Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. 16 Bde. [in 32 Teilbänden]. Leipzig: S. Hirzel 1854-1960. -- Quellenverzeichnis 1971.
  SCHWULITÄT, f.  -  SCHWUNGBEWEGUNG, f.   (Band 15, Spalten 2750 - 2760 )  
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWULITÄT, f. scherzhafte bildung mit lat. endung (wie schwulibus), beklemmung, verlegenheit, zunächst der studentensprache angehörig, seit der zweiten hälfte des vorigen jahrhunderts üblich, s. KLUGE studentenspr. 38:

wer nur den lieben gott läszt walten
und hofft auf ihn bei bier und kusz,
den thut er wundersam erhalten
in allen schwulitatibus.
         KEIL studentenlieder 156;

kein armer verbrecher fühlt mehr schwulität,
der vor hochnotpeinlichem halsgericht steht.
         BÜRGER der kaiser und der abt.

Bd. 15, Sp. 2751

in die volkssprache übergegangen: in schwulletäten, in verlegenheit KLEEMANN 21a, schwuletät JECHT 103a. HERTEL thür. sprachschatz 226. SARTORIUS 115; nd. he sitt in swulitäten, seine umstände sind schlecht SCHÜTZE 4, 240.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWULKEN,SCHWULCHEN, verb. wallen, wogen, von wasser oder dampf, schwappen von halbfestem, s. oben schwalken sp. 2191; nd. swulken von sich ballenden gewitterwolken, et swulket tohope DÄHNERT 481a; vergl. MI 91a. DANNEIL 219b; s w u l k e r e n , verb. vom aufsteigen des dicken rauches; s w u l k , m. schwalch, dicker rauch; drückend heisze luft, schwüle; s w u l k i g , adj. erstickend heisz, schwül SCHAMBACH 223b; mitteld. schwulken, wellen schlagen, wogen; s c h w u l k e , f. welle, woge LIESENBERG 212; schwulleke, hin und her flieszen SCHULTZE 44a; im hess. ist s c h w u l c h , m. 1) drückend heiszer dunst, z. b. in einer stube. 2) doppelkinn, in letzterem sinne auch s c h w u l c h e r , m., dann überhaupt angeschwollenes, geschwulst VILMAR 380; schwulcher, m. wallendes fett; schwulchern, von fett schwanken HERTEL thür. sprachsch. 226.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWÜLKEN, verb.: swülken, nauseare LEXER mhd. handwb. 2, 1382; s. das vorhergehende, schwulgern und schwelkern.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWULKERECHT, adj., s. schwelkern sp. 2486.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWULLIG,SCHWÜLLIG, adj., s. schwülig.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWULSKOPF, m. antilope grimmia, der schwulskopf, eine antilopenart mit einem haarbüschel auf dem kopfe NEMNICH, darnach ebenso bei CAMPE; s. unten schwulstkopf.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWULST, f. (und m.) schwellung, geschwollene stelle, in neuerer sprache besonders in übertragener anwendung: callus, swulst DIEF. 91a; tumor, swulst 601a; swolst, swoltz, apostema 41c; mhd. swulst, f. mhd. wb. 2, 2, 793a. LEXER mhd. handwb. 2, 1382, nachtr. 374; älter bezeugt ist geschwulst, s. oben theil 4, 1, 2, sp. 4012; als f. gibt schwulst CLAJUS gramm. 40, 18 Weidling; schwulst, geschwulst, f. enflure, infiatura HULSIUS dict. (1616) 294a; oedema, eine wässerige schwulst CORVINUS fons latinit. (1660) 696a; schwulst, m. tumor SCHOTTEL 1414; schwulst, f. und m., tumore KRAMER deutsch-ital. dict. (1702) 2, 712bc; schwulst, f. tumor STEINBACH 2, 548; ebenso bei FRISCH 2, 251c; ADELUNG setzt das wort als m. an und bezeichnet das f. als landschaftlich. CAMPE gibt beide geschlechter als gleichberechtigt. nd. swuls, swulst, m. SCHILLER - LÜBBEN 4, 501b, swulst DÄHNERT 481b, vgl. brem. wb. nachtr. 359. DANNEIL 219b. SCHAMBACH 223b. TEN DOORNKAAT KOOLMAN 3, 385b.
    in eigentlicher bedeutung ist das wort in neuerer sprache durch geschwulst fast völlig verdrängt, dagegen seit dem vorigen jahrh. sehr gebräuchlich in übertragener anwendung, für diese hat sich das m. festgesetzt (doch s. unter 2, b die stellen aus LESSING und WINCKELMANN). in älterer hochd. sprache ist das m. selten.

1) 
krankhafte schwellung, geschwollenheit des körpers oder eines theiles, in älterer sprache als besondere krankheitserscheinung; dann auch geschwollene stelle: die schwulst setzt sich. ADELUNG; die schwulst verhindern, ihr zuvorkommen. CAMPE; plur. schwülste am leib, geschwollene stellen; (sie) was dar zu geswollen obir al den lip .. als si daჳ gelobt hatte, do vorswant di swulst reine. KÖDIZ leben des heil. Ludwig 78, 3; (der saphir) gesetzt swulst. MEGENBERG 457, 31; kol is ghud to der podagren, dat is dey swuls in den voyten. quelle bei SCHILLER - LÜBBEN 4, 502a; ich wil euch heimsuchen mit schrecken, schwulst und fieber. 3 Mos. 26, 16; der herr wird dich schlahen mit schwulst, fiber, hitze, brunst, durre, gifftiger lufft, und geelsucht. 5 Mos. 28, 22; gleich wie wunden und schwülste, faulen, eitern, und stincken am leibe. LUTHER 1, 27a; demnach aber jhre grosze schwulst je länger je gröszer ward. SCHWEINICHEN 520 Österley; wann denn die schmerzen, schwulst und krankheit mehr überhand nahm. 521; man sicht manchen für feyst an, da es nur ein schwulst ist. LEHMANN 1, 702; gleich als wann ihm der leib mit überflüssigem fressen und sauffen gicht, schwulst und fieber auff den hals bürdet. WIEDEMANN gefangenschaft mai 6; (sarder) dienet wider die schwulst. decemb. 105; bis sich die schwulst gesetzt haben würde. LOHENSTEIN Armin. 2, 257b; er bekam sieben tage vor seinem tode schwulst in den beinen. diese trat immer weiter. GELLERT 4, 264 (1775); friait (freszt) dän schwollst än june mage. FRISCHBIER 2, 334a;

wohl! wer gehirn und sinn mit so viel wind beschwehrt,
der musz, wie ieder leib, den fraz und soff verzehrt,
im stoltzen bauche schwulst, im schädel schwindsucht mercken.
         GÜNTHER 519;

das Damon nicht die schwulst des krancken fingers dämpfft,
das bringt ihm keinen schimpff.
         531;

fieber, schwulst und brand.
         757.

Bd. 15, Sp. 2752

schwangerschaft: zůr letz oder zům valete so fegt des bischofs kämerling der kellerin das hinder kemmicht, dasz ir der bauch geschwilt. darnach můsz der arm unschuldig dorfpfaff schůch und thůch versetzen und dem fiscal für die schwulst 4 gulden geben. SCHADE sat. und pasqu. 3, 182, 12. natürliche schwellung: der aufgeworfene schwülstige mund, welchen die mohren mit den affen in ihrem lande gemein haben, ist ein überflüssiges gewächs und ein schwulst, welchen die hitze ihres climas verursachet. WINCKELMANN 4, 46; können wir darin unsere lippen mit jenem abscheulichen schwulst (der neger) aufschwellen. HEINSE Enkolp (1773) 2, 83; auswuchs am körper eines baumes: (ein baum) welcher schon viel jahr früchte getragen, und nachgehends in dem pfropff einen schwulst bekommen. HOHBERG adl. landleben 3, 1, 341b (nachher: durch abthuung des geschwulstes).

2) 
übertragener gebrauch (vgl. unten schwülstig 2).

a) 
aufgeblasenheit, unberechtigter stolz, umständliches, prahlerisches, hohles wesen (ADELUNG); in diesem sinne wenig gebräuchlich: der spartanische heldenmuth, die attische urbanität, und der schwulst der Asiaten. WIELAND 2, 9 (Agathon 7, 1); da ich vorzüglich die mäszigung und die bescheidenheit an dir gerühmt, und dasz dein dermaliger erhabener glücksstand weder übermuth noch schwulst in dir hervorgebracht. Lucian 3, 327;

selbst der verläumdung bisz kann weisen heilsam seyn.
er dämpft des geistes schwulst, und prägt die demuth ein.
         LICHTWER 217 (1828).

b) 
übertragen auf den stil; bei WINCKELMANN (vergl. unten schwülstig unter 1) mit beziehung auf bildende kunst mit enger anlehnung an die eigentliche bedeutung des wortes: dasz .. der magere und dem ägyptischen ähnliche stil die verbesserung e i n e s übertriebenen schwulstes seyn sollen. WINCKELMANN 5, 265; derjenige, welcher einen ausgehungerten contour vermeiden wollen, ist in d i e schwulst verfallen. 1, 25.
    vor allem von ungesunder fülle der ausdrucksweise und schreibart (affectation des erhabenen. SCHILLER 10, 123): 'ein fehler der schreibart, da die worte in einem hohen grade mehr sagen, als der gedanke, oder mehr als der sache angemessen ist' ADELUNG. FRISCH hat schwulst in diesem sinne noch nicht, wol aber schwülstige rede, s. unter schwülstig: ob sie (die brittische muse) gleich auch nicht selten um die unfruchtbarn klippen des frostigen schwulstes flattert. UZ 367 Sauer; er (Seneka) treibt die grösze hier und da bis z u r schwulst. LESSING 4, 246; es ist wahr, Sophocles hat sich d e r schwulst des Aeschylus nicht schuldig gemacht. 6, 313; etwas später, wo in anlehnung an eine Aristophanesstelle mit der eigentlichen bedeutung des wortes gespielt wird, braucht LESSING das masc.: Aristophanes läszt ihn ferner sehr lustig vorgeben, dasz er diesen schwulst durch schöne sprüchelchen, durch philosophische disputationen, durch mangold und beete vertrieben habe. 6, 315; Agathon, in dessen erklärung einige vielleicht schwulst und unsinn ... gefunden haben werden. WIELAND 1, 275 (Agath. 5, 2); bei allem schweizerischen schwulst hört ein genie wohl die wahre sprache des griechischen kothurns ..? HERDER 1, 291 Suphan; eine schlüpfrige sinnliche stelle in platonischen schwulst verschleyert. SCHILLER 2, 384;

-- Hofmann von Hofmannswaldau --
zum dichter machten dich die lieb und die natur,
o wärst du dieser stets, wie Opitz, treu gewesen!
du würdest noch mit ruhm gelesen:
jetzt kennt man deinen schwulst, und deine fehler nur.
         HAGEDORN 1, 113 (1771).

3) 
besonderes:

a) 
die schwulst, mit derbem scherz für ein unförmlich dickes weib: zu Franckfurt war ain hurtigs fräwlein, sonderlich auff der gassen, ungefähr dreitzehen centner schwer ... die schwulst gedacht. LINDENER schwankbücher 84 Lichtenstein; vgl. schwülstel.

b) 
übertragen auf brandende wogen (s. schwulstig 3, a):

der (anhalt), der uns hertz und sinn, und händ' und glieder hält,
auf dem rach', hasz und grimm mit krafft zurücke prellt;
wie die erbooszte schwulst des meerschaums an die felsen.
         LOHENSTEIN Ibrah. Bassa (1689) 22.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWÜLSTEL, m. ein dicker, aufgeschwemmter:

Bacchus der schwülstet hat reichlich spendiret.
         SCHERFFER ged. 88 (1647).
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWULSTERIG,SCHWÜLSTERIG, adj. wie schwülstig, geschwollen, aber nicht in der schriftsprache üblich; nd. swülsterig: hei wôrd in'n gesichte glîk swülsterig. SCHAMBACH 223b.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel 

Bd. 15, Sp. 2753

SCHWULSTFRESSER, m. einer, der sich die schwulst (siehe schwulst 1) an den leib friszt, vielfresser. FRISCHBIER 2, 334a.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWULSTIG,SCHWÜLSTIG, adj. geschwollen, vergleiche schwulst; schwülstig, geschwollen, enflé HULSIUS dict. (1616) 294a; schwulstig, tumidus SCHOTTEL 1414; schwülstig, et geschwülstig, praepinguis, obesus, metaph. ventosus, inflatus animo, insolens, superbus STIELER 1969; vgl. KRAMER deutsch-ital. dict. (1702) 2, 713a; schwülstig, tumidus, turgidus, arrogans STEINBACH 2, 549, vgl. FRISCH 2, 251c; ADELUNG und CAMPE kennen nur die umgelautete form, nd. swulstig TEN DOORNKAAT KOOLMAN 3, 385b; neuere sprachempfindung unterscheidet zwischen schwulstig und schwülstig, braucht jenes im körperlichen, dieses im übertragenen sinne; schon ADELUNG bemerkt, dasz schwülstig im körperlichen sinne gemieden würde: eine geschwollene hand, nicht eine schwülstige. das adj. schwulstig, schwülstig (vgl. oben geschwülstig theil 4, 1, 2, sp. 4012) zeigt von alters her (s. unten die belege aus dem 16. jahrh.) übertragene bedeutung, die bei schwulst erst weit später sich zu entwickeln scheint. in A. PETRIS glossar (1523) zu LUTHERS neuem test. wird LUTHERS schwulstig durch auffgeblasen wiedergegeben. KLUGE Luther bis Lessing 89.

1) 
im körperlichen sinne; soweit das wort in diesem sinne überhaupt gebräuchlich ist, bezeichnet es natürliche, nicht krankhafte schwellung (ganz anders wie schwulst, s. dies unter 1); WINCKELMANN braucht das wort gern, vgl. oben schwulst 2, b, schwulstige lippen u. ä.; der aufgeworfene schwülstige mund, welchen die mohren mit den affen in ihrem lande gemein haben, ist ein überflüssiges gewächs und ein schwulst, welchen die hitze ihres climas verursachet. WINCKELMANN 4, 46; die muskeln (sind) schwülstig erhoben, und liegen wie hügel. 3, 219. die nebenvorstellung des ästhetischen urtheils (vgl. unter 2, b) mischt sich leicht ein: an welchem alle muskeln schwülstiger sind, als es die gesunde zeichnung lehret. 5, 266; schwellung, die durch körperlichen schmerz verursacht wird: schmerz, welcher mit einer regung von unmuth .. in die nase hinauftritt, dieselbe schwülstig macht. 6, 105; vgl.: (schmerz), welcher mit einer regung von unmuth .. in die nase hinauftritt, dieselbe schwellen macht. SCHILLER 10, 161.

2) 
übertragene anwendung;

a) 
auf gesinnung bezogen (vgl. schwulst 2, a), aufgeblasenheit, hochmütiges, prahlerisches wesen bei innerer leere bezeichnend: ein schwülstiger, hochschwülstiger narr, ein aufgeblasener narr. KRAMER deutsch-ital. dict. (1702) 2, 713b; was macht dich so schwülstig, quid te tantopere supinat; ein hochschwülstiger sinn, inflata mens STEINBACH 2, 549; ein schwülstiger mensch, 'sofern er durch worte und geberden eine höhere meinung von sich verräth, als seinen vorzügen gemäsz ist' ADELUNG; wenn man vor den schwulstigen den hut in den händen trägt, mit bloszem haupt vor ihnen stehet .. das achten sie grosz. LEHMANN 32; da er (Christus) heilig, liebreich, sanftmüthig, demüthig, geduldig war: und sie unheilig, gehässig, zornig, schwülstig, unruhig. H. MÜLLER erquickst. 237; ungleich den schwülstigen afterweisen. WIELAND 6, 122 (der goldne spiegel 1, 4);

es sucht ein schwülstiges gemüth hierinnen einen neuen fund
zu einer nicht gemeinen ehre, er sucht was sonderlichs zu seyn.
         BROCKES 6, 340 (1739).

b) 
auf äuszerungen, ausdrucksweise, rede, stil, geistesproducte bezogen; hier ist ein übergang im gebrauche zu beobachten, indem mehr und mehr ein reines geschmacksurtheil zu grunde gelegt wird, statt eines moralischen oder moralisch - ästhetischen; in neuerer sprache ist diese einschränkung durchaus vollendet, schwülstige rede ist eine volltönende, reiche mittel aufwendende, aber innerlich hohle und leere rede, die vorstellung des prahlerischen ist geschwunden; in diesem sinne auch wieder von personen: ein schwülstiger schriftsteller. CAMPE; in älterer sprache ist dagegen die einwirkung des unter a belegten gebrauches bisweilen deutlich zu erkennen; eine hochschwülstige rede, oratio, quae turget et inflata est; hochschwülstige worte, inflata verba STEINBACH 2, 549; eine schwülstige schreibart, ein schwülstiges gedicht. ADELUNG; denn sie lauten von schwulstigen worten, da nichts hynder ist. LUTHER 14, 60, 28 Weim. ausgabe; solcher auffgeblasener und schwolstiger wort ist das gantz geystlich recht des bapsts durch und durch vol. 61, 17; andere scholar, so inn blöcklichter unnd schwülstiger weise pflegten zu opponiren (im gegensatze zur Wittenberger subtilen und scharpffen weise). MATHESIUS Luther 70a (1580); sie würden mehr dabey gewinnen wenn sie natürlich mit mir reden

Bd. 15, Sp. 2754

wollten. die schwülstige sprache, die sie sich angewöhnt haben, ist vielleicht gut, milchmädchen zu rühren. WIELAND 12, 227 (don Sylvio von Rosalva 6, 2); verschiedenes hat der übersetzer schwülstig gemacht, welches bei dem verfasser schön oder doch erträglich ist. J. E. SCHLEGEL 3, 87; ein schwülstiges gedicht in harten Alexandrinern. FREYTAG ges. werke 17, 10 (bilder 1, 10);

erinnre dich dabey, so schlecht ich auch gelehrt,
was eigentlich vor schmuck in unsre kunst gehört;
nicht rauschend flitter-gold, noch schwülstige gedancken.
         GÜNTHER 376;

was im Homer das recht uns zu gefallen hat,
wird in der neuern mund oft schwülstig, öfter platt.
         WIELAND 17, 12 (Idris u. Zenide 1, 2).

3) 
besondere anwendung.

a) 
sinnlich, von wogendem wasser (vgl. schwulst 3, b): das grosze meer, der grausame sturm, und die schwülstigen wellen. WIEDEMANN gefang. anhang 21;

der meere schwülstig blähn.
         CREUZ gedichte (1769) 1, 11;

vom segel, geschwellt:

unser leben gleicht den schiffen,
die so schnell die fluht durchgehn,
wen ein sturm sie hat ergriffen
und die segel schwülstig stehn.
         RIST Parnasz 820 (1668).

b) 
in übertragener anwendung, über das gewöhnliche, natürliche masz grosz: lasz die ungereimten schwülstigen hoffnungen fahren. WIELAND Lucian 5, 102; immer gewohnt, in sachen, die sein herz intereszirten, die probabilitäts - rechnungen schwülstig zu machen, und der natur der dinge vorzueilen. PESTALOZZI Lienh. u. Gertrud 3, 363 (1792);

kein ungewohnter fall bezeichnet hier die tage,
kein unstern malt sie schwarz, kein schwülstig glücke roth.
         HALLER 24 Hirzel.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWULSTIGKEIT,SCHWÜLSTIGKEIT, f., zum vorigen gebildet, dessen bedeutung folgend: schwülstigkeit, f. tumiditas STEINBACH 2, 549. FRISCH 2, 251c.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWULSTKOPF, m. dicker, aufgedunsener mensch, dickkopf KLEEMANN 21a; das oben angeführte schwulskopf (name einer antilopenart) gehört wol ebenfalls hierher, schwuls ist dem nd. swuls nachgebildet, s. oben unter schwulst zu anfang.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWULSTKRAUT, n. wieselwedel, geiswedel (spiraea ulmaria) NEMNICH (gegen schwulst angewendet? s. schwulst 1).
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWULSTLING,SCHWÜLSTLING, m., von schwulst abgeleitet, aufgeblasener mensch, hochmütiger, pomphafter narr: es seyn grosze schwulstlinge, denen der kopf für übriger weisheit zuenge ist. SCHOTTEL 1117a; ein geschwülstiger narr, ein schwülstling. KRAMER deutsch-ital. dict. 2, 713b; schwülstling, homo turgidus STEINBACH 2, 549; die frommen kinderlein gottes .. müssen sich für den hochtrabenden schwülstlingen, ketzern, tyrannen und bösen leuten, immerdar wie ein mausz in der falle tücken und bücken. D. SCHALLER theolog. heroldt (1604) vorrede; CAMPE gibt dem worte nach dem zu seiner zeit schon vorherrschenden sinne von schwulst, schwülstig auch die bedeutung 'ein mensch, welcher sich schwülstig ausdrückt, welcher schwülstig schreibt'.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWULSTLOS, adj. (vgl. schwulst 2, b):

wahre sitten und rührende scenen mit ordnung, mit anstand,
mit schwulstloser sprache verbinden.
         RAMLER 2, 131 (1801).
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWULSTPILZ, m., dimin. schwolstpülzchen, eine art schädlicher pilze. NEMNICH.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWÜLUNG, f. schwüle:

weil sich die matte schwülung strengt.
         OVERBECK Virg. hirtengedichte 27 (1750).
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWUMM, m., ablautende nebenform zu schwamm (siehe dieses sp. 2195): agaricus, dannschwumm, habecheswum, tanswun DIEF. gl. 17a, boletus, swum 78a, fungus, swumme (plur.) 252c, spongia, schwumm 548b, schwum nov. gl. 346a; schwumm, als in den wälden wachszt, fungus, spongia; auch vom badschwamm: ein schwumm mit wasser ausztrucken und tröchnen; dimin. schwümmle, das, spongiola MAALER 368b; STALDER gibt als bedeutung von schwumm, m. schaum; schwummkelle, schaumkelle, schwummen, schaum geben, verschwummen, den schaum oben abnehmen STALDER 2, 366 (dieses schwumm scheint ein neu zu schwimmen gebildetes wort zu sein); dagegen: schwumm, schwamm, pilz, plur. schwümm, dimin. schwümmli HUNZIKER 237. ebenso bei SEILER 267b; auch in mitteld. mundarten ist schwumm bezeugt, s. LIESENBERG 212. SCHULTZE 44a. KLEEMANN 21a (hier übertragen: he äs bîn schwumm jekummen, von einem alten, abgedankten soldaten); und so er im den

Bd. 15, Sp. 2755

schwumm bütet, so kert der salvator daჳ houpt dar von. MONE schausp. des mittelalters 2, 323; der schwumm, so an den lärchbäumen wachszt. STUMPF (1606) 667a;

dem zehenden wil der schwum nit brinnen.
         GROB ausreden der schützen. Zürich 1603 (zeitschr. f. d. alterth. 3, 250).
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWUMMEL,SCHWÜMMEL, seegras, binse (zu schwimmen): schwümmelen, plur. seegras, seerohre STALDER 2, 366; schwummelen, ratis scirpea DENTZLER 2, 260b; ratis scirpea, schwummelen, bintzenbürdelein, darauff man lehrnet schwimmen. 1, 648a; bei CAMPE als m.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWUMMEN, verb., nebenform zu schwimmen, s. oben schwimmen I, 3 sp. 2626; ein anderes schwummen s. oben unter schwumm.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWUMMERIG, adj. übel zum erbrechen (bei katzenjammer, hunger) ALBRECHT 211a; vergl. HERTEL thür. sprachschatz 226, hier in gleichem sinne s c h w u m m e l i g , beide zu schwimmen gehörig.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWUMMFEDER, f. wie schwimmfeder (schwummen für schwimmen): die gemilchten (schleihen) haben im leych ein gebogene schwummfedern (flosse). BALDNER bei SIEBOLD süszwasserfische 108, 2; vgl. oben schwimmfeder sp. 2643.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWUMMIG, adj. schwammig, von schwamm angegriffen HUNZIKER 237. SEILER 267b. LIESENBERG 212; s. oben schwumm.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWUMMKELLE, f., s. oben unter schwumm.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWUMSE.SCHWUMBSE, f. keile, hiebe. einen durchschwumsen, ihn durchprügeln ALBRECHT 211a; klangmalende bildungen.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWUND, m. in der schriftsprache spät bezeugte ableitung von schwinden (vgl. oben schwind, m. sp. 2652, auch schwand, m. sp. 2208): 'zustand, da etwas schwindet, allmählig sich vermindert, verkleinet, verliert, vergehet'. CAMPE. er kennt es aus der sprache der ärzte (atrophie): schwund des augapfels, der thränenwarzen. in zusammensetzungen: haarschwund, milchschwund u. ähnl. in dieser eingeschränkten, zum theil prägnanten anwendung ist es mundartlich bezeugt: schwunt, die abnahme des fleisches bei krankheiten LEXER 229, vgl. HÜGEL 147b; 'eigentlich wird bey diesem wort die schwindsucht verstanden; der pöbel aber pflegt überhaupt eine krankheit, wovon man keinen rechten namen weisz, bald den schwund, bald den schelm (s. schelm 2, th. 8, sp. 2506) zu nennen' HÖFER 3, 130 (ebenda: den schwund wenden, ihn durch beschwörung vertreiben); schwund des beutels. SCHM. 2, 638;

befallen mein füllen mit dem schwunde.
         RÜCKERT poet. werke (1882) 11, 375.

in der grammatik: schwund eines vokals, schwundstufe, f.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWUNG, m. handlung, zustand des schwingens, sich schwingens, geschwungen werdens, von schwingen abgeleitet (s. schwingen sp. 2689), mhd. swunc mhd. wb. 2, 2, 805a (aus SUCHENWIRT); das wort begegnet im 16. und 17. jh. nur selten, erst im 18. erscheint es in ausgedehntem gebrauche, indem es zum theil die anwendung von schwang beschränkt; schwang, der, et schwung, libramentum, motus perfectus STIELER 1984; schwung, m. brandolo, lancio, slancio, scaglio, it. tempo. KRAMER deutsch-it. dict. (1702) 2, 726a; schwung, der, volatus, vibratio, libratio STEINBACH 2, 556; schwang, schwung, saltus, rotatio, et motus impulsivus WACHTER 1490; schwung, m. wann etwas schweres an einem ende aufgehangen und bewegt wird, als eine glocke, libratio. FRISCH 2, 251b; ADELUNG gibt auch beispiele für die übertragene anwendung des wortes. der plural, dessen anwendung beschränkt ist, lautet schwünge.

1) 
in sinnlicher anwendung, bogenförmige bewegung. das wort kann die blosze bewegung bezeichnen wie schwingung, gewöhnlich aber, besonders in neuerem gebrauche, tritt hinzu die vorstellung des antriebs, der lebhaft bewegenden kraft. 'schwung, die bewegung um einen mittelpunct von einer beweglichen linie, sowohl absolute und ohne plural, als auch, wenn mehrere solche bewegungen als besondere einheiten betrachtet werden, mit dem plural'. ADELUNG; die neuere sprache braucht, wenn lediglich die physicalische erscheinung bezeichnet werden soll, lieber schwingung vor allen im plural; das pendul macht in einer minute sechzig schwünge oder schwingungen. ADELUNG; die schwünge eines uhrschwengels zählen, berechnen; halber, einfacher schwung (oscillatio simplex, schwingung von einem endpuncte der bahn zum andern); ganzer schwung (schwingung bis zum anfangspunct zurück, oscillatio composita). CAMPE; wenn die glocke in den schwung kommen ist. STEINBACH; in den schwung kommen, incipere moveri, moveri fortius et ocyus; im

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schwung seyn, in motu esse FRISCH 2, 251b; aber in dem augenblicke ward das schwebende (bei einem pendelversuch) wie in einem entschiedenen wirbel fortgerissen und drehte sich .. bald nach der einen, bald nach der andern seite, jetzt in kreisen, jetzt in ellipsen, oder nahm seinen schwung in graden linien. GÖTHE 17, 340; schwung einer schaukel; glocke:

selbst herzlos, ohne mitgefühl,
begleite sie (die glocke) mit ihrem schwunge
des lebens wechselvolles spiel.
         SCHILLER 11, 319.

glockenseil: lasz dich durch die langen laubgänge geleiten zu dem glockenthurm, wo ich mit leichter mühe das seil in schwung brachte. BETTINE tageb. 56; schwünge (in neuerer sprache schwingungen) einer saite: mathematisch die saite zu messen, die sie nicht musikalisch empfanden, die schwünge zu zählen, deren anton sie nicht fühlten. HERDER 4, 108 Suphan.
    schwung einer wiege:

bis bald der sanfte schwung der wiege
mit Lethes welle dich besprengt.
         29, 119.
    fortpflanzung des lichtes: nur so viele theile der lichtmaterie, als sie unmittelbar berührte, sezte die brennende kerze in schwung. SCHILLER 4, 297.
    kreisende bewegung, schwung des rades:

Ixion sah'n wir selbst nicht, die sag' erscholl
von ihm, der lüstern nahte dem bette Zeus,
doch den Kronion's allmacht fassend
band an die schwünge des wirbelrades.
         STOLBERG 14, 292.
    bewegung von himmelskörpern: ihre bewegungen ... sind nichts, als eine freie fortsetzung eines einmal eingedrückten schwunges, welcher, mit der attraction des körpers im mittelpuncte verbunden, kreisförmig wird. KANT 8, 232;

die schwünge der sfären
stimmen nicht besser zusammen, noch hymnen aus englischen lauten,
als sich die wahrheit mit jeder andern harmonisch beträget.
         WIELAND suppl. 2, 415;

fort reiszt er (der stern) dich in seines schwunges kraft,
samt seinem ring und allen seinen monden.
         SCHILLER Wallensteins tod 3, 18;

sei ewig wie der morgen jung,
begrüszt, als wie der sonne schwung,
von aller augen huldigung.
         RÜCKERT ges. ged. 1, 259 (1840).

im bilde: mit mir ging die sonne unter, die diese planeten im schwunge erhielt. GRABBE 3, 65 Blumenthal. gesammtbewegung, impuls, der durch die schöpfung geht: ein groszer schwung wälzt sich durch alle theile der natur. TIECK 8, 7.
    bogenförmige (besonders rasche) bewegung des armes und des von der hand gehaltenen gegenstandes: mit kräftigem schwunge holt er zum faustschlage aus u. ä.; er holt zum schwunge aus; schwung der sense, sichel, geiszel, des hammers, des beils, des schwertes, des ruders u. s. w.; für den schwung halten, die gefahr abwenden ALBRECHT 211a (doch wol: den drohenden hieb parieren); der blitzende schwung des stahls durchhieb den düstern geist. BÜRGER 276b;

diesem gab sie die axt, für den schwung der hände geschmiedet.
         VOSS Od. 5, 234;

wie auf ebener bahn vier gleichgespannete hengste,
alle zugleich hinstürzend im schwung der beflügelnden geiszel,
ungestüm sich erheben.
         13, 82;

vom angel haut er selbst das erztbeschlagne thor,
und alle bänder stürzt des beiles schwung zu grunde.
         SCHILLER 6, 370;

sei stets auf den beinen wie ein kreiszel -- stets im schwung wie eine geiszel. RÜCKERT poet. werke (1882) 11, 551.
    bewegung des arms beim wurf: wenn sie einen stein in ihren furchen fanden, so warfen sie denselben auf den wüsten acker in der mitte mit lässig kräftigem schwunge. KELLER 4, 76.
    scherzhaft von kopfbewegungen: die kleider der damen rauschten wie wellen bei dem ehrfürchtigen niedertauchen, hinter ihnen bewegte auch der männerkreis seine häupter in feierlichem schwunge. FREYTAG handschr. 2, 403.
    bewegung der flügel: die zwei flügel zum schwunge zeigen sie (die seraphim) als schnelle boten. HERDER 12, 38 Suphan;

flogen sie (die adler) kreisend herum mit häufigem schwunge der flügel.
         VOSS Od. 2, 152;

wanken dir (der fliege) die matten füsze?
ist der flügel schwung gelähmt?
         GRILLPARZER 5 1, 204:

im bilde:

manch freundliche erinnerung,
die lang in nächten lag,
hebt sich mit goldnen fittichs schwung
und winkt mir liebend nach.
         LUDWIG 1, 58 (1891).

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    die oben belegte vorstellung der bogen- oder kreisförmigen bewegung wird auch sonst vielfach festgehalten: riesenschwung eines turners am reck, auf- und abschwung u. ähnl.;

alles sah' ich so gerne von dir, doch seh' ich am liebsten,
wenn der vater behend über dich selber dich wirft,
du dich im schwung überschlägst.
         GÖTHE 1, 361;

schon wogten die schaukeln, mastbäume wurden erklettert und was man nicht alles für kühnen schwung und sprung über den häuptern einer unzählbaren menge gewagt sah. 21, 171; noch ein schwung um die ecke, und sein fusz berührte die stufen der treppe. FREYTAG ges. werke 5, 385; kühner:

die seegefecht' und ungewitter,
von denen mancher kühne ritter
nach einem schwung um das spital der welt
ein grasses nachbild aufgestellt.
         THÜMMEL reise 6, 272 (1794);

der eine alt, der and're jung,
thun sie den gleichen schweren schwung.
         KELLER 9, 247.
    dann überhaupt schnellende fortbewegung, rasche bewegung unter starkem antrieb, auch die kraft der bewegung: in einem schwunge auf das pferd seyn, einen schwung nehmen, sich einen schwung geben. ADELUNG; wenn du also merkst, dasz der fall auf den kopf gehen würde, so gibst du dir einen schwung, und fällst auf die resp. fallkissen. LICHTENBERG 7, 285; dieser dem schwung seines rosses anvertraut -- ein anderer der nase seines esels. SCHILLER räuber 3, 2 schauspiel; ein schwung, und er hat den balken im arme. LUDWIG 1, 338 (1891); warf sich in kühnen schwüngen .. hinunter zur einholung seiner schafherde. C. F. MEYER Jenatsch 4;

(ich) gieng hinein in einem schwung.
         SCHMELTZL lobspruch auf Wien (HORMAYR Wien, urkundenb. nr. CCXXIII);

es (das pferd) hube sich in schwanken sprüngen,
schlank als ein wurm.
er aber sasz in solchen schwüngen,
steiff wie ein thurm.
         BIRKEN ostländ. lorbeerhain (1657) 375;

auf der felsen nackte rippen
klettert sie mit leichtem schwung.
         SCHILLER 11, 403;

so einer derer, die das licht
des monds mit zürnendem gesicht
betrachten, weil dem höchsten schwunge
mond immer noch zu fern sich wies.
         IMMERMANN 13, 32 Boxberger;

kühne verbindung:

des rosses leib und des reiters zung'
verlor vor hitz' und durst den schwung.
         RÜCKERT Firdosi 1, 330.
    in derber sprache, bewegung des fortgehens, weichens, besonders des unfreiwilligen: schau, dasz d' in schwung kummst, dasz du fort kommst HÜGEL 147b; jemanden auf den schwung bringen, machen, dasz einer sich davon macht, aber auch übertragen (vergl. 2), ihn durch derbe abkanzlung auf die richtige thätigkeit weisen, auf guten weg bringen; auch: ihn gehörig abfertigen. FRISCHBIER 2, 334a.
    flug und flugartig gedachte bewegung:

daჳ dritt, ob ainer (ein falke) ledig gât,
daჳ er im wênig vedern lât,
ob er nemen wolt den swunc.
         SUCHENWIRT 22, 174;

schweb, schweb, schweb dahin im göttlichen schwung, vor meinen augen dahin, liebesgöttin. LENZ 1, 199;

schon erhob er sich (der seraph); sturm war sein schweben, und blitze
seine schwünge.
         KLOPSTOCK Messias 13, 17;

stürmendes schwungs entflog sie den felsenhöhn des Olympos.
         VOSS Odyssee 1, 102.
    kühn von den am jüngsten tage sich erhebenden gebeinen:

der posaune
donnerhall ruft bald, bald rufet der schwung der gebeine.
         KLOPSTOCK Messias 5, 715.
    unbelebtes: in weitem schwunge saust der ball, die lanze heran; in mächtigen schwüngen rollt das felsstück herab u. ähnl.; (stapellauf eines schiffes) das verdeck .., das mit einer menge neugieriger besetzt war, die schon stunden lang auf den augenblick lauerten, der die masse in einen blitzschnellen schwung setzen und einem andern elemente übergeben würde. THÜMMEL reise 7, 107 (1800). poetische sprache:

die gedanken
waren ihm zu tausenden schon durch die seele geflogen,
schnell, wie die schwünge des blitzes, indem er dem auge vorauseilt.
         KLOPSTOCK 13, 836;

wie im schwung anhauchender winde.
         VOSS Od. 1, 98.

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2) 
übertragener gebrauch; die vorstellung des impulses, der bewegung liegt zu grunde, zum theil der begriff des emporschnellens, sich erhebens, des auffluges (besonders bei der beziehung auf die seele, ihre kräfte und leistungen); vielfach ist die zu grunde liegende vorstellung verblaszt, strenge einreihung in kategorieen ist nicht überall möglich.

a) 
impuls, antrieb, lebhafte bewegung, im gegensatze zur ruhe, zum stillstand; wirksamkeit, besonders ein lebhafter grad derselben: seine thätigkeit bekam dadurch einen neuen schwung; dies giebt der sache den gehörigen schwung, bringt sie erst richtig in gang; im schwunge sein, auf dem wege, dem besten wege sein CAMPE; geschäft kommt in schwung, fängt an zu gedeihen HÜGEL 147b; eine sache hat schwung, geht gut von statten; etwas im schwung haben, in gutem gange haben SCHMELLER 2, 639; aber auch: im schwunge sein, üblich sein, gebräuchlich sein; in den schwung kommen, in aufnahme kommen; dan da ain guete, künstliche ordnung und regiment bei dem alten römischen regiment aufgericht ward und im schwung gieng. AVENTINUS werke 1, 242, 22; so gêt alsdan fluechen und schelten über die oberkait von dem gemain man im schwung daher. 250, 21; was nur auff das papir fällt ans licht zu geben heutiges tages so gar weit eingerissen und zu schwunge kommen. TSCHERNING d. get. frül. (1648) widmung; gehet es dann nicht dermalen unter euch menschen völlig im schwung, das guts mit bös vergolten wird. HÖRL V. WÄTTERSTORFF Bacchusia (1677) 8; viertens in allen gemainden dises gerichts die observanz in schwung gehet. tirol. weisth. 3, 207, 8 (von 1751); zu welcher zeit die kunst in stein zu schneiden bey den Griechen in schwung gekommen. LESSING 8, 73; (eine zeit), worin die kunst zu regieren einen schwung genommen zu haben scheint, der die maszregeln und das beyspiel unsers helden eben so unnütz macht, als die projekte des ehrlichen abts von Saint-Pierre. WIELAND 3, 81 (Agathon 12, 2); betrug, gewaltthätigkeit und neid werden immer um ihn im schwunge gehen, ob er gleich selbst, redlich, friedfertig und wohlwollend ist. KANT 7, 337; wir wollen jetzt sehen, dasz Leibnitz seiner sache einen sehr schlechten schwung gegeben habe, indem er auf der behauptung dieses satzes steif beharrte. 8, 124; und heirathen! heirathen just zur zeit, da das leben erst recht in schwung kommen soll. GÖTHE 10, 53; ich darf froh seyn, dasz der gute mann meiner rettung schon den schwung gegeben hatte, ehe er erfuhr, wie wenig ich ihrer werth sey. THÜMMEL reise 7, 146 (1800); das mögen politische kornjuden wohl gemerkt und der nachfolgenden teurung vollends den schwung gegeben haben. BRÄKER d. arme mann im Tockenburg 135 Reclam; in seiner kindheit müssen die schutzpocken noch nicht sehr im schwung gewesen sein. HEBEL 2, 172 (1853);

der brauch der weisen verloren ging,
im schwung der wille der thoren ging.
         RÜCKERT Firdosi 1, 33;

Sam brachte für den spröszling jung
fürstliche tugenden nun in schwung.
         145;

doch herz voll trug und glatte zung'
hat bei verständigen keinen schwung.
         3, 179.
    besondere wendung: ich war darauf gefaszt, er würde nehmen einen starken schwung -- und hoch spannen seine forderung. RÜCKERT poet. werke 11, 432 (1882).

b) 
auf die seele, ihr leben, ihre thätigkeit und ihre leistungen bezogen; ganz besonders von dem künstlerischen wirken des menschlichen geistes und dessen schöpfungen; der gebrauch ausgehend von dem begriff des impulses der bewegung (wie unter a) zeigt die neigung diesen antrieb als einen nach oben gerichteten zu denken (schwung gleich aufflug unter 1), als erhebung zur gröszeren vollkommenheit, zu einem lebhafteren grade des denkens, fühlens oder wirkens, als erhebung vom irdischen zum himmlischen und ähnl.: schwung der einbildungskraft; ein erhabener schwung der seele. ADELUNG; der seele einen schwung geben, schwung der gedanken. CAMPE; dichterischer, rednerischer schwung und ähnl. schwung der rede (emphase). CAMPE; öfters mit deutlicher sinnlicher vorstellung des auffluges, z. b. in folgenden stellen: sie (die seele des todkranken) hatte nur noch einen schwung zu thun, um da zu seyn, wo sie hinstrebte. THÜMMEL reise 7, 6 (1800); warum läszt man den geist seinen schwung nicht in die höhe, zu seinem ursprung, in das stille meer der ewigkeit nehmen. BRÄKER der arme mann im Tockenburg 162 Reclam, vergl. unten die stelle aus WIELAND suppl. 2, 407. natürlich können auch andere sinnliche vorstellungen vorschweben, z. b. die des bewegten, sich

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schwingenden meeres unten bei SCHILLER 10, 122. das wort ist hier der mannigfachsten anwendung fähig; freier, d. i. von künstlerischen schöpfungen: das gedicht, die composition, das gemälde hat schwung u. ähnl.; eigenschaft einer sprache als eines künstlerischen materials: die griechische sprache hat schwung; aber auch im ungünstigen sinne: wilder schwung des begehrens u. ähnl. (vergl. unten LESSING 13, 552); dem neueren gebrauche fremd ist die anwendung des plurals in dem hier behandelten sinne zur bezeichnung einzelner impulse, erhebungen: man könne durch dergleichen neue schwünge die sprache bereichern. GOTTSCHED sprachkunst (1762) 488; ich bin nicht ohne gefühl für die leichten schwünge des lächelnden Anacreons. HALLER 162, 16 Frey (deutsche nationallitteratur herausg. von Kürschner bd. 41); Griechenlands sprache war voll harmonie, regelmäsziger abänderung und schmeichelhafter schwünge. HALLER Fabius u. Kato 194; jenes himmlische feuer, welches die seele erhitzet und entflammet, jenes um sich greifende verzehrende genie, jene brennende beredsamkeit, jene erhabenen schwünge, die ihr entzückendes dem innersten unseres herzens mittheilen, werden den schriften des frauenzimmers allezeit fehlen. Rousseau bei LESSING 7, 238; wir wissen uns nicht zu erinnern, dasz in unsrer sprache je ein so reicher wechsel melodischer wendungen und schwünge .. durch den reiz des reimes gehoben worden wäre. A. W. SCHLEGEL (der Göttinger dichterb. 1, 311 anm. herausg. von Sauer in Kürschners nationallitteratur); die lehrmeisterinnen oder lehrmutter oder matrizen oder matres lectionis der bilder, schwünge, flammen und alles dessen .., was Adelung zur 'edlern und zur pathetischen schreibart' rechnet. J. PAUL vorschule der ästh. 3, 19; immer ging der wunderbare mann bei seinen erzählungen von etwas bekanntem und verbürgtem aus, erhob sich aber von dieser grundfläche zu den kühnsten und abentheuerlichsten schwüngen. IMMERMANN Münchh. 1, 102 (1841).
    gebrauch des singulars: mit feurigen schwung von begeisterung. WIELAND 1, 93 (Agathon 2, 3); diesz ist indessen ausgemacht, dasz, von dieser geheimen begebenheit an, die leidenschaft und die absichten des prinzen einen schwung nahmen. 3, 111 (Agath. 12, 5); die komödie bekam dadurch auf etliche tage einen sehr tragischen schwung. 125 (Agath. 12, 6); einem gewissen romanhaften schwung ihrer phantasie und ihres herzens. 11, 267 (don Sylvio von Rosalva 3, 10); meine hypochondrie hat dadurch einen neuen schwung erhalten. KÖNIG bei LESSING 13, 552; anspannung der kräfte durch ideen .., welche dem gemüthe einen schwung geben. KANT 7, 125; allen meinen urtheilen, die ich über grosze männer ausspreche, einen gewissen schwung der artigkeit zu ertheilen. 8, 13; bin ich des affektes voll, so darf ich so wenig den körper nach seinem tone stimmen, dasz es mir vielmehr schwer ja unmöglich werden dörfte, den freiwilligen schwung des letztern zurückzuhalten. SCHILLER schriften 2, 345; wo wir seyn mögen, Louise, geht eine sonne auf, eine unter -- schauspiele, neben welchen der üppigste schwung der künste verblaszt. kab. u. liebe 3, 4; hat sie dazu geholfen, seinem freunde diesen heilsamen schwung zu geben. schriften 6, 47; dem schwunge des dichters, dem feuer seiner empfindung. 327; der republikanische schwung, den sein geist in eben dieser schule genommen. 7, 181; der blendende schimmer seines privatlebens verrieth den stolzen schwung seiner entwürfe. 8, 145; einer reizenden person, die das stagnirende meer seiner einbildungskraft durch gespräch und anblick in schwung bringt. 10, 122; der erhabene charakter kann sich nur in einzelnen siegen über den widerstand der sinne, nur in gewissen momenten des schwunges und einer augenblicklichen anstrengung kund thun. 460; als fürchtete der dichter ... in ungebundener (rede) den poetischen schwung zu verlieren. 488; ihre einbildungskraft fühlte einen neuen schwung. GÖTHE 20, 274; auf diesen rednerischen schwung und schwank. 54, 128; alle (seine) ideen bekamen einen neuen schwung. MUSÄUS volksm. 1, 8 Hempel; ebenso wenig kommt meine einbildungskraft, die nur über frisch duftende blumen gleitet, in gefahr durch abgestorbene, welke oder faule blätter in ihrem schwunge gehemmt zu werden. THÜMMEL reise 7, 97 (1800); welchen schwung jedes rothe kutschenrad ... einen armen dorfteufel ertheile. J. PAUL leben Fibels 31; ein dichter, dessen schwung beinahe die poesie selbst überflog. GRILLPARZER 15, 59;

Bacchus ist der liebe vater,
gibt der jugend neuen schwung.
         GOTTER 1, 265 (1787);

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zähme deiner ahndung wilden schwung.
         2, 196 (1788);

das schönste geschäfte des menschen
ist, wenn er sich mit muthigem schwung in jene welt hebet
seiner tugend daselbst begeisternde nahrung zu hohlen.
         WIELAND suppl. 2, 407 (briefe von verstorbenen 7, 147);

quälte noch die abgestumpfften nerfen
zum erstorbnen schwung der wollust auf.
         SCHILLER 1, 191;

der klumpe fühlt sogleich den schwung,
sobald er sich benetzet.
         GÖTHE 5, 14;

sie ehren noch den schwung, erfreuen sich am schein.
         12, 15;

bezähmt, o herr, der rede wilden schwung.
         PLATEN 167b;

ich sehe, dasz du wenig weiszt
von schwung und schöpferkraft.
         UHLAND ged. (1864) 90;

zeugt ihm, dasz sein schwung begeistert, und gebildet seine kunst.
         GEIBEL 1, 216.

c) 
schwung, eine richtung des denkens bezeichnend: wenn die allgemeine erwägung der bedingungen, unter welchen die schätzung des herrn von Leibnitz festgesetzet wird, meiner betrachtung nicht einen ganz anderen schwung ertheilet hätte. KANT 8, 106. neigung, art des fühlens:

geh, geh! da Jô'l håt gui nöd mein schwung (meine gemütsart).
         HARTMANN-ABELE volksschauspiele 223, 71.

häufige, leichte wirksamkeit in einer bestimmten richtung, fertigkeit, geschick, erfahrung: einen schwung kriegen zu etwas, schwung haben in etwas. SCHM. 2, 639. SCHRÖER 205b.

d) 
vorstellung der unbehinderten bewegung in übertragenem sinne: einer person zu viel schwung lassen, sie zu sehr gewähren lassen SCHM. 2, 639; wann man den bösen begierden ... allzusehr den schwung läszt. WIEDEMANN poet. gefang. mai 6.

3) 
besonderes:

a) 
übergang in die bedeutung von gewundener linie, bogen, schlingung; der grundbegriff der bewegung kann dabei sehr lebhaft empfunden werden, dazu tritt dann aber deutlich die vorstellung einer für das auge wahrnehmbaren welligen, bogigen linienführung: so windet sich der .. strom in groszen schwüngen und bogen. SCHLEGEL Lucinde 5;

dann
entrollt er der fangschnur ringelnden schwung.
         RÜCKERT Firdosi 3, 221;

ein männerauge sieht mit lust
solch zarten hals und junge brust
und solcher hüften sanften schwung.
         LUDWIG 3, 575 (1891);

ein kleid, wo mehrere farben, worauf blumen und schwünge sind. HALLER Fabius u. Cato 143 (1774); die schrift hat schwung, 'wenn die buchstaben aus strichen bestehen, oder mit zügen versehen sind, welche eine schwingende bewegung nachahmen oder den bogen, kreis derselben beschreiben' CAMPE; für uns fremdartig, eine schrift hat schwung heiszt uns, sie hat einen kühnen zug (nach 2, b).

b) 
schwung ist in der studentensprache und auch in weiteren kreisen bezeichnung des ladendieners, s. KLUGE studentensprache 125b. ALBRECHT 210b. FRISCHBIER 2, 334a. MI 91a; es soll wol die gesucht - elegante dienstbeflissenheit solcher jünglinge verspottet werden; vergl. schwang 4, b sp. 2230, ladenschwengel theil 6, sp. 50.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWUNGBAUM, m. oder tragbaum, theil des sattelwagens, eines gefährts, dessen man sich früher zur beförderung von geschützrohren bediente, um die laffetten zu schonen. EGGERS kriegslex. unter sattelwagen.
 
Verknüpfung auf diesen Artikel  SCHWUNGBEWEGUNG, f. schwingende bewegung, schwungbewegung eines uhrschwengels (oscillatio, vibratio). CAMPE.
 

 
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