Vortrag gehalten von Johannes Fournier im 'Hochschuldidaktischen Seminar für Lehrende und Studierende zur Vermittlung von arbeitsmarktrelevanten Schlüsselqualifikationen in der akademischen Lehre' am Freitag, den 26. November 1999 an der Universität Trier.

Vom Ablaut zum Mausklick:
Multimediales Lehren und Forschen in der Älteren deutschen Philologie

In meinem kurzen Beitrag möchte ich ein Projekt skizzieren, in dessen Rahmen sich Lehrende und Studierende der Fächer Germanistik, Medienwissenschaften, LDV und Informatik zu dem Zweck zusammengefunden haben, die Einführung in die historische Sprachwissenschaft – das ist der ‚Brocken‘, der jedem Adepten der Germanistik in den ersten Semestern am härtesten zusetzt – durch den Einsatz multimedialer Lehrmaterialien leichter verdaubar und verständlich zu machen. Dazu möchte ich zunächst das Projekt selbst skizzieren, anschließend darlegen, wie Studierende in die laufenden Arbeiten eingebunden werden, und im Hauptteil ausführen, welche Schlüsselqualifikationen unsere Studentinnen und Studenten durch ihre Mitarbeit im Projekt erwerben oder unter Beweis stellen können.

Wie gerade erwähnt, stellt die Einführung in die historische Sprachwissenschaft für Germanistikstudenten und –studentinnen die größte Hürde des Grundstudiums dar. Die Schwierigkeiten beginnen oft schon bei der fachwissenschaftlichen Terminologie; der Wegfall des Latinums wird sich hier nicht gerade als förderlich erweisen. Die von der Germanistik selbst zu vermittelnden Inhalte, z.B. Verlauf und Auswirkung der germanischen und der hochdeutschen Lautverschiebung, die frühneuhochdeutsche Monophthongierung und Diphthongierung, die Auswirkungen des i-Umlauts oder das System der starken Verben, sind in aller Regel im Schulunterricht nicht oder nur sehr flüchtig besprochen werden. Das Verständnis dieser Themen wird zudem dadurch erschwert, daß die zu behandelnden Phänomene nur prozessual zu begreifen sind, doch Grammatiken und Sprachgeschichten, mit deren Hilfe diese Themen in aller Regel erklärt werden, als statische Medien nur bedingt geeignet sind, den Verlaufscharakter sprachgeschichtlicher und lautphysiologischer Prozesse adäquat darzustellen. Hier eröffnen die sog. ‚Neuen Medien‘ mit ihren vielfältigen Möglichkeiten zur Einbindung von Animationen, Tonbeispielen und Videodokumenten eher Wege zu einem besseren Verstehen.

Um diesen ganz allgemeinen Überlegungen konkrete Gestalt zu verleihen, konzentrierte die Projektgruppe sich zunächst auf eng beschränkte Bereiche der historischen Sprachwissenschaft, nämlich auf die deutschen Dialekte und die Artikulation betreffende Assimilationserscheinungen. Ein vertieftes Verständnis für Fragestellungen der Mundartforschung sollte mit Hilfe bewegter Karten erzielt werden. In animierten Sequenzen, die Bild- und Tonmaterialien verknüpfen, wird zunächst ein Überblick über die Grobgliederung deutscher Dialekte gegeben. Anschließend wird diese Gliederung als Ergebnis der zweiten Lautverschiebung erklärt. Die Unterschiede zwischen den heute gesprochenen Mundarten werden in einer dritten und vierten Sequenz durch ausführlichere Tonbeispiele, die zum großen Teil aus dem dem IDS angegliederten Deutschen Spracharchiv stammen, illustriert. Die Ausweitung dieser Animationen auf dreidimensionale Darstellungen dialektaler Gegebenheiten, die derzeit in Zusammenarbeit mit dem Saarbrücker Max-Planck-Institut für Informatik entwickelt wird, soll die Bedeutung topographischer Gegebenheiten für die Großgliederung der Dialektlandschaft nachdrücklich unterstreichen und zudem einen Beitrag leisten zur Synthese von Mundartkartographie und allgemeiner Sprachgeschichte.

Auf der Homepage des Projekts, auf der die Ergebnisse der Projektarbeiten nach und nach veröffentlicht werden, findet sich außerdem eine Seite mit kommentierten, mittelalterlichen Texten, die zeigen, wie zeitgenössische Autoren Unterschiede zwischen verschiedenen Mundarten zwar wahrnahmen, doch nur in einer vorwissenschaftlichen Betrachtungsweise deuten konnten; Abstraktionen auf der Ebene der Sprechlaute waren diesen Autoren eben noch nicht möglich.

Um Aspekte der Phonetik und Phonologie multimedial aufzubereiten, wählten wir einen anderen Weg. Kontakte zum Universitätsklinikum Aachen, die im Rahmen der Projektarbeit geknüpft wurden, ermöglichten es, Videoaufnahmen der Lippen und Sonogramme der Zungenbewegungen synchron zu schneiden, um Assilimationsvorgänge zu verdeutlichen und auf diese Weise z.B. die Wirkung des sog. i-Umlauts im Lauf der Sprachgeschichte vom Voralthochdeutschen bis hin zum Neuhochdeutschen zu zeigen. Ein Blick z.B. auf den ‚Atlas der deutschen Sprachlaute‘ zeigt sogleich, daß die filmische Darstellung ein weit größeres Erklärungspotential aufweist als die rein graphische.

Ein derzeit sehr nachhaltig projektierter Teilbereich, der freilich nicht mehr ganz so stark an das altgermanistische Proseminar I gekoppelt ist, sondern eher die im Proseminar II vermittelte Einführung in das Übersetzen aus dem Mittelhochdeutschen in den Blick nimmt, dient der ‚hypertextuellen Erschließung‘ eines größeren mittelalterlichen Textes, der ‚Yolanda von Vianden‘ Bruder Hermanns: Eine elektronische Edition verbindet nicht nur Text und Übersetzung (V. 1228-1270), sondern bietet neben grammatischer, morphologischer und philologischer, also im engeren Sinne textstellenspezifischer Kommentierung zusätzliche Informationen zur Erschließung des historischen Umfelds. Das Projekt ist vor allem dazu gedacht, Schülerinnen eines Luxemburger Gymnasiums an mittelalterliche Literatur und ihre Betrachtungsweise heranzuführen und dient auf diese Weise zugleich dem Wissenstransfer von der Hochschule in die Schule.

Wo kommen nun unsere Studentinnen und Studenten ins Spiel? Zu Beginn unseres Vorhabens haben wir ein Oberseminar mit dem Titel ‚Computergestützte Lehr- und Lernmaterialien zur Einführung in die historische Sprachwissenschaft‘ angeboten. Leider blieben die Studierenden zunächst aus. Das liegt nach unserer Ansicht jedoch kaum am mangelnden Interesse potentieller Teilnehmer, sondern an der Organisation des Germanistik-Studiums, das z.B. keine Übungen kennt. Vom Thema her bietet sich ein Seminar, wie wir es planten, am ehesten für Studierende an, die ihr Proseminar I gerade erfolgreich absolviert haben und aktiv über Kenntnisse der historischen Grammatik verfügen. Gerade diese Studierenden dürften aber durch die Bezeichnung der Lehrveranstaltung als ‚Oberseminar‘ davon abgehalten worden sein, das Kolloquium zu besuchen, auch wenn das kommentierte Vorlesungsverzeichnis diese Zielgruppe ausdrücklich eingeladen hatte

Aufgrund des doch enttäuschenden Besuchs im Oberseminar ‚rekrutierten‘ wir unsere studentischen Mitarbeiter in der Folgezeit in erster Linie aus persönlichen Kontakten und Bekanntschaften; viele von ihnen waren bereits Hilfskräfte in diversen altgermanistischen Projekten, brachten aber die Bereitschaft mit, sich an dem neuen Vorhaben zu beteiligen, auch ohne daß wir ihnen eine vertraglich zugesicherte Beschäftigung in Aussicht stellen konnten. Inwieweit diese Studierenden im Rahmen des Multimedia-Projekts Schlüsselqualifikationen erwerben bzw. ausbauen und erweitern konnten, soll nun dargelegt werden.

Daß der Umgang mit moderner Computertechnik – von der Handhabe des Scanners über die Bedienung moderner Zeichen- und Grafikprogramme und Autorensysteme bis hin zum Umgang mit Schnittsystemen – für die Aufbereitung multimedialer Lernmaterialien unerläßlich ist und die hier erworbenen Kompetenzen auf dem heutigen Arbeitsmarkt von größtem Vorteil sind, versteht sich von selbst und soll daher nicht weiter ausgeführt werden. Stattdessen möchte ich die ‚projektspezifischen Schlüsselqualifikationen‘ im folgenden von zwei Hauptgesichtspunkten her erörtern, und zwar zum einen als Entfaltung der kommunikativen Kompetenz, zum anderen als Facetten teamorientierten Arbeitens.

Die zentrale Rolle der kommunikativen Kompetenz ergibt sich schon daraus, daß Germanistinnen und Germanisten traditionellerweise – und für den größten Teil trifft das auch heute noch zu – in Lehrberufe streben, in denen die Vermittlung von Wissensinhalten ihre eigentliche Aufgabe ist. Die dazu erforderliche Fähigkeit, auch hochkomplexe Lerninhalte auf das wesentliche zu reduzieren, didaktisch zu vermitteln und ihr Verständnis durch Visualisieren zu fördern, war bei unserem Projekt insbesondere vonnöten, um die Materialien zur (historischen) Dialektologie multimedial aufzubereiten: Beim Entwurf von Drehbüchern z.B. zur Ausbreitung der Lautverschiebung will genau bedacht sein, welcher Landschaftsaufbau am ehesten zum adäquaten Verständnis beiträgt, welche Information als wesentlich berücksichtigt werden muß, welche als unwesentlich unterdrückt werden kann. Der die Animation begleitende Text darf nicht zu umfangreich sein, muß aber zugleich alle notwendigen Erläuterungen beinhalten. Außerdem muß ganz besonderer Wert darauf gelegt werden, daß Bild- und Tonmaterialien sich gegenseitig ergänzen, nicht aber identische Informationen ‚doppelt‘ vermitteln. Inzwischen werden die bislang erarbeiteten Animationen auch eingesetzt als Lehrmaterial in Tutorien, die das Proseminar I begleiten. Damit ergibt sich für die Tutoren eine weitere Möglichkeit, ihre kommunikative Kompetenz im ‚Ernstfall‘ des Unterrichts zu erproben.

Von großer Wichtigkeit für das Einüben kommunikativer und diskursiver Fähigkeiten scheint mir auch der Umstand zu sein, daß die am Projekt beteiligten Studierenden in eigener Verantwortung Kontakte zu Kooperationspartnern knüpfen und pflegen sollten – hier wären z.B. das Deutsche Spracharchiv in Mannheim, die Pädaudiologie des Universitätsklinikums Aachen oder der Südwestdeutsche Sprachatlas in Freiburg zu erwähnen – oder gar selbständig Verhandlungen führten, die auf den möglichst günstigen Ankauf von im Projekt benötigten Materialien abzielten – in einem Fall handelte es sich z.B. um Vektordaten, die wir vom Bundesamt für Geodäsie beziehen konnten. Zunächst einmal mußte ermittelt werden, welche Institutionen überhaupt über Materialien oder Knowhow verfügten, die eine erfolgreiche Zusammenarbeit erst in Aussicht stellen. Auch die anschließende Recherche in einer ungewohnten Umgebung – eben nicht mehr nur in der UB Trier, sondern z.B. im Archiv des Freiburger Sprachatlas – ist als Schlüsselqualifikation anzusehen. Das gilt ebenso für die Fähigkeit zu wirklich hartnäckigem Verhandeln, durch die wir z.B. beim Kauf der Vektordaten tatsächlich sehr viel Geld einsparen konnten. Das selbständige Erledigen derartiger Aufträge ist auch deshalb sehr wichtig, weil Studierende auf diese Weise die Erfahrung machen, daß sie durchaus in der Lage sind, erfolgreich Kontakte anzubahnen, zu verhandeln und durch ihre zielgerichtete Tätigkeit wesentlich zum Fortschritt der Projektarbeiten beitragen zu können.

Mindestens ebenso wichtig wie das Einüben und Beherrschen diskursiver Fähigkeiten scheint mir das damit eng verbundene Erlernen von Arbeitsformen im Team: Viele der im Multimedia-Projekt anfallenden Arbeiten sind erst dann sinnvoll durchzuführen, wenn sie in einzelne Teilschritte zerlegt werden, um die sich verschiedene Bearbeiter kümmern. Das möchte ich an einem Beipiel darlegen: Das Anfertigen der Filmsequenzen zu Assimilationserscheinungen setzte bereits intensive Vorarbeiten voraus: Zunächst mußten Kontakte zur Phoniatrie in Aachen geknüpft werden; nach einem ersten Besuch am Großklinikum Aachen waren die von dort zur Verfügung gestellten Materialien zu analysieren und auf ihre Tauglichkeit für unsere Vorstellungen und Zwecke hin zu prüfen. Zugleich mußte ein erstes Drehbuch angefertigt werden. Teile dieses Drehbuchs wurden anschließend filmisch umgesetzt; nicht nur, um unsere eigenen Vorstellungen zu präzisieren, sondern auch, um den kooperierenden Ärztinnen in Aachen anhand eines Probefilms deutlich zu machen, welches Vorgehen uns für unsere Zwecke ratsam und geeignet erschien. Bei der weiteren Überarbeitung des Drehbuchs, bei der Absprache eines Drehtermins mit Aachen, beim Besorgen der notwendigen Ausrüstung, beim anschließenden Umsetzen der Filmsequenzen und der sich wiederum ergebenden Notwendigkeit, das Drehbuch erneut zu überarbeiten, waren wiederum verschiedene Fähigkeiten und Fertigkeiten gefragt, die dementsprechend delegiert werden mußten und konnten.

Derart komplexe Projektaufgaben sind unserer Ansicht nach gut dazu geeignet, das eigenverantwortliche Arbeiten in miteinander abgesprochenen, eng begrenzten Teilbereichen einzuüben und zu fördern. Von größter Wichtigkeit scheint dabei auch der Terminaspekt zu sein: Das Einschärfen von Terminen soll dabei nicht etwa als Leistungsdruck empfunden werden, sondern lediglich die Bedeutung zielgerichteten und ergebnisorientierten Arbeitens unterstreichen. Abgeschlossene Teilprojekte und bereits vorzeigbare Ergebnisse fördern schließlich die Motivation und damit die Bereitschaft, die eigene Arbeitskraft, Phantasie und Energie weiterhin im Projekt einzusetzen.

Abschließend möchte ich nur noch darauf hinweisen, daß zwei bereits examinierte Studenten, die sich beide etwa ein Jahr lang an den Arbeiten im Multimedia-Projekt beteiligt haben, ihre im Rahmen dieses Projekts ausgeführten Tätigkeiten in ihren Bewerbungen durchaus als Pluspunkte aufführen. Ihnen ist ebenso Erfolg zu wünschen wie einer dritten Studentin, die in ihrer Bewerbung angeben konnte, daß sie als Hilfskraft eines altgermanistischen Projekts in Trier unter anderem damit betraut war, ein Handbuch zur Bedienung einer CD-ROM für mittelhochdeutsche Wörterbücher anzufertigen: Sie arbeitet inzwischen in einer Wirtschaftswerbe-Agentur in Köln. Relevanz für den Einstieg in die Berufswelt hat auch die derzeit intensivierte Zusammenarbeit mit Gymnasiallehrern: Uni und Schule erarbeiten zu bestimmten Themenschwerpunkten (Historische Semantik, ‚Yolanda von Vianden‘) didaktische Konzepte, die im Schulunterricht verwendet werden (sollen). Derartige Kontakte zu einem für Germanisten typischen Berufsfeld werden einigen unserer Studierenden den künftigen Einstieg in das Referendariat und in den Lehrberuf ganz gewiß erleichtern.


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