Wiener Genesis

  Er tet an dem antlutze siben locher nutze:
120 zwei an den ôren daz er muge hôren, (240)
  joch zwei ougen daz er sehe die getougen,
  zwei an der nase daz er stinchen muge,
  in deme munde einez, sô nutze nist neheinez.
  In deme munde hiez er hangen eine zungen lange.
125 fure die îlte er machen einen chinnebachen, (250)
  zane zwei geverte, beinîn vil herte,
  daz si daz ezzen brechen unt daz diu zunge spreche.
  Swenne sie den wint fâhit unt in den munt zuhet,
  an den zannen si scefphet daz wort daz si sprichet.

Der Renner: Von manigerleie sprâche.

  Swer tiutsche will eben tihten,
  Der muoz sîn herze rihten
22255 Ûf manigerleie sprâche:
  Swer wênt daz die von Âche
  Reden als die von Franken,
  Dem süln die miuse danken.
  Ein ieglich lant hât sînen site,
22260 Der sînem lantvolk volget mite.
  An sprâche, an mâze und an gewande
  Ist underscheiden lant von lande.
  Der werlde dinc stêt über al
  An sprâche, an mâze, an wage, an zal.
22265 Swâben ir wörter spaltent,
  Die Franken ein teil si valtent,
  Die Beier si zezerrent,
  Die Düringe si ûf sperrent,
  Die Sahsen si bezückent,
22270 Die Rînliute si verdrückent,
  Die Wetereiber die würgent,
  Die Mîsener si vol schürgent,
  Egerlant si swenkent,
  Oesterrîche si schrenkent,
22275 Stîrlant si baz lenkent,
  Kernde ein teil si senkent,
  Bêheim, Ungern und Lamparten
  Houwent niht mit tiutscher barten,
  Franzois, Walhe und Engellant,
22280 Norweye, Yberne sint unbekant
  An ir Sprâche tiutschen liuten;
  Nieman kann ouch wol bediuten
  Kriechisch, jüdisch und heidenisch,
  Syrisch, windisch, kaldêisch:
22285 Swer daz mischet in tiutsch getihte,
  Diu meisterschaft ist gar ze nihte.
  Die lantsprâche dâ vor genant
  In tiutschen landen sint bekannt:
  Swer ûz den iht guotes nimt,
22290 Daz wol in sînem getihte zimt
  Mich dünket dern habe niht missetân,
  Tuot erz mit künste und niht nâch wân.
  Wenne Westfaln und manigiu lant,
  Diu hie belibent ungenant,
22295 In tiutschen landen sint bekannt,
  Aleine si maniger zungen bant
  Würgen, zwicken und binden
  Vorn, mitten und hinden.
  Wenne T und N und R
22300 Sint von den Franken verre
  An maniges wortes ende:
  Wer will dâr üm si pfende,
  Ob Swanfelder ir wörter lengent
  Und Babenberger ir sprâche brengent
22305 Von den hülsen ûf den kern?
  Ein ieglich mensche sprichet gern
  Die sprâche, bî der ez ist erzogen.
  Sint mîniu wort ein teil gebogen
  Gein Franken, nieman sî daz zorn,
22310 Wenne ich von Franken bin geborn.

Heinrich und Kunegunde

  ich bin ein Durenc von art geborn:
  hêt ich die sprâche nû verkorn
  unt hête mîne zungen
4470 an ander wort getwungen,
  warzuo wêre mir daz guot?
  ich wêne er ellenlîche tuot,
  der sich der sprâche zucket an,
  der er niht gefuogen kan.

 

Albrecht von Halberstadt: Ovids Metamorphosen

  Der sinne an disem bu/och
  Inn rechtem hat geflissen,
  Der er ist, solt ihr wissen:
45 Entweder diser zweyer,
  Weder Schwab noch Beyer,
  Weder Türing noch Franck.
  Deß laß ich ich sein zu/o danck,
  Ob ihr fünden ihn den reimen,
50 Die sich zu/onander leimen,
  Falsch oder unrecht.
  Wann eyn Sachs, heisset Albrecht
  Geboren von Halberstatt,
  Euch diß bu/och gemachet hat
55 Von latin zu/o teütsche.

Herbort von Fritzlar: Liet von Troye

91 Ich wil in (die sprache) bigen ob ich kann
  Daz hiz der furste herman
  Der Lantgrave von duringe lant
  Diz buch hat im hergesant
95 der grave von Liningen
  So mir dar ane gelingen
  So lenge ich ez mit willen niht
  Ich spreche von troyge daz lieht.

Heinrich von Nördlingen: Brief an Margareta Ebner von 1345

Ich send euch ain buch das haisst Das liecht der gothait. dar zu zwinget mich das lebend liecht der hitzigen mine Christi, wan es mir das lustigistz tützsch ist und das innerlichst rürend minenschosz, das ich in tützscher sprach ie gelas. (...) und ee brechent das versigelt buch nit uf, ee ir desse gebet tuwend und nemen dar zu alle, die gnad dar zu habint mit ernst, und dar nach vahent an ze lesend sitlichen und nit ze vil und wolchiü wort ir nit verstandint, die zeichend und schribentz mir, so betützsch ichs euch, wan es ward uns gar in fremdem tützsch gelichen, das wir wol zwai jar flisz und arbeit hetint, ee wirs ain wenig in unser tützsch brachtint.


Berliner Handschrift, Ms Qu. 674

Adam et eva teutonica lingua loquebantur, que in diversa non divitur ut romana. (Bl. 114va)


Helmbreht

  Sprach daz frîwîp und der kneht:
  'bis willekomen, Helmbreht!'?
  nein, si entâten,
  ez wart in widerrâten.
715 si sprâchen: 'juncherre mîn,
  ir sult got willekomen sîn!'
  er sprach: 'vil liebe sœte kindekîn,
  got lâte iuch immer sælec sîn!'
  diu swester engegen im lief,
720 mit den armen si in umbeswief.
  dô sprach er zuo der swester:
  'gratia vester!'
  hin für was den jungen gâch,
  die alten zugen hinden nâch;
725 si enphiengen in beide âne zal.
  zem vater sprach er: 'dê ûs sal!'
  zuo der muoter sprach er sâ
  bêheimisch: 'dobra ytra!'
  si sâhen beide einander an,
730 beide daz wîp und der man.
  diu hûsfrou sprach: 'herre wirt,
  wir sîn der sinne gar verirt.
  er ist niht unser beider kint:
  er ist ein Bêheim oder ein Wint.'
735 der vater sprach: 'er ist ein Walh.
  mîn sun, den ich got bevalh,
  der ist ez niht sicherlîche
  und ist im doch gelîche.'
  dô sprach sîn swester Gotelint:
740 'er ist niht iuwer beider kint.
  er antwurt mir in der latîn:
  er mac wol ein phaffe sîn.'
  'entriuwen', sprach der vrîman,
  'als ich von im vernomen hân,
745 sô ist er ze Sahsen
  oder ze Brâbant gewahsen.
  er sprach "liebe sœte kindekîn":
  er mac wol ein Sahse sîn.'


Van dem Oberlender, sijner Cleydung und Anspraeche

  Eyn marder collyre eme umb dem halse lach,
  Lanck kruys geell was sijn haer,
  Syn schoe waren ru an dem enckel sijde,
  Syn tabbart lanck gefoedert und wijde,
  Koestlich als man des zo Nuerenberch plijt.
6 Ouch was syn bart gedreyt, gespalt.
  He sprach: "was gebuestu, liebste myn?
  Alles mines willen haistu gewalt 1)."
  Sij sprach: "Hait yr idt hertzepijn,
  Dass soelt yr myr nu doin kont,
  Und wie uwer smertze sij gewant,
  Dair um hain ich nae uch gesant.
7 Nu sayt myr, wair ys uwer sweer,
  Und sitzent her.
  Fijchen sall uns drincken halen her.
  Wanne, Metzgijn, Byelgijn, en hoirt yr niet?
  Wanne, gotzen, wie doet yr noch?
  Brenckt den wijn her, ane vertzoch,
  Ure eyn, wared des gadems doch!"

1) fehlt B. Durch Konjektur ergänzt.

8 Mit groissem suchten he doe sprach:
  "Owe, myn liebste frauwe, hoeret 1)!
  Owe, das ich uch ye gesach!
  Nu sijnt myr alle wort ertoeret 2),
  Das ich ure dughet niet en kan gesagen,
  Want ich ure eerwirdicheit habe zo clagen."
  "En doyrst yr myr dat nye sagen?
9 Is uch get unwillen van den meyden widervaren,
  Dat yr myr soellet clagen billich,
  Wrech icht an der jungen diernen zwaren 3),
  Dair zo bijn ich so rechte willich.
  Sij synt unwissen, dat moys ich jehen,
  Is uch yet van yn gescheen,
  Ich sall sij schelden, dat soelt yr sehen."
10 "Ay neyn, der jonffrauwen en doerfft yr keyn schelden.
  Sij synt myns lijdens vrij van schulden,
  Ich byn siech, das moys ich melden.
  Das merkent yr ye wail, so wan yr wulten,
  En laist yrs niet durch klucken list,
  Ir sehet ye wael so was myr ist,
  Und wan aff es myr komen ist."
11 "Op myn sicherheit, up siecheit ich mich niet en versteen 4),
  Eyn meyster, heisset Rodolff van Narden 5),
  Der kayn wail in dem wasser seen,
  Den doen ich uch halen, wolt yrs warden.
  He hilpt vil manichem man ind wijven,
  Der sal uch wail in die aptecken schriven
  Ind ure siecheit alle verdriven."

1) B: hoere
2) B: erdoet
3) B: dat yr myr soellet clagen
         Will ich van der jungen diernen tzwagen

4) B: verstain
5) B: nordaen


Kölner 'Passion Christi'

[gedruckt] in Coellen in goeden coelschen duytz dorch die ersamen Johannes Helman borger der stat Coellen In dem Jaer ons heren Dusent vunfhondert ind vunff vp pynxt Auent.


Das Leben des heiligen Meinolf

Also gaf coninck Karolus dessen kynde vorgescreven dussen namen "Maynulphus" na der Beyerschen sprake ofte he segghen wolde: "Dyt kynt sal myn Ulphius wesen, als de sunte Marcus Ulphius was, den he dopede." Wante he hapede, dat vermyts dessen kynde de cristen ghelove solde vortganck hebben in dussen lande als he vortganck hadde vermyts den yunghen Ulphius, den sunte Marcus dopede.
Wante nu de Vrancken in den lande, dar Wirtzeborch is ghelegen, spreken "meyn" dar, de Beyeren spreken "mayn", so wort dyt kynt van den Franckesschen ersten, de in den tyden ersten in Westphalen den geloven begunden toe prekende, "Meynulphus" unde na Beigersche sprake (fol. 3v) "Maynulphus" ghenoemet. Unde alzo vyndet men den namen na twierleie wyse ghescreven unde is doch eyn syn. Wante nu de Vrancken den Westphelinghen negher weren dan de Beigheren unde oeck den cristen geloven leerden, nadem dat et bevollen was den bisschop van Wirtzeborch, so ys dese name ghemeynliken gebleven in wontlicheit "Meynolphus".


Schottenchronik (Auszug)

Druck Nürnberg 1509 von Johannes Stücks
'Das ist die loblich legend von des grossen Kayser Karls streyt vor der stat Regenspurg geschehen'

Darnach zu/o dem vierden mal / ward sie gehaýssen lateinisch Hyaspolis / vonn grober sprach wegen mit offem weytten mund / als man noch ho/ert von dem gewd volck.


Münstersche Grammatik (Mitte 15. Jh.)

Legam ick will edder ick schal lesen; edder alse de overlender seggen: ik werde lesen.

Legam ich will oder ich soll lesen; oder wie die Oberländer sagen: ich werde lesen.