, die man je zwei mit den spitzen an einander stöszt, um zu sehen welches zuerst bricht, eine art wettspiel: mit roten eiern kippen, ovis paschalibus collidendo certare. Stieler 958; die ostereier oder mit ostereiern kippen. Adelung. nrh. keppen Frommann 3, 554. 557, ostfries. dem. kippken (auch hikken), westerw. köppen, küppen, nl. kinken. fränk. becken, schwäb. bicken (1, 1809), d. i. picken, schweiz. klöckeln, aber merkwürdig auch gipf m. spitze des eises. vgl. Frisch 1, 515c.
d) Stieler gibt kippen auch allgemein als ferire, icere, allidere, pulsando frangere, dazu ankippen allidere, illidere, aufkippen collidendo frangere, aber ohne weitere belege, nur nach dem vorigen? doch stimmt dazu nl. kip ictus, coup bei Kil., vgl. DWB kappen 4 a. e. sp. 198.
e) von vögeln, mit dem schnabel stoszend fassen: also nun die hüner hie und dort kipten und schluckten die (hingestreuten) bissen brots. Eulensp. cap. 8; von einem habicht, den kopf herunter halten und kippen. Döbel 2, 186b; dem esel die augen auskippen. Ryff thierbuch 114. es steckt wol auch in dem nl. kippen vom auskriechen der küchlein, eig. 'ova excludere, pullos edere' Kil., da die hühner die reifen eier aufpicken;

[Bd. 11, Sp. 786]
auch nordengl., schott. chip. diesz kippen ist eig. eins mit dem unter a und trifft wieder auch mit picken, bicken zusammen.
5) gold wiegen. M. Kramer 1787. s. kippe 4 sp. 782.
6) geld aufwechseln, kipperei treiben, s. DWB kipper 3, b.
7) endlich, merkwürdig durch ort, bedeutung und verwandtschaft ein schweiz. kippen, stälen, suppilare, clepere, furari Maaler 243d, verkippen heimlich verzucken, surripere, suffurari 422c; bei Frisius clepere, kippen, stälen 235b u. a.; noch bei Stalder 2, 103 schnell und heimlich wegnehmen, doch nur von geringfügigen dingen, als milderes wort für stehlen, auch kibben. Zwar hat auch Schottel 1344 'kippen und wippen' fälschen, triegen, entwenden, kippung subreptio, furtum, und ihm nach Stieler kippen 'fallere, fraudare' und 'surripere'; aber das ist erst von den kippern des 17. jh. abgeleitet, wie Schottels angabe zeigt, s. auch DWB kipperei, DWB kippicht. ein nl. kippen ferner heiszt ausklauben, das beste aussuchen, auch nd. kippen, ûtkippen auslesen, s. oben auskippen 1, 892; das scheint aber erst vom kippen mit der wage entstanden (s. unter kipper). Dagegen stimmt zu dem Schweizerworte (man beachte Stalders 'schnell', Maalers 'verzucken', heftig, rasch wegziehen) ein nordisches wort: altn. isl. kippa reiszen, ziehen mit raschem griffe, s. Fritzner 349a, schw. kippa, dän. kippe; auch altengl. kippe to take up hastily Halliwell 495a, näher noch schottisch kip to take the property of another by fraud or violence, kep to catch. die brücke zu dem schweiz. worte bildet nl. kippen greifen, fangen, aber auch stehlen (wegstelen Weiland). ist diesz nl. wort den Rhein hinauf gewandert? das nord. wort hat übrigens zugleich eine merkwürdige berührung mit kippen 1, es heiszt auch schnellen, s. das gleichbed. koppen 3. vgl. noch Diefenbach goth. wb. 2, 441 wegen auswärtiger anklänge.
 
 
kipper, m. münzfälscher, nachher gewöhnlich verbunden kipper und wipper; zur sache s. die eingehende darstellung bei G. Freytag bilder aus d. d. verg. 2, 134 ff.
1) das wort taucht i. j. 1619. 20 auf (s. kipperjahr), als plötzlich das gute geld verschwand und dafür kleine schlechte münzen von kupfer in silber gesotten (kippergeld) in massen erschienen, die dann für einige jahre den kleinen verkehr beherschten.
a) als deren urheber werden die kipper genannt. Frisch z. b. citiert einen chronisten von 1651, A. Rittner altmärk. chron.: in diesem (1620) und folgenden jahren erhub sich das hochschädliche kipperwesen, welches unter dem zierlichen namen der münzverwechselung den anfang genommen hat ... da sahe man nichts als leichtfertige paphanen, groschen die schier auf dem wasser hätten schwimmen mögen, kupferne pfenning ohne zahl, dasz auch die kinder auf den gassen damit spielten. bei Weller lieder des 30 jähr. kr. 145. 153 ein newes schönes lied, allen falschen und leichtmünzern, küppern und ihren saubern rottgesellen den juden und judengenossen zu ehren gestellet; es heiszt darin u. a.:

die kipper allein sind auszerkorn
dasz sie auf erd solln schweben. 154;

jetzt wöllens (die 'groszen diebe', die kipper) grosze herren sein,
prangen mit schönen hengsten rein u. s. w. 155,

danken auch an ihren häusern mit goldnen inschriften für 'gottes segen'. andere dahin gehörige flugblätter in Scheibles fliegenden blättern des 16. und 17. jh., s. 44 ein spruch der jüdische kipper und aufwechsler mit kupferstich, dessen held ein vornehmer jude ist.
b) 'kipper und wipper', auch kipperinnen werden erwähnt:

denn es ist jezt des teufels frucht
herfür kommen, ein edle zucht,
kipper und wipper sind sie genannt u. s. w.
Scheibles flieg. bl. 49;

examen aller unchristlichen geldschinder, sich geldhändler wolt ich sagen, oder .. wipper (wipperin) und kipper (kipperin), so ihr getrewer lehrmeister der teufel mit ihnen .. anstellet, v. j. 1621, Weller s. xxii. 'in dem rufe der wachtel glaubte man ihren namen zu hören und der pöbel schrie kippediwipp hinter ihnen her, wie hep hinter den juden' (Freytag bilder 2, 146, vgl. 149):

hört zu, itzt wolln wir singen
ein neues liedelein
von kipp- und wippers-gesinde,
was das für vogel sein.
die kip die wip, die kip die wip (kehrreim),
sie sind gar hoch geflogen u. s. w.
Opel und
Cohn der dreiszigjährige krieg 423, 'kipp- wipp- und münzer lied'.

der titel einer flugschrift v. 1621: kippediwip oder wachtelgesang, d. i. warhaftige .. namensabbildung, wie .. das schändliche heillose gesindlein der guten münzausspäher und verfälscher

[Bd. 11, Sp. 787]
.. in dem wachtelschlag .. namhaft gemacht werden. Weller s. xxvi.
c) aber kipper und wipper werden anfangs unterschieden. eine flugschrift von 1621 nennt sich jedermannes jammerklage über der falschen wippr wage, das gedicht beginnt:

fraget jemand wer dieser ist ...
sein name heiszet münzenwippr,
sein diener wird genandt ein kippr,

also der wipper die hauptperson, der kipper in seinen diensten; jener ist eins mit dem münzer, münzmeister. bei Scheible s. 61 z. b. sagt ein wucherischer münzmeister:

ich thät bei meinen spieszgesellen,
kipper und aufwechsler, bestellen
mit fleisz dasz sie aus allen orten
die beste münze zu mir fürten,
daher mein tiegel so sehr zunahm u. s. w.

und doch ist in den worten selbst kein unterscheid enthalten, s. 2, b. ob sich, wenn auch nur vorübergehend, die leute selbst so genannt haben? s. 59 eine warnung an die gotts- und gewissenlose geldwucherer:

komm her, du verdammte kippersrott ...
mit deim unersättlichen gelddurst.
weil grosze herrn dein handwerk treiben,
meinst du wöllst ungestrafet bleiben u. s. w.;
denn das kippen in dieser zeit
brauchen kremer und handelsleut
nicht allein, sondern es ist auch
bei gelehrten kommen in brauch. 50.


d) der ausdruck blieb über seine veranlassung hinaus: kipper aeruscator. Stieler 958, der gelt aufnimbt durch böse künst Denzler 1, 19b; kipper und wipper, münzbeschneider, falscher münzer, billonneur, auch groszer wucherer, thaler- und ducatenkipper Rädlein 536b; das franz. billonner, billonnage hat den gleichen sinn und mag aus gleicher zeit stammen (billon eig. schlechte kupfermünze, betrügerisch weisz gesotten). bis in unser jahrh. dienten sie sprichwörtlich und bildlich: die unerbittliche verstümmelung kritischer kipper und wipper. Herder 2, 130, er denkt ans beschneiden der münzen: wie manche wahrheiten er als ein kipper und wipper behandele. Hamann 4, 253; ihr kam es freilich halb so vor, als freue ihr mann sich der scheidewand, da sie selber an Leibgeber wenig behagen und an ihm nur den kipper und wipper ihres mannes gefunden, der diesen noch eckiger zuschnitt als er schon war. J. Paul Siebenkäs 3, 21.
e) auch ward schon im 17. jh. der begriff erweitert. Stieler nennt neben geltkipper auch kornkipper dardanarius (kornjude), weinkipper nundinator vinarius, kleiner weinkrämer. noch jetzt in Thüringen kipper für getreideaufkäufer, schwäb. bair. kipperer wucherischer händler mit lebensmitteln, kornkipperer Schmid 312 (s. 3, d), wie kauderer, das seinerseits gleich kipper vorkommt. kipper und wipper leutbetrüger Comenius orb. p. 2, 91c.
2) Über den ursprung war man später unsicher.
a) man faszte sie meist als münzbeschneider (nach kippen 3) und nannte diese so, z. b. Comenius a. a. o.: der kranz wird (den münzen) beigefügt, dasz man bald der kipper ihren betrug sehe, welche die münzen gern beschneiden; s. auch Rädlein vorhin unter d und schon Philander unter kipperjahr.
b) sie sind aber zuerst kipper genannt von der wage. nicht das beschneiden, sondern das aufwechseln des guten geldes, um schlechtes daraus zu prägen, wird den kippern zum vorwurf gemacht, daher sie auch aufwechsler heiszen (1, a a. e.). bei der alten einfachen art des münzens fielen nämlich notwendig die einzelnen stücke an gehalt sehr ungleich aus, und es war längst ein einträgliches, für unredlich angesehenes geschäft, die über den nennwert haltenden stücke auszuwägen und einzuschmelzen. das wird in stadtrechten oft verboten, z. b. in dem von Goslar bei Leibnitz script. brunsv. 3, 500: we pennenge vorleset (ausliest) unde de swaren ut denne lichten tüdt (zieht), dat is duve (diube, diebstal); die überwichtigen heiszen nd. (das. 458) utwippende, die auf der wage den balken 'auswippen' machen, wippen ist eig. das schwanken, schnellen des wagebalkens, wie kippen (s. u. kippe 4 und vgl. ostfries. küppwüppe kippkarren). jene silbernen pfennige von überwiegendem gehalte können daher auch 'auskippende' heiszen, und das nd. ûtkippen genau besehen und aussuchen, auch blosz kippen Strodtmann 103 u. a., nl. uitkippen stammt wol daher, eig. aussuchen mit der wage, wie das auch auswippen heiszt, z. b. in einer chursächs. münzverordnung anf. 17. jh.: das sich etliche betriegliche kramer .. der probir- und windöfen zum granaliren (s. Freytag bilder 2, 139 unten), auswippen, schmelzen u. dgl. münzverfelschunge gebrauchen,

[Bd. 11, Sp. 788]
nachher wird es auch auswegen genannt. im 16. jh. heiszt diesz auswägen auch schnellen, ebenso nach dem schnellen des wagebalkens:

und auch ander schlecht gesellen,
die golt- und silbermünz schnellen.
mit der wag sie das beginnen;
wann sie der schweren münz finden (l. finnen),
die schwer gnug seint an dem gewicht,
der kümbt keine mehr zu dem licht. spruch von der welt lauf (Speier o. j.) a 4b.
Bechsteins d. museum 2, 210.

in einem liede von 1622 tritt das kippen als wägen deutlich hervor:

sie mauscheln ja und wechseln ein,
nichts darf sich blecken lan ...
die kip die wip, die kip die wip!
sie lieferns in die münz geschwind,
kippens nach der mark dahin
und nehmen zehenfachn gewinn
mit dem losn münzersgsind.
Opel u.
Cohn 30j. kr. 424,

hin kippen, hin wiegen, 'die kip die wip', in jeder strophe wiederkehrend, vom sänger gewiss mit malender handbewegung begleitet, ahmt wol hier neben dem wachtelschlag zugleich die bewegung der wage nach (vgl. u. klippklapp). so faszt es auch z. b. Melzers Schneeberger chronik 964 auf (Frisch 1, 515b): die aufwechsler legten die guten groschen und andere münzen auf ein gewisses instrument oder wage, und sahen ob sie auf oder nieder kippten, was niederküppte behielten sie und wechselten sie ein um ein geringes aufgeld. vgl. kippe 4 als goldwage, kippen gold wägen, auch der wagebalken soll kippe heiszen. vgl. nl. knipwage schnellwage Junius nom. 238b. Kilian.
3) Auf die kipper bezogen war denn auch kippe, kippen, kippern u. a. in gebrauch.
a) 'kippe und wippe', kipperei, z. b. die kippe und wippe haben ihn in kurzen so reich gemacht. Rädlein 536b.
b) die münze kippen, beschneiden, kippen und wippen billonner. ders.; bei Denzler, Steinbach noch vom aufwechseln, kippen aeruscare, allerhand geld einschachern. noch jetzt von gewissem ähnlichen geldschacher, z. b. in einem messberichte aus Leipzig: die unbehaglichkeit der messbesucher steigerte sich noch durch das kippen und wippen mit den fremden banknoten, die hier keine auswechselungscassen haben. Leipziger tageblatt 17. mai 1859.
c) es hiesz auch kippern, von kipper neu gebildet:

da sich dem wucher gar viel leut
ergeben und ganz ärgerlich
mit kipperen bereichern sich.
Scheibles fl. bll. 177;

kippern und wechseln tag und nacht ...
ihr kippern bringt in grosze noth
vil leut. 45, gleich darauf auch kippen.


d) davon wieder kipperer gleich kipper:

hiebei merkt auf ihr wipperer,
ihr wucherer und ihr kipperer,

in einem spruche: der hochschädlichen wipperer und kipperer als geld- land- und leutverderber lehrmeister. das. s. 175. es ist noch schwäb., s. 2, e.
 
 
kipper, pl. kippern, knöpflein, aufwurf von wolle auf gewissen zeuge. M. Kramer (1719) 1, 221a, er erklärt damit nl. nop, ebenso noppen mit kippern, knöpfeln: gekippert, geknöpfelt tuch, noppig of genopt laken, so mit knöpflein aufgeworfen; vgl. DWB knöpflein 1. auch die ausg. 1787 1, 285c bietet es noch: noppig laken, gekippertes tuch, das lauter kleine knoten und flocken hat; nopster, eine frau welche die oberfläche der wollenen zeuge in knoten zupfet. woher das?
 
 
kipperei, f.
1) aeruscatio, kipperei treiben Stieler 959, s. kipper: billonner, geringhältige schlimme geldsorten an statt guter geben oder andere kupperei (so) oder wipperei damit treiben. Frisch franz. wb. (1719).
2) erweitert kipperei mit wahren treiben, praemercari, adulteria mercis committere. Stieler, s. kipperwaare: wenn man mit solcher kipp- und wipperei zu thun hat. causenmacher 32. kipperei ist noch gebraucht für wucherlichen kleinhandel (s. kipper 1, e sp. 787).
3) bei Stieler auch subreptio, furtum (?). s. kippen 7.
 
 
kipperer, s. kipper a. e.
 
 
kippergeld, n. pecunia aerosa. Stieler 682:

wann sie viel geld gebracht zu haufn,
schöne häuser und gärten kaufn ...
für solch leichtfertig kippergeld.
Scheibles flieg. bll. 50.


 
 
kipperhut, m. 'schaubhut', un chapeau à larges bords. Rädlein 536b, wol ein modehut, nach den kippern benannt, noch bei M. Kramer 1787 als 'schuifhoed'. schon in der kipperzeit:

[Bd. 11, Sp. 789]

ein kipperhut er offen (auf) hat,
darzu ein wipperschnur,
ein breiten rand, sicht niemand an,
guckt nur mitr nasn herfur. lied v. 1622,
Opel u
Cohn s. 425.


 
 
kipperin, f. fraudatrix. Stieler 958, fem. zu kipper, s. d. 1, b. bildlich: von den heillosen kipperinnen und wipperinnen der kindheit, denen wir eben so viel lahme beine als lahme herzen zu danken haben .. mägden und ammen. J. Paul 1, 31.
 
 
kipperjahr, n. kipperzeit, wie man von einem guten weinjahr noch lange redet (s. kipper): verba ut nummi. es ist unsere sprach diszmahlen in ein recht kipperjahr gerahten: jeder beschneidet, bestimmelt dieselbe wie er will, gibt ihr einen halt (gehalt) und zusatz wie er will. und wie solche leichte münzen, wie weisz sie auch gesotten sind, dannoch anderst nichts in sich haben, als kupfer, am halt u. s. w. Philander 2, 154 (1650 153). Simpl. 1, 704 (4, 463 Kurz).
 
 
kipperling, m. kippermünze. Opel u. Cohn dreiszigj. kr. 424, 6, geschrieben zwar küpperling, an kupfer angelehnt; es klingt auch an kickerling 5 an.
 
 
kippern, kipperei treiben, s. unter DWB kipper 3, c. noch schwäb. bair. von wucherei mit lebensmitteln, auch schleichhandel.