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Bd. 30, Sp. 2401 WUSCHELN, vb., wie wuschelig, wuschig, wuschen im berlinischen mit ž gesprochen (H. MEYER d. richtige Berliner [61904] 137 = MEYER-MAUERMANN [91925] 196 schreibt wugig) und dadurch den expressiven charakter der wortsippe dokumentierend, s. WISSMANN zs. f. dt. altert. 76 (1939) 3. bei der entstehung mag wischen usw. mitgewirkt haben: wuscheln und verwuscheln verwirren CRECELIUS Oberhess. 927. namentlich das haar wuscheln 'zärtlich zerzausen': ich spielte mit der kleinen, wuschelte ihr das helle köpfchen MARCHWITZA jugend (1952) 215.
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huscht an ihm hoch und wuscht ins haar hinein PAUL ERNST kaiserbuch 1, 1 (1932) 91. |
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Bd. 30, Sp. 2402 aus dem ei geschlüpften (hühner) führen den zärtlichen namen wuserl ROSEGGER schr. (1895) I 4, 294. --
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auch wuszlet alles voll von käfern und häwschrecken WECKHERLIN ged. 2, 160 Fischer; da trippelt ein die kleine schaar (der gnomen) ... im moosigen kleid mit lämplein hell bewegt sich's durcheinander schnell ... und wuselt emsig hin und her, beschäftigt in die kreuz und quer GÖTHE I 15, 1, 53 W.; Bd. 30, Sp. 2403 und alles springt und wuselt froh belebt PAUL ERNST kaiserbuch 2, 2 (1927) 202. auch eine bezeichnung des ortes, wo es wimmelt, kann als subjekt stehen: ertönte eine stimme aus dem wuselnden innern (eines überfüllten omnibusses) J. SCHERR gröszenwahn (1876) 59; hätte der sturm die hütte abgedeckt, dasz man gar von oben ins wuselnde kindernest hineinsehe ROSEGGER wildlinge (1906) 133; unkraut wächst, steine stecken in den beeten, der boden wuselt von ungeziefer CAROSSA eine kindheit (1922) 48. b) mit persönlichem subjekt: diese (junge hündlein) wuselten behend in der zelt hin und wieder herumb (1669) GRIMMELSHAUSEN Simpl. 161 Scholte; ich sahe ... sehr viel kleine kinderlein wuseln türckischer vagant (1683) 138; es kostete einige mühe, bis von den vielen kellnerinnen, die im hause durch einander wusselten, eine uns stand hielt STARKLOF vierzehn tage im gebirge (1837) 389; und die ferkels wuselten quietschend hinter ihr drein VIEBIG die vor d. toren (1955) 48. hierzu auch: wo der Franzose (Rabelais) einen narren in ein wort sperrt, sperrt Fischart ein ganzes narrenhaus in einen satz, dasz dem leser vor diesem wirbelnden wuseln der gedanken und vorstellungen schwindelt GOEDEKE elf bücher deutscher dichtung (1849) 1, 159. 2) seltener von einzelnen lebewesen 'sich wimmelig, lebhaft aber etwas konfus bewegen'. a) allgemein: bald hier, bald da wuselt eins der jungen über die ledrigen laichkrautblätter LÖNS aus forst u. flur (o. j.) 113; aus einer hütten wusselt ein kleines maidlein herauf und lief auf uns zu KOLBENHEYER meister Pausewang (1910) 263; hinterdrein wuselt frau Powenz mit der petroleumlampe PENZOLDT Powenzbande (1949) 40. auch: einmal fuhr die dampfbahn vor und lud post aus. dann wuselte sie nach ihrer art eilig weiter SCHAFFNER Konrad Pilater (31910) 457. -- hierzu komposita des sinnes 'sich wuselnd aus etwas herausarbeiten': und ich freue mich über jede kleine schote, die aus ihrem weiszen westerhemdchen hervorwuselt WIELAND in: br. an Merck 2, 148 Wagner; die menschheit musz sich ganz allmählich selbst herauswuseln. die menschen wollen nur durch schaden klug werden OTTO ERNST in der jugend (1898) 106c. b) sich in dieser weise zu schaffen machen; besonders auch 'sehr geschäftig thun ohne besonderen erfolg' SCHMID schwäb. wb. 540: das kleine männchen ... putzte und rückte immer fort an den uhren, zog sie auf, und sorgte und wuselte immer fort BRENTANO ges. schr. (1852) 5, 361; auf dem hof gab es nur den fremden mann und den alten knochen, ... den schnapstrinker, grosz im trinken und im geschäftigen wuseln ERHARD WITTEK bewährung d. herzen (1937) 101; so auch: nur ein artiges mädchen wuselte mit dem staubtuch an den ... gläserbrettern herum MUELLENBACH silberdistel (1903) 28. |
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welchs (das kind Jesus) denn hinder jr beider wust allda verbleib aus eigner lust B. RINGWALDT evangelia (1581) G 1 b; als solches der könig Sinald erfuhr, wie seine tochter den Otharum geehlichet, war ihm zwar solche parthey nicht Bd. 30, Sp. 2404 zu wider, aber es verdrosz jhn, dasz sie es wider seinen wust und willen gethan A. V. KRECKWITZ lustwäldlin (1632) 38; Morus kam nach hofe schmausen; ohne wust und ohne grausen frasz er viel von einem raben, den sie ihm zum possen gaben LOGAU sinnged. 526 lit. ver.; nach gottes will und wust ebda 347; unterdessen rückte Germanicus mit wust und willen des hertzogs ... fort LOHENSTEIN Arminius (1689) 2, 996b. |
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wust in der bedeutung A kommt seit dem späteren mhd. vor und hält sich bis in die moderne sprache, bleibt aber stets selten; bedeutung B tritt zu beginn des frühnhd. sogleich in groszer häufigkeit auf und verliert sich erst im 19. jh.; gleichfalls seit dem frühnhd. ist der übertragene gebrauch C zu belegen, der in moderner sprache herrschend wird (bed. B übertrifft bed. C an häufigkeit im älternhd. um ein vielfaches; im 18. jh. kehrt sich dieses verhältnis um). während C 'inhomogene anhäufung' deutlich aus B (etwa i. s. v. 'haufen unrats') abgeleitet ist, bleibt der ursprung von B unklar. eine beziehung zu A (etwa 'schutt' > 'unrat') scheint nicht zu bestehen (die bed. 'schutt, trümmer' ist sehr fragwürdig bezeugt und kommt offenbar nur okkasionell vor, s. u. A 3). denkbar wäre, dasz bestimmte verwendungen des adj. 2wüst im sinne von 'unnütz, funktionslos, unbrauchbar' zugrundeliegen, die zwar nur schwach belegt sind (wüst A 3 b, z. b. wüstes gerinne das das überschüssige wasser einer mühle abführt; durch wüst durch taubes gestein [bergm.]; vgl. noch unten wustbaum 'unveredelter baum'), aber in analogen verwendungen des engl. adj. waste (vgl. 2wüst, einl.) für abfall, ausschusz usw. eine gewisse bestätigung finden. wust B wäre dann zunächst 'was keine funktion mehr hat', also 'auswurf, abfall' und erst von hier aus allgemein 'schmutz' (wozu dann wüst B 'schmutzig', s. d.). hierfür spricht besonders der sehr stark hervortretende gebrauch für körperliche ausscheidungen (sekrete und exkremente, s. u. B 1, dazu vielleicht noch die anwendungen auf oxyde, bodensätze usw. als 'ausscheidungen' eines stoffes, s. B 2 b α). die erst im frühnhd. (vgl. aber TEICHNER sp. 2451) bezeugten gebrauchsweisen B 1 und B 2 werden durch die ableitung wüestikait 'sekret, schleimige verschmutzung' (um 1350), wustikeit 'unsauberkeit' (anf. d. 15. jhs.) als älter erwiesen: der nasen nutz ist auch, daz der mensch ... dâ mit niest und sich saubert von der wüestikait des hirns KONRAD V.MEGENBERG buch d. nat. 11, 30 Pf. (hierzu, als bezeichnung von geisteskrankheiten: mania hirn wustigkeyt [1485] DIEFENBACH n. gl. 245b; freneticus ein hirnwutiger vel hirnwustiger voc. predic. [ende d. 15. jhs.] k 3a; vgl. u. B 1 a α); dann ich sag sie (ein altes weib) gar sere verstalt und von wustikeit gar ungestalt, unfledig, swartz, snode und gele pilgerfahrt des träum. mönchs 7047 Bömer. Bd. 30, Sp. 2405 A. verwüstung, trümmer (verbalnomen zu wüsten 1 'verheeren'). 1) als nomen actionis 'verheerung, zerstörung', wohl auch 'das wüten' (vgl. wüsten 2): man læge in sînem lande mit wuoste und mit brande und tæte im creftigen schaden Dietrichs flucht 2172 Martin; als herzog Lewpold den wuest in Bayern thet (1491) bei FRISCH t.-lat. (1741) 2, 462a; er schickt Franzosen auf die zeit ins Gellerland mit krieg und streit, mit raub und prand und groszem wust (1507) hist. volkslieder 3, 18, 43 Liliencron; ist das eur stetes sinnen, dasz ihr das musenvolck, der Pierinnen schaar, von unserm deutschen land ausjaget gantz und gar? umbsonst! umbsonst! o wust! vergebens ist das wüten! o du tyrannenzucht, du uhranherr der Scythen o Mars! GUEINTZ sprachlehre (1641))(4a; kühn geballet die faust zum streit, wenn fremder grimm und wust ihr friedlich leben dräute zu verschütten FOUQUÉ reiseerinn. (1823) 1, 14. 2) übertragen 'zerrüttung, verheerung (in den öffentlichen verhältnissen)', besonders mit den verben anrichten und treiben: weil zuvor ein schlechter priester zu Alexandria, Arius, einen solchen wust hatte angericht (1539) LUTHER 50, 575 W.; solcher wust (schisma) weret bis in 39 jaren (1545) ebda 54, 209; das doch graff Albrecht (v. Mansfeld) nicht solch einen wust ynn der herrschafft treibe (übergriffe auf den territorialbesitz seines bruders) (1542) ders., br. 10, 28 W.; Dencke, Doltzk vnd Hetzer der grewliche ketzer ..., welche disen wust im oberland anrichten MATHESIUS ausgew. w. 3, 120 Lösche. 3) konkret 'trümmer, ruinenschutt' u. ä. (sehr selten und z. t. unsicher; historische kontinuität des gebrauchs besteht wohl kaum; die erste stelle kann als früher beleg zu bed. B 'unrat' gehören, die übrigen werden okkasionell zum abstrakten gebrauch gebildet sein): (die Freiburger) hulfen zu Bern (nach einem groszbrand) die stadt rumen und den wuost und herd usführen (erste hälfte d. 15. jhs.) JUSTINGER Berner chron. 257 Stierlein-Wysz; das grosze, Carlsbad betroffene unglück (überschwemmungskatastrophe) ... hinderte mich, den ort, den ich sonst in seinem flor gekannt, nunmehro in solchen wust eingehüllt zu besuchen (1821) GÖTHE IV 35, 89 W.; in meinem busen berg ich (Wotan) den grimm der in grauen und wust wirft eine welt die einst zur lust mir gelacht RICHARD WAGNER ges. schr. u. dicht. (1897) 6, 44. von dem gleichsam ruinösen bild eines unvollendeten bauwerks: gebirge du (Mailänder dom) von pfeilern, bogen, mauern ... nun laszen sie, des heiligen verächter, in nacktem wust den tempel unvollendet A. W. SCHLEGEL s. w. 1, 373 Böcking. B. sekret, kot, unrat, schmutz; ferner wust als schimpfwort oder verwünschung (4). frühnhd. in allen verwendungen sehr geläufig; die bedeutung 'sekret' verschwindet im 17. jh. aus der schriftsprache, während sich die übrigen anwendungen z. t. bis ins 19. jh. halten. zum jüngeren wortgebrauch vgl.: wust schmutz, unreinigkeit, koth ... da diesem worte kein niedriger oder ekelhafter nebenbegriff anklebt, wie manchen andern, so wird es am häufigsten in der anständigern schreib- und sprechart gebraucht ADELUNG 5 (1786) 315. gewisz hat zu dieser einschätzung der häufige metaphorische gebrauch in sittlich-didaktischer schreibweise (wohl auch in der kanzelberedsamkeit) beigetragen, s. u. 3, insbes. b. 1) 'sekret, exkrement'. (wust als 'ausscheidung' eines stoffes [oxyd, bodensatz usw.] s. unter 2 b α). Bd. 30, Sp. 2406 a) von (normalen und krankhaften) schleimigen absonderungen verschiedener körperorgane. α) des gehirns, das nach den vorstellungen der älteren medizin bei seiner tätigkeit schleim produzierte, der sich durch bestimmte ausführungsgänge in den nasen- und rachenraum entleeren sollte (vgl. HYRTL kunstworte d. anatomie 147, 153; HÖFLER krankheitsnamenb. 836; hierzu spätmhd. wüestikait des hirns, frühnhd. hirnwustigkeyt, hirnwustiger, s. o. die einl.): colatorium des hirns wůsts vszlouff GERSDORFF wundtartzney (1517) 83b; (Franz II. v. Frankreich) hat ein sollichen mangel im haupt gehapt, das im kein über flissigkait zu der nasen user hat megen kommen, darausz gevolgt, das sich die natur des orts nit rainigen, aller wust bei im bliben Zimmer. chron. 24, 47 Barack. β) der lungen und bronchien (nicht hiermit in zusammenhang steht alem. wusten 'husten', eine anlautsvariante aus germ. *hwōsto, s. husten, m., teil 4, 2, sp. 1976): schleim oder rotz der lungen, welcher wust disz glied versehrt WIRSUNG artzneyb. (1584) 267 D; ist sach, dasz der wust, so im anfang (beim husten) auszgeworffen wirdt, schwartz vnnd gelb vntereinander vermischt ist, ... so steht die sach gefährlich ebda 238 D; das meerkalb ... schläfft stärcker dann kein ander thier mit schnarchen vnd mugen, von wegen desz wusts vnd schleims der lungen FORER fischb. (1598) 102b. γ) der ohren, augen und nase: mir troffen auch die augen, und ein schlammiger wust ran mir ausz den oren (1565) MATHESIUS ausgew. w. 3, 384 Lösche; den wust ausz den augen zuvertreiben, beru̔ret vnd reibet sie rings herumm mit eynem saphir, inn kalt wasser geduncket SEBIZ feldbau (1580) 74; mit ohren lefflen raumpt man d'ohren, man must den wust sonst auszherboren F. PLATTER tageb. 349 Boos; nimb ... tüchlein, die netze in eyerdotter und stecke sie (dem pferd) in die nasenlöcher so tieff du kanst, so gehet der wust heraus M. BÖHME roszartzney (1618) 112. b) von eiter und serösen ausscheidungen in wunden und geschwüren: wenn man sy (die wunde) aber wider zu haylt, so bricht sy aber auff, alle weil das faul flaisch vnd der wůst noch darinn ist KEISERSBERG granatapfel (1510) C c 2b; sa̔uber sie (die wunde) auch offt auss mit wein oder saltzwasser, damit kein wu̔st sich versetze PARACELSUS chirurg. bücher u. schr. 111B Huser; das man sie (kopfwunden) desz tags nur einmal verbinde, der eytter oder wust nehme denn so grosz vberhandt, denn so musz man sie zweymal verbinden WÜRTZ wundartzney (1624) 138; da sich zusamen haufen über den gürtel euch drei beulen voller wust bei OPEL-COHN dreiszigj. krieg (1862) 263; (er) wolte das aitter ausz dem geschwer ... saugen, und ... vermeinte disen rinnenden wuest und faule materi schon im maul zu haben ABR. A S. CLARA Judas 2 (1690) 17; der herr ging nach Jerusalem und sah in einem flecken zehn männer ohngefehr von fern voll wust und aussaz stecken JOH. CHR. GÜNTHER s. w. 2, 266 lit. ver. c) von ansammlungen unreiner stoffe im körper, besonders in den verdauungsorganen: vnd thůt platina hinzů (zum bärenfleisch) daz es vil wůsts im menschen zeüge, lust vnd begird zeessen nemme HEROLD-FORER Gesners thierb. (1563) 18; ein pillulin (von tannenharz) ...; es zeuhe an sich im menschen allen schleim vnd wust, vnd tringe damit gar senfftigklich widerumb zum auszgang, reiniget also den menschen STUMPF Schweizerchron. (1606) 606b; dasz solche wustbrünnlein (ausführungsgänge, s. o.) von einem ... innern hauptglidt, als von der leber, hirn, hertz etc. ... herfliessen, vnnd solcher massen den menschen vom vndergang erhalten, sonderlich den jenigen, welcher ... vil grosser vnordnungen im essen Bd. 30, Sp. 2407 vnndt trincken begehet, vnd den innern wust noch mehrer hauffet GUARINONIUS grewel d. verwüstung (1610) 936; die äuszerlichen mittel werden nicht nützlich gebraucht, bis zuvor der leib von dem innerlichen wust wol purgieret ist SCHICKFUSZ schles. chron. 4, 30; man ist vor wurm und wust mit safft und kraut bemüht Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 2, 200. auch: gemeinigklich treiben die feigen den wůst usz der haut, davon die leüsz wachszen M. HERR schachtafelen d. gesuntheit (1533) A 4a. wahrscheinlich hierher gehört: herr Sebastian musz der wust nahe bei dem herzen liegen, weil er so bald kan in den harnisch kommen, da doch noch kein krieg vorhanden kunst über alle künste, ein bös weib gut zu machen (1672) 35 Köhler. d) darm- (und magen-)inhalt, kot. α) wohl zunächst (mit c übereinstimmend) als ansammlung körperlicher abfallprodukte im leibe: lossz sye (regenwürmer) also durch das mösz (schlehenmus) krychenn, so purgieren sye sich vnd got der wůst vnd der grundt von jnen GERSDORFF wundtartzney (1517) 28a (ähnl. GÄBELKOVER artzneyb. [1595] 255); vnnd so man jn aufschneydt, ist er (der blinddarm) voller wůsts vnd gleych hert HEROLD-FORER Gesners thierb. (1563) 13; der ha̔ring ... ist ein schu̔pfisch, hat nur den stracken deuwe darm im leib, drumb er auch alle zeit one speisz vnd wůst gefunden wirt HEYDEN Plinius (1565) 360; dem můss man hinden eingreiffen in den massdarm, vnd den wůst herauss ziehen so vil man kan SEUTTER hippiatria (1599) 97. β) dann (mehr oder weniger mit 2 'schmutz, unrat' zusammengehend) 'kot', auch 'erbrochenes': ein strudel ausz dem maul im (dem Bacchus) troff. ich sah, wie die sew darzu schwamen und diesen wust mit frewd annamen HANS SACHS 9, 431 lit. ver.; so druckt Petz den Halt (e. hund) an die brust, das jhm entfiel wasser vnd wust ROLLENHAGEN froschmeuseler (1595) K 8a; (dasz der vielfrasz, wenn er) sich schon so voll gefressen, das jm der wanst wie ein trumm strotzet ..., den bauch dermasen zwischen zweyen bäumen ... streyfet ..., das der vberlästig wust fornen vnd hinden wider von jm geht FISCHART w. 3, 250 Hauffen; das eyn jeder seinen wust oder kaat mit staub und erden bedecken solle ders., Bodins daemonomania (1581) 248; wenn zween trunckenpolten desz u̔berschu̔tten magens wu̔st zusammen kotzen LEHMANN floril. polit. (1662) 2, 719. -- namentlich der schmutz kleiner kinder: das kind sol man baden vnd von seinem wust seubern AGRICOLA sprichw. (1591) 21a; den säugling von dem wust reinigend WECKHERLIN ged. 1, 491 Fischer; wie kindisch ist der mensch! er sehnt sich, dasz er liege nicht dort in vaters schosz, nur hier im wust der wiege LOGAU sinnged. 217 lit. ver. 2) 'schmutz, dreck, unrat'. a) allgemein von schmutz jeder art: fünftzig tage, dero lang ich in aller hertisten kerchern in vnsuberkait, wůst, mist, gestanck vnd ysin banden ... gelegen bin NICLAS V. WYLE translat. 223 Keller; vnd hüt dich das keinerlei wůst oder vnreinikeit ... (in die wunde) kumm oder valle H. BRAUNSCHWEIG chirurgia (1498) 21a; wen man etwan wůst lang lat ligen, so mo̔gen schlangen darin wachsen KEISERSBERG emeis (1516) 42b; deine schuh wischest du alle tag, das der wůst nit hert daran werde PAULI Keisersbergs narrenschiff (1520) 75a; so einer sin trinkgeschirr oder schüszlen allein uswendig sübrete und den wůst inwendig liesse blyben ZWINGLI dt. schr. 1, 345 Sch.; (er) liesz die haillosen vetter sampt irer geselschaft also übel tractiert im kat und wuost ligen Zimmer. chron. 21, 392 Barack; (die kelterknechte sollen nicht keltern, bevor sie) jhre fu̔sz sauber gewa̔schen vnd von allem wust geseubert (haben) M. HERR feldbau (1551) 97a; die säw in ihrem wust LOGAU sinnged. 455 lit. ver.; dass sie ... Bd. 30, Sp. 2408 ihr altes nest ... reinigen von dem wuste, den es den winter über bekommen PRÄTORIUS winterfl. d. sommervögel (1678) 216; der klöster ungeheure zahl, die wust und staub bedeckt, ist gar nicht mehr zu finden GOTTSCHED ged. (1751) 301; mit wuth rafften sie asche und moder vom boden auf, und verschlangen den wust gierig JUNG-STILLING s. schr. (1835) 4, 549; so war Odysseus mit wuste bedekt an händen und füszen (an händen und füszen besudelt 11781) VOSS Odyssee (21802) 22, 406; o wehe, hirt! den ein verkümmert lamm einst klagend nennen wird mit angstgewimmer, ein blutend wundes, eins voll wust und schlamm A. V. DROSTE-HÜLSHOFF ges. schr. (1878) 3, 75. b) öfters auch in bestimmteren anwendungen. α) für verunreinigungen in oder an etwas, wie sie z. b. durch seihen, sieben, abschäumen oder auslesen entfernt werden, auch von bodensätzen, oxyden, schimmel u. a. m.; hierbei wird wust manchmal als 'ausscheidung' eines stoffes verstanden und gehört in diesem sinne eher zu 1: darumb so setz den rechen für (vor das mühlrad), das nur das reyn (wasser) durch lauffe dir; denn wo der wust auch durch hyn gieng, so wicklet er sich drumb so ring (zuvor: vnflat, krut) MURNER mühle 38 Beberm.; sein hertz zů gott er neyget recht als ein christen mann, die gschrifft er rein abseyget, kein wüst (laa. wůst) laszt er doran (1522) M. STIFEL in: reformatonsflugschr. 3, 287 Clemen; wan man mel beittelt, so felt nur das suber mel herdurch vnd bleibt nichtz in dem bütel dan der wůst PAULI schimpf u. ernst 271 Öst.; darnach scheidet sich herauss vom sulphur sein wu̔st, darauss wirdt oger PARACELSUS opera 2, 61B Huser; du magst diese salben an die sonnen setzen etlich monat vnd als dann vom wust abseigen ders., chirurg. bücher u. schr. 490C Huser; so findest du alt sa̔ttel hangen, darzů alt kummet an der stangen, welches alles gantz ist verrost, überzogen mit eitelm wůst MONTANUS schwankbücher 441 lit. ver.; (wenn man wasser) in eim saubern hafen siedet vnnd es kein wust, schleim, sand noch ho̔ffen auff dem boden gibt (so ist es gesund) SEBIZ feldbau (1579) 16; aber wann schon der siedenden wassern wust mit schaum vermischt verhanden, so schaumpt ers (d. wirker) mit der schauffel BECH Agricolas bergwerckb. (1621) 457; wenn sachen auff der erden liegen, dass sie unten beschimmelen, oder einen grünen wust kriegen PRÄTORIUS glückstopf (1669) 114; saubere sie (d. beeren) von allem wust und staub LEHMANN hist. schaupl. (1699) 500; (terpentin-spiritus) solte aber billig nur äusserlich gebraucht werden, weil sich mehrmahls allerhand wust unter dem peche befindet, daraus es gemachet wird Noël Chomel öcon.-physic. lex. (1750) 4, 1133; gleich dem meer, das seinen wust aufrührt und ausschäumt MOSER moral. u. polit. schr. (1763) 1, 175; ei! wer hat in diesem jahre all den wust ins korn gebracht, mutterkorn und andre waare, die im kopfe dämisch macht UHLAND ged. (1898) 1, 75. β) für kehricht und häuslichen unrat; ferner für den unrat der kloaken (vgl. wustgraben); vereinzelt von kadavern: (der wassermeister) soll ouch warnemen obe yemans feget (kehricht), myst oder ander wůst uf die wasser und graben leyt oder schüttet (1450) Straszb. zunft- u. polizeiverordn. 516 Brucker; was wůsts die eine macht in irem husz, als wan man das husz fegt, den warff sie der andern in iren garten PAULI schimpf u. ernst 103 Öst.; (Ancus Marcius) liesz tobel vnd gewelb vnder den gassen inn Rom machen, domit aller wůst vnd vnflat Bd. 30, Sp. 2409 vnder dem erdtrich hindurch vil weg flösz CARBACH Livius (1551) 12a; heimliche dolen ... durch welche aller wust mit wasser in die Tyber gführt ward MÜNSTER cosmogr. (1588) 221; dasselbig (verendete pferd) solt er führen ausz, auff dasz der wust kem ausz dem hausz FISCHART w. 2, 317 Hauffen; fliessendt wasser stinkendt ... zu machen ... schlahet ins wasser pfäle ..., dahinder werffet alle verstorbene pferdt vnd andere aasz, auch was sonst aussem la̔ger fur wust gebracht mag werden, als so man den scheiszplatz feget KIRCHHOFF militaris disciplina (1602) 169. γ) von anschwemmungen, schlamm und morast: das wasser hat auch so ein wilden wůszt hinder jm gelassen, das menigklich sich einer pestilentz besorget S. FRANCK chronica zeytb. (1531) 248a; indem des sommers brand der tiefsten sümpfe wust in festgesetztes land ... verkehret poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 46 Weichmann; bis sie zuletzt ... fast alle, nach und nach, versunken, und im verfaulten wust (morast) ertrunken BROCKES ird. vergnügen (1721) 8, 511; der ganze platz ist überschwemmt, und durch den feuchten wust verschlämmt TRILLER poet. betracht. (1750) 5, 202. c) pejorativ. α) von ungeziefer und gewürm (in naheliegender übertragung von a aus, vgl. leüsz und anderen wůst auff dem haupt und an kleideren klauben sy [die affen] fleyssig ab und fressen die selbigen FORER thierb. [1583] 3a): die scorpionen ... seind vast scha̔dlich. ... der mittag wynd soll diszen wůst in Africa flyegen machen EPPENDORFF Plinius (1543) 11, 195; ward alles holzcwerk, gesträuch und alte gebäude, darunter sich viel wust und otterngezicht aufhielt, weggeräumt SCHICKFUSZ schles. chron. 4, 24. β) erwähnenswert ist auch mundartl. wust 'unkraut' STALDER schweiz. id. 2, 461; 'gemeine wucherblume (chrysanthemum segetum)' KEHREIN Nassau 450. (vielleicht zu 2wüst A 3 b, vgl. unten wustbaum 'unveredelter baum'). γ) von etwas minderwertigem, etwa was einen 'dreck' wert ist u. ä.: dise (unerheischten werke) ... werden ... nicht von gott für gute bezalung angenommen, sonder für losen wust FISCHART binenkorb (1581) 96a; dein' bücher, deinen wust (1571) ders., s. dicht. 1, 130 Kurz; er denket tag und nacht ... an deinen zukkermund ... das andre jungfervolk ist ihm nur lauter wust NEUMARK fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 299. 3) wust im sinne von 'unrat, schmutz, kot' als metapher für sünde, bosheit, verkehrtheit, unflätiges verhalten, auch sorge und unmut. a) allgemein (gewöhnlich als bezeichnung übler handlungen und gesinnungen; sonst unterschiedlich aufgefaszt): darumb sag den wůst herusz, bicht din sünd KEISERSBERG bilgersch. (1512) 32a; ir machent das ... wasser der schrifft mit ewerm kat und wůst unsauber und trüb LONICERUS berichtbüchl. (1523) i 1a; die heffe vnd wůst der leut sprichw., schöne weise klugreden (1548) 121b; calent aures nostrae illius criminibus ich ho̔r nüt anders dann vonn seinem wůst FRISIUS dict. (1556) 144b s. v. auris; wie hund, wie schwein, wie wölf, vol gailheit, wust und wuht WECKHERLIN ged. 1, 335 Fischer; was ausserhalb disz stalles ist, ist wust, koth, vnflat, stank und mist. der sternen kammer kunst gebäu ist nicht so schön als diese streu KLAJ weihnachtged. (1648) B 12a; leut die nicht können schaden die schelten, damit sie jhren wust auszschütten LEHMANN floril. polit. (1662) 2, 720; Bd. 30, Sp. 2410 was du, o garstmund, redst, das musz nach wuste stinken (1678) J. GROB ged. 127 lit. ver.; (die leidenschaft) durchwühlet alle abgründe des menschlichen herzens, und setzt dem lichtstral undurchdringbaren wust entgegen SAILER vorles. a. d. pastoraltheol. (1788) 1, 108; in dem engeren sinne 'unanständigkeit' wohl von wüst B 3 beeinfluszt: nichts ist züchtiger und anständiger als die simple natur. grobheit und wust ist eben so weit von ihr entfernt, als schwulst und bombast von dem erhabnen. das nehmliche gefühl, welches die grenzscheidung dort wahrnimmt, wird sie auch hier bemerken. der schwülstigste dichter ist daher unfehlbar auch der pöbelhafteste LESSING 10, 32 L.-M. stärker bildlich den wust ausfegen u. ä.: es ist nit genůg, das ein mensch rüwet, er musz auch den wůst zusamen fegen mit dem besen der beicht KEISERSBERG brösamlin (1517) 2, 80a; ich habe die alte schulden nicht gemacht, genug, dasz ich keine neue machen will, den alten wust mag ich nicht auskehren MOSER d. herr u. d. diener (1759) 112; konnt deine schuld dies haus so arg beflecken, so halt fortan es deine busse rein, den wust und unrath feg aus allen ecken BRENTANO ges. schr. (1852) 1, 203. b) oft mit genitivischem bestimmungswort. α) besonders wust der sünden: (vgl. schon TEICHNER sp. 2451): (sie) seind so foll wůstes der sünden das nüt gůts in sie mag kummen KEISERSBERG brösamlin (1517) 2, 42b; kein räucherwerk verdunst der sünden stank und wust FLEMING dt. ged. 9 lit. ver.; aller sünden wust verlassen GOTTSCHED ged. (1751) 1, 343. β) wust der welt, der erde: die ... gott ... sein reich zůlassen begeren, wenn er sie sich nur jmmerdar im wůst diser welt liesse waltzen vnd vmbkehren HEYDEN Plinius (1565) vorr. 3a; an der erden koht und wust mag ich nicht mehr kleben SIMON DACH 125 Öst.; man kann spitäler ... besuchen -- und dennoch von dem wuste der welt befleckt seyn LAVATER verm. schr. (1774) 2, 362; verschmähend ... der erde wust TIECK schr. (1828) 5, 544. γ) mit bezeichnungen bestimmter laster: (das herz eines narren) behalt allen wust des neides vnd zornes PAULI Keisersbergs narrenschiff (1520) 224a; mein hertze wünschet nicht den mägden zugefallen die in dem koth vnd wust der vppigkeiten wallen OPITZ teutsche poemata 22 ndr.; für kargheit und des geitzes wust behüte mich in gnaden RIST in: evang. kirchenlied 2, 178 Fischer-Tümpel; o goldne zeit, da noch des goldes wust verachtet ward, was flohst du von der erde E. V. KLEIST w. (1766) 1, 143; aller laster wust slg. v. schausp. (1764) 12, 17 (d. verlohrne sohn). c) in gegenüberstellung zu lust: ich schätze deine (der welt) lust so hoch als koth und wust ANGELUS SILESIUS hl. seelenlust 22 ndr.; die lust so man weltgierig übt, ist ein' unsaubre wust, die endlich hin mit reu und ekkel uns verschwint SCHOTTEL haubtspr. (1663) 887; offt wird die lust zur wust M. KONGEHL Andromeda (1695) 12. mit lust als reimwort kommt wust auch als sinnbild für trübsal und sorge vor: weg vnmuth, gram und wust! ihr gäst', empfindet lust, vbt kurtzweil, wie jhr könnet! SIMON DACH ged. 1, 162 Zies.; Bd. 30, Sp. 2411 sie (d. neuvermählten) haben mittel, allen wust der sorgen auszzuschliessen; wol dem, der so der vorjahrs-lust ohn kranckheit kan geniessen ebda 254; ich mus wahrlich diese lust rühmen, so die felder geben, sonderlich wenn unser leben will belegen sorgen wust KNITTEL poet. sinnenfrüchte (1677) anh. 10; mir gefällt jetzt zu besingen, edler winter, deine lust, du kannst glück dem herzen bringen und vertreibst der unlust wust (1694) KONGEHL in: d. volkslieder d. Deutschen 3, 437 Erlach. 4) wust als schimpfwort stellt sich teils zu 2 und 3, teils auch zum adj. 2wüst in seinen verschiedenen anwendungen auf menschen ('rüde' [s. u. TEICHNER], 'abscheulich, unflätig, schändlich' usw., s. d. C 9): ye wilder wu̔st, ye rötter wangen HEINRICH DER TEICHNER 709, 67 Niewöhner; dich zieren vmb deines mans willen ... ist ... auch nit sünd, vnd nit vor im gangest als ein wůst vnd als ein vnflat KEISERSBERG brösamlin (1517) 97b; in der stat Keisersberg war ein schůlmeister, in den künsten ein freyer, geschickter, gelerter mann, in weisz, geberden, worten und wercken aber grob, wüst und unfletig, also das man im Wůst den nammen gab; was sunst Paulus geheissen (1556) J. FREY gartenges. 43, 19 Bolte; ja, liebend alle gleich, bist du ein rechter wust, und liebest keine recht, sondern nur deinen lust WECKHERLIN ged. 2, 403 Fischer; wie häszlich sahst du doch, du nun so reine seele! du warest um und an ein arger wust und kot (1638) FLEMING dt. ged. 488 lit. ver.; aber was zanke ich mich mit einem so schlimmen wuhst; ihr übern hauffen seyd meines gesprächs nicht wirdig BUCHOLTZ Herkules (1676) 1, 384a; und eben kam wie bestellt des junkers gevater, ein beeidigter wust, ins wirthshaus PESTALOZZI s. w. (1927) 8, 148, 4; tückbold, groszmaul, schubjackiger wust VOSS Aristophanes (1821) 1, 233; ihr möchtet ein grauen nehmen, sähet ihr einen solchen wust und unlust von hunden J. GRIMM dt. sagen (1891) 2, 128. zu erwähnen ist noch der verwünschende ausruf es ist ein wust (zu 2 'schmutz' oder zu A 'verwüstung'?): dan es ist gar ein gantzen wůst, dasst mir min vetterlich erb vertůst schausp. d. mittelalters 2, 381 Mone; ir hand jm schand vnd schmach zugleyt, doch wider alle billigkeit, ... das ist ein wůst, pfuy dich der schand (1548) H. R. MANUEL d. weinspiel v. 3819 ndr. C. ungeordnete anhäufung, verworrenes, inhomogenes konglomerat (mit nebenbedeutungen wie 'grosze menge', 'plunder', 'schwulst'). häufig mit substantivischen bestimmungswörtern, die durch von, im genitiv oder ohne kasusdifferenzierung angeschlossen sind (z. b. wust von akten, von widerwärtigkeiten; der wälder wust, der jahrtausende wust; ein wust stockfisch, leute, aushängebogen); daneben begegnet oft deiktische anordnung (der, dieser, solcher [vorher beschriebene] wust). gegen bedeutung B heben sich in neuerer sprache formulierungen wie die folgenden ab: ein wust von staub und spinneweb hängt darauf BETTINE dies buch geh. d. könig (1852) 56; hier lasz mich rasten, bis der wust von schleim und koth der dreiundfünfzigjähr'gen lüge müde ward IMMERMANN w. 15, 389 Hempel; der einzige, der hoch aufragt aus diesem wust von schmutz qu. v. j. 1934. 1) von dinglichen gegenständen. -- im älternhd. ist dieser gebrauch allein in der sonderbedeutung 'grosze menge' (a) geläufig, sonst zunächst selten (und daher kaum als vorstufe der anwendungen auf geistige gegenstände [2] anzusehen); die vereinzelten belege aus dieser zeit seien Bd. 30, Sp. 2412 hier vorweggenommen (vgl. noch b β): die gunckel ist voller knöpff vnd voller ägnen. allso sprechen sy ettwan, ey ich mag den wůst nit spinnen, gib mir ain andere gunckel KEISERSBERG gaistlich spinnerin (1510) c 2a (oder pejorativ 'den dreck', wie unter B 2 c 8?); im ersten jar Caroli IV. ist ein grewlicher wust von gewürm in Orient hernider auff die erden gefallen GOLTWURM wunderzeichen (1567) 84b; wasz vnglücks stellen ewere weiber vnd töchter ... jetzt an mit den grossen gepulsterten, gefüterten löchern? als ob sie sich durch solchen wust eine bessere leibesgestalt ... machen wolten MOSCHEROSCH gesichte (1650) 2, 87 (dafür wulst DNL 32, 151 Bobertag); etwa seit dem 18. jh. treten einige festere verwendungsarten auf (zahlreich nur der gebrauch unter d: ein wust von akten u. ä.). a) 'grosze menge, haufen'; im frühnhd. geläufig und noch landschaftlich verbreitet (z. b. in Wien, im schwäb., schweiz., rheinländ. und obersächs.); in der jüng. schriftsprache im allgemeinen ungebräuchlich (aber als nebenbegriff in anderen verwendungen auch weiterhin vorhanden, s. hierzu d und 2 c α): da (beim papst) sehestu ein wůst vnd ein hauffen esel vnd knecht, das jm kein künig gleych ist vnd sein mag reformationsflugschr. 1, 178 Clemen; findt man zwölff wägen gsaltzen hechten, sechs thunnen mit gsaltzen hausen, ein wůst stockfisch, eim mocht drob grausen (1548) SCHMELTZL lobspruch d. stat Wien 899 ndr.; und ein solchen wůst von trachten angerichtet, das eim solt grauset haben nur anzusehen, ich geschweig, darvon zu essen J. ANDREE erinnerung (1567) 51; wie Gurgelmiltsam ... ein groszen wust kutteln frasz vnd daruon genas FISCHART Garg. 118 ndr.; zwey ermel waren dran von ziemlich grosser weite: aus einem schüttelten sich leere wörter aus, die wurden zum concept. und auf der andern seite fiel eine grosse wust von alten groschen raus MENKE schertzh. ged. (1722) b 6b; ich habe noch bei niemand gegessen, bin blos bei den professoren Mehmel, Hildebrand und Ammon gewesen, habe aber einen wust menschen gesprochen JEAN PAUL briefw. 222 Nerrlich (ein wust leute auch bei KRAMER t.-ital. 2 [1702] 1411a). b) in sachlich begrenzten anwendungen. α) von gesteinsmassen, geröll und trümmern (auch bildlich): kommet darmit der bach ... auf das hammerwerck gewaltzet ... die steinerne brücke entzwei gedruckt, und dieselbe mit seinem wust steinen und holtz ... herunter auf die 4 teiche und plätze geführet LEHMANN hist. schaupl. (1699) 270; die alten ... papiere ..., wo zwar manches erfreuliche und brauchbare sich findet, aber auch ein wust von erst durchgeschmolzenem gestein (1816) GÖTHE IV 27, 64 W.; um hell gestein zu ziehn aus dunklem wuste, und perlen aus des meeres falschem schoosz RÜCKERT ges. ged. (1837) 1, 200; bis ihr (der knappen) fieisz den tauben wust des gesteins bezwingt, und entgegen erzgekrust ihren streichen springt (vgl. 2wüst A 3 b β) ebda 3, 86; die steppe beut nur fürder schnee, wohin man blickt, von schwarzer (felsen-)trümmer wust gedrückt A. V. DROSTE-HÜLSHOFF ges. schr. (1878) 2, 90. ähnlich auch: (ein) wust von dickgeballtem qualm und feuersprühendem erd- und eisenhagel Liller kr.-ztg. (sommerlese 1917) 104; in diesem wust von steinen und rauchschwaden A. SEGHERS d. toten bleiben jung (1950) 193. β) vereinzelt (aber vielleicht als literarischer topos) wust der leichen (vgl. B 2 b β): wenn sie (das zauberweib) mit knochen spielt, und in dem wust der faulen leichen wühlt PYRA-LANGE freundschaftl. lieder 137 Sauer; fort über zerschmetterter leichen und waffen blutigen wust PYRKER s. w. (1855) 1, 79. Bd. 30, Sp. 2413 γ) 'dickicht': du, dicker wälder wust, du kalter winde straus, ... der himmel wird für euch mich künftig wohl behüten GOTTSCHED neueste ged. (1750) 50; der wälder wust SCHÖNAICH in: anmuth. gelehrsamk. 2, 692 Gottsched; es ist ... oft ein blosser zufall, ein solches nest, in solchem wuste versteckt, zu finden NAUMANN vögel (1822) 2, 2, 716; in ein schlänglein rasch sich wandelnd, schlüpfend rasch durch wust und wurzel FREILIGRATH ges. dicht. (1870) 6, 144. auch: sie wussten nicht ..., dass ... unter dem wust von ... locken ... ein schatz verborgen war BETTINE Goethes briefw. m. e. kinde (1835) 1, 15. δ) gelegentlich soviel wie wulst (wohl durch die lautliche ähnlichkeit mit diesem worte veranlaszt, vgl. 1): so bald die mienen, wenn man so sagen soll, ohne steife wüste zusammen fallen, sieht man alle die ansätze zu runzeln, die man einst haben wird, wenn keine ... aufraffung ... diese falten mehr zu verlöschen im stande ist HIPPEL lebensläufe (1778) 3, 2, 548; das haupthaar wird in dichten wusten durch palmenöl mit thon vermischt zusammengehalten und bietet jedenfalls einen guten schutz gegen die lieblingswaffe der Kalosch, die keule H. V. WISZMANN meine zweite durchquerung Äquatorialafrikas (1891) 86. c) in dem allgemeinen, auch für den gebrauch unter 2 maszgeblichen sinne. α) 'ungeordnete ansammlung von gegenständen, durcheinander': liebes kind, was bist du mir doch ein läsziges mädchen! deine kostbaren kleider, wie alles im wuste herumliegt! und die hochzeit steht dir bevor! (κειται ακηδεα ) J. H. VOSS Odyssee 6, 26 Bernays; auf das geschwindeste war der wust in eine erfreuliche ordnung gebracht GÖTHE I 20, 42 W.; denk ich, auf dem wust des tisches liegen müss' ein blatt ein frisches, das vom freunde kund' ertheilt RÜCKERT ges. ged. (1837) 6, 89; als sei die ganze bettstatt umgestürzet, so hat alles, pfühl und kissen, über den fuszboden hin verstreut gelegen; das alte weib aber ist auf ihren knieen in dem wust umhergerutschet TH. STORM s. w. (1900) 5, 51; er kramte eine zeitlang unter dem wust (in einer truhe) A. SUPPER holunderduft (1910) 59; er hat mühe, seine eigenen sachen aus dem wust (der überfüllten garderobe) hervorzukramen TH. MANN ges. w. (1955) 9, 701. β) abwertend 'gerümpel, plunder': der geist des alterthums, dessen ehrwürdige trümmer ... mir aus bauerhöfen, zwischen wirthschaftlichem wust und geräthe, gar wundersam entgegenleuchteten GÖTHE I 27, 339 W.; die umrisse des schimmernden staubigen wustes (zimmereinrichtung) ROSEGGER schr. (1895) I 5, 124; mit zerschlagenem glas werden sie (fromme bilder) unter dem wust der plunderkammer verderben WATZLIK der alp (1923) 6; eine wunderliche rumpelkammer voll ehernen wustes, da waren hufeisen, roszzäume ders., pfarrer v. Dornloh (1930) 16. γ) ähnlich wohl in verbindungen wie staub und wust, die ursprünglich eher zur bed. 'schmutz' gehören: sie (fossilien) hatten im dreck und wuste über zehn jahre gelegen, und Michaelis muszte sie erst waschen lassen, ehe er entdecken konnte, was für einen herrlichen fund er gethan J. G. FORSTER s. schr. (1843) 7, 206; eilt euch, ihr liebchen (insekten), zu verstecken. dort wo die alten schachteln stehn, hier im bebräunten pergamen, in staubigen scherben alter töpfe, dem hohlaug' jener todtenköpfe. in solchem wust und moderleben musz es für ewig grillen geben GÖTHE I 15, 1, 92 W.; Bd. 30, Sp. 2414 sechs jahre sind's! ich schrieb dich hastig nieder, warf dich zu anderm und vergasz dich dann; in staub und wust find ich dich heute wieder -- unfertig ding, was fang ich mit dir an? FREILIGRATH ges. dicht. (1870) 2, 185; nur in büchern alsdann, auf dem bestaubten brett, zwischen spinnen und wust lebet dein freund noch fort; selten öffnet die blätter noch ein leser und löst den geist D. FR. STRAUSZ ges. w. (1876) 12, 135. d) besonders häufig von schriftstücken aller art, akten, briefen, büchern usw. 'ungeordneter haufen, grosze menge', oft weniger im gegenständlichen als (zum folgenden überleitend) im inhaltlichen sinne: wer mit denen prälaten umgangen ist, dem kan nicht verborgen seyn, was vor ein wust geschriebener und gedruckter avisen ihnen wöchendlich aus allen vier teilen der welt zukomme STIELER zeitungs lust u. nutz (1695) 233; wirf den wust bestaubter blätter weit von deinem angesicht; denn der erden hohe götter quälen sich mit büchern nicht GOTTSCHED ged. (1751) 1, 92; hier erhalten sie ... auf einmal einen ganzen wust aushängebogen LESSING 17, 292 L.-M.; zu gleicher zeit las ich ... einen ganzen wust theatralischer productionen durch, wie sie der zufall mir in die hände führte GÖTHE I 21, 39 W.; ein ungeheurer wust von acten lag aufgeschwollen (beim reichskammergericht) und wuchs jährlich ebda 28, 133; attische tropfen auf ungesalzener akten wust OVERBECK verm. ged. (1794) 91; ich träges thier stecke bis an die kehle in einem wust von zu schreibenden briefen CHAMISSO w. (1836) 5, 216; ich habe schon einen ganzen wust geschrieben (1842) A. V. DROSTE-HÜLSHOFF br. 2, 1 Schulte-K.; dasz der verstorbene keine ahnung von dem inhalt dieses schriftstückes gehabt und es nur irrthümlich unter den wust ungelesener papiere geworfen hatte HOLTEI erz. schr. (1861) 24, 64; ich las mich durch den ganzen wust (des bücherhaufens) hindurch WINNIG frührot (1926) 65. 2) von nichtdinglichen, namentlich geistigen gegenständen, auch vorgängen, verhältnissen usw., insoweit sie sich als ein ungeordnetes konglomerat darstellen (zur auffassung im einzelnen s. u. c). a) allgemein schon im 16. jh. gebräuchlich und seit dem 18. jh. sehr häufig: dann disem wust des vnrechten schreybens (des vnentlich vil ist) kan man nitt bas wehren, dan durch gemainen bericht der regeln ICKELSAMER teutsche gramm. 39 Kohler; also ist dieser Troianer krieg inn der warheit ... ein unzelig und unaussprechlicher wust von elend und straffen gewesen MENIUS chron. Carionis (1560) 1, 88a; dasz er (don Q.) dafür hielt, es wer aller dieser wuhst derselben geträumbten ertichtungen (der ritterromane) lauter warheit BASTEL V. D. SOHLE don Kichote (1648) 17; der forschende verstand hat dieses irrthums (d. hexenglaubens) wust zerstreuet und verbannt SCHWABE belust. (1741) 2, 485; freylich schreiben die mehrsten ohne eigen gefühl ... und tragen, aus zwanzig andern, unförmlichen wust zusammen HEINSE in: briefe zw. Gleim, Heinse u. Müller 2, 399 Körte; wer sich durch den wust unserer vorurtheile schon durchgearbeitet hat ZIMMERMANN einsamkeit (1784) 3, 133; du aus norden, im nebelalter jung geworden, im wust von ritterthum und pfäfferei, wo wäre da dein auge frei GÖTHE I 15, 1, 105 W.; daher mag ihm wohl zu verzeihen sein, wenn er sich nicht abermals in einen wust von widerwärtigkeiten hinein zu wagen lust fühlt ders., II 8, 138 W.; der weitschichtige wust des englischen privatrechts HEGEL w. (1832) 17, 444; Bd. 30, Sp. 2415 oftmals zeichnet der meister ein bild durch wenige striche, was mit unendlichem wust nie der geselle vermag PLATEN w. 1, 299 Hempel; und alsbald wühlt sein gedanke rückwärts durch der jahrtausende wust, bis tief wo er selber, noch ein ungeborener, träumte die wehen der schöpfung MÖRIKE w. 21, 68 Maync; ihr (der Hekate) dienst scheut das licht, wie der ganze wust unheimlicher wahnvorstellungen, der ihn umrankt ROHDE psyche (21898) 2, 80; da sitzt man zusammen, tauscht einen wust angesammelten klatsches EMIL STRAUSZ d. schleier (1931) 47. b) von gegenständen der gelehrsamkeit und literatur häufig in bestimmteren formulierungen. α) wust von vernünfteleien, kenntnissen, formeln usw.: die menschensatzungen ..., darinne doch nichts als streit und zanck und ein wust von schulterminis enthalten war G. ARNOLD kirchen- u. ketzerhist. (1699) 261a; ihr heget nichts, als wust der lehre, und lernt noch nicht den dünkel fliehn anmuth. gelehrsamkeit 3 (1753) 362 Gottsched; von diesem ermattenden wust von vernünfteleien HERDER 5, 31 S.; ein wust von notizen wird ... aus einem buche in das andere verschleppt GUTZKOW ges. w. (1872) 11, 72; einen wust von kenntnissen SPIELHAGEN s. w. (1877) 1, 129; (dasz die theorie) mit einem wust von formeln umgeben ist BOLTZMANN pop. schr. (1905) 76. β) mit kennzeichnenden adjektiven: diesz (buch) ist ein klopfstockischer wust anm. gelehrsamk. 4 (1754) 315 Gottsched; ich kenne sonst -- und bin gar wohl damit zufrieden -- sehr wenig von unserm dramatischen wuste (1759) LESSING 8, 41 L.-M.; von dem kritischen wuste bin ich kein liebhaber HAMANN schr. (1821) 3, 42; er hatte sich erkühnt, ... die urquellen im Homer mit salbaderei und mystischem wuste zu verunreinigen J. H. VOSS antisymb. (1824) 2, 95. γ) namentlich gelehrter wust: philosophie, die blos weisz, und philosophie, die weisz und thut, gelehrten wust und weisheit HIPPEL lebensläufe (1778) 2, 222; (ich) bracht allerley gelehrten wust vor, den das mädchen nicht verstand J. M. MILLER briefw. dreier akad. freunde (1778) 1, 141; nicht in gelahrten wust, in nebel nicht begraben, genöszest du mit lust der groszen mutter gaben GEIBEL ges. w. (1883) 3, 18. auch: bis ich mich aus dem wuste von gelehrsamkeit, in welchen ich jetzt versunken, wieder heraus gearbeitet habe LESSING 17, 145 L.-M.; vom wust der gelehrsamkeit unerstickte freude an der dichtung SCHEFFEL ges. w. (1907) 1, 101. c) innerhalb des vorliegenden gebrauches sind verschiedenartige auffassungen möglich, die öfters sinnbestimmend werden. α) wust als 'haufen, grosze menge' (gemäsz 1 a, hier aber fast nur im nebensinn): hat er (d. verwalter) zu vil gegeben ausz, vnd es gewendt zu seinem hausz, gar gschwind ein ort (i. d. buchführung) zu finden wuszt, da setzt er hin ein gantzen wust. schreibs alles seinem herren zu, offt zwey x für ein einigs v N. FRISCHLIN dt. dicht. 184 lit. ver.; wodurch man eines groszen dogmatischen wustes mit wenig aufwand überhoben sein kann KANT 3, 335 akad.; man überhäuft die schule und das haus mit so entsetzlich vielen vorschriften, dasz die kinder unter dem wust ersticken GUTZKOW ges. w. (1872) 5, 23; ich gratulire der oberrechnungskammer, welche ... einen solchen wust von nachweisung nachzusehen und festzustellen haben würde MOLTKE ges. schr. u. denkw. (1892) 7, 63. sehr geläufig ist ungeheurer wust: (Gregory) hat das verdienst, den ungeheuren wust, der sonst so viele folianten (kirchengeschichte) füllte, in ein paar duodezbändchen Bd. 30, Sp. 2416 zusammengezogen zu haben J. G. FORSTER s. schr. (1843) 6, 149; die materielle geschichte, ... dieser buntscheckige ungeheure wust von zweifelhaften thatsachen HEBBEL w. I 11, 5 Werner; nur der ungeheuerste wust von geschäften ist schuld, dasz ich noch nicht an sie geschrieben habe (1854) STIFTER briefw. 2 (1918) 199. β) gleichsam als 'unrat, schmutz' in verschiedenen verbalverbindungen (vgl. B 3 a): (die deutsche schaubühne) von dem alten wuste zu reinigen SCHWABE belust. (1741) 1, 14; die ausgabe ... soll von allem wuste gesäubert, in einem mäszigen, kleinen octavbande ... erscheinen (1787) SCHUBART br. in: STRAUSZ w. 9, 185; ich wollte auch den wust und unflat unsrer schimpflichen die gliedmaszen der sprache ungefüg verhüllenden und entstellenden schreibweise ausfegen, ja dasz ich dafür den rechten augenblick gekommen wähnte, war einer der hauptgründe mich zur übernahme des wörterbuches zu bestimmen (1854) JACOB GRIMM im vorwort von teil 1, sp. VIII; die gelegenheit ist da, den verkehr mit gott zu säubern von altem wust H. LAUBE ges. schr. (1875) 15, 403. γ) wertloses überhaupt, 'plunder' u. ä. (vgl. 1 c β): du hast den fremden wuhst der sprachen abgethan, wornach die teutsche welt so manches jahr gegaffet RIST teutscher Parnasz (1652) 432; da hier ... fast jeder student ... an der autorsucht krank liegt, werden sie (d. intendanten d. theaters) mit wust überhäuft W. A. MOZART in: O. JAHN Mozart (1856) 2, 50, anm. 13; dass das meiste wirkliche der bildenden kunst in den sälen der grossen jämmerlicher wust und unsinn ist HEINSE s. w. 4, 190 Sch.; raff ich mich aus einem wust von korrekturbogen -- die beiläufig wust behandelten -- auf, um dir ... einen kleinen brief zu stiften FONTANE ges. w. II 4, 474 jub.-ausg. δ) daher sehr oft in formulierungen, die etwas wertvolles als vom wuste zu sonderndes, darunter verstecktes vorstellen: die geduld ..., die würklich schönen stellen aus dem wuste hervorzusuchen br., d. neueste litt. betr. 15 (1763) 179; in dem wust seiner apocryphischen offenbarungen goldkörner reinen und hohen inhalts HERDER an Lavater in: Herders nachlasz 2, 133; es ist gar nicht nöthig, dasz die menschen aufrichtig sind, man findet ihre meinung doch unter dem wust von lügen heraus TIECK schr. (1828) 6, 242; er (d. bild. künstler) lerne die anmut hervorlocken trotz des sprödesten stoffs, das bedeutende stets von dem wust abscheidend PLATEN w. 1, 258 Hempel; mir lodert und wogt im hirn eine flut von wäldern, bergen und fluren; aus dem tollen wust tritt endlich hervor ein bild mit festen konturen H. HEINE s. w. 2, 98 Elster; wie ein buch dieser art nur nach der kolossalen anstrengung, mit der sie ... unsere alten schätze aus wust und vergangenheit herausarbeiteten, überhaupt entstehen konnte (1834) GERVINUS in: briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus (1885) 2, 3; so mag er (der literarhistoriker) zeigen, ob seine ästhetische bildung ausreicht, um das dauernde aus dem wuste des vorübergehenden herauszufinden SCHERER kl. schr. (1893) 1, 46. ε) häufig alter, verjährter wust 'plunder, zopf' u. ä. (vgl. β): aber man bleibt immer noch bey dem nur etwas veränderten alten wuste NICOLAI reise d. Deutschl. u. d. Schweiz (1781) 3, 362; ich weisz wohl, was ihr mögt, ihr alten Böhmen! gekauert sitzen in verjährtem wust, wo kaum das licht durch blinde scheiben dringt GRILLPARZER s. w. 6, 29 Sauer; ein solcher fürst ..., der zuerst anfing, den alten wust finanzieller miszbräuche etwas aufzurütteln HÄUSSER dt. gesch. (1854) 5, 34. Bd. 30, Sp. 2417 ζ) stärker abgewandelt 'schwulst': edel seind, die keine lust in den laster hölen pflegen, und den aufgeschwolnen wust stolzer narrheit von sich legen KNITTEL poet. sinnenfrüchte (1677) 44; nicht nur im vorigen jahrhunderte hat die marinische schule den dunkeln wust in die dichtkunst gebracht GOTTSCHED vers. e. crit. dichtkunst (1751) 278; nach stand und range wird (auf Ceylon) das du und ihr auf achterlei weise gegeben, und das so wohl vom tagelöhner, als vom hofmanne: der wust ist form der sprache HERDER 5, 77 S.; meine liedchen sprudeln noch, doch wird die sprache immer einfacher und lieblicher, denn ich bin harmloser geworden und habe den hochtrabenden wust abgeschüttelt (1849) A. FEUERBACH br. an s. mutter (1911) 1, 209; du nimmst den wesen schnörkelzier und wust WEINHEBER späte krone (1936) 124 ('an die nacht'). η) nicht selten bezieht sich wust auf verhältnisse im menschlichen leben, die wie ein schwall von etwas widerwärtigem empfunden werden: o! hätt ich nicht, verführt von treuer neigung dem vaterland zu nützen, mich zurück zu dieser wildnisz frechen städtelebens, zu diesem wust verfeinerter verbrechen, zu diesem pfuhl der selbstigkeit gewendet! GÖTHE I 10, 375 W.; diese nachtigall (der sänger Gabirol), die zärtlich ihre liebeslieder sang in der dunkelheit der gotisch mittelalterlichen nacht! unerschrocken, unbekümmert ... ob dem wust von tod und wahnsinn, die gespukt in jener nacht H. HEINE s. w. 1, 463 Elster; wenn der wust und ekel mir bis an den hals stieg ..., dann habe ich keine andere rettung gefunden, als den weg nach Fliegenhausen W. RAABE s. w. III 1, 165 (Abu Telfan). aus bitterm schweisze reifen wein und brot, im taumel der gewalt, im wust von frasz, gelüst und heuchelei, im abendrot zermürbten volks, das ihn, das herz, vergasz WEINHEBER adel u. untergang (1934) 68. θ) 'unordnung, durcheinander', besonders auch als abstraktum: seht hier den Friederich, den ersten dieses namens: er setzte Brandenburg aus der verwirrung wust in einen bessern stand PYRA u. LANGE freundschaftl. lieder 103 Sauer; der leichtsinn auch erringt sich diademe, bis aufgebracht ein gegner ihn entleibt. so Boris, so Demetrius, Marina, in wildem wust bald rex und bald regina GÖTHE I 16, 295 W.; gegen sieben uhr ging ich zum minister von Bülow ... ich traf ihn in grösztem wust und drange der arbeit VARNHAGEN V. ENSE tageb. (1861) 3, 3; zufall, zufall, du betrunkener würfelspieler! tolles räthsel des daseins, grimmiger wust chaotischer verwirrung! IMMERMANN w. 2, 105 Hempel. |
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wüst, bräunl, wüst J. WEINHEBER o mensch, gib acht (1937) 77 (fuhrmannslied). s. auch unten wusther (wustaher, wustherum). |
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Bd. 30, Sp. 2418 WÜST, adj., ahd. wuosti, mhd. wüeste, as. wôsti, ags. wêste, afrs. wôst(e), mnd. wôste, wuste, mnl. woest(e), nnl. woest, auf älterer sprachstufe überall in der bedeutung 'öde, wildnishaft, unkultiviert', auch 'verfallen, verheert'. auszerhalb des westgerm. kommt das wort nicht vor. die verbreitete annahme, dasz der durch das ags., as. und ahd. bezeugte -ja-stamm aus einem älteren -u-stamm erwachsen sei, stützt sich auf das umlautlose afrs. wost(e), s. VAN HELTEN z. lexicologie des aofr. 386 f.; doch begegnet das wort nur in einer Rüstringer liste der röm. kaiser, fries. rechtsquellen 133, 21, 23: ther Rvme vr dede and woste makade, ther thusend iera and fiver and fiuertich iera wost stod und wird ebenso aus dem nd. entlehnt sein wie sylterfries. wööst MÖLLER 302, Karrharde wösdi JABBEN § 100 sowie aus dem hd. Wiedingharde wȳst JENSEN 718. -- auszerhalb des germanischen sind am nächsten verwandt lat. vāstus 'öde, wüst, leer' und air. fās 'leer', wozu fāsach 'wüste'; zugrunde liegt *ŭā-, erweiterung der idg. wurzel eu-, eŭü- 'mangeln, leer', vgl. FICK vgl. wb. 43, 414 u. 378; POKORNY 1, 346; WALDE-POKORNY 1, 219 u. 109; KLUGE-GÖTZE 17872; KLUGE nom. stammbildungsl. § 181; WALDE-HOFMANN lat. etym. wb. 2, 737. im mhd. begegnet neben wüeste ein gleichbed. waste, adj. (FREIDANK 260, 8 Gr.; häufiger in ableitungen: waste, f., 'wildnis, einöde', wasten 'verwüsten', s. mhd. wb. 3, 534a und LEXER 3, 702, auch verwasten 'verwüsten' 296), das aus lat. vāstus oder (wie engl. waste) aus afrz. wast (< vāstus, gewöhnlich guast, gast, vgl. V. WARTBURG frz. et. wb. 14, 208; GODEFROY 4, 240c) entlehnt ist. nicht hierzu, sondern zu wüst gehört die ahd. schreibung: uasta solitudine ... uuastemo (= wuastemo) einotte (Jb. Rd., 8/9. jh.) ahd. gl. 1, 295, 23 St.-S.; auch: uastator angelus uuastio poto (nomen agentis zu wüsten) Murbacher hymnen 1, 3, 2 Sievers (daneben: a devastante angelo fona uuuastantemu engile 21, 3, 2). über gelegentlichen einschub von ch vor s (in ableitungen z. b. wuchste 'wüste' minneburg 10 Pyritz, s. wüste, f.; wuegstunge 'wüstung' SEIFRIT Alexander 7607 Gercke; wu̔chsten [3. pers. pl. prät. von wüsten] SUCHENWIRT 18, 441 Pr.) s. WEINHOLD bair. gr. § 184. zum vorkommen der volleren form wüste noch in der jüngeren nhd. schriftspr. vgl. PAUL dt. gr. 2, 167. die bedeutungsentwicklung des wortes ist nicht ganz durchsichtig. neben die alte bedeutung 'öde, wildnishaft, unbewirtschaftet, verheert' usw. (A) tritt im frühnhd. die bedeutung 'schmutzig, abscheulich, häszlich' (B) und schon seit dem spätmhd. der im jüngernhd. sehr verbreitete gebrauch für 'übel ausgeartet, chaotisch, wild, rüde, maszlos, monströs, ruchlos, frivol' usw. (C). während sich C als übertragener gebrauch von A auffassen läszt (vergleichbar ist begriffsverwandtes wild in übtr. verwendungen), macht das verhältnis der bedeutungen A und B schwierigkeiten; möglicherweise ist wüst B 1 'schmutzig' zu dem subst. 2wust B 2 'schmutz, unflat' (das seinerseits auf wüst A zurückgehen kann, s. 2wust, einleit.) gebildet. wüst B und das subst. 2wust überhaupt fehlen im nd.; sonst kommt wüst, das über das ganze sprachgebiet verbreitet ist, mundartlich in allen drei bedeutungen vor. A. 'öde, unwirtlich, unbesiedelt und unbewirtschaftet, ungenutzt, verödet, verwildert, verfallen, verheert', von land, siedlungen, gebäuden und nutzeinrichtungen sowie in verschiedenen übertragenen verwendungen. dieser älteste gebrauch des wortes ist vom ahd. bis zum 13./14. jh. allein bezeugt, herrscht im älteren nhd. noch durchaus vor und bleibt neben dem anschwellenden gebrauch C bis zur gegenwart sprachüblich, jünger vor allem in den auffassungen 'wildnishaft, öde' und 'verheert, zerstört'. 1) 'unbewohnt und unbebaut', daher im nebensinn 'öde, verlassen' und 'wildnisartig, unwirtlich'; von ländern, landstrichen und plätzen, namentlich den auszerhalb der ökumene liegenden wald- und ödlandgebieten (vgl. hierzu wüste im einheimischen [A 1 a, z. b. Schweizer wüste] und exotischen sinne). oft neben allgemeinen ortsbezeichnungen Bd. 30, Sp. 2419 wie l a n d ; ahd.-frühnhd. s t a t 'stätte' (vgl. noch FLEMING dt. ged. 1, 16 lit. ver.); o r t OHEIM Reichenauer chron. 14 lit. ver., ZIMMERMANN einsamkeit (1784) 4, 127; s t e l l e HAHN vollst. einl. (1721) 1, 101; p l a t z STURZ schr. (1779) 1, 244; modern namentlich g e g e n d BROCKES ird. vergnügen (1721) 4, 224, SCHERER litt.-gesch. 14108; sehr geläufig auch in den speziellen wortverbindungen w ü s t e e i n ö d e ahd. gl. 1, 295, 23 St.-S. (8./9. jh), FRONSPERGER kriegsb. 1 (1578) 56b; w ü s t e b e r g e NOTKER 2, 302, 4 P., ALBERUS dict. (1540) Mm 1a ( g e b i r g e HAPPEL akad. roman [1690] 548); w ü s t e h e i d e LAMPRECHT Alexander 4125 Kinzel, G. FREYTAG ges. w. 14 (1887) 105; w ü s t e r w a l d LUTHER w. 52, 224 W., A. V. DROSTE-HÜLSHOFF ges. schr. (1878) 1, 62 (vgl. wald II 2, teil 13, sp. 1075 sowie wald und wüste sp. 1081 und bei wüste A 1 a); w ü s t e i n s e l SCHAIDENREISZER Odyssea (1537) 53b, RATZEL völkerkde (1885) 2, 298 (besonders seit dem späteren 18. jh. häufig); w ü s t e r w e g (in wüesten wegen HEINRICH DER TEICHNER bei KARAJAN 33 anm. 57, in wuesten, auf wegen 203, 42 Niewöhner) LUTHER 8, 7 W. ( p f a d HÖLDERLIN s. w. 3 [1957] 25 Beiszner); vgl. noch w ü s t e s m e e r unter b β. -- im 20. jh. scheint dieser gebrauch seltener zu werden. a) in diesem sinne allgemein: quemet suntringun in vvuosta stat inti restet ein luzil (in desertum locum, Marc. 6, 31) Tatian 66, 2 Sievers; an themu uuôsteon lande Heliand 2823 Behaghel; uuelih lant er uuoltî ferdôsen alde gesâligon, uuûoste (vastam) uuesen alde bûhafte (celebrem) NOTKER 1, 745, 20 P.; daz wüeste lant erbûwen wart, dâ krône truoc Parzivâl WOLFRAM V. ESCHENBACH Parzival 222, 12; swa ich mich hin gekere, dan sihe ich ie nimere niwan ein toup gevilde und wüeste unde wilde, wilde velse und wilden se GOTTFRIED V. STRASZBURG Tristan 2508 Ranke; von der burg bisz zu Rastueil waren zwölff schotisch mylen, und was alles das lant da zwuschen wust bisz an ein burg Lancelot 1, 457 Kluge; man bauwet an allen enden do̔rffer in Flandria vnd sta̔tt, vnd macht ausz den wildtnussen, wu̔sten eino̔den vnd wa̔lden sta̔tt, a̔cker vnd wisen S. FRANCK Germ. chron. (1538) 83b; vil länder vnd ein wüster weg, auch manche vnbekante steg, entzwischen ligen mit verdrusz SPRENG Äneis (1610) 52a; ihr vormals schönen felder, mit frischer saat bestreut, itzt aber lauter wälder vnd dürre, wüste heid PAUL GERHARDT in: ev. kirchenlied 3, 397b Fischer-Tümpel; dass ich ... ietzt west, ietzt wüsten sud und rauhen nord durchreiset GRYPHIUS trauersp. 516 lit. ver.; als sie umb mitternacht durch einen wüsten wald reisen musten CHR. WEISE drey klügsten leut (1675) 56; (das heidekraut,) welches auff den wüsten orten am besten wächset TÄNTZER Dianen jagtgeheimnis (1682) 1, 19; unfreundlich, ungeschmückt, und rauh und wüste, im trüben dunkel schauerte die küste GERSTENBERG ged. e. skalden 365 lit.-denkm.; und wie den klippen einer wüsten insel der schiffer gern den rücken wendet: so lag Tauris hinter mir GÖTHE I 10, 66 W.; die sogenannte ziselmausz ..., welche in allen freyen wüsten gefilden zwischen der Wolga und dem Don ... ein überaus niedlich geflecktes fell hat P. S. PALLAS reise durch versch. provinzen d. ruszischen reichs (21801) 1, 129; eine wüste gegend. donner und blitz (regieanweisung, Macbeth II, 8) BÜRGER s. w. 297 Bohtz; dasz Esquimaux mit der gröszten begierde in ihr wüstes vaterland ... zurückgekehrt sind J. G. FORSTER s. schr. (1843) 2, 39; im fernen wüsten norden WACKENRODER herzenserg. (1797) 196; Bd. 30, Sp. 2420 da musst er mit dem frommen heer durch ein gebirge wüst und leer UHLAND ged. (1898) 1, 254; etwa 15 meilen bin ich ununterbrochen im wüstesten walde gefahren (1857) BISMARCK br. an s. braut u. gattin 380 H. v. Bism.; (bauern,) die bisher wüste landstrecken urbar machten und bewohnten MOLTKE ges. schr. u. denkw. (1892) 2, 93. b) hervorzuheben ist noch α) wüst als beiwort zu ländernamen: Armenia, Purgaria, du wuste Romania und das guldene tal wirt dir dienen uberal HEINRICH V. NEUSTADT Apollonius 4213 Singer; in die wüsten Egypten HANS SACHS 1, 150 lit. ver.; das wüste Spanien CHR. WEISE polit. redner (1677) 128. -- namentlich: sie teylen Arabia yn drey teyl: Arabiam desertam, Arabiam petream, Arabiam felicem, das ist: wust Arabiam, steyn Arabiam und reych Arabiam (1522) LUTHER 10, 1, 1, 551 W.; durch das wu̔ste Arabia S. FRANCK chron. u. beschr. d. Turkey (1530) F 4b; durch einen theil des wüsten Arabiens DUSCH verm. krit. u. satyr. schr. (1758) 147. β) die verbindung wüstes meer, wüste see, die wohl in analogie zu den oben angeführten substantivverbindungen hierher zu stellen ist (s. auch wüste, f., B 1 a), öfters aber auch im sinne von C 5 (wild aufgewühlt) verstanden werden kann: das sie ... auff diesem wüsten wilden meer das schifflein Christi redlich jagen POMARIUS gr. postilla (1590) 3, 71b; auff der wüsten see OPITZ teutsche poemata 266 ndr.; man duldet durst und frost, laufft durch das wüste meer LOHENSTEIN Sophonisbe (1680) 2, widmung; (sie) kamen aus ihren hütten, am ufer des wüsten meeres (αλος ατρυγετοιο ) VOSS Odyssee 10, 179 Bernays; nun ist es herbst, die blätter fallen, den wald durchbraust des scheidens weh, den lenz und seine nachtigallen versäumt ich auf der wüsten see LENAU s. w. 38 Barthel. c) der nebensinn 'wildnishaft', auch übergehend in 'wild-schrecklich', kann, besonders seit dem ende d. 18. jhs., vorherrschend werden; so in der anwendung auf einzelne elemente einer landschaft: also fůrt mich derselb gefangenn hin durch den wald vil rauher weg, uber grosz wasser und schmale steg und durch vil grosser wu̔ster hol welsch gattung 499 Waga; wie lang ich so getappt die kreuz und quer, durch dornen mich und durch gestrüppe schlug, ... nicht meld' ich's lang, der weg war schlimm genug, von oben dunkel und am grunde wüst A. V. DROSTE-HÜLSHOFF ges. schr. (1878) 2, 111. sinngemäsz auch von gewächsen der wildnis: die wüsten disteln und brennesseln ..., die sich auf meinem grabe brüsten werden HEBBEL w. I 2, 138 Werner; reuteten des urwalds riesen, dorn und farn und wüste kräuter FR. W. WEBER Dreizehnlinden (1907) 11. namentlich aber von gestein und felsen (hier wohl mit dem nebensinn 'kahl, ohne pflanzenwuchs'): bey einem wüsten felsen ausgesetzt zurück gelassen SCHNABEL insel Felsenburg 12, 10 Ullrich; in dem einsamen gebirge und zwischen den wüsten steinen TIECK schr. (1828) 4, 226; der Solaro, von wüstem grauem gestein überdeckt GREGOROVIUS insel Capri (21885) 69. -- und überhaupt von gebirgslandschaften (vgl. oben wüste berge, wüstes gebirge): (bin ich) das ungeheure gebirg ... bey dem schönsten wetter heraufgestiegen; keine wolke lag in den wüsten thälern (1780) HEINSE in: GLEIM briefw. 2, 4 Körte; von des vaterhofes bronnen zu des Brockens wüstem thor GÖTHE I 4, 140 W.; Bd. 30, Sp. 2421 eine tiefe, wüste schlucht BARTH Kalkalpen (1874) 459; lange zeit sprangen wir nun durch eitel wildniss, über wüste berghänge STEUB drei sommer in Tirol (1895) 1, 272. 2) von kulturböden und kulturstätten; teils in dem ökonomisch-sachlichen sinne 'ungenutzt, unbewirtschaftet, ledig, unbewohnt, auszer funktion gesetzt', teils in den mehr vom äuszeren eindruck her bestimmten auffassungen 'verwildert, öde, verfallen, verheert' (so namentlich in der jüngeren sprache). hier anknüpfende übertragene verwendungen s. unter a α. a) allgemein in redewendungen, die zum teil vom ahd. bis zur gegenwart geläufig sind. α) sehr häufig (auch in erweitertem oder übertragenem sinne, vgl. noch 3 a α und β) in den verbalverbindungen w ü s t m a c h e n NOTKER 2, 325, 10 P., LUTHER 30, 3, 560 W., GOTTSCHED ged. (1751) 1, 285; l e g e n NOTKER 2, 326, 14 P., Nibelungenlied 885, 3 B., J. V. MÜLLER s. w. (1810) 2, 99; l i e g e n (kaiserchron. s. u.), BONER Herodot (1535) 83a, ZILLICH zw. grenzen u. zeiten (1936) 477; s t e h e n (hauptsächl. v. gebäuden) FREIDANK 151, 27 Gr., Joel 1, 17, SCHEFFEL ges. w. (1907) 1, 162; w e r d e n (Heliand s. u.), NOTKER 2, 270, 26 P., LUTHER 9, 529 W., HERDER 25, 222 S.; b l e i b e n passional 93, 8 K., RAABE s. w. I 2, 108: ni afstâd is felis nigiean, stên obar ôdrumu, ak uuerdad thesa stedi uuôstia umbi Hierusalem Iudeo liudeo Heliand 3701 Behaghel; die sînen guoten wurze die dûhten in (d. hirsch) suoze, unz der garte aller wuoste gelach kaiserchronik 6866 Schröder; quam ein grôz sterben ... uber alle di stat, alsô daz vil hûser wuste wurden HERMANN V. FRITZLAR in: dt. mystiker d. 14. jhs. 103, 7 Pf.; und muz der bow (bergwerk) wuste sten und beginnet daz wazzer uf gen kleinere mhd. erz. 56, 179 Rosenhagen; eyne hove ... de lengh wenne teyn jar woste gheleghen hefft (Braunschw., anf. d. 15. jhs.) städtechron. 16, 47, 31; sein (minne-)dienst der liegt in triuen wůst gen mir das gantze jar liederbuch d. Hätzlerin 78 Haltaus; de duuel hedde dar nu manich yar ynne wont vnde dar vmme wer dat hues woste gebleuen qu. v. j. 1473 bei SCHILLER-LÜBBEN 5, 774a; warumb sie den meyerhoff so wüste gemacht, vnnd alle gense so wol auch die cappaunen hette schlachten lassen (1587) B. KRÜGER Clawerts werckl. hist. 12 ndr.; du vormals grüner (rosen-)stock, wie stehst du jetzt so wüste? Königsberger dichterkreis 8 ndr.; da kam im dritten sommer keine schwalbe mehr zum logament hinein, sondern liessen das nest wüste stehen PRÄTORIUS winterfl. d. sommervögel (1678) 329; der nomade liesz die triften wüste liegen, wo er strich SCHILLER 11, 292 G.; zweideutge zier! verrätherische hoheit! dem wunsche süsz, doch schmerzhaft dem besitzer! jezt ist im dienst der götter was versehn, das uns das leben wüste macht -- jezt ists der meinungen verhasztes mancherley ebda 6, 153; hier ruht die hohe gestalt. -- von todesnacht umschlungen, ward hier ein weihevolles leben wüst (am grabe Luisens v. Preuszen) TIEDGE w. (1823) 3, 123; eine alte verfallene schmiedewerkstatt, ... die schon seit hundert jahren wüst lag IMMERMANN w. 2, 141 Hempel; welche schätze liegen da wüst in dem schönen tempel ALEXIS ruhe (1852) 1, 259; das land zwischen den flüssen war weit und breit wüste gelegt RANKE s. w. (1867) 8, 12; viele bauernhöfe wurden verlassen, ganze dörfer Bd. 30, Sp. 2422 wurden wüst E. KEYSER bevölkerungsgesch. Deutschlands (1938) 243; auf Gottfrieds acker stand der schöne kohl nicht mehr! alles war wüste gemacht, menschen trampelten darauf herum CL. VIEBIG die vor d. toren (1949) 125. β) wüst von leuten, menschen usw. (vgl. Heliand unter α): und ze letzt vertreibt si (die boa) ain ganzez lant und macht daz wüest von läuten und von frühten KONRAD V. MEGENBERG buch d. natur 265, 13 Pf.; nach diesem gieng der junge münch, so noch vorhanden war, auch aus dem kloster, und nam ein weib, also ward das kloster von den münchen wüste AELURIUS glaciographia (1625) 340; depeupliren wüst und öde von menschen machen STIELER zeitungs lust u. nutz (1697) 429. wohl archaisierend: in der Altmark aber hielten die Deutschen nur noch den westsaum besetzt, das übrige war wüste von volk und stand voll langen rohres KARL LAMPRECHT dt. gesch. (1913) 3, 357. vgl. hierzu noch: en stat binnen Cecilien starf al wuste (infolge d. pest) Lübeck. chron. 1, 265 Grautoff. γ) öde und wüst: (ein schlosz,) daz ettwan eyn spytal was der teutschen herren. ist aber ytz der zyt gantz öd vnd wüst BERNHARD V. BREIDENBACH heyl. reysz (1486) 49a; disz wären keine mittel ... zu helffen, sondern erfindungen der scharffrichter, die welt wüste und öde zu machen LOHENSTEIN Arminius (1689) 2, 279a; die stadt wurd öd und wüst durch seine (eines arztes) meisterstücke DROLLINGER ged. (1743) 167. δ) wie unter 1 neben ort, stelle, platz, doch hier in den auffassungen 'verödet, verfallen, verheert' (von wohnstätten, vgl. c, öfters gleichbedeutend mit wüstung 2 a) oder 'verwildert, verwahrlost' (von kulturböden): an wüsten orten vnnd winckeln, als in wüsten heusern, auff den kirchhöfen theatrum diabol. (1569) 58a; steintrümmere, aschenberge, kummerhauffen, wüste örter ... schauet man SCHOTTEL friedens sieg 4 ndr.; unter 601 häusern gab es ... noch von den kriegszeiten her 365 wüste stellen JUSTI Winckelmann (1866) 1, 18; (das dorf sei) von den Schweden eingeäschert worden und liege nun schon über zwei jahrhunderte als wüster ort POLENZ Grabenhäger (1898) 1, 65; hinter der stadt zwischen hecken und wällen war ein wüster platz, wo einst ein gartenhaus gestanden hatte, um den sich aber niemand mehr zu kümmern schien STORM s. w. (1900) 4, 178. b) insbesondere von landstücken, gütern und kultiviertem boden überhaupt, 'unbewirtschaftet, brachliegend', auch 'ledig, herrenlos' (vgl.: wüste güter schossen nichts KRAMER t.-ital. 2 [1702] 644a); in jüngerer zeit drängt sich der nebensinn 'verwildert, verwahrlost' vor: vor dy wusten huben (1401) Marienburger treszlerb. 109, 24 Joachim; zcu gemelten dreyen huben ander mehr gutter, nemlich zwo wuste erbe ... zcu zcueignen (urk. 1509) CZIHAK schles. gläser (1891) 23; eine wuste hoefestadt (Arnstadt 1543) bei MICHELSEN rechtsdenkm. a. Thür. 73; Tonneberg, welches noch ein wüstes gutt ist SCHÜTZ hist. rer. Pruss. (1592) 3, T 4b; seinen beutel baue vor, wer ein wüstes gut wil pflügen! wann das gut wird sein erbaut, wird der beutel wüste liegen LOGAU sinnged. 417 lit. ver.; fragt: ob man will zu Schurtz den wüsten berg verkauffen? was soll ein wüster berg? er bringt nicht rennten ein SPORCK streitged. 108 Kopp; der rohrdommel (steht gern) in wüsten teichen und rohrdickicht HEPPE aufricht. lehrprinz (1751) 50; 's ist ein wüster garten (d. treiben d. welt), der auf in samen schiesst; verworfnes unkraut erfüllt ihn gänzlich Shakespeare 3 (1798) 155; der wüste garten, den man aus vaters stubenfenster sieht STORM s. w. (1899) 3, 57. -- auch: sey du (Segest) nicht deines sohnes trauer, dein grab sey wüst, und dein gedächtniss schauer KRETSCHMANN s. w. (1784) 1, 121. Bd. 30, Sp. 2423 c) von dörfern 'verödet, unbewohnt und verfallen' (vgl. häufiges wüst [-e, -en] vor ortsnamen). -- jünger dagegen von städten in dem mehr aktuellen sinne 'verwüstet, entvölkert': de wuste dorpstede Valkenhaghen (1406) Lübeck. urkundenb. 5, 148; (die drei dörfer und güter) Dargouwe, wuste Ekhorst unde Nigendorpe (1445) ebda 8, 330; wo die hunde bellen, ists dorff nicht wust LUTHER 51, 651 W.; ein wüsts vnd von den menschen verlassens dörfflein THURNEYSSER magna alchymia (1583) 118; mich dünkt, ich sehe schon ... die dörfer wüst und leer TRILLER poet. betracht. (1750) 3, 612; das eingeworfne Bonn, das wüste Kaiserswerth NEUKIRCH ged. (1744) 261; sagen sie uns manchmal etwas aus dieser, wenigstens zu einem drittel, wüsten hauptstadt (Berlin), der wir die rückkunft ihres fürsten ... wünschen (1809) GÖTHE IV 21, 149 W. d) von gebäuden, auch wohn- und nutzräumen oder zweckeinrichtungen 'unbenutzt, unbewohnt, leerstehend, auszer funktion', daneben, vorwiegend in jüngerer sprache, 'verfallen' (sehr häufig ist wüste kirche [hier 'unbenutzt, leerstehend'; etwas anders unter 3 a β], vgl. noch Lancelot 1, 202, 15 Kluge; MEISTER STEPHAN schachbuch 3254; PRÄTORIUS glückstopf [1669] 56): dô stunt ein wuste kirche in dem selben velde, dô ginc di maget dicke hine beten ... und dô stunt ein bilde von unser vrowen HERMANN V. FRITZLAR in: dt. mystiker d. 14. jhs. 1, 82, 15 Pf.; wat woste is, idt sy hues offte bode, darff nene wacht (wachtgeld) geven d. alte lübische recht 559 Hach; habe ich ... gekauft ... eyne mole, die heiset die Nedermole und ist wuste; wenne die zu pachte kompt, so gibt sie 40 scheffel kornes zu pacht (1403) Marienburger treszlerb. 224 Joachim; (das schlosz) was vast wiest, nit mer dan mit zweien altn kematen sonder mauer und graben der berg besetzt (1507) Wilwolt v. Schaumburg 198 Keller; sahe er eyn wust hausz stehen verschlossen (1522) LUTHER 10, 3, 198 W.; am böhmischen gräntzgebirge liegen 2 alte wüste schlösser CHR. LEHMANN hist. schaupl. (1699) 614; kennst du die wüste burg, wo der weg abgehet nach Güstrow? (weiter unten: die trümmer vom raubnest) J. H. VOSS s. ged. (1802) 2, 37; Deutschlands hohe namen starben in den langen fehden aus, wo wir unsre kraft verdarben zeigt noch manches wüste haus SCHENKENDORF ged. (1815) 157; bischof Schondeleff, der drüben in dem wüsten thurmgebäu residiert STORM s. w. (1900) 5, 29. e) die begleitauffassung 'verheert, verwüstet, trümmerhaft' kann sinnbestimmend werden; so schon: das feste städte würden fallen in einen wüsten steinhauffen 2. kön. 19, 25. auch: wie er die glieder an seinem wüsten (havarierten) schiff erbauet, und wiederum nach vortheil schauet MORHOF unterr. v. d. dt. spr. (1682) 1, 783. geläufig wohl erst seit dem 18. jh.: da dort der schmauchenden verzehrten häuser graus die wüsten strassen stopfft PIETSCH geb. schr. (1740) 15; viele häuser ganz wüst, ohne dielen, fenster und öfen, manche nur brandstätten E. M. ARNDT w. (1892) 1, 160; aus manchen fensterlöchern rauchte es, die türen waren eingeschlagen, und es trieben sich auf den wüsten gassen ... dunkle ... gestalten herum O. M. GRAF unruhe (1948) 168. besonders neben ausdrücken der zerstörung und wörtern wie schutt und trümmer: als ich nun über die trümmer des hauses und hofes daher stieg, die noch rauchten, und so die wohnung wüst und zerstört sah GÖTHE I 50, 202 W.; Bd. 30, Sp. 2424 ganz wüst und zerstört sind die fasten Diodors NIEBUHR röm. gesch. (1811) 1, 187; unter wüsten trümmern UHLAND ged. 299; heute ist der palast das bild der wüstesten zerstörung GREGOROVIUS insel Capri (21885) 37; in wüsten schutt zerfallen GEIBEL ges. w. (1883) 1, 99. mit 1 c konvergierend: nordwärts zum wüsten trümmerkessel des Wilden Freidhof abschieszend BARTH Kalkalpen (1874) 43. f) in bezug auf wohnräume und wohngebiete können sich die auffassungen 'unwohnlich, unanheimelnd, verwahrlost, öde, kahl, trist' ergeben (vgl. wüste stube 'vastum, incultum' STIELER stammb. [1691] 2215): (E.:) er konte keinem feind gewaffnet widerstehn. (M.:) drum lernt er aus dem hoff ins wüste kloster gehn GRYPHIUS trauersp. 36 Palm; (Antorra, die) in dem ihr allzu wüsten Deutschland verdrusz schöpfte LOHENSTEIN Arminius (1689) 2, 301b; (vor der heirat) war es in unserem hause so wüste, dasz man das gras allerwegen hervor wachsen sahe ollapatrida 40 ndr.; gern bereitete ich uns hier (in Wien) einen ... angemessenern aufenthalt, als das ferne, wüste Wilna J. G. FORSTER s. schr. (1843) 7, 274; eine grosse wüste stube, in der eine öllampe verwirrte scheine über die kahlen wände und in die staubigen winkel umherwarf EICHENDORFF s. w. (1864) 3, 386; (d. amtschirurgus hauste) auf den wüsten böden des rathhauses, die er weder sommers noch winters verliesz STORM s. w. (1900) 3, 122. auch (i. s. v. 'öde, einsam'): aber das ist kein weg für sie; so allein auf der wüsten (land-)strasse ebda 4, 191. 3) besondere verwendungen. a) 'vakant, ledig (vgl. 2 b), leer, entblöszt'. α) bei den wörtern bett, sattel, thron, tisch und mhd. sege 'zugnetz': uuuastemo des harles pette (si non polluta es) deserto mariti thoro (num. 5, 19) (Rb., 8./9. jh.) ahd. gl. 1, 363, 10 St.-S.; Arnaldes satel wüeste lac, wand er vor sînem bruoder pflac gevelles hinderz castelân WOLFRAM V. ESCHENBACH Willehalm 118, 9 Lachmann; damit si in die segi wüst d. teufels netz 12 245 Barack; itzt ist aber tzu dieser tzeit nur ein thisch darunder (unter d. baum) bereit, der dan von stein gehauen ist, welchen mann dann findt selden wust (1565) CHR. FALK lobspr. d. st. Elbing 566 in: pr. geschichtschr. d. 16. u. 17. jhs. 4, 1, 189; wir sahen ihn (d. gr. kurf.) getrost den wüsten thron besteigen BESSER schr. (1732) 1, 30; es (das bett) stünde wüste, sagte die frau, sie hätten es ehedem gebraucht, ehe sie ihr haus ausgebaut hätten ZÖLLNER reise durch Pommern (1797) 334; (als er) in eine leere kammer ... ging, erblickte er auf einer wüsten bettstatt eine ... grosze schlange liegen BR. GRIMM dt. sagen (1891) 1, 57. β) von institutionen, auch von rechtstiteln: so lach wuste dat bischopdom van Oldenburgh ..., leddich sunder bischup HERMANN KORNER bei SCHILLER-LÜBBEN 5, 774b; wert nun averst sake, dat de liefftucht gantz wöste störve, dat is, wenn mann und fruwe (die leibzuchtberechtigten) bede stervet weist. 3, 197 Grimm; seint auch auffn lande viel dorffpfarren wüste, die keinen pfarhern oder prediger haben KANTZOW Pomerania 2, 410 Kosegarten. nach 2 d neigend: das jetzund viel kirchen ... wust stehen, one sehlsorger (1544) LUTHER br. 10, 570 W. γ) im sinne von 'verwitwet' o. ä.: a wiste (d. i. eine wüste) 'witwe' J. GERZON die jüd.-dt. spr. (1902) 125; wöst ... von verwittweten tauben und weiblosen taubern SCHÜTZE Holstein 4, 375. vgl. hierzu in glossen des 10./11. jhs.: vuostiv (quomodo sedet) sola (civitas plena populo: facta est quasi vidua domina gentium, threni 1, 1) ahd. gl. 1, 638, 4 St.-S. -- ferner wüste bruthenne eine in der Bd. 30, Sp. 2425 zeit des bruttriebes ihrer eier beraubte henne, bildlich: aber es reut dich noch, dasz du auch diesmal auf dem goldenen ei sitzst wie eine wüste bruthenne P. DÖRFLER Apollonias sommer (1932) 66. δ) 'entblöszt, blosz' (in prädikativer stellung mit genitiv); so namentlich bei den mystikern von gott und der menschlichen seele (vgl. wüste B 4): unde sol diu crêatûre dar zuo komen, daz si gote volgen sol dar, dâ er êwiclîche erhaben ist, sô muoz si sich erheben über alle crêatûren ... unde volgen dem unbekenntnisse in die wüesten gotheit MEISTER ECKHART 502, 39 Pf. (d. h. die eigenschaftslose gottheit, die zwar die schöpfung enthält, aber von ihrer mannigfaltigkeit frei ist, im sinne des satzes: wir wâren in gote êwiklîche, als diu kunst in dem meister ebda z. 24 f.); unde sîst dîns selbes unde aller dinge wüeste ebda 22, 17; so erswingent úch in die stillen, wilden, wu̔sten gotheit und verheftent úch dar inne SEUSE dt. schr. 478, 22 Bihlm. (vgl. G. LÜERS d. spr. d. dt. mystik [1926] 293). -- sonst anscheinend selten: er wölt e selber werden wüst libs und gütz, e daz er wolt, daz sin herr verderben solt HEINRICH DER TEICHNER 521, 72 Niewöhner. im mnd. offenbar geradezu 'nackt' (falls nicht eine beziehung zu wüste C 4 'weiche' besteht): den 30. October des auendes to 12 de cloke do stak Hermen Tole sinen broder in't woste lif, dat he des anderen dages starf to 11 de cloke hamburg. chron. 180 Lappenberg. b) in sehr verschiedenen terminologischen anwendungen bezeichnet wüst, was keine funktion (mehr) hat, auszerhalb eines funktionalen oder organischen zusammenhanges steht. α) das wüste gerinne bey den wassermühlen, dasjenige gerinne, welches das wilde, oder überflüssige wasser abführet, sonst auch das freygerinne ADELUNG 5 (1786) 316; EHRENBERG baulex. (1840) 261; wüstes gerinne MOTHES baulex. (41881) 4, 491b. s. u. wüstgerinne u. vgl. gerinne 2 b α, teil 4, 1, 2, sp. 3708. β) in der älteren österr. bergmannssprache hiesz durch wüst (subst. adj.) 'durch nicht erzhaltiges, taubes gestein': auch sol man niemand sein paw durch wüst und durch offenvert an gewinnen, nuer durch ganzen stam, da kluft an kluft geet (1300--1350) österr. weist. 1, 198 (vgl. ebda 430a); auch soll man niemand seine päu abgewinnen durch wuest, nur durch gengenstein (um 1340) bergordn. f. Steyermark bei WOLFSTRIGL-WOLFSKRON die Tiroler erzbergbaue 424. -- ähnlich ist wüstes wesen (d. i. 'substanz, stoff') für nicht organisch gewachsenes gestein: unter diesem geschmolzenen wüsten wesen (lava) fanden sich auch grosze blöcke, welche, angeschlagen, auf dem frischen bruch einer urgebirgsart völlig ähnlich sehen GÖTHE I 31, 32 W. fraglich, ob hierher oder zu C 7: das meer trägt nur gebilde wüsten schaumes; die ungeheuer sind ins meer verwiesen, doch auf der erde wandeln die gestalten RÜCKERT ges. poet. w. (1868) 3, 144. γ) als landschaftliche verwendungen sind noch zu nennen: wüste flecke als rassewidrig angesehene weisze flecke bei Schweizer braunvieh MARTINY wb. d. milchwirtsch. (1907) 139. eher hierher als zu B 2: wüstes blut der unschöne, aber normale blutige wochenflusz, lochia (Pfalz) HÖFLER krankheitsnamenb. (1899) 61a. anders, aber wohl auch im sinne von 'überschüssig' (und daher 'wild strömend'): unterdessen that die schräpferin ihre pflicht, setzte die hörnchen auf, ... wunderte sich über Anne Mareis wüstes blut GOTTHELF schuldenbauer (1854) 252. δ) auch die verbindung ins wüste scheint hierher zu gehören: mag ein ... sonst wohlgeleiteter bach verschüttet ... und aus seinem wege gedrängt worden sein. dieser sucht sich nun einen weg ins wüste bis durch die gräber GÖTHE I 48, 168 W.; die vorstellung, dasz (nach d. tode) alles an ihm (d. menschen), wie sein körper, von würmern zernagt oder ins wüste versplittert werde, ist Bd. 30, Sp. 2426 ein ungedanke, der uns die ganze schöpfung zu einem unzusammenhangenden traum macht HERDER 16, 378 S.; ihr bauet hüttlein, und es sinkt mit grauen indesz die veste, vaterland, ins wüste RÜCKERT ges. poet. w. (1868) 1, 8. 4) übertragener gebrauch im sinne von 'öde, leer'. a) in verbindung mit ausdrücken der leere, dunkelheit usw. (vgl. 1. Mose 1, 2 und die erde war wüst und leer): aldus syn arme lude allermeest und vake dorstich, um dat se van bynnen ledich syn unde woeste JOH. VEGHE wyngaerden d. sele 308, 8 Rademacher; do sicht dye vornunfft keyn hulff bey keiner creatur, ist alles wüste und dunckel LUTHER 10, 3, 415 W.; ach! meine sonne geht zur rüste, nun bricht der trauerabend ein, und darum eben musz es wüste und dunkel meinen augen seyn HENRICI ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 166; die zunehmende, vom mond erhellte dunkelheit ... umzog ihn mit weiter, wüster leere GUTZKOW ges. w. (1872) 4, 21; jede politische versammlung hat wüste inhaltleere tage G. FREYTAG ges. w. 15 (1887) 65; dass der blick durch ein wüstes dunkel hindurch muss, bis er ... in eine matte dämmerung gelangt, die ... aus einem dachfensterchen hereinfällt STORM s. w. (1899) 1, 59. b) wüstes herz (vgl. C 9 b): gnade war's, die mich im jammer meiner seele nie verliesz ... die des geistes arbeit lenkte, die ins wüste herz sich senkte SCHUBART sämmtl. ged. (1825) 1, 154; denn ob du einsam auf einer wüsten insel darbst, ob du einsam im wüsten herzen geniessest, du bist nicht glücklich, wenn du einsam bist BÖRNE ges. schr. (1829) 2, 236. c) 'eintönig': noch immer, erde, den uralten tand von blüthentreiben und zerstören, immer? verdrieszt, natur, das öde spiel dich nimmer? ... du gleichest mit dem wüsten zeitvertreib im dorfe drüben dem zigeunerweib, die karten schlägt, ... doch immer sind's die nämlichen figuren! LENAU ged. (1857) 1, 156; der papst hatte ein dickes fettüberwuchertes gesicht. man muszte mit dem reiz der lichtbewegung versuchen, über die wüsten gelblichen flächen hinwegzukommen und das geistige in dem kopfe aufleuchten zu lassen WÖLFFLIN d. klass. kunst (1901) 114. d) 'nichtig, eitel': auch ist die freiheit kein leerer traum und kein wüster wahn E. M. ARNDT schr. (1845) 1, 271; sie haben zwanzig jahre lang regiert kraft ihrer kraft ... und nicht nach bloszer wüster schicksalslaune FONTANE ges. w. (1920) II 3, 279. 5) wüst vom körperlichen befinden, dem gefühl der öde und benommenheit; mundartlich besonders im nd. verbreitet, z. b. mek is sau weuste in magen DAMKÖHLER Nordharz 226b; wüst 'schwindlig' FRISCHBIER pr. 2, 484. a) in der verbindung wüster kopf (zum teil in anderem sinne, s. u.), gewöhnlich jmdm wird oder ist der kopf wüst, jmdm den kopf wüst machen, mein kopf ist wüst: als er dann in dem wapen wiedder erkaltet, so wart im das heubt wiedder so wúst und der lip, das er toben wonde vor hunger Lancelot 1, 427 Kluge; wo angst das hertz uns frist; ein stets-wehrend traum den kopf uns wüste macht (1673) LOHENSTEIN türk. trauerspiele 213 lit. ver.; dieses menschliche geschöpfe, das den bräuer vater nennt, ist die mutter wüster köpfe, ein verderbtes element STOPPE Parnasz (1735) 228; Bd. 30, Sp. 2427 der ohrzwang, mit welchen ich seit einiger zeit bin befallen gewesen, macht mich so wüste im kopffe, dasz ich nicht vermögend bin mehr zu schreiben (1746) LESSING 17, 6 L.-M.; den ganzen tag brüt ich über Iphigenien, dass mir der kopf ganz wüst ist (1779) GÖTHE IV 4, 11 W.; ich weisz nicht, was wir gesprochen haben. mein kopf ist leer und wüst und gepeinigt GERHART HAUPTMANN einsame menschen (1891) 127. daneben stehen abweichende anwendungen; im sinne von 'wirr, phantastisch' (vgl. C 2): so helffe das rumpeln ynn den schwermer köpffen und wilden wüsten gehyrnen LUTHER 18, 548 W.; sich ins unersehliche, ins völlig unbekannte ... hinaufschwindeln, verräth oder verursacht ein wüstes haupt HERDER 22, 259 S.; so wüst und schwindlicht sah es in den meisten köpfen aus WIELAND Lucian (1788) 1, XXXIV. -- auch 'hitzköpfig, jäh, unberechenbar' (vgl. C 4): drüm zanke nicht mit einem rumorischen, wüsten kopffe; traue auch nicht mit ihme alleine über feld; dann es kan ihme leicht ein würbel in sinn kommen, das er blutt vergüssen nichts achtet BUTSCHKY Pathmos (1677) 109; weil er ein sehr wüster kopf und eben derjenige war, welcher mich ... beschlichen und verrathen hatte SCHNABEL Felsenburg 1, 43 Ullrich. b) sonst nicht häufig: hast keine zung'? ist sie nicht da? verzagst du vor dem anblick eines weibs? ach ja! der schönheit hohe majestät verwirrt die zung' und macht die sinne wüst (confounds the tongue and makes the senses rough) Shakespeare 7 (1801) 330; Wolf, Niebuhr, Strausz, furchtbare niederreiszer! versäumt man bei ihnen das wiederaufbauen, so kann einem wirklich ganz wüst und angst werden (1838) VARNHAGEN V. ENSE tageb. (1861) 1, 106; einer kitzelnden feder muszte selbst der beharrliche schlummer des freiherrn weichen. er ... risz die augen weit auf, sah seinen wirth wüst an und fragte dann matt und verdrossen: ... warum lässest du mich nicht in ruhe? IMMERMANN Münchhausen (21841) 3, 131; da sasz ich aufrecht, aber wüst und schwer ('benommen', nach einer körperl. erstarrung) A. V. DROSTE-HÜLSHOFF ges. schr. (1878) 2, 114; dasz ich bin so übernächtig, wüst vom singen, wüst vom zechen HOFFMANN V. FALLERSLEBEN ges. w. (1890) 1, 260. 6) wüst aussehen wird übereinstimmend mit 1 und 2, aber auch mit manchen verwendungen unter C ('unordentlich, liederlich, verkommen') gebraucht: die ... küsten von Afrika, die ehemals so blühend gewesen, damals aber ... ziemlich verödet und wüst aussahen M. I. SCHMIDT gesch. d. Deutschen (1778) 5, 321; mir steht das feld der weisheit offen, wäre gern so grade zu geloffen, aber sieht drinn so bunt und kraus, auch seitwärts wüst und trocken aus GÖTHE I 39, 232 W.; noch sah aber alles wüste und roh aus. die gerüste waren durch einander geschoben, die breter über einander geworfen, der ungleiche fuszboden durch ... farben ... verunstaltet GÖTHE I 20, 219 W.; jetzt sieht da alles gar wüst aus, damals aber war es ein schöner kleiner teich von behauenen steinen, mit sitzen eingefaszt ARNIM s. w. (1853) 2, 268; im Vomperloch ... sehe es arg wüst aus und ich würde mich wohl schwer zurechtfinden BARTH Kalkalpen (1874) 439; es sah noch wüster als gewöhnlich aus. schränke und commoden waren von den wänden abgerückt, das bettzeug bis auf die unterste strohmatratze ausgepackt STORM s. w. (1900) 8, 36; der schlips des mannes (auf einem kinoplakat) war arg verrutscht, und es sah wüst aus HEINRICH BÖLL haus ohne hüter (1957) 209. B. 'schmutzig, unflätig, unansehnlich, häszlich, abscheulich'. im frühnhd. sehr häufig; in der bed. 'schmutzig' kaum über das ältere 18. jh. hinaus sprachüblich, sonst z. t. länger bewahrt. Bd. 30, Sp. 2428 1) 'schmutzig, dreckig': swin in wüster lachen vnd mist ligend RIEDERER spiegel d. waren rhetoric (1493) a 4a; sind ir wiest, so trachtendt schon, das ir mit mier zů baden gon MURNER badenfahrt 5, 61 Michels; wir achten nit der gezierd der kirchen, die corporal sint ettwen wüster den vnser hemder, die altartücher wüster dan vnser tischlachen KEISERSBERG bilgersch. (1512) 127d; alle fisch so in ... wu̔stem wasser geend, die seind ... schleimig vnnd vnrein RYFF spiegel u. regiment d. gesundth. (1544) 56a; so man die wu̔ste deller nimpt, wie man gemeinklich ist gewon, so man ein new gericht will hon SCHEIT Grobianus v. 2942 ndr.; die wisten stiffel Zimmer. chron. 24, 36 Barack; die helle morgenröt pringt offt ein wüszt abendröt FISCHART Garg. 336 ndr.; (wir) muszten durch vil wieszte pfitzen watten F. PLATTER tageb. 266 Boos; die eule sey ein wüster unfletiger vogel, welcher den ort, da er sich aufhelt, mit seinem koth beschmeisze Reinicke fuchs (1650) 299; wenn sich einer ertrencken will, der thuts sänffter im saubern wasser, als im wüsten LEHMANN floril. polit. (1662) 2, 876; wann man die fässer betrachtet, worinnen dergleichen saurer ... wein gewesen ist, so ist die heffen und der satz wüst, schleimig, garstig, kothig ... gewesen GOCKELIUS cur. beschr. (1697) 12; weil mancher dicker bau und stinckend wüster graben die lüffte da (in d. stadt) gehemmt, mit gifft erfüllet haben BODMER vier krit. ged. 9 ndr. nach dem erlöschen des allgemeinen gebrauchs noch landschaftlich: mag ... Fortuna ... menschen bald auf schwanken tronen schaukeln, bald herum in wüsten pfüzen drehn SCHILLER 1, 181 G.; ganz anders tönt ein silberstück auf harter platte als auf lehmboden, oder in einer wüsten pfütze GOTTHELF schuldenbauer (1854) 249. 2) garstig, häszlich, abscheulich: daz die gelider so du yetz wunderst durch klaine lenge der zyt werden dürr, schwartz, wüst, voll gestank vnd vnlustes NICLAS V. WYLE translat. 101 Keller; so kommen wir och des vngeschaffnen doctors ab mit der wu̔sten nasen (1509) Fortunatus 128 ndr. (man nennt mich den doctor mit der grossen nasen 124); die man so gar wüst seh (sc. schwarz gekleidet), fürwar das wolt ich nit clagen, das sie wol würd geschlagen fastnachtspiele 777 lit. ver.; dann wie in einem spiegelglasz ersehen wirt alle glydmas was hübsch ald wüst am menschen sy (1535) schweizer. schausp. 1, 185 Bächtold; in dem lande, das man die newe welt nennet, sind hund, die nicht bellen, haben ein scheutzlich wüst antlitz HEYDEN Plinius (1565) 205; du sagst die ganze welt sei jezund voller thoren, derhalben mahlst du sie mit wüsten eselohren GROB dichter. versuchgabe (1678) 27; das kind ist wüest und grüselich, es sieht 'em leidige tüfel glich Schweizer volkslieder 2, 165 Tobler; es heilte glüklich, bisz auf die wüste narbe SCHILLER 2, 143 G.; ei frau, was tragt ihr da für ein wüstes geschöpf, es wäre kein wunder, wenn es euch den hals eindrückte. sie antwortete, es wäre ihr liebes kind, das wollte nicht gedeihen BR. GRIMM dt. sagen (1891) 1, 68; die beine (des kamels) sind schlecht gestellt, und namentlich die hinterschenkel treten fast ganz aus dem leibe heraus, vermehren dadurch also das wüste aussehen des thieres BREHM tierl. 23, 60 P.-L.; Margarete steht hinter ihm. ihr wüstes antlitz ist sonderbar lächerlich verzerrt FEUCHTWANGER d. häszl. herzogin (1954) 177. Bd. 30, Sp. 2429 3) in sittlichem sinne. a) unflätig, unanständig (vgl. C 8 u. 9): der ainlift singet wüester zaff und schreit an straff den abent und den morgen OSWALD V. WOLKENSTEIN 122, 41 Schatz; die wüsten anrürungen vnd greiffen, die an dem tantz geschehen mit iren lasterlichen vmbstenden PAULI Keisersbergs narrenschiff (1520) 127b; auch magstu wol mit grober handt ein wu̔sten bossen an ein wandt hin schreiben oder malen dran, so lacht dann mancher grobian SCHEIT Grobianus v. 3761 ndr.; wann man wüster, abscheulicher, unflätiger sachen gedencket, so thut mans cum praefatione honoris DANNHAWER catech.-milch (1657) 1, 129; und meide wüste zotten GROB dichter. versuchgabe (1678) 12. b) allgemeiner 'abscheulich, häszlich': du solt leben mit offner thür vnd dich ordenlich halten, heimlich vnd offenlich, das man nüt wüstes von dir weder sehe noch höre PAULI Keisersbergs narrenschiff (1520) 142b; musz die arme frau gelt suchen, die wüste zettel zu zahlen, damitt die dochter mitt die falsche zettel nicht in gericht gefordert mögte werden ELISABETH CHARLOTTE V. ORLÉANS br. (1676--1722) 280 lit. ver.; medissanten sagen ..., es käme von einer wüsten kranckheit dies., br. (1707--15) 207 (vgl. FISCHER schwäb. 6, 1011); bis einst ein unverschämter nachbar allerley wüste sachen über ihn aussprengte BRÄKER s. schr. (1789) 1, 50. C. seit dem spätmhd. tritt ein ausgebreiteter übertragener gebrauch des wortes auf, der in der jüngeren sprache vorherrschend wird. wüst bezeichnet hierbei im allgemeinen, was aus dem vertrauten bilde wohlgearteter menschlicher sitten und umweltverhältnisse herausfällt und sich in irgendeinem sinne als ausgeartet darstellt. die meisten verwendungen verteilen sich auf mehrere engere anwendungsgebiete (s. u. 2--8), wobei etwa die auffassungen 'chaotisch, wild, rüde, maszlos, monströs, schändlich', ferner 'ausschweifend, lasterhaft, frivol' hervortreten (die letztgenannten nehmen besonders in jüngerer zeit zu, s. 8 und 9 f und vgl. wüstling); daneben stehen, vermittelnd und abwandelnd, freiere verwendungen (s. u. 1; anwendungen auf personen in verschiedenem sinne sind unter 9 zusammengefaszt). hervorzuheben ist noch eine neuere tendenz der wortauffassung, die sich zuerst im zusammenhang der geniezeit und dann vor allem im jüngsten sprachgebrauch abzeichnet. wüst kennzeichnet hierbei, in der stellungnahme zwischen bewunderung und abscheu schwankend, das phänomen roh-enthemmter vitalität: wir sind freilich in der ganzen denkart unsres jahrhunderts zu weit von Oszian ab. mehr an eine kette raffinierter vorstellungen, leichter abstraktionen, angenehmer pensées und reflexionen gewöhnt, als an den rauhen schrei der leidenschaft, kühner hinwürfe einer starkgetrofnen einbildung, und einer wüsten, starken gestalt der seele -- haben sich bei uns in denkart, ausdruck und gestalt der sprache auch ganz andere seelenkräfte entwickelt (1772) HERDER 5, 324 S.; hierzu speziell in literaturhistorischem sinne: die nichtigkeit der sage von dieser wüsten genialität ..., die so viele Deutsche irre geführt und gleich der angewöhnung des trunkes ... ins verderben gestürzt hat SOLGER nachgel. schr. u. briefw. (1826) 2, 558; wenn unser leben der veredlung bedarf, um kunstsinn zu empfangen, so muss man gewiss nicht mit genrebildern in der kunst ... und wüster natur im leben beginnen GERVINUS gesch. d. dt. dicht. (1853) 5, 15; in einem kreise wüstgenialer gesellen ELSTER in: H. HEINE s. w. 7, 18. modern auf anderer ebene: nun konnte der durchbruch einsetzen, der wüste grade stosz durch die feindliche mitte und der marsch ins herz der einst mächtigsten kriegsmonarchie der erde A. ZWEIG einsetzung e. königs (1950) 168; er verspürt von neuem den unbändigen durst seiner ersten jugend nach grossen, wüsten abenteuern. Bd. 30, Sp. 2430 er träumt davon, mit den adlern des Nero nach dem fernen osten zu ziehen, oder auch nach dem westen FEUCHTWANGER d. falsche Nero (1947) 176; die welt, die völker sind alt und klug heute, die episch-heroische lebensstufe liegt für jedes von ihnen weit dahinten, der versuch, auf sie zurückzutreten, bedeutet wüste auflehnung gegen das gesetz der zeit, eine seelische unwahrheit, der krieg ist lüge TH. MANN ges. w. (1955) 12, 496. bezeichnend sind auch anwendungen auf eine enthemmttriebhafte gemütsverfassung: Diederich aber, in wüster selbstvergessenheit, hob die faust H. MANN d. untertan (1949) 338; geschah es, dass von Ertzum ... in einem anfall von schwerfälliger verzweiflung das fenster aufrisz und aufs geratewohl mit wüster stimme in den nebel hinausbrüllte: Unrat! ders., ausgew. w. 1, 404 Kant. ähnliches s. noch unter 4 c. 1) allgemein im umkreis der oben angegebenen auffassungen (manchmal von der bed. 'abscheulich' kaum unterschieden, s. B 2 u. 3): als wenn der abt die würffel tragt, die prueder spilen all hinnach zu lieb dem herren wüester sach OSWALD V. WOLKENSTEIN 118, 34 Schatz; wye dye arm haueloese Nuysser sych enthyelden myt wuester wer: langx dye muren vergadert wart manch vnflaet, et was weych off hart ... dat wart vergadert in vasser, wayll gemengt myt heyssen wasser (1476) CHRISTIAN WIERSTRAIT hist. d. beleegs van Nuys 2656 Meisen; cum hodie peragatur trinitatis festum, quamquam sit ein wust wort, velim nos habere melius. ursach haben darzu geben Arianer und Macedonianer (1528) LUTHER 27, 187 W.; (es) sey kein hausz, darinn es so wilde vnd wüste zugehe, als in Hiobs hause. in allen andern heusern gehets feiner, stiller, richtiger vnd glückseliger zu, denn in seinem hause. da fellt das feuwr vom himmel, vnd erschlecht jm alles viehe, da werden jm seine güter geraubt ..., da kompt ein sturmwind theatrum diab. (1569) 43b; dasz Maenas wüst vnd wildt hoch auff dem berge rufft, wirfft jhren tollen kopff, vnd schreyet in die lufft OPITZ teutsche poemata 204 ndr.; gemach legt auch die sprach ihr wüstes wesen ab, und wuchse schöner auf nach richtschnur, masz und stab BODMER vier krit. ged. 9 Baechtold; (mythologische anekdoten,) die statt des schönen, nach welchem er (Homer) sonst seine götter schaffet, ins wüste grosze gehen HERDER 3, 125 S.; denn wüste schrecken und ein traurig ende hat den rückkehrenden statt des triumphs ein feindlich aufgebrachter gott bereitet GÖTHE I 10, 38 W.; weil aber die drachen sich in den groszen höhlen und spalten ... einzunisten ... pflegten, auch viele derselben feuer spieen und manch anderes wüste begingen, so wurde dadurch den zwerglein gar grosze noth ... bereitet ebda 25, 1, 151; hier in Norddeutschland sind die leute ganz wie betrunken von seinen (Freiligraths) gedichten; schön sind sie auch, aber wüst (1839) A. V. DROSTE-HÜLSHOFF br. 1, 359 Schulte-K.; durch keine ordnung mehr geregelt, laufen die chemischen vorgänge in das wüste bild der fäulnisz zusammen LOTZE mikrokosmus (1856) 1, 57; die hütte wurde erbaut aus altem gebälk und brettern, aus rasen und steinen -- ein wüstes ding, selbst solang es noch neu war W. RAABE s. w. I 6, 217 K.; überfiel den jungen burschen die lust, auch seinerseits einmal den hals zu wagen; er streckte seine straffen arme aus und schüttelte die fäuste, ein wüstes feuer brach aus seinen augen STORM s. w. (1899) 5, 170; auf gutes glück der weltgunst überlassen, dem wüsten spiel auf vortheil und gefahr R. WAGNER ges. schr. u. dicht. (1897) 1, 8; Bd. 30, Sp. 2431 all die riesen sind nur zwerge, all die herrn nur arme knechte; ob sie gleich den frevel wollen, fördern müssen sie das rechte; dienen müssen sie der ordnung, ob sie gleich das wüste treiben FR. W. WEBER ges. dicht. (1922) 3, 184; dicht an den glanz der plätze fressen sich und wühlen die winkelgassen, wüst in sich verbissen STADLER d. aufbruch (1914) 67; da sie verzottelt, halb aufgeknöpft, mit zerlaufener schminke, wüst und heiser sich vor ihm abarbeitete H. MANN ausgew. w. 1, 531 K.; es sah ... in dieser hütte ziemlich scheuszlich aus, und der leichengeruch war wüst H. HESSE Narzisz (1953) 203; (er) jagte wüst unter den frauen und dem wild des landes FEUCHTWANGER d. falsche Nero (1947) 158; 'mierda!' sagte sie, und es war seltsam, das wüste fluchwort aus den langen, edelgeschwungenen lippen der dame herauskommen zu sehen ders., Goya (1951) 622. nur einmal belegt, aber vielleicht nicht ungebräuchlich ist die wendung: verschleget dich der windt ins weite meer der noth, so steht es wüst, vnd dann ist kein freund treu, ohn gott OPITZ teutsche poemata 77 ndr. 2) bei ausdrücken der unordnung, der regellosen zusammenballung (vgl. 2wust C) oder der zersplitterung steht wüst gewöhnlich als emphatisches beiwort, das unmasz der desorganisation andeutend: diese fu̔nff stuck hat er so wu̔st ynneynander gespeyet, das myrs sawr ist worden ynn solche ordnunge zu bringen (1525) LUTHER 18, 189 W.; denn wo solche ordnung nicht ist, da wirt kein reich noch regiment, sondern ein wild, wüst gemenge seyn theatrum diab. (1569) 56a; als ob die Lepontier wüst hin und wider zertheilt seyen, und kein an einandern stossende gelegenheit ... haben GULER V. WEINECK Raetia (1616) 4b; dasz die gantze ordnung nicht anders als ein unordentlicher wüst-dikker klumpf ist SCHOTTEL haubtspr. (1663) 67; (die darstellungsart) erregt in unserer einbildungskraft nur einen wüsten wirrwarr und läszt kaum ahnen, dasz jene einzelnheiten sich klar in eine wohlgedachte folge reihen würden GÖTHE I 49, 1, 285 W.; ein wüstes gerölle etruskischer und sabinischer, hellenischer und ... pelasgischer elemente MOMMSEN röm. gesch. 1 (1856) 43; wenn nicht die religiösen zustände ... von der wüsten zerfahrenheit dieser zeit ein treues spiegelbild böten ebda 2 (1889) 132; und dieses wüste conglomerat ... principloser verordnungen (preusz. landrecht) soll der bürger und bauer sich einprägen? JHERING geist d. röm. rechts (1852) 2, 2, 510; die unsaubersten wirthschaftsgeräthe, welche in wüstem durcheinander den raum ... verengten HOLTEI erz. schr. (1861) 3, 18; im wüsten knäul der reiterschlacht JUSTI Winckelmann (1866) 2, 1, 163; flüche, bitten, drohungen wüst durcheinander murmelnd verliesz sie das gemach HEYSE nov. 1 (1904) 68; in gröszerer tiefe schienen diese steine (der wolfsschlucht) lebendig; sie bewegten sich, krochen und rollten in schweren, wüsten massen dahin R. WAGNER ges. schr. u. dicht. (1897) 1, 208; was sie weltgeschichte nennen, ist ein wüstverworrner knäuel: list und trug, gewalt und schwäche, feigheit, dummheit, wahn und greuel F. W. WEBER ges. dicht. (1922) 3, 183; die (reliefs) des Schneggs sind bilder der raumklarheit; andere ... sind bilder fast wüsten körpergedränges PINDER kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 249. daneben kommt selbständiger gebrauch des sinnes 'chaotisch, wirr, regellos' vor (vgl. auch wüster kopf unter A 5 a): o wilch ein wildt, wust studirn und predigen solt ausz diszem mutwilligen figurirn folgen (1521) LUTHER 8, 348 W.; und was er sprach, obwohl ein wenig wüst, war nicht wie wahnsinn Shakespeare 3 (1798) 238; Bd. 30, Sp. 2432 litaneienfromme weisen, aber wahnsinnswüste worte; arme seelen sind es, welche pochen an des himmels pforte H. HEINE s. w. 1, 358 Elster; es fiel ihm zu, in der etwas wüst gewordenen bibliothek wieder ordnung zu schaffen FONTANE ges. w. (1908) I 1, 231. -- besonders auch (vgl. gelehrter wust, ein wust von gelehrsamkeit unter 2wust C 2 b γ): (Scaligers poetik) kann ... beweisen, dasz ein guter kopf auch durch die ungeheuerste und wüsteste gelehrsamkeit nicht stumpf wird SCHLOSSER weltgesch. (1844) 12, 469; er schüttet eine masse wüsten wissenskrams aus JUSTI Winckelmann (1866) 1, 405; auseinandersetzungen über die einzelnen buchstaben, eine ziemlich wüste gelehrsamkeit, mit der ich den leser nicht behelligen möchte DEHIO kunsthist. aufsätze (1914) 202. öfters von haar und bart, gern in zusammengesetzten formen: Megära reyzt die schlangen, die wüst-verwürrter weisz um jhren schädel hangen, ... zu scharpffen stichen an ROMPLER V. LÖWENHALT erstes geb. seiner reimgetichte (1647) 12; ein schwande hexedirn mit wüstzerzaustem haar auf jhrem gabelpferd eilt durch die luffte gar HARSDÖRFFER frauenz.-gesprächsp. (1641) 3, 348; jetzt da ihm alles diente, ... liesz er (Harald Schönhaar) sein wüstes, ungekämmtes haar schneiden DAHLMANN gesch. v. Dännemark (1840) 2, 83; ein schmutziges, freches gassenjungengesicht, umgeben von wüsten, verwilderten haaren W. RAABE s. w. I 6, 42 K.; sein graues gesicht mit wüstem bart und dünnen ärmlichen haaren H. HESSE Narzisz (1953) 217. 3) sehr häufig von zuständen und verhältnissen des öffentlichen lebens (oft durch zeit, welt, wesen bezeichnet) 'chaotisch, zügellos ausgeartet, von willkür und roheit beherrscht': ynn disser wüsten, grewlichen zeyt, so der teuffel durch seyne rottengeyster und mördische propheten anrichtet (1525) LUTHER 18, 336 W.; was thut der arm das gott erbarm in solchem wu̔sten wesen? weyl gott vnd recht man jm abschlegt wie kan er doch genesen? FORSTER fr. teutsche liedlein 185 ndr.; in dieser wüsten zeit LOGAU sinnged. 196 lit. ver.; in diser wüsten zeit ANGELUS SILESIUS cherub. wandersmann 82 ndr.; dieser wüsten welt Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 2, 176; in der befehdung wüstem alter habt ihr des volks kette gefügt! (1792) J. H. VOSS s. ged. (1802) 4, 214; indem ich schilderte, wie in wüsten zeiten der wohldenkende brave mann (Götz) allenfalls an die stelle des gesetzes und der ausübenden gewalt zu treten sich entschlieszt GÖTHE I 28, 142 W.; er könnt' nicht aussprechen, wie unsäglich lieb er sie haben thät und deszhalb fürchtete er, die wüste welt würde sich drein legen zwischen ihn und sein glück IMMERMANN Münchhausen 24, 115; in diesem trouble wüster und unnatürlicher verhältnisse DROYSEN gesch. Alexanders d. gr. (1833) 278; der blinde Magnus ward ... durchbohrt. der schlimme Sigurd sprang über bord, aber man zog ihn aus dem wasser und peinigte ihn fürchterlich zu tode ... in diesen wüsten tagen erschien, von Rom gesendet, der cardinal Nicolaus DAHLMANN gesch. v. Dännemark (1840) 2, 145; ich sehne mich unglaublich danach, mich wieder mit schönem zu beschäftigen, und so wird es auch andern gehen, denen das wüste und greuelvolle der vergangenheit das herz getrübt hat (1849) STIFTER briefw. 2 (1918) 12; er, der aus der welt dich führte in der klosterzelle schweigen, wollte in die welt, die wüste, erst den rechten weg dir zeigen F. W. WEBER ges. dicht. (1922) 3, 181; Bd. 30, Sp. 2433 gehegt und geboren in wüsten, verstörten zeiten, hat er ein recht labiles und reizbares nervensystem mitbekommen TH. MANN ges. w. (1955) 9, 676 (unordn. u. fr. leid). hierzu wüst zugehen: was solde vor ein lerm in der christenheit werden, wie wust wurde es zcugehen (1522) EGRANUS ungedr. pred. 84 Buchwald; in Beheim gieng es wüste zu, das Vladislaus selbst von sich verlauten liess: er wolte, das er dis vnglückliche vnd vnrühige königreich nie gesehen hette RÄTEL Curaei schles. chron. (1587) 206. 4) 'roh und heftig, gewalttätig, rüde, mutwillig, ungebärdig', von handlungen und verhaltensweisen (auch von ereignissen, durch die jmdm übel mitgespielt wird u. ä.). -- zur anwendung auf personen s. 9 d. a) in geläufigen verbindungen (wüster kopf s. unter A 5 a). α) wüst mit jmdm umgehen u. ä.: wie gott die tyrannen ... aus rottet und wüst mit yhn umbgehet LUTHER 31, 1, 214 W.; (der ritter hat) sie so wüst hingerichtet, dasz er sie alle beyde onmechtig auff den platz niderfallen gemacht Amadis 1, 400 Keller; wer mit beschwernüssen geplagt wird, von dem wird gesagt: man hat jhn wüst abgestrelet LEHMANN floril. polit. (1662) 1, 95. β) wüster schimpf: es ist eyn wüster schimpff für wor, mit dreck beschütten vor dem thor MURNER geuchmat 215 Fuchs; (er) ersahe den wüsten schimpff (miszhandlung des gefangenen kaisers durch die heiden) buch d. liebe (1587) 26b; auch der wüsteste schimpf trägt sich leichter, als die empfindung, für zu gering geachtet zu werden, einen schimpf antun zu können G. EBERS fr. bürgermeisterin (1924) 56. γ) wüster zank, streit usw.: wirt meins bedunkens ein wuster zenk werden (1522) V. D. PLANITZ berichte 132 Wülcker; barbarisches latein, und wörter ohn verstand, und wüstes schulgezänk erfüllen manches land anmuth. gelehrsamk. (1751) 7, 711 Gottsched; hatte es einen wüsten auftritt zwischen ihm und dem schüler Geyersbach gegeben SCHWEITZER Bach (1948) 93. δ) wüstes geschrei, wüster lärm: hilff gott, welch ein wild, wüst geplerr und geschrey hab ich damit angericht LUTHER 26, 531 W.; dasz ich ein wüstes geschrey hörete, da etliche rieffen, schlaget ihn tod BUCHOLTZ Herkules (1676) 1, 441b; dasz sie ... von dem wüsten lärm und dessen ursache vernommen hätten MÖRIKE ges. schr. (1905) 3, 82; die händler, die auf den gewaltigen, edeln rampen und treppen mit wüstem geschrei ihre waren feilboten FEUCHTWANGER d. füchse im weinberg (1954) 191. ε) wüste reden, verwünschungen u. ä.: gegen den sonstigen brauch im Sertorianischen hauptquartier ward das fest bald zum bacchanal; wüste reden flogen über den tisch und es schien, als wenn einige der gäste gelegenheit suchten, einen wortwechsel zu beginnen MOMMSEN röm. gesch. 3 (41866) 35; net, net, sagte der schäfer, nur net glei so wüst fluche A. SUPPER holunderduft (1910) 281; sprechchöre, wüste reden, skrupellose agitation, übelster dillettantismus FEUCHTWANGER geschw. Oppermann (1948) 42; wüste verwünschungen O. M. GRAF unruhe (1948) 131. ζ) wüste sitten: dann die lehr von den leuten hinweg nimpt alle grobe bäwrische, wüste sitten und wilde grawsamkeit LORICHIUS paedag. principum (1595) 32; wie ein umirrend räubervolk ... das in sein dumpfig enges schiff gepreszt im wüsten meer mit wüsten sitten haust SCHILLER 12, 88 G.; die wüsten sitten der gäste (adliger gastkrieger) begannen dem orden selber verderblich zu werden TREITSCHKE hist. u. polit. aufs. (1886) 2, 31. Bd. 30, Sp. 2434 η) wüste streiche, wüster unfug: doch übte ich auch einige gar wüste jugendstreiche aus J. V. VOSS gesch. m. liter. laufbahn (1808) 267; sammelte sich ein chor junger landstreicher (im schulchor), die ... die schule gar nicht besuchten und in stadt und land wüsten unfug trieben JUSTI Winckelmann (1866) 1, 21. b) allgemein: das auch die grossen fursten ... musten ... gedemütigt fur yhm werden ... da er so einen wüsten spaciergang unter yhn thet auff erden (zu Habakuk 3, 6) LUTHER 19, 429 W.; sy gibt jm manchen wu̔sten knüll (1550) schweizer. schausp. d. 16. jhs. 2, 119 Bächtold; hett ich die metten verschlaffen, so hette uns alle das fewer wu̔st auffgeweckt FABRI eigentl. beschr. (1557) 207a; mit gold und gelt ..., welchs den vient ee überwindt und wu̔st verwundet dann die waffen TSCHUDI chron. Helvet. (1734) 1, 294; nicht des satans wüstes schrecken ... kan jhm eine furcht erwecken bei FISCHER-TÜMPEL evang. kirchenlied 3, 124; ihr (fürsten) kämpft, und siegt, und triumphiret. der feinde wuth und wüste raserey hat eure groszmuth nicht gerühret. euch dankt das frohe Lutherthum GOTTSCHED ged. (1751) 1, 296; er hat schon wüste püffe gekriegt MALER MÜLLER Fausts leben 33, 3 Seuffert; brach auch über dies land die wüste willkür des Bonapartismus herein TREITSCHKE dt. gesch. im 19. jh. (1897) 1, 361; sie zogen ins wirthshaus und lieszen dort den (vorgeblich) vom geistlichen herrn erschlagenen so lange hochleben, bis ein trupp bauernbursche dem wüsten treiben des gesindels ein ende zu machen suchte M. V. EBNER-ESCHENBACH ges. schr. (1893) 5, 6; sie hatte geglaubt, die sieger würden sich durch harte, grausame gesichter und wüstes gewese von den einwohnern unterscheiden FEUCHTWANGER Simone (1950) 181. c) modern besonders von schrankenloser, enthemmter willkür: sie stiessen ihn durch die schreiende, wüst auf ihn einhauende gasse der ... SA-männer O. M. GRAF unruhe (1948) 437; (er) war in der ersten siegesfreude gegen persönliche feinde und konkurrenten wüst vorgegangen FEUCHTWANGER d. falsche Nero (1947) 182. 5) von unwettern und aufgewühlter see. wüstes wetter: lieben brüder ... wa kumen ir her in dem wüsten wetter? PAULI schimpf u. ernst 355 Öst.; warumb er lachet, wans wüst wetter wer, und wainet, wann die sunn schinn MONTANUS schwankb. 259, 11 Bolte; leider aber musz ich noch einmal von der wüsten witterung sprechen GÖTHE an Zelter in: briefw. 5, 100 Riemer; am allerschönsten tage, der, ob es gleich wüst wetter ist, doch diesen namen trage MÖRIKE w. 21, 274 Maync; es war ... ein gar wüstes wetter STORM s. w. (1900) 5, 37; er ... wanderte bei jedem wetter, ja, beim wüsten am liebsten P. SCHUREK begegn. m. Barlach (1960) 55. entsprechend: puh! puh! windicht und regnigt -- ... puh! eine wüste nacht MALER MÜLLER Fausts leben 92, 11 Seuffert; in einer so regnichten wüsten nacht läszt unser herrgott meine arme seele nicht scheiden HOLTEI erz. schr. (1861) 10, 155; schon dunkelt die wüste regennacht SCHNECKENBURGER dt. lieder (1870) 52. -- besonders auch: die nacht brach ein, ... es pfiff ein wüster wind GÖTHE I 33, 61 W.; diese vierzehn trübverhüllten ersten tage des septembers, wo die wüsten winde brüllten wie zu ende des novembers RÜCKERT ges. ged. (1837) 5, 51; Bd. 30, Sp. 2435 dann hatte man (während d. seefahrt) einen wüsten sturm gehabt FEUCHTWANGER d. füchse im weinberg (1954) 769. zum folgenden vgl. wüstes meer unter A 1 b β: die cherubim und seraphim stuhnden auf dem himmlischen boden, und sahen von dem rande den ungeheuren ... abgrund, stürmisch wie ein meer, finster, wüst und wild BODMER abhandl. v. d. wunderbaren (1740) 165; wie wüst dort im nordwest das meer am horizonte aufsteigt STORM s. w. (1900) 3, 134; dat water is so wö̂st, dat d'r hâst gên schip faren kan DOORNKAAT KOOLMAN ostfries. 3, 572. 6) als intensivierendes beiwort steht wüst teils blosz verstärkend, teils in den stark aktionalen auffassungen 'ungestüm, tobend, hemmungslos'. (intensivierende funktion kommt auch sonst vor, vgl. besonders 2 und 4). a) 'heftig, sehr, maszlos', wie verstärkendes schrecklich und ähnliche wörter: opinio de te multum me fefellit du hast mir wu̔st gefa̔lt, du hast mich vast betrogen FRISIUS dict. (1556) 920b. teilweise an 4 b anknüpfend (vgl. d. wüste püffe usw.), in adv. gebrauch (z. b. wüst besudelt) auch an B. die bedeutung ist in der jüngeren schriftsprache ungebräuchlich, aber mundartlich bewahrt, z. b. wüst 'sehr, stark' FISCHER schwäb. 6, 1012; luxemb. ma. 485a (weischt); SCHÖN Saarbr. 232b; des ist wuost fin BÜHLER Davos 1, 309; et is woüste kalt BAUER-COLLITZ Waldeck 114b; auch 'klobig, mächtig, übergrosz', düsse weusten tüffelken (kartoffeln) smecket nix BÖNING Oldenburg 134: dar uff (auf e. gesunkenen schiff) sig fast fill verlorenn haind, die Welsser 60 sak piper ... und Rechlinge in al 26 seck, sind fuir war wyest schlappenn bei K. KRIEGER die spr. d. Ravensburger kaufleute um die wende d. 15. u. 16. jhs. 59; wie wu̔st jrret der, desz grundt mossig (sumpfig) ist PARACELSUS opera 1, 33A Huser; ach mein hertzliebe junckfraw Breid, wie goht es zů, dasz euch die leüt so wol gemeinen, zvor die knaben ein wu̔sten willen zu euch haben? WICKRAM w. 4, 73 lit. ver.; der grind ist mir gar wu̔st zerschnitten (1548) H. R. MANUEL weinspiel v. 2879 ndr.; der selbig (sohn) im auch ein wu̔st loch in seckel macht und die roten pfenning dapffer ausser bliess MONTANUS schwankb. 273, 1 Bolte; ich seufftz nach jr gantz wu̔st vnd toll FISCHART Garg. 214 ndr.; als er (d. hölzerne Johannesbild) anfieng brinnen, gab es wiest grosz blattren, namlich die öllfarben (1612) TH. PLATTER tageb. 37 Boos; Fratz liget (trunken) under diser banck, an leib vnd seel sehr wüst besudlet WECKHERLIN ged. 1, 517 Fischer; da musz mich einer noch wüst drängen, bis ich ja sag MALER MÜLLER Fausts leben 77, 15 Seuffert. redensartlich (i. s. v. 'schrecklich, sehr'): sie ist für kretzig dar vnnd rüdig wider dannen, sie ist vast wiest uszgeschlagen, aber nüt geheyledt ein klegl. botschafft d. bapst zu Romen betr. (1528) A 4a; wann sie schon stürben, führen sie doch inns fegfeurloch, da man wüst auszschlägt, aber vbel heylt: vnd fährt man krätzig drein, so fährt man wider räudig herausz FISCHART binenkorb (1581) 242b. jünger auch von schmerz und hunger: der kleine erzählte von dem wüsten kopfschmerz, von der übligkeit ARNIM s. w. 1 (1853) 95; der dämon, welcher in mir ... war, suchte in seinem wüsten hunger nach seinesgleichen W. RAABE hungerpastor (1864) 3, 230; seine kopfschmerzen werden immer wüster H. W. SEIDEL Krüsemann (1935) 130. b) ungestüm, von hemmungsloser wildheit, tobend. α) hauptsächlich von bewegungsvorgängen: in weinländern würd das bauchgerümpel mit einer wüsten influentz den durchbruch bringen FISCHART praktik 5 ndr.; Bd. 30, Sp. 2436 und da Araxes läufft, da seine ströme sausen, hartneckicht, brückelosz, mit wüstem sturm und brausen OPITZ teutsche poemata 180 ndr.; hat man den galgen, dicht am meer, in wüster eile aufgezimmert A. V. DROSTE-HÜLSHOFF ges. schr. (1878) 1, 321; der wüste ritt, entschwundene gefahr liesz doppelt noch den augenblick empfinden ebda 2, 110; und mit zornig wüsten schlägen schlug er, dasz der ambosz stöhnte FR. W. WEBER Dreizehnlinden (1907) 143. β) auf begebenheiten von auszergewöhnlicher heftigkeit angewendet: in den augenblicken solchen wüsten geschickes erstarrt meistens der zuschauer, und dem, den es trifft, ist es eine wohlthat, dasz ihn die sinne verlassen GÖTHE I 51, 99 W.; von der wilden wüsten gefahr angezogen, wie von dem blick einer klapperschlange, stürzte man sich unberufen in die tödtlichen räume (beschossene schanze) ebda 33, 297 W.; (ich) habe gekämpft mit krankem gemüth das wüste gefecht der zeit STRACHWITZ ged. (1850) 208; wir wollen nur wünschen ..., dasz die ... warnung ihre wirkung tut und uns vor ... einem wüsten bandenkriege bewahrt amtl. kr.-dep. (14. 8. 1914). γ) von heftiger bewegung in einer menschenmenge: eine ungeschlachte, von allen interessen und allen leidenschaften wüst bewegte masse (die röm. volksversammlung) MOMMSEN röm. gesch. 2 (61874) 94; ein alter schulmeister, dessen klasse in wüstes toben verfallen ist H. MANN ausgew. w. 1, 597 Kant.; herr ober! --ein wüster betrieb ist das hier heute abend KEUN mitternacht (1956) 6. c) in jüngster sprache 'jedes masz überschreitend, hemmungslos', von bestimmten handlungen und verhaltensweisen: Fink denkt zu grosz ..., als dasz ihn die wüsten speculationen erfreuen könnten, welche dort drüben nur zu gewöhnlich sind G. FREYTAG ges. w. 4 (1887) 550; den wüsten reformgelüsten der schulmeister endlich einen riegel vorzuschieben W. SCHERER kl. schr. (1893) 1, 436; in den schmutzigen, wüst überheizten stuben MEINECKE Boyen (1896) 1, 59; ein wüster querulant ebda 2, 82; (sie) hatte einen bayerischen grafen aus wüsten schulden gerissen RENN adel im untergang (1947) 325. 7) 'monströs, greulich, abwegig und verworren'. seit dem 18. jh. geläufig; älter in diesem sinne ist wüster greuel (vgl. greuel der verwüstung Daniel 9, 27 und greuel A 5, teil 4, 1, 6, sp. 215): aber das bapstum hat einerley heubt und dennoch mancherley und nicht einerley leib, das mag mir ein wüster grewel sein LUTHER 26, 603 W. a) von ungeheuern: hier flog ein wüster schwarm gefrässiger harpyen poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 7 Weichmann; den riesen Polyphem, Charybdens strudelmund, der menschenfresser grimm, und Scyllens wüsten schlund GOTTSCHED crit. dichtkunst (1751) 27; voran! -- schaut nicht die klippe hier fast wie ein formlos wüstes thier? A. V. DROSTE-HÜLSHOFF ges. schr. (1878) 2, 71; ausgestopfte krokodile und wüste seetiere, tiger und hyänen (1847) G. KELLER br. u. tageb. 2, 149 Ermat.; wie er rang mit einer wüsten wurmgestalt auf tod und leben FR. W. WEBER Dreizehnlinden (1907) 263; aus bangen kindergeschichten grinste das wüste korngespenst empor WATZLIK d. alp (1923) 34. b) wüster traum, wüst träumen (seit dem 19. jh. sehr sprachüblich): einst hatt ich einen wüsten traum GÖTHE I 14, 208 W.; in der nacht tolle, wüste traumbilder. unter anderem sollte der Wesselburner thurm wie ein luftballon in die höhe fliegen, er war gefüllt und der dampf quoll rings um ihn her hervor (1847) HEBBEL tageb. (1903) 3, 162; Bd. 30, Sp. 2437 auf sich rüttelnd aus wüster träumereien graus A. V. DROSTE-HÜLSHOFF ges. schr. (1878) 2, 40; als er endlich einschlief, träumte er wüst von dunklen gängen, schatzfässern und burggeistern KARL BRÖGER ferienmühle (1936) 66; wüste träume suchten ihn heim FEUCHTWANGER d. falsche Nero (1951) 214. entsprechend: denn meiner sehnsucht bild, nun wars gekommen, doch wüst verzerrt, ein gräuel anzusehen GEIBEL ges. w. (1883) 3, 37; vermag ich keine feste erinnerung an meinen vater zu gewinnen; ich musz mich mit dem wüsten schreckbild begnügen, das mein verstand vergebens zu fassen sucht STORM s. w. (1900) 5, 164; ein wüstes gesicht wirrt mir wüthend den sinn R. WAGNER ges. schr. u. dicht. (1897) 6, 181. c) in ähnlichem sinne auch von exzessen der glaubens- und geisteshaltung: man erinnere sich der signatur der dinge, der chiromantie, der punctirkunst, selbst des höllenzwangs; alle dieses unwesen nimmt seinen wüsten schein von der klarsten aller wissenschaften (d. mathematik) GÖTHE II 3, 159 W.; die religion, die bei den Tuskern einen trüben phantastischen charakter trägt und ... (in) wüsten und grausamen anschauungen und gebräuchen sich gefällt MOMMSEN röm. gesch. 1 (1856) 108; die ernüchterung nach dem wüsten rausch des barockstils JUSTI Winckelmann (1866) 1, 352. 8) 'zügellos, ausschweifend, lasterhaft, frivol' (gleichartige anwendungen auf personen s. unter 9 f). a) wüstes leben u. ä. verbindungen (vgl. hierzu HEINRICH VON BERINGEN unter wüster 2): vnd besorgst deines kindts, es mocht gebrechligkeit halben keuschheit nicht halten oder sonst in ein wüst leben gerathen LUTHER tischr. 5, 375 W.; dasz wir auch dem fressen und sauffen, huren und buben und sonst allerhand leichtfertigkeiten oblagen, bey welchem wilden und wüsten leben ich ... allerdings meiner selbst vergasse GRIMMELSHAUSEN 2, 659 Keller; sonst war die sucht sehr allgemein, nach wüstem leben sein gut den klöstern zu vermachen KÖRTE sprichw. (1837) 340; dasz der schlimme ruf einer wüsten jugend ihm seine bahn erschwere, muszte er jetzt öffentlich erfahren DAHLMANN gesch. d. frz. revol. (1845) 245; das bild einer wüsten vergangenheit war Lucinden schon lange an Klingsohr nicht fremd GUTZKOW zauberer v. Rom (1858) 1, 163; es brachte sie zur verzweiflung, von dem wüsten leben ihrer männlichen kollegen zu hören KAHLENBERG Eva Sehring (1901) 84. b) wüstes laster (wohl mehr im sinne von B 3 'unflätig' zu verstehen, vgl. auch 2wust B 3): wider dises säwisch vnd wüst laster (d. trunkenheit) AMBACH v. zusauffen (1544) A 2b; das unglückliche Teütschland ..., eine khotpfütz der wüstesten laster ROMPLER V. LÖWENHALT erst. gebüsch s. reimgetichte (1647) 00 2b; der schreiber diesz musz sich doch wahrlich manchem groben wüsten laster ergeben haben BRÄKER s. schr. (1789) 2, 250. c) jünger oft neben ausdrücken der schwelgerei: so wenig ... als es sonst mit Mozarts ganzem wesen ... stimmt, dasz er einer wüsten völlerei fähig gewesen sei O. JAHN Mozart (1856) 3, 244; der tanz artete in ein wüstes gelage aus HOLTEI erz. schr. (1861) 5, 65; bischöfe, stiftsgeistliche und alte mönchsorden sind ... in wüstes schwelgen, in rohheit und unwissenheit zurückgefallen G. FREYTAG ges. w. 18 (1888) 111; ein wüstes gelage kam in schwang WERFEL abituriententag (1928) 165. d) im engeren sinne 'unsittlich, ruchlos-frivol': überdiesz geht (in den engl. komödien) ein wildes und unsittliches, gemein wüstes wesen ... so entschieden durch, dasz es schwer sein möchte, dem plan und den charakteren alle ihre unarten zu benehmen GÖTHE I 28, 195 W.; das mädchen, dem du nachstellst, wüsten sinns, lasz frei! GRILLPARZER s. w. 9, 21 Sauer; Bd. 30, Sp. 2438 auch das tuch, das sie (Hekuba) über den kopf gelegt trägt, hat etwas wüstes, gemeines WELCKER alte denkm. (1849) 5, 89; jenes mädchen aus Eimeo ..., dem sie offizierskleider angezogen hatten und das ... von den eingebornen in einer wüsten pantomime verspottet wurde INA SEIDEL labyrinth (1922) 140. 9) wüst in anwendungen auf personen und auf unmittelbare wesensäuszerungen des menschen, wie rede, gesinnung und physiognomie. a) im frühnhd. findet sich vereinzelt: vagus (vel vagabundus) wust vel wankelmodig, eyn wust mensche (15. jh.) DIEFENBACH gl. 605b. diese glosse ist wohl im sinne von 'unbehaust, heimatlos' zu bedeutung A zu stellen, vgl. mnl. woeste ballinc (= banneling), woestballinc 'exul' VERWIJS-VERDAM 9, 2749 u. 2747 (dazu woesten, verwoesten 'in exilium agere' ebda 2751). b) allgemein 'schändlich, schlecht, ruchlos': gît ein phleger nit den kinden ir nôtdurft ... der ist ... arcwænic. unde ist, daz er ze einem wüesten manne wirt unde sîn selbes guot ze unrehte an grîfet, der ist aber arcwænic landrecht d. Schwabensp. 55, 11 Wackern. (hier 'verschwenderisch'? LEXER mhd. wb. 3, 982, vgl. wüsten 4 und wüster 2); etleich lewt die sind so wüst das sy irew chind vast chlagent. o wye chrannck synn sy tragent! hat hie das chind die sel auffgeben, got gibt im dort das ewig leben HEINRICH DER TEICHNER 692, 22 Niewöhner; darnach erdacht ain anderer wüster bub unnd böser knabe (ein eseltreiber) ain grosses übel über mich (d. esel) NICLAS V. WYLE translat. 269 Keller; nun war ein wild, wüst kind vnter jnen gewesen, der hatte gesagt: wenn einer were, der jm eine gute zech weins schenckte, wolte er jm darfür seine seele verkäuffen LUTHER tischr. (1576) 439a; drei spiese müsen ihm (Absalom) das rasent herz zerstükken, eh er am baum erstirbt. man reisst ihn von dem ast und wirft ihn in ein loch; man däkt den wüsten gast gehäuft mit steinen zu ROMPLER V. LÖWENHALT erstes gebüsch seiner reimgetichte (1647) 19; und ob ich gleich keine übelthat begieng, dadurch ich das leben verwürckt hätte, so war ich jedoch so ruchlos, dasz man (auszer den zauberern und Sodomiten) kaum einen wüstern menschen antreffen mögen GRIMMELSHAUSEN Simpl. 324 Scholte; ich hatte an meinen beiden söhnen ... keine freude mehr erlebt, sie waren wüst und ohne sitten, sie verachteten so eltern wie religion TIECK schr. (1828) 4, 182. -- obd. noch in volkstümlicher ausdrucksweise sehr geläufig: du muszt doch nicht glauben, dasz wir so wüste leute wären, ein schlechtes jahr den pächter allein tragen zu lassen GOTTHELF Uli d. knecht (1846) 315; du bist eine ausdenkte, hintertriebene, du bist eine grausame und wüste P. DÖRFLER d. notwender (1934) 96. dazu wüst tun, reden sich unanständig aufführen, reden, einem wüst sagen einen mit schmähungen überhäufen H. STICKELBERGER schweizerdeutsch u. reines hochdeutsch (1914) 70; FISCHER schwäb. 6, 1011: wüste leute thun wüst J. GOTTHELF Uli d. pächter (1850) 335; ja, ja, helfen können sie nicht, aber wüst sagen wohl ders., schuldenbauer (1854) 321. auch vom wetter (vgl. 5): nicht wahr, so eine neugewaschene landschaft ist doch schön? ... aber ... drauszen im thal thut es noch wüst PICHLER allerlei gesch. a. Tirol (51901) 1, 32. öfters wüstes gesinde: welch ein wüst gesinde ynn der welt ist LUTHER 30, 3, 227 W.; wüst und gottlosz gesinde KIRCHHOF wendunmuth 1, 72 Öst.; ein wüst gesinde ERLACH volkslieder d. Deutschen (1834) 1, 336. -- wüster sünder: das euangelium ist nicht eine predigt für grobe rohe wüste sünder LUTHER 16, 232 W.; ein raucher vnd wüster sündensack LEHMANN floril. polit. (1662) 1, 427. Bd. 30, Sp. 2439 im sinne von 'schändlich, ruchlos' auch wüstes maul: zu wyt vff thůn syn wiests mul (1515) MURNER die mühle v. 1197 Beberm.; so wahr der Styx noch brennt, den auch ein wüstes maul mit furcht und zittern nennt GOTTSCHED schaubühne (1740) 4, 200; leutchen, macht, dasz ihr nicht in wüste (schändliche) mäuler kommt LAUKHARD leben u. schicks. (1792) 56. -- wüstes herz (vgl. A 4 b): eyn weyb wie ein hu̔re zubereyt, die ein vorstoret wust hertz hatt (1521) LUTHER 8, 147 W.; wer ein wüst maul hat, der hat ein wüst hertz LEHMANN floril. polit. (1662) 2, 718. -- wüste hand: ist ... einem, der desz kaysers bildnusz ... mit der wüsten hand verunehret, das leben abgesprochen worden MOSCHEROSCH insomnis cura par. 77 ndr. c) häufig als schmähwort, wobei im frühnhd. meist bed. B 'dreckig, abscheulich' zugrunde liegt: gee an den galgen, du wüste suw STEINHÖWEL Äsop 44 lit. ver.; du alter grawer wu̔ster tropff GENGENBACH 143 Goedeke; du wilder wüster ziegenbart CHR. REUTER Harlequin 51 ndr.; ah du wüste fliege (schilt der vater die tochter) ENGEL apotheke (1772) 28; du sollst fühlen, du wüster tropf (ein gewalttätiger vogt), dasz hiebe weh thun G. FREYTAG ges. w. 11 (1887) 123 (s. d. folg.). d) 'wild, roh, brutal' (dem gebrauch unter 4 entsprechend): doch was er (d. ritter) gar ein wuster man, gen got er selten rewe gewan vmb rauben vnd vmb prennen, vmb kirchen prechen vnd vmb rennen altdt. erz. 70, 13 Keller; und chamen mit grossen vorchten in die insel Cippern, wann ein wuester mer rauber ... was uns gar nachent (1346) bei RÖHRICHT pilgerreisen (1880) 50; ein wüster trupp folgt nach und drängt bis an die pforten, die wachen sind zu schwach, es sind nur drey cohorten slg. v. schausp. (1764) 12, 73; ward dieser von einem wüsten haufen ... angefallen und erschlagen MOMMSEN röm. gesch. 2 (1889) 201; dieser Maximilian Robespierre entpuppte sich als wüsterer despot denn jemals ein französischer könig FEUCHTWANGER narrenweisheit (1953) 363. e) 'ungehobelt, plump, unmanierlich': sie (Venus) auch niemandts verschmahen ist, er sy arm, rych zů aller fryst, krumm, lam, kropffecht, vngestalt, die wu̔sten buren iung vnd alt GENGENBACH 120 Gödeke; das gemeine böfel ist im essen gleich wie wandel grob vnd wu̔st, brauchen nicht fast lo̔ffel SCHWEIGGER reyszbeschr. (1619) 270; sind wüste kerl', die bauern, die geben stank für dank! MÖRIKE ges. schr. (1905) 1, 241 Göschen. f) zügellos, unsittlich, ausschweifend, lasterhaft (wie unter 8): und kurtz ein urteil lassen gan uber den wüsten frawenschender HANS SACHS 8, 115 lit. ver.; denn du bist selbst ein wüster mensch gewesen, so sinnlich wie nur je des thieres trieb Shakespeare 4 (1799) 211; der sogenannte 'raugraf' war ein ebenso schöner als wüster junger mann STORM s. w. (1900) 2, 128; seine leidenschaft fürs spiel, seine liebesabenteuer und ehrenhändel hatten ihm den beinamen der 'wüste Kriebow' eingetragen POLENZ Grabenhäger (1898) 1, 218; dieser junge herr (Voltaire), der jahre hindurch als einer der wüstesten lebemänner von Paris gegolten hatte FEUCHTWANGER d. füchse im weinberg (1954) 532. g) vom gesichtsausdruck in verschiedenem sinne (die züge verzehrender leidenschaftlichkeit oder roher verkommenheit kennzeichnend): da trat ein hoher schlanker ritter ... in das zelt herein. sein blick aus tiefen augenhöhlen war irre flammend, das gesicht schön, aber blass und wüst EICHENDORFF s. w. (1864) 3, 115; Bd. 30, Sp. 2440 wer ist der pilger bleich und wüst, vor dem papste kniet er nieder? H. HEINE s. w. 1, 247 Elster (Tannhäuser); ich wollt', ich säsze in nächt'ger stund' bei wildem, stürmischem trinkgelag', rings der genossen wüstbleiche rund', schaut keiner mehr den morgigen tag H. BEER dichtungen (1853) 70; zweideutige gesellen ..., fahrende strolche und wüste gesichter G. FREYTAG ges. w. (1886) 18, 145; die gestalt des maurers Mattern. ein versoffenes, wüstes gesicht, rote, struppige haare GERHART HAUPTMANN dramen (1956) 2, 179. -- von rede und stimme: und lastete ein mord auf ihrem gewissen, sie könnten nicht wüster, nicht verzweifelter sprechen HOLTEI erz. schr. (1861) 2, 9; die stimme, womit diese worte gesprochen wurden, klang so wüst und fremd STORM s. w. (1900) 6, 54. |
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ableitung zu 2wüst, adj. (s. d.). ahd. wuostî und wuostinna, mhd. wüeste, as. wôsti, afries. wôste, ae. wéste (bis ca. 1200). in nhd. wüste sind zwei getrennte bildungen aufgegangen, das ahd. adjektivabstrakt wuostî und das mit einem suffix -innjô, -unnjô gebildete ahd. *wuostin(na), g. sg. wuostinna, des Tatian und des OTFRID (bei letzterem neben wuasti II 12, 64), s. dazu BRAUNE ahd. gr. § 211 anm. 3; SCHATZ ahd. gr. § 337; GUTMACHER in: PBB 39, 259 f.; zur letztgenannten bildung stellen sich as. wôstin(nia), -stun(nia), afries. wôstene, wêstene, ae. wésten. sie läszt sich bis tief ins nhd. durchverfolgen: mhd. frühnhd. wüestinne, wüstene (wozu die ableitungen wüstenei [s. d.] und wüstenung [s. d.]) neben mhd. frühnhd. wüestin, wüstin, wüsten. da im nhd. ein wüsten im n. sg. nur selten und nur bis ins frühe 18. jh., in den obliquen kasus dagegen häufig und noch bis zu hundert jahren später belegt ist, liegt es nahe, diese letzteren, im 16. und 17. jh. plötzlich stark vordringenden formen, mindestens in den jüngeren fällen, nicht mehr als fortsetzung des ahd. wuostin(na), sondern als ein schw. flektiertes wüste aufzufassen. LUTHER bevorzugt in allen kasus wüsten, wusten bei weitem, kennt aber auch wüste, z. b. 3. Mose 16, 10; Jes. 43, 19; Jer. 2, 31; wust w. 10, 1, 1, 551 W.; d. sg. wüsten noch LESSING 1, 136 L.-M. (jüngere var.: wüste); SCHILLER 12, 36 G.; GÖTHE (ca. 1800) I 44, 11 W.; (1816) IV 27, 235; (1819) III 7, 40 (doch überwiegen bei GÖTHE die wüste-formen); RÜCKERT ges. ged. 3 (1837) 363; a. sg. wüsten (1797) GÖTHE IV 12, 86 W. -- formen ohne umlautsbezeichnung im mhd. und bis ins 16. jh. nicht selten, undiphthongiertes wuste, woste bes. md. und nd.; mit verbreiterung des stammauslauts: wu̔schtin d. heyl. leben summerteil (1472) L 3c, mit nasalierung: wünste (ca. 1520) bei RÖHRICHT pilgerreisen (1880) 369, mit gutturalisierung: wuchste märterbuch 14 344 Gierach (hs. österr. anf. 15. jh.); 18 743; wuchst 14 454; wüchste 21 773; wüegst Seifrits Alexander 7612 Gereke (hs. bair. 15. jh.); wuechste bei SCHMELLER-FR. bayer. 2, 842; wůchst legend. d. heil. vaters Francisci (1512) G 5b; s. auch o. sp. 2418. Bd. 30, Sp. 2441 A. in eigentlichem gebrauch für örtlichkeiten, landstriche, räume verschiedenster art und variabler eigenschaften, deren gemeinsames merkmal die unbewohntheit und die unbebautheit, keineswegs aber notwendig auch die vegetationslosigkeit ist; zu 2wüst, adj. (s. d. A). in ältester verwendung bibelsprachlich (s. u. 4); in frühen bibelglossen für desertum: in desertis in uuastim (8. jh.) ahd. gl. 1, 730, 3 St.-S.; in deserto in uuosti (Pa) 1, 190, 10; deserta uuosti siue aodi (R) 1, 105, 37; für solitudo: uaste (l. vasta) solitudine dero uuitun uuuasti (8./9. jh.) 1, 363, 36; für vastitas: vuoasti (11. jh.) 1, 467, 24. in späteren glossaren für desertum DIEFENBACH gl. 176a, heremus ebda 275c; n. gl. 202a, vastitas gl. 607c, anachoresis ebda 32c, solitudo ebda 541b; n. gl. 342b. 1) in der anwendung auf bestimmte konkrete landschaftsformen, die freilich mit dem wort wüste nur charakterisiert, nicht prägnant benannt werden. vor allem in älterer sprache, und hier der durch die heimischen gegebenheiten geprägten vorstellung gemäsz. a) besonders für den wald (urwald), s. auch die OTFRID- stellen unter 4 c: nu si zem walde kamen hin, ... Brangæne wolte erbeizet sin. nu vuorten si si baz hin in in die wüeste und in die wilde. nu si von dem gevilde verre hin in kamen GOTTFRIED V. STRASZBURG Tristan 12 769 R.; do ensah noh enhort er nieman in dem vinstern walde, denn den morder im na gende. do gedaht er: ... schrigst du denn, daz ho̔ret nieman in diser wu̔sti SEUSE dt. schr. 79 Bihlm.; wie wird ewer leip vnd hertze erleyden mugen, sich alleine jn der wustinne zů finden lassen (einem dichten wald) (1527) WARBECK Magelone 43, 33 Bolte. vereinzelt prägnanter anwendung nahe: der Schweitzer wüstine mit dem Bregentinischen waldt, seind yetz der erst theyl des Schwartzwalds SEB. FRANCK weltb. (1542) 31b; vgl. 28a; einzelne teile dieses urwaldes werden in ihren damaligen benennungen speziell hervorgehoben: der Schwarzwald als Marciana silva, die 'Bojerwüste' nördlich vom Bodensee, die 'helvetische wüste', wahrscheinlich nichts anderes als die bewaldeten höhen im nördlichen Württemberg WIMMER gesch. d. dt. bodens (1905) 5. älter in stehender, wohl synonymer verbindung wald und wüste: (die insel) nun eytel walt und wüste ist und vol alter gemeüer ARIGO decameron 91 lit. ver.; vgl. 93; Livius achtet Germanien für ein gantzen wald vnnd wüste STUMPF Schweizerchron. (1606) 55b. die alliterierende verbindung ist langlebig, scheint aber in jüngerem gebrauch wüste, etwa im sinne von 2 b α, von wald durchaus zu unterscheiden: (Orpheus) habe die vnbendigen thiere sampt bergen, wüsten vnd wäldern mit seinem gesang beweget OPITZ teutsche poemata 6 ndr.; wie er (Bonifatius) durch wald und wüste zieht, ... und nichts erblickt als ungeheure bäume und ödes gefild SCHERER lit.-gesch. 745. b) seltener für andere konkret bestimmbare landschaftsformen, denen die für 2 a und b typischen eigenschaften zukommen: in (den jungen Hagen) und die juncvrouwen muote daz harte sêre, daz si in der wüeste solten belîben immer mêre (auf einer unbewohnten insel) Kudrun 106, 4 M.; vgl. 167, 1; bey eine schwartze höhl, vnd zwischen felsz vnd stein ... als sie sich nun allein, in dieser wüste, schawet DIETRICH V. D. WERDER ras. Roland (1636) 8. ges., 38. str.; gar oft kein gebahnter weg, man fuhr (in der kutsche) bald hüben, bald drüben ... heidegebüsch und gesträuche, wurzelstumpfen, sand, moor und binsen ... hier aber in dieser wüste ... GÖTHE I 33, 246 W. 2) meist in umriszloserer, von wechselnden merkmalen bestimmter vorstellung. a) unter dem vorherrschenden gesichtspunkt des unbewohnten und unbesiedelten, bis in jungen gebrauch möglich, aber ohne scharfe grenze zu b. Bd. 30, Sp. 2442 α) allgemein jede menschenleere, einsame, öde gegend: wenn man spricht ein wüste, solt du nit verston ein wůst oder ein vnrein ort, du solt verston ein ort, da nieman in wont, oder ein stat die verlassen ist, einöd KEISERSBERG brösaml. (1517) 2, 89a; schau, wie das wenigste der erden und engste pflegt bewohnt zu werden, wie in den flecken, wo ihr seyd, so grosze wüsten eingestreut (vastas solitudines interiectas) TRILLER poet. betracht. (1750) 1, 462. im vergleich: (der psalmist) vergleicht sich den eynsamen vogeln ... darumb, das er verlassen wird und verachtet ... darumb so ist sein leben gleich wie eine wůsten und eine nacht LUTHER 18, 510 W. hier oft synonym mit (ein)öde: wüste oder einöde desertum, eremus, solitudo MAALER teutsch spraach (1561) 506b; (die rinder in Mähren) nit füglicher können geweidet werden, dann in einoden oder wüsten RÄTEL Curaei chron. (1607) 4. teil,)(4b; Hawai, welche inseln zu jener zeit eine ungeheure öde und wüste ... waren RATZEL völkerk. (1885) 2, 316. eine gelegentliche scheidung beider begriffe dürfte zu keiner zeit mehr als theoretische geltung gehabt haben, vgl. EBERHARD synonymik (1795) 2, 103: die länder sind entweder bewohnt, oder nicht. ist letzteres, so heiszen sie wüsten. doch musz dieses wort mit einschränkung gebraucht werden. denn einige gegenden ... sind aus bloszer willkür der menschen, ohne dasz sie die natur dazu bestimmt hat, unbewohnt. in diesem falle heiszen solche gegenden richtiger einöden ... wüsten sind eigentlich örter, die von der natur dazu bestimmt ... scheinen, dasz die menschen nicht darin wohnen können KANT I 9, 234 akad. β) in stehenden verbalverbindungen wie in die wüste gehen, fliehen u. ä. 'sich (aus den verschiedensten gründen) in die einsamkeit zurückziehen, die menschliche gesellschaft fliehen'; z. t. wohl auch unter dem einflusz von γ: du darffst nit in die wüsten und von den leuten lauffen, bleybe bey und unter den leuten, in deinem beruffe VEIT DIETRICH in: LUTHER 52, 623 W.; in der wüste gehen andare, ritirarsi al deserto KRAMER t.-ital. 2 (1702) 1411c; unsere anfänger (im praktischen musizieren) gehen, aus eigener löblicher gesinnung niemand lästig sein zu wollen, freiwillig ... in die wüste, und beeifern sich, abgesondert, um das verdienst, der bewohnten welt näher treten zu dürfen GÖTHE I 24, 236 W.; vgl. IV 30, 196; gramvoll beweinend ihre schuld verbarg sie in der wüste sich MÖRIKE ges. schr. (1905) 3, 119; vgl. 94. oft in flieszendem übergang zum übertragenen gebrauch B 2 a: wähntest du etwa, ich sollte das leben hassen, in wüsten fliehen, weil nicht alle blüthenträume reiften? GÖTHE I 2, 77 W.; vgl. IV 11, 61; wenn Jenny (eine verschämte arme, die näharbeit sucht, dabei aber um verschweigung ihres namens bittet) anstatt so per ambages in die wüste zu gehn ... es machte wie madame Bruchhausen und die doktorin Gräver, die doch deshalb niemand mit gemeinen nähterinnen verwechselt, so würde sie wahrscheinlich ihr gutes brot haben A. V. DROSTE-HÜLSHOFF br. 1, 455 Schulte-K. γ) als wüste wird seit alters der schauplatz des frühchristlichen anachoretentums, dem sachlich z. t. übrigens die wüste im engeren sinne von sand- oder steinwüste (s. 3) zugrunde lag, und des büszer- und eremitentums überhaupt bezeichnet; die maszgebende vorstellung ist die der einsamkeit, wie sie von dem biblischen gebrauch 4 c her als vorbild gegeben ist: er gerte in sînem muote daz in got der guote sande in eine wüeste, dâ er inne müeste büezen unz an sînen tôt HARTMANN V. AUE Gregorius 2759 Paul; Bd. 30, Sp. 2443 sanctus Anthonius in der wüste KEISERSBERG brösaml. (1517) 1, 67a; in der wüsten ein heiliger mann zu seinem erstaunen thät treffen an einen ziegenfüszigen faun GÖTHE I 2, 202 W.; die einsiedler der thebaischen wüste DEHIO gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 65. ähnliche verbalverbindungen wie unter β bezeichnen hier prägnant die tatsache, dasz jemand büszer, eremit, auch mönch wird: (viel fromme,) die weltlîch guot verswuoren und in die wüeste vuoren. genuoge müncheten sich RUDOLF V. EMS Barlaam 6, 12; ach Melusina, sol ich dich verlieren, so wil ich doch durch die wüste fahren, vnnd mich gantz vnd gar von der welt thun, vnd ein einsiedel oder münch werden buch d. liebe (1587) 273d; du weiszt, dasz er, um sich von allem irdischen zu entfernen, um seine seele ganz dem göttlichen zuzuwenden, in die wüste zog E. T. A. HOFFMANN s. w. 2, 25 Gr. b) im vordergrund steht mehr das merkmal des unbebauten, unkultivierten; auch so bis in junge sprache hinein möglich. α) allgemein unbebautes land, wilder, noch nicht oder nicht mehr bearbeiteter oder überhaupt nicht bearbeitungsfähiger boden. früh vereinzelt für die erde vor ihrer kultivierung durch den menschen, s. dazu unten B 2 a α: alsô hiez got sînen chneht den wuochir bringen (daz chom von alten dingen), bouwen dise wuostîn vom rechte 403 Waag; (Friedrich, der) städte weites umfangs mit dichten palästen erfüllte, meilenlange wüsten mit saaten und heerden und hütten RAMLER lyr. ged. (1772) 168; sey sie (eine gegend der erde) der schauplatz eines culturvolkes oder eine wüste RITTER erdkunde (1822) 1, 21. hierher die verbindung wüste und wildnis: colere deserta in der wüste oder wilde wonen FRISIUS dict. (1556) 397b; (ein gefangenes tier, das aus der gefangenschaft ausbricht) und in eine unbekannte welt von mauern und volksgewühl statt in die stille wüste und wildnis seiner heimat stürzt W. RAABE s. w. I 5, 32 Klemm. auch von durchaus kulturfähigem, sogar fruchtbarem boden, sofern er unbebaut ist: eine weite ebene des fruchtbarsten bodens, aber ohne allen anbau, ohne wohnungen, eine völlige wüste MOLTKE ges. schr. (1892) 5, 33. β) in mnd. und älternhd. flursprache soviel wie häufigeres wüstung (s. d. 2), auch wüstenung (s. d. 1 b), für ein stück ungenutzten bodens innerhalb bebauten landes oder für eine verödete siedlung; in landschaftlich obd. und md. verstreuten zeugnissen: die güter zu Betzingen u. Schafhusen liegen in den gewannen Nursental, Hůtstal, in der Wu̔stin, zu Stein, an Worban (z. jahre 1379) veröffentl. a. d. archiv v. Freiburg i. Br. 1, 227 Poinsignon; (das fürstentum Wohlau wird verkauft) mit ... teichten, felden, welden, wassern, wusten, wiltpanen, vogelpannen (1518) lehns- u. besitzurk. Schles. 1, 291 Grünh.-M.; dieweil im waldgedingsbezirk vil rauer klingen und wüstinen (1603) bei FISCHER schwäb. 6, 1012. hierher: da werden denn die lemmer sich weiden an jener stat, vnd frembdlinge werden sich neeren in der wüsten der fetten (wofür heute revidiert: in den wüstungen) Jes. 5, 17. γ) wüste ist das durch krieg, unwetter u. dgl. unbewohnbar oder nicht mehr nutzbar gewordene: das lant von Claudas rych was geheiszen wúste, wann es allein gewústet was von Uterpandragone Lancelot 1, 1, 15 Kluge; wüsten lagen da, wo sonst tausend frohe und fleiszige menschen wimmelten SCHILLER 8, 361 G.; in dem kleinen wäldchen am flusz hatte das wüsten der artillerie deutliche spuren hinterlassen. auf groszen flächen und abhängen ragten stellenweise statt der bäume baumstümpfe Bd. 30, Sp. 2444 aus der erde, und diese wüste war von schützengräben zerfurcht GRETE REINER Hašek, abent. d. soldat. Schwejk (1960) 2, 277. meist in festen verbalbindungen: vnd (sie) bringent dir die lant vil gar zv wuste jüng. Titurel 4562 Hahn; dasz Rom die welt zu sclaven, und unser land, aus dem Rom allen weitzen kriegt, zur wüsten machen sol LOHENSTEIN Sophonisbe (1680) 45; eine wüste wird die erde (durch ein unwetter) R. Z. BECKER mildheim. liederb. (1799) 9. gelegentlich auch in der beziehung auf verwüstete orte, gebäude, trümmer u. ä., wie sie bei wüstenei (s. d. 1 c γ) häufiger ist: diese stadt (Alexandria) hat ausserhalb ein schön ansehen, aber so man nahe hinzu vnd gar hinein kompt, siehet man anders nichts als ein wüsten vnnd einöden, dann man find wenig gantzer häuser darin, sondern sie seyn durchausz alle fast zerstöret SCHWEYGGER reyszbeschr. (1619) 251. c) in mehr affektbestimmter vorstellung; abwertende attribute stehen im vordergrund, von wechselnden sachlichen aspekten her: so wolt ich lieber in ein finster höle oder in der wilden wüsten ... wohnen PAPE bettel- vnd garteteuffel (1586) Q 8a; wir irrten gantz allein in unbekandten wüsten, in weichen grimme bär und rauhe tyger nüsten GRYPHIUS trauersp. 111 Palm; vergebens irrst du in diesen rauhen wüsten hin und her GÖTHE I 17, 40 W.; keinem einzigen ist mutter erde hold -- rings graut nur unendliche wüste mod. dichtercharakt. 1 Arent-C.-H. von poetisch-sentimentalischer sicht her kann wüste jedoch, das unberührte einer landschaft kennzeichnend, in älterem gebrauch auch positiv gewertet werden: Cupido führet mich in eine grüne wüsten, da der poeten volck weit von begierd vnd lüsten, vor zeiten hat gewohnt, wie noch die erste welt nichts von den stätten wust, vnd wohnet in dem feldt OPITZ teutsche poemata 127 ndr. 3) als spezifische bezeichnung der auszereuropäischen weiträumigen sand- und steinwüsten, deren notwendige merkmale auszer den unter 1 und 2 gegebenen eigenschaften namentlich dürre, vegetationslosigkeit und ganz bestimmte bodenformen sind. seit dem späten 18. jh. der vorherrschende, heute der eigentliche, prägnant verwendete gebrauch des wortes, neben dem die anderen anwendungen aber fortbestehen. a) die sache selbst bereits bibelsprachlich (s. 4 a) und seit dem mhd. auch sonst (s. 2 a γ), aber ohne gefühlten unterschied zu den übrigen gebrauchsweisen: da (vor dem paradies) lit ein groze wůsten, die ist vol untiere. da von mac nieman da durch comen. da nach lit ein lant aller nahest, daz heizet India Lucidarius 10, 10 Heidlauf; (die Inder) haben grosse sandecht weyte, wüsten vnd enödi an sich stossen BONER Herodot (1535) 48a; wüsten Libyens, wo man in heissem sande der Syrten ungeheur um Ammons tempel fande A. U. V. BRAUNSCHWEIG Octavia (1677) 685; und käme Xerxes mit den heeren die, ströme trinkend auszuleeren, der durst in dürren wüsten zwang GOTTSCHED neueste ged. (1750) 35. b) seit dem späten 18. jh. häufig, und nun auch prägnant, obwohl die geographisch-geologische fachsprache noch etwa bei A. V. HUMBOLDT ansichten d. natur (1808) nicht immer morphologisch verwandte bodenformen wie steppe oder heide eindeutig von wüste unterscheidet und ADELUNG vers. 5 (1786) 316 den spezifisch eingeschränkten gebrauch noch nicht verzeichnet, CAMPE 5 (1811) 801b ihn unter hinweis auf die sandwüsten Afrikas nur streift. α) in der benennung bestimmter wüsten, bes. Nordafrikas und Vorderasiens: einer arabischen wüste ..., wo der wandrer viele parasangen reisen kann, ehe er nur ein Bd. 30, Sp. 2445 blühmchen seine augen zu erquicken, nur eine staude, seinen gaumen zu erfrischen, antrifft GERSTENBERG recensionen 3 lit.-denkm.; (ich) habe an den schönen ufern des Ganges und des Ohio geweilt, die wüsten Afrikas und die steppen Sibiriens besucht A. W. SCHLEGEL in: Athenäum (1798) 1, 18; rechnet man ab die im sandmeere neuentdeckten gruppen quellenreicher inseln (d. i. oasen) ... so ist der übrige theil der afrikanischen wüste als dem menschen unbewohnbar zu betrachten A. V. HUMBOLDT ansicht. d. natur (1808) 1, 6; der kampf um das dasein bleibt überall derselbe, im brasilianischen urwalde wie in der wüste Gobi W. RAABE s. w. I 5, 15 Klemm. β) begriffsbestimmend oder in prägnanter, eine eindeutige vorstellung des phänomens voraussetzender verwendung: der natürlichen beschaffenheit nach, nimmt es (das afrikanische flachland) zweierlei oberflächen an; die der pflanzenleeren räume, oder der wüsten, und die der weitgedehnten fluren mit graswuchs und strauchbedeckung RITTER erdkunde (1822) 1, 958; wüste, eine grosze, unfruchtbare, meist mit sand bedeckte, gewöhnlich in den heiszen erdstrichen der groszen continente liegende ebene KRÜNITZ oecon. encycl. 240 (1857) 160; es giebt steppen, welche sich kaum von wüsten unterscheiden NEHRING tundren (1890) 46; unüberwindlich wäre das land gewesen, wenn es der Libanon, der Jordan, das meer und die wüste wohlverwahrt umschlossen hätten (1783) HERDER 12, 141 S.; obwohl das meer und die wüste die stadt (Carthago) hinreichend schützten MOMMSEN röm. gesch. (1856) 1, 461. γ) mit den charakteristischen merkmalen der wüste in diesem engeren sinne: er wandelt durch ungebahnte sandigte wüsten SCHILLER 2, 150 G.; vgl. 3, 435; will mich unter hirten mischen, an oasen mich erfrischen ... jeden pfad will ich betreten von der wüste zu den städten GÖTHE I 6, 6 W.; vgl. 25, 180; dasz das schiff, oder das kameel (das schiff der wüste) es möglich machen, über diese herrenlosen gegenden sich einander zu nähern KANT w. (1838) 5, 432 Hart.; in der wüste den wüstenkönig und im Harze die hexen FONTANE ges. w. (1905) I 4, 263. von diesen verschiedenartigen merkmalen her gern in ausdrücklichem vergleich: wie der sand in der wüste seit jahrtausenden vom winde zerrieben, in seinen einzelnen particeln alle unterscheidbarkeit verloren ... so sind die bewohner dieser länder GÖRRES ges. schr. (1854) 2, 301; der katalog ist wie eine wüste, in welcher man sich nach quellen umsieht HEBBEL br. 1, 64 Werner; so leer wie ich war keine wüste leer WERFEL geschw. v. Neapel (1931) 65. 4) vielseitige verwendung finden sache und wort im biblischen bereich, in dem sich der älteste deutsche wortgebrauch bewegt. a) überaus häufig vom schauplatz des 40 jährigen zuges der Israeliten von Ägypten nach Kanaan, und nur hier auf sand- und steinwüsten im sinne von 3 bezogen, wie sie Kanaan fehlen, aber im peträischen Arabien mit der Sinaihalbinsel gegeben sind; besonders hier entsprechend hebr. hamidbār, als die wüste schlechthin: so Moyses ju zi thiu gifiang, thaz er thia natarun irhiang in theru wuasti thuruh not, so druhtin selbo gibot OTFRID II 12, 64; in der wüeste gap er (gott) in (den Israeliten) daz brôt DER STRICKER Karl d. gr. 6812 Bartsch; von Elim zogen sie, vnd kam die gantze gemeine der kinder Israel in die wüsten Sin, die da ligt zwisschen Elim vnd Sinai 2. Mose 16, 1; er (hat) sein volck ... durch die rauhe, sandichte, ungebahnte ... wüsten ins gelobte land ... geführt DANNHAWER cat.-milch (1657) 7, 22; wenn meine mutter von gott und den heiligen dingen sprach, so fuhr sie fort, vorzüglich im alten testamente zu Bd. 30, Sp. 2446 verweilen, bei der geschichte der kinder Israels in der wüste G. KELLER ges. w. (1889) 1, 57. im biblischen urteil wird dieser wüstenaufenthalt oft als heilsgeschichtlich bedeutsames ereignis gewertet, sowohl als zeichen göttlicher führung und bewahrung wie als zeit der prüfung und inneren bewährung des volkes: vnd gedenckest alle des wegs, durch den dich der herr dein gott geleitet hat, diese vierzig jar in der wüsten, auff das er dich demütigte, vnd versüchte, das kund würde, was in deinem hertzen were, ob du sein gebot halten würdest oder nicht 5. Mose 8, 2; vgl. 29, 4 f.; Jos. 5, 6; Jer. 2, 6; Am. 2, 10 u. o. von da her für gewisse übertragene anwendungen des wortes bedeutsam (s. bes. B 2 a α); aber auch in unmittelbarer, den vergleich spürbar lassender übertragung geistlicher und weltlicher art: (gott) furet sie (seine schüler) am ersten aus Aegipto in die wusten bei LUTHER tischr. 2, 218 W.; und so sind weiber zwar noch im diensthause Egyptens und in der wüste HIPPEL üb. d. ehe (1792) 220; wir sind mit unserm leben aus dem Egypten der revolution ausgezogen, und ziehen in der wüste umher GÖRRES ges. br. (1858) 3, 430. b) im übrigen bezeichnet wüste im biblischen gebrauch meist steppenartiges oder steinig-felsiges, menschenleeres gelände, wie es für eine reihe palästinensischer landschaften charakteristisch ist: warumb bistu erab komen? vnd warumb hastu die wenige schafe dort in der wüsten verlassen? 1. Sam. 17, 28. im gleichnis Christi: verlúret er (der hirt) eins (seiner schafe), lat er nút denne die nún und núntzig in der wu̔ste und sůchet daz eine das er verlorn het? TAULER pred. 131, 15 V. (und so öfter); vgl. Lk. 15, 4. von da her: wollet das verlorne schaf nicht in der wusten ... so jämmerlich verderben lassen bei LUTHER br. 8, 266 W.; als ihr weintet in der wüste, heimzuführen die verirrten, sandt er seinen eingebornen, ihn, den groszen völkerhirten FR. W. WEBER Dreizehnlinden (1907) 62. c) besonders im sinne von b ist die wüste der bevorzugte schauplatz religiösen erlebens, innerer versenkung und körperlicher zuchtübung, s. dazu auch ob. 2 a γ und als beispiel für die vielfalt in der geistlichen deutung und umdeutung der biblischen wüstenvorgänge WACKERNAGEL altdt. pred. 586 f. (14. jh.). bedeutsam für das auftreten und wirken Johannes d. täufers und Christi: uuas giuuortan gotes uuort ubar Johannem Zachariases sun in thero vvuostinnu (in deserto) Tatian 13, 1. bei OTFRID hier wüste mehrfach mit heimischem kolorit als waldwildnis vorgestellt, entspr. ob. 1 a: stimma ruafentes in wuastinnu waldes I 23, 19 (vgl. wuastweldi ebda 9; g. sg. wuastwaldes 27, 41 [dazu FRANCK afränk. gr. 20 ] und in ähnlicher beziehung as. sinuueldi Heliand 1121); die aber anders leren (als Johannes d. täufer), die schmeychlen und sind ynn der konige heuszer, nitt ynn der wusten, sie sind reych und fur den leutten angesehen LUTHER 10, 1, 2, 164 W.; (Johannes d. täufer) hab da in der wüsten gelegen, und hab heuschrecken und wild-honig gefressen SCHUPP freund in d. not 31 ndr.; lange hatte er (Joannes) sich damit begnügen müssen, seine stimme fern aus der wüste erschallen zu lassen FEUCHTWANGER d. falsche Nero (1947) 346. auf Christus bezogen: in der uuosta bigaginet imo der bichorare NOTKER 3, 364, 26 P.; in synem heiligen leben hat er (Christus) nit schlecht wöllen vasten, sunder er ist in die wüste gangen, do er kein menschlichen trost het, nun mit den türen (tieren) wont, do er den gantzen tag bettet ST. FRIDOLIN dt. pred. 105 Schmidt; wer weder hülff noch rath weisz, der ist mit Christo in der wüsten LEHMANN floril. polit. (1662) 2, 850; bleib nicht allein, denn in der wüste trat der satansengel selbst zum herrn des himmels SCHILLER 13, 177 G. Bd. 30, Sp. 2447 d) die bis heute festen redensartlichen wendungen vom prediger in der wüste u. ä. beruhen auf falscher übersetzung von Jes. 40, 3 im griechischen (LXX; Mtth. 3, 3; Mk. 1, 3; Lk. 3, 4; Joh. 1, 23), in der vulgata und bei LUTHER (das in deserto wurde auf das vorangehende clamantis statt auf das folgende parate bezogen): es ist eine stimme eines predigers in der wüsten, bereitet dem herrn den weg, macht auff dem gefilde ein ebene ban vnserm gott Jes. 40, 3; weil vns dann mangelt nicht an lehrern, so laszts nicht fehlen an vns zuhörern, vnd folget, weil jhr doch seyt christen der růffenden stimm in der wüsten (1571) in: euphorion (1908), 7. erg.-heft 187. die erheblich jüngere verallgemeinerte anwendung schwankt, zielt aber unter verkennung des biblischen tatbestandes vornehmlich auf die vorstellung eines vergeblich wirkenden, unbeachtet bleibenden, ins leere redenden mahners: eine solche stimme würde entweder völlig in der wüste verhallt sein; oder ... die gemüter nur auf die höhen der begeisterung erhoben haben H. V. KLEIST w. 4, 81 E. Schmidt; Rohde zu Potsdam wird als stimme in der wüste kaum wohl vernommen GÖTHE IV 32, 133 W. komplexer: nun stand er in einer ganz andern welt (bei den bewohnern der öden, unfruchtbaren Ostseeküste), ein kandidat des predigerthums in der wüste W. RAABE s. w. I 1, 588 Klemm. anders, als zuspruch in der einsamkeit: du wirst oft auf seine worte horchen, ... und er wird euch eine stimme der wüste sein, wenn ihr fern von der heimath in der einsamkeit leben müsset STIFTER s. w. 1 (1904) 246. noch anders, ein weltfremdes, erfahrungsarmes reden kennzeichnend: wenn Falk in der Gimpelinsel (1804) das deutsche politische wesen verspottet, so predigt freilich ein Johannes in der wüste, denn man merkt der ganzen flachen komposition an, dasz der verfasser von welt und politik nicht viel mehr weisz, als man eben in der wüste erfährt GERVINUS gesch. d. dt. dicht. (1853) 5, 610. e) sonstiges. als element der alttestamentl. bildersprache. es ist für die auch biblisch weitgespannte, unter den verschiedensten aspekten gesehene vorstellung von wüste bezeichnend, dasz trotz der sachlichen beziehung unter a der sand weder eigentlich noch bildlich als charakteristikum der wüste, sondern nur als solches des meeres und strandes erscheint; die häufigste parallelisierung erfolgt mit dem worte einöde, vgl. 5. Mose 32, 10; Hiob 24, 5; ps. 78, 40; Jes. 35, 1 u. ö.: Judeorum flumina uuanta er in uuûosti, daz chît in druccheni NOTKER 2, 463, 27 P. (ps. 106, 34); so wird denn die wüsten zum acker werden, vnd der acker fur einen wald gerechnet werden. vnd das recht wird in der wüsten wonen, vnd gerechtigkeit auff dem acker hausen Jes. 32, 15 f. auch 2 b γ entsprechend: die stedte deines heiligthums sind zur wüsten worden, Zion ist zur wusten worden, Jerusalem ligt zurstöret Jes. 64, 10; vgl. 14, 17. als ort der dämonen: cůmet der bose wint darzv qui sufflat a solitudine, der da weht von der wůstene, da got niht gemeines hat, daz ist der vbil tůvil (14. jh.) dt. pred. d. 13. u. 14. jhs. 77, 8 Leyser. hierher der am groszen versöhnungstag praktizierte ritus des in die wüste geschickten sündenbocks: aber den bock, auf welchen das los des ledigen fellet, sol er lebendig fur den herrn stellen, das er jn versüne, vnd lasse den ledigen bock in die wüste 3. Mose 16, 10. in jüngerer redensart verallgemeinert (vgl. auch sündenbock 3): der arme Napoleon ... wird als der grosze und feiste sündenbock für alle in die wüste gejagt E. M. ARNDT d. wort v. 1814 (1815) 6; der preuszische handelsminister v. Camphausen ... folgte ihm (dem entlassenen Delbrück) später in die wüste nach BEBEL a. m. leben (1946) 2, 303. 5) ganz vereinzelt älter im sinne einer abstrakten eigenschaftsbezeichnung, wofür sonst wüstheit; auf wüste räume im sinne von 1 und 2 bezogen: das die wüste vnd öde des landts mehr des hinlessigen vnachtparen volcks schuld ist gewesen, dann des lands S. FRANCK chron. d. Bd. 30, Sp. 2448 Teutschen (o. j.) 3a; von der wüste vnd gähe, auch vnwegsame des gebirgs (der Alpen) XYLANDER Polybius (1574) 150. B. bildlicher und übertragener gebrauch; s. ansätze dazu ob. A 2 a β; 4 a; d; e. nur an einzelnen stellen bereits in älterer sprache, sonst seit der mitte des 18. und im 19. jh. 1) in jüngerer übertragung auf räume und örtlichkeiten ganz anderen gepräges, denen aber bestimmte der für 1--4 gültigen eigenschaften zukommen; den vergleich voraussetzend und kaum zu prägnanter benennung vordringend. a) am häufigsten vom meer, in poetischer sprache: drauf höret man von seiner (des Beltes) stimme tönen der meere öde wüste drönen (1740) PYRA u. LANGE 73 lit.-denkm.; und (Odysseus) durchschaute mit thränen die grosze wüste des meeres (ποντον επ΄ ατρυγετον δερκεσκετο δακρυα λειβων ) J. H. VOSS Odyssee 5, 158 Bernays; meer, unsichres, vielbewegtes, ohne grund und ohne schranken! wohl auf deiner regen wüste mag die irre sehnsucht schwanken UHLAND ged. (1898) 1, 202. b) vereinzeltes, hier auch im anschlusz an den neueren spezialgebrauch A 3: sie blickte mit einer wahnsinnigen unruhe im leeren himmel herum. plötzlich entbrannte in seiner stillen wüste ein stern JEAN PAUL w. 3, 53 Hempel; dann bestieg ich im groll die zinne des tempels ... ich starrte hinaus in die unermeszliche wüste der luft, und stürzte mich hinab KRETSCHMANN s. w. (1784) 5, 226; (Napoleon, der 1813) aus dem kampfe mit den elementen, aus den wüsten des starren eises und gefrornen blutes, hervorgetreten war, wie ein halbgott HOLTEI vierzig jahre (1843) 1, 282. gelegentlich halb prägnant: lasz nur den winter herankommen ... und sieh dann, wie die einzeln rauchigen wohnungen in der pfadlosen wüste liegen FOUQUÉ zauberring (1812) 1, 101. c) unter dem gesichtspunkt absoluter leere und leblosigkeit kann jeder auch kleine raum zur wüste werden: die schönsten ballkleider seh ich einpacken, die hüte nebenbey, und in wenig tagen ist die belobte (!) terrasse (in Marienbad) zur vollkommnen wüste geworden (1823) GÖTHE IV 37, 163 W.; dasz die mit ihm zu gleicher zeit lesenden professoren eine andere stundeneintheilung verlangten, weil er ihnen den hörsaal zur wüste machte HEBBEL w. 12, 45 Werner; werden tischlers auch einen spaziergang riskiren? ... gehen sie aus, dann bleibt mir nichts mehr zu beobachten, als die graue katze ... der hof wird zur wüste HOLTEI erz. schr. (1861) 1, 11. 2) gegebenheiten vielfältiger art, lebensverhältnisse, innere zustände, geistige tatbestände werden, durchweg in abwertendem sinne, als wüste bezeichnet, meist in genitivischer, präpositionaler oder adjektivischer zuordnung zu diesem wort. die anknüpfungspunkte an den eigentlichen gebrauch sind, soweit überhaupt erkennbar, z. t. komplex; oft wurzeln sie im biblischen gebrauch des wortes. a) von orten oder doch räumlich vorstellbaren gegebenheiten, die gewisse den merkmalen der eigentlichen wüste vergleichbare eigenschaften besitzen, wie die der einsamkeit, der leere, der unfruchtbarkeit usw. α) am ältesten der meist deutlich an den biblischen wüstenzug (A 4 a) anknüpfende geistliche topos vom irren in der wüste, von der wüste dieser welt oder von dieser wüste; doch vgl. schon den beleg aus vom rechte ob. A 2 b α und das kompositum werltwuostunge Ezzolied 142 Waag: gelæite des weislosen hers daz inder wste irre vert vnd sich nicht wan ir (Marias) genaden nert d. jüdel in: ged. d. 12. u. 13. jhs. 129, 13 Hahn; hie bi ist bezaichent (mit der feuersäule auf dem wüstenzug) daz únser herre ains ieglichen rehten mentschen laiter ist und behu̔ter ist in der wu̔sti dirre ellenden welt St. Georgener pred. 186, 14 R.; wenn wyr aber bekert Bd. 30, Sp. 2449 werden, empfehet eyn iglicher ... denselbigen gott, den der ander, und wirt hie das hymelbrott gleych auszteylet yn diszer wusten LUTHER 10, 1, 2, 82 W.; vielleicht bricht bald der abend ein, da ich aus dieser öden wüste, im himmel werde bey dir seyn HENRICI ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 168. mit anderem biblischem ausgang, vgl. hohel. 8, 5: dise welt, ... daz ist dy bösz wüste, die bösz welt, von deren Maria vff ist gefaren, vnd heiszt wol ein wüste vnd ein einöde, wann ein wüste verlaszt man KEISERSBERG brösaml. (1517) 2, 89a. mit A 4 d gekoppelt: sie würden sich auf der welt ganz allein glauben ..., wenn leidenschaftliche und melancholische werke ihnen nicht eine stimme in der wüste des lebens hören lieszen, und in ihre einsamkeit einige strahlen des glücks brächten GÖTHE I 40, 240 W. säkularisiert: eine wüste ist die erde, wüste, wüste ist die welt, denn mein bruder ist nicht mehr GRABBE w. 1, 51 Blumenthal. β) von konkreten orten, an die jmd. verbannt ist oder an denen er sich einsam, unverstanden fühlt: geben ynn der wusten (auf der Wartburg) am tage sanct Elisabeth 1521 LUTHER 10, 1, 1, 8 W.; vgl. 8, 484; ich bitte um baldige antwort; denn ihre briefe sind mir in dieser wüste (Linz) auch immer ein trost STIFTER briefw. 2 (1918) 211. auch so, dasz ein ort etwas bestimmtes nicht hat: er (Körner) ist dort (in Dresden) in einer wüste der geister SCHILLER br. 2, 169 Jonas; Kassel ist eine ordentliche wüste, wenn es auf neue bücher ankommt J. G. FORSTER s. schr. (1843) 7, 178. γ) in moderner übertragung auf grosze städte (s. auch steinwüste) komplexer, wohl von der vorstellung des leeren und unfruchtbaren her, wie sie für wüste A 2 a und b charakteristisch ist, zugleich mit dem gefühlston von β: die schienen der straszenbahn ... liefen hinaus in die steinerne wüste der vorstadt W. SCHÄFER d. 13 bücher d. dt. seele (1925) 525; es gab (in Berlin) eine wüste von häusern und bahnen und straszen A. SEGHERS d. toten bl. jung (1950) 59. b) von örtlicher vorstellung gelöst, im übrigen unter ähnlichen gesichtspunkten wie bei a. α) vom menschlichen leben. älter im anschlusz an A 4 a: fúrbaz ze komen dur die wu̔sti eins vihlichen unbekanten lebens, hin in daz geheissen land eins lutren ru̔wigen herzen SEUSE dt. schr. 156, 10 Bihlm. später A 3 entsprechend: das gnädige fräulein hatte seit jenem tage ... aus ihrem leben eine wüste gemacht, unübersehbar nach allen vier himmelsgegenden hin W. RAABE schüdderump (1870) 2, 74; ohne gebet wäre unser leben ... eine wüste ohne oase FONTANE ges. w. (1905) I 6, 207. β) von inneren zuständen, seelischer verfassung: in die wilden wu̔sti eins grundlosen herzleides SEUSE dt. schr. 211, 7 Bihlm.; warum bebt er (der blick)? schreckt ihn vielleicht die zierlose wyste einer nicht wohl gewarteten seel, unfruchtbar, verwachsen WIELAND ges. schr. I 2, 15 akad.; ist irgend ein geschäft, ein mühen, eine sorge, eine qual, dasz ich bevölkre meines innern wüste? GRILLPARZER s. w. I 6, 57 Sauer; dasz ihr herz zur wüste werde und der sand alle brunnen der empfindung verschütte BÖRNE ges. schr. (1829) 13, 117. mit poss. pron. sogar prägnant für einen inneren zustand: da er den angelstern seines lebens (seine geliebte) als eine sternschnuppe in seine todtenstille wüste (sein nun verödetes leben) hatte fallen sehen JEAN PAUL Titan (1800) 3, 132; vgl. derselbe, Hesp. (1795) 3, 42. hierher, und nicht als übertragung zu A 5: von der höchsten süszesten fülle der schwärmerei bis zu den fürchterlichen wüsten der ohnmacht, der leerheit, der vernichtung und verzweiflung GÖTHE I 23, 267 W.; vgl. 48, 213. Bd. 30, Sp. 2450 γ) in der antithese zu ebenfalls übertragen gebrauchtem paradies, prägnant für jeden lebensstand der äuszeren oder inneren leere, verlassenheit, verzweiflung: wem nicht durch unlusts-gifft des geistes kräffte schwinden, der wird sein paradiesz auch in der wüsten finden Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 1, 391; nun war das paradies ... (durch die abreise der frauen) für die freunde zur völligen wüste gewandelt GÖTHE I 24, 374 W. δ) darüber hinaus in anderen, mehr gelegentlichen beziehungen: fruchtbarkeit der dürren ontologischen wüsten KANT w. (1838) 3, 364 Hart.; o, und dann den blick über die leere wüste von langweiligen wochen hinaus! TIECK schr. (1828) 7, 198; die wüste der neuesten deutschen poesie GRILLPARZER s. w. 9, 206 Sauer; sie haben mir ... eine goldene brücke gebaut, um aus der wüste meines schweigens wieder auf das verkehrssträszlein gelangen zu können G. KELLER br. u. tageb. 3, 123 Ermatinger. 3) zur bildhaftigkeit belebt als bestimmendes glied einer mit konkreten einzelzügen ausgestatteten bildrede, die im zusammenhang der gesamten aussage auf ähnliche beziehungen auszudeuten ist, wie sie unter 2 ausdrücklich benannt werden; namentlich im anschlusz an den jüngeren gebrauch A 3: der nur falle so jung, der in eine traurige, öde wüste hinaussieht; in künftige tage, leer an freundschaft und tugend, leer an groszen entwürfen zur unsterblichkeit LESSING 1, 205 L.-M.; wohl ... dem lieben nun seeligen geschöpf, dem die welt nie freude gab -- das 'der grosze geist aber nur führte durch wüste und brennenden sand dahin, wo seine kinder in frühlingsschatten genieszen' (an L. Gotter zum tod ihres kindes) CAROLINE 1, 23 Waitz; drum stöszt er uns zum raubthier in die wüste SCHILLER 12, 72 G.; er hatte in einer wüste, einer wildnis gelebt, und nicht geahnet, dasz es blumen gebe in der welt ... nun hatte eine wunderhand aus fremdem lande in die wildnis und wüste ein grün zweiglein getragen (das mädchen Else) W. RAABE s. w. I 6, 218 Klemm. 4) für sich zu nehmen ist der hier nicht in ganzer breite aufzuzeigende sprachgebrauch der mystiker. er wurzelt vor allem in allegorischer ausdeutung von bibelstellen wie 2. Mose 3, 1; Hosea 2, 14; ps. 64, 13; 1. kön. 19, 3 ff.; apokal. 12, 5, aber auch in allgemein bildlichem gebrauch des wortes, vgl. auch wüstenung 2, wüstung 3 b. namentlich wüste der gottheit, neben begriffen wie bloszheit, düsterkeit, abgrund, nichts, zur umschreibung des weder durch eigenschaften, noch durch handlungen sich offenbarenden göttlichen urgrundes, s. dazu A. NICKLAS d. terminol. d. mystikers Seuse (diss. Königsberg 1914) 143; GR. LÜERS d. spr. d. dt. mystik (1926) 293 ff.: ez (das seelenfünklein) wil in den einveltigen grunt, in die stillen wüeste, dâ nie underscheit în geluogete weder vater noch sun noch heiligeist; ... want dirre grunt ist ein einveltic stille, diu in ir selber unbewegelich ist MEISTER ECKHART in: dt. mystiker 2, 194 Pf.; in diser wu̔sti (des göttlichen abgrundes) do ist also wu̔st das nie gedank in die in kan ... wan es enhat weder zit noch stat. es ist einvaltig und sunder underscheit TAULER pred. 331, 22 V.; vgl. 55, 4. im blick auf die mystische vereinigung oder die mystische grundhaltung: die wo̔stin hat zwo̔lf ding: du solt minnen das niht, du solt vliehen das iht, du solt alleine stan und solt zů nieman gan ... so wonest du in der waren wústenunge MECHTHILD V. MAGDEBURG 17 Gall Morel; won in der stillen wuesti der gotheit do ist ünser wesen ein ewig istikeit mit siner vngewordnen gotheit (14. jh.) bei WACKERNAGEL altdt. pred. 587; wo ist mein auffenthalt? wo ich und du nicht stehen: wo ist mein letztes end in welches ich sol gehen? da wo man keines findt. wo sol ich dann nun hin? ich musz noch über gott in eine wüste ziehn ANGELUS SILESIUS cherub. wandersm. 14 ndr. Bd. 30, Sp. 2451 in ethischer richtung: dú scho̔ni der wu̔sti sol wiss werden ... dú wu̔sti ist daz hertze, daz sol sin wu̔st und itel aller laster und aller súnden (zu ps. 64, 13) St. Georgener pred. 83, 32 R. C. nur vereinzelt scheinen andere bedeutungen des adj. 2wüst oder auch des subst. 2wust sich durchzusetzen oder doch einzuwirken. 1) zu 2wüst B 'schmutzig, häszlich' in älteren glossierungen, vgl. squalor wuste (Hagenau 1516) DIEFENBACH gl. 549b; obscenitas wu̔st vel gro̔be (Straszburg 1590) ebda 389a; ferner CALEPINUS undecim ling. (1579) 593c s. v. foeditas und 1021a s. v. obscoenitas. literarisch vereinzelt, hier eher zu 2wust (s. d. B 1): alsdann so reits (das pferd) und so es erwarmet, so gehet der dampf und die wüstin von dem pferd und wird gesund SEUTTER roszartzney (1599) 19; vgl. dazu noch HÖFLER krankheitsnamenb. 836a. noch mundartlich, s. SEILER Basel 319; MARTIN-LIENHART elsäss. 2, 877b; SCHMELLER-FR. bayer. 2, 1045. im schwäb. auch 2wüst C 4 entsprechend: pl. wüsten häszliche reden FISCHER 6, 3449; hier sogar, wohl von 2wüst B 2 her, in der bezeichnung einer person: was ist der herr eine aelte und eine wüste worden ebda 1012. aber wohl kaum hierher ein mhd. wuest für 'schmutz' in übertragenem sinne: ob der grosz unczimlich todt von natur geschehen müst oder von der sunden wuest HEINRICH DER TEICHNER 724, 4 N. 2) nur vereinzelt zur kennzeichnung des durcheinanders, der regellosen unordnung, entspr. 2wüst C 2 und wie häufigeres wüstenei 3 a: eine wüste von steinhaufen und erdgräben mit öden grasplätzen, auf denen es von arbeitern wimmelte J. SCHAFFNER Konrad Pilater (1929) 67. vielleicht aber schon hierher, wenn nicht zu B 1 b: der du der wolcken wüst gar hoch kanst übersehn, und sitzest mit im raht, wann blitz und donner gehn OLEARIUS in: MANDELSLO morgenländ. reisebeschr. (1696) 174 Olearius. 3) ganz singulär für die handlung des wüst machens, vielleicht auch, 2wüst C entsprechend, die haltung der wüstheit, vgl. vastatio ein wüste oder verwüstung BAS. FABER thes. (1587) 906b: darnach da kamen si (die feindlichen soldaten) gen Diest mit groszer ungestimer wüest (1307) hist. volkslieder 3, 19 Liliencron. 4) für eine vom 13. jh. bis etwa 1600 in westlichen sprachgebieten bezeugte bedeutung 'rippenweiche, seitenweiche, teil zwischen unterem brustkorb und hüfte' (anatomisch-fachsprachlich hypochondrium) ist ein spezifischer ansatzpunkt bei 2wüst, adj. zwar schwer zu erkennen, doch deutet die (jüngere?) analoge benennung öde für den gleichen körperteil darauf hin, dasz für beide bezeichnungen wohl von der durch den entsprechenden griech. terminus ο κενεων, τα κενεωνα nahegelegten, für wüst wie für öde in einem sehr allgemeinen sinne geltenden vorstellung des leeren auszugehen ist, s. HYRTL kunstw. d. anatomie (1884) 119; 169: er stach dem schateliure die lanzen în zer wüeste KONRAD V. WÜRZBURG troj. krieg 33 401; vgl. Lancelot 1, 193, 25 Kluge; dit bilde der reinen kuscheid vort ist mit einer gulden snur gegort mitten in der wo̔sten benider den zwen iren bru̔sten JOH. ROTHE lob d. keuschh. 2879 Neumann; ir (der geliebten) seyten lang, ir wüst vil nahen gantz zu um greiffen mit zwein henden ir schultern hüfft und auch ir lenden fastnachtsp. 1298 Keller; anterior pars sub nothis costis, vmbilico proxima, nominatur κενεον à vacuitate, die wüste MATTH. DRESSER de part. corp. human. (1581) 9; sol man jhme (dem pferd) zway oder drey sail stossen zwischen der schultern vnd Bd. 30, Sp. 2452 der wüstin seuberlich vnd fürsichtiglich SEUTTER roszartzney (1599) 214. im mnd. als wostunghe in gleicher bedeutung (s. wüstung 4 c; dazu vielleicht: do stak Hermen Tole sinen broder in't woste lif, dat he des anderen dages starf [16. jh.] hamburg. chron. 180 Lappenberg, s. 2wüst A 3 δ). ob ein erst im späten 18. und im 19. jh. für die sprache des fleischergewerbes bezeugtes wüste 'lendenstück eines rindes, nierenstück eines hammels' (s. z. b. JACOBSSON technol. wb. 4 [1784] 676b; KRÜNITZ oecon. encycl. 240 [1857] 162, dazu wüste ein roastbeef HERTEL Thüringen 261) noch auf dieser linie liegt oder gar nicht hierher gehört, bleibt zweifelhaft angesichts der unsicherheit eines vereinzelten älteren beleges, der zwar in den gleichen sachbereich gehört, aber in der wortbedeutung doch abweicht: es sollen von allen kalbsskopffen die oren geschniten und die mitsampt den krosen, wüsten und fussen nach notturfft gesäubert und gereinigt werden (15. jh.) Nürnb. polizeiordn. 228 Baader (vielleicht nicht zu wüste, sondern bair. lautvariante von wanst, vgl. auch: kalbskross mitsambt dem wennst ebda 229; bair. wöst, west 'gekröse' bei ADELUNG vers. 2 [1775] 515; SCHMELLER-FR. bayer. 2, 1044; FISCHER schwäb. 6, 3355; hierher wohl auch wust LEXER Kärnten 261a, dort als 'wuchs' zu got. wahstus gestellt). fraglicher noch ist der zusammenhang mit einer erst im 18. jh. und nun ausschlieszlich in östlichen teilen des sprachgebietes auftretenden gruppe mundartlicher zeugnisse, in denen ein wüste, wiste, auch wêst, wieste u. ä. teils, wie in wiast SCHACHERL Böhmerwald 42, wöist NEUBAUER Egerland 107 'rippenweiche, taille', teils, wie in preusz. sehr verbreitetem wüste BOCK id. pruss. (1760) 80, wiste, wüste (lit. wystė) NESSELMANN thes. ling. pruss. (1873) 222, wist, wiste, wêst FRISCHBIER preusz. 2, 476 'schnürleib' bedeutet, schlieszlich aber, wie in obersächs. wist MÜLLER-FRAUREUTH 2, 660, Zipser wist SCHMELLER-FR. 2, 1044 beide bedeutungen vereinigt. versuche, diese zeugnisse mit weste oder auch mit engl. waist 'taille' in verbindung zu bringen, überzeugen, sei es von der bedeutung, sei es vom lautlichen her, nicht. literarische bezeugung ist selten: man träget bey uns die steifen wüsten und die andern kleider oben so weit ausgeschnitten, dasz die ermel lange nicht an die schultern reichen (Dr[esden?] 1726) d. vernünft. tadlerinnen (1725) 2, 167 Gottsched; Alute, ... auf deren wiste eine goldene brosche strahlte SUDERMANN rom. u. nov. (1920) 6, 67; vgl. 213; 215. D. z u s a m m e n s e t z u n g e n mit wüste als erstem wortglied seit dem 16. jh. vereinzelt und unsicher (s. wüstensalz), von der mitte des 17. bis zur mitte des 18. jhs. deutlicher, aber immer noch spärlich und meist an die biblischgeistliche verwendung des wortes anknüpfend. die hauptmasse der bildungen ist jung und entsteht nahezu ausschlieszlich im bereich wüste A 3 'sandwüste'. -- durchweg mit -n- in der kompositionsfuge; ausnahmen sehr selten: wüsteinwärts BRENTANO ges. schr. (1852) 1, 386 (im vers); bei angenommener syntaktischer beziehung zwischen grund- und bestimmungswort: wüstegleich HERDER 29, 337 S.; wüstebewohner GÖRRES heldenb. v. Iran (1820) 2, 429. k o m p o s i t i o n s t y p e n . 1) auszerhalb des jüngeren spezifischen gebrauchs wüste A 3 von geringer typenbildender kraft, aber hier in den frühesten bildungen. a) zum biblischen vorstellungsbereich wüste A 4: w ü s t e n b o c k (sündenbock) JEAN PAUL w. 7/10, 250 Hempel, -gang (des volkes Israel) HIPPEL kreuz- u. querz. (1793) 1, 330, -mist (verächtlich von Johannes d. täufer) K. R. V. GREIFFENBERG zwölf andächt. betracht. (1678) 979, -prediger (s. an alph. stelle), -reise (Israels) (anders unten 2 i) BESSER schr. (1732) 2, 829, -rufer ROSEGGER I. N. R. I. (1904) 236, -speise RITTER erdkunde (1822) 14, 679, -wanderung (Israels) (anders unten 2 i) D. FR. STRAUSZ ges. schr. (1876) 4, 98, -weg (Israels) (anders unten 2 i) JEAN PAUL w. 27/29, 407 Hempel. Bd. 30, Sp. 2453 b) zu wüste A 2 a γ als dem schauplatz des eremiten- und büszerlebens, meist in personalen benennungen: w ü s t e n e i n s i e d l e r D. FR. STRAUSZ ges. schr. (1876) 3, 238, -eremit HERDER 28, 486 S., -heiliger GAUDY s. w. (1844) 21, 14, -sucht DANNHAWER cat.-milch (1657) 6, 555, -vater SCHEFFEL ges. w. (1907) 1, 135; P. DÖRFLER Peter Farde (1929) 66. c) nur vereinzelt in der beziehung auf wüste A 2 in der allgemeinen bedeutung 'unbewohnte oder unbebaute gegend': w ü s t e n ö d e : wüsten öd SPEE trutznachtigall (1649) 31, -plan HAMERLING ges. w. (1911) 3, 159 Rabenl., -wohner (anders unten 2 f) TRÖSTER Dacia (1666) 10. 2) die weitaus meisten bildungen gehören zu wüste A 3 'sand- oder steinwüste' und machen deutlich, wie sehr dieser seit dem späten 18. jh. vordringende spezifische gebrauch das jüngere leben des wortes bestimmt. in gröszerer zahl erst seit dem ersten drittel des 19. jhs. a) in begrifflichen bildungen, die das phänomen des spezifisch wüstenhaften benennen: w ü s t e n ä h n l i c h RATZEL völkerkunde (1885) 2, 11, -artig BREHM tierl. 1, 448 P.-L., -charakter RITTER erdkunde (1822) 13, 634, -mäszig ZÖLLNER br. üb. Schlesien (1792) 1, 367. b) in morphologisch-struktureller bestimmung: w ü s t e n b o d e n MUSPRATT chemie 5 (1896) 951, -gebirge SCHUBERT reise in d. Morgenland 2 (1839) 156, -höhe RITTER erdkunde (1822) 1, 628, -quelle STRACHWITZ ged. (1850) 312, -steppe BREHM tierl. 1, 424 P.-L., -tal: wüstenthal B. GOLTZ e. kleinstädter in Ägypten (1877) 254. c) mit ort- und raumbestimmenden grundwörtern verbunden, oft soviel wie einfaches wüste: w ü s t e n g e b i e t RATZEL völkerkunde (1885) 3, 323, -gürtel PESCHEL völkerkunde (1874) 507, -land GRILLPARZER s. w. I 7, 104 Sauer, -landschaft RITTER erdkunde (1822) 2, 363, -rand RITTER erdkunde (1822) 1, 1017, -saum MOMMSEN röm. gesch. (1856) 1, 652, -streifen SVEN HEDIN abent. in Tibet (1920) 157. d) für atmosphärische, meteorologische und klimatische erscheinungen, die für die wüste charakteristisch sind: w ü s t e n d ü r r e JEAN PAUL w. 20/23, 413 Hempel, -glut: wüstengluth BRENTANO ges. schr. (1852) 2, 194, -hauch RUGE s. w. (1847) 10, 156, -himmel STIFTER briefw. 6 (1931) 239, -klima RATZEL völkerkunde (1885) 3, 265, -licht G. KELLER ges. w. (1889) 10, 73, -luft RITTER erdkunde (1822) 16, 41, -natur (anders unten k) RITTER erdkunde (1822) 3, 356, -sonne EICHENDORFF s. w. (1864) 3, 507, -staub STIFTER s. w. 14 (1901) 125, -wind RÜCKERT ges. poet. w. (1867) 6, 43; SVEN HEDIN abent. in Tibet (1920) 127. e) in bezeichnungen für von menschenhand geschaffene, die fläche der wüste markierende örtlichkeiten: w ü s t e n b r u n n e n RITTER erdkunde (1822) 6, 1022, -dorf RITTER erdkunde (1822) 6, 937, -fort, n. : OK W-bericht v. 16. Juni 1942, -stadt STIFTER s. w. 1 (1904) 60. f) benennungen für die menschlichen oder auch dämonischen bewohner der wüste, in individueller und kollektiver anwendung: w ü s t e n d ä m o n SCHACK ges. w. (1897) 3, 295, -fürst RITTER erdkunde (1822) 12, 541, -geist FREILIGRATH ges. dicht. (1870) 1, 26, -gespenst P. DÖRFLER Peter Farde (1929) 130, -kind C. F. MEYER d. heilige (1891) 35, -scheich DAHN ged. (1908) 191, -stamm PESCHEL völkerkunde (1874) 330, -volk STIFTER s. w. 14 (1901) 124, -wohner (anders ob. 1 c) HERDER 8, 537 S. g) in botanischen benennungen sowohl allgemeiner wie spezifischer art: w ü s t e n a l o e STIFTER s. w. 3 (1911) 106, -baum MOHR ged. (1846) 81, -busch RITTER erdkunde (1822) 12, 543, -dorn RATZEL völkerkunde (1885) 3, 69, -gras B. GOLTZ e. kleinstädter in Ägypten (1877) 269, -pflanze BREHM tierl. 3, 144 P.-L., -strauch RITTER erdkunde (1822) 1, 1026, -ziest (eremostachys) MARZELL wb. d. dt. pflanzenn. 2, 269. h) häufiger in tiernamen, auch hier klassifizierend, meist aber spezifizierend: w ü s t e n a m e i s e forsch. u. fortschr. 9 (1933) 97, -eidechse OKEN allg. naturgesch.Bd. 30, Sp. 2454 (1839) 6, 596, -fuchs BREHM tierl. 2, 202 P.-L., -geier FREILIGRATH ges. dicht. (1870) 1, 148, -huhn SCHUBERT reise in d. Morgenland 2 (1839) 414, -kamel: wüstencameel RITTER erdkunde (1822) 1, 458, -läufer NAUMANN vögel (1822) 7, 77, -maus BREHM tierl. 2, 383 P.-L., -pferd RITTER erdkunde (1822) 17, 1629, -rosz IMMERMANN w. 18, 193 Hempel, -tier: wüstenthier EICHENDORFF s. w. (1864) 3, 563; wüstentier RATZEL völkerkunde (1885) 3, 67. i) in bildungen, die es mit der durchquerung und erforschung der wüste zu tun haben: w ü s t e n k a r a w a n e RATZEL völkerkunde (1885) 3, 169, -marsch RITTER erdkunde (1822) 9, 888, -pfad RATZEL völkerkunde (1885) 3, 165, -pilger ALEXIS ruhe (1852) 5, 178, -reise (anders ob. 1 a) RITTER erdkunde (1822) 1, 328, -ritt TREITSCHKE histor. u. polit. aufs. (1886) 3, 150, -strasze MOMMSEN röm. gesch. 5 (1885) 424, -wanderer W. RAABE s. w. I 2, 131 Klemm; FONTANE ges. w. (1920) II 3, 310, -wanderung (anders ob. 1 a) FEDOR SOMMER d. Schwenckfelder (1911) 37, -weg (anders ob. 1 a) FREILIGRATH ges. dicht. (1870) 1, 95. k) eine weitere gruppe umfaszt bildungen, hier auch adjektivische, in denen merkmale der wüste bezeichnet werden, die das empfindungsleben berühren, aber auch körperliche oder seelische eigenheiten betreffen, die vom leben in der wüste geprägt wurden: w ü s t e n a u g e LANGGÄSSER d. unauslöschl. siegel (1946) 512, -einsam ROSEGGER schr. (1895) II 6, 212, -feurig B. GOLTZ e. kleinstädter in Ägypten (1877) 262, -freiheit RATZEL völkerkunde (1885) 3, 150, -gesicht LAUBE ges. schr. (1875) 8, 325, -graus KINKEL ged. 2 (1868) 299, -leere LENAU s. w. 61 Barthel, -natur (des kamels) (anders ob. d) BODENSTEDT erinner. (1888) 1, 262, -rauh TH. MANN dr. Faustus (1948) 497, -still SVEN HEDIN Bagdad, Babylon, Ninive (1918) 93. l) schlieszlich für beziehungen zwischen der wüste und den in ihr lebenden menschen oder tieren überhaupt: w ü s t e n h e i m a t : wüstenheimath RITTER erdkunde (1822) 13, 750, -leben A. V. HUMBOLDT kosmos (1845) 2, 49, -lied L. V. GALL in: br. v. L. Schücking u. L. v. Gall 99 Muschler, -religion B. GOLTZ e. kleinstädter in Ägypten (1877) 244, -traum BRENTANO ges. schr. (1852) 2, 194.
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fona uuuastantemu engile (a deuastante angelo) Murbacher hymnen 21, 3, 2 Sievers; mit roube und ouch mit brandewuosten si daz lant Nibelungenlied 176, 3 Bartsch; Bd. 30, Sp. 2455 (sie) wusten uf dem velde gar ir korn unde fůrtens dan mit in do es riffen began RUDOLF V. EMS weltchron. 18 165 Ehrism.; wüesten und zebrechen sîn burc er im hiez OTTOKAR österr. reimchron. 74 212 Seem.; wurde ok orlich, dar man ere ghud mede wüsten mochte (1357) in: brem.-ndsächs. wb. 5, 308; Münstertal hat er verbrant, Münster hat er gewu̔stet. er vand vil schier uf der wal die toten ane zal (1368) hist. volkslieder 1, 67 Liliencron; haben die seynen meinem closter sandt Ruprechtsberg ... sein mäle (grenzzeichen) zuslagen vnnd gewust (1494) urk. z. gesch. Maximilians I. 31 lit. ver.; wäre ouch dasz die von Zürich jeman wellten anritten an ir statt, an ir räben, ald an ir bömen und die wellte wüsten, dasz sün wir von Uri und von Schwitz weren TSCHUDI chron. Helvet. (1734) 1, 148; grosze herren lieben jagen; besser, wann sie liebten hegen; wüsten länder, jagen leute, blosz von ihrer lüste wegen LOGAU sinnged. 372 lit. ver.; dasz er (d. strom) mit schwellendem grimm ausbricht in die fluren und wüstet thäler und hügel umher PYRKER s. w. (1855) 1, 17. übertragen 'zunichte machen' schlechthin: biz manic künc do sich unminnenclichen grust, der stich mit slage wust JOHANN V. WÜRZBURG Wilhelm v. Österreich 8124 Regel; übermâsz wüstet alle spil DÜRINGSFELD sprichwörter (1875) 1, 17b. 2) bei objektlosem gebrauch ist die bedeutung an sich dieselbe ('verheerung anrichten'), aber es wird durch die konzentration auf das subjekt häufig eine sinnverschiebung zu 'wüten' nahegelegt (s. namentlich b und c). a) absolut: dat di kint dar in waren komen ende hadden der winberen vele genomen, ... si braken ende si aten, si wusten uter maten HEINRICH V. VELDEKE sente Servas 4924 Frings-Schieb; unde zog in daz Klibsche lant mit funfhondert rittern unde knechten, die branten, wusten unde herscheten gar sere TILEMANN V. WOLFHAGEN Limburger chron. 94, 18 Wyss; da sach man wuchsten, prennen, slahen, schiezzen, und rennen SUCHENWIRT 4, 363 Primisser. b) öfters partizipial als beiwort von wilden tieren und ungeheuern: uwir geslechte ist als eyn wuystindir lewe (quasi leo vastator Jerem. 2, 30; wie ein wütiger lewe LUTHER) CLAUS CRANC prophetenübers. 83 Ziesemer; kan er (d. wolf) doch nichts anders, dann wüsten vnd würgen GRETTER erkl. d. ep. S. Pauls a. d. Römer (1566) 446; hat der allmächtig ... den ein wüstenden basilisken vnd tracken, nemlich der ketzerey, solliche ritterliche Heymones und Hercules ... fürgesetzt GUARINONIUS grewel d. verwüstung (1610) (b) 1a. vgl. noch: krieger sind zwölffe zum rauben und wüsten LOGAU sinnged. 314 lit. ver. auch: die so zu schiff reisen, wenn sie ein wüstend vngestüm wetter ergreifft LEHMANN floril. polit. (1662) 2, 719. c) vor allem mit lokalen bestimmungen (wüsten in einem gebiet, einem gebäude, unter menschen usw.); so bis zur gegenwart gebräuchlich: ein kunic tugende ler ... er wustet in der geschicht me wan man gelouben mac, hin unde her (supra quam credi potest, universa vastabit Dan. 8, 24 ) buch Daniel 6164 Hübner; Bd. 30, Sp. 2456 da hat er (Pompeius) gwůstet im tempel, vnd Aristobulum, der ... ir künig vnd bischoff was, ... gefangen gnůmen HEDIO chron. Germ. (1530) 4c; als zu diser zeit die ketzer vberall vast wüsteten vnd ir giftige ler an allen orten ausgossen ebda 31c; denn im schrack wird der bittere stachel erboren, der wüstet und tobet in der harten, erschrockenen herbigkeit ... des erstickten geblütes J. BÖHME s. w. 3, 131 Schiebler; auch er tödtete und wüstete den 2. mai 1808 in der empörten hauptstadt GÖTHE I 41, 2, 123 W.; das feindliche feuergewehr wüstete sodann fürchterlich unter ihnen SEUME s. w. (1835) 408b; (er) stand bald vor den trümmern der alten ehrwürdigen veste. die zeit hatte arg hier gewüstet und nur wenig aus der vergangenheit übrig gelassen A. V. TROMLITZ s. schr. (1849) 36, 8; im jahre 1432 sind die Hussiten in die mark Brandenburg eingefallen und haben daselbst greulich gewüstet GRÄSSE sagenb. d. pr. staates 1, 86; (Frankreich) hat bei der verbrennung der Pfalz in Speyer gewüstet PINDER d. kunst d. dt. kaiserzeit (1935) 1, 228. 3) jemanden wüsten ist in zweierlei sinne üblich. a) vorwiegend mhd. 'jmdn schädigen, ruinieren' durch verheerung seines eigentums, besonders des landbesitzes: die heiden huben selbe den brant, selbe si sich wůsten ... si herten also witen unz an die Gerund Rolandslied 277 Wesle; mir hât gemachet ein rise mîne huobe zeiner wise und hât mich âne getân alles des ich solde hân unz an die burc eine; ... daz ich ime die (tochter) hân versagt, dar umbe wüestet er mich HARTMANN V. AUE Iwein 4473; ist, das er an farenden gute unpfandbar ist, so sol man in wu̔sten an allem dem gute, das er us und inne hat richtebrief d. bürger v. Zürich in: helvet. biblioth. 2 (1735) 14 (vgl. hierzu mnl. woesten 2 VERWIJS-VERDAM 9, 2, 2751); die Pehem tzůgen auf sein gůt, davon so ward er ungemůt: se wu̔chsten im sein arm lewt SUCHENWIRT 18, 441 Pr. b) mhd. und frühnhd. 'übel zurichten, verwunden': alse werdent die übelen (in der hölle) mit michelme gruwele gewůstet (zuvor: gemartilt von den tivelen) Lucidarius 77, 7 Heidlauf; und wurdent ira in dem sturm wol uf XI gewundet und gewuost; der sturben zwen (mitte d. 15. jhs.) H. FRÜND chronik 227 Kind; das menig biderman umbkam und an sinem libe geletzt und gewüst wart (1476) bei FRAUENHOLZ entwicklungsgesch. d. dt. heerwesens 2, 1, 94; (dasz die brücke einbrach) und vil volkes in das wasser viel; der ertrankend 8, und wůstend sich ire vil vast übel BRENNWALD Schweizerchron. 1, 386, 4 Luginbühl; sunst starb der wonden uf der herscheft siten kainer, und warend doch ob 40 man gwüest J. V. WATT 2, 176 Götzinger. -- hierzu sich mit jmdm wüsten 'raufen': (1511) REUCHLIN augenspiegel 123 M. 4) 'mit einem vorrat vergeudung oder raubbau treiben', entsprechend auch trans. oder mit genitivobjekt; die auffassung ist nicht überall gleich, sicherlich ist von der bed. 'zugrunde richten' (1) auszugehen, s. u. die beiden ersten belege; teiche wüsten 'durch raubbau zur verödung bringen' im nd. (s. u.) hängt anscheinend enger mit 2wüst A 'öde, verödet' zusammen (vgl. auch verwüsten A 2, teil 12, 1, sp. 2397), während wüsten mit etw. offenbar durch bed. 2 ('wüten') beeinfluszt ist. vgl. noch wüstlich 3, das zum vorliegenden gebrauch gebildet ist. die bedeutung ist umgangssprachlich bis zur gegenwart geläufig und erscheint lexikalisch u. a. bei ADELUNG 5 (1786) 316 und CAMPE 5 (1811) 802a, mundartl. bei FISCHER schwäb. 6, 1012; LEXER Kärnten 261a; MÜLLER-FRAUREUTH obersächs. 2, 686a; KNOTHE Nordböhmen 548; BLOCK Eilsdorf 101a: Bd. 30, Sp. 2457 ob du niht durch tumben můt wilt ane ere swenden din gůt, wůestende des gůtes RUDOLF V. EMS Willehalm v. Orleans 3343 Junk; der noch wuest leib und gu̔t in hochfart und in u̔ber mu̔t und wirt den arm nymmer holt HEINRICH DER TEICHNER 353, 47 Niewöhner; (die pächter verpflichten sich) de dijke nicht to wostende sunder sodane vissche to vangende, alse vppe deme markede ginge vnde gheue zint (1463) Lübecker urkundenb. 10, 289; soll sich ein jeder meister befleissen, dasz mit dem zeug (kalk), der dann zuvor köstlich genug ist, nicht gewüstet ... werde Würtemb. revid. bawordn. (1654) 123; mit ... ströb machen in denen wäldern (ist) recht unverantwortlich gewistet (1748) österr. weist. 5, 539; das land, auf dem (entwaldend) gewüstet wird bei SANDERS erg.-wb. (1885) 661c (s. d. weitere belege); so wurde mit unsrer zeit gewüstet. es war nicht alles reine arbeitszeit, nein, es war verwüstete zeit, die wir nutzlos vergeuden muszten TRAVEN baumwollpflücker (1956) 153. |
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was ist das? ists ein wüstenbild, das hier uns äfft? doch hier ist keine wüste O. LUDWIG ges. schr. (1891) 3, 362. 2) darstellung, schilderung der wüste: Freiligrath malte wüstenbilder, die frisch und energisch ... sind HEBBEL w. 12, 61 Werner. 3) durch die wüste gewecktes bild, durch sie bestimmter eindruck: dort in der wüste muszte erst das alte Judengeschlecht mit seinem ägyptischen heidenthum begraben werden, ehe sich bei einem neuen unter wüstengedanken und wüstenbildern erwachsenen der monotheismus verhärtete PESCHEL völkerk. (1874) 334. |
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wie mnl. woestenie VERWIJS-VERDAM 9, 2752 ableitung mit dem frz. suffix -îe, zu mhd. wüesten(e). seit dem 13. jh. in mnd. (s. GRUNEWALD d. mnd. abstraktsuffixe 116) u. md., bes. rheinischen quellen bezeugt (s. u. 1 f); im ungefähren gebiet dieser quellen auch der heutigen mundart noch angehörig, s. Luxemb. ma. 488; BAUER-COLLITZ Waldeck 115a u. unten 3 a. überhaupt ist ein vorwiegend md. und nd. gebrauch des wortes trotz allmählichen literatursprachlichen ausgleichs bis heute unverkennbar. von wüste nicht durch den umfang, sondern durch die akzentuierung seiner bedeutungen abgehoben. sein vergleichsweise seltener gebrauch erklärt sich vor allem dadurch, dasz wüstenei der Lutherbibel fremd ist und später die wendung zum spezialgebrauch wüste A 3 nur zögernd mitvollzieht (s. u. 1 e). in md. und mnd. glossaren des 15. und frühen 16. jhs. für desertum DIEFENBACH gl. 176a; anachoresis ebda 32c; heremus 275c; n. gl. 202a; solitudo gl. 541b; n. gl. 342b; auch die wbb. von STIELER (1691) bis SCHWAN (1783) behandeln das wort als mit wüste identisch. schw. fl. in der wstenien lilie 30, 3 Wüst; in der schreibung wüsteni bei SCHADE sat. u. pasqu. 3, 10. 1) in eigentlichem, wüste A entsprechendem gebrauch. a) wie wüste A 1 auf bestimmte landschaftsformen bezogen. für den wald: wir andere waldleut in vnsern wüsteneyen ZINKGREF apophthegm. (1628) 415. für felsige, unzugängliche gebirgslandschaft: durch klippen vnd gebirg, ich reiste früh vnd spat, in einer wüsteney, vnd ohne spur vnd pfadt D. V. D. WERDER ras. Roland (1636) 2. ges., 41. str.; Bd. 30, Sp. 2458 soll (meine treue) finsternisz, und einsamkeit erwehlen in diesem wald, in öder wüsteney HERAEUS ged. u. lat. inschr. (1721) 196; (wir) hatten ... bald jede sichtbare pfadspur verloren ... mitten ins schroffe felsgehänge ... in solch unzugänglicher wüstenei BARTH Kalkalpen (1874) 553. b) unbewohnte, einsame, öde gegend. α) allgemein: (es ist) auch besser in der wüsteney, in ödem land zu wohnen frey, denn beim zänkisch zornigen weib HANS SACHS 19, 319 lit. ver.; eine wüste, ... oder wüsteney, da weder menschen, vieh, noch etwas zu finden HARSDÖRFFER teutscher secretar. (1656) 1, Mmm 3a; so nützlich nun in militärischer und allgemein administrativer hinsicht diese bahnen (in Ruszland) sind, so scheint mir doch sehr fraglich, ob diese durch wüsteneien geführten linien jemals dividenden zahlen werden MOLTKE ges. schr. (1892) 5, 88. geradezu mit dem wort einsamkeit austauschbar: die turtel-taube liebt nicht so die wüsteneyen als ich die einsamkeit SIMON DACH 160 Ö. β) auch in der häufigen bindung an verben, die eine äuszere oder innere bewegung ausdrücken, vertritt wüstenei, übertragenem gebrauch nahe, den begriff 'einsamkeit, menschenferne': de nummande bedreigen kan, de soke de wôstenye TUNNICIUS sprichw. nr. 561 Hoffmann; ja, fromme huldin (Magdalena)! flieh in wüsteneyn, verbirg der welt den anblick deiner schmerzen A. W. SCHLEGEL in: Athenäum (1798) 2, 143; jetzt will ich in die wüstenei, wo keinen ärgert mein geschrei, und still für mich verderben R. DEHMEL ges. w. (1906) 6, 15. γ) als schauplatz christlichen anachoretentums und einsiedlerischen büszerlebens: do riede eme der hermite, dat hei da blêve in der woestenien (Köln, auf. 15. jhs.) in: Germania 28, 411; vortzeytten ynn der wusteney hieszen die heyligen eynsidler yhr ubirsten abba pater LUTHER 10, 1, 1, 374 W.; denn ach! dir folgt dein gewissen in klöster und wüsteneyen! KOTZEBUE s. dr. w. (1827) 2, 17. c) unbebaute, unkultivierte gegend, manchmal mit a sich überschneidend; sehr häufig gebraucht. α) in allgemeiner verwendung. meist von der vorstellung her, dasz ein an sich anbaufähiger boden nicht, noch nicht oder nicht mehr genutzt ist: die lande Polen, die zuuor eine wüsteney weren gewesen SCHÜTZ hist. rer. pruss. (1592) buch 7, O 4c; aber dar (in Persien) sind lauter berge und wüsteneyen, und kan man kein land bauen, als welches von wasser-bächen benässet wird staat d. königr. Persien (1696) 20 Olearius; dort (in der Neuen Welt) hat die natur grosze weite strecken ausgebreitet, wo sie unberührt und eingewildert liegt ... und doch ist es leicht für den entschlossenen, ihr nach und nach die wüsteneien abzugewinnen GÖTHE I 25, 1, 216 W.; der ort war hinter endlosem gestrüpp und felsicht versteckt, und es ist kaum zu erdenken, wie ein mensch je an solcher wüstenei konnte ein gefallen finden WATZLIK d. pfarrer v. Dornloh (1930) 38. in gegensätzlicher reihung: es wär nicht geckerey, des höchsten milde, die sonder auswahl über bös und gute und flur und wüsteney, in sonnenschein und regen sich verbreitet, -- nachzuäffen LESSING 3, 24 L.-M.; der scharfe pflug, er rottet unkraut und wurzeln. dorn und disteln aus, damit die wüstenei zum garten werde HERDER 23, 250 S. durchaus auch für bodenflächen mit natürlichem, nutzbarem, aber ohne menschliches zutun gewonnenem pflanzenwuchs: die vortheile warmer länder ..., in welchen die natur mit weniger mühe den menschen zwey erndten verleihet, Bd. 30, Sp. 2459 und die wüsteneyen selber eine menge eszbarer früchte hervorbringen A. V. HALLER tageb. (1787) 1, 121; nur wenn in Rom eine so göttliche anarchie, und um Rom eine so himmlische wüstenei ist, bleibt für die schatten platz (von der römischen Campagna) WINCKELMANN bei GÖTHE I 46, 39 W.; vgl. W. WEIGAND d. löffelstelze (1919) 304. seltener für anbauunfähige oder völlig pflanzenleere bodenformen: du allmechtiger vnd reicher gott, du segnest vnd veredlest auch die wüsteneyen, vnd lesst gold vnd silber ausz deiner ... hand trieffen ... vnd vmbgürtest die hohen tauren vnd gebirge mit fündigen gengen MATHESIUS Sarepta (1571) vorr. 1b; wo nehmet ihr in dieser wüstenei das bischen grün zu euern kränzen her? RAUPACH dr. w. ernster gatt. (1835) 5, 150. β) ganz vereinzelt in dem spezifischen sinne von wüstung (s. d. 2 a): de breve, de uppe dat dorp spreket to Bystouen vnde de wystenye to delende (1389) meklenb. urk.-b. 21 (1903) 93. γ) speziell das durch krieg, naturgewalt oder aus anderen gründen verwüstete angebaute land; meist in bestimmten verbalverbindungen: obgleich solche dero churfürstenthum und zugehörigen lande ... zur wüstenei worden (1641) urk. u. aktenst. z. gesch. d. kurf. Friedr. Wilh. v. Brand. 1, 734 Erdm.; der gärtner läuft nunmehr herbey und findet graus und wüsteney LICHTWER fabeln (1748) 43; kurz, wir verwandelten das land ... in eine wüstenei E. JÜNGER in stahlgewittern (1934) 137. analog dazu, aber über den entsprechenden gebrauch von wüste hinausdringend, auch für verwüstete siedlungen, zerstörte orte, ruinen u. dgl.; kaum ohne einflusz von 2wüst A 2 e her: wie dort auch, wo die pfarr-gebäu und schule damals stunden, jetzt, seht ihr, wird nur wüsteney und erde da gefunden ... das feuer, seh ich, hat den ort bisz auff den grund verzehret SIMON DACH 809 Ö.; sie, die volkreich heil'ge stadt (Jerusalem) ist zur wüstenei geworden ... dort (auf dem berg Zion), von unkraut überwuchert, liegen nur noch graue trümmer H. HEINE s. w. 1, 447 E. schlieszlich, und besonders jünger, für das durch menschliche nachlässigkeit verwilderte, vgl. dazu auch 2wüst A 2: eben eine solche wüsteney wird man auch bey den kraut- und küchengärten antreffen ... so man guten theils ungezäunt und übel verwahret, sehen wird HOHBERG georg. cur. 3, 1 (1715) 43a; (er) starrte voll verwunderung in die wüstenei, die er vor sich sah ... es war keine rede mehr von einer ordentlichen bebauung (auf Martis hof) G. KELLER ges. w. (1889) 4, 107. vereinzelt noch freier, für die winterliche kahlheit der natur: dort, da sonst der sinne frewde bey des schönen sommers zeit sich erzeigte weit vnd breit ... ist doch jetzund nichts zu finden als ein eitle wüsteney; alle bäume stehen frey vnd ohn laub Königsberger dichterkreis 199 ndr. d) in den anwendungen a--c mit attributen meist abwertenden sinnes: darnach ward er von seinem bisthumb vertrieben und kam jnn eine wilde wüsteney LUTHER 50, 61 W.; in einer öden wüstenei, da unlust blüht, lust zieht vorbei ZESEN helik. rosentahl (1669) 107; als ich entschlieff, oder vielmehr schlaffend wachte, däuchte mich, ich wäre in eine grausame wüsteney kommen CHR. LEHMANN hist. schaupl. (1699) 800; wie unterirdische geister ... die pflanzungen, die sie in den höllischen wüsteneien anlegten, vom nächsten sturmwind Bd. 30, Sp. 2460 weggefegt sahen HEGEL w. (1832) 1, 390. unter dichterischem aspekt auch positiv wertend, besonders unter dem aspekt von b: mir wolle gott verleihen mein werthes vaterland, die schönen wüsteneyen, den klaren Boberstrand OPITZ op. (1690) 2, 79; vgl. derselbe, teutsche poemata 110 ndr.; anmuthige stanzen, die uns schöne wüsteneien samt ihren gewächsen und blumen schildern HERDER 17, 224 S. e) in spezieller anwendung auf die vegetationslosen sand- und steinwüsten auszereuropäischer länder, s. wüste A 3. α) zunächst, wie bei wüste A 3 a, trotz der anderen sachlichen beziehung wohl nicht als besondere bedeutung empfunden; vunfftzien dage reysen oeuer die woestenije van Arabijen pilgerf. d. ritters v. Harff 78 Groote; die sandichten wüsteneyen des inneren Libyens LOHENSTEIN Arminius (1689) 1, 6b; die cameel werden darum viel gebraucht, weil ... (sie) in den wüsteneyen, da wassermangel ist, etliche tage durst leiden können MARPERGER kaufmannsmagaz. (1708) 253; der ist ein thor, der das vergnügen flieht, und kämpfe sucht mit räubern oder schlangen, und durch die gluth von wüsteneyen zieht HEINSE s. w. 3, 329 Schüddek. β) die seit etwa 1800 für wüste charakteristische wendung zu fachsprachlicher anwendung dieser bedeutung macht wüstenei nicht mit; wohl aber bleibt, vor allem in dichterischem gebrauch, wüstenei als bezeichnung auch der exotischen wüste noch bis tief ins 19. jh. hinein möglich: o nur wer stand in glüher wüstenei, der weisz des grünen blattes werth zu schätzen A. V. DROSTE-HÜLSHOFF ges. schr. (1878) 3, 165; in den wüsteneien von Asien und Afrika HEBEL w. 2, 144 Behaghel. ganz vereinzelt terminologischem gebrauch nahe: die wüstenei nördlich von Mariaba (in Arabien) bis zur römischen grenze MOMMSEN röm. gesch. 5 (1885) 613. f) zufrühest im biblischen bereich, hier aber, da die LUTHER bibel nur wüste kennt, hinter diesem wort weit zurückbleibend. meist auf den wüstenzug Israels bezogen: so bis du hardere dan de stein, de groz wazer in der wstenien gaf, du on Moyses zuirent bit einer gerden traf d. lilie 30, 3 Wüst; vgl. Karlmeinet 334, 13; de kynder van Israhel eten dat hemelsche broet in der wostenye JOH. VEGHE 16, 33 Jostes; wie (konnte Moses) diese (die Israeliten) in der wüstenei so lange erhalten? HERDER 12, 312 S. wohl in allegorischer auslegung von 2. Mose 3, 18 oder 15, 22: arbeydet myt wervender list spisebrot, dat unvorgenklik ys, so moghe gy myt heren scharen dor de wostenige varn, de ys drier dachvart breyt BRUN V. SCHONEBECK in: jahrb. d. ver. f. nd. sprachf. 30 (1904) 142a. für die einsamen landstriche Palästinas als schauplätze religiös gesteigerten lebens, prophetischer und messianischer tätigkeit: do pey (am Jordan) nohent sahen wir die wüsteney, do Christus XL tag und XL nacht gefast hot (um 1440) bei RÖHRICHT pilgerreisen (1880) 71; in einsamen wüsteneien denkt er (Johannes d. täufer) dem groszen bedürfnisse des zeitalters nach J. G. FORSTER s. schr. (1843) 3, 84. wie unter wüste A 4 e: das er (der bock) des volckes sünde frey hintrage in die wüsteney HANS SACHS 6, 193 lit. ver. 2) der übertragene gebrauch deckt sich mit demjenigen von wüste (s. d. C), erreicht aber nicht die gleiche dichte. bildhafte elemente treten bald mehr, bald weniger hervor. a) für anders geartete räume, denen gewisse den eigentlichen wüsten zugehörige merkmale zukommen: Bd. 30, Sp. 2461 mein vor beliebt gemach wird itzt zur einsamkeit und öder wüsteney LOHENSTEIN Agrippina (1685) 78; vgl. derselbe, Arminius (1689) 1, 393b; als ein stilles, weites land der seelen, stand das leere meer unter dem leeren himmel ... erhabene wüstenei! über dir schlägt das herz gröszer! JEAN PAUL w. 19, 180 H.; da liegen wir bewegungslos im nebel und eis -- ein leben, das man nur zu gut kennt. diese kalte, öde wüstenei! Nansen, Sibirien (1914) 36. b) für orte oder örtlich vorstellbare gegebenheiten, deren äuszere oder innere wirkungen auf den menschen, eigentlich oder bildlich, denjenigen der eigentlichen wüste vergleichbar sind. α) welt, erde als wüstenei, meist biblisch-geistlich: das on das euangelium eyttell wusteney ist auff erden, auch keyn gottis bekentniss noch dancksagung LUTHER 10, 1, 1, 78 W.; die rauhen wüsteneyen der mörder-vollen welt GRYPHIUS ged. 58 Palm. auch prägnant: treuer hirt der seelen, lasz mich hier nicht quälen in der wüsteney bei FISCHER-TÜMPEL ev. kirchenl. 5, 517b. β) von orten, an denen jemand einsam, fremd, verlassen ist: den wu ich (Christus) nit bin, do ist eyttel wusteney (1521) EGRANUS ungedr. pred. 67 Buchwald; mein haus dünkt mich eine fremde wüsteney, in die ich nicht gehöre BÜRGER briefw. 3, 165 Strodtmann. soviel wie 'verbannungsort': verräterischer Eumer, rief dich darum aus deiner wüstenei (aus der verbannung in Schottland) des königs milde IMMERMANN w. 16, 137 H.; vgl. 15, 201; 215. c) ohne bindung an örtliche vorstellung. α) vom menschlichen leben: da sprach er edel von der wüstenei des lebens und vom schicksal JEAN PAUL w. 15/18, 291 H.; (ich will versuchen niederzuschreiben,) was ich in der erinnerung behalten hab aus dem konfusen chaos, der wüstenei meines lebens W. RAABE s. w. I 2, 362 Klemm. in gegensätzlicher korrespondenz: diesen grusz von milder kraft, die die wüstenei hienieden wieder neu zum eden schafft E. M. ARNDT ged. (1860) 385. β) auch allgemeiner von zeiträumen, verhältnissen, zuständen, die leer, leblos, unfruchtbar sind; in verschiedenen formen attributiver bestimmung: er würde ... in der ein jahr langen wüstenei (dem jahr, während dessen er die geliebte nicht sehen durfte) ... verdursten JEAN PAUL leben Fibels (1812) 75; Paris gilt seit der kaiserzeit für eine wüstenei des unglaubens HOLTEI erz. schr. (1861) 5, 19; wo war in der groszen wüstenei des (über Preuszen siegreichen französischen) imperatorenreiches ein verein von denkern, wie er sich hier um die wiege der neuen stiftung (der Berliner universität) schaarte TREITSCHKE dt. gesch. (1879) 1, 338. d) in mehrgliedriger bildrede, die die unter a--c genannten oder vergleichbare beziehungen bildhaft deutet: selbst die träume führen mich durch verwachsne wüsteneyen, wo die klippen fürchterlich, und mich zu bedecken dräuen; wo für dürren staub und sand mir kein weg noch steg bekannt (zu ps. 87, 15 ) TRILLER poet. betracht. (1750) 2, 464; er (der gott vertraut) geht, wenn über ihm die wolken flammen speyen, getrost an deiner vaterhand; getrost durch dürre wüsteneyen und brennend heiszen sand UZ w. 193 lit.-denkm.; Bd. 30, Sp. 2462 Else von der Tanne, die reinste, heiligste blume in der grauenvollen wüstenei der erde W. RAABE s. w. I 6, 227 Klemm. von 2 a her: bis zu den eisigen wüsteneien, in denen differentialquotienten ... ein schemenhaft schweifendes dasein führten E. JÜNGER d. abenteuerl. herz (1929) 39. 3) gelegentlich unter dem einflusz anderer bedeutungen von 2wüst, adj. a) am häufigsten, und deutlicher als bei wüste (s. d. C 2), soviel wie 'chaos, unordnung, durcheinander', in verschiedener sachbeziehung. eine anknüpfung an 2wüst C 2 erleichterte der bei wüstenei stark akzentuierte gebrauch 1 c γ: in ewger wüsteney lag annoch nacht und morgen in dem verwirrten ball des groszen nichts verborgen KÖNIG ged. (1745) 320; es mochte ihren argwöhnischen augen nicht entgangen sein, dasz bei dieser äuszerung meine blicke unwillkürlich die traurige wüstenei des zimmers überflogen hatten STORM s. w. (1899) 8, 18; eine ziemliche wildnis und wüstenei von gemäuer, holzplanken, alten ölbäumen und weinreben G. KELLER ges. w. (1889) 6, 251. in komplexerem gebrauch, auch von 1 her: so oft muszte von neuem angefangen werden, in unserm vaterlande die herrschaft deutscher gesittung und ordnung zu gründen; und so lange dauerte die wüstenei dazwischen (politische gewaltherrschaft in verwüsteten landstrichen) ALEXIS Woldemar (1842) 1, 5. in dieser bedeutung von westmd. und -nd. mundarten aufgegriffen, vgl. CRECELIUS oberhess. 927; SCHAMBACH Göttingen 302b; ROVENHAGEN Aachen 165. b) singulär von 2wüst A 5 a her: morgens fühlte ich schon im bette die wüstenei im kopfe LEISEWITZ tageb. (1916) 1, 99. c) ebenfalls vereinzelt, soviel wie 'ausschweifung, orgie', zu 2wüst C 8: er wolle binnen kurzer zeit die (tugendhafte) oberjägermeisterin auch in diese mitternächtigen wüsteneien locken, und wolle machen, dasz sie unter den tollen und ausgelassenen die tollste und wildeste sein solle W. RAABE s. w. I 3, 464 Klemm. |
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so reiszt die netze, die die höhl umstricken der löwe ... der nächste fällt, des wüstenkönigs beute GAUDY s. w. (1844) 7, 131; vgl. FREILIGRATH ges. dicht. (1870) 1, 151. 2) vereinzelt, unter anderem aspekt, für das kamel: unbeschreiblich hochmütig schauten die wüstenkönige von ihrer kopfhöhe her auf die eigentümer der bäumchen nieder und schienen auszudrücken, dasz blühende kirschbäume gerade gut genug für trampeltiere seien PONTEN im Wolgaland (1933) 70. 3) könig eines wüstenvolkes: Tanfirion, könig von Almasille, zwar besser wüstenkönig wohl genannt, denn unterm himmel haust in öder stille sein volk; kein dach noch fach im ganzen land REGIS Bojardos verl. Roland (1840) 245. -- |
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Bd. 30, Sp. 2463 brautführer gegen den bräutigam (Johannes d. täufer): ankündigender wüstenlaut vor der groszen person des kommers (Christus) HERDER 7, 197 S.; vgl. 29, 44. --
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er geht! priester und opferthier der kranken zeit, einer von vielen wüstenpredigern FREYTAG ges. w. (1886) 2, 102. -- |
| WÜSTE, f. |
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