Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. 16 Bde. [in 32 Teilbänden]. Leipzig: S. Hirzel 1854-1960. -- Quellenverzeichnis 1971.
  LICHTEN, v.  -  LICHTFEIND, adj.   (Band 12, Spalten 880 - 883 )  
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTEN, verb. licht geben. das ahd. verbum liohtan, nebenform zu liuhtan, setzt sich im mhd. liehten fort, lebt aber, so viel zu ersehen, über die mhd. zeit hinaus nicht, sondern geht vor dem vielgebrauchten verbum leuchten verloren, vgl. sp. 828. erst im 18. jahrh., von ADELUNG zufrühest verzeichnet, kommt das verbum lichten wieder auf, es musz darum als eine neubildung, theils vom subst., theils vom adj. licht angesehen werden. es wird intransitiv, transitiv und reflexiv verwendet.

1) 
intransitives lichten, licht geben, licht verbreiten: und will mein verdumpftes herz in lichtender, frischer liebe auslüften. TIECK ges. nov. 5, 36;

schon sind die feuerwürmchen angeglommen,
und flattern lichtend durch die grünen moose.
         werke 2, 115;

wälder, wo kaum der mittag lichtet,
und schatten mischt mit balsamreicher schwüle.
         MÖRIKE gedichte (1848) s. 42;

unpersönlich es lichtet, es wird licht:

sterne versanken und monden in blut.
aber nun wittert und lichtet es gut:
sonne sie nahet dem himmlischen thron.
         GÖTHE 13, 302.

2) 
anders der tag lichtet, beginnt licht, hell zu werden, anzubrechen: Woldemar sasz da, unterdessen heiter der tag heranlichtete. JACOBI Woldemar 1 (1779) 200;

der weihnachtstag begann zu lichten.
         LANGBEIN 2, 79.

3) 
transitiv etwas lichten, licht machen: verschmähung des scheins und prunks. wie würde dann das dunkle deutsche leben gelichtet! J. PAUL friedenpr. 24; der weg, den wir nehmen, soll hoffentlich die ganze gegend lichten. HERDER (bei WEIGAND wörterb. d. synon. 2, 313);

taghell ist die nacht gelichtet.
         SCHILLER glocke v. 192

und schmückt die welt mit frühlingsprangen
und lichtet die gewaltge nacht.
         KÖRNER werke 2, 16;

wer lichtet uns der erde grund?
         25;

wer soll nicht weinen, soll nicht jammern, wenn
ein solcher stern am himmel untergeht,
der sein jahrhundert sonnenhell gelichtet?
         Zriny 4, 2;

er schien noch ein brennspiegel im mondlicht, oder ein dunkler edelstein von zu vieler farbe zu sein, den die welt, wie andere juwelen, erst durch hohlschleifen lichtet und bessert. J. PAUL Titan 1, 2, es scheint hier ein technischer ausdruck der steinschleifer verwendet.

4) 
im forstwesen einen wald lichten, ihn durch aushauen von bäumen dünner bestanden machen; bildlich: umgekehrt sind in unserm zeitalter die heiligen haine der religion gelichtet und abgetrieben. J. PAUL Levana 1, 56; danach übertragen eine gesellschaft, reihen lichten; der tod hat unsere reihen gelichtet; die gesellschaft ist durch den austritt vieler mitglieder sehr gelichtet worden.

5) 
lichten, in bezug auf die seele (vergl. das adj. licht 17 sp. 860 und das subst. licht II, 14 sp. 871):

zu den sternen will er flüchten,
sich den innern drang zu lichten.
         KÖRNER werke 2, 23;

und was melodisch meine brust durchklungen,
das lichtet herrlich meines strebens nacht.
         45;

nur eins kann ihn verderben und beglücken,
und eins nur lichtet seiner seele nacht.
         124;

es hat sich so vielerlei stoff von aberglauben, phantasie und poesie auf seine seele gelegt, dasz sie musz durch explosionen wieder gelichtet werden. TIECK nov. kranz 4, 374, wo aber auch die vorige bedeutung einspielt.

6) 
das part. gelichtet, mit licht versehen:

dann mögen diese felsen um mich her
die undurchdringlich feste mauer breiten,
und dies verschlossne selge thal allein
zum himmel offen und gelichtet sein!
         SCHILLER Tell 3, 2.

Bd. 12, Sp. 881

7) 
reflexiv, sich lichten, hell werden (mhd. stand dafür sich liuhten: ouch begunde liuhten sich der walt. Parz. 282, 9):

wüsten, öd und schauerlich,
lichten sich in deiner strahlenquelle.
         SCHILLER melancholie an Laura;

der liebe himmel, wetterschwül,
hat sich am abend sanft gelichtet.
         RÜCKERT 235;

sich sonnen, im lichte baden:

Laura, über diese welt zu flüchten
wähn ich, mich im himmelmaienglanz zu lichten,
wenn dein blick in meine blicke flimmt.
         SCHILLER entzückung an Laura;

in bezug auf erkenntnis: nach langer nacht des wahnsinns begann sein geist sich wieder zu lichten; und unpersönlich:

Roberto, hebt es an, sich dir zu lichten?
         UHLAND ged. 455.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTEN, verb. die niederdeutsche form für leichten, vergl. sp. 640, ist besonders in bezug auf das emporheben des ankers aus meeres- oder stromgrunde in die schriftsprache übergegangen (wo FLEMING noch das hochdeutsche leichten gebrauchte, vgl. die stelle a. a. o.): die gemeinen redensarten der schiffleute vom anker sind: ... den anker lichten oder aufheben. EGGERS kriegslex. 1 (1757) 65;

sie schwimmt um ihn (den nachen) herum,
taucht unter, und spielt mit dem anker,
will lichten vor ungeduld!
         KLOPSTOCK 10, 251;

schon erhebt sich das segel, es flattert im winde: so sprach er;
und gelichtet, mit kraft, trennt sich der anker vom sand.
         GÖTHE 1, 298;

sprich, ist keiner, der mir fremden sagt,
was sie eilen und die anker lichten?
         KÖRNER werke 2, 150;

wird ein anker irgendwo gelichtet.
         UHLAND ged. 433;

das schiff ist hergezogen. gut. doch hört:
nicht anker ausgeworfen! hört ihr? nicht!
der augenblick kann uns die abfahrt bringen,
und obs zum lichten zeit dann, weisz ich nicht.
         GRILLPARZER werke 3 (1878) s. 120 (Argonauten 4. aufz.).

auch in andern bedeutungen kommt dies lichten seit dem 17. jh. ins hochdeutsche: nach dem holländ. een schip lichten (ausladen KRAMER niderhocht. dict. 176c, ebenso niederdeutsch, vgl. brem. wb. 3, 61) gibt schon STIELER 1134 ein schiff lichten levare navim mercibus, ut fieri solet in portubus haut satis profundis, cum navis onerata intrare nequit; das niederl. volk lichten, volk erheben, werben (KRAMER a. a. o.) heiszt: lichten, das volk oder die soldaten lichten d. i. aus den besatzungen heraus ziehen und ins feld führen. JUNKER cur. nouvellen-lexicon 103; selbst sein gewissen lichten exonerare conscientiam STIELER 1134; bis sie .. gebeichtet und ihr schwer beladenes herz gelichtet hatte. HIPPEL 2, 281; und sonst wie emporheben, aufheben:

die wände stattlich tapeziert
mit schönen biblischen geschichten,
als -- Mose im kästlein, und fräulein viel
in steifen miedern, entblöszt (mit züchten)
bis über das knie, um aus dem Nil
das knäblein an den strand zu lichten.
         WIELAND 21, 39;

kaum hat er aus den federn sich gelichtet,
so wirft er seinen mantel um.
         275.

lichten ist in jeder der angegebenen bedeutungen ableitung von dem schon mnd. mnl. adj. licht, das gegenüber mhd. lîht leicht vocalkürzung hat eintreten lassen; der begriff des leicht machens, erleichterns wendete sich, wie im lat. levare, zu dem des emporhebens. eine verwandtschaft mit engl. lift und hochd. lüften ist nicht vorhanden.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTENDE, n. ende einer kerze; dim. lichtendchen: damit der glanz dieser kräfte nur wie juwelen spiele, nicht wie lichtendchen der nothdurft erhelle. J. PAUL vorsch. d. ästh. 1, 68.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTENGEL, m. engel des lichts: die stelle Hiobs, da der staubmensch dem flammenden reinen lichtengel entgegengesetzt wird. HERDER bei CAMPE.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTENKRAUT, n. chelidonium majus, das grosze schellkraut. NEMNICH 2, 1010.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTER, m. kleineres fahrzeug, in seichten häfen zum lichten gröszerer schiffe dienend. JACOBSSON 2, 608a. vergl. das zweite verbum lichten; auch leichter sp. 640.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTERARM, adj. arm an kerzen:

die welt, die ehmals lichterarm, gleich einem puppenspiel,
mir widerlich ins auge fiel.
         THÜMMEL 2, 3.

vgl. lichtarm.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTERBAUM, m. der mit lichtern besteckte weihnachtsbaum.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTERDAMPF, m.: indessen hatte das bild nach und nach durch lichterdampf und staub von seiner ersten lebhaftigkeit vieles verloren. GÖTHE 52, 81.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel 

Bd. 12, Sp. 882

LICHTERFÜLLT, part.: ins heitre, lichterfüllte blau. BETTINE briefe 1, 257;

sie haben heut abend gesellschaft,
und das haus ist lichterfüllt.
         H. HEINE 15, 164.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTERGIESZEREI, f. das gieszen von lichtern; das geschäft, welches dasselbe betreibt. in einer zeitungsanzeige wurde eine seifensiederei und lichtergieszerei zum verkauf ausgeboten. s. lichtgieszerei.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTERGLANZ, m.: viele fenster waren erleuchtet, und der lichterglanz verbreitete über den straszen ein schattenloses, gespenstiges licht. FREYTAG soll u. haben 1, 408. vergl. lichtesglanz, lichtglanz.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTERHALTER, m. vorrichtung zum halten der kerzen am weihnachtsbaume. vgl. lichthalter.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTERLOHE,LICHTERLOH, zusammenrückung der absoluten genitive lichter lohe sp. 856, schon seit dem 16. jahrh. in der formel lichterlohe brennen: aber ehe sie zusehen, wird das feuer beginnen zu loddern, lichterlohe brennen. PAPE bettel- u. gartenteufel (1586) H 6b; so brennet sein haus auch schon lichterlohe. Simpl. 1, 37 Kurz; mein lichterlohe brennendes herze. ehe eines weibes 215; dasz er von liebe lichterloh brannte. Plesse 1, 130; wegen der annoch lichterloh brennenden kriegsflammen. Felsenburg 1, 117; dem lichterloh brennenden Venusbruder. 2, 105; mein herze brennet vor liebe lichterloh. 346; ich brenne lichterloh. GÖTHE 6, 128; brennen zwei dörfer lichterloh. 8, 149; mit einemmale brannte der fenstervorhang lichterloh. L. TIECK ges. nov. 2, 43;

mein feuer ist entstanden
und brennet lichterloh.
         P. GERHARD 282, 154 Gödeke;

ein mädchen, dacht ich da, ist wie ein bündel stroh,
wenn es zum feuer kömmt, so brennt es lichterloh.
         PICANDER 3, 327;

des nachbars haus
stand lichterloh in brand.
         GÖKINGK lieder zweier lieb. (1779) 83;

meine dichtergluth war sehr gering,
so lang ich dem guten entgegen ging;
dagegen brannte sie lichterloh,
wenn ich vor drohendem übel floh.
         GÖTHE 2, 251;

ihr seid ja heut wie nasses stroh
und brennt sonst immer lichterloh.
         12, 103.

in adjectiver flexion: aus lichterlohem geize. HIPPEL 12, 187;

ich kann nicht weinen, alles nasz in mir
gnügt kaum mein lichterlohes herz zu löschen.
         Shakesp. Heinrich IV 3, 2, 1;

J cannot weep, for all my body's moisture
scarce serves to quench my furnace-burning heart.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTERLOHEN, verb.:

erst schwält, dann lichterloht der brand.
         Königsberger polit. taschenbuch s. 311.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTERLÖSCHER, m. der das licht (hier des geistes) erlöschen macht:

fort mit dem lichterlöscher zu den molchen!
fort mit dem freiheitsmörder zu dem galgen!
         ARNDT ged. 404.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTERSCHEINUNG, f. erscheinung eines lichts: wir sprechen nunmehr von krankhaften sowohl als allen widernatürlichen, auszernatürlichen, seltenen affectionen der retina, wobei, ohne äuszeres licht, das auge zu einer lichterscheinung disponirt werden kann. GÖTHE 52, 62; erscheinung eines lichtvollen wesens:

mich selbst
hast du umstrahlt wie eine lichterscheinung,
als du vorhin ins zimmer tratest.
         SCHILLER M. Stuart 2, 9.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTERSEGLER, m. lichter, schiff zum lichten, mit mast und segeln. JACOBSSON 2, 608b.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTERVOLL, adj.:

ihm wird ein hofgepräng, in lichtervollen zimmern,
weit sehenswerther sein, als wenn die sterne schimmern.
         UZ 2, 65.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTESFLÜGEL, m.:

wer bin ich staub,
dasz ich auf lichtesflügeln streb empor?
         HERDER zur litt. 4, 71.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTESGLANZ, m.: jedes Deutschen fenster strahle im lichtesglanz. Köln. zeitung vom 1. mai 1871. s. lichterglanz, lichtglanz.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTESKIND, m.:

lauter lichtes-kinder bringet Delila;
immer war am tage, der sie liebte, da.
         LOGAU 3, 180, 39.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel 

Bd. 12, Sp. 883

LICHTESLIEBE, f.:

die blume, die sich in der sonne gluthen
in selger lichtesliebe selig trinkt.
         ARNDT ged. (1840) 215.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTESMEER, n.:

wie wir hier sichtbarlich erblicken, dasz das so helle lichtesmeer,
das so viel millionen meilen, in unzertheilten strahlen, füllet,
aus einer quell, der sonne, quillet.
         BROCKES 7, 331.

vgl. lichtmeer.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTESPRACHT, f.:

du sonn in lichtespracht.
         FREILIGRATH dicht. 4, 131.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTESSTRAHL, m.:

und du (seele), die in mir denkt, bist sonne; was du denkest,
ist mehr als lichtesstrahl.
         HERDER z. litt. 3, 135.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTEULE, f. ein nachtfalter, phalaena pronuba. NEMNICH.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTFALL, m. nach wasserfall gebildet: aber der himmelsstaubbach hatte sich versprungen, und blos Lunens lichtfall übersprengte noch die gegend. J. PAUL Hesp. 1, 119.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTFEIND, m. feind des lichtes: motten, fledermäuse sind lichtfeinde. feind der aufklärung: blieb von dem reichbegabten menschen ... nur ein grämlicher lichtfeind übrig. Frankf. journal vom 17. jan. 1872.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  LICHTFEIND, adj. dem lichte feind (entgegen der bemerkung zu feind 2, th. 3, 1458 auch in attributiver stellung): da scheühet der liechtfeind vogel den tag. S. FRANK chron. 1531 457a; in summa dise liechtfeind welt ist und bleibt ein reich der finsternüs. weltb. 155b.
 

 
 © 2007 by Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften an der Universität Trier