Die Gliederung des deutschen Sprachgebiets aus mittelalterlicher Sicht

In unserer Gegenwart geschriebene Texte halten sich in aller Regel an eine standardisierte Orthographie; für die deutsche Sprache können hier z.B. die Normen des DUDEN angeführt werden.

Eine derartige Standardisierung schriftlicher Aufzeichnungen ist eine relativ junge Entwicklung. Im mittelalterlichen Deutsch ist die graphischen Varianz der Texte und Textzeugen sehr viel höher. Aller Varianz zum Trotz läßt sich jedoch feststellen, daß bestimmte Schreibformen für bestimmte Landschaften charakteristisch sind. Ein Vergleich solcher Schreibungen, die nur in den Reimen poetischer Denkmäler gebraucht worden sind und daher der Änderung durch spätere Abschreibeprozesse weniger stark unterlagen, ermöglicht innerhalb gewisser Grenzen außerdem Rückschlüsse auch auf unterschiedliche Sprechsprachen des Mittelalters, deren Unterschiede den Menschen deutlich bewußt waren, so daß sie gelegentlich selbst zum Gegenstand literarischer Darstellung und Reflexion werden konnten.

Gab es also eine mittelalterliche Dialektologie?

Über eine Analyse der graphischen Varianz einerseits, über die Untersuchung der den Reimen zugrunde liegenden Laute andererseits, endlich über die Interpretation relevanter Quellen kann daher wichtiger Aufschluß über die Gliederung auch der mittelalterlichen Dialektgliederung gelingen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den heutigen Mundarten aufgezeigt werden.