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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm  ·  · 
 
hungertod bis hungerzitze (Bd. 10, Sp. 1950 bis 1951)
 
 hungertod, m. tod durch verhungern: den hungertod sterben; die wenigen terzinen, in welche Dante den hungertod Ugolinos und seiner kinder einschlieszt. Göthe 33, 211.
 
 
hungertuch, n.
1) tuch womit zur fastenzeit der altar verhangen ward, mhd. hungertuoch (Lexer wb. 1, 1387): velum hungertuch Dief. 609c; item ein mechtig schön fastentch oder hungertch uff 200 linwat. verz. des kirchenschatzes im Berner münster in Mones anz. 5, 376; dich solt leren das hungertch, das man uf spant, im selben ler z dem minsten abstinenz und fasten. Keisersberg narrensch. 153b; die fasten, palmtag, und marterwochen lassen wir bleiben (bestehen) ... doch nicht also, das man das hungertuch, palmenschieszen, bilde decken, und was des gaukelwerks mehr ist, halten (soll). Luther 3, 284a; da (in den fasten) verhüllet man die altar und heiligen mit tuch, und läszt ein hungertuch herab, das die sündigen leuth die götzen nicht ansehen, noch die heiligen bilder die sünder. S. Frank weltb. (1567) 133a; darnach hat man .. die bilder in kirchen verhenget mit dem hungertuch. Mathesius postilla 3, 86a; vormals ist nach päpstischen gebrauch das so genannte hungertuch in der kirchen s. Johannis zu sehen gewesen, welches a. 1472 Jacob Gürtler, ein gewürzkramer, verfertigen lassen und in die kirchen verehret. es war ein groszes auf leinwand gemaltes gemälde, worauf 90 biblische geschichte alten und neuen testaments entworfen .. dieses tuch ward alle jahre in der fastnacht aufgehenkt und mitten in dem groszen gange der kirchen bis oben hinauf gezogen von einem pfeiler die quer über bis zum andern, allwo es bis auf den guten freitag hangen bliebe. nachdem es 200 jahre gehangen hatte, wurde es a. 1672 gar abgeschafft. J. B. Carpzov analecta fastorum Zittaviensium (Zittau 1716) 1, 63f.; das hungertuch, ein mit biblischen historien bemaltes tuch, das die papisten von der fastnacht bis zum charfreitag aushingen. J. Paul briefe u. lebensl. vorr. s. viii. sprichwörtlich: es reimpt sich eben wie der teufel und unser hergot am hunger tch. S. Frank sprichw. 2, 51a. bildlich, von einer finsternis: von diesem hungerthuch das fürgefallen ist, und der sonnen ihr bildtnusz, glanz, schein bedeckt hatt. Paracelsus opp. 2, 659 A.
2) im 16. jahrhundert erscheint die redensart am hungertuche nähen, flicken, fasten, kümmerlich sich behelfen, die keinen bezug mehr auf das kirchliche hungertuch zeigt: musz oft eine gute fette küchen lassen, und am hungertuche flicken. J. Rhode tugendsamer weiber spiegel (1586) D 5a;

dein eigen weib und kind
knecht, meid und alles hausgesind
das musz am hungertuch dir nehen.
H. Sachs 1, 164c;

er musz am hungertuch erst nehen. 364b;

das mus er neen am hungertuch. 5, 327b.

gleichzeitig und später heiszt es dafür am hungertuch nagen. warlich, gnädiger herr, am hungertuch nagen macht schwechlich zu schlagen. Garg. 218b; andere narren sihe ich, welche ihren reichtum und pracht nur herauszen auf der gassen erzeigen und sich statlich sehen lassen, aber anheimbs in ihren häusern am hungertuch nagen und nichts weder im zipfl noch sack haben. Albertinus Gusman v. Alfarache (1616) s. 398; muste ich an meinem ordinari hungertuch nagen. Laz. de Tormes 44; am hungertuche nagen. Schottel 1112b; denen zum theil an dem hunger- und kummertuche nagenden creditoribus. mandat des herzogs Friedrich von Gotha vom 29. mai 1753 in den Eisenachschen wöchentl. nachrichten 1753, 25. stück; und wenn ich auch am hungertuch nagen müszte. Bettine briefe 1, 149;

ich füll mein wanst und wasch mein kragen,
lasz weib und kind am hungertuch nagen.
H. Sachs 4, 3, 37a;

ich war ein biedermann und nagte
am hungertuch.
Wieland 4, 301 (106).


3) andere redewendungen: auf königlichen tafeln breitet man kein hungertuch. Otho 1365;

dann trät ich (der sohn eines armen webers spricht) froh ins kleine zimmer,
und riefe: vater, geld genug!
dann flucht er nicht, dann sagt er nimmer:
ich web euch nur ein hungertuch!
Freiligrath dicht. 3, 84.

[Bd. 10, Sp. 1951]

 
 hungervierteljahr, n.: die drei letzten monate vor der roggenernte (juni, juli, august) pflegt man das trockene oder hungervierteljahr zu nennen. Mülhause die urreligion des d. volkes 280.
 
 
hungerwach, adj. wach vor hunger:

jetzt heulen wölfe am verschneiten grunde,
wie bettler, hungerwach, in nächtger stunde
am grabe eines milden königs jammern.
Lenau neue ged. 79.


 
 
hungerwiese, f.:

(die kunst zu reimen, die) dich aber auf den weg der hunger. wiesen führt.
B. Neukirch ged. 141-


 
 
hungerwurm, m. hunger unter dem bilde eines wurms:

ach! niemand that mir was zu leide:
allein der hungerwurm nagt mir am eingeweide.
Musäus kinderklapper 64.


 
 
hungerwüste, f. wüste, hungersnot erzeugende gegend:

was thaten wir, als halb im sand
Bourgoynes heer sein grab
durch jene hungerwüste fand,
und halb sich uns ergab?
Gökingk 3, 77.


 
 
hungerwüthig, adj. mit der wut des hungers behaftet: ein griff gäbe dem hungerwüthigen das, wofür er mahlzeit, zimmer, gastgeber und das haus des gastgebers kaufen könnte. Tieck nov. kranz 4, 96.
 
 
hungerzahn, m., plur. -zähne, kleine zacken, fast wie nadelspitzen, auf den mahlzähnen junger schafe; es pflegen sich diese zacken zu bilden, wenn die jungen schafe nicht zunehmen wollen, wenig fressen und elend aussehen. Nemnich.
 
 
hungerzeit, n. zeit der kärglichen oder stockenden nahrung: das fett musz bei einigen (thieren) zur erhaltung des lebens während der hungerzeit dienen. Brehm illustr. thierl. 1, xxxiv.
 
 
hungerzitze, f., plur. -zitzen, zitzen welche sich öfters innerhalb der lefzen und am gaumen der pferde befinden. Nemnich.