Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. 16 Bde. [in 32 Teilbänden]. Leipzig: S. Hirzel 1854-1960. -- Quellenverzeichnis 1971.
  URIN, m.  -  urkünstler, m.   (Band 24, Spalten 2446 - 2465 )  
Verknüpfung auf diesen Artikel  URIN, m., aus lat. urina entlehnt. nachdem die medicinschule von Salerno die harnuntersuchung ausgebildet, ging das lat. wort aus der spr. der ärzte, z. th. über afrz. urine, in die europäischen cultursprachen über. engl. ist urine seit dem anfang des 14. jhs. bezeugt, nicht viel später mnl. orine, urine, im 15. jh. mnd. urine. das mhd. kennt urinâl, kein urîne; nhd. erscheint u. im 16. jh. dän. schwed. urin. zur verwandtschaft und ableitung FALK-TORP 1336; 1572. u. hat vielfach die volksmäszigen alten bezeichnungen (z. b. oberd. seich, geseich, brunne, brunz, brünzel, oberd. und md. seiche, die bach, bächlein, wasser, nd. pisse, mige, pinkel) ersetzt und steht bes. mit dem gemeinsprachlichen harn in wettbewerb (vgl. 4). das geschlecht ist auch bei uns ursprünglich f. (so noch JOD. HOCKERUS im theatrum diab. 99b; S. SUEVUS geistl. wallfarth [1573] 78a; SCHÄVIUS in FEL. WÜRTZ wundarznei [1612] 17; ORSÄUS nomenclator [1623] 221), der geschlechtswechsel ist durch das syn. harn bewirkt. eine bair. form lurin (MAUSZER registerb. zu Schmellers mundarten Bayerns 287) erwähnt HÖFLER krankheitsnamenb. 764a; sonst fehlt u. den mundarten in der regel (FISCHER schwäb. wb. 6, 297). ein plur. bezeichnet urinarten (vgl. lat. urinae): harnstoffgehalt verschiedener urine SÖMMERRING bau d. menschl. körpers 5, 352, oder verschiedene quantitäten ADELUNG. betonung der 2. silbe ist die regel; úringlas (s. d.) betont einmal im verse CHR. REUTER.

1) 
urin, harne, brunnen, pruntzwasser, der saich S. ROTH Q 8b; urina, die urin, harn ORSÄUS nomenclator meth. (1623) 221. mhd. harmbrunne, -wazzer. vgl. kammerlauge. das syn. harn ist volksmäsziger und überwiegt in zusammensetzungen, während u. im allgemeinen als gegenstand ärztlicher oder chemischer untersuchung häufiger ist: ist solches nicht anders zu verstehen, dann wie ein menschlich urin ausz dem wasser, luft, erden und fewr wirdt PARACELSUS (1616) 2, 1 C H.; undt lieszest den munch wasser oder seinen eigenen urin saufen, wen ehr an Christum nicht gleubet LUTHER 33, 101 W.; so haben auch die medici ihre signa ausz der urin oder disposition der menschen JOD. HOCKERUS der teufel selbs theatr. diab. (1569) 1, 66a; P. ALBINUS meisznische bergchron. (1590) 145; eselkönig 46; unser u. war unser getränke AD. OLEARIUS oriental. reise 150; HOHBERG georg. 3 (1715), 110a; CHR. THOMASIUS gedanken u. erinn. 1, 38; die 15. tafel zeiget die aus einem tropfen menschlichen urins ... angeschossenen salzcristallen GOTTSCHED d. neueste 9, 473; literaturbriefe 11 (1761), 10; THÜMMEL reise 5, 97; so bildet der u. die nieren, die galle die leber GÖTHE II 13, 51 W.; IMMERMANN 2, 43 B.; HEGEL I 7, 627; ... dasz die gedanken

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etwa in demselben verhältnisse zum gehirn stehen, wie die galle zu der leber oder der u. zu den nieren DU BOIS-REYMOND grenzen des naturerkennens (1873) 36. die dichtung verschmäht u. nicht:

pflag doch Vespasian zoll vom urin zu nehmen
         TRILLER poet. betrachtungen 4, 637;

Birch-Pfeiffer söffe terpentin,
wie einst die römischen damen
(man sagt, dasz sie dadurch den urin
besonders wohlriechend bekamen)
         H. HEINE 2, 453 E.;

benutzt wird alles, was nur gott verlichn,
der ganze mensch, sein koth und sein urin
         HOFFMANN V. FALLERSLEBEN ges. schr. 4, 216.

blutiger, dicker, dünner, flockiger, heller, klarer, wässeriger u. s. w. u. HÖFLER 764a. verbale verbindungen: den urin reddirn (urinam reddere) KIRCHHOF wendunmuth 2, 155 Ö., abführen H. SCHÄVIUS anatom. abrisz in FEL. WÜRTZ wundarznei (1612) 17, lassen ORSÄUS nomenclator 297, nicht lassen können GRIMMELSHAUSEN Springinsfeld 2, 27 Keller; menschen, die aus weichheit wohltuhn, immer wohltun, sind nicht besser als leute, die ihren u. nicht halten können GÖTHE 39, 18 W.; u. abschlagen (abschlagung) rockenphilos. (1708) 1, 169, durchs feuer probiren THURNEYSZER m. alchymia vorr. 5, brennen HUFELAND makrobiotik 2, 301, verhalten (verhaltung) ZIMMERMANN einsamkeit 2, 227 (ischurie KINDERLING 183); der u. war ihm unterdrückt H. LAUBE 5, 138; den u. treiben NEUMARK palmbaum (1668) 62, beschauen, besehen S. SUEVUS geistl. wallfarth (1573) J 8a; JAC. GRIMM Reinhart fuchs CXXXII; LICHTENBERG nachlasz 103; untersuchen; abzapfen; der u. geht ab, von statten BREMSER 268, wird abgesondert, entleert u. s. w.

2) 
die verwendung des urins in der heilkunde, im gewerbe, in der metallbereitung, der landwirtschaft, im aberglauben, in der sitte ist fast ganz verschwunden. KRÜNITZ 202, 157: sintemal man weisz, dasz der u., die immenstich damit gewaschen, beydes schmertzen und geschwulst augenblicklich hinwegnimmt GRIMMELSHAUSEN vogelnest 2, 488 Keller; wenn sonst ein pferd auf der reise mit dem sattel wund gedruckt wird, so wasche es auf den abend fein rein mit u. WALTHER pferde- u. viehzucht (1658) 55; 70; viehbüchlein 43; er (d. feldscher) musz die wunden mit wein oder brunnenwasser ... oder mit des patienten u., welches fast am besten, auswaschen V. FLEMING soldat (1726) 322; den Cantabrern und Celten war die gewohnheit gemein, dasz männer und frauen sich mit u. wuschen W. V. HUMBOLDT ges. schr. 4, 192. in der tuchmacherei, bei walkern, gerbern, färberei s. urinbad, -fasz, -gefäsz, -küpe und KRÜNITZ a. a. o. stickstoff des urins STÖCKHARDT chem. feldpredigten f. d. landw. 1, 32. die feuwerwerk und feuwerkuglen, so mit u., brentwein, essig oder andern scharpfen wassern ... angemacht, zerspringen FRONSPERGER kriegsb. 2, 133b; die kissigen ertz ... in u. ... abgelöscht ERCKER beschr. aller miner. ertzt (1580) 51b. besprenge das abgeschnittene haar und nagel mit dem u. TREUER Dädalus 1, 564; gegen verhexung nimb metterkraut, koche es in u. und wasche die kühe ... damit M. BÖHME vieharznei (1682) 8; dennoch giebt es einfältige tropfe, die glauben, dasz, wenn die leichten ducaten in u. geweicht ... wurden, so würden sie ihr gewichte wiederbekommen J. G. SCHMIDT rockenphilos. (1718) 2, 192; wenn ein erbdieb, dessen mutter, als sie mit ihm schwanger war, gestohlen oder diebsgelüsten gehabt, an dem galgen hängend u. niederfallen läszt, so wächst daraus das galgenmännlein BRENTANO 6, 431 (vgl. galgenmännlein); nach dem uralten aberglauben konnten hexen schlimme wetter machen, wenn sie einen topf mit u. ans feuer setzten KÖRTE sprichw. 489. kot, stercus (wie im mnl. Reinaert II 7345), minderwerthiges:

ja sah ich manchen kerl aus stinkendem urin
durch list und schwätzerey den reichsten vortheil ziehn
         J. CHR. GÜNTHER (1735) 485.

3) 
bes. in zusammensetzungen tritt die concurrenz mit harn scharf hervor. die n. spr. bevorzugt in vielen fällen,

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z. th. schon der kürze wegen, harn (z. b. in harnblase, -gries, -krank, -krankheit, -leiden, -leiter, -röhre, -ruhr, -ruthe, -säure, ebenso in pflanzennamen z. b. harnkraut); KRÜNITZ 200, 157 ff. verzeichnet noch z. b. die heute ungewöhnlichen urinröhre, -ruhr, -säure, und in den hier ausgewählten zss. sind einige heute weniger üblich, z. b. uringang.
urinabgang HUFELAND makrobiotik 2, 301, -absonderung SÖMMERRING bau d. m. körpers 8, 1, 9, -art STÖCKHARDT chem. feldpred. 1, 79, -arzt curieuser u. vernünftiger u. (1728), zu unterscheiden vom heutigen facharzt für harnleiden, sonst als urindoktor, -prophet verspottet (GÖTHE gebraucht harnprophet), -bad ('zum wollwaschen, dasjenige warme bad, halb von u., halb aus wasser, mit etwas salz und potasche versetzt, in welchem die spanische wolle gewaschen und von ihrem fettigen schweisz und schmutz gereiniget wird') JACOBSSON 4, 495a, -becken SCHWAN (1783) 2, 873a (vgl. DIEFENBACH gl. 342c madula, harnfasz, -geschirr, -kachel, nachtgeschirr, -topf, seichkachel, brunzkachel mit vielen vulgären varianten), -beschauer (es kömmet mir dieses herrliche judicium und examen von der milch ebenso für, als wenn die herrn urinbeschauers aus dem urine ... diese oder jene krankheiten zu erkennen vermeinen J. A. A GEHEMA säugamme [1698] B 3a; teufelsbanner und alchymisten, propheten, sterndeuter, zauberer, jongleurs und schwärmer, urinbeschauer und wunderthäter jeder art ZIMMERMANN einsamkeit 2, 64; 3, 41; BRENTANO 5, 368; F. H. V. D. HAGEN briefe in d. heimat 1, 127; PANSNER schimpfwb. 74b; vgl. urinarzt), -beschauerei ZIMMERMANN einsamkeit 4, 395 (uroscopia HÖNN betrugslex.2 10), -besehen medic. maulaffe 228, -bestandtheil SÖMMERRING bau d. menschl. körpers 8, 1, 318, -blase ADELUNG ('in schriften die harnbl.'), SCHWAN, VOIGTEL, CAMPE; LICHTENBERG verm. schr. 7, 372; SÖMMERRING bau d. menschl. körpers 5, 327 u. o.; SCHOPENHAUER 2, 387 Gr., -blume statice armeria L. ADELUNG, CAMPE; NEMNICH wb. d. naturgesch. 611; vgl. harn-, seichblume; -deutung (uroscopie) BERNHARDT waldeigentum 1, 206, -doktor (nd. piszdokter; vgl. urinarzt) SCHWAN (1783) 2, 873a; KLENZ scheltenwb. 8, -farb(e)stoff SÖMMERRING bau d. menschl. körpers 8, 1, 317, -fasz ABELIUS leibmedicus (1770) 179; die urinfässer der walcker BECKER weltgesch. (1801 ff.) 3, 446, -feucht, adj. HEGEL I 10, 276, -fistel KRÜNITZ 202, 165; BROCKHAUS 815, 189a, -fläschchen ROSEGGER Alpensommer 242; vgl. uringlas, urinal, -flusz enuresis, diabetes KRÜNITZ 202, 165; HÖFLER 163b, -gang (ureter) medicin. maulaffe 38; ABELIUS leibmedicus 296, -gefäsz (= -fasz) CRANZ hist. v. Grönland 1, 218; RATZEL völkerk. 2, 753. (= -gang) HEGEL I 7, 627, -geist ADELUNG, CAMPE, KRÜNITZ. -- uringlas, n. , 'u., urinal, ein glas, worein die kranken ihren urin fangen, um ihn von dem arzt besichtigen zu lassen' JACOBSSON 4, 495a; KRÜNITZ 202, 165. vgl. harm-, harnglas: es erschienen im alle planeten im uringlase polit. maulaffe 321; rockenphilos. (1706) 1, 7; medicin. maulaffe 270; er konnte aus dem uringlase besser wahrsagen, als ein zigeuner aus der hand RABENER 2, 49;

kamen manche doch mit säbeln auf der brücke hergerannt,
manche liefen auch und trugen ein uringlas in der hand
         TRILLER poet. betrachtungen 3, 25; GERSTENBERG schlesw. literaturbr. 149 lit. denkm.; SCHUBART br. 1, 78 Str.; ihr werdets wissen, ... dasz nächsten tags ein doctor sich in seinem eignen uringlas ersäufen soll MALER MÜLLER 1, 310. übertragen: drumb wolten ihnen die evangelischen das u. heufig schicken P. GÄDICCUS purgatorium (1603) 20; im lied des harlequin:

mein süszer bienenkorb, mein klares uringlasz,
verzeihe, dasz ich dich anrenn auf dieser strasz
         CHR. REUTER harlequins hochzeitschm. 2, 47 ndr.

-- urinkraut = harnkraut d HOLL wb. d. d. pflanzennamen 55b; KRÜNITZ 202, 166 verzeichnet den namen noch für reseda, ononis arvensis und linaria vulgaris. vgl. urinblume. nl. orijnkruid. -- urinküpe, f. , 'so heiszt nach dem betr. gefäsz die methode, den indigo durch faulenden urin zu reduziren und zu lösen' MOTHES baulex. (1882) 4, 397; LIEBIG hdb. d. chemie 1151; PRECHTL 2, 202. --

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u r i n m e n g e STÖCKHARDT chem. feldpred. 1, 81, -phosphor
JEAN PAUL 15/18, 154 H., -pille allg. haush.-lex. 3, 52, -prophet, m. , = harnprophet, vgl. urinarzt, -beschauer, -doktor. als schelte KLENZ 8: der u. S. zog von allen enden von Europa leichtgläubige menschen zusammen NICOLAI reise 7, 109 anh. oft übertragen bei JEAN PAUL: wie glücklich sind nicht die magnetischen schläferinnen, die ... zu solchen urinpropheten modellirt werden! 4, 294 H.; ihr urinpropheten des himmels! herbstblumine 3, 198; leider sind freilich von postknechten keine urinpropheten zu erwarten 31, 31 H.; der kritischen sätze (um in den sprachen der urinpropheten und der kantianer zugleich zu reden) waren zu viele 45/47, 139 H. -- urinröhre, f. , urethra ABELIUS leibmedicus 390; KRÜNITZ 202, 170, der aber im text immer harnröhre gebraucht, -salz VALENTINUS chim. schr. (1677) 1, 419; ADELUNG; das flüchtige u. sal urinae volatile KRÜNITZ 202, 173, -satz sedimentum ebda; urinbodensatz SACHS-VILLATTE, -schneiden HÖFLER 591a, -schneller KRÜNITZ 202, 174, -sperrer CAMPE, -stein CAMPE, KRÜNITZ 174 ff. (im text aber harnstein), -stoff 178, -strahl LICHTENBERG verm. schr. 9, 292, -treibend: (diuretica) urintreibende mittel SCHWAN 2, 873a; die beeren haben eine starke urintreibende kraft ZSCHOKKE 11, 280, -verhaltung KRÜNITZ 202, 179, -verkauf polit. maulaffe 323, -wege BRENTANO 6, 448; SÖMMERRING bau d. menschl. körpers 8, 1, 319, -werkzeuge NAUMANN vögel 1, 46, -wölkchen CAMPE für enäorema verd. wb. (1813) 286a, -zwang diabetes KINDERLING (1795) 165 u. s. w. anderseits k i n d e r - ,  t h i e r - ,  v o g e l - ,  s c h l a n g e n u r i n ,  z u c k e r u r i n u. s. f. -- urinal, n. , das uringlas, wie urin aus lat. urinale, z. th. über afr. urinal, in die cultursprachen übergegangen. mhd. urinâl, mnl. orinael, ornael, nl. orinaal, ordinaal, urinaal, mnd. uriginal (vgl. afrz. plur. orignaulx), engl. urinal. orinal FISCHER schwäb. wb. 6, 297. vgl. die d. bezeichnungen bei DIEFENBACH gl. 630a; n. gl. 386b; urinfläschchen, -glas; harm-, harnglas: so gibet ... dise kunst viel schöne ... geschirr ... der ertzten, die zu irem destilirn und urinalen der viel gebrauchen MATHESIUS Sarepta (1571) 206b; u. ist ein glas, worinnen die kranken ihren harn fangen, dasz er dem arzte gezeigt wird allg. haushalt.-lex. 3, 625; KRÜNITZ 202, 180; 182; HEYSE-BÖTTIGER7 846b. -- urinieren, v. , vom lat. urinare, ebenso wie im franz. und engl. im 16. jh. aus der spr. der ärzte in die gemeinspr. gedrungen (franz. uriner, engl. urine, urinate); heute das gebräuchlichste wort in gebildeter rede. ältere bezeichnungen bei DIEFENBACH gl. 630b, die volksthümlichen umschreibungen und ausdrücke sind unerschöpflich mannigfaltig. CAMPE verd. wb. (1813) 600a verlangt harnen: aber wann es nit allwegen blut uriniert, ist ex calculo, der etwan ein ader gebrochen hat PARACELSUS (1616) 1, 453 A H.; kammerherren leiden gewöhnlich an steinschmerzen, weil sie nicht oft genug urinieren können, wenn sie im dienst sind HEBBEL tageb. 3, 377 W.; substantiviert: drang zum uriniren SCHOPENHAUER 5, 184 Gr. -- urinisch, adj. , urinarius, franz. urinaire, engl. urinary: in den urinischen gängen PARACELSUS (1616) 1, 485 A (H.). -- urinös, adj. adv. (franz. urineux, engl. urinous, lat. urinosus), harnartig (CAMPE verd. wb. 600a), was nach urin riecht, schmeckt (KRÜNITZ 202, 183). allg. haushalt.-lex. 3, 48: urinösen ... geschmack (mineralogie) OKEN allg. naturgesch. 1, 129; adv. u. riechen SÖMMERRING bau d. menschl. körpers 6, 61.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  URINDIVIDUUM, n., ursprüngliches individuum (ur- C 4 c): keime, die in dem u. alle vereinigt waren SCHELLING I 3, 56; den gesetzen der mechanik unterworfene urindividuen BOLTZMANN popul. schr. 359. -- Urindogermane BREMER ethnographie der germ. stämme 21. u r i n d o g e r m a n i s c h HOOPS waldbäume 121. -- urinhaber, m. (war als beispiel des 16. jhs. unter ur- C 4 c zu erwähnen): von den einstiftern und urinhabern diser stad DREYFELDER hist. des hauses Est (1580) 80a. -- urinhalt (ur- C 4 c) HERDER 6, 407 S.; SCHELLING I 1, 110. -- urinsekt, n.: urinsekten, apterogenae BREHM thierl. (1890 ff.) 9, 611; urinsekten, apterygoten HERTWIG lehrb. d. zoologie9

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442. -- urirrthum, m.
SCHOPENHAUER 4, 95 Gr. (ur- C 4 c).
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  URJÄGER, m., jäger der urzeit: den urfischer und den u. läszt er (Riccardo) sofort als waarenbesitzer fisch und wild austauschen K. MARX zur kritik der polit. ökonomie 38. -- urjahr, n., in der verb. seit urjahren (seit den jahren der urzeit, seit urdenklichen zeiten), eine verkürzung, die an die grenzen streift, welche den ur-zusammensetzungen gezogen sind. KLOPSTOCK hatte schon urjahrhundert (s. d.) gebildet. vgl. urglas:

weil dieses thal (Karlsbad), von bergen rings umfriedet,
ein ungeheures wunder sich erzeugt,
wo heimlich seit urjahren unermüdet,
heilsam gewässer durch die klüfte schleicht
         GÖTHE 16, 324, 27 W.

-- urjahrhundert, n., jahrhundert der urzeit. zur zs. s. urjahr:

da enget das thal der fels herüberragend,
auf dem das einzige maal der urjahrhunderte Deutschlands
der pfadverlierende wanderer sieht (d. Rosztrappe)
         KLOPSTOCK oden 1, 226 M.-P.;

seit urjahrhunderten BAGGESEN 2, 77. -- urjude (ur- C 4 c) E. DÜHRING die gröszen der mod. litt. 1, 38. -- urjudenthum GUTZKOW (1872 ff.) 4, 342. -- urjugendlich (ur- C 4 a) SALLET 2, 286; LENAU 246 B. -- urjurist (ur- C 4 c) HEBBEL tageb. 4, 225 W.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  URK, m., aus span.-portug. urca, lat. orca tonne (KÖRTING lat.-rom. wb. [19012] 631). das m. stammt aus häufigerem l. urceus: England versorgt sich meistens aus Portugall mit salz, jährlich mit 300 urken, und hält ein jeder urk 400 fasz oder scheiben J. TH. SPRENGER bei BESOLD thes. pract. (1699) 2, 624b. -- urkaiser,-kaiserfamilie (ur- C 4 c) SPENGLER untergang d. abendlandes 2, 386; NOVALIS 4, 254 M. -- urkalb, n., das als ursprünglich wild eingefangene kalb (ur- C 4 c) WIMMER d. boden 320. -- urkalk, m. (ur- C 4 c), roche, calcaire PANSNER mineral. wb. 152; primary or primitive limestone HOYER-KREUTER 1, 796: etwas wavelliten ... mit begleitendem fasrigen urkalk GÖTHE IV 36, 6 W.; RITTER erdk. 1, 576; 6, 77; HEGEL I 7, 445; MUSPRATT chemie (1893) 4, 1522;

der urkalk rings scheint mit dem starren, bleichen
antlitz des manns (ew. juden) aus einem stück gehauen
         LENAU 142 B.

-- urkalkfelsen GÖTHE III 1, 333 W., -lager RITTER erdk. 3, 860, -stein PANSNER 130; KARMARSCH-HEEREN 4, 611; MUSPRATT (1888) 2, 261; SCHÖNERMARK-STÜBER 554; HEGEL I 7, 449. -- urkalksteingebirge RITTER erdk. 1, 575, - l a g e r ZAPPE mineral. hlex. 1, 76. -- urkalt (ur- C 4 a) SIMROCK altd. leseb. (1854) 54. -- urkämpe, m., 1kämpe mit ur- C 4 a: landschaftlich das wilde schwein, in Westfalen auch ein groszer, vorzüglicher kämpe CAMPE. nach analogie von urhengst (s. d.) ein in der regel nur mit einem testikel versehener, zur zeugung unfähiger eber SCHAMBACH 250a. -- urkampf, m., entscheidungskampf (ur- C 4 c; vgl. urgericht) LENAU 660 B. -- urkante, f., kante des urgesteins J. G. KOHL Alpenreisen 3, 250. -- urkatholisch, adj. adv., katholisch mit ur- C 4 a und c: der urkatholische Calderon D. V. LILIENCRON 2, 139; P. ... vergasz keineswegs, dasz ihn drohungen auch mit dem päpstlichen index einst gezwungen hatten, seine philosophie urkatholischer zu machen GUTZKOW zauberer 5, 74. -- urkatze (ur- C 4 c) BREHM thierl. (1890) 1, 389. -- urkauf, m., vorheriger kauf des arbeitsmaterials (ur- C 4 c); 'capital zum vorankauf dessen, was zur betreibung einer wirthschaft oder eines gewerbes nothwendig ist; auch die materialien, die ein handwerker zur verarbeitung vorräthig hat; vorräthiges betriebscapital, das in die wirthschaft eingebrachte geld, fundus instructus' SCHMELLER-FR. 1, 1227; A. MAYER die d. lehnwörter im tschech. 44; 78:

under inen (d. handwerken) es (d. schreinerhandwerk) das beste ist.
es macht doch weder kott noch mist,
darf kein groszen urkauf darzue.
hat einer holz und leim genue,
so macht er arbeit mancherley
vor fürsten, herren, graffen, frey
         Regensburg. fastnachtsp. (1618) 1, 217 in Bayerns mundarten 2, 3 Br.

Bd. 24, Sp. 2451

-- urkeim, m.
, keim mit ur- C 4 c. noch von der pflanze (keim 2 a) im bilde: in jener ... Nibelungensage zeigt sich uns ... der u. einer pflanze, der ... die bedingungen, nach denen sich ihr wachsthum gestaltet, ... erkennen läszt R. WAGNER 2, 125. sonst keim 4, 5 entsprechend: der u. aller dinge WINCKELMANN 9, 474; eine geschichte des urkeims aller fabel HERDER 6, 405 S.; die urkeime der schwärmerei L. F. HUBER das heimliche gericht (1790) 240; NOVALIS 3, 194 M.; SCHELLING I 6, 388; E. M. ARNDT (1845 ff.) 2, 253; die urkeime der worte gleichsam SCHERER kl. schr. 1, 363; ROSEGGER II 5, 299. -- urkenntnis, f. (ur- C 4 c); vgl. grundkenntnis: die quelle ihrer (der wahren religion) urkenntnisse sprudelte in Asien zuerst M. CLAUDIUS 7, 12; J. H. VOSZ antisymb. 2, 410. -- urkerl, m. (ur- C 4 a), kraftwort: ein u. von einem studenten GOTTHELF 19, 53; einen u. aus der waldbergscholle ROSEGGER III 3, 137; von einem felsriesen: verhöhnst du mich? u.! VISCHER auch einer 1, 75. -- urkern, m. (ur- C 4 c), kern 11/13 entsprechend: die höhern organe ... als der u. der irdischen gestaltung NOVALIS 2, 36 M.; es giebt nur ein mark der dinge, welches ... im leichtsinnigen vogel vom u. sich abzulösen ringt IMMERMANN 3, 77 B.; SCHOPENHAUER 2, 277 Gr.; J. G. KOHL Alpenreisen 2, 25; das gewissen, der heiligste u. unseres ganzen lebens R. HILDEBRAND gedanken über gott 168;

einst im orkan herabgeschmettert
vom urkern dieser felsenwand,
von gluth gedörrt, vom sturm umwettert,
so stand umkräuselt er (d. felsblock) vom sand
         G. KINKEL ged. 2 (1868), 287.

-- urkieselschiefer ZAPPE mineral. hlex. 1, 461; lydit, lydischer stein KRÜNITZ 202, 184; s. v. w. kieselschiefer MOTHES baulex. (1882) 4, 397. -- urkind, n. mhd. urkint zwerg (ur- C 4 a) heldenb. 406 Keller; noch bei CAMPE als alt und brauchbar verzeichnet; FR. L. JAHN 2, 766 E.; das Frankfurter u., echte Frankfurter kind HOLTEI erz. schr. 37, 162. als benennung für die zwergrohrdommel botaurus minuta KRÜNITZ 202, 185. -- urkindlich (kindlich 3 mit ur- C 4 a) R. WAGNER 1, 213. -- urkirche, f. (ur- C 4 c), als neubildung bei CAMPE: ich könnte nie katholisch werden, aber auch nie das tiefe interesse verläugnen für die alte, heilige u. SCHLEIERMACHER aus s. leben 2, 430; DÖLLINGER ak. vorträge 3, 60. -- urkirchengeschichte JEAN PAUL 52/53, 24 H.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  URKLÄGE, adj., klaglos (s. klaglos 1 c), klagfrei, keine berechtigung oder veranlassung zur klage bietend (ur- C 3). mhd. urklage LEXER 2, 2005; FISCHER schwäb. wb. 6, 297. noch in frühnhd. schwäb. quellen, bes. in der verbindung u. machen: sich selbs damit losten und urcleg machten quelle (1459) bei FISCHER a. a. o.; einen urklage machen (1490) ebda. -- urklage, f. (ur- C 4 c) SPENGLER untergang des abendlandes 1, 461. -- urkläglich (ur- C 4 a) E. V. WOLZOGEN verse zu meinem leben 71. -- urklang, m. (ur- C 4 c). urklänge und -laute der spr. s. ZESEN unter urgeläute. der vom echo wiedergegebene ursprüngliche klang JEAN PAUL 52/53, 159 H. ursprünglicher klang in wort und sprache: u. des worts HERDER 11, 233 S.; nachhall vom u. SCHUBART ästhet. d. tonkunst 156; u. der sprache VISCHER altes u. neues 2, 212; in gesteigerter bed.: diese reinerhaltene jugend, der bei irgend einer von Beethovens weisen eine ahnung von dem urklang, von den urmelodien erwacht ist ... A. B. MARX anleitung (1863) 3. -- urklassisch (ur- C 4 a) L. RICHTER lebenserinnerungen 447 Hesse; H. CONRADI ges. schr. 3, 14. -- urkleid, n., primitives kleid (ur- C 4 c): die urkleider der balleteusen H. HEINE 3, 446 E. -- urklumpen (ur- C 4 c) D. FR. STRAUSZ 6, 103. -- urknochen (ur- C 4 c) H. LAUBE 8, 186. -- urkokette (desgl.) VISCHER auch einer 1, 90. -- urkomisch, adj. adv. (ur- C 4 a): die urkomische stellung LASSALLE ausgew. reden u. schr. 3, 4; anmerkungen BIERBAUM 7, 99. u. aussehen, klingen u. s. w. das urkomische O. LUDWIG 5, 223. -- urkomödiant (ur- C 4 a) HOLTEI erz. schr. 37, 201, -komödie GÖTHE III 4, 174 W. -- urkönig (ur- C 4 c), gott HERDER 7, 429 S. dem u. Kronos SCHELLING II 2, 313. -- urkönigthum

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R. WAGNER 2, 115. -- urkopf, m.
, nicht durchgedrungener verdeutschungsvorschlag GROSZMANNs für genie und originalgenie (HEYNATZ antibarb. 2, 543), CAMPEs für genie und original (verd. wb. [1813] 336; 451a); KINDERLING (1795) 133. -- urkorn (ur- C 4 c) HOOPS waldbäume 453, -körper allg. d. bibl. 41, 539; KNEBEL nachl. 3, 456; GÖTHE II 6, 306 W. u r k ö r p e r c h e n SÖMMERRING b. d. menschl. körpers 5, 111.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  URKRAFT, f., kraft mit ur- C 4 c, bildung des 18. jhs., seit BROCKES belegt; 'die erste ursprüngliche kraft eines dinges' ADELUNG. nl. oorkracht germanismus (nl. wb. 11, 56). über das ausweichen der bedd. s. kraft II 11. vgl. grundkraft.

1) 
kraft II 1 entsprechend, von physischer kraft, oft ins geistig-seelische übergehend (kraft II 2): milde, schonung und nachsicht lag schon in der u. unserer väter PESTALOZZI 6, 101;

Alpensöhne
in echter urkraft, schlichter schöne
         A. GRÜN 4, 194; ROSEGGER sündergl. 239; Mercur ... zerprügelt ihn wiederholt mit göttlicher u. TREITSCHKE hist. und polit. aufs. 1, 91; kriegerische u. V. ALTEN hdb. f. heer u. flotte 1, 282. personifiziert: Phtas und die Neith, d. i. die männliche und weibliche u. CREUZER symb. 1, 311; IMMERMANN 20, 79 B. von thieren:

im felsenneste fühlt sich der adler schon
voll seiner urkraft!
         GRAFEN STOLBERG 1, 12.

von zeugungskraft: entsprechend seiner ... u. hatte unser bock ... eine zahlreiche nachkommenschaft erzeugt BREHM thierl. 3, 184 P.-L.; welschen ist fälschen, entmannen der u. FR. L. JAHN 2, 11 E.

2) 
wie bei kraft II 2 drängt das geistig-seelische vor: der löwe gottes ..., daher ist er das bild der u. JUNG-STILLING 3, 107 Gr.

3) 
von geistes-, gemüts-, seelenkraft (kraft II 3): und wenn sich nun doch ein genie durcharbeitet, so ist es gewisz in seiner u. um desto gröszer und bewunderungswürdiger LOSE schattenrisse 3, 30; das neue, erste, ganz verschiedene zeigt die u. seines (Shakespeares) berufs HERDER 5, 218 S.; GERVINUS gesch. d. d. dicht. 5, 32; D. FR. STRAUSZ Schubarts leben in s. br. 1, 30; O. LUDWIG 4, 3; seine (meines geistes) u. ist noch ungeschwächt BÜRGER br. 3, 92 Str.; die entschlummerte u. unseres geistes HIPPEL kreuz- u. querzüge 1, 466; AYRENHOFF 5, 77; der wille ist die dunkelste, einfachste, zeitloseste u. der seele, der geistige abgrund der natur JEAN PAUL 44, 31 H.; J. H. VOSZ s. ged. 4, 144; 5, 73; die u. der menschheit F. SCHLEGEL 5, 168, des denkens PESTALOZZI 13, 99; urkräfte des menschen W. V. HUMBOLDT ges. schr. 4, 249; dämonische, geniale, strotzende u. GUTZKOW (1872 ff.) 9, 339; SCHERER kl. schr. 1, 118; W. KIRCHBACH bei ARENT-CONRADI-HENCKELL dichterchar. 266;

dort hat auch der geist bewahret
seine krone, seinen scepter,
seine urkraft frisch und hell
         UHLAND ged. 2, 318 Schm.

auch von erzeugnissen dieser kraft: die u. der teutschen sprache KRETSCHMANN 1, 33; einen gedanken in seiner u. BETTINE dies buch geh. d. könig 1, 127; die u. des volksliedes AUERBACH 10, 106. an original streifend: wenn sie (die Grasmannschen stücke) schon nicht leben und weben eigner u., nicht originalschöpfungen sind, so haben sie doch einen ... vorsprung TRIERWEILER tageb. der Mannheimer schaubühne (1787) 234; von diesen sind die sprüche der propheten eigentlich nicht anders als wie das schwächere vom stärkern, das spätere, oft nachgeahmte von der alten u. verschieden HERDER 12, 19 S.

4) 
ursprüngliche keimkraft, von naturkräften und philosophischen begriffen (kraft II 4):

geliebte blum, er (Heidenreich) fand dein fremdes wesen schön
und wehrt, dasz dein geschlechte
von andern völkern auch gesehen werden mögte.
drum nahm er, da es nicht dein zartes wesen litt,
dich selbst in deinem flor mit sich zu nehmen,
die urkraft in dem saamen mit
         BROCKES 5 (1736) 97;

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langsam des keims urkraft entfaltend,
stieg sie (die Bragoreiche) empor
         J. H. VOSZ s. ged. 3, 12;

auch mit ausgang der Karolingerzeit war die u. des waldes noch längst nicht gebrochen hwb. d. staatswiss. 42, 628;

unseres seins urkraft, sie unauflösbar dem tode
         KLOPSTOCK Messias 7, 214;

in des kommenden mittlers gebehrde
war, in dem antlitz des überwinders, mit göttlicher ruhe
überstrahlt, urkräfte begannen durch sie! war allmacht
         Messias 16, 593;

schaffende, geheimniszvolle u. HERDER 13, 397 S.; GÖTHE II 4, 150 W.; u. der natur SCHILLER Thalia 10, 17, des all J. G. FORSTER 9, 334, des meeres GÖTHE gespräche 6, 290 B.; diese urkräfte des weltalls J. G. FORSTER 3, 139; u. der erde E. TH. A. HOFFMANN 1, 251 Gr., aller dinge FR. L. JAHN 1, 164 E.; urkeime und urkräfte des lebens E. M. ARNDT (1845 ff.) 2, 253. bes. philosophisch ('u. ein von einigen neuern eingeführtes wort' KRÜNITZ 202, 185): die wahre ur- und grundkraft alles körperlichen ist das anziehende wesen, was ihm gestalt gibt SCHELLING I 8, 243; FICHTE 4, 111; NOVALIS 3, 183 M.; aber stets werden (unerklärte) urkräfte übrig bleiben SCHOPENHAUER 1, 180 Gr.; HEGEL 6, 273; WINDELBAND gesch. d. n. phil. 24, 249. grundkräfte oder urkräfte th. 4, 1, 6, 834. persönlich: alle u. der erde wird ihre faust ballen auf den sammetbänken unserer parlamente (vgl. 1) G. FREYTAG 15, 3.

5) 
von gott und göttlichen eigenschaften (kraft II 5):

dasz dich der liebt, der diese himmel ins leben gehauchet,
dem sich diese sonnen, von seiner urkraft gezogen,
zitternd nähern
         WIELAND I 2, 8 ak. ausg.;

wer sagt uns, dasz wir selbst und die welt ... etwas mehr sind als gedanken gottes und modificationen seiner u.? M. MENDELSSOHN 2, 352; die drey urkräfte in gott allg. d. bibl. 62, 41; gott die u. aller kräfte HERDER 16, 453 S.; ihre (der Ägypter) götter waren ... urkräfte der welt 6, 342 S.; das absolute die u. des universums SCHELLING I 6, 227; HOLTEI erz. schr. 24, 166.

6) 
wie kraft II 9 von mechanisch physikalischen kräften: obwohl die adhäsions- und cohäsionskraft mit der schwerkraft grosze ähnlichkeit zeigen und nur eine u. ihren wirkungen zum grunde liegen mag, ... so dürfen wir sie doch nicht als gleichbedeutend nehmen SPRENGEL chemie f. landwirthe 1, 27. im bilde:

von des gesetzes urkraft gezogen,
schweb ich schnell durch der welten raum
         KÖRNER 2, 259 H.

7) 
kraft II 11 entsprechend, von hervorbringender kraft, wirkung: die neigung zum vergnügen, diese u. eines nützlichen fleiszes STURZ 2, 113;

mit der leisen bewegung der urkraft,
wie in dem himmel sie gott anschuf, berührte des engels
wehen, indem er sich wandte, den todten
         KLOPSTOCK Messias 16, 448;

die ersten grundgesetze der sittlichkeit, die jetzt von unsern moralisten und dichtern dergestalt von grund aus durchwässert sind, dasz man ihre göttliche u. kaum noch zu schmecken vermag ..., soll die bardendichtung wiederherstellen KRETSCHMANN 1, 11. --
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  urkräftig, adj. adv., kräftig mit ur- C 4 a und c. als neubildung GÖTHEs (Urfaust 183) bei CAMPE. a) kräftig 1 entsprechend: den Tell dachte ich mir nur als einen urkräftigen, in sich selbst zufriedenen, kindlich unbewuszten heldenmenschen GÖTHE gespräche 6, 132 B.; ein stamm urkräftger helden M. V. COLLIN 4, 336; menschenschlag FR. L. JAHN 2, 432 E., glieder G. BÜCHNER nachgel. schrift. 108, naturmensch G. HAUPTMANN weber 52; in dieser gewaltigen felsenburg lebt ein volk von bauern und hirten, arm, doch u. ROSEGGER (1895 ff.) 2, 2. vom aussehen: die physiognomie des finstern mannes (Basedows) gehörte zu den urkräftigen und kernhaften MATTHISSON 7, 22. von thieren BREHM thierl. 3, 184 P.-L. von dingen aller art: wurzeln FOUQUÉ bildersaal 1, 386, haare M. MEYR a. d. Ries 2, 281, ein urkräftiges tahahá! V. D. STEINEN naturvölker Zentralbrasiliens 1. b) kräftig 2 entsprechend:

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wenn ihrs nicht fühlt, ihr werdets nicht erjagen,
wenns euch nicht aus der seele dringt
und mit urkräftigem behagen
die herzen aller hörer zwingt
         GÖTHE Urfaust (Faust 536) 183 Schm.;

dieselbe verbindung D. FR. STRAUSZ 6, 207; das urkräftigbehagliche BIEDERMANN in d. hallischen jb. 1839 1904; was ist das süsze feuer, welches die traube in unsere adern gieszt ... gegen das selige behagen, ... des witzes urkräftige blitze in alle spelunken hinableuchten zu lassen IMMERMANN 3, 140 B.; kirchenstil J. H. VOSZ antisymb. 1, 108, sprache STEFFENS was ich erlebte 5, 239, auffassung IMMERMANN 20, 29 B., selbstständigkeit GAUDY 12, 33, deutschheit KÜRNBERGER novellen 3, 136, genialität GUTZKOW (1872 ff.) 8, 430, verjüngen ROSZMÄSZLER wald 544, begeisterung D. FR. STRAUSZ 1, 62; nur die ächten werke ... bleiben ewig jung und stets u. SCHOPENHAUER 1, 313 Gr. substantiviert: das urkräftige 2, 264 Gr., das rein urkräftige FÜRST PÜCKLER briefw. 1, 109. c) adv. zu a und b: da unten ... pochen sie ... und fördern u. ... die metalle zu tage CREUZER symbolik 2, 348; SCHELLING I 7, 325; der antike mörtel, welcher in luft und wasser so u. besteht, dasz ... MATTHISSON 5, 127; sinne, gefühle genug, um alles treu und wahr, lebendig und u. aufzufassen TIECK (1826 ff.) 16, 7;

seitdem er zuerst ...
durch wirklichen witz urkräftig erlegt den prozeszausspinnenden
witzbold
         PLATEN 2, 354 R.;

aber auch B. sah es mit vergnügen, wenn der lebensprühende greis sich hier u. erging MEINECKE Boyen 1, 241. --
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  urkräftigkeit, f. AVÉ-LALLEMANT gaunertum 3, 108. --
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  urkrankheit (ur- C 4 c) SCHLEIERMACHER I 3, 386,
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  -krater F. TH. V. SCHUBERT verm. schr. 2, 167,
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  -krieg SPENGLER untergang des abendlandes 2, 404,
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  -kristall HEGEL 7, 280,
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  -küche FÜRST PÜCKLER briefw. 7, 351,
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  -kugel G. TH. FECHNER kl. schr. 179,
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  -kultur FICHTE 7, 172.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  URKUND, m., 'ursprung, auferstehen', bes. in mystischtheosophischer literatur gebräuchlich gewesen, dreimal schon in der überlieferung des ackermanns a. B. vorkommend, ohne bisher erkannt zu sein. es ist das mhd. urkunft (s. urkunft unten), das durch ekthlipsis sein f verloren hat (vgl. mnl. orconde für orconste) und das geschlecht von dem syn. ursprung entlehnt. die Karlsruher hs. des ackermanns und LUTHER gebrauchen auch das f. (wie mhd. urkunft und urkunde). zu diesem u. sind 1urkunden und 1urkundlich gebildet: als er dann selbs in dem ersten urkunde der werlte hat gesprochen ackerm. a. B. 25, 22 B. (so ast α der überlieferung); wie alle sache auf urkund sint gebawet 31, 25 (α); herre, in deiner urkund (dem ursprünglich entstandenen) ist nicht greulichers ... dann der tod 15, 19 var. der Karlsruher hs.; wenn Christus ... von seiner urkund (herkunft) und geburt Pilato ... geantwortet hette LUTHER 28, 358 W.; häufig bei JAC. BÖHME: allein wenn man forschet, wovon böses oder gutes komme, musz mans wissen, was da sey der erste und urkundlich quell des zornes und denn auch der liebe, weil sie beyde aus einem urkunde seynd, aus einer mutter, und sind ein ding (1620) 4, 12; denn in der grimmigkeit besteht des lebens und aller beweglichkeit urkund drei principien 11; das ist im urkund alles ein ding, es ist alles aus gott 12; die seele, welche aus gottes erstem principio ihren urkund hat 16; ein jeder geist siehet nicht weiter als in seine mutter, darausz er seinen urkund hat 59; ein wunderauge der ewigkeit, ein begehrender wille und ungrund in und aus dem ewigen band, dem ewigen urkunde, aus dem feuerlicht seiner liebe A. V. FRANCKENBERG nosce te ipsum (1676) 46;

das Babel ist di miszgeburt des rundes:
drum pinselt es di muther des uhrkundes
         Q. KUHLMANN kühlpsalter (1685) 2, 25;

zusammensetzungen:

urkundsmontag, preis den herrn!
urkundsdinstag, rühm den herrn!
urkundsmittwoch, schall den herrn!
urkundsfünftag, hall den herrn!
urkundsfreitag, thön den herrn!
         Q. KUHLMANN kühlpsalter 2, 33; 34.
 
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Bd. 24, Sp. 2455

URKUNDE, f.
, früher auch n., aus *urkund, g. uskunþs 'erkannt, bekannt, offenbar' gebildet (WILMANNS d. gramm. 2, 559; FRANCK-VAN WIJK 477a) zu g. *uskunnan 'herauskennen'; vgl. erkennen. eine ableitung von kunde (s. d. 3 c), wie sie im mnl. wb. 5, 1973 vertreten wird, kommt wohl i. a. nicht in frage. nur deutsches wort, mit bed. B 4 ins nl. und schwed. übernommen. ahd. urchundi, n., -chunda, f.; mhd. urkünde, -kunde; mnd. nd. orkunde; mnl. orconde, nl. oorkonde. es gehört zu den wenigen wörtern, die unter einflusz starker präfixbetonung und infolge frühzeitiger isolierung innerhalb ihrer wortgruppe das ursprüngliche ur-präfix bewahrt haben (ur- A 1). irrig ist seit KILIAN (testimonium amplissimum et magni ponderis) und MARTIN VAN DER BEECK (HALTAUS 2004; vgl. WEIGAND syn. 3, 913) ur- C 4 c in das präfix hineingetragen, woraus sich dann auch der vergebliche versuch ergab, u. für original zu setzen; z. b. (ein schlechter übersetzer kann) seine übersetzung so sehr verstellen, dasz ihr die u. schwerlich darinnen finden werdet BREITINGER crit. dichtkunst (1740) 2, 11; fortsetzung der crit. dichtk. 157; 158 u. ö.; in den übrigen (übersetzungen) ist er ein sklave seiner u. M. MENDELSSOHN 4, 1, 241; 272; 273; schon von ADELUNG und CAMPE in dieser bed. abgelehnt. formen und schreibung: orkunde, urkunn LEXER 2, 2006; orkunn HALTAUS 2006; oirkund, urkuinde SCHERZ-OBERLIN 1905; urkuende weisth. 6, 27; latinisiert orekundium HALTAUS 2005; das 17. jh. liebt uhrkunde, das noch bei S. FR. HAHN einleitung zu d. t. staatshistorie (1723) 3, 27 erscheint. der umlaut schwindet schriftsprachlich im 17. jh., erhält sich aber in der mundart. die verkürzte zweisilbige form ist in ä. spr. und in mundarten sehr häufig, noch im 18. jh. von wörterbüchern vertreten: uhr(ur)-kund SCHOTTEL haubtspr. 96; WIEDERHOLD (1669) 403a; KRAMER (1702) 2, 1220b; DENTZLER (1716) 339a; APINUS (1728) 113; FRISCH (1730) 650; (1741) 2, 409c; vgl. LEXER 2, 2006; STAUB-TOBLER 3, 351; FISCHER schwäb. wb. 6, 298; STEINHÖWEL Äsop 187 Ö.; SCHWARZENBERG Cicero (1535) 133b; J. AYRER dramen 5, 3292 lit. ver.; BIRKEN verm. Donaustrand 10; SCHILLER 2, 177 G.; nach der urkund POCCI komödienb. 2, 117 (vgl. die zusammensetzungen). plur.: die urkunde BINHARDUS thüring. chron. 15; urkund M. QUAD teutscher nation herligkeit 62; urkund (1769) STAUB-TOBLER 3, 351; sonst die regel urkunden. neutrales geschlecht, im ahd. und mhd. vorherschend, dauert mundartlich bis ins 18. jh. (FISCHER 6, 298; v. j. 1736); das f. schon ahd. (GRAFF 4, 427), mhd. (1280 LEXER 2, 2006; 1308 LORI bergrecht 6; SCHILTBERGER reiseb. 17 lit. ver.), LUTHER gebraucht n. und f. nebeneinander: des zu warem urkund 18, 342 W.; kein andere urkund 18, 459 W. vereinzelt als m.: einen urkund GRIMMELSHAUSEN Simplic. 3, 213 Keller; aber GENGLERS angabe (Schwabenspiegel 279), dasz u. m. sei, ist irrig, es liegt n. vor (ebenso österr. weist. 1, 425b). vgl. urkund, m. von der überaus reichen entwicklung in der ahd. und mhd. periode ist im nhd. wenig übrig geblieben; dagegen ist nhd. bed. B 4 zu fast unbeschränkter geltung gekommen.

A. 
im allgemeinen, nicht-rechtssprachlichen gebrauch; allerdings fehlt es nicht an einwirkung der rechtsspr. (vgl. 3). nhd. ist u. in dieser bed. undeutlich geworden.

1) 
kenntnis, erkennung, cognitio, manchmal von 2 kaum zu unterscheiden: wann ich wol waisz, dasz ich noch hüt reychlich würd gesettet nach myner urkund STEINHÖWEL Äsop 215 Ö.;

hab ich urkundt von disen dingen (wer den bachen gestohlen)
         H. SACHS 14, 226, 23 K.-G.;

ob ich etwann ein feyhel fund,
den ich möcht bringen zu urkund
der edlen, zarten herzogin
         17, 199, 27 K.-G.;

ich will hinein gon, das ich der urkundt ein wissens habe (de cognitione ut certum sciam) BOLTZ Terenz (1539) 54a; besunder ausz dem vogelgesang und ihrem fliegen namen sie urkund zůkünftiger ding S. MÜNSTER cosmogr. 855;

hab aber diese urkündt genumen,
das man weysz, wo er (der junge) gwesen sey
         J. AYRER dramen 5, 3292 K.

Bd. 24, Sp. 2456

ohn urkund der weg in wäldern umbher ziehen GRIMMELSHAUSEN Simplic. (1669) 1, 23 (1, 5); ich glaube, dasz, wenns je ein mensch(!) auf der erde giebt, der dich ganz kennt ..., so bin ich es -- und das nicht aus neigung, nicht durch phantasie, nicht durch clubtrinken, nicht durch gewohnheit, sondern durch eigentlichste urkunde, durch gänzliche überzeugung wiederholter erfahrung K. FR. CRAMER Neseggab (1791) 1, 65. zu urkund 'um sich kenntlich zu machen, ein lebenszeichen von sich zu geben':

darnach er zu urkund erschallt
sein horen
         Teuerdank 34, 41 G.;

mundartlich und in volksthümlicher rede: eine oder keine u. von sich geben; er gibt kein urkündlein mehr FISCHER schwäb. wb. 6, 298; Georg! Conrad! Bastian! Martin! so gebt doch nur eine urkund von euch! SCHILLER 2, 177 G.; ohne einen laut von sich zu geben noch irgend eine urkunde seines lebens SPINDLER der jude (1834) 1, 230. im übrigen veraltet.

2) 
aufklärung, belehrung, vorschrift, bericht, nachricht, anzeige u. dgl.; 'verklaring, uitspraak, mededeeling, beschrijving, bericht' mnl. wb. 5, 1975 orconde 4; mhd. wb. 1, 814b; LEXER 2, 2006 (aber in den mhd. wbb. nicht klar erkannt): nach dem gotis urkúnde R. V. EMS weltchron. 12767 E.;

die (brüder) lieplich enpfiengen in
unde vragete(n) in der mere,
welh die meinunge were,
des sandes urkunde (was der sand zu bedeuten hätte)
         väterb. 19645 R.;

uf ein urkunt, ob ... um nachricht einzuholen, sich zu vergewissern, ob ... Daniel 5684 H.; urkundebuoch buch mit sammlung von berichten über vorgänge des mystischen lebens C. SCHMIDT gottesfreunde (1854) 55; 189; 176; item man vindt ware urchundt (vgl. B), das die herren von Wirtemberg ob 500 jarn in deutschen landen gewesen sein SUNTHEIM württ. vierteljahrsh. 1884, 128;

herr schweher, wenn wir ein urkunth
ausz Cecilia haben kündten,
wie die sach umb mein vatter stündten,
ob er wer ledig oder gfangen
         H. SACHS 16, 133, 30 G.;

als nun herzog G. und der selig L. solichs gnugsam urkund und wissen hetten, da zoch L. in Preuszen HAUG der Hungern chron. (1534) 25b; WICKRAM 2, 322 B.; BETULEIUS (1550) 18a; des man den vil urkundt auf dem erdtrich spürt S. MÜNSTER cosmogr. 11; welcher die merer zal der thieren umbracht ... hatt, der selbigen ware urkundt den herren bringt und der oberkeit zeigt, der empfacht groszes lob HEROLD-FORER Geszners tierb. (1563) 128; ein wenig elende nachgelassene urkunde indianischer völker SCHERDIGER novae novi orbis historiae (1591) 186; dessen nimb ein urkund an den fleischfressenden thieren GUARINONIUS greuel (1610) F 48; u. geben:

wie das alt sprichwort urkund geyt
         H. SACHS 9, 403, 12 K.; 3, 369, 39 K.;

die allgemeine urkund der christlichen kirchen ... (hat) hievon den geringsten zweifel niemal gehabt DANNHAUER catechismusmilch (1657) 1, 32;

o du unweiser zimmerman,
warumb wilt ausz mir bawen
ein schiff? da ich doch selbst nit kan
des winds gwalt mich vertrawen,
zu gehen auf dem wilden meer;
fürchstu da nit die urkunde,
dasz mich der wind verfolget sehr
noch auf der erden grunde!
         er. weiszheit lustg. 618. veraltet.

3) 
kennzeichen, zeichen, beweis, zeugnis, unterpfand, beglaubigung u. dgl., sich früh mit B mischend.

a) 
hauptbed. der ä. spr.; EDW. SCHRÖDER einl. zur kaiserchron. 41; für die weite des begriffs zeugen glossierungen wie enigma, similitudo (symbolisches zeichen) SCHRÖERS vocab. 14b; vgl. enkentenis enigma DIEFENBACH 202c. verbunden mit zeichen: H. SEUSE d. schr. 16 B.; zů einem urkunt des zeichens heiligenleben summerteil (1472) 30a; zum zeichen und urkund LUTHER 6, 230 W.; wortzeychen und urkund 8, 309 W.; ein gewisses sacrament oder heiligs

Bd. 24, Sp. 2457

warzeichen, urkundt, losung ..., pfand und sigel FISCHART bienenkorb (1588) 87b;

dar für so waisz ich ain gůten rigel,
das wir das grab haimlich versigel,
so mügend wir ain gůte urkund hon
des, ob der stain von dannen sij taun
         MONE schausp. d. ma. (1846) 2, 149; 1, 116;

was urkund der liebe sey HARTLIEB b. Ovidii v. d. liebe (1482) 5a; vgl. u. 'krankheitssymptom' HÖFLER 342a (1530); STEINHÖWEL ber. frauen 106 Dr.; ist das ich urkund (vulg. testimonium) gib von mir selb, so ist mein urkund nit war. es ist ein ander, der urkund gibt von mir. ir sandtent in Johanne(m), und er gab auch urkund der warheit. ich nem aber nit urkund von den menschen, sunder ich sprich dise wort, dasz ir behalten werden (Joh. 5, 31) spiegel menschl. behaltnusse (1492) 58b; KEISERSBERG granatapfel (1510) G 6b; wir wissen und fülen, das ... unser glaub gewisse urkund und festen grund habe LUTHER 28, 417 W.; das heiszt ... urkund gegeben der hoffnung, so in uns ist 30, 3, 561 W.; 18, 459 W.; und zu ůrkund des sines fürnemens hat er (Christus) uns dasselb testament ... ggeben ZWINGLI d. schr. 1, 249; nun ist jhe der spittalherr ... der furnemest prelat in ewer stadt, zu urkundt alter herligkeit EBERLIN V. GÜNZBURG 3, 5 ndr.; BOLTZ Terenz (1539) 125a (indicium); desz zu urkund hat die natur alle wirkliche glider ... herfürgesetzt S. FRANCK sprichw. (1545) 1, 94a; die Römer ... verwandleten inen (unterworfenen völkern) die namen, zů urkundt, das sie bezwungen waren S.MÜNSTER cosmographie 266; ich besorge, mir diese urkundt (Florio hat einen wunderlichen rosenstrauch gesehen) nicht vergebens sey zu gesicht kommen b. d. liebe (1587) 139c; ist disz nit urkund gnug? FISCHART bienenkorb 133a; ich thät ... glaubwürdigen schein und urkund meines herkommens ... zuwege bringen GRIMMELSHAUSEN Simpl. 401 Kögel; prone (s. brane th. 2, 302): heiszet man die äuszerste grentze eines waldes, forstes oder holtzes, so an das feld stöszet oder mit andern höltzern grentzet. und wird in den forstordnungen verboten, solche weg zu hauen und abzutreiben, weil man dadurch theils urkunden der grentzen hat, theils auch das wild sich stecken kan allg. haushaltungslex. 2, 589a; es sind noch so viele genähete, gesponnene und gestickte urkunden von ihr in unsrer familie MÖSER 5, 5. in neueren beispielen kann ebenso ein fortwirken der alten bed. wie übertragung aus B 4 vorliegen:

und ehe diese hand,
die du dem Romeo versiegelt, dient
zur urkund eines andern bundes, oder
mein treues herz von ihm zu einem andern
verräthrisch abfällt, soll diesz beyde tödten
         Shakespeare 1, 127 (Romeo u. Julia 4, 1);

der mann, der sich zu etwas besonders bestimmt fühlt, musz sich nicht und durch nichts daran hindern lassen. opfer seiner leidenschaft ist die u. seiner selbstständigkeit IFFLAND 5, 111; was wunder also, dasz man ... der ... geschulten arbeit von vornherein mehr vertrauen schenkt als der vereinsamten, wenn diese auch noch so sehr u. geben sollte von der kraft des talentes und willens H. W. RIEHL d. d. arbeit 41.

b) 
blosze übersetzung von testamentum ist u. bei NOTKER ps. 101, 19 P.: so daz niuuua urchunde chome; des alten und niwen urchundes; LEXER 2, 2006, tabernakel des urkundes quelle bei FRISCH (1741) 2, 409c. andere übersetzungen derart mnl. wb. 5, 1976. wo aber in n. spr. die bibel als u. bezeichnet wird, ist von B 4 ausgegangen; z. b. der (verführer) war offenbarlich, wenn man der heiligen u. nicht gewalt anthun will, eine hauptperson dabey LAVATER verm. schr. 2, 270; HERDER älteste urkunde des menschengeschlechts 1774; die urkunden des christenthums 19, 144 S.; 5, 132 S.; SCHILLER 9, 139 G.; MATTHISSON 2, 122; die urkunden des glaubens RANKE sämtl. w. 4, 4; G. KELLER 6, 366; D. FR. STRAUSZ 6, 37. vgl. nl. wb. 11, 114, 2.

c) 
die kennzeichen des geschlechts (HÖFLER 342a), die geschlechtstheile heiszen u. wie kundschaft; s. d. II 1 e.

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B. 
der rechtssprachliche gebrauch nimmt schon seit ältester zeit den weitesten raum ein, so dasz vielfache beeinflussung der unter A entwickelten bedd. erfolgen muszte. KLEINEBERG die bed. des wortes u. im deutschen recht (1933, noch ungedruckt).

1) 
im nhd. verschollen ist die bed. 'zeuge', ahd. urchundeo, -chundo, as. urkundeo, afries. orkunda, mhd. urkünde, -kunde, mnl. orconde, ahd. urchunda 'zeugin'. das v. urkunden (s. d.) und die folg. bed. gehen z. th. noch hiervon aus. vgl. urkunder, -kündler, urkundssuite.

2) 
bekundung, bekräftigung durch zeugnis oder beweis, rechtsgültige erklärung.

a) 
urchunde attestatio, testimonium GRAFF 4, 427; vgl. urchundituom adtestatio 428; unter dero urchundo eides sub testificatione jurandi 428; mhd. falsches urkunde wb. 1, 814b; mnl. wb. 5, 1974; ein freier mann kann sein erbtheil einem gotteshause, dem er sich als unterthan 'gegeben', vermachen: daz git er doch got wol; daz sol er tun mit einem urkunde (mit einer rechtsgültigen erklärung) Schwabenspiegel cap. 273 G.; man pflegt diese stelle als ältesten beweis für bed. B 4 zu betrachten, aber von herstellung einer 'urkunde' über dies vermächtnis ist erst in dem gleich folgenden satze die rede: und swer des goteshuses herre ist, der sol im heizen einen brief machen mit siegeln und zeugen; vgl. urkundbrief u. prieff und urkund städtechron. 4, 100, 5 (Augsburg) unter 4; ein falscher zeuge sagt:

sehet, das ist min orkunde,
gwisz logen und sunde
         Alsfelder passionsspiel 3462 Grein.

das alte recht unterschied die bekräftigung durch zeugen (lebende, lebendige urkunden) von der toten beweisung (liegende urkunden); HALTAUS 2006; FISCHER 6, 299; LÜBBEN-WALTHER 256b; mnl. wb. 5, 1974; nl. wb. 11, 112. GRAF-DIETHERR rechtssprichw. (1864) 458 haben versucht, diese sonst veraltete bed. in der übersetzung festzuhalten: treue u. hält der brief von geschlecht zu geschlechte.

b) 
zu, mit, in u. bes. in siegelformeln von urkunden und gesetzen: alte biscofa des ze urchunde zoh in testimonium invocabat GRAFF 4, 427; zurchunde ziuho contestabor ebda; in bekräftigungsformeln (in testimonium, in t. veritatis u. dgl.) zuo einem urkunde, ze einer urkunde LEXER 2, 2006; mnl. wb. 5, 1975; ze ainem staten urkunde, ze aime urkunde und ze ainer festenunge quellen des 13. jhs. bei FISCHER 6, 297 f.; und des zu urkund geben wir disen briff versigelt mit unserm anhangenden ynsigel ULMANN STROMER (städtechron. 1) 75; und des alles zu einem waren urkunde und gezeugnusz weisth. 6, 67; datum und zů urkund mit unser stadt ... insigel bewaret ZWINGLI d. schr. 1, 116; da stiftend si ... gott ... zur danksagung ein ewige mess ... zu einem urkund der gnaden, so er inen ... erzeigt hat TSCHUDI chron. 1, 366; ze urkund und kreftigen bestand habend wir ... 1, 11;

zů urkundt und warhaftem schein
so henk ich hie mein sigel dran
         WICKRAM 6, 131 B.;

dessen allen zů gewiser urkundt hab ich ... NAS eins und hundert 2, 4b; acta publ. 1, 7 Palm; der christ bewilliget aus noht in diese, wiewol schmertzliche condition, musz sich auch gar deszwegen zu mehrerer urkund schriftlich verbinden ABELE gerichtshändel 211; zu uhrkunt der warheit haben wir ... FR. A. V. BRANDIS ehrenkränzel (1678) 124; HERTTWIG bergb. (1734) 227a; diesem zu urkund haben wir uns eigenhändig unterschrieben STRANITZKY ollapatrida 118 Wiener ndr.; zur u. der wahrheit setzen wir folgendes rescript hierher MÖSER 1, 126; zu u. dessen ADELUNG; ir müszt ... zur urkund eurer vollmacht ein zättel lösen HARTMANN volksschausp. in Bayern (1880) 125. seltener mit, in u.: gab darüber mine hantvesti mit gůtem urchünde (c. 1264) quelle bei FISCHER 6, 297; mit urkund diess briefs städtechron. 2, 164 (Nürnberg 1449); österr. weist. 10, 74, 30; mit urkund disz brieffs besigelt mit unserm ... insigel Königsberger dichterkreis 262 ndr.; in urkunde diser dinge geben wir disen brief (1338) hess. urkb. 1, 2, 472 W.

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c) 
mit ersparung der präposition (BEHAGHEL synt. 2, 31) wie im nl. und französischen (mnl. wb. 5, 1976 orconde 5; nl. wb. 11, 113; franz. témoin, nl. getuige): nun hab ich seit der zeit mein messer keinmal eingesteckt, urkund aller andern meiner tischgesellen KIRCHHOF wendunmuth (1563) 188a; uber etliche zeit darnach ist obgemelte confirmation keiser O. ... zůgestellet, urkhunt irer selbs decreten SLEIDANUS reden 181 Böhmer.

3) 
recognitionsgebühr, jus testimoniale; testimoniale, dictum orkunne HALTAUS 2006; testimoniale jus, dictum oirkunde ebda; orkonde seu bodewin (vgl. mhd. bodemwîn) ebda. dann abgabe überhaupt. bes. in mnd., nd., mnl. quellen (vgl. mnl. wb. 5, 1977 f. und 1985 orcontscap 6): so sal he sin urkunde geben deme richtere, daz ist ein schillinc urkb. d. st. Freiberg in S. 1, 23; 4 halbescota czu orkunde den schepfen handelsrechnungen d. d. ordens 202 Sattler; wi es ouch ew. gn. mit der urkunde wil haben gehalden, ab man di ouch sal furderen und inmonen (1452) acten der ständetage Preuszens 3, 506; 'gebühr an gelde, die ein beamter bekommt' WOESTE westf. 191a; eine jährliche urkunde an wachs oder gelde MÖSER 1, 71; eine hergebrachte urkunde, sie bestehe nun in einem pfennig oder schilling phantasien 3, 187 u. ö. geld, welches ein streitender z. b. wegen eines schimpfworts einem anwesenden gewissermaszen als wahrzeichen übergibt, damit dieser nachher sich des vorgefallenen um so besser erinnere und ihm vor gericht als zeuge diene STAUB-TOBLER 3, 351, 2; wie es scheint auch die recognitio selbst FISCHER schwäb. wb. 6, 298; vgl. ein orloffschilling tho einem ohrkunde des egendoms quelle bei HALTAUS 2007.

4) 
die heutige, auch ins neuere nl. und schwed. übernommene bed. einer rechtskräftigen schriftlichen aufzeichnung, wodurch etwas bekundet wird, gehört im wesentlichen erst dem nhd. an; vorangegangen scheint das mnl. (wb. 5, 1976 MELIS STOKE) zu sein. der für den bedeutungsübergang entscheidende begriff ist der des beweises (B 2; A 3); urkunden ..., schriften, welche über gewisse begebenheiten des beweises halber verfertigt sind K. F. EICHHORN d. staats- u. rechtsgesch. (1821) 13, 7; diploma, charta, pagina, literae, instrumentum, documentum; documentum literarium STIELER 951; KRÜNITZ 202, 187 ff.; KINDERLING (1795) 167; VOIGT geschäftsführung 2, 528. bed. B 2 wurde durch bestimmte verbindungen (brief und u., u. und handfeste, instrument, briefliche u. u. dgl.) zu B 4, der modernen bed., hinübergeleitet. über u. im Schwabenspiegel s. B 2 a; in der verb. brief und u. (z. b. als ferr so der Pütrich vor dem Aunsorgen besigelt prieff und urkünd hett, so solt ... städtechron. 4, 100, 5 (Augsburg zum jahr 1395) bezeichnet brief das schriftstück, u. den rechtlich beweisenden inhalt, den beweis (auch städtechron. 4, 99, 5 bedeutet urkund nichts anders: da hett der Püttrich wol urkund umb 'das konnte P. rechtsgültig beweisen'), und so löst sich u. schwer von dem zusatz briefliche, schriftliche u.; vgl. noch urkundbrief. dem neueren sprachgefühl ist dann schlieszlich auch der begriff des beweises abhanden gekommen.

a) 
eigentlich: kund und offenbar sei mit disem gegenwertigen urkunde und instrument (1448) weisth. 6, 60; es ist auch ... A. Z. ... zu land kommen, damit er alle vorgehnde urkunden und gewarsame abschribe PANTALEON mitnächtische völkern historie (1562) 2, 233; wir sind knechte, und wenn wir unsere freyheit durch 1000 urkunden bestätiget hätten CHR. WEISE polit. redner (1677) 518; fünftens solle der kaufer die notdürftige kaufbriefe ..., protocoll, urbarien ... und urkunden ... ihme einhändigen lassen HOHBERG georgica (1682) 1, 13; eine historische schrift, wo man zur beglaubigung der geschichte urkunden beigefüget hat J. J. SCHWABE belustigungen (1741 ff.) 2, 101; eben so unentbehrlich ist mir auch mein archiv, damit ich alle puncten mit urkunden belegen könne PETRASCH lustsp. (1765) 1, 135; wir wollen ihn (d. traum) erzählen, wie wir ihn in unsrer urkunde (handschrift) finden WIELAND Agathon (1766) 1, 243; eine pyramide nach einigen urkunden ... restaurirt GÖTHE IV 8, 260 W.; staatsrath S. die urkunde zum grundstein zur

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unterschrift bringend III 8, 263 W.; durch ... einsicht der urkunden IMMERMANN 18, 35 B.;

sie bringt beweis und zeugnis bei,
sie schleppt ein bündel von urkunden
         H. HEINE 2, 95 E.;

an der ächtheit der u. scheint kein zweifel zu seyn DAHLMANN franz. revolution 228; STIFTER 5, 1, 136; urkunden mit hängenden siegeln in holz- oder silberkapseln, auch ohne kapseln und halb zerbröckelt G. KELLER 3, 173; kein chronist, keine u. weisz zu sagen, wann er (d. ort) entstand G. FREYTAG 1, 46; SCHERER literaturgesch. 35; kisten voll urkunden STAUB drei sommer in Tirol 1, 34; die u. des Rheinbundes TREITSCHKE hist. u. polit. aufs. 1, 152; die urkunden über die bestellung des vorstandes in urschrift oder in öffentlich beglaubigter abschrift handelsgesetzb. 33, 2; umtausch dieser urkunden bankgesetz vom 14. märz 1875, 6; bgb. 99, 2; 273, 1. eine u. (urkunden) abschreiben PANTALEON s. o.; HOFFMANN V. FALLERSLEBEN ges. schr. 7, 54, aufnehmen GÜNTHER recht u. spr. 85 f., aufsetzen SCHILLER 4, 143 G., ausfertigen LOHENSTEIN Arm. 2, 1384a, aushändigen wechselordnung 90, 1, bearbeiten, beschädigen, drucken lassen, einsehen, fälschen, verfälschen, unterzeichnen BISMARCK gedanken u. erinn. 2, 334 volksausg., vernichten, verschwinden lassen, beseitigen u. dgl. unter den attributiven verbindungen nehmen, wie oben ausgeführt, briefliche, schriftliche urkunde eine besondere stellung ein: alle brieveliche urkunde, stiftungsbrieve, wortzeichen und erbregister LUTHER 12, 21 W.; FISCHER schwäb. wb. 6, 298; die instrument und briefliche urkundt statutenb. 23a; AYRER processus juris (1600) 7; CORVINUS fons lat. (1646) 186; HARSDÖRFER secret. 1, 7b; allgem. d. bibl. anhang 37-52, 1162; KRÜNITZ 202, 262; schriftliche u. B. V. CHIEMSEE 46 R.; BRENTANO 5, 56; abschriftliche KRÜNITZ 202, 260, alte, älteste S. V. BIRKEN lorbeerhayn 110; STOLBERG 6, 205, archivalische KRÜNITZ 261, archivarische A. V. HUMBOLDT kosmos 4, 226, authentische IMMERMANN 1, 59 B., besiegelte FRISIUS 2b, echte, unechte, ehrwürdige F. SCHLEGEL 3, 154, eigene TSCHUDI chron. 1, 7; ARNOLD ketzerhist. vorr. 6; KRÜNITZ 202, 264, entscheidende RANKE s. w. 9, 16, gemeinschaftliche KRÜNITZ 264, gerichtliche PRÄTORIUS Blockesberges verrichtung 228; hwb. d. staatswiss. 42, 22, geschichtliche MOMMSEN röm. gesch. 1, 89, glaubwürdige GRIMMELSHAUSEN Springinsfeld 2, 50 Keller, gute HERDER 23, 467 S., gleichzeitige BRENTANO 5, 240, historische HERDER 12, 312 S., merkwürdige allg. d. bibl. 2, 2, 210, notarielle, offene notariatb. passim, öffentliche LUEGER 4, 799, private, richtige CHEMNITZ schwed. krieg 1, 441, staubigte A. V. DROSTE-HÜLSHOFF 2, 262, ungedruckte GOTTSCHED das neueste 1, 247, unläugbare 7, 481, unumstöszliche HIPPEL lebensläufe 1, 3, unwiderlegbare kreuz- u. querzüge 1, 10, unzuverlässige A. V. HALLER Alfred 155, vermodernde RÜCKERT 2, 490, widerspruchsvolle RANKE s. w. 25, 31 u. dgl. je nach zweck und inhalt treten specialisierungen auf: bescheinigung über verheiratung GRIMMELSHAUSEN Simplic. 3, 213 Keller; reisepasz G. KELLER 3, 156; bes. mundartlich: vollmacht zur zwangsvollstreckung STAUB-TOBLER 3, 351, 1; bescheinigung, dasz die gemeinde seuchenfrei ist ebda 3; gantu. u., laut welcher der gläubiger vermögensstücke des schuldners zur versteigerung ergreifen darf ebda 351 f.; doppelu. besagt, dasz die beitreibung aufgehoben ist, angefertigt in 2 exemplaren; urteilu., urteilurkundschein über einleitung des concurses 352; der vom schultheiszen aufgesetzte vertrag über die mitgift FISCHER 6, 298; quittung ebda; politten oder urkund (1657), urkundszettel quelle bei SCHMELLER-FR. 1, 1264.

b) 
uneigentlich (vgl. oben A 3): eben solche quitantz und urkund ist der glaub DANNHAUER catechismusmilch 1, 230 (zur bed. s. B a a. e.); hauptkupfertafeln und vignetten werden ... hauptsache, fundament, urkunde seyn LAVATER physiogn. fragm. 1, 3; dasz die erzählung auch in ihrem ton und umrisz gleichsam ihre u. mit sich führt HERDER 12, 15 S.; nie hat er (Jones) ... andre gedichte solcher art für urkunden der völker ausgegeben 16, 90 S.; aber was sind sie (citierte stellen) auszer dem zusammenhange

Bd. 24, Sp. 2461

der geschichte, die ihnen eigentlich u. und beleg ist! 17, 255 S.; wie zwei urkunden liegen sie (skelettköpfe von stieren) nun beide vor mir GÖTHE II 8, 235 W.; dieser rumpf ..., eine unwidersprechliche u. des göttlichen Griechenlands SCHILLER 3, 581 G.; die biographie eine u. oder ein werk der lebenskunstlehre F. SCHLEGEL im Athenäum 1, 2, 61; die sprache aber ist die treueste u. der völker CREUZER symbolik 1, 10; die beglaubteste u. der neueren philosophie, die kritik der reinen vernunft FICHTE 1, 4; meine u. lautet auf die roten lippen eurer frau HAUFF (1890) 1, 297; Lionardos zeichnungen, diese urkunden der unsterblichkeit MATTHISSON 4, 81;

laszt einst nachfühlen mich in leeren stunden,
wie ich vordem in weh und lust mich tauchte,
ihr, süszer lust, ach, süszen wehs urkunden!
         RÜCKERT 1, 355;

so ist der arbeitername allerdings die u. einer groszen socialen revolution W. H. RIEHL d. d. arbeit 264; die sieben von Gluck componierten Klopstockschen oden, die einzige musikalische u. des künstlerischen freundschaftsbundes freie vorträge 1, 245;

sie ahnten nicht, vergilbt papier werd in der hand des treuen
urkunde deutscher ehre (J. Grimms)
         A. GRÜN 1, 223;

die wichtigste u. unserer volksthümlichen epik (die sammlung Karls d. gr.) ist vernichtet SCHERER literaturgesch. 28.
z u s a m m e n s e t z u n g e n
zahlreich; z. b. einerseits
civil-, criminal- KRÜNITZ 202, 264, gant- STAUB-TOBLER 3, 351, haupt- KRÜNITZ 268, heirats- SANDERS erg. 325a, kaiser-, ebda, kirchen-, original-, privat- KRÜNITZ 266; 261; 268, protest- gesetz betr. die einführung der a. d. wechselordnung ... in Elsasz-Lothr. v. 19. juni 1872 § 16, 4, staats-, stadt- KRÜNITZ 261, 266, standes- SANDERS a. a. o., urteil- STAUB-TOBLER 3, 352, verfassungs- KRÜNITZ 269, verleihungs- SANDERS, anstellungs-, entlassungs- u. s. w. urkunde.
    anderseits mit urkund, urkunds, urkunden an erster stelle (ein mhd. urkundebuoch s. oben A 2):
    u r k u n d aberglaube HERDER 6, 472 S., -amt hwb. d. staatswiss. 52, 1000, -befugnis 52, 99, -brief, m., mhd. urkundebrief (vgl. oben B 4); PRANTL gesch. der Maximiliansuniversität 2, 16 (1472); FISCHER 6, 298; TSCHUDI chron. 1, 97, -brieflin STAUB-TOBLER 5, 460 (1452), -gelt 2, 252 'gebühr für aufsetzung einer urkunde, speciell eines gantrodels', -recht hwb. d. staatswiss. 52, 1000, -papier 32, 1272, -thätigkeit 52, 1005, -verfassung 52, 1000, -wesen 52, 998.
    u r k u n d s brief J. AYRER processus juris (1600) 25, -befugnis hwb. d. staatswiss. 52, 455, -suite tesmoins, testes WIEDERHOLD (1669) 403a, -leute 'leute, welche urkund über etwas sagen' RÄDLEIN (1711) 1020b, -mann ROCHHOLZ an W. Menzel briefe (1908) 229; FR. W. WEBER Dreizehnlinden (1907) 128, -nottel J. V. WATT 1, 181, -person W. V. CHEZY erinnerungen 4, 62; HEGEL 16, 334; G. BÜCHNER nachgel. schr. 254; G. KELLER 7, 239; hwb. d. staatswiss. 32, 91; 3, 676; einführungsgesetz z. bgb. 149, 1, -saal GOTTSCHED d. neueste 3, 773, -schriftstück C. HAPP Renate 203, -zettel s. o. B 4 a, -zeuge K. STIELER natur- u. lebensbilder 136.
    u r k u n d e n abschrift LUEGER 7, 872, -ähnlich NIEBUHR röm. gesch. 1, 118, -apparat GREGOROVIUS wanderjahre in Italien (1904) 2, 28, -arbeit D. FR. STRAUSZ 1, 16, -archiv ROSEGGER II 4, 52, -auszug allg. d. bibl. 30, 278, -band SAVIGNY gesch. d. röm. rechts 3, 151, -bewahrer für archivar CAMPE; FR. L. JAHN 2, 869 E., -beweis (probatio per instrumenta, preuve littéral) allg. d. bibl. 33, 23; KRÜNITZ 202, 270, -briefsteller allg. d. bibl. 37, 200, -buch (chartularium, selten buch, in das urkunden eingetragen werden ADELUNG, CAMPE, meist codex diplomaticus, urkundensammlung, urkundenwerk CAMPE) allg. d. bibl. 39, 224; KRÜNITZ 202, 186; SCHERER kl. schr. 1, 116, -datum allg. d. bibl. 66, 328, -druck J. FR. BÖHMER an Stälin bei JANSSEN 3, 2, -dürftigkeit B. WEBER Oswald v. Wolkenstein u. Friedrich 115, -fälscher, -fälschung (als urkundenverbrechen strafgesetzb. 267, 268; älter -verfälschung) MOMMSEN röm. gesch. 34, 512; DAHN kampf um Rom 4, 57, -fest (adj. den urkundenfesten Muratori) B. WEBER charakterbilder 247,

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-forscher diplomatiker CAMPE, -forschung MOMMSEN röm. gesch. 1, 443, -freude HERDER 6, 179 S., -gebühr hwb. d. staatswiss. 42, 25, -geld 42, 70, -gewölbe für archiv als neubildung bei CAMPE; ZSCHOKKE 33, 278, -halter besitzer der urk. allg. d. bibl. 13, 264, -haus für archiv CAMPE, -inhalt JAC. GRIMM an Wigand 238, -kammer für archiv CAMPE, HEYNATZ; ZSCHOKKE 9, 80, -kämmerer 33, 189, -kenner diplomatista MOZIN, -kritik JUSTI Winckelmann 2, 2, 190, -kunde diplomatik KRÜNITZ 202, 286, -lager H. KÖNIG seltsame gesch. (1856) 275, -lehre diplomatik, neubildung CAMPEs, allg. d. bibl. 111, 191; KRÜNITZ 202, 286; BROCKHAUS 415, 797b, -lieferung allg. d. bibl. 93, 558, -mangel W. H. RIEHL naturgesch. d. volkes 4, 185, -mäszig (adj. adv.) allg. d. bibl. 93, 328; NIEBUHR röm. gesch. 1, 174; BERNHARDT waldeigentum 1, 89, -material hwb. d. staatswiss. 62, 207, -nachweis BERNHARDT waldeigentum 1, 124, -naturselbstdruck GRILLPARZER 3, 189 S., -papier KARMARSCH-HEEREN 63, 532; LUEGER 6, 670, -recht hwb. d. staatswiss. 42, 1053, -regest LUSCHIN V. EBENGREUTH münzkunde 211, -register, -repertorium, -rotulus allg. d. bibl. 109, 332, -saal für archiv AFFSPRUNG bei CAMPE verd. wb. (1813) 125a, -sammler allg. d. bibl. 69, 515, -sammlung für archiv und codex diplomaticus ANTON bei CAMPE; allg. d. bibl. 9, 2, 159; KRÜNITZ 202, 186; LUEGER 7, 872, -schatz für archiv neubildung CAMPES, wie alle verdeutschungen für archiv ungebräuchlich; für eine merkwürdige keilinschrift RITTER erdk. 9, 354, -schrank CAMPE, -schreiber für notarius KINDERLING (1795) 304, -sichtung IMMERMANN 18, 27, -sprache HERDER 19, 151 S., -stempel hwb. d. staatswiss. 42, 25, -stempelgesetz 32, 403, -stil H. BRUNN kl. schr. 2, 228, -studium VISCHER altes u. neues 3, 46, -verfälscher ZSCHOKKE 33, 94, -verfälschung KRÜNITZ 202, 270 (heute üblich -fälscher, -fälschung), -verfertiger KRÜNITZ 202, 274, -verzeichnis allg. d. bibl. anh. 25/36, 1606, -vorlage 74, 106, -verrat J. FR. BÖHMER an Thomas bei JANSSEN 2, 257, -werk CAMPE; DÖLLINGER ak. vorträge 2, 178, -wesen DAHN weltuntergang (18895) 17, -wissenschaft, diplomatik, GOTTSCHED d. neueste 4, 270; KRÜNITZ 202, 187.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  URKUNDEN, v. zu urkund, m. (s. d.); sich u. 'entstehen' gebraucht JAC. BÖHME: und heiszet gott nach dem ersten principio nicht gott, sondern grimmigkeit, zornigkeit, ernstlicher quell, davon sich das böse urkundet schr. (1620) 2, 13; und sinnest weiter, worvon sich die elementa feur und luft uhrkunden 4, 33.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  URKUNDEN, v. zu urkunde, f. (vgl. d. B 2). ahd. urkunden testari, attestari, testificari, stipulari GRAFF 4, 425; mhd. urkünden, -kunden; mnd. orkunden; mnl. orconden, nl. veraltet oorkonden. FISCHER 6, 298 f. ADELUNG, HEYNATZ und CAMPE bezeichnen das v., mit ausnahme der geschäftssprachlichen wendungen, als völlig veraltet; doch ist es noch immer belegbar, wenn auch beurkunden (th. 1, 1749) üblicher ist.

1) 
urkunde A entsprechend, bezeichnen, bekunden, kundthun, bezeugen; mhd. wb. 1, 815a; LEXER 2, 2006; mnl. wb. 5, 1980, 2-5; nl. wb. 11, 115: dergleichen auch die gerichtsleut (sollen verpflichtet sein), welcher die (bösen tiere, peern, wolf, lüchs und wiltschwein) am ersten sicht, dem viertlmaister anzuzaigen und ainer dem andern unverzogen urkünden (banntaiding des 16. jhs.) österr. weist. 6, 236, 14 (ohne grund hat SCHÖNBACH im glossar 658b urkunden und urkünden als verschiedene wörter angesetzt);

viel leute von verstand
und die hiernach gefolgt sind ein jahr auf das ander,
urkunden dieses ding einstimmig mit einander
         OPITZ (1690) 4, 341;

es urkunden die geschichte, dasz ... HARSDÖRFER gesprächspiele 2, A 2a; meine stumme red urkundet disz und dasz secret. 1, a 8b; dessen (des Tacitus) zeugnüsse, als des ältesten und glaubwürdigsten aller geschichtschreiber, die iemahls hiervon geuhrkundet, am meisten zu trauen ZESEN beschreibung v. Amsterdam 4; ich urkunde ... hiemit, dasz ich mich hinsetze, um dinge zu erzählen, die mir nicht begegnet sind WIELAND Lucian 4, 148; wie unsere tagebücher das oft laut urkunden MUSÄUS volksmährchen 1, 116 H.;

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freunde, das leben des alls ist ein tausendzüngig gespräch nur.
was nur lebet, das spricht, die sprache urkundet das leben
         KOSEGARTEN inselfahrt (1804) 66;

die offenbarung bedarf dessen nicht, um ihre ewige wahrheit zu urkunden TIECK (1828) 1, 352; wenn ... die mannsbilder sich papa rufen lieszen, so urkundeten sie hiermit, dasz sie sich zu den wohlhabenden und fürnehmen rechnen G. KELLER 8, 11. selten urkunden (kunde geben) von ZSCHOKKE 10, 152.

2) 
urkunde B 4 entsprechend, 'uhrkunden durch glaubwürdige uhrkunde bestetigen' SCHOTTEL haubtspr. 254. LEXER 2, 2007: wir ... uhrkunden und bekennen hiermit, dasz ... NEUMARK palmbaum 221; MELISSUS Salinde 276; CHR. THOMASIUS ernsthafte gedanken u. erinn. 3, 12; in notariatsurkunden ADELUNG; ich N. N. bezeuge und urkunde, dasz ... V. FLEMING soldat (1726) 173; wir präses und concilium ... urkunden hiermit, dasz ... LEIBNIZ d. schr. 2, 191; J. G. MÜLLER kom. romane 12, 514;

(der landmann) sah nicht eiserne rechte,
oder den tobenden markt und des volks urkundenden tempel
         J. H. VOSZ georgica 2, 502 (mit der anm. 'das archiv im tempel');

der brief hier, steck ihn bei, urkundet dein geschlecht
         ALXINGER 4, 36;

als Alfonso III. ... der begünstigung Innocentius des III. bedurfte, bediente sich dieser des anlasses, um die zinsbarkeit Portugals zu urkunden (sich urkundlich belegen zu lassen) J. V. MÜLLER 2, 282; so urkundeten Aragoniens stände in dem eingange zu einem gesetze FR. L. JAHN 1, 235 E.; herr H. v. A. urkundet 1256 den verkauf der burg D. SCHEFFEL (1907) 3, 68; der begriff des notariats als einer im dienste privater urkundenden stelle erscheint hier (in Baden) völlig aufgelöst hwb. d. staatswiss. 52, 1005. sich u. 'sich rechtlich anmelden' SCHATZ österr. weist. 11, 723b (1414). anders sich u. 'wie aus einer urkunde hergeleitet werden': daher urkundet sich der anspruch BENTZEL-STERNAU bei CAMPE.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  URKUNDER, m. zu 2urkunden 2, wer urkundet. mhd. urkundære, mnl. orcondere 'zeuge', nl. oorkonder in mehrern bedd. vgl. urkunde, f., B 1 und urkündler: der andere ist ein gelernter urkunder (notar?), sein pflug ist die feder WATZLIK Phönix 21. humoristisch: persönlich privilegirte u r k ü n d l e r L. EICHRODT lyr. kehraus (1869) 2, 76. --
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  urkundig, adj., urkundlich. mhd. urkundic, mnl. orcondich, nl. oorkondig wb. 11, 115; mnd. orkundichlik: des zu orkundigem waren bekenthenisse haben wir ... urkb. d. st. Freiburg in S. (1432) 1, 147; ähnlich (1449) Pfeiffers Germania 27, 184; das sei urkundig acten d. ständetage Preuszens (1453) 4, 130. vor 2urkundlich zurückgewichen (s. d.) urkündig für genetisch CAMPE verd. wb. (1813) 336a. --
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  urkündler s. urkunder.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  URKUNDLICH, adj. adv. zu 1urkunden, urkund, m., 'ursprünglich'.

a) 
mystisch-theosophisch: JAC. BÖHME 4, 12 unter urkund, m.; aus dem ersten principio gottes, welches ist die quell der urkundlichsten natur gottes 3, 16; diese stimme ist der urkundliche ewige geist, der alles leben hält 5, 128; das (geist) ist und bleibet der quell der uhrkundlichen natur A. V. FRANCKENBERG nosce te ipsum (1676) 64; dieweil es (d. ewige bild gottes) ... aus dem uhrkundlichsten liebewillen der ewigen weiszheit ... geschaffen worden 77.

b) 
auch allgemeinsprachlich kommt u. in verwandter bed. vor, wobei allerdings die bed. von urkunde, f. B 4 als hauptsache einzuschalten ist. für primordial KINDERLING (1795) 317: diese Steinbartische christliche glückseeligkeitslehre ist durchaus ein wahrer abdruck der evangelischapostolischen, mithin der urkundlichen glückseeligkeitslehre LAVATER verm. schr. 2, 449; so ward die wahre, urkundliche naturpoesie das abgerissenste ding HERDER 23, 257 S.; wenn wir ... die urkundlichsten ... sachen zusammenschieben, so haben wir die älteste und ächteste epopee der thaten ... Moses 12, 56 S.; 3, 407 S.; adv.: dasz alles u. aus ihrem eigenen gehirn herkomme NICOLAI literaturbr. 1, 30.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel 

Bd. 24, Sp. 2464

URKUNDLICH, adj. adv.
zu urkunde, f.; ahd. urchundlîh testatus, urchundlichor testatius GRAFF 4, 428; mnl. orcondelijc, -like. vgl. urkundig. frühnhd. und auch sonst später gelegentlich mit veraltetem umlaut.

1) 
urkunde in der bed. 'original' entsprechend: die ... urkundlichen schriften der Indier HERDER 16, 90 S.; in den urkundlichen sprachen der h. schrift SPALDING lebensbeschreibung (1804) 2. veraltet.

2) 
wie urkunde A 3: so hon ich des gůt und urküntlich wissen, das etlich umb gelt geschrieben und geprediget habent SCHADE sat. 3, 207; adv.: und ist davon daselbst auf dem rahthausz ein zimlich stück urkündlich ('als beweis, in natura') zu sehen fürhanden LETZNER dasselische chron. (1596) 1, 38b.

3) 
in der heutigen hauptbed. urkunde B 4 entsprechend; für archivalisch, archivisch, diplomatisch, originaliter CAMPE verd. wb. (1813) 124b; 265b; 451b; urkündlich für authentisch, genetisch 136b; 336a.

a) 
attributiv: urkundtlich mandat REUTER VON SPEIR kriegsordn. 74, bekräftigung KIRCHHOF milit. disciplina 211, urkundliche versicherung acta publ. 2, 159 P., nachricht VALVASOR ehre des h. Crain (1689) 1, 3, tradition HERDER 12, 388 S., begebenheit HAMANN 4, 227 R.-W., geschlechtsregister J. V. MÜLLER 2, 51, zeugnisz GENTZ 2, 190 Schl., vertrag MÜLLNER 8, 121, quellen BRENTANO 3, 464, publicationen, stoff RANKE s. w. 3, 3; 1, IX, material H. BRUNN kl. schr. 2, 137, grundlagen handelsgb. 195 u. s. f. werth, gewiszheit, gründlichkeit, alter, beweis, recht u. s. w. HERDER 16, 54 S.; NOVALIS 1, 38, 238; JAC. GRIMM kl. schr. 4, 107; FR. L. JAHN 1, 68 E.; GÖRRES schr. 2, 20.

b) 
prädicativ: so u. und glaubwürdig die nachricht vom tode des gekreuzigten ist, so glaubwürdig musz ... auch diese von seiner wiederauflebung im grabe seyn HERDER 19, 82 S.; ich musz ... die schenkung an eure schulknaben u. machen (vielleicht auch als adv. zu fassen) SCHEFFEL (1907) 1, 145.

c) 
adv.; zunächst in schluszformeln amtlicher schriftstücke: uhrkundtlich haben wir dieses (decret) mit unserm ... handzeichen bekräftiget A. OLEARIUS persian. reisebeschr. (1696) 46; u. ist an diesen brief das gewöhnliche gesellschaftsiegel gehangen worden NEUMARK palmbaum 306; u. unter unserer unterschrift gegeben zu P. sammlung v. schausp. (1764 ff.) 3, 106; HIPPEL lebensläufe 1, 153; u. unter unserer höchsteigenhändigen unterschrift und beigedrucktem bundesinsiegel ges. betr. einführung der allg. wechselordnung v. 5. juni 1869; auch präpositionsartiger gebrauch (u. des beigedruckten amtssiegels) wird erwähnt. in andern verbb.: u. haben sie den kauf selbst unterschrieben HENRICI (1727 ff.) 2, 477; u. ist demselben dieser offene brief ... bewilliget HIPPEL kreuz- u. querzüge 1, 415; Martianus Capella giebt uns den orientalischen namen jenes phönicischen gottes noch am urkundlichsten wieder CREUZER symbolik 2, 91;

urkundlich und durch testamentes kraft
hab ich sie anerkannt als eigne tochter
         H. HEINE 2, 264 E.;

die hund und die katzen die stritten sich
und zankten sich um die wette,
wer unter ihnen urkundlich
den ältesten adel hätte
         HOFFMANN V. FALLERSLEBEN ges. schr. 4, 18;

gegen ende des 14. jahrhunderts erscheint u. der erste oberbürgermeister W. RAABE Abu Telfan 2, 5; V. ALTEN hdb. f. heer u. flotte 4, 570; in diesem falle ist dem schuldner u. das recht einzuräumen, die rückzahlung der hypothek ... zu bewirken hypothekenbankges. v. 13. juli 1899 14, 2; ich habs u. ALEXIS Woldemar 3, 164; u. erklären, feststellen, versichern, belegen, nachweisen u. dgl. RAUMER Hohenstaufen 4, 14; MOMMSEN röm. gesch. 5, 139; DÖLLINGER akad. vorträge 1, 122; HOOPS waldbäume 138; WIMMER gesch. d. d. bodens 75.

d) 
substantiviert: eine lebendige welt mit allem urkundlichen ihrer wahrheit (vgl. urkundlichkeit a) HERDER 5, 225 S.; das urkundliche der münzen 3, 384 S.; damit er

Bd. 24, Sp. 2465

(d. brief) sein urkundliches behalte, will ich ihn ... unverändert abdrucken lassen F. H. JACOBI 4, 1, 47.

e) 
allgemeiner und übertragen (vgl. urkunde B 4 b): wir wollen dem herrn V. nicht absprechen, dasz er nicht alles ... u. erzählet allg. d. bibl. 2, 2, 273;

das wort ist frey,
die that ist stumm, der gehorsam blind,
diesz urkundlich seine worte sind
         SCHILLER 12, 28 G. (Wallensteins lager v. 340);

der volksforscher vollends aber könnte ... den charakter eines volkes gar nicht ... u. beglaubigen ohne das studium der nationalen arbeit W. H. RIEHL d. d. arbeit 58. --
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  urkundlichkeit, f. mit willkürlichem umlaut urkündlichkeit für authentie und authenticität CAMPE verd. wb. (1813) 136b. vgl. urkundlich 3 d. a) ursprüngliche echtheit (vgl. urkundlich 1. 2): der letzte ton, in dem alles gleichsam erstirbt, druckt auf ihre u. das siegel HERDER 24, 306 S.; zu diesem werthe der neuheit gesellt sich noch das höhere verdienst einer besonderen u.: denn er (B. Cellini) schrieb diese nachrichten selbst ... GÖTHE 43, 3 W.; die eigenschaft, worauf ich ... den gröszten nachdruck legen möchte, ist seine (des Nibelungenliedes) u. F. SCHLEGEL d. museum 1, 31; wird nun dieser schreibung u. zugestanden, so ... SCHELLING I 8, 390; die befehle des königs in hinsicht auf ihre u. zu untersuchen DAHLMANN franz. revolution 130. b) im engeren sinne die eigenschaft, sich auf urkunden stützen zu können: es ist ohne zweifel eine starke und bei einem buche, das sich der u. so sehr rühmt, nicht zu duldende abweichung RANKE s. w. 39, anh. 37; auf u. musz sie (d. geschichtschreibung) oftmals verzichten SCHERER kl. schr. 2, 67. --
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  urkundlos F. NOTTER die johanniter 14. --
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  urkundung, f., ausstellung von urkunden V. PFLUGK-HARTUNG in Grotes weltgesch. 4, 522. vgl. mnl. orkundinge.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  URKUNFT, f., 'der ursprung' (s. ur- C 2). mhd. urkunft. vgl. 1urkunde: wol ist der wille und die macht eben ein, die u. aber ist beym vater M. RISCH paraphrasis Erasmi über d. ev. Joannis (1524) M 3b;

wie dasz fast alle menschen zwar ...
von got dem eingen ir urkunft han
         SCHADE sat. 1, 120;

und meinen etliche, das eben auf die gastgebische u. der bedeutung des worts pfarrer s. Paulus sehen solle, da er spricht ... SCHERÄUS (1619) sprachenschule 40. veraltet. --
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  urkunst, f., ursprüngliche kunst. kunst II 4 mit ur- C 4 c: es darf wohl als allgemein verständlich angenommen werden, dasz ... das hervorgebrachte gerade so viel der natur als der kunst angehört, weil kunst u. geworden ist SCHELLING I 2, 161; urkünste F. SCHLEGEL an Hardenberg 84 R.; u. des wildkräftigen mittelalters J. H. VOSS antisymb. 1, 353; E. M. ARNDT (1845 ff.) 4, 304; sie (die baukunst) ist nothwendig die älteste kunst, u. VISCHER ästhetik 3, 2, 198; sie (poesie) ist die u. W. H. RIEHL freie vorträge 2, 342; systeme italienischer u. und urphilosophie JUSTI Winckelmann 2, 1, 246. --
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  urkünstler, m., gott HERDER 29, 559 S.; NIETZSCHE 1, 45. von menschen: irgend einen der ersten ur- und normalkünstler WACKENRODER herzensergieszungen (1797) 177; F. SCHLEGEL 3, 246; 5, 130. u r k ü n s t l e r i s c h , adj. adv.: dein (Zelters) guter urkünstlerischer wille GÖTHE IV 28, 336 W. ur- C 4 a. --
 

 
URINm.
   aus lat. urina entlehnt. nachdem die medicinschule von Salerno die harnuntersuchung ausgebildet, ging das lat. wort ...
  1) urin, harne, brunnen, pruntzwasser, der saich S. Roth q 8burina, die urin, harn Orsäus nomenclator ...
  2) die verwendung des urins in der heilkunde, im gewerbe, in der metallbereitung, der landwirtschaft, im aberglauben ...
  3) bes. in zusammensetzungen tritt die concurrenz mit harn scharf hervor. die n. spr. bevorzugt in vielen ...
 
URINDIVIDUUMn.
 
URJÄGERm.
 
URKm.
 
URKLÄGEadj.
 
URKRAFTf.
   kraft mit ur- C 4 c, bildung des 18. jhs., seit Brockes belegt; ...
  1) kraft II 1 entsprechend, von physischer kraft, oft ins geistig-seelische übergehend (kraft II 2): milde, schonung ...
  2) wie bei kraft II 2 drängt das geistig-seelische vor: der löwe gottes ..., daher ist er das bild der u.
  3) von geistes-, gemüts-, seelenkraft (kraft II 3): und wenn sich nun doch ein genie durcharbeitet, so ist es gewisz ...
  4) ursprüngliche keimkraft, von naturkräften und philosophischen begriffen (kraft II 4): geliebte blum, er ( ...
  5) von gott und göttlichen eigenschaften (kraft II 5): dasz dich der liebt, der diese himmel ins leben gehauchet ...
  6) wie kraft II 9 von mechanisch physikalischen kräften: obwohl die adhäsions- und cohäsionskraft mit ...
  7) kraft II 11 entsprechend, von hervorbringender kraft, wirkung: die neigung zum vergnügen, diese u. eines nützlichen fleiszes
 
URKUNDEf.
   früher auch n., aus *urkund, g. uskunþs 'erkannt, bekannt, offenbar ...
  A. im allgemeinen, nicht-rechtssprachlichen gebrauch; allerdings fehlt es nicht an einwirkung der rechtsspr. ...
  B. der rechtssprachliche gebrauch nimmt schon seit ältester zeit den weitesten raum ein, so dasz vielfache beeinflussung ...
 
URKUNDEN
   zu urkunde, f. (vgl. d. B 2). ahd. urkunden testari, attestari, testificari ...
  1) urkunde A entsprechend, bezeichnen, bekunden, kundthun, bezeugen; mhd. wb. 1, 815a; Lexer 2, 2006
  2) urkunde B 4 entsprechend, 'uhrkunden durch glaubwürdige uhrkunde bestetigen' Schottel haubtspr. 254
 
URKUNDLICH
   zu 1urkunden, urkund, m., 'ursprünglich'.
  a) mystisch-theosophisch: Jac. Böhme 4, 12 unter urkund, m.; aus dem ersten principio gottes ...
  b) auch allgemeinsprachlich kommt u. in verwandter bed. vor, wobei allerdings die bed. von urkunde ...
 
URKUNDLICH
   zu urkunde, f.; ahd. urchundlîh testatus, urchundlichor testatius Graff 4, 428
  1) urkunde in der bed. 'originalentsprechend: die ... urkundlichen schriften der Indier
  2) wie urkunde A 3: so hon ich des gůt und urküntlich wissen, das etlich umb gelt geschrieben und geprediget habent
  3) in der heutigen hauptbed. urkunde B 4 entsprechend; für archivalisch, archivisch, diplomatisch ...
 
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