Abgedruckt in: Unijournal 25/3 (1999), S. 37f.

Von manigerleie sprâche

Multimedia-Einsatz in der historischen Sprachwissenschaft

In einem Projekt zur Verbesserung der Lehre, das 1999 von der Senatskommission für Lehre und Weiterbildung gefördert wird, erarbeiten Lehrende und Studierende der Fächer Germanistik und Informatik multimediale Lehr- und Lernmaterialien zur Einführung in die historische Sprachwissenschaft. Kooperationspartner aus verschiedenen Fächern und Institutionen sowie Schulen in Rheinland-Pfalz und Luxemburg unterstützen das Vorhaben durch Bereitstellung von Materialien und fachliche Beratung.

Das Proseminar I der Älteren deutschen Philologie ist für alle Studierenden der Germanistik obligatorisch, denn hier werden im Rahmen der akademischen Ausbildung die notwendigen sprachwissenschaftlichen Grundlagen vermittelt. Die Beschäftigung mit historischer Laut- und Formenlehre vom Indogermanischen bis zum Neuhochdeutschen ist jedoch aufgrund mangelnder schulischer Voraussetzungen für alle Anfänger eine der größten Hürden im Grundstudium. Auf Anregung von Prof. Dr. Christoph Gerhardt hat sich daher Mitte des Jahres 1998 eine Projektgruppe aus Philologen und Informatikern zusammengetan, die den Zugang zu dieser grundlegenden Materie durch den Einsatz elektronischer Medien für die Studierenden erleichtern und attraktiver gestalten wollen. Sprachwissenschaftliche Prinzipien, die Themenbereiche und Problemfelder des Proseminar I, sollen mit Hilfe von Computeranimation veranschaulicht werden. Derartige multimediale Unterrichtsmaterialien sind mittlerweile für verschiedene sprachwissenschaftliche Themen verfügbar; die Trierer Materialien werden das Angebot durch den bislang kaum abgedeckten Bereich der historischen Sprachwissenschaft ergänzen.

Der experimentelle Charakter des Projekts und die rasanten Entwicklungen auf dem Gebiet der Informationstechnologie machten von Beginn an die Suche nach Kooperationspartnern notwendig, die ansonsten für die Sprachwissenschaft eher ungewöhnlich sind. Gerade diese Gesprächspartner haben die Projektarbeit jedoch außerordentlich befruchtet und zu neuen Konzepten geführt. So konnte in einem Jahr eine solide Basis aufgebaut werden, auf die auch in den kommenden Semestern für weitere Vorhaben zurückgegriffen werden kann. Inspiriert von den neuen Möglichkeiten multimedialer Techniken, wurde das Augenmerk besonders auf Themenbereiche der Sprachwissenschaft gerichtet, die in traditionellen Medien schwer darstellbar sind, also vor allem auf Prozesse, Migrationen, Abläufe und Bewegungen. Daß das germanistische Projekt sich mit dem Einsatz von Multimedia in aktuelle Forschungen und Bestrebungen eingliedert, zeigt z.B. ein vergleichbares Vorhaben in der Trierer Anglistik, das Projekt zur "Kulturgeschichte der englischen Sprache" von Prof. Dr. Jürgen Strauss.

Schwerpunkte der momentanen Projektarbeit sind die Visualisierung der historischen Grundlagen moderner Dialekte, die Veranschaulichung von Lautverschiebungsprozessen sowie physiologischer Grundlagen bei der Artikulation. Die Konzeption und die Herstellung erforderte die Zusammenarbeit mit Personen und Institutionen aus so verschiedenen Fachrichtungen wie z.B. der Klinischen Phoniatrie oder der Geodäsie.

Die historische und räumliche Herausbildung der deutschen Dialektlandschaft wird mittels animierter Kartensequenzen nachvollziehbar gemacht. Ferner werden nach sprachwissenschaftlichen Kriterien ausgewählte Tonbeispiele moderner Dialekte regional zugeordnet und in ihren spezifischen Besonderheiten vorgestellt und erläutert. Die dafür verwendeten Aufnahmen der sog. "Wenkersätze" stammen aus dem Spracharchiv des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim. Bei der Herstellung der Kartensequenzen konnte die Gruppe von dem Know-how der Trierer Kartographie profitieren.

Den Zusammenhang zwischen dialektaler Gliederung und geographisch-topographischen Gegebenheiten soll eine 3-D-Animation des westmitteldeutschen Sprachraums ("Rheinischer Fächer") verdeutlichen. Die hierfür notwendigen Vektordaten mußten beim Bundesamt für Kartographie und Geodäsie eingekauft werden. Für die fachliche Unterstützung bei der komplexen Aufbereitung der Daten konnten für das kommende Semester Lehrende und Studierende des Fach für Informatik der Universität des Saarlandes gewonnen werden.

Die medizintechnische Ausstattung der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie des Universitätsklinikums der RWTH Aachen ermöglichte sonographische Aufnahmen mit einer Ultraschallkamera. Bei der Artikulation von Lautgruppen sind im Bereich des Rachens und des Kehlkopfes mehr als 30 Muskeln zu koordinieren. Was die Sprachwissenschaft z.B. als Assimilation beschreibt, ist das Ergebnis der Vereinfachung dieser Muskelbewegungen. Der Ultraschallfilm ist besonders geeignet, diese physiologische Seite sprachlicher Vorgänge sichtbar und damit verständlicher zu machen. Die digitale Videokamera und Schnittanlage der Trierer Universitätsvideoanlage stehen für die Aufbereitung des Materials zur Verfügung.

Die erarbeiteten Materialien sollen sowohl in der universitären Lehre als auch an Schulen zum Einsatz kommen. Kooperationspartner sind hier Dr. Hermann-Josef Müller (Gymnasium Konz) sowie Ursula Leuk (Ecole Privée Fieldgen, Luxembourg). Die Studierenden der Universität Trier haben ab dem kommenden Wintersemester Gelegenheit, die Materialien im Rahmen des Proseminar I sowie eines Tutoriums zu erproben und weiterzuentwickeln. Als zukünftige Benutzer sind Studierende außerdem jederzeit im Team willkommen. Es besteht die Möglichkeit, kleinere Aufgaben im Rahmen des Gesamtprojekts zu übernehmen und entsprechende Praktikumsbescheinigungen zu erwerben.

Informationen und bereits fertige Materialien können auf der Homepage des Projekts unter der URL Multimediale Lehr- und Lernmaterialien zur Einführung in die historische Sprachwissenschaft - Universität Trier eingesehen werden. Dort finden sich auch weitere Text- und Bildmaterialien zum Thema sowie Kontaktadressen.

Andrea Rapp und Katrin Tams


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