Gab es eine mittelalterliche Dialektologie?

Eine mittelalterliche Ansicht zum Sprachvermögen und zu den physischen Grundlagen der Artikulation findet man in der 'Wiener Genesis' im Rahmen der ausführlichen Passage zur Erschaffung des Menschen. Bei der Beschreibung des Kopfes werden auch die Sprechorgane und ihre Funktion behandelt: ... damit die Zunge sprechen möge. Wenn sie den Luftstrom fängt und in den Mund hineinzieht, erschafft sie an den Zähnen das Wort, das sie spricht (V.127f.) [Die frühmittelhochdeutsche Wiener Genesis. Kritische Ausgabe mit einem einleitenden Kommentar zur Überlieferung von Kathryn Smits. Berlin 1972 (Philologische Studien und Quellen 59)].

Eine Passage in der enzyklopädischen Lehrdichtung des Bamberger Schulleiters Hugo von Trimberg (um 1235 - nach 1313) 'Der Renner' (ed. G. Ehrismann) hat Sprachhistoriker und Dialektgeographen besonders interessiert. Sie wurde überschrieben mit : 'Von manigerleie sprâche'.

Genau betrachtet lassen sich die Metaphern, mit denen Hugo sprachliche Dialekteigentümlichkeiten charakterisieren möchte, nicht in präzise Lautmerkmale auflösen, jedenfalls nicht insgesamt, und diese Forderung muß erhoben werden. Die Verse zeigen ein deutliches Bewußtsein der Unterschiede zwischen den Sprachlandschaften untereinander.
Dabei benennt Hugo eine durchaus auch heute noch gültige Vielfalt. Dieses Gliederungsschema nach Ländern ist allerdings auch in ganz anderen Zusammenhängen verbreitet (siehe M. Zimmermann, Die Sterzinger Miszellaneen-Handschrift, Innsbruck 1980, Nr. 17 'Merkmale einer schönen Frau'). Außerdem ist es Hugo bewußt, daß diese dialektale Vielheit dennoch zu einer Einheit, dem Deutschen, gehört, und daß sie sich von anderen Sprachen grundsätzlich unterscheidet: letztere sind Deutschen nämlich unverständlich.
Im Bereich der Literaturgeschichte hat Hugo zwar mit seinem 'Registrum Multorum Auctorum' "die einzige selbständige Literaturgeschichte, die das Mittelalter hervorbrachte" verfaßt, "die den Stoff kritisch und aufgrund eigener Forschungen sichtete und ordnete" (VL ²IV, 279); im Bereich der Sprachgeschichte allerdings ist Hugo - von dem Ansatz V. 22299f. abgesehen - aber nicht in der Lage, die Unterschiede so zu abstrahieren, daß er sie auf der Lautebene beschreiben und systematisieren könnte. Dem entspricht das ubiquitäre Verhalten von Schreibern, wenn sie die Vorlage mit einem dem ihrigen fremden Dialekt beim Abschreiben in den eigenen umsetzen. Dabei gehen sie nie theoretisch-systematisch vor, sondern wortgebunden oder gar ganz mechanisch.

Ganz ähnlich wie bei Hugo sind die Verhältnisse bei Ebernand von Erfurt, der sich in 'Heinrich und Kunegunde' (ed. R. Bechstein, um 1220) dazu äußert.
Auch bei Ebernand ist das Bewußtsein der sprachlichen Eigenheit seines Dialektes, auf den er stolz ist, vorhanden, aber eine lautbezogene Charakterisierung fehlt.

Im Prolog der Übertragung von Ovids Metamorphosen Albrechts von Halberstadt (ed. Johannes Bolte: Georg Wickrams Werke. Bd. 7 (Ovids Metamorphosen, Buch 1-8), Bibliothek des Litt.Vereins Stuttgart, Tübingen 1905.) läßt sich die Grobeinteilung des deutschen Sprachraums wiederfinden: In V. 46 Schwaben und Bayern stehen für das Oberdeutsche; V. 47 Thüringen und Franken für das Mitteldeutsche und schließlich V. 52 Sachsen, Albrechts Heimat, für das Niederdeutsche.

Auch Herbort von Fritzlar, der wie Albrecht von Halberstadt im Auftrag des Landgrafen Hermann von Thüringen sein Liet von Troye verfaßte, äußert sich zur Sprachform, zur Schreibsprache seines Werkes. Auf des Geheiß des Fürsten wird er die Schreibsprache (und wie Albrecht damit auch seine eigene Sprache) in die gewünschte Form bigen. (ed. G.K. Frommann: Herbort von Fritzlar, Liet von Troye (Bibliothek der ges. dt. Nationallit. V). Quedlinburg und Leipzig 1837.)

Ein Brief Heinrichs von Nördlingen an Margaretha Ebner, den er ihr zusammen mit seiner Übersetzung des 'Fließenden Lichts der Gottheit' von Mechthild von Magdeburg sandte, verrät zum einen etwas über das Verhältnis Niederdeutsch - Oberdeutsch, zum andern über die Sorgfalt der Übersetzung. Heinrich bezeichnet sowohl Mechthilds Niederdeutsch als auch sein Oberdeutsch mit dem Wort tützsch, wenn auch Mechthilds Werk gar in fremdem tützsch verfaßt sei, so daß eine sorgfältige, immerhin zwei Jahre währende Übersetzung notwendig wurde. Er steht ferner für Erläuterungen zur Verfügung, falls die Übersetzung für seine Adressaten dennoch nicht verständlich geworden ist. (Edition der Briefe  Philipp Strauch: Margarethe Ebner und Heinrich von Nördlingen. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Mystik. Amsterdam 1966, Nr. XLIII.)

In einer Handschrift (Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Ms Qu. 674), die 1220/30 in Trier St. Eucharius geschrieben worden ist, ist Bl. 103ra-116ra ein Fragment von Hildegards von Bingen 'Liber composita medicinae' überliefert, wo das "Deutsche" und das "Romanische" hinsichtlich ihrer dialektalen Differenzierung verglichen werden: Adam und Eva sprachen die deutsche Sprache, die nicht in verschiedene (Dialekte) geteilt ist wie die romanische. Diese Stelle ist jedoch ganz im Gegenteil zu Hildegards eigenen Anschauungen überliefert.

Beim 'flämeln' im 'Helmbreht' (um 1273 - 1282) geht es Wernher dem Gartenære nicht um den Dialekt als solches, sondern darum, daß Helmbrecht mit vorgeblichen Sprachkenntnissen prahlt und sich als polyglott ausgeben möchte, oder mit anderen Worten: um soziale Symptomwerte. Wichtig dabei ist, daß die Angesprochenen die fehlerhaften Sprachbrocken soziologisch und landschaftlich korrekt einzuordnen vermögen. Nur das "geflämelte Oberdeutsch" (so U. Seelbach in seinem Kommentar zu V. 728), daß z. T. sogar auf Konjektur beruht, gibt zu Zweifeln Anlaß; soete ist nämlich jeweils in V. 717 und V. 747 konjiziert (ed. F. Tschirch).

Vergleichbares gilt für den Kölner Schwank 'Stynchin van der Krone' (um 1420–1430). Die Liebhaber Stynchins`, ein vornehmer Oberländer aus Nürnberg, ein reicher Patriziersohn aus Köln, ein unbemittelter Söldner aus Westfalen und ein Schiffer aus Holland werden u.a. durch ihre Dialekte charakterisiert, weitere Kriterien sind z.B. Kleidung, Haartracht u.a.m., wobei auf landschaftliche Typika oder 'Vorurteile' zurückgegriffen werden kann, vgl. Lyrik des späten Mittelalters, hrg. v. H. Maschek, Leipzig 1939, Nr. 25. Es geht hierbei jedoch nicht um 'Dialektproben', sondern vielmehr "um unterschiedlich stilisierte Werbungsworte, deren Spektrum von der vornehm-höfischen Ausdrucksweise des Nürnbergers über die schlichteren Töne des Kölners und des Westfälingers bis zur derb-frechen Sprache des Holländers reichen" (VL ²IX, 476).
Doch ist diese Anwendung der Mundarten keineswegs sicher durchgeführt, sondern mehr intentionell angestrebt. Vgl. in der Ausgabe J. J. A. A. Frantzen und A. Hulshof, Drei Kölner Schwankbücher aus dem 15. Jahrhundert, Utrecht 1920, s. IV. Vgl. als Beispiel: 'Van dem Oberlender, sijner Cleydung und Anspraeche'

Das Explizit einer in Köln gedruckten 'Passion Christi' in Prosa gibt eine Charakterisierung der verwendeten Druckersprache (vgl. Ursula Rautenberg: Überlieferung und Druck. Heiligenlegenden aus frühen Kölner Offizinen (Frühe Neuzeit 30). Tübingen 1996, S. 292. Ebd., S. 14 über oberdeutsche Bücher inm Kölner Buchhandel.). Die beiden Adjektive, die das Substandiv duytz 'Deutsch' näher charakterisieren, verweisen zum einen auf den besonderen Dialekt (coelschen), allerdings im Gesamt der Sprachgemeinschaft duytz. Bemerkenswert ist, daß ein Kölner Drucker eine derartige Spezifizierung für sinnvoll, gar nötig hielt, um bei einem potentiellen Kölner Leser Kaufinteresse zu wecken. Zum andern läßt goed am ehesten auf eine gehobene Stillage schließen, die sich von der Alltags- oder Rechtssprache abhebt, und nicht auf ein besonderes sprachbezogenes Selbstbewußtsein im Hinblick auf die Stellung des 'heiligen' Köln im 'Reich'.

Als weiteres Beispiel möge eine Passage folgen aus 'Das Leben des heiligen Meinolf' (ed. H. Rüthing, Paderborn 1991, S. 16f.) nach einer Handschrift, die zwischen 1450 und 1470 im Kloster Böddeken entstanden ist: 'Das Leben des heiligen Meinolf'
Doch steht hier kaum die Problematisierung eines dialektalen Unterschiedes im Vordergrund der Erörterung des Namens, sondern es geht um ein Problem mittelalterlicher Etymologie. Dabei ist diese kaum eine sprachwissenschaftliche Kategorie im modernen Sinne, sondern eine Denkform, die der Wesenserschließung der Dinge gilt (vgl. dazu unter einem modernistischen und daher in die Irre führenden Titel: Paul Michel, Etymologie als mittelalterliche Linguistik, in: A. Schwarz/A. Linke/P. Michel/G. Scholz Williams, Alte Texte Lesen. Textlinguistische Zugänge zur älteren deutschen Literatur [Uni-TB 1482], Bern/Stuttgart S. 207-260).
Hierzu paßt, daß die in den Handschriften übliche Unterscheidung zwischen altem Diphthong ( mhd. | ei | > frühnhd. | ai | ) und neuem Diphthong ( mhd. | î | > frühnhd. | ei | ) im Bairischen gerade nicht korrekt getroffen ist.
1598 hat sich Paul Schede Melissus (1539 - 1602) in einer 'Commentiatiuncula de etymo Haidelburgae et Monte Myrtillifero' ausführlich dem Unterschied der Diphthonge ai ( = mhd. ei und öu ) und ei ( = mhd. î ) gewidmet (vgl. M. H. Jellinek, Geschichte der neuhochdeutschen Grammatik I, S. 57), doch liegt dieses Zeugnis jenseits der Grenzen des Mittelhochdeutschen.

Nach 1509 wurde in Nürnberg von Johannes Stücks ein Auszug der Schottenchronik unter dem Titel 'Das ist die loblich legend von des grossen Kayser Karls streyt vor der stat Regenspurg' gedruckt. Bl. Ajvf. werden sieben Namen der Stadt Regensburg etymologisierend vorgestellt, u.a. Hyaspolis. Diesen Namen hält Shaw, S. LXVIII (s.u.), für eine der "mehr oder weniger gelungenen Latinisierungen (bzw. Präzisierungen) von Regensburg ([...] gr[iechisch] hyetos = Regen)". Doch legt die Begründung dieser Etymologie in der Volkssprache des Druckes nahe, daß auch an lat. hio, hiati, hiatum 'den Mund offen stehen lassen' gedacht sein wird. Diese Sprecheigentümlichkeit der bayerischen Landbevölkerung (?) ließe sich mit den metaphorischen Umschreibungen Hugos von Trimberg vergleichen, markierte unter Umständen aber zusätzlich einen Artikulationsunterschied von Stadt- und Landbevölkerung. Der Druck Regensburg, Staatliche Bibliothek, Rat.civ. 67/4°, liegt als Faksimile bei: Ekkehard Schenk zu Schweinsberg: Die letzte Schlacht Karls d.Gr. Die bemalte Tischplatte von 1518 und die Regensburger Karlslegende am Anfang des 16. Jahrhunderts (Hefte des Kunstgeschichtlichen Instituts der Universität Mainz 1). Mainz 1972; vgl. ferner Frank Shaw (Hg.): Karl der Große und die Schottischen Heiligen (DTM 71). Berlin 1981, S. LXVff.
gewd volk: Vgl. Lexer I, 1062 göuvolk 'Landvolk', was hier von der Bedeutung her gut zu passen scheint; allerdings ist der d-Einschub nur schwer erklärbar. Vgl. also auch giuden (geuden, göuden) 'prahlen, grosstun, in geräuschiger Freude sein' (Lexer I, 1025). Man müßte dann mit einer bisher unbelegten Neubildung rechnen, vergleichbar dem frühneuzeitlichen geudarzt 'Prahlarzt, prahlender Arzt'. Aber eine entsprechende Bedeutung 'prahlendes Volk' ist an dieser Stell nicht recht einsichtig.

In einer Münsterschen Grammatik aus der Mitte des 15. Jahrhunderts (ed. E. Wilken, Niederdeutsches Jahrbuch 3 (1878), S. 36-56, hier S. 44) findet sich ein Reflex dialektaler Unterschiede, die die Syntax betreffen. "Die Fügung werden mit Infinitiv wird also bereits im 15. Jahrhundert als sprachliche Eigentümlichkeit der "Oberländer" registriert." Das von Schmid untersuchte "Korpus bestätigt somit den erwähnten anonymen Münsterauer Grammaticus: Die Ursprünge der Konstruktion werden mit Infinitiv sind im Oberdeutschen zu suchen" (s. Hans-Ulrich Schmid, Die Ausbildung des werden-Futurs. Überlegungen auf der Grundlage mittelalterlicher Endzeitprophezeiungen. ZDL 67 (2000), S. 6-27, hier S. 7 und 13).
Dieses Zeugnis ist deshalb bedeutsam, weil es belegt, daß das Bewußtsein von dialektalen Unterschieden sich nicht nur ganz allgemein artikulierte (Hugo von Trimberg, Albrecht von Halberstadt), sich nicht nur auf Laute ('Meinolf-Vita'), Wortformen (Wernher der Gartenære) und Wörter ('Stynchin van der Krone') erstreckte, sondern auch auf den syntaktischen Bereich.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß man sich im Mittelalter der sprachlichen Unterschiede in den verschiedenen Sprachlandschaften durchaus bewußt war; schließlich waren die Schreiber mit derartigen Unterschieden vielfach beschäftigt, so daß man sagen könnte: eine mittelalterliche 'praktizierte Dialektologie' gab es schon. Doch zu einer Theorie von Laut- und Sprachveränderungen und zu einer systematischen Erfassung der lautlichen Differenzen ist es im Mittelalter nicht gekommen; ebensowenig zu einer übergreifenden Begrifflichkeit. Auf die Übersetzung der vier Evangelien in 'Matthias` von Beheim Evangelienbuch' (ed. R. Bechstein) folgt eine kurze Bemerkung zur Übersetzungsweise, sie sei erfolgt in daz mittelste dutsch (S. XVIII). Diese Charakterisierung betrifft allerdings zweifelsfrei die Stillage, und es ist völlig abwegig, hier den sprachwissenschaftlichen Begriff 'Mitteldeutsch' vorformuliert finden zu wollen.