Länder – Sprecher – Zungenbrecher

Multimediale Lehr- und Lernprogramme zur Einführung in die historische Sprachwissenschaft

Vortrag im Rahmen des Mediävistischen und Linguistischen Kolloquiums am 26.01.2000

von Andrea Rapp und Johannes Fournier

  1. Einleitung

    Wir möchten zunächst Herrn Prof. Walter Röll und Herrn Prof. Rainer Wimmer danken, daß sie uns im Linguistischen und Mediävistischen Kolloquium das Forum für unsere Projektvorstellung geben.

    Ferner danken wir ganz besonders Herrn Prof. Kurt Gärtner, der unser Vorhaben begleitet und in jeder Hinsicht fördert und unterstützt.

    Wir möchten Ihnen heute abend ein Auswahl von Materialien vorstellen, die im Rahmen eines von der Kommission für Lehre und Weiterbildung unterstützten Projekts entwickelt werden. Diese Materialien werden von einem Projektteam erarbeitet und in diesem Sinne stehen wir heute stellvertretend als "Teamsprecher" hier, um unsere gemeinsame Arbeit vorzustellen.

    Die Anregung zu diesem Projekt gab Mitte des Jahres 1998 Herr Prof. Christoph Gerhardt, der im Laufe seiner langjährigen Lehrtätigkeit immer wieder mit der Tatsache konfrontiert wurde, daß vor allem das Proseminar I der Älteren deutschen Philologie zu den schwierigsten – und gewiß auch unbeliebtesten – Seminaren innerhalb der gesamten Germanistik gehört. Im Rahmen dieses Pflichtseminars mit dem offiziellen Titel "Einführung in die historische Sprachwissenschaft anhand des Mittelhochdeutschen unter besonderer Berücksichtigung des Althochdeutschen" werden sprachgeschichtliche Grundlagen vermittelt. Die Beschäftigung mit historischer Laut- und Formenlehre vom Indogermanischen bis zum Neuhochdeutschen ist jedoch für alle Studierenden eine der größten Hürden im Grundstudium überhaupt; denn aufgrund mangelnder schulischer Voraussetzungen in diesem Bereich sind sie von diesem Stoff zumeist überrascht und nicht selten überfordert.

    Die größten Schwierigkeiten bereiten offensichtlich die Abstraktheit und die theoretische Herangehensweise, die "relative Ferne" des Stoffes zur Gegenwartssprache sowie der Prozeßcharakter vieler sprachlicher Phänomene. Aus diesem Grund sollten Materialien konzipiert werden, die mehr Anschaulichkeit und mehr Gegenwartsbezug bringen, kurz: Materialien, die abstrakte Prinzipien visualisieren. Gerade die Neuen Medien bieten hier wirkungsvolle Einsatzbereiche und sind aus verschiedenen Gründen zur Vermittlung sprachwissenschaftlicher Prinzipien besonders geeignet: Zum einen ist man zu deren Darstellung in der Regel auf die Verbindung von Text-, Ton- und Bildmaterialien (Hypermedia-Umgebung) angewiesen, zum andern bietet darüber hinausgehend gerade Computeranimation (also bewegte, kommentierte Bilder) im Gegensatz zum statischen Bildmedium die Möglichkeit, den Prozeßcharakter sprachlicher Vorgänge adäquat zu visualisieren.

    Doch auch die Literaturwissenschaft kann von der multimedialen Aufbereitung profitieren; denn bei der Behandlung mittelalterlicher Literatur gilt es, aufgrund ihrer Alterität mehrere Hemmschwellen zu überwinden: Neben der Sprachbarriere und den oft fremden literarischen Formen (z.B. Versroman) haben nicht zuletzt die fremde Sachkultur und der fremde kulturell-historische Hintergrund große Verständnisschwierigkeiten zur Folge. Erläuternde Begleitmaterialien können den Zugang zu einem mittelalterlichen Text also erleichtern und Hemmschwellen abbauen.

    Ich möchte nun im folgenden noch ganz kurz – vor allem für die Nichtgermanisten unter Ihnen – auf die Lehrinhalte des Proseminar I eingehen und zeigen, wie unsere Materialien auf diese Lehrinhalte hin konzipiert sind.

  2. Inhalte des Proseminar I

    Im Proseminar I werden Grundlagen der historischen Sprachwissenschaft vermittelt, indem ein Überblick über die sprachlichen Entwicklungen vom Indogermanischen bis zum Neuhochdeutschen gegeben wird. Schwerpunkte sind die historische Lautlehre und die historische Formenlehre; besprochen werden zumeist: die erste (also die germanische) und zweite (also die hochdeutsche) Lautverschiebung, die frühneuhochdeutsche Monophthongierung und Diphthongierung, der kombinatorische Lautwandel (i-Umlaut) sowie bei der Formenlehre zumeist das Verbsystem, besonders die starken Verben.

    Die Korrespondenzen zwischen dieser Auflistung und dem Plan unserer Vorhaben sind unmittelbar einleuchtend und sollen hier nicht weiter ausgeführt werden.

    Die Materialien unseres Projekts verstehen sich in ihrer Grundkonzeption als Begleitmaterialien zum Proseminar I (bzw. weiter gefaßt zum Grundstudium), d.h. sie wollen und können das "konventionelle" Diskussionsseminar nicht ersetzen, sondern vielmehr ergänzen im Hinblick auf einen anders gelagerten, didaktisch aufbereiteten Zugang zur Materie des Proseminar I. Daher sind die Ergebnisse des Projekts auch keine Forschungsbeiträge im engeren Sinne, sondern Umsetzungen von "gesichertem" propädeutischen Handbuchwissen in eine neue Darstellungsform, die die Möglichkeiten der Neuen Medien konsequent ausnutzt.

    Gemeinsames Prinzip bei der Konzeption der einzelnen Komponenten war immer eine besondere didaktische Herangehensweise:

    Ausgangspunkt ist jeweils ein spezieller Gegenwartsbezug
    der Prozeßcharakter der Vorgänge wird abgebildet,
    die einzelnen "Medien" ergänzen einander in ihrem Informationsangebot.

    Mehr dazu wird bei der konkreten Erläuterung der einzelnen Sequenzen zur Sprache kommen. Einige technische Hinweise sind noch notwendig: Wir haben für die heutige Vorstellung drei bereits recht weit gediehene Themenkreise ausgewählt. Wir werden so vorgehen, daß zunächst die Konzeption der jeweiligen Sequenzen erläutert wird, bevor sie selbst vorgeführt werden. [In der vorliegenden HTML-Fassung des Vortrags wählen Sie bitte die entsprechenden Hyperlinks an.] Sie sind natürlich auch herzlich eingeladen, sich auf unserer Homepage oder bei einem "Ortstermin" näher über unsere Arbeit zu informieren. Die Materialien sind im allgemeinen im Internet frei zugänglich, mit Ausnahme der noch nicht ganz fertigen Dinge.

  3. Materialien zur Zweiten Lautverschiebung

    In den einleitenden Bemerkungen wurde darauf hingewiesen, daß wir uns gezielt darum bemühen, den Stoff vor allem des Proseminar I, das ja sehr abstrakt und theorielastig ist, mit etwas größerer Anschaulichkeit zu vermitteln. Wir wollten diesen Ansatz zunächst anhand der hochdeutschen Lautverschiebung erproben, also anhand eines Themenkreises, der uns schon deshalb geeignet schien, weil die hier zu vermittelnden Phänomene mit Hilfe bewegter Bilder gut erklärt werden können.

    Die Vermittlung der bei germanischer und hochdeutscher Lautverschiebung zu behandelnden Prozesse setzt im Proseminar I bei der Lautebene und somit bei einem sehr hohen Abstraktionsgrad an. Da die Einteilung auch der modernen Dialekte – sie wird im Proseminar erst im Anschluß an die Besprechung der Veränderungen im Sprachsystem erläutert – auf den Ergebnissen der hochdeutschen Lautverschiebung beruht, schien es uns möglich und sinnvoll, von eben dieser Einteilung auszugehen, um die Zweite Lautverschiebung vom gegenwartssprachlichen Befund her zu erklären.

    In insgesamt vier animierten Kartensequenzen wird die zweite Lautverschiebung thematisiert: Eine erste Sequenz zeigt zunächst, wie der deutsche Sprachraum überhaupt gegliedert ist. Diese Gliederung wird anschließend in Sequenz 2 erklärt als Resultat der Zweiten Lautverschiebung. Um die Anschaulichkeit der vorgestellten Gliederung zu vertiefen, bietet eine dritte Animation kommentierte Tonaufnahmen aus verschiedenen rezenten Mundarten; kommentiert werden dabei auch solche dialektalen Eigentümlichkeiten, die zwar nicht die Verschiebung der Tenues betreffen, gleichwohl zum charakteristischen Klang der Mundarten beitragen. Eine vierte Sequenz bietet Gelegenheit, sich ausführlicher in einzelne Dialekte einzuhören. Die vier Sequenzen bauen also sorgfältig aufeinander auf: Nach der Darlegung der Fakten sowie der Einführung der wissenschaftlichen Terminologie (Sequenz 1) erfolgt zur Erklärung ein Rückgriff auf die historischen Grundlagen (Sequenz 2); mit den modernen Dialektbeispielen (Sequenzen 3 und 4) wird anschließend die Brücke zwischen abstrakter Theorie und lebendiger Praxis geschlagen.

    Schauen Sie nun zunächst Sequenz 1 an, die die heutige Dialektgliederung des deutschen Sprachgebiets vorstellt, wobei die deutschsprachigen Gebiete Belgiens, Luxemburgs, der Schweiz, Österreichs und Italiens berücksichtigt werden. Sie benötigen dazu ein Shockwave-Plugin!

    Bevor Sie nun auch Sequenz 2 abspielen, muß der Aufbau des Films kurz erläutert werden. Die Karten werden auch jetzt, wie schon für Sequenz 1, in nord-südlicher Folge animiert. Damit soll keinesfalls irgendeine Theorie zur zeitlichen oder örtlichen Ausbreitung der Zweiten Lautverschiebung suggeriert werden. Vielmehr sollte die Komplexität des zu zeigenden Phänomens mit dem Fortschreiten vom Einfachen zum Vielen didaktisch reduziert werden. Die Animation setzt also bewußt in der norddeutschen Tiefebene an, wo p, t und k noch nicht verschoben sind, und schreitet von dort zum Höchstalemannischen mit dem höchsten Grad in der Durchführung der Verschiebung fort. Die unterschiedliche Intensität der Lautverschiebung wird dabei durch die nach Südwesten zunehmend kräftigere Farbgebung angedeutet.

    In einer dritten Sequenz werden die Karten durch Tondokumente mit Beispielen für einzelne Mundarten ergänzt. Zu diesem Zweck haben wir Aufnahmen der Wenkersätze vom IDS in Mannheim bezogen, die von uns allerdings eigens präpariert werden müssen. Das bedeutet zunächst, daß für jede Mundart einige Sätze, die für die jeweilige Region ganz bezeichnende Lautungen beinhalten, ausgewählt und mit unserer Kommentierung zusammengeschnitten werden. Im Drehbuch zur Sequenz 3 heißt es z.B. zu einem pfälzischen Tonbeispiel: "Typisch für westmitteldeutsche Dialekte sind darüber hinaus die Spirantisierung des inlautenden b oder das an- und inlautende d für hochdeutsches t." Dann werden die Wenkersätze 17, 24 und 28 mit den Wörtern sauwer ‚sauber‘, owend ‚Abend‘, treiwe ‚treiben‘ und 14, 39 und 13 mit dot ‚tot‘, dut ‚tut‘ und zeide ‚Zeiten‘ im rheinfränkischen Dialekt abgespielt, bevor es in der Kommentierung weiter heißt: "Die hier aktuell zu hörende rheinfränkische Mundart zeigt außerdem eine ausgeprägte Tendenz zu n-losen Infinitiven und Partizipien." Dann werden wiederum rheinfränkische Wenkersätze abgespielt und zwar 2, 3 und 22 mit den Wörtern schnee ‚schneien‘, koche ‚kochen‘, kreische ‚kreischen‘ und 4, 5 und 24 mit den Wörtern gebroch ‚gebrochen‘, gschdorb ‚gestorben‘ und geschloof ‚geschlafen‘. Zugleich muß ein hochdeutsches Transkript der entsprechenden Sätze mitgeführt werden, weil manche Dialektäußerungen ohne diese Transkripte in der Tat unverständlich bleiben.

    Dem gerade zitierten Ausschnitt aus dem Drehbuch ist ebenso wie den Tonaufnahmen anzumerken, daß die deutlich zu hörenden Dialekteigentümlichkeiten nicht in jedem Fall auf die hochdeutsche Lautverschiebung zurückzuführen sind. Eigentlich ist nur der Übergang vom Nieder- zum Hochdeutschen ganz deutlich an unverschobenen Formen zu hören, wogegen die Differenzierungen zwischen Mittel- und Oberdeutsch, aber auch die zwischen den unterschiedlichen mitteldeutschen und oberdeutschen Mundarten untereinander nicht mehr ausschließlich mit verschobenen Lauten illustriert werden können; so erklären sich dann auch Kommentierungen wie z.B. die gerade angeführte zu den n-losen Infinitiven.

    Um auch einen nachhaltigeren Eindruck verschiedener Dialekte zu geben, sind in einer vierten ‚Sequenz‘ die 40 Wenkersätze in ihrer ganzen Länge mit den einzelnen Mundartgebieten in der Weise verknüpft, daß ein Mausklick zum Abspielen der Tonaufnahmen führt, die die Studierenden sich dann auch in einer von ihnen selbst gewählten Reihenfolge anhören können. Auch hierauf soll noch ein kurzer Blick geworfen werden: Man gelangt zunächst zu einer interaktiven Karte; beim Klick in das gewünsche Mundartgebiet öffnet sich ein dreigeteiltes Fenster. Die Karte bleibt zur besseren Orientierung im Rahmen rechts oben, wobei das ausgewählte Gebiet farblich hervorgehoben ist. Die Wenkersätze werden im linken Rahmen in Transkription mitgegeben. Anhalten, Vor- und Rückspulen ist im dritten Rahmen rechts unten möglich.

    Eine zweite ‚Serie‘ zur hochdeutschen Lautverschiebung soll wenigstens in ihrer Konzeption kurz genannt werden: Ein wichtiges und besonderes Ergebnis der Zweiten Lautverschiebung ist ja der sog. ‚Rheinische Fächer‘, also das Gebiet im mitteldeutschen Westen, in dem mit dem Niederfränkischen, dem Ripuarischen, dem Mosel- und Rheinfränkischen recht viele verschiedene Mundarten aufeinander folgen. Diese starke Ausdifferenzierung in einem relativ kleinen Raum hängt offenbar zusammen mit den "Mittelgebirgsschranken", die die Ausbreitung der Lautverschiebung behindert haben.

    Unsere Vorstellungen gehen nun dahin, daß der hier zu beobachtende Zusammenhang zwischen Topographie und Dialektgeographie besonders anschaulich und daher nachdrücklich vermittelt werden kann, wenn die im Rheinischen Fächer zu beobachtenden Lautveränderungen eingebettet sind in eine Art dreidimensionales Geländemodell, so daß man geradezu sehen kann, wie ein ‚verschobener‘ Laut auf eine Mittelgebirgsschranke trifft, diese nicht überwinden kann, und nördlich der Schranke unverschobene Formen bestehen bleiben.

    Das bisher erstellte Konzept sieht daher die Berechnung eines 3D-Fluges entlang einer Route von Karlsruhe über Speyer, Neustadt, Saarbrücken, Trier, Koblenz, Köln und Aachen bis nach Venlo vor. Mit der Süd-Nord-Richtung des Fluges werden Mundarten vom Hoch- zum Niederdeutschen hin überflogen, was eine erste Orientierung und den Nachvollzug der lautlichen Unterschiede in den einzelnen Dialektgebieten erleichtert. Beim Überqueren der einzelnen Isoglossen, die, wie gesagt, hier vielfach mit Mittelgebirgsschranken zusammenfallen, werden Landepunkte eingerichtet, um audiovisuelle Erläuterungen zu den einzelnen Dialekten zu bieten, z.B. durch die Einbindung der bereits in digitaler Form aufbereiteten Wenkersätze.

    Abgerundet werden die Materialien zur hochdeutschen Lautverschiebung und zur Dialektgeographie durch die auf der Homepage zu lesenden Textausschnitte zur Frage, ob es bereits im Mittelalter eine Art Dialektologie gab. Dort wird anhand verschiedener zeitgenössischer Passagen, die auch übersetzt und kommentiert werden, festgestellt, daß allenfalls von einer Art ‚praktizierter Dialektologie‘ geredet werden kann: Das Bewußtsein für die Unterschiede einzelner Landschaftssprachen war durchaus vorhanden, aber eine quasi wissenschaftliche Erklärung dieses Phänomens war den Menschen des Mittelalters eben noch nicht möglich.

  4. Materialien zur Phonetik und zur Artikulation

    Einen zweiten Schwerpunkt des Projekts bildet die Entwicklung von Materialien zur Phonetik und zur Artikulation. Auch bestimmte Phänomene der Artikulation sind nämlich dann besser zu verstehen, wenn z.B. anstelle unterschiedlicher Schemazeichnungen des Vokaltrapezes wirkliche Sprechbewegungen und wirkliche Sprechabläufe gezeigt werden.

    Unser Ausgangspunkt war die Feststellung, daß Veränderungen im Sprachsystem häufig auf Veränderungen der Sprechvorgänge und der Artikulation beruhen; der z.B. im Proseminar I behandelte i-Umlaut ist ein klassisches Beispiel hierfür. Diese Veränderungen ergeben sich deshalb, weil wir tatsächlich nicht in Einzellauten, sondern in Lautgruppen sprechen, wobei sich Vokale und Konsonanten im Sprechvorgang gegenseitig beeinflussen, so daß es zu Assimilationserscheinungen kommt. Man muß sich noch einmal bewußt machen, daß bei der Artikulation von Wörtern und Wortverbindungen mehr als 30 Muskeln im Bereich des Rachens und des Kehlkopfes koordiniert werden. Assimilation ist damit nichts anderes als das Ergebnis von Vereinfachung und Erleichterung der Abläufe dieser Muskelbewegungen.

    Nun ist es so, daß von den an der Artikulation beteiligten Muskeln unmittelbar nur die Lippen, also die Lippenstellungen und Lippenbewegungen, zu beobachten sind. Gleichwohl kommt der Zunge die wesentliche artikulatorische Bedeutung zu. Ihre Bewegungen können allerdings mit Hilfe von Ultraschallaufnahmen im Sonogramm sichtbar gemacht werden. Unsere Vorstellungen zielten daher darauf ab, die Koordination der am Sprechvorgang beteiligten Lippen und Zunge dadurch zu zeigen, daß Videoaufnahmen der Lippenbewegungen synchron zu sonographischen Aufnahmen der Zungenbewegungen gezeigt werden sollten.

    Wie schwierig die Koordination der Sprechbewegungen ist, zeigt sich besonders deutlich an den sog. Zungenbrechern, in denen künstlich hergestellte Lautgruppen für größtmöglich starke, gegenläufige und entfernte Artikulationsstellungen und –bewegungen und damit für "Belustigung" sorgen . Schauen Sie sich nun zur Einführung einen ersten "Zungenbrecherfilm" an: Im Ausschnitt links oben sehen Sie das Videobild mit den Bewegungen der Lippen, darunter mittig die Ultraschallaufnahme der Zungenbewegungen. Links befindet sich die Zungenspitze‚ darüber als helle Linie gut sichtbar der Zungenrücken, rechts ist der Rachen. Eine "Verrenkung der Zunge bei diesem Zungenbrecher ist hier bereits gut sichtbar, dazu gleich mehr. Es handelt sich im folgenden um MPEG-Filme, die Sie z.B. mit dem WindowsMediaPlayer abspielen können.

    Vom Inhalt sollten unsere Materialien die Vielheit der im Proseminar I unter dem Stichwort ‚Kombinatorischer Lautwandel‘ anzusprechenden Phänomene behandeln, unter welche neben Hebung und Senkung die Brechung und der für das Deutsche charakteristische i-Umlaut fallen.

    Die bisher vorliegenden Materialien sind folgendermaßen aufgebaut: Ein erster Film orientiert über diejenigen Muskeln, die beim Sprechen koordiniert werden müssen, benennt und zeigt also alles, was bei der Artikulation eine Rolle spielt. Ein zweiter Film (in Bearbeitung) erklärt im Grunde, wie die von uns in Zusammenarbeit mit der Phoniatrie der Uniklinik Aachen erstellten Aufnahmen zu verstehen sind; dieser Film ist vor allem deshalb bedeutsam, weil in ihm erklärt wird, wie die im Sonogramm aufgezeichneten Zungenbewegungen zu interpretieren sind, wo z.B. der Zungenrücken sich bei der Artikulation eines a befindet. Das aus Vokaldreieck oder Vokaltrapez bekannte Schema gewinnt hier ‚Leben‘. Erst nach diesen filmischen Kurzeinführungen können in einen Hypertext eingebundene ‚Filmschnipsel‘ verstanden werden,

    die erstens, wie soeben gesehen, sehr deutlich zeigen, welche Anstrengungen bei der Artikulation von Zungenbrechern zu verrichten sind und von da aus das Phänomen der Assimilation thematisieren,
    die zweitens mit Hilfe der sog. Hey-Sätze nochmals einen nachhaltigen Eindruck der verschiedenen Zungenstellungen bei Vokalen und Diphthongen geben sollen,
    und die drittens bestimmte Phänomene des diachronen Sprachwandels – z.B. den i-Umlaut – mit Hilfe von Videoaufzeichnung und Sonogramm illustrieren und durch Anschaulichkeit näher bringen sollen.

    An den Hey-Sätzen zum Vokal a ist gut zu erkennen, daß die Zunge eine Position in der unteren Mitte des Vokaldreiecks einnimmt. Ein Vergleich der Hey-Sätze für das i zeigt demgegenüber ganz deutlich, wie die Zungenspitze nach vorne oben ausbiegt. Der Wechsel verschiedener Zungenstellungen zeigt sich sehr schön, wenn Hey-Sätze zu verschiedenen Diphthongen betrachtet werden; ganz nachhaltig ist z.B. die Ausbuchtung bei der Artikulation des au zu beobachten Die Ausspracheerleichtetungen, auf die das Durchsetzen des Restumlauts zurückzuführen ist, zeigen sich im Sonogramm als zunehmend geringere Wölbung des Zungenrückens.

    a

    i

    eieuau

    Rest-
    umlaut

     

  5. Exemplarische Texterschließung (Yolanda)

    Die dritte hier vorzustellende Komponente bringt nun gegenüber den beiden vorigen einen neuen Aspekt ins Spiel: Hier steht nicht die Vermittlung eines sprachwissenschaftlichen Prinzips im Mittelpunkt, sondern das Einüben von texterschließenden Techniken, die über das hinausgehen, was die Studierenden in der Regel von der Beschäftigung mit neuerer Literatur bzw. aus dem Deutschunterricht an der Schule gewohnt sind. Damit wird natürlich auch der engere Lehrinhalt des Proseminar I überschritten; allerdings können mit dieser Komponente z.T. auch diese Lehrinhalte eingeübt bzw. praktisch angewendet werden (dazu gleich mehr).

    Wir haben uns für die exemplarische Erschließung der 'Vita der Yolanda von Vianden' des Trierer Dominikaners Hermann von Veldenz entschieden und dies aus verschiedenen Gründen:

    • Gemäß unseren didaktischen Prinzipien sollte, so unsere Überlegung, die Verknüpfung eines Textes mit erläuternden Ton-, Karten- und Abbildungsmaterialien bei einem literarischen Text mit konkretem realhistorischen Bezug besonders gut gelingen. Bei der Yolanda-Vita handelt es sich um die Kindheitsbeschreibung einer Viandener Grafentochter, die entgegen dem Willen ihrer politisch hochbedeutenden Familie eine vorteilhafte Heirat ausschlägt und statt dessen in ein armes Dominikanerinnenkloster eintritt. Die Vita schildert den Familienzwist und das Alltagsleben auf sehr anschauliche Weise und bietet so viele Möglichkeiten, Erläuterungen zur Sachkultur des Mittelalters (im weiteren Sinne) anzubringen.
    • Darüber hinaus bietet sich der Text aufgrund seiner regionalhistorischen und regionalsprachlichen Verankerung gerade hier im Raum Trier an.
    • Nicht zuletzt gab es zur Yolanda bereits zahlreiche Vorarbeiten, die in die Hypermedia-Aufbereitung eingebracht werden konnten.

    Ursprünglich wurde diese Komponente als Unterrichtseinheit für den Deutschunterricht in einer Mittelstufenklasse an der Luxemburgischen Ecole Privée Fieldgen gemeinsam mit Frau Ursula Leuk konzipiert und entwickelt und dort auch im Herbst 1999 eingesetzt. Sie wurde jedoch inzwischen so weit ausgebaut, daß sie als Einführung in die exemplarische Textarbeit, so wie sie im Grundstudium eingeübt wird, auch in der akademischen Lehre einsetzbar ist.

    Die Yolanda-Homepage enthält zum einen Umfeldmaterialien, z.B. erläuternde Texte, Bilder, Karten, und zum andern einen ausführlich kommentierten Textauschnitt. Alle Erläuterungen sind aufeinander bezogen und untereinander verlinkt; der Textausschnitt wurde ferner mit elektronischen Nachschlagewerken vernetzt. Die Umfeldmaterialien sollten in der Verwendung der einzelnen "Medien" ausgewogen sein: d.h. sie sollten mehr sein als nur eine umkommentierte Bilderflut, und immer strikt inhaltsbezogen eingebunden werden.

    Zunächst gelangt man auf eine Wegweiserseite, eine Art Inhaltsübersicht, die mittels Links zu acht weiteren, thematisch differenzierten Informationseinheiten führt. Jedes Thema hat sein Symbol, das Wegweiser und Informationsseite verbindet. Ich werde die Umfeldinformationen nur relativ kurz zeigen und mich vor allem auf das kommentierte Textstück konzentrieren.

    In den Allgemeinen Hinweisen erhält man erste kurze Angaben über das Leben Yolandas, das Besondere ihrer Person und ihres Lebensentwurfes, über die Vita und die Forschungslage. In einem weiteren Punkt erfährt man Details über die Person der Yolanda von Vianden sowie die historischen Hintergründe. Anschließend werden Informationen zur Yolanda-Vita Bruder Hermanns geboten, die Inhalt, Formales und Sprachliches umfassen. Ein weiterer Aspekt wird mit der Überlieferung der Yolanda-Vita angesprochen; der ja durch den aufregenden Fund der Handschrift besondere Aktualität hat. Schließlich erfährt man Grundlegendes zu den Textausgaben und Übersetzungen. Unter der Rubrik Spuren Yolandas heute finden sich dann Abbildungen von ihren beiden Lebensbereichen, also Kloster Marienthal und Burg Vianden, die mit Textstellen aus der Yolanda-Vita kombiniert sind, ferner Hinweise auf ihren mutmaßlichen Schädel (mit Abbildung) in der Trinitarierkirche in Vianden sowie auf die moderne Skulptur und die Yolanda-Glocke in der Luxemburger Kathedrale. Dieser Punkt der Spurensuche ist aus didaktischer Sicht natürlich besonders gut geeignet, den Brückenschlag zwischen der historischen Figur, ihrer Lebensbeschreibung und der wissenschaftlichen Beschäftigung zu leisten und das Interesse zu wecken.

    Kernstück der sprachlichen Arbeit mit dem Text ist nun ein ausführlich kommentierter, mit wissenschaftlichen elektronischen Nachschlagewerken verknüpfter und hypertextuell aufbereiteter Ausschnitt aus Bruder Hermanns 'Yolanda-Vita', der mit der sprachlichen Gestalt des mittelalterlichen Textes vertraut macht. Die Auswahl des Textabschnitts erfolgte nach inhaltlichen Kriterien: Ausgewählt ist ein Streitgespräch Yolandas mit ihrem Bruder V. 1228-1270, gewissermaßen eine "lebensnahe Situation".

    Der Textausschnitt wird zunächst parallel zu einer neuhochdeutschen Übersetzung gezeigt. Der Kommentar kann zu jedem Vers per Mausklick aktiviert werden und öffnet sich dann parallel in einem zweiten Browserfenster, so daß mit Text, Übersetzung und Kommentar in ergonomischer Weise gearbeitet werden kann. Die eher "spielerische" Gestaltung der Links und Icons im Kommentar soll verstärkt zum Nachschlagen per Mausklick verführen.

    Ein Vorspann führt bibliographische Angaben zu den verwendeten Nachschlagewerken auf, gibt die Gliederung des Germanischen und die Sprachstufen des Deutschen an, enthält erste Hinweise zur Metrik und nennt die Regeln zur Transkription des Textes.

    Der/die Benutzer/in will Wortbedeutungen nachschlagen. Aus diesem Grund wurde der Text mit dem ebenfalls in Trier unter Leitung von Herrn Gärtner erarbeiteten elektronischen Verbund mittelhochdeutscher Wörterbücher verknüpft. Dies ist für die Arbeit in der Schule und für Studierende ein außerordentlich wichtiger Faktor, denn nicht viele Schulbibliotheken – geschweige denn Schüler oder Studierende – besitzen solche Nachschlagewerke. Der Einsatz des Internetverbunds der mittelhochdeutschen Wörterbücher ist also ein bedeutender Aspekt bei der Zusammenarbeit von Schule und Hochschule bzw. beim Einsatz in der Lehre generell, denn er hilft einerseits, Ressourcen zu sparen, ermöglicht andererseits den direkten Anschluß der Schulen an die universitäre Forschung. Nicht zuletzt schärft er bei den Studierenden das Bewußtsein, daß es neben dem Taschenlexer oder der Hennig auch noch andere Nachschlagewerke gibt. Wählen Sie bitte einige Beispiele an, um die Verknüpfung auszuprobieren; wir schlagen vor: hërze V. 1231 und wellen V. 1233.

    Die im Kommentar aufgenommenen Wortformen sind grammatisch bestimmt, wobei auf mittelfränkische bzw. moselfränkisch-luxemburgische Besonderheiten der Flexion und der Phonologie hingewiesen wird. Diese Angaben werden ergänzt durch eigens zu diesem Zweck eingebundene Artikel aus den für den Unterricht gängigsten Grammatiken zum Mittelhochdeutschen, nämlich Mettke und Paul, wählen Sie die Beispiele zur Flexion ich willen V. 1233; zur Lautlehre bedru/ovet V. 1229. Neben den Grammatikparagraphen gibt es erläuternde Karten, die im Multimedia-Projekt hergestellt wurden und die Sie teilweise bereits aus den Animationssequenzen kennen; wählen Sie bei den obigen Beispielen bitte auch die Links zu den Kartenseiten an.

    Entwicklungen der Sprachgeschichte vom Mittel- zum Neuhochdeutschen werden z.B. anhand der frühneuhochdeutschen Monophthongierung und Diphthongierung angesprochen; hier die Beispiele zur Monophthongierung anevync V. 1230 und zur Diphthongierung dîner V. 1237.

    Die Abweichungen der moselfränkischen Schreibvarietät der Yolanda-Vita bringen Aspekte der zweiten Lautverschiebung ins Spiel; siehe z.B. dat V. 1232 die Links zur Karte sowie zur Grammatik.

    Diese Materialien sollen also zum einen dienen als Modell zum Selbststudium zur Einübung der Herangehensweise an mittelalterliche Texte und sollen die Studierenden für die literarische und sprachliche Alterität der mittelalterlichen Literatur sensibilisieren.
    Vorstellbar ist auch der Einsatz des Textstücks für eine Probeklausur im Tutorium zum Proseminar I.

  6. Schlußbemerkung

    Wir haben heute abend versucht, Ihnen drei recht verschiedene Arbeitsbereiche unseres MultiMedia-Projekts vorzustellen. Auch der Stand der Arbeiten ist unterschiedlich: die einzelnen Komponenten sind in verschiedenen Stadien der Planung und Fertigstellung. Das Internet bietet uns jedoch die Möglichkeit, die noch unfertigen Materialien sukzessive zu vervollständigen bzw. auszubauen, während die fertigen Materialien bereits genutzt werden können. Die Skepsis gegenüber diesem neuen Medium (bzw. gegenüber dem Computereinsatz in Lehre und Forschung) ist noch weit verbreitet - genauso aber natürlich auch unkritische Begeisterung. Daher kommt es uns auch darauf an, zu zeigen, daß man mit dem Internet sinnvolle, wissenschaftlich fundierte und konzeptionell neue Zugänge zu einer bekannten Materie schaffen kann, wenn man das Potential des Mediums wirklich ausschöpft.

    Daher hoffen wir, daß die Materialien in der Zukunft von Lehrenden eingesetzt und von Studierenden benutzt werden und daß sie den schwierigen Start in der historischen Sprachwissenschaft etwas erleichtern können.

    Die Ideen für weitere Anwendungen sind uns noch lange nicht ausgegangen; viele engagierte Teammitglieder haben wir auch – aber wir sind auch nach wie vor offen für alle, die ihre Ideen und ihre Arbeit bei uns einbringen wollen.


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