Bedeutungswandel - Bezeichnungswandel

Allgemeine Erläuterungen zur Zielsetzung
Parameter des Bedeutungswandels
Plan der konkreten Umsetzung
Das Schulprojekt Mai 2000 in Konz
Die Ergebnisse der SchülerInnen 

Zielsetzung:
Mit diesem Themenkreis sollen nunmehr die Grundfragen des Proseminar II (Analyse zentraler Texte des hohen und späten Mittelalters: Mittelhochdeutsche Lektüre für Anfänger) behandelt werden. Eines der zentralen Themen im Rahmen des Grundstudiums ist der Bedeutungs- bzw. Bezeichnungswandel. Er ist sowohl für sprach- als auch für literaturwissenschaftliche Fragestellungen zentral. Nur wenn den Lernenden bewußt ist, daß der Wortschatz der Gegenwartssprache eine historische Dimension hat, können Übersetzungen gelingen, können mithin ältere Texte erst adäquat verstanden werden. Aus diesem Grund werden Bedeutungs- und Bezeichnungswandel im einführenden Proseminar II thematisiert und ausführlich behandelt, kommen darüber hinaus jedoch auch in allen Seminaren zur Sprache, die sich mit der Interpretation mittelalterlicher bzw. älterer Literatur beschäftigen, d.h. im Proseminar III (Einführung in die literaturwissenschaftliche Arbeitsweise der Mediävistik und in das Übersetzen aus dem Mittelhochdeutschen) sowie in den literaturwissenschaftlichen Hauptseminaren.

Es gibt nur wenige und unzureichende didaktische Materialien, die die Anfänger systematisch an diesen Themenkomplex heranführen können, denn die Materialien bestehen im wesentlichen aus langen, unübersichtlichen Wortlisten, bei denen die Entwicklung eines Wortfeldes in seiner Vernetzung ebensowenig deutlich wird wie die Bedeutungsentwicklung eines Wortes nach verschiedenen Parametern. Eine Darstellung des Bedeutungswandels einzelner Wörter im Kontext eines umfassenden Wortfeldes, die sprachwissenschaftlich-methodisch auf dem neuesten Stand ist, sowie die Möglichkeiten der Neuen Medien zur Veranschaulichung komplexer prozeßhafter Vorgänge nutzt, ist sowohl für den akademischen und schulischen Unterricht als auch für die Forschung als Desiderat anzusehen. An einem gut nachvollziehbaren Beispiel aus der Lebenswirklichkeit der SchülerInnen und Studierenden, anhand der Wortfelder 'Frau' und 'Mann', soll daher eine neue computergestützte Darstellungsform des Bedeutungswandels entwickelt werden.


Parameter:
Angeregt durch die Erfahrung der Visualisierungsmöglichkeiten von komplexen Prozessen mit Computeranimation entstand das Konzept, den Bedeutungswandel (-entwicklung/-verengung/-erweiterung/-verschiebung) bestimmter Wortfelder didaktisch neu aufzubereiten und gerade die Vielfalt der prozessualen Komponenten zu visualisieren. Besonders geeignet sind die Wortfelder für 'Frau' und 'Mann', da diese im Laufe der Sprachgeschichte immer wieder verschiedenen Wandlungen unterworfen sind und sie zu den Dingen gehören, die immer wieder neu differenziert bezeichnet werden müssen. Didaktisch vorteilhaft erscheint es, das Interesse der SchülerInnen und Studierenden an diesen Wortfeldern auszunutzen, die sie aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz gut kennen und für die sie selbst auch über eine reiche Synonymik verfügen. Daher lassen sich die Veränderung in diesem Feld der Lexik aktuell gut nachvollziehen (Beispiel 'Fräulein') und insbesondere die Verschiebungen innerhalb der akro-, meso- und basilektalen Bereiche bewußt gemacht werden.Anhand folgender Leitfragen oder Leitthesen, illustriert an den Wortfeldern 'Frau' und 'Mann', soll der Themenkomplex bearbeitet werden:

  1. Diastratik:
    Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Gegebenheiten der materiellen und geistigen Umwelt und Wörtern. Wenn bestimmte Berufe aussterben bzw. selten werden (Magd/Knecht), können die Wörter mit ihnen verschwinden. Andererseits läßt sich auch häufig eine Trennung von Wort und Sache beobachten, ein verselbständigtes Weiterleben der Wörter (Jungherre/Junker), oder soziologische Verschiebungen, denen die Sprache folgt (Herrin, Mannen). [Vgl. dazu die Zeitschrift 'Wörter und Sachen' (1909ff.).]
  2. Diachronie:
    Das Aufkommen und Aussterben (aktuell: Weib/Fräulein) von Wörtern soll thematisiert werden. Eine solcher Prozeß von Aufkommen, Gebrauch und Aussterben kann geradlinig-final (wîp), aber auch "unlogisch", in Sprüngen vor sich gehen (frô im Gegensatz zu Fronleichnam, kone aber Queen, wer im Gegensatz zu Werwolf). [Vgl. dazu Alice Vorkampf-Laue: Zum Leben und Vergehen einiger mittelhochdeutscher Wörter. Halle/Saale 1906; Nabil Osman: Kleines Lexikon untergegangener Wörter. München 91997.]
  3. Diatopik:
    Die dritte Leitfrage gilt Unterschieden im Gebrauch bestimmter Wörter und Bedeutungen zwischen Hochsprache und Dialekten (Mädchen, Mädel, Mädle, Dirndl, Deern, Juffer). [Vgl. dazu Walther Mitzka / Ludwig Erich Schmitt: Deutscher Wortatlas. Giessen 1976 sowie verschiedene Regionatlanten.]
  4. Onomasiologie/Semasiologie:
    Schließlich muß auch das Problem Onomasiologie vs. Semasiologie/Semantik angesprochen und der Frage nachgegangen werden, ob sich die Bedeutung eines Wortes verändert oder aber ob wir mit dem Wort etwas anderes bezeichnen (Wirtin/Wirt). [Vgl. dazu Albert WAAG: Bedeutungsentwicklung unseres Wortschatzes. Ein Blick in das Seelenleben der Wörter. 1.-3. Auflage. Lahr i. Br. 1915; Franz Dornseiff: Bezeichnungswandel unseres Wortschatzes. Ein Blick in das Seelenleben der Sprechenden. Lahr i. Br. 1966 (= 4. Auflage des Vorigen).

Konkrete Umsetzung
Die Prozeßhaftigkeit solcher Vorgänge konnte bislang im statischen Bildmedium nur unzureichend angedeutet werden. Die historischen und semantischen Dimensionen des Bedeutungswandels sollen daher mit Hilfe von Computeranimation verdeutlicht werden. Die animierten Sequenzen sollen zugleich für die Schule mit Textbeispielen, für das Proseminar II mit elektronischen Wörterbüchern zu verschiedenen Sprachstadien des Deutschen verknüpft werden (Lexer, Benecke/Müller/Zarncke, Grimm). Die verschiedenen Parameter des Bedeutungswandels (z.B. sozial, juristisch, biologisch, funktionell, moralisch, historisch) und ihre Verflechtungen sollen auf verschiedene Weise sichtbar gemacht werden.

  1. Zwei Parameter:
    Die oben genannten Aspekte werden jeweils als Entwicklungsachse, kombiniert mit der Zeitachse als fester Größe, dargestellt, auf der die Bezeichnungen aufscheinen, verschwinden, sich verändern. Zum einen sollen Sequenzen generiert werden, die ohne Eingriffsmöglichkeiten der BenutzerInnen abgespielt werden, zum andern solche, die eine interaktive Steuerleiste beinhalten, mit der die BenutzerInnen in die Lage versetzt werden, selbst die Darstellung bzw. die Geschwindigkeit des technischen Ablaufs zu bestimmen und zu steuern. Erläuterungen können zur Animation eingesprochen und mit dieser synchronisiert werden. In dieser Phase sollen die SchülerInnen und Studierenden nach Möglichkeit in die Computerarbeit mit einbezogen werden.
  2. Drei Parameter:
    Die einzelnen Achsen sollen in einem zweiten Schritt in einer dreidimensionalen Darstellung in Bezug gesetzt werden, um die komplexen Verflechtungen des Bedeutungswandels anschaulich darzustellen. Die Realisierung der Animation entspricht den oben gemachten Ausführungen. Beispiel: dirne chronologisch - soziologisch - dialektal.

Im Mai des Schuljahres 2000 wurde in Zusammenarbeit mit dem Gymnasium Konz ein zweites Multimedia-Schulprojekt durchgeführt. Hier geben MitarbeiterInnen des Projekts eine Einführung in die Trierer Materialien:

Die Schüler und Schülerinnen eines 11er Deutsch-Leistungskurses sollten sich in ihrem Unterricht mit dem Problem des Bedeutungs- und Bezeichnungswandels beschäftigen. Zunächst stellte die Trierer Projektgruppe den SchülerInnen ihre Materialien vor und erläuterte anschließend die Zielsetzung des Teilvorhabens zum Bedeutungswandel. In angeleiteter Gruppenarbeit beschäftigten sich die SchülerInnen mit der Geschichte eines von ihnen gewählten Wortes aus den Wortfeldern "Frau" und "Mann". Sie werteten entsprechende Artikel aus dem Grimmschen Wörterbuch aus und ordneten das Material nach bestimmten Kriterien und setzten anschließend diese Ordnung in anschauliche computergestützte Darstellungen um. In einer abschließenden gemeinsamen Sitzung mit der Trierer Projektgruppe formulierten sie ihre Erfahrungen, vor allem ihre Probleme bei der - für SchülerInnen doch ungewohnten - Arbeit mit den historischen Wörterbüchern. Jede Gruppe führte schließlich ihre kreative Umsetzung einer "Wortgeschichte" vor. Diese Ergebnisse werden im folgenden kommentiert vorgestellt.

Bei der Vorstellung und Diskussion ihrer Resultate äußerten die Schüler häufig, die Wörterbuchartikel seien von der Sprache her schwer verständlich, da veraltet, seien unübersichtlich und wirkten trotz komplexer Hierarchisierungen unstrukturiert und streckenweise wiederholend. Zudem wurden die inhaltlichen Grenzen des Wörterbuchs bemängelt. Einige Schüler zeigten sich enttäuscht, daß sie z.T. auf Fragestellungen in den Artikeln keine exakten bzw. zufriedenstellenden Antworten finden konnten. Darüber hinaus blieben die Quellen-Siglen für die Schüler weitgehend unbekannte Größen, so daß es für sie sehr schwierig war, ohne Hilfe den sozialen Kontext einer Bedeutungserklärung über die expliziten Angaben im Artikel hinaus auf Grund der Textsorte zu erschließen.

Aus den Fragen von Mitschülern und Lehrer entwickelte sich bei allen Präsentationen eine rege Diskussion, die deutlich werden ließen, daß die Schülerinnen und Schüler vielfältige Anregungen zur Sprachreflexion erhalten hatten. Trotz der anfänglichen Vorbehalte der Schüler gegen die Wörterbucharbeit waren ihre Resultate inhaltlich angemessen, gestalterisch vielfältig und einfallsreich. Zurecht waren die meisten Schüler letztlich stolz auf ihre Produkte, die über die oben angegeben Links eingesehen werden können.


Vgl. dazu auch Ruth Kersting / Andrea Rapp: Mein schönes Fräulein ... Bedeutungs- und Bezeichnungswandel in Wortfeldern anhand des Grimmschen Wörterbuchs. In: Praxis Deutsch 165 (2001), S. 54-59.

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